Verlagsblog

Archiv für Februar 2008

Tropen Verlag (V): Resignation oder Aufbruch?

Mittwoch, 27. Februar 2008

Goodbye TristesseCamille de Toledo (Jahrgang 1976) heißt eigentlich Alexis Mital und ist der Enkel des Gründers der Danone-Gruppe in Frankreich. In seinem Buch Goodbye Tristesse legt er Bekenntnisse eiens unbequemen Zeitgenossen vor. Er zählt alle heutigen wirtschaftlichen, politischen Fragen und Probleme im Zeichen der Globalisierung auf und vermittelt den pessimistischen Eindruck, daß jeder Widerstand aufgrund Vereinnahmungen aller Art aussichtslos erscheint. “Meine Seele hat Asthma”, schreibt de Toledo im ersten Satz und meint damit: “Die Gegenwart bereitet mir Schmerzen.” Sein Unbehagen ist ein diffuses Gefühl eingesperrt zu sein. Eine Art Endzeitstimmung taucht bei ihm auf und Desillusionierung, Rückzug, Hoffnungslosigkeit und Lachen sind die Folgen. Welche Art von Opposition bleibt dann noch? Der künstlerische oder der gesellschaftliche Protest? De Toledo versucht sich an seien letzten Jugendjahre zu erinnern, was hat ihn geprägt? Wie kam es zu dem Gefühl, verraten worden zu sein? Auch das Internet mit einer Vorspiegelung des Lebens als Information hat dazu beigetragen, daß alte Kategorien wie Sein und haben sich auflösen. Vieles scheint zwischen “Virtualität und Wirklichkeit” stehengeblieben zu sein. Die “fließende Welt” (S. 112) mit allen Folgen des just in time wird als die große Vorspiegelung begriffen. Und dann kommen Sätze wie diese ” Fast erscheint es so, als würde man von den Manien der jeweiligen Epoche gezwungen, an sie zu glauben.” (S. 115)

Über zwei Elitehochschulen wie das Institut d’études politiques in Paris und die Londer Scholl of Economics äußert sich de Toledo kritisch: “Die Eliteuniversitäten markieren dich stärker als schlechtes Parfüm…” (S. 157) Ich fand damals das Jahr als freier Hörer und dann das Année préparatoire von Sciences Po gar nicht schlimm, im Gegenteil, das war doch ein wunderbares Sprungbrett für alles weitere. Es kommt ja drauf an, was man selber draus macht. – Alle wichtigen gesellschaftlichen Theorien seit den achtziger Jahren von Foucault, Deleuze/Guattari und Baudrillard, werden von de Toledo genannt und einer kritischen, wenn auch vorgefaßten und einseitigen Bewertung unterzogen. Fast scheint es so, daß Modeideen kommen und gehen. Die vielen Anspielungen auf Ideengeber aller Art zeigen auch, das die Kritiker der Globalisierung nolens volens sich diesem Phänomen nicht entziehen können, womit aber nicht dieser Ausdruck bestätigt wird, sondern seine Bedeutung kritisch hinterfragt wird. Dieses Buch bietet eine ganz praktische persönliche Auseinandersetzung mit diesen Theorien, auch wenn der Autor sie aus vielerlei Gründen zu verwerfen scheint. Er prüft auch die verschiedenen Momente der Revolte. Und schreibt am Schluß: “Und dann gehe ich zurück auf Los.” Die Revolte im Sinne Camus’ und ihr Ergebnis wären aber die Geschichte eines zweiten Bandes. Hier geht es erstmal um eine spannende Analyse, die streckenweise auch ein wenig atemlos geschrieben wurde, der man manchmal zustimmt, sie auch mal gar nicht teilt. Ein Zeitdokument ist dieses Buch aber ganz bestimmt.

Leipziger Buchmesse 2008: Leipzig liest

Mittwoch, 27. Februar 2008

Das Programm > Leipzig liest ist online. Eine echte Web 2.0 Seite” Hier können die Besucher < Veranstaltungen bewerten. Um Zeit zu sparen kann man schon im Zug nach Leipzig Lesungen hören. > Lesenacht und > Leseparty, in Leipzig wird es ganz schön rund gehen.

Digitale Projekte auf der Leipziger Buchmesse

Mittwoch, 27. Februar 2008

Eine Zusammenfassung der Veranstaltungen zum Thema > Digitalisierung, auf die das Börsenblatt hinweist:

Alle Messetage: von 10 bis 18 Uhr gibt es für Buchhändler einen Netz-Check zum Thema Web 2.0.

Donnerstag, 13. 2., 11 bis 12 Uhr, Freitag .14 bis 14.30 Uhr; Halle 5, Stand B 500
Monika Kolb-Klausch, Bildungsdirektorin des Börsenvereins
“Buchhändler 2.0 – Aus- und Weiterbildungsperspektiven in der neuen Medienwelt?!“

Donnerstag, 13. 2., 12.30 bis 13 Uhr; Halle 5, Stand B 500
und Sonntag, 10.30 bis 11 Uhr
BÖRSENBLATT-Redakteurin Sabrina Gab Tipps für den Blog-Start
14 bis 15 Uhr
Diskussionsrunde über Online-Communities “Mit dem Leser auf Tuchfühlung”
Wie können Verlage Online-Communities für sich nutzen? Welche Communities gibt es, wieviel Aufwand und Pflege muss man betreiben?
Mit Miriam Hofheinz (www.perry-rhodan.net), Janet Sunjic vom Hörspiellabel Lausch-Hörspiele (www.merlausch.de) und Jennifer Nikodem (www.lovelybooks.de).
Moderation: BÖRSENBLATT-Redakteurin Sabrina Gab.

Donnerstag und Samstag, 15.30 bis 16 Uhr, Sonnta,12 bis 13 Uhr; Halle 5, Stand B 500
Antworten auf die Frage, wie kleine und große Sortimente die Potentiale des Web 2.0 erfolgreich und gewinnbringend zur Kundenbindung nutzen können.
Studenten des Electronic-Publishing-Projektes der HTWK Leipzig
Alle Messetage, 17 bis 17.30 Uhr
Vorstellung des Branchen-Wiki

Freitag, 14. 3., 13 bis 13.30 Uhr; Halle 5, Stand B 500
Matthias Schwenk
Chancen und Perspektiven auf, die der Medienwandel und das Mitmach-Web für Buchverlage bieten
und er fragt von 15 – 15.30 Uhr:
Das Web 2.0 und der Buchhandel – Gegensatz oder Partner?

Auf das Blog von Mathias Schwenk > bwlzweinull Die Zukunft der Buchhändler habe ich auf unserem Blog schon hingewiesen.

Schade, da kann ich nicht hingehen, weil zur gleichen Zeit der > Prix des lycéens allemands 2008 vergeben wird.

Das komplette Programm: > Forum Zukunft auf der Leipziger Buchmesse

Internationales Kolloquium: Jean Améry

Mittwoch, 27. Februar 2008

In der Universität von Brüssel findet vom 13. März – 15. März 2008 das Internationale Kolloquium Jean Améry – 30 Jahre danach – Neue Perspektiven statt. Die Eröffnung der Tagung ist Eröffnung am 13. 3. 20.00 Uhr im Goethe Institut, 58 rue Belliard, 1000 Bruxelles. Die Tagng wird am 14. 3., 9.30 Uhr und am 15. 3. , 10.00 Uhr in der Bibliothèque des Sciences Humaines, Salle 2 VIS,Solbosch, avenue Paul Héger, 1050 Brüssel stattfinden:

> Programm

Auskunft und Anmeldung:Irene Heidelberger-Leonard, > iheidelb@ulb.ac.be / 02 660 26 62 mit der Unterstützung des FNRS, der Klett – Stiftung, des Goethe Instituts , des Österreichischen Kulturforums und der Philosophischen Fakultät der Universität Brüssel

bei Klett-Cotta erscheint die > Werkausgabe von Jean Améry

Tropen Verlag (IV): Quer durch Amerika

Mittwoch, 27. Februar 2008

Amerikanisches FegefeuerJetzt bilde ich das Buch von John Haskell Amerikanisches Fegefeuer zum dritten Mal ab. Der Roman von John Haskell hat es aber auch verdient. Nachdem Anne verschwunden, verschandelt er erst desorientiert den heimischen Garten, bringt sein Zimmer durcheinander und kann es wieder halbwegs klar denken, nachdem er losgefahren ist. Und er läßt sich iin immer neue Ereignisse und Erlebnisse hineinziehen. Sex und Drogen, zwischendurch sucht er wieder in allen Straßen der Städte, wo er gerade durchkommt, nach Anne und ihrem gemeinsamen braunen Auto. Manchmal schläft er im Auto, er macht allerlei Bekanntschaften. manche die ihm helfen, macnhe die ihn ausnutzen. Sein Auto streikt, mal tut es wieder, schließlich überläßt er es einem Schrotthändler. Sucht Jack Anne oder sich selbst? Schließlich wird die Lösung in einem Kapitel erzählt. Ich habe schon mal von > einem Buch von Tropen gesagt, lesen Sie es nicht in der S-Bahn oder im Zug, wenn Sie bald aussteigen müssen. Ich habe jedenfalls gestern die Lesung im > Stuttgarter Literaturhaus verpaßt, weil ich unbedingt nach Hause wollte, um die zweite Hälfte von Haskells Amerikanisches Fegefeuer zu lesen. Das Ende des Buches erzähle ich aber nicht, weil sonst die Spannung weg wäre. Dieses Buch gehört auch zu denen, die man ganz langsam zu Ende lesen könnte oder muß, damit der ästhetische Genuß möglichst lange vorhält, so wie > Thierry Magnier mir das letzte Woche erzählt hat. Er macht das auch manchmal so, und wenn das klappt, weiß er, daß das Buch gut ist.

> Goodbye Tristesse habe ich mittlerweile auch gelesen. Der Beitrag folgt bald.

NDR Buch der Woche | 22.10.2006 17:30 Uhr
Michael Schornstheimer stellte > Amerikanisches Fegefeuer vor.

Raymond Kennedy ist am 18. Februar im Alter von
73 Jahren verstorben.

Mittwoch, 27. Februar 2008

Raymond LennedyDer amerikanische Autor Raymond Kennedy ist am 18. Februar in einem New Yorker Krankenhaus an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben.

In Deutschland ist Kennedy durch seine beiden Romane Lulu Incognito und Hoch zu Roß bekannt geworden, die in den 90er Jahren bei Klett-Cotta erschienen sind. Grotesk-komische Charaktere, barocke Sprache und das Spiel mit Horrorelementen zeichnen seine Bücher aus.

Am Rand der WeltRaymond KennedyGanz anders die 2006 erschienene Novelle die eine Begegnung zweier Männer auf das Existentiellste reduziert. >1934 in Wilbraham Massachusetts geboren, war Kennedy nach seinem Studium Mitarbeiter der Collier’s Encyclopedia und der Encyclopedia Americana.

Von 1982 bis 2006 unterrichtete Kennedy creative writing an der Columbia University

Leipziger Buchmesse 13.-16.3.08

Dienstag, 26. Februar 2008

Kaum ist die Didacta in Stuttgart vorbei, wo ich auch mit Gilles Floret über sein > DELF Projekt gesprochen habe, beginnt die Reiseplanung für die nächste Messe: In Leipzig werde ich die Lesungen von Ines Geipel, > No Limit. Wieviel Doping verträgt die Gesellschaft?, – ich freue mich darauf, sie für diesen Blog zu interviewen -Wolfgang Schuller, > Die Welt der Hetären, Berühmte Frauen zwischen Legende und Wirklichkeit, und Christiane Kunst, Livia. Macht und Intrigen am Hof des Augustus besuchen. Alles spannende Titel. Ein wichtiger Sachtitel rechtzeitig zur Olympiade in diesem Jahr und zwei Titel, die das Geschichtsprogramm von Klett-Cotta vorzüglich ergänzen.

Außerdem wird auf der Leipziger Buchmesse wieder der Prix de lycéens allemands verliehen werden. Die > Autorenlesungen und die Preisverleihung waren 2007 tolle Ereignisse in Leizig und damit entstanden die ersten Beiträge für den Frankreich-Blog.

Für Lesestoff auf der Fahr nach Leipzig ist gesorgt:

Claus, Der Kummer von BelgienAm 10. März erscheint bei Klett-Cotta von Hugo Claus, > Der Kummer von Belgien in einer neuen Übersetzung. Der kleine Louis Seynaves erlebt den Einmarsch deutscher SS-Verbände in Walle. “Claus fügt seine Hunderte von Episoden zu einem epochalen Roman zusammen, spielerisch, humorvoll, mitreißend. Mitzulesen in neuer, meisterhafter Übertragung von Waltraut Hüsmert.” Ich bin gespannt. “Ein pralles Stück Erzählliteratur, barock und vital wie das Flandern-Bild eines Breughel, derb und sinnlich”, so wird ein Rezensent beim ersten Erscheinen dieses ausschweifenden Romans auf der Website von Klett-Cotta zitiert.

William Gibson, QuellcodeWilliam Gibson,
> Quellcode Mal was gnaz anderes. Hollis Henry soll für ein obskures Magazin etwas schreiben. Es geht aber gar nicht um eine neue Cyber-Kunstform , sondern um einen Frachtcontainer voller Dollarnoten. Ein Exil-Kubaner mit einem merkwürdigen Geheimcode und ein Junkie tauchen auf… “Ein Roman über undurchsichtige Bedrohungslagen, der unter die Haut geht,” steht bei Klett-Cotta, und auf der Rückseite des Buches steht der merkwürdige Satz aus der Feder von William Gibson: : “Die Zukunft hat schon begonnen. Sie ist nur sehr ungleichmäßig verteilt.” Erscheint auch am 10.3.

Amerikanisches FegefeuerAber erstmal will ich noch von John Haskell,Amerikanisches Fegefeuer zu Ende lesen. Das Buch gehört zu den > drei Titeln, die ich auf der Zugfahrt nach > Orléans mitgenommen hatte. Jack hält mit seienr Frau Anne an einer Tankstelle an, um ein paar Kleinigkeiten zu kaufen. Als er wieder in ihr Autor einsteigen will, ist es mit Anne verschwunden. Zunächst wartet er den Tag an der Tankstelle ab. Zu Hause findet er eine Karte mit einer eingezeichneten Strecke quer durch die Staaten. Zufällig ruft ein Freund an, bietet ihm ein gebrauchtes Auto günstig an, nein, er habe ja eins, nein, er habe doch keins, er kauft es, rafft ein paar Sachen zusammen und fährt los. – Heute abend darf ich weiterlesen. – Wie heißt noch die Textform, in die ich mein Leserlebnis einpacken werde? Es ist keine > Rezension, auch kein Produkthinweis oder bloßer Werbetext… Während des Studiums in Frankreich haben wir “fiches de lecture” verfaßt. Das ist es auch nicht, weil ich hier darüber schreibe, was mich an dem gelesenen Buch fasziniert hat.

Literatur und Fotos

Donnerstag, 14. Februar 2008

Susan Sontag schreibt in ihrer Essaysammlung Über Fotografie: „Eine Fotografie ist nur das Ergebnis der Begegnung zwischen einem Ereignis und einem Fotografen. Eine Aufnahme zu machen, ist selbst schon ein Ereignis, und zwar eines, das immer gebieterische Rechte verleiht: sich einzumischen in das, was geschieht, es zu usurpieren oder aber zu ignorieren.“

Eine Rezension ist eine Beurteilung eines Buches und wird zuweilen so ernst genommen, wie das Wort des Literaturkritikers, der das Buch als ausgezeichnet anpreist oder es auch mal schon mit einem Ausdruck der Empörung in die Tonne fallen läßt. Im Literaturhaus sind Fotos wie Rezensionen einer Veranstaltung.

Das Objektiv sieht alles.

Die Fototechnik ist mittlerweile so leise und diskret geworden, daß der digitale Fotoapparat von außen gesehen ruht, dennoch aber fleißig vieles um sich herum aufzeichnet. Das Foto war schon immer ein Art Bürge für die Authentizität des Augenblicks, sozusagen, die Objektivierung des Moments, in dem es dem Betrachter sagt, so war dieser Moment und so sah die Person aus.

Jeder Lehrer kennt den wunderschönen Moment, wenn der so oft abwesende Schüler in der letzten Reihe den Hals reckt, die Augen aufsperrt und die Ohren aufstellt, wenn vorne sich etwas Interessantes ankündigt.
Im Literaturhaus ist das nicht anders.

Verstohlen fotografiere ich gerne nach links und rechts, weil man so dem Entstehen des Werks zugucken kann. Da gibt es diejenigen, die einige Passagen gerade nicht mitbekommen, weil sie noch dem Klang der letzten so geglückten Wendung nachträumen. Es gibt mißmutige Gesichter, weil just die Erstellung des Werks nicht so recht gelingen will und der Blick schon mal auf die Uhr fällt. Und es gibt überall die aufmerksamen Gesichter, denen man förmlich ansieht, wie sie das Gehörte verarbeiten und als Katalysator für Bekanntes nutzt wollen. Damit verrate ich nun, daß ich am liebsten immer auf dem Podium neben dem Autor sitzen würde, weil man von dort aus am besten beobachten kann, wie die Hörer zu Lesern werden. hw

(Aus einer Rede anläßlich des 5. Geburtstages des Stuttgarter Literaturhauses, 2006)

Gestern war wieder so ein Abend, an dem Beat Wyss alles von über die Dichtung von > Dors Grünbein wissen wollte und dieser sich allen Fragen stellte. Zuerst hatte Grünbein eine Auswahl seiner Gedichte gelsen, dann las Wyss auch einige vor und fragte immer wieder nach. Und die Fotos zeigen, wie spannend der Abend war.

Wie schreiben Besucher?

Mittwoch, 13. Februar 2008

Wie schreiben Besucher, die auf Internet-Seiten Rezensionen von Bücher verfassen? Diese Frage hat sich Etienne Candel gestellt und zu diesem Thema an der Univerisität Paris-Sorbonne IV eine Doktorarbeit verfaßt. Der Titel: Autoriser une pratique, légitimer une écriture, composer une culture : les conditions de possibilité d’une critique littéraire participative sur Internet. Etude éditoriale de six sites amateurs – Eine Anwendung erlauben, eine bestimmte Art des Schreibens gestatten, einen kulturellen Beitrag verfassen. Die Bedingungen und die Möglichkeiten einer partizipativen Literaturkritik im Internet. Für seine Analyse hat er sechs Internet-Angebote ausgesucht und mit deren Konzeption untersucht, wie Besucher angeleitet werden, Rezensionen zu verfassen. In diesem Umfang ist das eine der ersten Arbeiten, die mir bekannt geworden ist, die in einer solchen Gründlichkeit im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit eine bestimmte Form der Zuschauer- oder Besucherbeteiligung, die mit > Web 2.0 üblich geworden ist, mit Hilfe der Semiotik untersuchen. Ich war im Dezember bei der Soutenance seiner These mit dabei, habe seine Arbeit gelesen und die Ergebnisse zusammengefaßt: > Das Mitmachnetz. Eine kritische Bewertung.

Tropen Verlag (III): Arrividerci, ciao, amore

Mittwoch, 13. Februar 2008

Arrivederci, amore, ciaoDieses Buch ist nichts für die > S-Bahn. Nehmen Sie es nicht mit, denn wenn Sie von Bad Cannstatt zur Station Feuersee fahren, steigen Sie garantiert erst in Vaihingen oder gar noch später aus. Zuerst wird an die Artikel 178 “La riabilitazione estingue le pene accessorie ed ogni altro effetto penale della condanna, salvo che la legge disponga altrimenti.” und > 179 : “La riabilitazione e’ conceduta quando siano decorsi cinque anni dal giorno in cui la pena principale sia stata eseguita o siasi in altro modo estinta, e il condannato abbia dato prove effettive e costanti di buona condotta.” des italienischen Strafgesetzbuches erinnert, die die Wiedereinsetzung in frühere Rechte festlegen, wenn fünf Jahre seit dem Ende der Haftstrafe vergangen sind und der Verurteilte “wirkliche und dauernde Beweise guter Führung” gezeigt hat. Und dann nimmt die Geschichte ihren Lauf. Nach vier Sätzen auf der ersten Seite begeht Giorgio Pellegrini als Guerillakämpfer einen kaltblütigen Mord.

In Italien kann er sich nicht mehr blicken lassen, weil er dort gesucht wird. Aber dann kehrt er doch zurück, der Verrat eines Kameraden verschafft ihm mildernde Umstände, ein par Jahre hinter Gitter. Dann hilft ihm ein korrupter Beamter und Pelegrini kommt frei. Er findet eine Stelle in einem obskuren Nachtklub, in dem nachts das ganze Programm abläuft. Pellegrini verdient gut mit miesen Geschäften, bleibt weiterhin auf der schiefen Bahn, hat wieder Frauengeschichten. Und wird immer wieder in alle möglichen großen und kleinen Missetaten hineingerissen, aus Gewohnheit und aus Gefälligkeiten für die bösen Kollegen. Dann bekommt er einen Tip. Es geht um mehr als eine Milliarde – nur Lire, aber immerhin. Er sammelt um sich mehrere Gangsterkollegen. Der Geldtransporter wird observiert. Es kommt zum Überfall, der gar nicht geschildert wird, sondern nur anhand der Zeitungsberichte rekonstruiert wird. Das ist eine richtig fesselnde Passage. Der Leser weiß alle Einzelheiten und liest, was die Medien darüber sich zusammenreimen. Dann wird díe Beute geteilt und einige Mittäter kriegen außer Kugeln nichts ab. Pellegrini hat erstmal genug – Geld, zieht in eine Stadt im Veneto. Und baut sich mit guten Vorsätzen eine neue Existenz auf. Er übernimmt ein Restaurant, hat Erfolg, hat einen Anwalt, der seine Einsetzung in die früheren Rechte betreibt. Roberta erscheint auf der Bildfläche, Pellegrini plant die Hochzeit. Dann holt ihn die Vergangenheit ein. Der korrupte Kommissar taucht wieder auf. Genug, hier höre ich auf, aber beim Lesen habe ich nicht aufhören können. Gut, daß ich gestern nicht in der S-Bahn, sondern zu Hause war.

Massimo Carlotto
Arrivederci amore, ciao Z. Zt. nicht lierferbar
Roman
Aus dem Italienischen
von Hinrich Schmidt-Henkel
192 Seiten, gebunden mit SU
ISBN 978-3-932170-94-2

Tropen Verlag (II): Die Festung der Einsamkeit

Montag, 11. Februar 2008

Fortsetzung von > Tropen Verlag (II): Die Festung der Einsamkeit:

Die Festung der EinsamkeitBin durch und kann jetzt von meinem Leseerlebnis der letzten Tage erzählen. Die Festung der Einsamkeit erzählt die Geschichte der Kindheit von Dylan Ebdus, dem einzigen weißhäutigen Kind in seiner Nachbarschaft. Er verbringt seine Jugend zusammen mit seinem Freund Mingus Rude. Comics, Hiphop, Popkultur, Graffities aller Art bestimmen ihre Jahre. Eine Tages verkündet Mr. Winegar Daylan, dass seine Prüfungsergebnisse ihm erlauben auf die Stuyvesant High School überzuwechseln. Er ist der einzige, der die Prüfung von sechs Schülern geschafft hat. Dylan kommt in ein neues Umfeld: “Die Lemminge strömten aus allen Ecken der Stadt herbei…” S. 289. “Die Stuyvesant war jüdisch-weiß, protestantisch-weiß, hippie-weiß, chinesisch, schwarz, puertocanisch und vieles mehr…” S. 290 Eigentlich wird wenig – außer den Konzerten – über dei Schule erzählt. Dylan wächst weiter voir allem in der Auseinandersetzung mit schwarz und weiß in seinem Viertel auf, interessiert sich immer mehr für Musik: Ende 1979 ist > Rapper’s Delight in. Mit Sorge beaobachtet er Mingus und die vielen Anzeichen, dass sie sich auseinanderleben und eigene Wege gehen werden. Zwischendurch verkauft Dylan Eis im Laden einer bekannten Kette. Dylan kommt auf das College in Vermont. Später wird Dylan Musikkritiker, schreibt Begleittexte für schwarze Musik, und im 3. Teil wird der Roman aus seiner Ich-Perspektive weitergeführt. Mingus, der mit 18 zum Mörder geworden ist, hat er erstmal aus den Augen verloren, später wrd es über dessen Gefängnis Akte ein Wiedersehen geben.

Die Festung der Einsamnkeit ist auch ein Bildungsromen, der die Schule eher im Hintergrund als eien Art Parallelwelt mitlaufen läßt. Die Musik und die Beziehungen mit den anderen, mal leidenschaftlich, mal heftig, auch mal ablehnend gestalten das Verhältnis zu den Bildungseinrichtungen, die anscheinend nicht viel zur Entwicklung von Dylan beitragen, zu stark ist der Kontrast von Musik, Pop und Drogen, die den Schulalltag überlagen. Dann ist da aber doch seine Schulkarriere, die ihn zum College führt. Wie präsent die Jugendjahre auch für den Dreißigjährigen sind zeigen seine Erinnerungen, denen er sich auch als Erzähler nicht entziehen kann. Vierzehn Jahre nach seiner Abreise nach Vermont berichtet er wieder von seinem Vater, der seine Wohnung endlich umgebaut hat. Es ist wie eine Rückkehr in die Kindheit. – Der Wechsel der Erzählerperspektive ist ungewohnt, erlabt aber eine ganz eigene Art der Identifzierung mit dem Protagonisten der Handlung. Zuerst beobachtet der Leser Dylan und seien Kameraden, sein Umfeld, seine Situation als Whiteboy. Die Ich-Perspektive kann den Leser nicht davon abhalten, Dylan immer auch noch als Handelnden zu beobachten. Einerseits weiß der Leser zu Beginn des 3. Abschnitts schon mehr über Dylan als sein er selbst. Alles Autobiographische in diesem Roman brauche ich nicht zu erwähnen, weil dadurch dies interessante Spiel mit der Perspektive irgendwie seinen Reiz verliert.

Ich habe schon in mein > Tropen-Paket geguckt. Bald gehts weiter.

Jonathan Lethem
> Die Festung der Einsamkeit
trojanische pferde 14, Roman, Deutsch von Michael Zöllner, 672 Seiten

Gerade erschienen: Wicked von Gregory Maguire

Freitag, 8. Februar 2008

WickedWicked erzählt die Vorgeschichte des “Zauberers von Oz”, in dem Dorothy über die Böse Hexe des Westens triumphierte. Damals wurde nur ihre Version der Geschichte erzählt. Und es blieben viele Fragen. Was war eingentlich mit dieser Hexe los? Woher kam sie? Woher kam ihre Geheimnis, und was hattte es damit auf sich? War sie vorher schon böse und wurde sie es erst? Damit wird auch nach dem Hintergrund der Geschicihte gefragt. Wie gut ist das Gute und wie böse das Böse? Nach diesem Roman ist das > Musical, das zur Zeit in Stuttgart läuft, erdacht worden: Böse Mädchen und gute Hexen gehören zu den Personen der Handlung, und es geht um die Rechte der TIERE – mit Großbuchstaben. Warum kam Elphabas Geburt mit einer leuchtend grünen Haut zur Welt? Sie ist eigenwillig, ganz anders als die anderen und hat eine aufregende Kindheit erlebt. Ihr Vater ist ein strenger Prediger, ihre Mutter leichtlebig, ein Schönheit aber dem Alkohol und den Männern zugetan. Elphaba studiert an der Universität von Shiz Biologie studiert und erfährt, dass der Zauberer von Oz, die Rechte der »TIERE« – die im Gegensatz zu den einfachen Tieren sprechen können und eine Seele haben – einschränken will. Niemanden scheint das zu stören, aber Elphaba, die mutige Bewohnerin von Munkinland, stellt sich ihm in den Weg.

Die > Leseprobe vermittelt einen Eindruck der aufregenden Geschichte:

Hexe müßte man sein: “Sie saß auf ihrem Besen, als wäre er ein Treppengeländer, und kam so vom Himmel herabgesaust wie einer ihrer fliegenden Affen. Ihr Sturzflug endete auf dem obersten Ast einer Schwarzweide. Unter ihr, vom Laubwerk verborgen, hatten die Verfolgten eine Ruhepause eingelegt. Die Hexe klemmte sich den Besen unter den Arm. Lautlos kletterte sie Stückchen für Stückchen abwärts, bis sie nur noch fünf Meter über ihnen war. Der Wind bewegte die hängenden Zweige des Baumes. Die Hexe spähte und lauschte.” Die Verfolgten sind zu viert: Ein Löwe? Ein “metallisch glänzenden Holzfäller”, eine “lebende Vogelscheuche”, und da muss noch ein Mädchen bei den Verfolgten sein. In kurzen Abschnitten wird die Situation der Handlung geschildert: “Eine Meile hoch über Oz hing die Hexe hart vor dem Wind wie ein von den Luftturbulenzen aufgewirbeltes und fortgewehtes grünes Bröckchen Erde. Weiße und dunkelrote Sommergewitterwolken türmten sich ringsum auf. … Die Hexe sah die Gefährten dahinstapfen,…” Von ihrem sicheren Versteck aus belauscht die Hexe die Gespräche der Verfolgten: “‘Wenn man den Leuten glauben darf, ist die überlebende Schwester regelrecht verrückt’, sagte der Löwe. ‘Eine Hexe, wie sie im Buche steht. Psychisch verkorkst, von Dämonen besessen. Geisteskrank. Kein schöner Anblick.’” Die Vogelscheuche weiß es noch besser: “Sie ist eine Frau, die lieber mit anderen Frauen zusammen ist.” Die Hexe staunt, läßt sich aber nicht aus der Ruhe bringen: “Die Hexe war so verblüfft, dass sie beinahe den Ast losgelassen hätte, an dem sie sich festhielt. Auf Klatsch hatte sie noch nie etwas gegeben. Doch sie war den Menschen schon so lange entfremdet, dass sie über die Behauptungen dieser hergelaufenen Wichte staunen musste.”

Manchmal muß man erst in ein Buch, in die Geschichte “reinkommen”, also die ersten Beschreibungen mit der Einführung lesen. Hier im Roman von Gregory Maguire wird der Leser auf der ersten Seite des Vorspiels “Auf der gelben Ziegelstraße” Zeuge einer aufregenden Begegnung, womit der Rhythmus der Handlung vorgegeben wird.

Auch im Kapitel “Die Geburt einer Hexe”, S. 29 ff., wird die Beschreibung ein fester Bestandteil der Handlung: “Die Fischer lachten und johlten, und Frex blickte noch zorniger, doch als plötzlich das Knirschen schwerer Räder in den steinigen Furchen der Straße ertönte, drehten alle den Kopf und verstummten. Er hatte ihre Aufmerksamkeit verloren, ehe er richtig angefangen hatte. Die Uhr wurde von vier Pferden gezogen und eskortiert von dem Zwerg und seinem Schlägertrupp.” Bevor eine der Personen, hier ist es Frex die Siutation kommentiert und die Entwicklung der Geschichte vorantreibt: “Bevor der Zwerg den Zeitpunkt der Vorstellung bekanntgeben konnte, bevor der Trupp junger Männer die Keulen zücken konnte, sprang Frex auf die unterste Stufe, eine ausklappbare Trittfläche. ‘Warum nennt sich dieses Ding eine Uhr? Das einzige Ziffernblatt, das es hat, ist vor lauter ablenkendem Krimskrams gar nicht zu sehen. Außerdem bewegen sich die Zeiger nicht: Schaut her, seht selbst! …”

Noch ein Buch, das seine Leser am Ende wieder zur Hobbitpresse führt:

> www.klett-cotta.de/fantasy

Gregory Maguire: > Wicked – Die Hexen von Oz
Aus dem Amerikanischen von Hans-Ulrich Möhring (Orig.: Wicked. The Life and
Times of the Wicked Witch of the West)
Klappenbroschur, 1 Karte, 536 Seiten
ISBN: 978-3-608-93811-1

Das Rekord-Musical ist seit 15. November im Palladium-Theater in Stuttgart zu sehen.

Weitere Informationen zum Musical unter: > www.wicked-welt.de

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