Wenn ich mir vorstelle, dass eine bekannte Suchmaschine es sich herausnimmt, mein Werk, in dem so viel Arbeit und auch finanzielle Mittel investiert worden sind, auf seinem Bücherregal digital der Welt in einer unbeschränkten Auflage zugänglich machen könnte, ohne sich um meine Meinung dazu zu kümmern, mein Werk als Verbesserung des eigenen Angebots gerne nutzen würde, es durch seine Angewohnheit, Suchergebnisse in Form von Listen auszugeben, deren Kriterien nicht offengelegt werden, mehr oder weniger gut bekanntmachen würde und ohne mir für die > angezeigten Seiten (Hier allerdings mit Genehmigung durch den Gunter Narr Verlag.) Tantiemen zu zahlen, würde ich schon etwas erstaunt gucken.
Je mächtiger sich diese bekannte Suchmaschine gibt, je mehr Medien aller Art sie unter ihre Kontrolle bringen will, um so größer darf das Erstaunen über > die mangelnde Qualität ihrer Suchergebnisse sein. Viele Nutzer wissen, dass diese Suchergebnisse keinen wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht werden kann, aber alle erwischen sich immer selbst wieder dabei, nur die ersten 5-6 Suchergebnisse anzusehen, so als ob man sich mit dem Vorraum einer Bibliothek zufriedengibt. Damit geht auch eine kulturelle Verarmung einher. Wieviele Studenten wohl zuerst oder überhaupt nur mit Hilfe dieser Suchmaschine sich ihre Proseminarbeit zusammengoogeln? Und dabei ist diese Suchmaschine keineswegs traditioneller guter Bibiotheksrecherche überlegen. Das digitale Suchergebnis, das die Suchmaschine anbietet ist, ist so kostenlos wie meist nutzlos. Die Internettechnik zwingt die Autoren der Inhalte dazu, möchten sie bekannt werden, nicht nur ihre Inhalte kostenlos zur Verfügung zu stellen, sondern deren Gestaltung auch noch den Regeln der Suchmaschine zu unterwerfen, möchten sie ihre Inhalte auf den ersten Plätzen wiedersehen. Es ist richtig, dass in den letzten Jahren Google viele Hilfestellungen für Autoren zur Verfügung gestellt hat, einerseits ist das dankenswert, andererseits übernehmen Autoren werden Autoren auf diese Weise nolens volens immer mehr ehrenamtlich für Google tätig – das mit ihrer Arbeit immer mehr verdient. Und genau dieser Sachverhalt unterstützt die Kostenlos-Mentalität im Internet. Eine Auswahl meiner Rezensionen steht auch kostenlos im Internet, aber aufgrund meiner eigenen Entscheidung.
Auswüchse der Kostenlos-Mentalität lassen rechtliche Schlupfwinkel zu, die man in der Unibibliothek in Darmstadt ohne Skrupel nutzt: Matthias Ulmer > Die Landesbibliothek als Copyshop. Wie das Geschäft der Verlage unter Berufung auf den Auftrag des Gesetzgebers ruiniert wird.
Eigentlich kommt es zu dieser Kostenlos-Mentalität, weil am Anfang des Internets Bezahlsysteme kompliziert und unüblich waren. Tauschbörsen zum Besuch vieler Seiten verführten und die Entlohnung der Produzenten umgingen. Open Access ist eine Umschreibung für “Ich mach Dein Werk bekannt, wenn Du es kostenlos mit allen Rechten hiergibst.” Kostenlos sind auch Inhalte, die unter Umgehung redaktioneller Arbeit wie dies z. B. bei Wikipedia üblich ist, von Autoren publiziert werden, die mit dem Klick auf den Veröffentlichungsbutton ihre Arbeit ganz bewusst der Öffentlichkeit schenken, ja sogar alle Rechte am eigenen Werk sogleich kostenlos veräußern und anderen sogar das Recht zugestehen müssen, das Werk sogleich zu ändern oder gar zu vernichten, wozu sich manche anonyme Wikipedianer das Recht herausnehmen, das ihnen vom genauso anonymen Kollektiv gestattet wird. Befürworter dieses Systems sprechen von den Wohltaten der > kollektiven Intelligenz, die man aber auch als Vorbote der Zerstörung und Mißachtung der kulturellen Leistung des Einzelnen verstehen könnte. Die Wikipedianer-Autoren geben freiwillig und ohne Zwang das Urheberrecht für ihre Werke auf und unterstützen so mehr oder weniger bewußt die Ansicht, im Internet seien kulturelle Inhalte kostenlos zu haben.
Die digitale Bibliothek Europeana, die > World Digital Library (WDL) (Vgl. Sebastian Höing, > Digitale Weltbibliothek. Eine intellektuelle Kathedrale, ZEIT ONLINE 22.4.2009)oder > Gallica, die Online-Bibliothek der französischen Nationalbibliothek sind segensreiche Einrichtungen für die Forschung, die aber keine Verletzung von Urheberrechten fördern. Das Urheberrecht sieht in Deutschland vor, dass Werke 70 Jahre nach dem Tod ihres Autors, Komponisten oder Künstler gemeinfrei werden. In diesem Zeitrahmen sind seine Werke vor jedem auch digitalen Zugriff geschützt.
“Es geht nicht um unflexibles Festhalten an Traditionen, um die Abwehr digitaler Techniken oder um das Urteil über spezifische Publikationsformen. Worum es geht, ist der Respekt vor der unverwechselbaren Arbeit des Einzelnen, die durch geltendes Recht geschützt wird. Auf diesem Respekt vor selbstbestimmter kreativer Leistung beruht die Vielfalt des kulturellen Lebens,” schreibt Roland Reuß unter dem Titel > Unsere Kultur ist in Gefahr (FAZ, 25.4.2009). R. Reuß ist auch der Initiator des > Heidelberger Appels, den bisher 1500 Autoren unterzeichnet haben: “Die Unterzeichner appellieren nachdrücklich an die Bundesregierung und die Regierungen der Länder, das bestehende Urheberrecht, die Publikationsfreiheit und die Freiheit von Forschung und Lehre entschlossen und mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zu verteidigen.” Reuß weist daraufhin, dass das kulturelle Leben massiv bedroht wird, wenn andere als der Urheber eines Werkes, sich das Recht herausnehmen, über dessen Publikationsorte verfügen zu wollen.
Ergänzt:
Roland Reuß antwortete auf die > Gemeinsame Erklärung der Wissenschaftsorganisationen vom 25. März 2009, in der diese sich gegen die Unterstellung wenden, “die Freiheit zur Veröffentlichung in grundgesetzwidriger Weise beschneiden zu wollen….” : “Die Allianz der Wissenschaftsorganisationen fordert eine für den Leser entgeltfreie Publikation (Open Access) ausschließlich von Forschungsergebnissen, die durch den Einsatz öffentlicher Mittel und damit zum Nutzen der Forschung und Gesellschaft insgesamt erarbeitet wurden.” Die Wissenschaftsorganisationen drücken folgende Erwartung aus :”Wir erwarten jedoch, dass die Autoren der Gesellschaft, die ihre Forschung durch Steuermittel möglich macht, einen einfachen Zugang zu ihren Publikationen eröffnen, der zudem die öffentliche Hand möglichst wenig finanziell belastet.” Was für ein Begriff von Wissenschaft und freier Forschung versteckt sich dahinter? Das sieht nach bezahlter Auftragsarbeit aus mit nicht kalkulierbaren Konseqenzen.
Noch eine Ergänzung:
Gerade hat Matthias Schwenk auf seinem Blog > bwl zwei null auf die von ihm verfaßte > Rezension des Buches von Gisela Schmalz, No Economy (Eichborn-Verlag) hingewiesen: “Um es deutlich zu sagen: Die Autorin hat offensichtlich ein Problem mit dem Medienwandel, den das Internet ausgelöst hat. Denn Blogs oder die Wikipedia sind kein Beleg für einen zerstörerischen ‘Gratiswahn’, sondern im Gegenteil Teil einer Strömung, die Wissen demokratisiert. Das kann nur gut sein.” Dazu ist zu bemerken, Demokratie bezeichnet eine Herrschaftsform, und ist als Bezeichnung für die Organisation von Wissen nicht geeignet. So wie Schwenk seinen Satz formuliert, soll Wikipedia etwas Positives werden, es klingt fast so, als solle es zum Maß aller Dinge werden, einschließlich eines Mehrheitsprinzips in der Wissenschaft unter Förderung der Anonymität.
Noch eine Ergänzung:
Bundesministerium der Justiz: Pressemitteilung zum Tag des geistigen Eigentums
> Tag des geistigen Eigentums: Innovation schützen – Bewusstsein schaffen
> Neues Urheberrecht tritt zum 1. Januar 2008 in Kraft
Bundesminsterium der Justiz, 1. November 2007
> Zweites Gesetz zur Regelung des Urheberrechts in der Informationsgesellschaft
Vom 26. Oktober 2007