Verlagsblog

Archiv für September 2008

Herbstprogramm: Das neue Bücherpaket von Klett-Cotta

Montag, 29. September 2008

Ursula BüttnerJonas T. BengtssonKay Peter JankriftKulinarischer Almanach

Eben kam ein neues Paket von Klett-Cotta an. Auf den ersten Block, von jedem ein bisschen, aber das erste Durchblättern, die Daumenprobe zeigt außer den kulinarischen Genüssen (> Cotta’s kulinarischer Almanach N° 16) noch ganz andere Highlights, die uns hier bei den nächsten Beiträgen auf diesem Blog begleiten werden. Welche Reihenfolge beim > Vorkosten? Zuerst > Henker, Huren, Handelsherren, das scheint mir ein Titel zu sein, für den sich auch Schüler interessieren werden. Der Band von Ursula Büttner > Über Weimar. Die überforderte Republik 1918-1933 ist spannend. In der Endphase meines Studiums in Bonn habe ich an dem Buch Kontroverse am Abgrund: Ernst Robert Curtius und Karl Mannheim. Intellektuelle und „freischwebende Intelligenz“ in der Weimarer Republik, Frankfurt/M. 1994, von Dirk Hoeges mitgearbeitet. Bin gespannt darauf, wie Büttner die Stellung der Intellektuellen in diesen 14 Jahren beschreibt. Gerhard Schweizer hat den Band Die Türkei-Zerreißprobe zischen Islam und Nationalismus verfaßt.Gerhard SchweizerEr ist auch der Autor einiger > Beiträge über die Türkei auf diesem Blog. Und dann kommt Jonas T. Bengtssons Roman > Aminas Briefe an die Reihe. Dieses Buch wird am 07.10. 2008 um 20 Uhr 30 in der Monarch-Bar, Skalitzer Str. 134 , 10999 Berlin, Friedrichshain-Kreuzberg, vorgestellt. Der Band ist 2005 in Kopenhagen unter dem Titel Aminas Breve erscheinen und nun von Günther Frauenlob übersetzt worden. Also gar keine beliebige Vielfalt im Paket, sondern drei Bücher zur Geschichte (da freut sich der Historiker), ein Roman von Tropen und den jährlichen Almanach diesmal über den bodenständigen Süden, dessen Ausgabe man diesmal eigentlich nur dann lesen kann, wenn man sich dabei von Lokal zu Lokal bewegen darf/dürfte.

Ein Gespräch mit Michael Klett über
Ernst Jüngers Annäherungen

Freitag, 26. September 2008

Michael KlettErnst Jünger, AnnäherungenBei Klett-Cotta wurde in diesem Herbst, das Buch > Annäherungen. Drogen und Rausch von Ernst Jünger neu aeufgelegt. Heute hat Michael Klett mit mir ein Gespräch über dieses Buch geführt. Ich habe ihn gefragt, warum dieser Band jetzt neu aufgelegt wurde, und um was es Jünger bei seiner Beschäftigung mit Drogen tatsächlich ging? Wir haben auch über Jüngers eigene Drogenexperimente mit LSD und Mescalin gesprochen.

Jünger schreibt in den Annäherungen: „Der Rausch enthüllt, als ob ein Vorhang aufgezogen würde oder als ob er die Tür zu tiefen Krypten aufstieße. Er ist ein Schlüssel unter anderen.“ (S. 111) Man kann Drogen nicht abschaffen, so Michael Klett, es sei eine Aufgabe der Zivilisation und auch der Politik, die richtigen Grenzlinien zu finden. Es geht dabei auch um Aspekte der Freiheit aber auch die Risikoaspekte, die es zu beachten gelte.

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44,1Khz.

> Ernst Jünger
Annäherungen. Drogen und Rausch
Stuttgart 2008
456 Seiten
ISBN: 978-3-608-93841-8

Photo: H. Wittmann

W.G. Sebald – Verstreute Reminiszenzen

Dienstag, 23. September 2008

Im Literaturaturhaus Stuttgart gbt es seit heute bis zum 17.12.2008 eine Ausstellung mit Bildern und Dokumente rund um die Stuttgart-Rede, die W.G. Sebald am 17. November 2001 zur Eröffnung des Literaturhauses in der Alten Reithalle hielt: > W.G. Sebald — Verstreute Reminiszenzen.

Ausstellung Sebald

Die Austellung ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie man einen wunderbaren Text an dem Ort, für den er bestimmt ist, sichtbar machen und zur Diskussion stellen kann. Es ist auch der Gründungs-Text, der alle weiteren > Veranstaltungen in dem Raum, wo seine Auszüge jetzt hängen, seit 2001 stattfanden, begleitet haben. In diesem Sinne ist auch der Erfolg des Stuttgarter Literaturhauses mit diesem Text verbunden.

Am 14. Dezember 2001 starb W.G. Sebald bei einem Autounfall in der Nähe von Norwich. Die Eröffnungsrede wurde mehrfach nachgedruckt und 2004 für die Zeitschrift/ The New Yorker/ ins Englische übersetzt.

Gestern abend wurde die Ausstellung nach einem > Gespräch zwischen Daniel Kehlmann und dem Literaturwissenschaftler Mark M. Anderson, Professor an der New Yorker Columbia University eröffnet.

Mit einem Vortrag von Kurt W. Forster wird am 26. September, 20 Uhr, im Marbacher Literaturmuseum der Moderne (LiMo) die Ausstellung > Wandernde Schatten. W. G. Sebalds Unterwelt eröffnet. Im Hanser Verlag erscheinen am 10. September unter dem Titel Über das Land und das Wasser ausgewählte Gedichte von W. G. Sebald, herausgegeben von Sven Meyer.

Alle weiteren Fotos früherer > Veranstaltungen im Stuttgarter Literaturhaus.

Die Türkei – Zerreißprobe zwischen Islam und Nationalismus (III)

Montag, 22. September 2008

Gerhard SchweizerAufstrebende Parteien einer „Islamischen Moderne“

Zu den Paradoxien der letzten drei Jahrzehnte gehört es, daß ausgerechnet „islamisch“ orientierte Politiker mit deutlicher Kritik an den Positionen der Kemalisten heute ideologisch beweglicher und pragmatischer sind als viele der betont säkularen Nationalisten. Zwar gab und gibt es auch in der Türkei radikale Islamisten, die sich mit ihrer Intoleranz und dogmatischen Härte kaum von radikalen Gruppierungen arabischer und iranischer Islamisten unterscheiden, aber sie finden nur bei einer verschwindend kleinen Minderheit der türkischen Bevölkerung Zustimmung. In den Vordergrund schieben sich mehr und mehr Gruppierungen, die sich von den totalitären Vorstellungen einer religiös-politisch durchstrukturierten Gesellschaftsordnung distanzieren und sich ausdrücklich zum „Laizismus“, zur strikten Trennung von Religion und Politik, zur Religion als „Privatsache“ bekennen.
Diese moderat „islamisch“ orientierten Politiker fordern im Unterschied zu den meisten säkularen Nationalisten einen demokratischen Pluralismus nicht nur für religiöse, sondern auch für ethnische Gruppierungen. So kommt es, daß heute die „konservativ islamische“ Partei AKP unter Recep Tayyip Erdogan den Maßstäben einer westlichen Demokratie näher kommt als die maßgebenden Parteien eines strikt säkularen Nationalismus. Nicht die CHP, die Partei Atatürks, plädiert heute nachhaltig für mehr Demokratie und eine Machtbeschränkung des Militärs, sondern die AKP. Nicht die CHP ist heute die entschiedenste treibende Kraft für einen Beitritt zur EU, sondern wiederum die AKP.
Immer mehr wird deutlich, daß die Ideologie des säkularen Nationalismus – die doch aus Europa importiert wurde – mit ihrer Radikalisierung eines intoleranten Türkentums weniger in die „europäische Wertegemeinschaft“ zu integrieren ist als eine reformbereite und pragmatisch bewegliche „islamische“ Bewegung. Andererseits muß auch die politische Praxis des Ministerpräsidenten Erdogan kritisch beobachtet werden. Es ist immer noch eine offene Frage, inwieweit die mit absoluter Mehrheit regierende AKP ihren „Weg nach Europa“ tatsächlich konsequent fortsetzt oder ob sie nicht – wie zuvor die säkularen Nationalisten – eigene Grundsätze unterläuft.

Ernst Jünger, Annäherungen Drogen und Rausch

Sonntag, 21. September 2008

Ernst Jünger, AnnäherungenIn 315 Abschnitten, die durch einige Kapitel („Parerga“) ergänzt werden, berichtet Ernst Jünger in > Annäherungen über seine Erlebnisse, „Fahrten“ und Erfahrungen mit Drogen und Rausch. Dieser Band erschien zum ersten Mal 1970, er ist in diesem Herbst bei Klett-Cotta neu aufgelegt worden.

Annäherungen sind eine Umschreibung für den essayhaften Ansatz dieses Buches. Das Thema wird nicht erschöpft („Annäherung hat kein greifbares, kein nennbares Ziel…“ S. 67) , es wird von vielen Seiten eingekreist und dabei entsteht eine Art Autobiographie, die Erlebnisse rund um Drogen nennt, beschreibt und analysiert, doch stehen dabei Drogen nicht beherrschend im Mittelpunkt. Gleichzeitig vermittelt Jünger aber auch doch Ansätze zu einer Kulturgeschichte des Tabaks, alkoholischer Getränke wie Wien und Bier und verbindet mit ihnen Erlebnisse aus Jugendtagen. Die Literatur (Beaumarchais, Dostojewski, Baudelaire, Rimbaud, S. 190 f., Maupassant, S. 175 ff., – wird er nicht überschätzt? – Poe, de Quincey u. v. a.) gibt immer wieder neue Stichworte (siehe auch „Bücher und Leser“, S. 444 f.: „Ich fuhr nicht von Leipzig nach Halle, sondern von einem Kapitel zum anderen.“)

„Im Grunde ist jeder Genuß geistig…,“ (S. 19) schreibt Jünger und erinnert an den „Typus des geistigen Abenteurers“, (S. 20) den er in Gestalt des Antonio Peri, eines parsischen Buchbinders, der jahrelang seine Drogenexperimente dokumentiert, In Heliopolis. Rückblick auf eine Stadt (1949) dargestellt hatte. Peri glaubte jede Droge enthalte eine Formel, die gewissen Welträstel deuten könne.

Es folgen wesentliche Begriffsbestimmugen, zum Einfluß der Drogen (Morphium, Äther, Kokain, Opium. Sie wirkt auf die Aktion und auf die Komtemplation. (S. 28) Das deutet u.a. auf die Kunst. Jünger vergisst darüber die Gefahren nicht. „Jede Konzentration, aber auch jede Entspannung muss bezahlt werden,“ heißt es bei ihm und er warnt vor einem Risiko, das je höher sei, je weniger kalkuliert werde. Später weist er auch mehrmals daraufhin, daß unterschiedliche Charaktere ganz verschieden auf die Drogen reagieren: „… bis eines Tages der Waagbalken bricht.“ (S. 40) Übergänge sind fließend und trennen kaum das Trinken vom Zechen, (S. 91) und manchmal ist „der Rausch eine der letzte Ressourcen, die geblieben sind.“ (S. 117).

In subtiler Weise untersucht er mehrmals die Verstärkung des Rauschs durch höhere Dosierungen, es ist ein Vortasten, das sich der Grenzen bewusst bleibt, nach dem ersten Drogen-Schock damals in Halle. Rausch und Sucht liegen nah beieinander, (S. 143, auch S. 154). Das Cannabis-Erlebnis konnte er nur verheimlichen, indem der Mittagskarpfen die Schuld bekam (S. 268) Neben Meskalin-Fahrten hat er eine seiner LSD-Fahrten, nicht Trip, 1970 unternommen und protokolliert. (S. 396 ff)

Die Einteiltung in 315 Kapitel könnte auf Jüngers Erinnerungen einzelner Gespräche und bestimmter Erlebnisse zurückzuführen sein, die er meist unabhängig voneinader notiert hat und für diesen Band thematisch geordnet hat. Damit könnten diverse Zeitsprünge erklärt werden. Andererseits wird ein Erlebnis oder eine bestimmte Droge von verschiedenen Seiten als Vorgang und im Sinne einer Bewertung in aufeinanderfolgenden Abschnitte untersucht.

Es sind vor allem die vielen Anmerkungen zu Kunst, (S. 164 f., S. 190, S. 303 f., S. 307 f., S. 331 ff) die einen Einblick in Jüngers Denken geben und über seine Versuche mit und das Nachdenken über Drogen hinausweisen. Von der Fotografie verspricht er sich Neues, „wenn sie aus der veralteten Anithese von Kunst und Technik befreit ist.“ (S. 252)

Das Nachdenken über den Rausch und die Erklärungen über Drogen können helfen manche der literarischen Werke, die Jünger zitiert, besser zu verstehen. Er legt keine Anleitung zum Drogenverzehr vor, das wäre als Verständnis in törichter Weise zu kurz gegriffen, aber er will die Beziehung von Genuß und Geist untersuchen. Und er weiß, dass jedes Abenteuer durch die Nähe des Todes [lebt], den es umkreist.“ (S. 21)

Siehe auch: Frank Schirrmacher, > Mein Lieblingsbuch: „Annäherungen – Drogen und Rausch“, FAZ, 30. August 2004

> Ernst Jünger
Annäherungen. Drogen und Rausch
Stuttgart 2008
456 Seiten
ISBN: 978-3-608-93841-8

MERKUR – Das Doppelheft September/Oktober 2008

Freitag, 19. September 2008

MerkurBeim Durchblättern der vielen Aufsätze von Historikern, Philosophen und Soziologen fällt auf, dass die Gruppe der Literaturwissenschaftler, einschließlich der Schriftsteller in diesem Heft zahlenmäßig unterlegen ist. Das liegt ohne Zweifel an der Ausrichtung des Heftthemas und der Akzente, die die > Herausgeber setzen wollten. Aber von außen betrachtet muss daraufhingewiesen werden, daß das Neue zwar stets von Historikern mit besonderer Aufmerksamkeit und zu Recht beobachtet wird, denn sie messen es an der Vergangenheit. Aber wie kommt das Neue in die Welt? Und das ist der Punkt, der von Historikern meistens unterbelichtet wird. Mit der Konzeption der Festschrift für Dirk Hoeges > Literarische Autonomie und intellektuelles Engagement sollte die unauflösbare Einheit von Literatur und Geschichte demonstriert werden. Es sind die Literaten in erster Linie, denen an der geistesgeschichtlichen Entwicklung einen nicht zu unterschätzenden Anteil haben. Man darf auch von der Antizipation sozialer Gegebenheiten in der Literatur sprechen, da ihnen das „Wie es sein könnte“ viel vertrauter als dem Historiker sein darf. Diese dürfen aber die Literatur und die Geistes- und Kulturgeschichte nicht ausblenden, da hier die Scharnierstellen zwischen Vergangenheit und Zukunft erkennbar werden. Der Beitrag von Jürgen Paul Schwindt, Vom Phantasma zur Denkfigur. Das Neue bei den Griechen und Römern ist nach dieser Art verfasst. Er zitiert die Saturnalien des Macrobius und entwickelt die ganze Argumentation seines Beitrags entlang der Werke von Literaten, Historikern und Staatstheoretikern. Keiner der Autoren dieses Bandes, Volker Gerhardt, Norbert Bolz, Rainer Hank wie auch Jörg Lau kommt ohne die Nennung der Intellektuellen aus, die die Entwicklung vorantreiben. Christiane Meier untersucht die Entwicklung des Neuen in der Polis und zitiert Indizien aus Aischylos‘Orestie. Alexander Demandt führt die Fäden zusammen und beschreibt die Neuerungen der Spätantike. Die Renaissance und der Aufstieg Europas ist das Thema con Enno Rudolph. „Pico della Mirandola oder der Kampf und die Freiheit“ lautet eine seiner Kapitelüberschriften.

Und dann folgt in diesem Heft ein zweiter Teil, der die Neugier eingehend unter soziolgischen, philosophischen und auch kulturhistorischen oder – wissenschaftlichen Aspekten untersucht. Martin Seel schreibt über Neugier als Laster und Tugend mal als Motor, mal als Sand im Getriebe. Auch Friedrich Ohlmann hat den zweideutigen Klang der Neugier aufgenommen. Er geht in seinem Beitrag auf Pädagogik und die Entwicklung von Kindern ein. > Helga Notwotny ergänzt seine Ausführungen und spricht von Grenzüberschreitungen. Dann folgen anthropologische Beiträge über Erstbegegnungen mit indigenen Kulturen (Karl-Heinz Kohl) und von Siegfried Kohlhammer über das Neue in der japanischen Kultur, Paul Michael Lützeler berichtet über China. Hans Ulrich Gumbrecht stellt in seinem Beitrag die Stagnation dem Fortschritt gegenüber. Die letzten Beiträge befassen sich mit Mode, Handys und reflektieren wie Hans-Peter Müller das Verhältnis von Tradition und Moderne.

In ihrem Vorwort erklären beiden > Herausgeber, Karl Heinz Bohrer und Kurt Sceel, dass das Neue in Misskredit geraten sei. Daraus wollen sie aber nicht ableiten, dass die daraus entstehende Scheu ein neues Paradigma werden könne. Ich kann nur wiederholen: Hinsichtlich der neugiere und dem Neuen sind die Schriftsteller und Intellektuellen gefordert, und ich freue mich auf die vielen Neuerscheinungen der Buchmesse. Und neugierig bin ich allemal. Wer wird das Neue als Thema sich aneignen?

> MERKUR. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken

Serge Joncour: Ultraviolett

Dienstag, 16. September 2008

Serge JoncourSie haben nur eine eher kürzere Bahnfahrt vor sich? Dann ist
> Ultraviolett von Serge Joncour in der Übersetzung von Nathalie Mälzer-Semlinger für Sie die genau das Richtige. Es wird für einige Tage ein Einblick in die Sommerferien einer Familie geboten, die den Juli in ihrem Haus auf einer Insel verbringt. Der Sohn der Familie, Philip ist auf Reisen, in den USA heißt es, seine Rückkehr wird spätestens am 14. Juli erwartet, wird er doch wie jedes Jahr das Feuerwerk pünktlich selber zünden wollen. An seiner statt taucht ein Unbekannter am Pool auf, der Julie und Vanessa gerad noch Zeit läßt, sich zu bedecken. Boris heißt der Ankömmling, der von einem Internat spricht und Vertrautheit mit Philip erkennen läßt.

Boris bleibt einfach mal da, bei den Eltern, den beiden Schwester und André-Pierre, der Schwager Philips und den Kindern. Die Mutter freut sich über den unverhofften Besuch, als Zeichen, dass ihr Sohn nun auch bald wiederkommen werde. Boris mischt die Familie so richtig auf und geht André-Pierre zunehmend auf den Geist. Die beiden Schwestern können dem Fremden nicht so recht widerstehen. Hinter der gediegenen Fassade tun sich manche Abgründe auf, von denen die verschiedenen Familienmitglieder mal mehr oder weniger wissen, aber von denen André-Pierre am meisten weiß. Das Internat und dessen Zucht und Ordnung führen bei den Zöglingen zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen. Einige Rückblenden, wie auf das Kennenlernen von Vanessa und André-Pierre präzisieren so manche Entwicklung und liefern zusätzliche Erklärungen.

Das Lesepensum für heute und die beiden nächsten Abende hat der Band so recht durcheinandergebracht oder besser gesagt abgekürzt, denn er ist so recht zum Durchlesen in einem Zug gemacht. Und das Ende habe ich gleich dreimal gelesen. War da etwas, was ich überlesen hatte? Serge Joncour hat hier die beschaulichen Ferien einer Familie erzählt, deren heile Welt nur Fassade ist, die Eltern wissen es nicht, der Vater ahnt es vielleicht; Philip ist immer noch nicht mit dem Studium fertig, weiß er zu berichten. Boris‘ Präsenz bringt eigentlich nichts durcheinander, sondern deckt auf, ohne dass die Anwesenden so recht merken, wie ihnen geschieht. Er wirft sie einzeln aus der Bahn (die Schwestern), macht das Boot Riva wieder flott (mit dem Vater) sagt die Unwahrheit über seinen Boots-Führerschein, probiert das Boot zum Gejodel der Kinder und zur Sorge ihrer Mutter aus. Der Roman präsentiert die Geschichte wie einen Fernsehfilm, in dem die Szenenabfolge oft kürzer als bei richtigen Kinofilmen verläuft. Der Erzähler zieht seinen Leser in den Roman hinein, der einen Leseaufschub nicht so recht duldet.

Zum > Film von Gilles Paquet-Brenner

Serge Joncour,
> Ultraviolett
Roman
Aus dem Französischen von Nathalie Mälzer-Semlinger
1. Aufl. 2008
174 Seiten
ISBN: 978-3-608-93793-0

Michael Wildenhain: Träumer des Absoluten

Dienstag, 16. September 2008

Michael WildenhainBin als > Vorkoster mit meinem Wochenpensum schon durch. Am Wochenende > Glückseligkeit und dann der der neue Roman von Michael Wildenhain, > Träumer des Absoluten der von der Freundschaft zwischen Tariq, Jochen und Judith erzählt. Sie kennen sich aus Schultagen, haben zusammen Sport gemacht. Später während des Studiums oder als Studienunterbrecher schließen sie sich mit unterschiedlichen Motiven der Hausbesetzerszene an. Judith kann sich zwischen beiden nicht so recht entscheiden. Später bleibt sie bei Jochen. Tariq muß vor Gericht erscheinen und nutzt die Kronzeugenregelung.

Der Roman sucht nach den Gründen für die Gewaltbereitschaft. Tariq widerspricht beim Turnen: „Bock ist kein olympisches Gerät.“ (S. 32) Der Trainer zieht gleich die Meldung Tariqs für die Bezirksmeisterschaft zurück. Später hält Tariq Jochen ein Buch hin: Die Stadtguerilla. Zwischendurch geht Tariq nach Hamburg, kommt dann an Jochens Schule und wird kurz darauf zum Schulsprecher gewählt. In ihren Gesprächen miteinander verraten Jochen und Tariq ziemlich gründliche Kenntnisse in Mathe und Physik. Und Tariq berichtet seinem Freund über die Anti-AKW-Gruppen in Hamburg, wo er mit Kampfsport begonnen hat. Der Schulleiter Herr Schwaerdtfeger wird Tariqs Opfer; der Schüler widerspricht ihm und deckt schließlich dessen Vergangenheit auf. Es kommt zum Eklat, Tariq kehrt wieder nach Hamburg zurück. Jochen beginnt lustlos ein Praktikum bei Siemens. Später wird der Mathe studieren und fängt an zu schreiben. In die Hausbesetzerszene kommt Jochen, weil er Leute wie Tariq und andere kennt, viel Überzeugung bringt er nicht mit: „Wir kämpfen militant und empfinden moralisch,“ (S. 181) ohne näher zu erläutern, was er damit meint. Er weiß aber auch, „Die „Theorie, der wir folgen, ist nicht nur politisch, sondern logisch unhaltbar: sich aus der Gesellschaft an einen Ort zurückziehen, der nichts mehr mit ihr gemein haben soll.“ (S. 182) Alle anderen Personen, die beim Besetzen mitmachen, bleiben merkwürdig unscharf und verschwinden in der Szene. Um so mehr konzentriert sich der Roman auf die Entwicklung der der drei Freunde. Nur über sehr wenige wie Diddi (Selbstmord), Môht und ihren Untergang wird mehr erzählt. Die kurzen Begegnungen mit früheren Lehrern wirken wir Rückblenden, auch als Anregung, den Weg seit der Schulzeit zumindest unbewusst zu überprüfen. Das sind dann auch Bausteine, um eine Erklärung zu finden, wie sie in die Situation hineingeraten konnten, ohne dass explizit danach gefragt wird, das ist aber auch das Thema des ganzen Romans.

Jochen distanziert sich von der Szene, kann sich aber nicht ganz von ihr lösen, während Tariq zum Kleinkriminellen avanciert. Judith hat ihm wohl einiges abgeguckt, die Einladung in ein Nobelrestaurant, die Jochen gilt, endet mit ihrer wilden Flucht als Zechpreller. Die Einkesselung durch die Polizei bei einer anderen Gelegenheit und der gewalttätige Ausbruch ist für Jochen das Signal die Szene aufzugeben. Jochen wird Professor in Tübingen und Tariq landet auf dem Weg über die Revolutionären Zellen vor Gericht.

Der Erzählstil dieses Buches hat mich beeindruckt. Rund dreißig bis vierzig Jahre umfasst der Roman. Die relativ kurzen Erzählabschnitte, die schnell wechselnden Orte der Handlung, die Zeitsprünge einschließlich der kurzen Rückblenden, die Teil der Handlung werden, die Charakterisierung der Hauptpersonen im wesentlichen durch direkte Rede und das Reagieren auf die Anderen, die knappen Ortsbeschreibungen und die rasant geschrieben Erzählpassagen, wie beim Turnen, treiben die Handlung voran. Dieser Spannung kann der Leser sich kaum entziehen: Lesetip für eine Zugreise: Hin und Zurück. Die Mathekenntnisse verleihen Jochen und auch seinem Freund Tariq beinahe eine gewissen Autorität, man möchte meinen, daraus hätten sie mehr machen können, was Jochen ja auch gelingen wird. Ist Tariq alleine daran schuld, dass die drei in der Szene mitmachen? Hat er sie beeindruckt, obwohl sie manche seiner Aktionen gar nicht gut heißen? Eine echte Protesthaltung ist bei Jochen gar nicht so recht zu erkennen. Tariqs Ausflüge werden für ihn zu „negativen“ Bildungserlebnissen, wo er mit Leuten zusammentrifft, über die nicht genauer berichtet wird. Und doch wird deutlich, wie sehr kurze und prägnante Einflüsse über Lebensjahre entscheiden können. Der Roman ist gleichzeitig ein Erinnerungsbericht, er erzählt die vergangenen Jahre und lässt doch den Leser unmittelbar am Geschehen teilhaben. Das ist es, was ihn so spannend macht.

Michael Wildenhain,
> Träumer des Absoluten
1. Aufl. 2008
335 Seiten
ISBN: 978-3-608-93757-2

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