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Archiv für August 2009

Vorgelesen: Zwei schwarze Jäger

Montag, 31. August 2009

Hier erscheinen eigentlich nur Beiträge über Bücher, die ich gelesen habe. Dieses Buch habe ich zu Hause ganz vorgelesen. Das laute Lesen der ersten Seiten ist eine Art Stilprüfung. Im
> Stuttgarter Literaturhaus fällt bei den Lesungen immer wieder auf, wie und ob die Lesung des Autors den Funken zum Publikum überspringen lässt. Dabei geht es nicht so sehr darum, wie er liest, sondern es geht um den Stil des Textes, den er liest. Man kann sehen (und als Foto festhalten), wie die Geschichte und und die Eigenheiten des Stils die Zuhörer immer aufmerksamer werden lassen. Das kann man beobachten. > Flaubert machte auch eine “épreuve du gueuloir”, eine Maulprobe, um seine Texte seinen Freunden vorzulesen, sie mochten sie oder auch nicht.


Zwei schwarze Ritter
Das Probevorlesen des neuen Buches von Brigitte Kronauer > Zwei schwarze Jäger endete erst nach der letzten Seite. Zwar mit einigen tagesbedingten Unterbrechungen, aber dann war das Buch auf einmal zu Ende. Mehr muss eigentlich hier gar nicht gesagt werden.

Es sind ganz unterschiedliche Geschichten, Erzählungen, kleine Novellen, Berichte, Nachrichten, manche total skurril, andere erstaunlich, keine schleppt sich dahin, und dann kommt immer mal wieder eine bekannte Person vor, die jenseits der Zeitsprünge locker Verbindungen herstellt. Als ob Brigtte Kronauer 600 Seiten geschrieben und 315 Seiten weggelassen hätte. Und Rita Palka ist die allwissende Erzählerin, die die Fäden in der Hand hält oder auch nicht, sie taucht hier und da wieder auf, so als ob die Autorin die Entwicklung ihres Personals vor Ort prüfen möchte. Die Beschreibungen der Personen sind so lebendig, mit kurzen Sätzen wird alles über sie gesagt: “Er dampfte vor Jovialität…”, und die Autorin liest nicht einfach, sie zwingt “sich zu einem zuversichtlichen Trompeten…”. Lesungen sind immer ein Zusammentreffen mit dem Publikum, und Rita Palka zieht alle Register, die die Zuhörer gar nicht richtig mitbekommen. Und dann ist da auch Wally, deren Schicksal sich in diesem Buch in verschiedenen Geschichten entwickelt. Und Heiner Krapp, der Lektor, der manchmal Fiktion und Realität miteinander verwechselt. Und Herr Schöffel, der mit dem vollgelaufenen Keller kämpft und bei Wally eine Rolle spielt. Ihre Nachbarin Helen Pilz und Leo Graubube, der sich in Wally verliebt hat, sind auch mit dabei. Die Personalliste am Anfang des Buches hilft dessen Konstruktion zu verstehen, ein Schlüssel für das Verständnis des wunderbaren Stils der Autorin ist sie nicht. Ihr Stil ist auch von den manchmal sehr merkwürdigen Einfällen geprägt, die beim näheren Hinschauen sich als normale Lebensumstände entpuppen, die jetzt nur noch kommentiert werden. Und immer wieder Oom Henk, eine wichtige Person, die auch eine Rolle spielt, wenn sie gar anwesend ist.

Das Buch nochmal vorlesen! Das wärs.

> Leseprobe.

Brigitte Kronauer mit Ihrem Roman „Zwei schwarze Jäger“ steht auf der > Longlist des Deutschen Buchpreises 2009.

> Kann man Literatur photographieren? – Brigitte Kronauer im Stuttgarter Literaturhaus

Brigitte Kronauer
> Zwei schwarze Jäger
286 Seiten
ISBN: 978-3-608-93885-2

Dorothea Dieckmann: Termini

Montag, 31. August 2009

TerminiDer Journalist Ansgar Weber reist für vier Tage nach Rom, um dort das Prozeßende um den Kriegsverbrecher Egon Priebke zu beobachten. Woanders wird man kaum eine so intensive Beschreibung der Ankunft in einer Stadt lesen können. Ansgar verschwindet im Gewirr der U-Bahngänge, -fluren, -passagen, -treppen und taucht schließlich etwas verspätet vor Ellinor auf. Dann beginnt eine zweite Geschichte, die von einer kleinen deutschen Gemeinschaft erzählt, die sich in Rom zusammengefunden hat, deren Mitglieder Ansgar nacheinander kennenlernen wird. Ellinor bringt ihn zu Beate, wo er übernachten kann, unterwegs begegnen sie einem Wahrsager. Über Umwege hat Ansgar einen Interviewtermin mit einer deutschen Schriftstellerin bekommen, die offiziell schon vor einigen Jahren gestorben ist, tatsächlich aber in Rom lebt.

Es geht um die Beziehungen zwischen Literatur und Geschichte. Dorothea Dieckmann zeigt hier in einfühlsamer und beeindruckender Weise, wie die historischen Ereignisse und die persönliche Geschichte die literarische Arbeit einer Schriftstellerin fesseln. Sie schriebt, “um endlich in ihrem Nachleben anzukommen” heißt es an einer Stelle. Das Gespräch mit der Autorin und dann die Nachbearbeitung des Interviews sind sehr gelungene Passagen. Ansgar gerät aber dann doch in einen Strudel von Ereignissen, denen er sich nicht entziehen kann und die nach vier Tagen das bekannte Gefühl, hier bin ich, schon drei Wochen hinterlassen. Ansgar weiß, dass seine journalistische Arbeit auch Glück und Wagemut verlangt: “Jedes Mal wurde die Zielgerade zum Fluchtweg.” Richtig dramatisch wird es, als Ansgar auf seinen weiteren Nachforschungen von den Ereignissen um ihn herum überwältigt wird und sich nur mit Mühe ihnen entkommen kann.

Dorothea Dieckmann
Termini
1. Aufl. 2009
317 Seiten
ISBN: 978-3-608-93660-5

Die Zitronen blühen trotz Korruption und Mord

Montag, 31. August 2009

Wo die Zitronen blühen
Dieses Buch schult Sie für das Lösen von Kriminalfällen. Man muss nur jedes Detail bemerken, es bewerten und es auch behalten. Dann ist die Lösung ganz einfach. Aber es geht in dem Kriminalroman von Massimo Carlotto und Marco Videtta um viel mehr. Giovanna wird in wenigen Tagen ihren Francesco Visentin heiraten. Dazu kommt es aber nicht, weil sie vorher ermordet wird. Und die Suche nach dem Mörder offenbart die miesen Seiten all derjenigen, die irgendwie als Zuschauer, Beteiligte oder Betroffene in den Fall verwickelt sind. Die Angewohnheiten der Visentins erscheinen fast als Kavaliersdelikte, man hat ja einen Namen zu verlieren. Die Abgründe, die sich im Dorf auftun, lassen die Brutalität des Mordes fast vergessen. Und der geschulte Leser als Kriminologe kann genau verfolgen, wie sich ganz allmählich die Spur zum Täter konkretisiert, und am Erstaunen der Beteiligten merkt man, für wie rein sie sich und ihre Umgebung alle halten. Falsche Fährten werden ausgelegt, die zufällig zur Aufdeckung von Altlasten führen, aus denen wiederum auf Umwegen dann der Mörder Giovannas dingfest gemacht werden. Und die Lehre für alle? Wer auf die schiefe Bahn gerät, rückt sie nur schwer wieder gerade, besonders wenn all anderen irgendwie auch mitmachen. Aber manchmal genügt auch nur einer, um weitere Missetaten zu verhindern.

Schon bei > Die dunkle Unermesslichkeit des Todes habe ich angemerkt, dass das Buch S-Bahn ungeeignet sei, das gilt auc für dieses Buch. Nehmen Sie sich am besten ein Wochenende, sorgen Sie dafür, dass Sie nicht gestört werden und lassen Sie sich auf diese Geschichte ein. Es gibt doch noch eine Art Gerechtigkeit,deren Spur sie bald aufnehmen werden. Hier steuert sie im Verborgenen das Umfallen der Dominosteine. Ab wann beginnt eine Moral das Böse langsam zu besiegen? Diese Entwicklungslinien sind in diesem Roman ganz fein konstruiert. Wie leicht können Unschuldige ins Visier der Fahnder geraten. Und das verrät wiederum den Erwartungshorizont oder moralischen Stand oder gar den miesen Charakter derjenigen, die zunächst ungläubig nach dem Täter fragen. Das Buch ist wie ein großes Puzzle, am Schluß fehlt kein Teil.

Massimo Carlotto und Marco Videtta,
> Wo die Zitronen blühen Kriminalroman
Aus dem Italienischen von Judith Elze (Orig.: Nordest)
240 Seiten
ISBN: 978-3-608-50203-9
ET: 31.8.2009

Kennen Sie die anderen Romane von Massimo Carlotto:
Zum Nachlesen (aber nicht für die S-Bahn):

> Das Interview: Die dunkle Unermesslichkeit des Todes

> Rache und Vergebung: Der neue Roman von Carlotto: Die dunkle Unermesslichkeit des Todes.

> Tropen Verlag (III): Arrividerci, ciao, amore

Die Offline-Bücherwelt online im Internet

Sonntag, 30. August 2009

Leander Wattig hat sich ein Wiki ausgedacht, wo sich die die Bücher lesen, produzieren, kritisieren, verkaufen und gestalten eintragen können. > Sein Blog ist hier schon zu Recht gelobt worden. Sein neues Wiki > Ich mach was mit Büchern wird zu einer echten Fundgrube werden, allein die Liste der > Blogger, die lesen, belegt einmal mehr, dass das Internet das Lesen von Büchern keinesfalls ablösen wird.

Im übrigen zeigt Leander Wattig hier en passant, alle Möglichkeiten und den Nutzen einer Community-Bildung im Sinne eines Gebens und Nehmens. Machen Sie das Wiki bekannt und tragen Sie sich bei mir ein. Und man kann mit diesem Projekt auch das Potential und die Wirkungen von Facebook und Twitter untersuchen.

Tad Williams im Live-Streaming: 30.8.2009 – 19:00 Uhr

Mittwoch, 26. August 2009

TinkerfarmFür Tad Williams-Fans, läuft der Count-Down. Tad wird auf Fragen der Tad Williams-Fans zu »Die Drachen der Tinkerfarm« antworten. Jetzt steht auch das Datum und die Uhrzeit fest: 30. August 2009 – 19:00 Uhr. Jeder kann das Streaming-Flash-Fenster in die eigene Website einbauen!

Das Video-Streaming-Fenster für alle:

Wenn du eine Website oder ein Blog hast, kannst du das Flash-Video-Fenster in deine Seite einbauen, oder du kannst den Code in Blogs und Foren selber posten.

Du findest den embeded-Code auf der Tad-Williams-Website (tadwilliams.de)
> embeded code für Tad Williams im Internet Video

> Tad Williams-Mailinglist

Die ganze Tolkien-Welt
> www.klett-cotta.de/tolkien
> www.hobbitpresse.de/tolkien

Das gesamte Hobbit Presse-Programm
> www.klett-cotta.de/hobbitpresse
oder
auf unserer Hobbit Presse-Website:
> www.hobbitpresse.de

Wie fragt man nach einer Gehaltserhöhung?

Mittwoch, 26. August 2009

Jetzt hätte ich Lust, dieses Buch einfach mal vorzulesen. Eine Flasche Mineralwasser, das kleine Tonbandgerät mit dem Mikro würden genügen. Und dann ginge es los. Ohne Punkt und Komma. Denn die sind ja auch gar nicht im Text. Perec arbeitet das vorne im Buch abgedruckte Diagramm linear ab. Georges Perec war Mitglied der > Oulipo (Ouvroir de littérature potentielle) – experimentelle Literatur, die aber auch ganz genauen Regeln und Zwängen folgt: > Oulipo.

Idee und Entschluss, den Abteilungsleiter um eine Gehaltserhöhung zu bitten, stehen in den ersten drei Zeilen. Auf zu seinem Büro, aber er ist nicht da. Zurückgehen oder bei der netten Kollegin vorbeischauen, auf dem Flur hin-und hergehen und sich bei der Organisation umgucken, bei der man beschäftigt ist. Eine der vielen weiteren Möglichkeiten sieht dann doch mal vor, dass der Vorgesetzte im Büro sitzt. Klopfen? Wenn das so einfach wäre. Wir sind noch in der oberen Hälfte des Diagramms. Schaut er auf, schaut er nicht auf, vertagt er das Gespräch, bevor das Thema genannt ist? Der Leser leidet echt mit.

Warten ist aber nie langweilig, bei Perec eher kurzweilig. Wird die Kunst die Wirklichkeit einholen? Oder umgekehrt? Schauen Sie genau hin, es gibt keine Wiederholungen, ganz subtil hat er Veränderungen eingebaut, die Rückschlüsse auf die Eindrücke zulassen, die die Gemütsregungen des Bittstellers planmäßig oder zufällig beeinflussen. Es geht um seine persönliche Entscheidungen, dies oder jenes zu tun und auszuloten, ob das Ergebnis von ihm wirklich intendiert oder erlitten wird. Der Leser zittert mit, ob der Wunsch ankommt, ob der Abteilungsleiter geneigt ist, das erlösende Kopfnicken zu zeigen, dass den Eintritt in sein Reich erlaubt. Oder es passiert doch etwas ganz anderes, das der Autor, obwohl er vor seinem Diagramm sitzt, alles genau bedacht und überlegt hat, gar nicht vorgesehen hat. Und das ist doch im Leben immer so. Und das beste Diagramm hält immer eine nicht berechenbare Überraschung für uns bereit.

Vielleicht nehmen Sie das Buch einfach mal zu Ihrem Jour fixe mit. Oder lassen es bei einer Besprechung auf dem Tisch liegen. Aber Perec hat gar nicht vorgesehen, dass der Chef von sich aus mit dem Thema anfängt. Oder Sie kopieren das Diagramm und lassen es in die nächsten Unterlagen gleiten.

Im Schlusswort hat Bernard Magné die Feinmechanik dieses Textes wunderbar einleuchtend erklärt. Lesen Sie seinen Text aber nicht zuerst. Die Lektüre des Buches von Perec wird Ihnen noch ganz andere Dimensionen des Textes zeigen. Und jetzt gehe ich zu meinem Abteilungsleiter. Und wenn er nicht da ist, dann…

Über die Kunst seinen Chef anzusprechen und ihn um eine Gehaltserhöhung zu bitten steht auf der Longlist: > Abstimmung: Kuriosester Buchtitel.

Georges Perec
> Über die Kunst seinen Chef anzusprechen und ihn um eine Gehaltserhöhung zu bitten
Mit einem Nachwort von Bernard Magné, aus dem Französischen von Tobias Scheffel (Orig.: L‘art et la manière d‘aborder son chef de service pour lui demander une augmentation)
Ausstattung: Leinen mit Schutzumschlag, eingehängtes Organigramm
112 Seiten
ISBN: 978-3-608-93706-0

“Alt sind nur die anderen”

Mittwoch, 26. August 2009

Radebold - ÄlterwerdenHartmut Radebold und seine Frau Hildegard haben über die Zukunft nach 55 geschrieben. Das Buch richtet sich an Menschen, die ihr Älterwerden frühzeitig selbst gestalten wollen. Auch der Lebensabschnitt nach 55 oder 65 stellt wichtige Entwicklungsaufgaben und bietet neue Möglichkeiten, die wahrzunehmen sind.

Die Autoren verdeutlichen die wichtigsten Aspekte des Älterwerdens und erklären, warum es so wichtig ist, sich frühzeitig damit auseinanderzusetzen. Es geht um ein Drittel unseres Lebens und um Pläne und Vorstellungen von der Zeit nach dem Arbeitsleben. Und da beide das Buch auch gemeinsam geschrieben haben, können sie die richtigen Fragen gerade auch zur Partnerschaft im Alter stellen: Einige Antworten haben beide dazu gerade in einem Gespräch über das Älterwerden als Lernprozess, das Leben mit der Angst vor dem Verfall und Sex mit siebzig, das im aktuellen SPIEGEL vom 24. August 2009, nachzulesen ist, gegeben. Die beiden Autoren vermitteln auch Frageansätze zu den Erwartungen vom gemeinsamen Älterwerden mit dem Partner. In ihrem Buch geht es auch unausgesprochene Konflikte innerhalb des Familien- und Freundeskreises und auch um “Altlasten”, die den Weg zu einem zufriedenen Älterwerden möglicherweise blockieren können.

Beim Thema Älterwerden fällt mir das lange Gespräch mit > Maurice de Gandillac ein, der mir 2005 in Cérisy-la-Salle seine Begegnungen mit Albert Camus geschildert hat. Schade, ich hatte kein Tonbandgerät dabei. Aber die Erinnerung an Gandillac, der ein paar Monate später im Alter von 100 Jahre starb, ist mir ganz präsent, wie die vielen Teestunden bei > Ernst Weisenfeld in Hamburg, den Ingo Kolboom in einem > Nachruf gewürdigt hat.

Unser zweites Gespräch: über Hormone, Geburt und Unterschiede zwischen den Geschlechtern.

Beim > ersten Gespräch ging es allgemein um das Thema ihres Buches, um Psychosomatik und Gleichberechtigung.

Hartmut Radebold / Hildegard Radebold
> Älterwerden will gelernt sein
288 Seiten
ISBN: 978-3-608-94526-3

Brigitte Kronauer auf der Longlist „Deutscher Buchpreis 2009“

Mittwoch, 26. August 2009

Brigitte Kronauer mit Ihrem Roman „Zwei schwarze Jäger“ (ET: 31.08.09) steht auf der > Longlist des Deutschen Buchpreises 2009.

Zwei schwarze Ritter
In ihrem neuen Roman erzählt Brigitte Kronauer alltägliche Lebensläufe. Die Geschichten und Erinnerungen kreuzen sich untereinander. Manchmal ist die Schriftstellerin Rita Palka mit dabei, sie beobachtet und manchmal mischt sie sich unter die Personen.

Eine > Leseprobe steht auf der Website von Klett-Cotta. Und als kostenloser download auf der > Website des Sony Reader Club zur Verfügung.

Die Autorin wird während der Frankfurter Buchmesse am Klett-Cotta Stand anwesend sein.

Artenschutz für Männer: Anerkennung und Authentizität

Mittwoch, 26. August 2009

Hanne SeemannAm 31. August erscheint das neue Buch von > Hanne Seemann bei Klett-Cotta > Artenschutz für Männer. Die Wiederentdeckung des Männlichen.

Frau Seemann hat bei unserem dritten Gespräch über ihr Buch ihre Auffassung zu Anerkennung und Authentizität erläutert. Sie schreibt in ihrem Buch: “Es gibt den wohlbekannten Satz: »Werde, wer du bist«. Dieser Satz sagt nicht: »Werde, wer du sein sollst, oder sein möchtest«, sondern etwas ganz anderes, nämlich: Du bist schon da, du entwickelst dich auf deine eigene Weise und es ist deine Aufgabe, zu dir selbst zu kommen und Hanne Seemann authentisch zu werden – in deinem ganzen verfügbaren Spektrum.” – Wie können Männer das heute schaffen, habe ich Frau Seemann gefragt. Fehlende Anerkennung kann für alle Beteiligten negative Folgen haben. Leistung soll honoriert werden, aber nicht dazu führen, dass die Jungens sich darüber definieren. Aber unsere ganze Gesellschaft baut auf Leistung? Leider… Aber die künstlerische Szene schafft auch neue Werte.

Und dann berichtet Frau Seemann noch von ihrem Erlebnis bei einer Zugfahrt: Halbstarke der rechten Szene im Zug.

Hören Sie hier unser drittes Gespräch:

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

> Unser erstes Gespräch

> Unser zweites Gespräch.

Hanne Seemann,
> Artenschutz für Männer. Die Wiederentdeckung des Männlichen

230 Seiten
ISBN: 978-3-608-94554-6

Das Bücherregal

Donnerstag, 6. August 2009

Ein Blick auf das Regal mit den in den letzten Monaten gelesenen Bücher. Eine Backlist zum Anklicken. Einige Bücher > Eine ganze Epoche: Livia und ihre Geschichte, > Kap der Finsternis, > Alle Wasser laufen ins Meer, Die Prophetenmorde, u v. m., s. a. > Die Vielfalt bei Klett-Cotta im Bild haben meine Kollegen ausgeliehen, alle anderen stehen hier auf dem Backlist-Regal und können einzeln angeklickt werden:

Die Welt der Hetären Kommen sie mit nach Venedig Vnedig, Wien und die Osmanen Der Hellenismus Der Untergang Roms Botschaften des Schönen Der Name des Windes Die Brautprinzessin Eros der Freiheit Die Türkei Alles über die Globalisierung Alles über die Liebe Nachgefragt: Massimo Carlotto Eskorta City Matthew Eck Johann Friedrich Cotta Die Traumjäger Träumer des Absoluten das unsterbliche Gerücht Über Jean-Jacques Rousseau Drogen Douglas Hofstadter

Herausnehmen können Sie hier leider kein Buch, aber Sie können jedes anklicken und gucken.

Der Stapel der Neuerscheinungen wächst unaufhörlich:

> Das Herbstprogramm (IV): Hobbit Presse – Der Herr der Ringe
> Das Herbstprogramm 2009 (III)
> Das Herbstprogramm von Klett-Cotta (II)
> Das Herbstprogramm von Klett-Cotta (I)

Imre Kertész erhält den Jean Améry-Preis für Essayistik 2009

Donnerstag, 6. August 2009

Imre KertészIn der Begründung der Jury heißt es: „Die Jury für den Jean-Améry-Preis für Essayistik des Jahres 2009 hat den Preis dem Schriftsteller Imre Kertész zuerkannt.

Der Nobelpreisträger des Jahres 2002 ist in seinem gesamten Werk, vor allem auch in seiner Essayistik dem Geiste Jean Amérys sehr nahe. Diese wesentliche Nähe hat er konkret in seinem Essay “Der Holocaust als Kultur” artikuliert: als entschiedene Kritik an jeglichem Totalitarismus und leidenschaftliche Verteidigung der Freiheit des Menschen. Kertész Essayistik arbeitet an einem aufgeklärten Denken, das seine Lehren aus der Barbarei des Faschismus und des Kommunismus gezogen hat, und für ein Europa, das entweder ein aufgeklärtes freies Europa sein wird oder einmal nicht mehr sein wird.“

Der Jury (moderiert von Robert Menasse) gehören an:
Wolfgang Büscher
(Journalist und Autor, Die Welt, Berlin)
Heinz Ludwig Arnold (Publizist, Herausgeber “Text und Kritik”, KLG und Kindler, Göttingen)
Karl-Markus Gauß (Autor und Kritiker, Salzburg)
Irène Heidelberger-Leonard (Literaturwissenschaftlerin, London)
Joachim Kalka (Kritiker und Übersetzer, Stuttgart)

Der von Robert Menasse initiierte und von der österreichischen ERSTE Bank und dem Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart, gesponserte Jean Améry-Preis für Essayistik ist mit 12.000 Euro dotiert und wird während der Frankfurter Buchmesse verliehen.

Letzte Preisträger waren: > Drago Jancar, Michael Jeismann, Doron Rabinovici und Franz Schuh.

Ein Blick ins > Foto-Archiv des Stuttgarter Literaturhaus:> Imre Kertész war dort am Montag, 19. Januar 2004 zu Gast. Und am 17. Oktober 2006 sprach Uwe Kossack ebenfalls im Stuttgarter Literaturhaus mit > Imre Kertész über sein Buch Dossier K.

> Jean Améry-Preis für Essayistik
Photo: (c) Heiner Wittmann, 2006

Ein Hoch auf die Melancholie

Dienstag, 4. August 2009

Eric G. WilsonEric G. Wilson, Jahrgang 1967, ist Professor für Englische Literatur an der Wake Forest University in Winston-Salem, North Carolina. Er hat mit seinem Buch > Unglücklich glücklich ein Loblied auf die (“europäische” – das kommt vom Verlag: der Originaltitel lautet klar und präzise: “Against Happiness. In Praise of Melancholy”) Melancholie und eine scharfe Kritik der American Happiness geschrieben. Wieder ein Ratgeberbüchlein, jedenfalls lag der Band auf meinem Stapel nicht gerade obenauf. Beim Durchblättern hat mich aber die ausführliche kommentierte Bibliographie, mit der Wilson seine Leseschätze erklärt und beschreibt, auf seinen Essay aufmerksam gemacht. Schon das Nachlesen der Quellen, die Wilson angibt, machen seinen Band zu einer kleinen und spannenden Literaturgeschichte.

85 % der Amerikaner sagen, sie seien glücklich – unter “Vernachlässigung der Traurigkeit”, wie Wilson findet. Das alleinige Streben nach Glück führt zu “unrealistischen Abstraktionen” (S. 13) und zu einem Realitätsverlust. Und er klagt die amerikanische Kultur an, die die Melancholie als eine “Regelverletzung” (S. 15) behandelt. Und Wilson vermutet: “Der American Dream ist womöglich ein Alptraum.” (S. 16) Benjamin Franklin, > The Way to Wealth (*.pdf) versuchte, seinen Landsleuten einen ertragreichen Gebrauch ihrer Zeit einzutrichtern: “Eine solche Kontrolle über die Uhr sollte jedes Tick und Tack in Besitz verwandeln.” (S. 21) Und Wilson klagt, dass der amerikanische Blick den Wald nur als Ressourcenlager, nicht aber in seiner Schönheit wahrnehmen kann. Aber die alleinige Suche nach Glück und Besitz macht blind. Und > Ralph Waldo Emerson ist einer von vielen Autoren, mit deren Werken Wilson die Wiederentdeckung der Melancholie propagiert. Emersons Essay > Exprience in: > Essays: Second Series, 1844, zeigt “ein Gespür für das vitale Zusammenspiel der Gegensätze” (S. 34).

Selbstzufriedenheit, Glücksempfinden, der Verlust der Traurigkeit können auch politische Folgen haben. An einer Stelle fragt Wilson, ob diese “ihre krasse, erbärmliche Zufriedenheit mit sich un der Welt” zu einem vor wenigen Jahren begonnenen Krieg geführt hat, der niemals hätte stattfinden dürfen?

Und Wilson nennt auch John Keats mit seiner > Ode on Melancholy, 1819:

“No, no, go not to Lethe, neither twist
Wolf’s-bane, tight-rooted, for its poisonous wine;
Nor suffer thy pale forehead to be kissed
By nightshade, ruby grape of Proserpine;
Make not your rosary of yew-berries,
Nor let the beetle nor the death-moth be
Your mournful Psyche, nor the downy owl
A partner in your sorrow’s mysteries;
For shade to shade will come too drowsily,
And drown the wakeful anguish of the soul.
(…)”

Ohne Wilson hätte ich > John Keats nie entdeckt.

“Melancholie versetzt uns in die Lage, Schönheit zu erfahren,” heißt es bei Wilson, und damit leitet er ein langes Kapitel über Künstler und ihre Krankheiten ein. Nun, Krankheiten hat jeder, nur wird denen von Künstlern mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Natürlich lauerte ich bei der Lektüre dauernd darauf, ob auch die persönlichen Missgeschicke der Künstler genannt werden, die diese zur Inspirationsquelle für ihre Werke gegen jeden Trend gemacht haben, wie > Sartre dies in vielen Porträtstudien gezeigt hat. Aber auch Sartres “mauvaise foi”, die Unaufrichtigkeit, mit der die Menschen gerne die Realität meist zugunsten des eigenen Wohls umgehen, kommt hier nicht vor. Aber man soll ja auch nicht immer nur danach suchen, was hinreichend bekannt ist. Das Nachlesen von Wilsons Quellen führt den Leser auf ganz neue Pfade. Wilson hat kein Ratgeberbüchlein, sondern einen intelligenten Essay verfasst, in dem er das Glücksstreben umkreist und püft und seine Defizite und Gefahren offenlegt, um mit Hilfe der Literatur die Melancholie als notwendige Ergänzung des Glücks zu empfehlen.

Eric G. Wilson
> Unglücklich glücklich
Von europäischer Melancholie und American Happiness
Aus dem Amerik. von Susanne Held (Orig.: Against Happiness. In Praise of Melancholy)
Auflage: 1. Aufl. 2009
198 Seiten
ISBN: 978-3-608-94113-5