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Archiv für März 2009

Peter Kaeding: Johann Friedrich Cotta

Dienstag, 24. März 2009

Kaeding: Johann Friedrich CottaKaum ist die Leipziger Buchmesse vorbei, wächst mein Bücherstapel noch immer. Eben erst habe ich einen neuen Band ausgepackt und gleich angefangen Peter Kaedings > Die Hand über der ganzen Welt. Johann Friedrich Cotta – Der Verleger der deutschen Klassik zu lesen.

Klett-Cotta hat zum 350-jährigen Cotta-Verlagsjubiläum eine wunderbare Biographie des wohl bedeutendsten deutschen Verlegers veröffentlicht. Es geht um das Leben Cottas, um Ökonomie, um Literatur und um Geschichte und vor allem um den Wiederaufbau un dei Blüte eines Verlages in einer aufregenden Zeit, einer echten Zeitenwende. 1787 übernimmt der 23 Jahre alte Johann Friedrich Cotta (1764 -1832) die Cotta’sche Verlagsbuchhandlung in Tübingen und führt sie an die Spitze der Buchhandlungen in Deutschland. Sein erster Messebesuch zu Fuß zur Leipzig, und er ist überzeugt davon, dass er sich seine Autoren suchen muss, um sein Verlagsprogramm zusammenzustellen. Glück sicherlich, aber auch Sachverstand ist der Pate seines Erfolgs, und er ist vor Ort, so 1790, um in Paris mit eigenen Augen zu sehen, was sich dort zuträgt. Ein Aufklärer, der sich am Sturm auf die Bastille berauscht, der aber vor allem die Verkündung der Menschen- und Bürgerrechte begrüßt und sie ernst nimmt. Und er kümmert sich auch um die Rechte und die Interessen seiner Zunft, so im gleichen Jahr, als Herzog Karl Eugen um gesetzlichen Schutz und Beistand vor Raubdrucken bittet. Schließlich lernt Cotta Friedrich Schiller im März 1794 kennen. Ein neues Kapitel deutscher Verlagsgeschichte hat begonnen.

Mit diesem Buch bekommt der > Vorkoster allerbeste Kost. Ein wunderschönes Buch, mit richtigem Leineneinband, und perfekt gebunden. Zuerst dieses! Und dann erst guck ich wieder nach meinem Stapel.

Peter Kaeding, > Johann Friedrich Cotta. Die Hand über der ganzen Welt
Johann Friedrich Cotta – Der Verleger der deutschen Klassik

Auflage: 1.Aufl. 2009
Ausstattung: Leinen mit eingelassenem Titelschild, Fadenheftung, Lesebändchen,
496 Seiten, ISBN: 978-3-7681-9712-0

Kriegskinder (2) heute abend im Ersten

Montag, 23. März 2009

Sabine BodeHeute abend zeigt das Erste den zweiten Teil des Films von Martin Hübner > Kriegskinder (2).Mit den Bomben kam die Angst.

Sendetermin: Montag, 23. März 2009, 21.00 Uhr

Bei Klett-Cotta ist gerade der Band > Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation von Sabine Bode erschienen. > Sabine Bode lebt als freie Journalistin in Köln, schreibt Sachbücher und arbeitet für die Kulturredaktionen des Hörfunks von WDR und NDR. Es geht um die Kinder der Kriegskinder. Die Kriegsvergangenheit zeigt immer noch vielen Familien Spuren, die bis in die zweite und dritte Generation hineinreichen. Die Generation der Kinder der Kriegskinder ist in den Zeiten des Wohlstands aufgewachsen. Ihre tief sitzende Verunsicherung stammt möglicherweise von den Eltern stammen, die ihre Kriegserlebnisse nicht verarbeitet haben.

> Kriegskinder WDR

Nachgefragt: Gerhard Gnauck, Wolke und Weide

Mittwoch, 18. März 2009

Gerhard GnauckGerhard GnauckEs geht um Marcel Reich-Ranickis polnische Jahre. Der Autor, Korrespondent der WELT in Warschau, hat für sein Buch den Titel Wolke und Weide gewählt, zu dem er sich durch das Gedicht von Rajzel Zychlinski “opgerissn, opgeschlissn” hat inspirieren lassen.

Auf dem Stand von Klett-Cotta bei der Leipziger Buchmesse hat Gerhard Gnauck das Anliegen seines Buches erläutert:

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10 Minuten

Es geht um Erinnerungen an Marcel Reich-Ranickis Jahre in Polen. Der Autor berichtet über wichtige Stationen von 1938 bis 1958 anhand unbekannter Fotos und bisher verschollener Dokumente. Das waren Jahre der Todesangst, 1940 im Warschauer Ghetto, dann die Flucht auf dem Weg zur Deportation 1943. Schließlich können Marcel Reich und seine Frau Teofila entkommen und beginnen ein neues Leben. Ab 1944 arbeitet Marcel Reich für den polnischen Geheimdienst in Kattowitz, Berlin, London, Warschau. 1958 kommt er unter dem Namen Marcel Reich-Ranicki nach Deutschland und wird der bekannte Literaturkritiker.

Es geht nicht nur um die biographischen Erkenntnisse zu Marcel Reich, es geht in diesem Band auch um das Polen zwischen 1940 und 1950, in dem sich wie in einem Kristallisationspunkt alle Tragödien ereignen.

> Leseprobe

> Gerhard Gnauck im Gespräch mit Tina Mendelsohn am 3sat-Messestand (13.03.2009)

Am Samstag, 14. März 2009, war Gerhard Gnauck auch zu Gast auf dem > Blauen Sofa

Gerhard Gnauck, > ARD zeigt Marcel Reich-Ranickis Leben als Film, DIE WELT, 4. März 2009. Der Film wird am Mittwoch, dem 15. April, in der ARD gezeigt: > Marcel Reich-Ranicki. Mein Leben

Gerhard GnauckGerhard Gnauck

Gerhard GnauckGerhard Gnauck

In der > Mediathek vom ZDF ist das Gespräch als Video verfügbar. Einen direkten Link zur Sendung gibt es nicht, aber eine Suchfunktion.

Gerhard Gnauck, > Wolke und Weide, Marcel Reich-Ranickis polnische Jahre
Auflage: 1. Aufl. 2009
Ausstattung: gebunden mit Schutzumschlag, 24 S. Tafelteil mit Farb- und s/w-Abb.
311 Seiten, ISBN: 978-3-608-94177-7

Tropen-Party: Michal Hvorecky las aus Eskorta

Montag, 16. März 2009

Michal HvoreckyMichal Hvorecky> Michal Hvroecky, mit dem ich am Freitag auf der Leipziger Buchmesse ein > Gespräch über sein Buch > Eskorta geführt habe, hat abends die Tropen-Party mit einer Lesung aus seinem Buch eröffnet. Einige autobiographische Passagen kommen auch drin vor, manches hat er wohl hinzugedichtet. Aber die Überzeichnung des Booms im Osten als Persiflage auf den Westwohlstand ist ihm echt gelungen.

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35 Minuten

Nachgefragt: Tod Wodicka, Der amerikanische Ritter

Sonntag, 15. März 2009

Der amerikanische RitterTod WodickaEigentlich lese ich die Bücher, bevor ich hier darüber schreibe, sozusagen als > Vorkoster. Nur diesmal ging alles entschieden zu schnell, der Bücherstapel wurde immer größer, immer neue Päckchen kamen an. Ein Buch hatte ich vergessen zu bestellen, und dann stand auch schon sein Autor, > Tod Wodicka, auf dem Stand der Buchmesse mir gegenüber. > Der amerikanische Ritter heißt sein Roman, der die Geschichte von Burt Hecker erzählt. Sein Mittelalter-Tick passt nicht so recht in den Alltag seiner Familie. Seine Reise nach Europa zum Hildegard-900-Treffen eröffnet dem Helden der Erzählung die Chance, sich mit seinen Kindern zu versöhnen. Also ein Roman über Deutschland und Europa aus der Sicht eines Amerikaners. Aber wie kommt Wodicka bloß auf Hildegard von Bingen? Und dann lässt er seine Hauptperson auch noch zu ihr hinreisen. Und der Autor hat wohl einen der wenigen Titel der Weltliteratur mit zwei Semikolons: All shall be well; and all shall be well; and all manner of things shall be well. Da fällt das Nachfragen “Sie sprechen deutsch? – No, I don’t do.”…. nicht schwer:

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Leider wieder nur 10 Minuten.

> Der amerikanische Ritter Roman
Aus dem Amerikanischen von Anke Caroline Burger (Orig.: All shall be well; and all shall be well; and all manner of things shall be well), 1. Aufl. 2009, gebunden mit Schutzumschlag, 300 Seiten.
ISBN: 978-3-608-93608-7

Nachgefragt:
Martin Beyer, Alle Wasser laufen ins Meer

Sonntag, 15. März 2009

Martin BeyerMartin BeyerAuf dem Stand von Klett-Cotta habe ich am letzten Donnerstag Martin Beyer getroffen und ihn nach seinem Roman > Alle Wasser laufen ins Meer gefragt. Warum dieser Titel? Ein Roman, eine Biographie? Kunst und Liebe? Die Werke Trakls? Das hat echt Spaß gemacht, mit Martin Beyer zu sprechen. In unserem Gespräch wurde deutlich, wie gut er mit der Biographien Trakls und der anderen Gestalten seines Buches vertraut ist, und wie er dennoch gekonnt einen Roman verfasst hat.

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11 Minuten

Lesen Sie sein erstes Kapitel, das ist ein wunderbarer Auftakt. Sicherlich geht es auch um Liebe, aber vor allem um die Kunst, wie finden die drei Hauptpersonen ihre Wege zur Kunst zu einer Zeit, die in Deutschland in die Tragödie des Ersten Weltkriegs mündet?

Klett-Cotta bietet auf der Website des Verlags einen Leseproben-Podcast (mp3-Datei, 9 MB) an zum Reinhören an.

Martin Beyer
> Alle Wasser laufen ins Meer
Auflage: 1. Aufl. 2009
Ausstattung: gebunden mit Schutzumschlag
240 Seiten
ISBN: 978-3-608-93609-4

Nachgefragt: Michal Hvorecky, Eskorta

Sonntag, 15. März 2009

Michal HvoreckyMichal Kirchner ist der Spross einer Zweckehe homosexueller Eltern und erlebt schon als Kind die Verhörungspraktiken des tschechoslowakischen Geheimdienstes. Nach der Flucht in den Westen kehrt er in seine Heimatstadt Bratislava zurück. Er wird von einer Agentur, Eskorta, angeheuert und begleitet fortan reiche Managergattinen aus dem Westen. Ein Roman, ironisch, bisweilen exzessiv und auch grotesk, da musste ich doch mal nachfragen. Auf dem Stand der Leipziger Buchmesse gab es am Freitag eine Gelegenheit, mit Michal Hvorecky über sein neues Buch > Eskorta sprechen:

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ca. 11 Min.

Michal HvrocekyVor unserem Gespräch hatte > Michal Hvorecky bei 3Sat über sein Buch berichtet.

Michal Hvroecky
> Eskorta. Roman
Aus dem Slowakischen von Mirko Kraetsch (Orig.: Eskorta)
Auflage: 1. Aufl. 2009,
Ausstattung: gebunden mit Schutzumschlag
250 Seiten, ISBN: 978-3-608-50102-5

Nachgefragt: Gefährdet die Globalisierung unsere Seele?

Sonntag, 15. März 2009

Unternehmen BabylonAuf der Leipziger Buchmesse gab es auf dem Stand von Klett-Cotta eine Gelegenheit, mit > Peter Winterhoff-Spurk über sein Buch > Unternehmen Babylon. Wie die Globalisierung die Seele gefährdet zu sprechen und ihn zu fragen, wieso das Bild von Bruegel Der Turmbau zu Babel auf dem Umschlag erscheint und was er in Bezug auf die Globalisierung seinen Studenten rät:

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ca. 10 Min.

Hier auf diesem Blog > Was macht die Globalisierung mit uns? oder Oder was machen wir aus der Globalisierung?

Winterhoff-Spurk, Peter
> Unternehmen Babylon. Wie die Globalisierung die Seele gefährdet
1. Aufl. 2008, gebunden mit Schutzumschlag, 12 sw-Abbildungen, farbig bedruckte Vorsätze, 280 Seiten, ISBN: 978-3-608-94436-5

Einkaufszentren: Die Hölle für den Bürger

Dienstag, 10. März 2009

Merkur 718Das März-Heft des MERKUR ist viel zu schade, um eben mal in resümierender Art und Weise hier in Form eines Blogbeitrags beschrieben zu werden. Jens Bisky, er ist Redakteur der Süddeutschen Zeitung, hat sich die Einkaufszentren in unseren Innenstädten genauer angesehen: In der Architekturkolumne schreibt er über Die Stadt und das Shoppen: ” Kaufhäuser kommen aus der Mode, und Einkaufszentren haben zwar geschäftlichen Erfolg, aber keinen Ruf mehr zu verlieren, ob sie sich nun mit C schreiben oder ‘Arkaden’ beziehungsweise ‘Galerie’ heißen. Dass sie des Teufels sind, scheint ausgemacht: Indem sie den Konsumenten ein Paradies vorgaukeln, erschaffen sie eine Hölle für den Bürger.” Aber er hat auch Beispiele wie in Posen oder die Galeria Kaufhof am Alexanderplatz in guter Erinnerung, aber die sind auch in ihr Umfeld sorgsam eingepaßt und wirken wie hineingewachsen.

Ansonsten sind Einkaufszentren meist ärgerliche Fremdkörper in unseren Städten, und betrachtet man ihre Lage, denkt man unwillkürlich an eine Art der Stadtzerstörung. In Stuttgart wurde das Stilwerk hinter dem > Königsbau versteckt und sorgte für eine wachsende Nachverdichtung. Von oben sieht man förmlich, wie man für die frei Fläche nach Abriss der Post eine neue Verwendung gesucht hat, aber keine Anbindung an ein bestehendes Gebäude realisieren konnte. Architekten sagen, es spricht nicht zu seinem Umfeld, oder es sagt höchstens zum Königsbau, “Du kommst auch bald weg.”

Stilwerk Stuttgart

Ein Einkaufszentrum ist wie ein außerstädtisches Gebiet. Es hat nie die Anbindung an die Stadt, seine Besucher könnten am anderen Ende plötzlich in Herne, Gelsenkirchen oder Hamm herauskommen, sie würden sich zuerst gar nicht wundern.

Was man aber in Passau mitten in die Stadt gebaut hat, nämlich die Stadtgalerie, das übertrifft die kühnsten Befürchtungen:

Passau

Zwar hat hat man noch zaghaft eine Verbindung zu den Fassaden herstellen wollen, aber auch so kann

Passau

der abweisende Charakter dieses Bauwerks kaum gemildert werden:

Passau.

Die Fenster weder zum Rein-noch Herausschauen, sind nur geeignet, der Kahlen Wand eine gewisse nichtssagende Struktur zu verleihen.
Und was will man in Stuttgart hinter dem Bahnhof bauen? > S 21 ist die Kurzformel für das Drehen um 90° und Eingraben des Stuttgarter Hauptbahnhofs sowie die Bebauung der freiwerdenden Gleisanlagen. Auf dem Gebiete des früheren Güterbahnhofs entsteht schon die Bibliothek des 21. Jahrhunderts. Und man darf fragen: > Kann man ein neues Stadtviertel aus sich heraus beleben?. So viel freier Platz! Und was will man noch bauen? Wohnungen und natürlich ein Einkaufszentrum. Zur Zeit sucht man nach Möglichkeiten, die durch die Vorschriften begrenzte Zahl von 2000 Parkplätzen zu vergrößern.

Einkaufszentren sehen innen überall gleich aus. Die architektonisch mehr oder weniger pfiffigen Gestaltungen schaffen nur sehr selten einen Bezug zu der Stadt. Man kann eine Stadtseele nicht bauen. Stadtentwicklung ist etwas hoch Sensibles und benötigt Stadtgeschichte und Eigeninitiative der Bürger. Anonyme Investoren, die nur den Umsatz/qm im Kopf haben, schädigen unsere Innenstädte. Außerdem haben Einkaufszentren in Stadtquartieren, besonders, wenn sie neu konzipiert werden einen ganz entscheidenden Nachteil. Sie ziehen nur zeitweise Menschen an, ohne deren Aktivität im neune Stadtquartier wirklich zu verankern. Mit den Einkaufszentren geht auch eine Kultur des Einzelhandels verloren. Statt sich auf das gewünschte Einkaufsgut konzentrieren zu können, muss der Käufer große lagerähnliche Geschäftshallen durchschreiten, um Waren anzusehen und zu derem Anfassen verführt zu werden, von deren Existenz er beim Betreten des Ladens gar nichts wusste. Heute habe ich in einem kleinen Schreibwarenladen ein Tintenfässchen gekauft. Das war richtig gut. Wie lange muß man danach in einem Einkaufszentrum suchen.

> MERKUR

Christiane Harriehausen, > Der Wandel zur Erlebniswelt
Einkaufszentren in Deutschland verändern ihr Gesicht. Alle drei Wochen wird ein neues Objekt in Deutschland eröffnet.
FAZ, 26. September 2008

Martin Beyer, Alle Wasser laufen ins Meer

Dienstag, 10. März 2009

Martin BeyerDie Hauptpersonen werden auf der ersten Seite vorgestellt. Georg Trakl und seine Schwester sitzen zusammen in ihrem “elften” Zimmer der Dachkammer des 10-Zimmerhauses der Familie Trakl am Waagplatz in Salzburg. Die beiden rauchen da oben und rücken einander näher. “Zwei Tage später stolzierte Gretes Klavierlehrer August Brunetti-Pisano wie ein Pfau durch seinen grünen Salon,” … durch den zerrauchten Salon, präzisiert der Erzähler. Die Bewunderung der Geschwister ist ihm sicher, hatte er “früher einmal den Mut gehabt, aufs Ganze zu gehen, auf die Kunst zu setzen mit allen Konsequenzen.” Beim Würfelspiel besprechen die Eltern das Schicksal ihrer Kinder. “Wurschtikusse” sind die Schuld der Mutter, hält ihr Gatte ihr vor, und es läge doch an ihr, wenn Georg und Grete so unberechenbar seien. Und dann ist da der Dichterkreis, den Georg mit Schulkameraden gegründet hatte. Beim Vorlesen schmuggelt Georg einen Text von Nietzsche in die Runde, der zunächst ausgepfiffen wird, und Grimm deckt den wahren Autor des Texte auf. Ein anderer aus der Runde, Erhard Buschbeck, hat ein Auge auf Grete geworfen.

Martin Beyer hat aus einem bekannten Stoff statt einer ausführlichen Biographie einen wunderbar spannenden Roman erdacht. Den Einfluss der Familie, der Schwester, der Freunde und das leidenschaftliche Verhältnis zu seiner Schwester Grete stehen im Mittelpunkt der Geschichte. Alle drei gehen verschiedene Wege zwischen Salzburg, Wien und Berlin auf der Suche nach ihrer Kunst. “In Salzburg stand alles still,”und “Die Verwesung war in vollem Gange,” dennoch eilt Georg zu seinem Apothekerpraktikum.

Während zu Hause mit dem Tod des Vaters, das Elternhaus im Salzburg dem Ende entgegengeht, muss Wilhelm das Familienregiment übernehmen und seine Halbgeschwister betreuen. Ein Familienrat endet mit einem Eklat. Georg kämpfte sich, die Matura hatte er aufgegeben, mit Schwierigkeiten durchs Studium, erreicht aber einen Magister der Pharmazie. Schließlich landet er in Innsbruck, und seine Mutter ist jetzt einverstanden, dass Grete nach Berlin zu Arthur Langen zieht, eine Verbindung, die mit einem Fiasko endet. “Er (= Georg) sagte oft, die Gedichte seien seine Sünde.” (S. 100) Exzesse, Alkohol, Drogen bestimmen wie die Kunst das Leben der drei, – “Die Kunst ist Leben. Die Kunst spricht die Sprache des Lebens,” schreibt Grete an Erhard – das schließlich mit einer Tragödie endet, als Österreich-Ungarn mobil macht, Georg Militärapotheker wird und die Gräueltaten des Krieges hautnah miterlebt. Er landet mit einem Nervenzusammenbruch im Garnisonsspital, wo ihn Erhard noch einmal besucht.

Klett-Cotta bietet auf der Website des Verlags einen Leseproben-Podcast (mp3-Datei, 9 MB) an zum reinhören an.

Martin Beyer
> Alle Wasser laufen ins Meer
Auflage: 1. Aufl. 2009
Ausstattung: gebunden mit Schutzumschlag
240 Seiten
ISBN: 978-3-608-93609-4

Eine Mordserie in Istanbul : Die Prophetenmorde

Dienstag, 10. März 2009

Die PropetenmordeJetzt kommt also ein Krimi aus Istanbul an die Reihe. Untertitel: Ein Hop-Çiki-Yaha-Thriller. Dazu die Erklärung des Autors auf der Seite vor dem ersten Kapitel. “Hop-Çiki-Yahawar ein türkischer Sänger in den frühen Sechzigern. In Comedy-Shows wurde er bald zum Synonym für feminine Schwule…” Wenn jemand der ein bisschen “tuntig” daherkam, sagte man so Murat-Domer “Oh, er ist wirklich Hop-Çiki-Yaha!” Das passt zu zu den Schauplätzen dieses Romans und zu seinem Tunsenclub. Es geht um Serienmorde im Istanbuler Rotlichtmilieu. Und die Aufklärung übernehmen Clubbesitzer und Clubbesitzerin in einer Person. Nahezu perfekte Internet-Kenntnisse, eine Unerschrockenheit die Informanten mit den richtigen Verfahren anzusprechen, beste Kenntnisse des Milieus und seiner Mitbewohner, eine passende Kleiderordnung gemäß den Anlässen, eine rigide Hausordnung im Club sind die Basis des Privat-Ermittlers. Dieses Kenntnisse und diese Fähigkeiten nutzt er/sie aus, kombiniert sie und macht sich dran, die Spur des Mörders aufzunehmen. Die Schilderung des Milieus und der Vorlieben der Transvestiten ist meist ziemlich drastisch, zeigt aber auch, dass jemand der die Regeln nicht achtet, vom Milieu selber schnell gefunden und dingfest gemacht wird. Auch wenn in letzter Minute alles wieder auf der Kippe steht. Am Ende hat die Polizei dann doch noch ihren Auftritt. Zugriff!
Wegen des frühen Einstiegspunktes ist dieser Roman wenig S-Bahn geeignet, eher für eine Zugfahrt ohne Umsteigen. Nach den ersten drei Seiten führt der Clubbesitzer mit seinen Prinzipien und seinen immer mal wieder fälligen Lustanwandlungen den Leser durch die Handlung. Er erklärt kurz, was er vorhat und reagiert souverän auf neu eintretende Ereignisse und führt ein Istanbul vor, das ich wahrlich noch nicht kannte.

Mehmet Murat Somer
> Die Propheten-Morde
Ein Hop-Çiki-Yaya-Thriller
Roman
Aus dem Türkischen von Gerhard Meier (Orig.: Peygamber Cinayetleri)
Auflage: 1. Aufl. 2009
Ausstattung: gebunden
239 Seiten
ISBN: 978-3-608-50201-5

William Goldman, Die Brautprinzessin

Samstag, 7. März 2009

William Goldman, Die BrautprinzessinNach Patrick Rothfuss’ > Der Schatten des Windes habe ich mein zweites Fantasy-Buch gelesen: William Goldman, Die Brautprinzessin ist jetzt in der 5. Auflage bei Klett-Cotta erschienen.

Der Einstiegspunkt, das sind die Seiten eines Buches, bei deren Lektüre man auf die Dicke der verbleibenden Seiten schielt in eher bekümmerter Erwartung des Gefühls, dass das Ende der Lektüre naht, liegt in diesem Buch ziemlich weit vorne. Eigentlich schon im ersten Kapitel, als Butterblume ihre Liebe dem Stallburschen Westley offenbart, der mit so viel Glück aber kaum etwas anfangen kann und es vorzieht, in der neuen Welt sein Glück zu machen, wo ihn aber nur der Tod aufnimmt. Jemand anders wirft seine beiden Augen auf Butterblume:

»Ich bin dein Prinz und du musst mich heiraten«,
sagte Humperdinck.
»Ich bin Eure Dienerin und lehne ab«,
flüsterte Butterblume.
»Ich bin der Prinz, und du kannst nicht ablehnen.«
»Ich bin Eure sehr ergebene Dienerin, und ich habe eben
abgelehnt.«
»Weigerung bedeutet Tod.«
»Dann tötet mich.«

Die Versuchung ist groß, die Geschichte hier weiterzuerzählen, aber dann würde man schnell glauben, hier werden vom Autor die unwahrscheinlichsten Entwicklungen als Zufälle aneinandergereiht. Man kann Märchen erzählen, aber nicht nacherzählen. Und hier muss der Leser schon selbst entdecken, das bei diesem Spiel um Glück und Liebe das Eingreifen der Menschen zu nichts führt, sondern das es die so ganz ungeahnten Entwicklungen sind, die der Liebe Sicherheit und Beständigkeit geben. Einmal gelingt es dem Prinzen noch, die Steuerung des Schicksals wieder in seine Hand zu reißen, um noch einmal Herr über Leben und Tod zu spielen. Einen letzten Kampf will noch ausfechten, da ist aber seine Rolle schon zu Ende, und dem Glück von Butterblume und Westley steht nichts mehr im Wege.

William Goldman
> Die Brautprinzessin
S. Morgensterns klassische Erzählung von wahrer Liebe und edlen Abenteuern. Die Ausgabe der »spannenden Teile«. Gekürzt und bearbeitet von William Goldman. Und das erste Kapitel der lange verschollenen Fortsetzung “Butterblumes Baby”.
Aus dem Englischen von Wolfgang Krege (Orig.: The Princess Bride)

Auflage: 5. Aufl. 2009
Ausstattung: gebunden mit Schutzumschlag, farbige Vorsatzkarte, zweifarbig gedruckt
426 Seiten ISBN:978-3-608-93871-5