Verlagsblog

Archiv für April 2008

Was heißt es, ein Mensch zu sein?

Mittwoch, 30. April 2008

Douglas Hofstadter> Douglas Hofstadter hat mit seinem Buch > Ich bin eine seltsame Schleife ein sehr persönliches Buch geschrieben. Es geht um die Frage, was es bedeutet, ein Bewußtsein zu haben. Dieser Band ist eine Fortsetzung seines Buches > Gödel, Escher, Bach. Ein Endloses Geflochtenes Band, das bei Klett-Cotta schon in der 18. Auflage erschienen ist. Es sind sehr persönliche Erinnerungen, mit denen Hofstadter seinen Lesern die Entwicklung seines Buches erklärt. Schicksalsschläge in seiner Familie haben auch eine Rolle gespielt. Aber er weist ausdrücklich darauf hin, daß es nicht um ihn geht, sondern um die Vorstellung von „Ich“. (S. 23) Immer wieder trifft der Mensch Entscheidungen, denen er sich nie entziehen kann. Eine von Hofstadters Glaubensgundsätze ist seine Überzeugung, daß die Seele erst allmählich (S. 48) im Lauf einer Entwicklung entsteht. Wie denkt man, lautet eine der wesentlichen Fragen in diesem Buch. Eine der Hilfestellungen, um die komplexen Beziehungen zwischen Gehirn un Geist zu verstehen ist das Kranikulleum (s. Hofstadter, Metamagicum. Fragen nach der Essenz von Geist und Struktur, Klett-Cotta, Stuttgart 1988, – leider vergriffen – 25. Kapitel: ein Dialog zwischen Achill und Herrn Schildkröte, der die Kranikulleum- Matapher erläutert.) Damit wird die Dynamik in einem Billardtisch bezeichnet, mit Myriaden kleinster Kugeln, die ohne Reibung mit Impuls und Drehimpuls durcheinander wirbeln. Die vielen Anspielungen, Erinnerungen, Beispiele aus dem täglichen Leben und aus der Technik mit immer neuen Assoziationen passen zu diesem Gedankenexperiment, mit dem Hofstadter sein Buch einleitet und auf Seite 139 wieder aufnimmt.

Als er 15 Jahre alt war, entdeckt er in einer Buchhandlung das Buch „Der Gödelsche Beweis“ von Nagel und Newmann (München, Wien, 1964), in dem es um „Meta-Mathematik“ und „Meta-Sprache“ ging. Es ging um Sprache und logisches Denken und wie Mathematik sich auf sich selbst bezieht, wie es in ihr um sie selbst geht und das fesselte das Interesse Hofstadters, der hier ein solches Schliefen-Phänomen fand, das ihn fortan immer interessiert hat. Dazu gehören auch alle Formen von Feedback einschließlich der Video-Sequenzen, die zur Selbstwahrnehmung beitragen, über die er in Gödel, Escher und Bach berichtet hat.

Sprache und Mathematik führen zu erstaunlichen Überlegungen, wie die Paradoxien von Mr. Berry aus der Bodleian Library von 1904 aus denen Kurt Gödels Theorien entstanden sind. Sein formales System, das in den Prinicipa Mathematica, Hofstadter führt hier die Abkürzung PM ein, das die Ableitung von Sätzen unterstützt. Der Ansatz Hofstadters soll jetzt hier gar nicht im einzelnen detailliert vorgetragen werden, aber Matheinteressierte und auch diejenigen, die es gar nicht sind, werden im Kpaitel 9 Muster und Beweisbarkeit erstaunliche Einsichten in die Fähigkeiten der Mathematik und die Möglichkeiten mathematischen Denkens finden. Im Kapitel 10 geht es um die Fibonacci-Zahlen, jede neue Zahl entsteht durch Addition der beiden vorherigen. Kapitel 11 erklärt den Schritt von der Analogie zur Bedeutung. Danach geht es wieder um das Ich Die unverbrüchliche Flüchtigkeit meines Ichs und dann im Kapitel 14 um die Seltsamkeit der Ich-Schleife.
Nein die Pflicht zur Kürze des Blogbeitrags kommt mir hier gar nicht zur Hilfe, sie ist ein Hindernis, jetzt mehr über meine Leseerfahrung zu berichten. Aber das ist auch nicht unbedingt notwendig, da der Hinweis auf die ansteckende Art und Weise Hofstadters, mit der er ganz praktische Beispiele aus der Mathematik nutzt, um über das Denken zu reflektieren, Ansporn genug sein dürfte, zum Beispiel auch für Schüler, um die dröge Schulmathematik mit Leben zu erfüllen. Manchmal wirkt der Autor gar ein wenig abgedreht, wenn es im Kapitel 22 um den Laubosophen geht. Das klingt zuerst seltsam, läßt man sich darauf ein, versteht man, wie Hofstadter Fragen stellt, man lernt Fragen zu stellen und neugierig zu werden. Würden wir jetzt in einem Seminar zusammensitzen, könnten wir wunderbar über die Thesen von Hofstadter diskutieren. Ich bin mir nicht sicher, ob der Mensch wirklich ein so selbst referentielles Wesen ist, wie Hofstadter ihn beschreibt. Für das Verständnis von Erziehungsprozesse gibt er bestimmt sehr interessante Hinweise, aber das Überschreiten von Situationen ist genauso wichtig. Genug, es ist ja ein Blogbeitrag „Ich habe das Buch gelesen“, keine > Rezension, kein Werbetext.

Douglas Hofstadter, > Ich bin eine seltsame Schleife, Aus dem Amerikanischen von Susanne Held (Orig.: I Am a Strange Loop), 1. Aufl. 2008, 27 sw-Abbildungen, 4 S. farbiger Tafelteil, 532 Seiten, ISBN: 978-3-608-94444-0

Douglas Hofstadter
Douglas Hofstadter, > Gödel, Escher, Bach. Ein Endloses Geflochtenes Band
Sonderausgabe mit einem Vorwort von Hofstadter von 2001 und einer Einführung von Gero von RandowAus d. Amerik. v. Hermann Feuersee, Philipp Wolff-Windegg. 18. Aufl. 2008, Ausstattung: 896 Seiten, ISBN: 978-3-608-94442-6

Albert Hofmann ist am 29. April gestorben

Mittwoch, 30. April 2008

Albert HofmannAlbert Hoffmann, der Entdecker der Droge LSD, ist gestern im Alter von 102 Jahren in seinem Haus in der Schweiz gestorben.
Am 11. Januar 1906 in Baden/Schweiz geboren, studierte Hoffmann Chemie an der Universität Zürich. Von 1929 bis 1971 war er als Forschungschemiker bei der Sandoz AG tätig. Die Erfindung des LSD machte ihn weltweit bekannt. Die bewusstseinserweiternde Wirkung entdeckte er durch Zufall.

In seinem Buch LSD – Mein Sorgenkind. Die Entdeckung einer »Wunderdroge«, das zu den Klassikern der Chemiegeschichte zählt, schildert Albert Hofmann die Umstände der Entdeckung des LSD und berichtet von seinen Begegnungen mit Wissenschaftlern, Künstlern, Schriftstellern und Exponenten der Hippiebewegung, die an LSD jeweils mit ganz unterschiedlichen Absichten interessiert waren.

Albert Hofmann
> LSD – Mein Sorgenkind. Die Entdeckung einer „Wunderdroge“
224 Seiten, geb. mit 15 teilweise farb. Abb.

Wie politisch ist Olympia?

Dienstag, 29. April 2008

No Limit …unter dieser Überschrift findet am Mittwoch, 7. Mai, um 18.30 Uhr im Foyer des Hauses der Abgeordneten in Stuttgart eine öffentliche Debatte über die Olympischen Spiele in China mit der Klett-Cotta-Autorin Ines Geipel statt.
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Von Ines Geipel ist im April bei Klett-Cotta das Buch > »No Limit. Wie viel Doping verträgt die Gesellschaft« erschienen, worin auch Doping in China eine wichtige Rolle spielt.

Mittwoch, 7. Mai 2008, um 18.30 Uhr
Haus der Abgeordneten, Foyer
Konrad Adenauer Straße 12
70173 Stuttgart

> Wie politisch ist Olympia? *.pdf, DIE GRÜNEN

Ines Geipel
> No Limit. Wie viel Doping verträgt die Gesellschaft
1. Aufl. 2008, 182 Seiten, ISBN: 978-3-608-94458-7

Venedig, Wien und die Osmanen

Dienstag, 29. April 2008

Venedig, Wien und die OsmanenDie dritte überarbeitete und erweiterte Auflage des Buches von > Ekkehard Eickhoff, > Venedig, Wien und die Osmanen. Umbruch in Südosteuropa 1645 –1700 erinnert daran, daß Klett-Cotta für die > Geschichte immer mehr Darstellungen vorlegt, die ein wichtiges Überblickswissen über eine ganze Epoche vermitteln. Das sind keine Spezialthemen, sondern diese Bücher helfen auch Studenten größere Zusammenhänge zu verstehen, die über das Thema eines Seminars oder einer Vorlesung hinausgehen. Die > Die Kulturgeschichte des Hellenismus herausgegeben von Gregor Weber der band oder Peter Heather, > Der Untergang des Römischen Weltreichs gehören zu diesen Darstellungen.
Das Buch > Venedig, Wien und die Osmanen ist eine spannend geschriebene Darstellung – > Leseprobe – der jahrzehntelangen Auseinandersetzung um Kandia auf Kreta, das die Venezianer schließlich nach einem verzweifelten Kampf im Grabensystem vor und unter Kandia den Osmanen überlassen mussten. Eickhoff beginnt mit der Nacht zum 25. Juni 1645, als vom „westlichen Vorgebirge der Insel Kreta aus am Horizont eine lange und immer längere Kette von schwankenden Lichtern auf der Kimm des Meeres sichtbar wird“, nach 70 Jahren Frieden in der Region – Europa hatten in Münster die Verhandlungen, die zum Westfälischen Frieden führen sollten, gerade erst begonnen – begann die gefürchtete türkische Invasion.Ekkehard Eickhoff In den folgenden Jahrzehnten wird das Osmanische Reich ein bestimmender Faktor für die gesamteuropäische Politik. Eickhoff schildert die Entwicklung des Osmanischen Reiches und erläutert die Gründe, wieso es nach einem Dreivierteljahrhundert des Friedens zwischen ihm und den christlichen Großmächten erneut zu Kampfhandlungen kam, die schließlich in die erbarmungslosen Kampf um Kandia, dessen Fall und dann in die Belagerung von Wien überging. Im August 1644 begegnete der Oberkommandierende des Johanniterordens mit seinen sechs Galeeren bei Karpathos einem türkischen Konvoi von zehn Schiffen. Nach einem mehrstündigen Gefecht, hatten die Malteserritter die Türken überwältigt und reiche Beute gemacht. Ähnliche Vorgänge folgten. Mit der Beschreibung der Reaktionen der Türken vermittelt Eickhoff interessante Einblicke in die Herrschaftsstruktur des Osmanischen Reiches, wo der Thronwechsel oft sehr blutig verlief. Sultan Ibrahim kam mit 28 Jahren 1640 auf den Thron. Er entschied schon 1644 Venedig anzugreifen. Es kommt zur Invasion auf Kreta und dann zum ägäischen Seekrieg mit seinen grausamen Zusammenstössen mit den Galeeren, zur Seeschlacht von Naxos im Juli 1651. Warum war Kandia für die Venezianer so wichtig, daß sie dafür den fast 25 Jahr dauernden Kampf um die Stadt in Kauf nahmen?

VenedigVenedig

Eickhoff erklärt den Kampf um Kandia als „einen Prestige- und Lebenskampf“ (S. 76) der Venezianer und verweist dabei auf die soziale Struktur der Stadt aber auch um den Willen der Venezianer einen bestimmten Rang in der christlichen Staatengemeinschaft behaupten zu wollen. Der Krieg dauerte auch so lange aufgrund der „Macht und Ohnmacht des Serails“ (S. 92-109), die erst mit dem Aufstieg Mehmed Körpülüs endete. Die Ägäische Welt um 1650 und die verschiedenen Allianzprojekte in West und Ost sind für Eickhoff gute Gelegenheiten, den Rahmen dieses Krieges verständlich zu erklären. Das Zurückweichen der Türken vor Wien erleichterte Österreich den Aufstieg zur Großmacht. Ein Glossar (S. 413-417) hilft, historische Fachbegriffe zu verstehen.
Blogbeiträge sollen nie so lang sein, aber die Lektüre dieses Buches während der Zugfahrten nach Köln und > Paris macht es echt schwer, sich hier kurz zu fassen. Besonders gut gelungen sind in diesem Band die Einblicke in die inneren Strukturen des Osmanischen Reiches und in die Reaktionen der europäischen Mächte, wodurch der Leser diese grundlegenden Veränderungen richtig einordnen zu kann.

Ekkehard Eickhoff , > Venedig, Wien und die Osmanen. Umbruch in Südosteuropa 1645 –1700 3. Aufl. 2008, ca. 50 s/w-Abbildungen, Vorsatzkarte, 464 S., ISBN: 978-3-608-94511-9

Venedig, Wien und die Osmanen Ekkehard Eickhoff , Venedig – Spätes Feuerwerk. Glanz und Untergang der Republik – 1700 – 1797
2. Aufl. 2007, 16 Seiten farbiger Tafelteil, Vorsatzkarten, 456 S., Seiten: 456, ISBN: 978-3-608-94145-6

Manfred Schwarz schrieb in der Süddeutschen Zeitung am am 21.11.2006: »… Mit Esprit und Eleganz kann man jedoch vorzüglich Geschichte schreiben. … Dies belegt beeindruckend, ja mitreißend der Band, den er nun der Kulturgeschichte Venedigs im 18. Jahrhundert gewidmet hat. …«

Der Hobbit im Kino

Samstag, 26. April 2008

Der HobbitWie die Frankfurter Allgemeine Zeitung (26. April 2008) heute berichtet, wird der Regisseur von „Hellboy“ und „Pan’s Labyrinth, Guillermo del Toto, das Buch Der Hobbit von J.R.R. Tolkien verfilmen. Die Folgen werden in Neuseeland entstehen. Produziert wird der Film von Robby Emmerich zusammen mit Mary Parent. Termin: Voraussichtlich im Winter 2011/20012 im Kino.

J. R. R. Tolkien, > Der Hobbit oder Hin und zurück

> Hobbit-Presse. Phantastische Literatur bein Klettt-Cotta

„Welttag des Buches: Hier. Und überall“

Montag, 21. April 2008

… so lautet das Motto für den diesjährigen Tag des Buches am 23. April 2008, das sich der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zusammen mit der Stiftung Lesen ausgedacht hat.

1995 hat UNESCO den 23. April zum > Welttag des Buches als weltweiten Feiertag für das Lesen, für Bücher und die Rechte der Autoren ausgerufen.

> Alle Veranstaltungen zum Welttag des Buches.

> Ich schenk Dir eine Geschichte heißt das Buch, das junge Kunden in Buchhandlungen geschenkt bekommen.

> Welttag des Buches boersenblatt.net

Am Welttag des Buches reise ich nach Paris, um in der Sorbonne bei der > Vorstellung des zweiten Bandes des Deutsch-französischen Geschichtsbuches dabei zu sein. Das Schulbuch, das in Deutschland beim Ernst Klett Verlag erscheint und bereits in allen Bundesländern genehmigt ist, erscheint in Frankreich mit dem identischen Text im Verlag Nathan in französischer Sprache. Das ist ein großartiges Ereignis und paßt wunderbar zum Tag des Buches. Schon haben andere Staaten, die zusammen mit ihren Nachbarn wunde Punkte ihrer gemeinsamen Vergangenheit auf diese Weise aufarbeiten wollen, Interesse an Erfahrungen aus diesem deutsch-französischen Gemeinschaftsprojekt angemeldet.

Arno Gruen – eine Biographie von Monika Schiffer

Donnerstag, 17. April 2008

Arno GruenArno GruenDie Vielfalt bei Klett-Cotta erstaunt mich immer wieder, und sie treibt diesen Blog am besten an. Kaum war ich mit der Lektüre des Romans von Jonathan Littell fertig, kam die Biographie über > Arno Gruen. Jenseits des Wahnsinns der Normalität dran. Sie lag auf meinem Bücherlesestapel ganz oben – danach kommt das Buch von Terence Des Pres, Der Überlebende – Anatomie der Todeslager dran. Die Biographie über Gruen von Monika Schiffer paßt zu meinem letzten Filmerlebnis. Während der Tagung in den USA habe ich den Film von John Huston über Sigmund Freud gesehen, für den Sartre das Drehbuch (Scénario Freud) verfaßt hatte, von dem allerdings nur ca. ein Drittel realisiert wurde. Soviel zur psychologischen Vorgeschichte dieses Beitrags.

Die Biographie über Gruen ist so recht ein Buch, dessen Lektüre einen packt. 13 Jahre alt ist Arno Gruen und geht auf die Theodor-Herzl-Schule in Berlin, wo > Paula Fürst unterrichtet, als sein Vater James Gruen die Überzeugung gewinnt, die schnelle Ausreise der Familie dürfe nicht länger aufgeschoben werden. In jedem Kapitel stehen am Anfang ein, zwei Seiten, auf denen die Autorin kürzliche Begegnungen mit Gruen schildert, sozusagen, ein Rückblick auf die Jahre, die dann in dem Kapitel beschrieben werden. Die Schulzeit in Brooklyn, die Eingewöhnung in das Viertel, die Jahre in der Erasmus Highschool, das wirtschaftliche Auf und Ab des Vaters, das Studium am New York City College und schließlich machen ihn die ersten Veranstaltungen bei Isidor Chein über Abnormalitäten mit Ich will eine Welt ohne Kriegeder Psychologie bekannt. Dann folgt der die Militärzeit, die ihm die ersten Erfahrungen als Psychologe auf Crape Cod bei der Betreuung von Kriegsverletzten gewährt. Dann folgen weitere Studienjahre und eine ersten Anstellung 1948 am Bellevue Psychatric Hospital in New York. Er arbeitet an der Entwicklung eines Kinder-Intelligenztests mit. Er formuliert seinen eigenen psychologischen Ansatz, mit der er sich, so Monika Schiffer, von dem „pessimistischen Menschenbild Freud’scher Prägung“ (S. 104) entfernt und sich gegen die Auffassung, Lernprozesse vollziehen sich durch Repression wendet. Schiffer zitiert einen Satz Gruens: „Unsere Kultur sieht Entwicklung in Zusammenhang mit einem unterbrechenden Eingriff in Der Kampf um die Demokratie natürliche Prozesse.“ (S. 105). In Freiheit entwickeln Kinder ein Bewußtsein der Kooperation und Erweiterung, das die immer neue Aufnahme weiterer Lebenserfahrungen einschließt, fügt er hinzu. Das zielt auf die modernen Theorien des Konstruktivismus und auf die Autonomie des Menschen. Kleinschrittigkeit und die Angst, Schüler nicht zu überfordern, zielen hingegen auf Gängelung und Entmündigung. „Sie haben heute schon wieder mehr als 10 neue Vokabeln eingeführt…“, lautete der strenge Vorwurf in der Referendarzeit. – Mein Dilemma ist diese Blogtextsorte, kurz, knapp, kein Buchklappentext, sondern ein Erlebnistext, und der könnte nach der Lektüre dieses Buches noch viel länger werden. – Schiffers Biographie berichtet über die wichtigen Begegnungen, die Gruen geprägt haben und über das, was er aus diesen Anregungen für seine Arbeit als Psychologe gemacht hat. In > Der Fremde in uns, wo es um „‚falsche‘ Elternliebe und mißratene Autonomieentwicklung geht, kommt er wieder auf sein eigentliches Thema zurück: „Das Gute ist nicht einfach Ergebnis ethischer Werte, die triebhafte Kräfte überlagern,“ schreibt er und erklärt, daß Moralität aus inneren Quellen entsteht und der Aggression und Gewalt überlegen sind: „Ein Selbst, das in Autonomie verankert ist, kann nicht mit der Zerstörung leben,“ fügt er hinzu. Damit zieht Gruen, so Monika Schiffer die Moralphilosophie ein Frage, die allgemeingültige Normen und Werte als die Voraussetzung moralischen Handelns vermitteln will. (S. 123) Bei solchen Zeilen denke ich an die Grundschulempfehlung, mit der heute Lehrer Kindern vorschreiben, ob sie auf die Hauptschule oder aufs Gymnasium gehen dürfen. – Gruen geht es um die Empathie (S. 163), die die Gefühle anderer verstehen will. Seine neuesten Arbeiten drehen sich wieder um die Menschlichkeit und die Frage, was ist der Mensch? Die Hirnforschung nimmt einen größeren Teil seiner Arbeit ein. Er untersucht die Teilung des Gehirns in zwei Hälften und unterscheidet einen analytischen und einen emotionalen Teil, die dem Bewußtsein untergeordnet wird.

Gruens Thesen provozieren und machen nachdenklich. Die Biographie, die Gruens Einsatz gegen jede Form der Fremdbestimmung eingehend darlegt, macht Lust darauf, seine Bücher zu lesen.

Monika Schiffer
> Arno Gruen. Jenseits des Wahnsinns der Normalität – Biografie
ca. 50 sw-Abbildungen
180 S., ISBN: 978-3-608-94449-5

> Alle Bücher von Arno Gruen bei Klett-Cotta

Foto: © Heiner Wittmann, 16. April 2002 im > Literaturhaus Stuttgart

Der Merkur im Monat April

Dienstag, 15. April 2008

Merkur 2008Schon wieder ein Monat rum. Burkhard Müller, er ist Dozent für Latein an der TU Chemnitz, zieht in seinem Aufsatz Trost im Fell des Nachbarn alle Register der Interpretationen zu Kafka und berichtet über die Tiere in seinem Werk. Ihm geht es um den Höhepunkt in Kafkas Werk, den Müller in den drei Tierparabeln sieht. Und er erklärt, wie die Fabeln funktionieren: „In den Tieren der drei Fabeln erst vollbringt Kafka den Streich der übersteigendenden Beschränkung.“ (S. 283) Müller verbindet syntaktische Anmerkungen mit Sinndeutungen. Sein Aufsatz macht Lust darauf, Kafka wiederzulesen. Die Forschungen eines Hundes, so wie Müller sie hier interpretiert, könnten auch zusammen mit seinem Aufsatz Schülern, denen der Zugang zu Kafka als schwierig erscheint, Ansätze, Kafka besser zu verstehen, eröffnen.

Seit vielen Monaten gibt es im Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur immer mehr störende Zwischenmusiken. Kaum wird ein Hörmagazin angekündigt, geht das Gedudel los. Deswegen hören ich die beiden Sender nur noch ganz selten. Jens Hagstedt untersucht den Unterschied zwischen > ernster“ und Unterhaltungsmusik Und zitiert den Aufsatz Carl Dahlhaus, „Ist die Unterscheidung zwischen E- und U-Musik eine Fiktion?“ (in: Ekkehard Jost (Hg.), Musik zwischen E und U, Mainz, Schott 1984). Natürlich nicht, wäre meine erste Antwort, sonst würde ich die beiden genannten Sender noch gerne hören. Aber die Lektüre des Aufsatzes von Hagstedt belehrte mich eines Besseren. Aber letzten Endes ist es doch eine Geschmacksfrage, und ich brauche die Zwischenmusiken im DLF auch weiterhin nicht.

Andreas Kuhlmann schreibt in seinem Aufsatz Zweimal „Deutsche Kultur“ über Wilhelm Furtwängler und Thomas Mann. Und Jens Malte Fischer macht sich Gedanken um Hans Pfitzner nach: großer Komponist und/oder großer Nazi? – Detlev Schöttker wundert sich über Die Wirklichkeit unserer Städte, deren Wiederaufbau in der deutschen Literatur eigentlich übersehen wurde. Ulrike Ackermann hat die Soziologiekolumne verfaßt: Aufklärungsfundamentalismus und Schuldkomplex. Norbert Bolz rezensiert den Band von Heinz Schlaffer, Das entfessselte Wort. Nietzsches Stil und seine Folgen (München, Hanser, 2007) und Hans Rudolf Vaget hat das Buch von David Clay Large über die Nazi Games, The Olympics of 1936 (New York, Norton 2007) gelesen.

Uwe Jochum hat sich mit dem Unfug der Rankings im Wissenschaftsbereich beschäftigt: Die Folge ist die Vernichtung der Geisteswissenschaften. Schade, der Artikel steht im Bereich der Marginalien, obwohl das Thema spielend ein ganzes Heft füllen könnte: Forschungscluster, Exzellenzinitiativen, Evaluationen, die Kosten für das Zählen von Aufsätzen und Zitaten (mittels „Web of Science“ von Thomson Scientific), Elitemittel, Drittmitelfinanzierung (= „Doping … das gezielte EInbringen fremder Interessen“ S. 347), die „Organisation von Verantwortungslosigkeit“ (S. 348), fehlt nur noch die „Unterbindung des ungeahnt Neuen“, wie Jochum das aufmerksamkeitsheischende Publizieren auf den Punkt bringt. – Michael Maar notiert anläßlich des jüngsten Suppplementbandes Über Nachgelassenes und Wiedergefundenes, mit dem Luzius Keller Keller die Werkausgabe von Marcel Proust abschließt, einige Ungereimtheiten Im Werk des Autors auf der Sche nach der verlorenen Zeit. Jörg Drews erinnert wehmütig an Walter Kempowski. Und zum Schluß fragt Hans-Ulrich Gumbrecht, ist eins der größten Filmwerke, Coppolas „Paten“-Trilogie, das Abbild der amerikanischen Ideologie oder gar Mythologie?

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