Verlagsblog

Archiv für Oktober 2009

Ein Netzwerk für die Kulur:
www.kultiversum.de ist online

Dienstag, 27. Oktober 2009

KultiversumVerlinken ist modern. Das Mitmach-Internet bietet viele Möglichkeiten, nicht nur Websites zu lesen, sondern sie auch mit eigenen Beiträgen mitzugestalten. Frühe gab es oft Berührungsängste und Bedenken, eigene Daten an- oder abzugeben, heute machen manche auf mehrere Plattformen oder in verschiedenen Netzwerken mit.

Die Friedrich Berlin Verlagsgesellschaft hat jetzt die auf der Buchmesse in Frankfurt angekündigte Kulturseite > Kultiversum online gestellt. Natürlich werden die hauseigenen Zeitschiften hier beworben, aber die Plattform bietet ein nützliches Online-Angebot, das über die Print-Möglichkeiten hinausgeht und zum Mitmachen (Gruppen, Empfehlungen, Marktplatz und Blogs) und Sichvernetzen auffordert.

> Kultiversum

Alan Pauls, Die Vergangenheit

Samstag, 24. Oktober 2009

Pauls, Die VergangenheitVor der Buchmesse habe ich angefangen, den Roman > Die Vergangenheit von Alan Pauls zu lesen. Nach zwölf Jahren trennen sich Rímini und Sofía. Je mehr sie um ihn kämpft, um so mehr versucht er, sie zu vergessen. Seine erste Freundin nach der Trennung kommt bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Die Trennung war für Rímini keinesfalls die erhoffte Befreiung. Zuerst die ständigen Anrufe, die dann mit der Zeit abnehmen. Rímini stürzt sich in einen Drogenrausch und eine Arbeitswut. Auf einem Kongress verliebt er sich in seine Dolmetscherkollegin Carmen. Aus ihrer Beziehung stammt Lucio, der in einer dramatischen Geburt zu früh auf dieser Welt ankommt. “Ohne mich. Du bekommst ein Kind ohne mich”, sagt Sofía zu Rímini und schlägt zu… nicht kräftig, fügt hinzu “Du Dreckskerl”… und umarmt ihn. Sofía, lässt nicht locker, der von ihr spontan geplante Besuch in einem Hotel – für ein Stündchen – scheitert, weil der Buggy von Lucion sich in der Aufzugstür verklemmt. Sofía entführt für kurze Zeit den Kleinen: “Ich bin die Frau, die deinem Papa alles beigebracht hat, was er weiß.” Durch einen Anwalt lässt Carmen Rímini vom Bruch ihrer Beziehung unterrichten. Eine weitere Liebschaft und ein tragisches Ende warten auf ihn.

“El pasado”, “Die Vergangenheit” als Titel bezieht sich auf die zwölf Jahre, die Sofía und Rímini zusammengelebt haben. Keiner ihrer Freunde oder Anverwandten konnte ihren Trennungswunsch begreifen. Der Umzug? Das abgetriebene Kind? Mit Sicherheit war ihr Beziehungsgefüge ins Wanken geraten und wurde einvernehmlich durch Sofías farbige Markierungen im Immobilienteil der lokalen Zeitung beendet. Was folgt ist eine realistisch beeindruckende Erzählung vom Auf und Ab Ríminis Liebeslebens, das aber nur noch künstliche und keine dauerhaften Höhen mehr kennt. Sofía kämpft um ihn, läuft eigentlich nicht hinter ihm her. Fast 600 Seiten, die man aber auch am Stück lesen muss, denn lange Lesepausen bekommen der inneren Dramatik des Romans nicht. Manche Szenen, die das Entstehen der Liebe beschreiben, enden in diesem Roman schnell im Chaos, so Ríminis Versuch, Carmen seine Liebe zu erklären, und manchmal auch in zu viel Schilderungen von Sex. Alan Pauls (1959) hat schon mehrere Romane veröffentlicht, dies ist sein erster Roman in deutscher Übersetzung.

> Gespräch mit Michael Zöllner über Alan Pauls, Die Vergangenheit

Hier können Sie in > Die Vergangenheit blättern.

Alan Pauls
> Die Vergangenheit
Roman
Aus dem Spanischen von Christian Hansen (Orig.: El Pasado)
Auflage: 1. Aufl. 2009
Ausstattung: gebunden mit Schutzumschlag
559 Seiten
ISBN: 978-3-608-93705-3

Alan Pauls auf Lesereise

Dienstag, 20. Oktober 2009

Pauls, Die VergangenheitVor der Buchmesse habe ich angefangen, den Roman > Die Vergangenheit von Alan Pauls zu lesen. Mittlerweile haben Rímini und Sofía beschlossen sich zu trennen, und beide können sich an die neue Situation noch nicht so recht gewöhnen. Demnächst mehr.

Alan Pauls ist auf Lesereise:

02.11. 2009 20:00 in Österreich / Salzburg
Lesung: Literaturhaus Salzburg, H. C. Artmannplatz 1, 5020 Salzburg.

03.11. 2009 20:00 in Hamburg
Instituto Cervantes Hamburg, Chilehaus, Eingang B, 1. Etage, Fischertwiete 1, 20095 Hamburg.

04.11. 2009 19:30 in Bremen
Buchhandlung Geist, Am Wall 161, 28195 Bremen.
In Zusammenarbeit mit dem Instituto Cervantes Bremen.

05.11. 2009 19:00 in Frankfurt
Instituto Cervantes Frankfurt, Staufenstraße 1, 60323 Frankfurt.

06.11. 2009 20:00 in Zürich
Literaturhaus Zürich, Museumsgesellschaft, Limmatquai 62, 8001 Zürich.

> Gespräch mit Michael Zöllner über Alan Pauls, Die Vergangenheit

Hier können Sie in > Die Vergangenheit blättern.

Alan Pauls
> Die Vergangenheit
Roman
Aus dem Spanischen von Christian Hansen (Orig.: El Pasado)
Auflage: 1. Aufl. 2009
Ausstattung: gebunden mit Schutzumschlag
559 Seiten
ISBN: 978-3-608-93705-3

Nachgefragt: Brigitte Kronauer, Zwei schwarze Jäger

Sonntag, 18. Oktober 2009

Zwei schwarze RitterNachdem ich das Buch von Brigitte Kronauer > Zwei schwarze Jäger zu Hause vorgelesen habe, gab es gestern auf dem Stand von Klett-Cotta bei der Frankfurter Buchmesse, eine Gelegenheit Brigitte Kronauer zu fragen, ob meine Anmerkungen stimmen und sie um BrigitteErgänzungen zu bitten: Nachgefragt.

Wir haben über die Struktur des Romans gesprochen und sie bittet ihre Leser ausdrücklich, das Buch von Anfang bis zum Ende zu lesen und nicht etwa auf die Idee zu kommen, das ein oder andere Kapitel vorzuziehen. Sie besteht darauf, weil der Aufbau und so auch die Wirkung des Romans von diesem linearen Lesen abhängt.

Heute hat sie bei DeutschlandRadio Kultur zu Gast bei 3Sat auf der Buchmesse aus ihrem Roman gelesen:

Brigitte Kronauer

In ihrem Roman folgt die Schriftstellerin Rita Palka einer Einladung zu einer Lesung. Und die entgleitet ihr. Vielleicht um nach dem ein oder anderen autobiographischen Detail zu fragen, habe ich Brigitte Kronauer nach ihren Leseerlebnissen bei Veranstaltungen gefragt, und wir haben gleich zusammen einen kleinen Exkurs mit Beobachtungen und Erlebnissen aus Literaturhaus-Lesungen unternommen. Denn dort fällt doch , wie z. B. im > Stuttgarter Literaturhaus bei den Lesungen immer wieder auf, wie und ob die Lesung des Autors den Funken zum Publikum überspringen lässt. Danach haben wir wieder den Faden aufgenommen, und sie hat einige Fragen zu dem Personal ihres Buches beantwortet. An einer Stelle habe ich “Frau Kronauer!” gesagt und das Mikro nicht richtig geführt, das ging nicht schnell genug, und es klingt dann leider nicht angemessen höflich, weil “Frau…” nicht zu hören ist. Aber hören Sie selbst:

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ca. 17 Minuten

Brigitte KronauerBrigitte Kronauer

> Kann man Literatur photographieren? – Brigitte Kronauer im Stuttgarter Literaturhaus

> Brigitte Kronauer
> Zwei schwarze Jäger
286 Seiten
ISBN: 978-3-608-93885-2

> Leseprobe.

Nachgefragt: Li Er, Koloratur

Samstag, 17. Oktober 2009

Li Er, KoloraturIris Radisch hat in der Literaturbeilage der ZEIT am 8.10.2009 geschrieben: “Der Roman ist ein großes Dokument literarischer chinesischer Geschichtsaufarbeitung, … er zählt zu den interessantesten Büchern, die uns in diesem Herbst aus China erreichen.” Anlässlich der Frankfurter Buchmesse habe ich Gelegenheit gehabt, Li Er nach seinem Buch > Koloratur zu befragen. Auf dem Stand von Klett-Cotta war er zunächst umringt von Journalisten und Dolmetschern. Mittags fand dann eine Lesung in der Universität statt.

Li ErLi Er

Im > Konfuzius Institut Frankfurt an der Goethe Universität hat Li Er aus seinem Buch gelesen. Joachim Ziebe hat aus der deutschen Übersetzung gelesen. Anschließend hat Li Er viele Fragen der Zuhörer beantwortet:

Li Er - Lesung

Li ErNach seiner Lesung konnte ich Li Er nach seinem Buch fragen. Er hat geschildert, worum es in seinem Buch geht und vor allem die Bedeutung der Suche nach der Wahrheit aus den unterschiedlichen Perspektiven der Erzähler in seinem Roman betont. Die engagierte Art, seine Verbundenheit mit der und seien Passion für die Literatur wird in unserem leider viel zu kurzem Gespräch deutlich. Die Geschäftsführerin des Konfuzius-Institut, Frau Anja Warnecke-Bi M.A, hat unser Gespräch freundlicherweise gedolmetscht:

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ca. 9 Minuten

Li Er“Die heutigen Schriftsteller haben eher ausländische Vorbilder, ich zum Beispiel Albert Camus und Vaclav Havel,” sagte Li Er in einem Gespäch mit Bernard Bartsch.

Nichts lag also näher, als Li Er mit meinem > Buch für das Gespräch zu danken, und er hat sein Exemplar Huaqiang mit einem Danke mir gewidmet und es mir überreicht.

Li ErLi Er, Koloratur

Li Er
> Koloratur. Roman
Aus dem Chinesischen von Thekla Chabbi (Orig.: Huaqiang)
380 Seiten
ISBN: 978-3-608-93794-7

Fotos des Interviews und der Buchübergabe: (c) Rudolf von Laun.

Nachgefragt: Die Geburt ist nicht der Anfang

Samstag, 17. Oktober 2009

Marianne KrüllAuf dem Stand von Klett-Cotta bei der Frankfurter Buchmesse traf ich Marianne Krüll, die mir schon 2007 das erste Interview auf diesem Blog gewährt hatte: > Mütter und Töchter. Ihr neues Buch, keine einfache Neuauflage, eine gründlche Neubearbeitung, die die Forschung der letzten zwanzig Jahre berücksichtigt und deren Ergebnisse auch gleich kritisch bewertet,Marianne Krüll hat sie jetzt zur Buchmesse vorgelegt. Nein, die Ergebnisse bewertet sie nicht kritisch, sie misstraut dem eher unreflektierten Umgang mit diesem Forschungsergebnissen, die aus dem Geburtsvorgang immer mehr eine Krankheit macht, wodurch sich alle Beteiligten, Mütter, Väter, Ärzte und zunehmend auch die Hebammen auf die kritische Bewertung der Messdaten konzentrieren und dabei in Gefahr geraten, das Neugeborene mit seinen ersten Empfindungen zu übersehen.

Marianne KrüllNicht nur Schwangere und Mütter auch Väter, und auch die die (noch) keine sind, sollten nach dem Wunsch der Autorin ihr Buch lesen.

< Marianne Krüll mit ihrem Lektor Heinz Beyer

Marianne Krüll möchte mit ihrem Buch zu einem neuen Bewusstsein darüber beitragen, was die Kinder im Mutterleib und in der neuen Welt brauchen.

Hier können Sie das Gespräch mit Marianne Krüll hören:

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ca. 12 Minuten

> Die Geburt ist nicht der Anfang Die ersten Kapitel unseres Lebens – neu erzählt
Vollständig überarbeitete und aktualisierte Neuausgabe, unter Mitarbeit von Flora Frank
1. Aufl. 2009
ca. 45 Abbildungen und einem Glossar
394 Seiten
ISBN: 978-3-608-94556-0

> www.mariannekruell.de

Klett-Cotta auf der Frankfurter Buchmesse 2009

Samstag, 17. Oktober 2009

Nachgefragt:
Die unendliche Freiheit und das Ende der Liebe

Samstag, 17. Oktober 2009

Das Ende der LiebeAm ersten Tag der Buchmesse gab es zwischen vielen Terminen beim Fernsehen und Rundfunk ein Treffen mit Sven Hillenkamp auf dem Stand von Klett-Cotta. Über sein Buch > Das Ende der Liebe Gefühle im Zeitalter unendlicher Freiheit habe ich hier auf dem Blog schon berichtet. Jetzt ging es darum, einmal nachzufragen.

Der Leser gewinnt den Eindruck, dass der Autor hier möglicherweise auch autobiographische Erlebnisse für dieses Buch verwendet hat. Ganz konkret wollte er sich dazu nicht äußern, insistiert habe ich nicht, denn darum geht es in diesem Buch auch gar nicht. Vielmehr geht es um die Einsicht in die Unmöglichkeit einer grenzenlosen Liebe und um die Angst, die aus allen Versuchungen der Freiheit resultieren. Das Ende der Liebe Da dieses Blog kein Lobforum ist, auch keine Werbetexte enthält, aber auch genausowenig > Rezensionen anbietet, sondern eine Textsorte erfindet, die ich habe das Buch gelesen heißt, weil mir eine bessere Bezeichnung noch nicht eingefallen ist, habe ich doch mal nach seiner Definition der Freiheit gefragt, weil mir die Konzentration nur auf ihre Folgen nicht ganz geheuer ist. Sven Hillenkamps Buch enthält einen Feststellung, die möglicherweise von vielen geteilt wird: “Die Geschwindigkeit der Menschen in der Freiheit ist die Geschwindigkeit des freien Falls.” (S. 35)Das Ende der Liebe Kann man mit einer solchen Erkenntnis wirklich zur der Schlussfolgerung gelangen, dass die Menschen unfrei sind? (vgl. S. 253) Damit kann ich mich nicht so recht zufriedengeben, weil ich über die Art und Weise, wie der Autor die Freiheit des Menschen interpretiert, nicht so recht teile und gerne länger mit ihm darüber gesprochen hätte. Aber die Art und Weise, wie Liebe und Freiheit in unserer Gesellschaft nicht zusammenpassen, da ist doch was dran. Leider habe ich keine Zeit mehr gehabt, meine letzte Frage loszuwerden, bei der es um die Lösung der Fragen geht, die er mit seinem Buch aufwirft. Das ist gar nicht schlimm, in unserem Gespräch ging es ja auch erstmal nur um den theoretischen Ansatz seines Buches.

Das Gespräch mit Sven Hillenkamp:

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ca. 10 min

> Leseprobe

Sven Hillenkamp im > Literatur-Film

Sven Hillenkamp
Das Ende der Liebe
Gefühle im Zeitalter unendlicher Freiheit
1. Aufl. 2009
311 Seiten
ISBN: 978-3-608-94608-6

Nachgefragt: Dorothea Dieckmann, Termini

Samstag, 17. Oktober 2009

TerminiZum Gespräch mit Dorothea Dieckmann auf dem Stand von Klett-Cotta bei der Frankfurter Buchmesse hatte ich extra meinen Fotoapparat, den lautlosen, mitgebracht. Nun der muss akzeptieren, wenn er mal nicht mitmachen darf, > er hat ja schon viele Autoren gesehen. Beim nächsten Treffen darf er aber bestimmt aktiv werden.Dorothea DieckmannIch durfte aber das Treffen nutzen und Dorothea Dieckmann nach ihrem Roman > Termini fragen. Nachgefragt, heißt also dieser Beitrag.

Ansgar Weber reist nach Rom, um an dem Prozess gegen Egon Priebke teilzunehmen. Ansgar hat aber seine Karriere im Sinn und kümmert sich lieber um eine deutsche Schriftstellerin, die einmal totgesagt lebt, er nimmt ihre Spur auf und begegnet ihr. Nach dem Verhältnis von Geschichte und Literatur habe ich die Autorin befragt, und sie hat die Konstruktion des Romans erklärt, aus der die Präsenz der Geschichte mehr als deutlich wird. Beim Wiederhören unseres Gesprächs fällt mir ein, dass ich noch mehr über Ansgar wissen wollte, der in dem Buch genaue Vorstellungen von seiner Aufgabe hat, dann aber doch in den Strudel, so muss man wirklich sagen, der Ereignisse gerät.

Hier können Sie das Gespräch mit Dorothea Dieckmann hören:

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Dorothea Dieckmann
Termini
1. Aufl. 2009
317 Seiten
ISBN: 978-3-608-93660-5

Foto: (c) G2Baraniak

Marianne Krüll: Die Geburt ist nicht der Anfang

Montag, 12. Oktober 2009

Marianne KrüllBei der Vorbereitung für die Interviews auf dem Stand von Klett-Cotta liegt auch das neue Buch von Marianne Krüll auf meinem Tisch: > Die Geburt ist nicht der Anfang. Die ersten Kapitel unseres Lebens – neu erzählt. Frau Krüll war zu Beginn dieses Blogs mein erste Gesprächspartnerin im März 2007 auf der Leipziger Buchmesse. Wir sprach über Ihr Buch > Die Mutter in mir – Wie Töchter sich mit ihrer Mutter versöhnen.

Das Buch ist eine Neuauflage des Buches, mit sie 1982 begonnen hatte. Im Vorwort erläutert sie die Entwicklung der Forschung aber auch mit dem Geburtsvorgang selbst, der sie zu dieser Neuauflage angeregt hat:

“Wieder wurde ich aufgerüttelt durch das, was ich neu entdeckte. Einerseits fand ich mich bestätigt, denn in den letzten Jahren haben sehr viele Menschen erkannt, wie bedeutsam die ersten Jahre unseres Lebens vor und nach der Geburt für unser ganzes Leben sind. Ich fühle mich mit meinen Ideen nicht mehr in dem Maße als Außenseiterin wie noch vor 25 Jahren.

Andererseits bin ich entsetzt über viele Entwicklungen, die ich zwar schon damals befürchtete oder sogar voraussah. Doch nun erleben zu müssen, wie das Geburtsgeschehen immer mehr zu einem Krankheitsbild deformiert wird, erschreckt mich sehr. Die medizinischtechnischen »Fortschritte« der chirurgischen und medikamentösen Geburtshilfe, der pränatalen Diagnostik, der künstlichen Befruchtung bis hin zur »therapeutischen« Stammzellengewinnung und Genmanipulation lassen ein Klima entstehen, in dem all das gefährdet ist, was ein neues Menschenwesen für sein Wachsen und Gedeihen im Mutterleib und danach braucht – nämlich Geborgenheit, Sicherheit und vor allem Liebe. ”

Und sie zeigt sich besorgt über Hight Tech jeder Art, mit dem man den Kleinen buchstäblich zu Leibe rückt und dabei die Seele der Kleinen vergisst:

“Ich bedaure auch sehr, dass wir zwar im Ultraschall die erstaunlichen Lebensäußerungen von Föten bewundern können und uns die wachen, großen Augen von Neugeborenen auf den Hochglanzfotos in den Schwangeren-Ratgebern begeistern, dass aber in der breiten Öffentlichkeit wenig Bewusstsein darüber besteht, was diese Kinder im Mutterleib und in der neuen Welt brauchen, um die begonnene Entwicklung ihrer Sinne im Positiven fortzuführen. Ein buntes Mobile, regelmäßige Mahlzeiten und frische Luft sind auf keinen Fall genug. Menschenkinder brauchen vielfältigste Anregungen für alle ihre Sinne, damit sich ihr Gehirn strukturieren und aufbauen kann. Werden bestimmte Sinnesreize nicht angeboten, verkümmern die jeweiligen Gehirnareale, wie die moderne Hirnforschung inzwischen nachweisen kann.”

Marianne Krülls Erfahrung, ihr Einfühlungsvermögen, die Vermeidung eines wissenschaftlichen Sprachduktus, ihr unbedingtes Eintreten für ein ganzheitliches Menschenbild gegenüber einer Gerätemedizin, die schon die kleinsten Unmutsäußerungen in ihre Bestandteile zerlegt und vor allem ihre Begeisterung für den ganzen Prozeß der Menschwerdung vermitteln hier eine Lese- und Lebensfreude. ich freue mich auch das Gespräch mit ihr.

> Die Geburt ist nicht der Anfang
Die ersten Kapitel unseres Lebens – neu erzählt
Vollständig überarbeitete und aktualisierte Neuausgabe, unter Mitarbeit von Flora Frank
1. Aufl. 2009
ca. 45 Abbildungen und einem Glossar
394 Seiten
ISBN: 978-3-608-94556-0

> www.mariannekruell.de

Das Doppelheft des MERKUR.
Gibt es heute noch Helden?

Montag, 12. Oktober 2009

MERKURDas neue Sonderheft des > MERKUR beschäftigt sich mit Helden: Heldengedenken. Über das heorische Phantasma lautet sein Titel.

In Ihrer Einleitung bestätigen die Herausgeber, dass das Heroische nicht gerade aktuell ist. Aber es werden zunehmend die “Helden des Alltags” genannt, die die etwas Gutes tun, aber ncht immer Helden im strengeren Sinn sein müssen. Das Unalltägliche macht den Helden aus. “Es ist eher die Abweichung, die das Heroische kennzeichnet, nicht die Erfüllung einer vorgegebenen moralischen Norm. Und es ist auch nicht nur die Tat als solche, sondern der Gestus, die Kühnheit des Tuns, die uns das Heroische erkennen lässt.”

Die erste Abteilung des Heftes stellt die Vielfalt des Temas vor: Helden im Alltag, Helden in der englischen und deutschen Geschichte (Giles MacDonogh) und Helden in der “postheroischen” Epoche (Niels Weber). Oder wie sehen Jugendliche heute Helden? Sven Tetzlaff schreibt über den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. Josef H. Reichholf widmet sich grundsätzlichen Fragen: “Zur Soziobiologie des Heroischen”.

Im zweiten Teil werden die unterschiedlichen Typen der Helden betrachtet: Achill (Arbogast Schmitt) und Don Quijote (Hans-Ulrich Gumbrecht), Satan (Peter-André Alt) und der Dandy als Held (Karin Westerwelle). Und Siegfried Kohlhammer untersucht Dichter und Denker als Helden: “Der Hammer redet”, obwohl Heinz Schlaffer ihn daran erinnert: “Die Vorstellung, ein Schriftsteller sei ein Held entbehrt nicht der Komik.” Heinrich Detering untersucht Brechts Helden.

Im dritten Teil geht es um – die Kriegshelden sind verschwunden – den Helden im Western: Ritus und Geste (Karl heinz Bohrer): “Lakonie ist die Kennmarke des Verhaltens des Westernhelden.” Martin Seel hat sich den Film The Searchers von John Ford noch einmal angesehen: Ethan Edwards und einige seiner Verwandten und Josef Früchtl denkt über die Selbstreflexion der Heldenfigur im Film nach: Und diesen Unsinn glauben wir. schließlich hat der Comiczeichner Andy Bleck aus Köln “den verwundeten Sokrates” nach einer Geschichte von Bertold Brecht illustriert.

Held sein liegt einem nicht so recht. Mit den Durchblättern habe ich auch etwas gezögert und es nicht gelich oben auf meinen Bücherstapel gelegt. Das Heft scheint auch nicht so recht zu den gegenwärtigen Themen zu passen. Aber die Art und Weise, wie das Thema aufgefächert, von verschiedenen Seiten diskutiert wird, und dann auf den Punkt gebracht wird, macht es zu einer interessanten Lektüre für alle, die über den Tellerrand des politisch Gewöhnlichen und über das Alltagsgeschehen gerne mal hinausschauen, um sich Anregungen zu holen, sich inspirieren zu lassen oder ganz einfach um mal nachzusehen, wie die Herausgeber und die Autoren sich der Helden angenommen haben. Die Vielfalt der Themen in diesem Heft passen vorzüglich zusammen und sind von den Herausgebern einleuchtend geordnet worden.

> MERKUR

Koloratur oder wie findet man die Wahrheit?

Sonntag, 11. Oktober 2009

Li Er, KoloraturDer Roman eines der wichtigsten chinesischen Gegenwartsautoren, Li Er, > Koloratur berichtet die Geschichte von Ge Ren, einem Übersetzer, Schriftsteller, Kommunist und Volkshelden nach einander aus den Blickwinkeln von drei Erzählern. Dabei hilft das Personenverzeichnis und das Glossar, das Grundbegriffe zur chinesischen Geschichte im 20. Jahrhundert vor der Gründung der Volksrepublik erläutert. Im Englischen heißt der Titel des Buches Truth and Variations. Die eine Lesart ist also die Beachtung der historischen Umstände mittels des Glossars und der Personen deren Motive Handlungen in den drei Berichten unterschiedlich gewichtet werden. Die andere Lesart konzentriert sich auf die literarische Darstellung oder Untersuchung, wie Wahrheit rekonstruiert wird. Einmal heißt es in diesem Buch “In der Tat, ‘Wirklichkeit’ ist ein illusorischer Begriff,” (S. 400) und da Wahrheit und Wirklichkeit enge nebeneinanderstehen und das Beispiel der Zwiebel genannt wird, bei derem Schälen “Schicht für Schicht” nichts mehr übrigbleibt, gibt auch das Wort “Wirklichkeit” hier einen Hinweis auf die Bedeutung dieses Buches. Auf der gleichen Seite steht aber auch “Wie jeder, der viel liest, glaube ich irrtümlicherweise, dass ein Bericht, je detaillierter er ist, umso wahrer wird.” Möglicherweise geht es also doch um die Wahrheitsfindung. Ein Gedicht, das nach dem Tod des Volkshelden in einer geänderten Version erscheint, erhärtet immer wieder die Vermutung, dass Ge Ren doch nicht tot sei. Alle drei Erzähler berichten, wie sie sich auf den Weg machen, um ihn zu finden. Das Treffen aller mit Ge Ren verläuft ganz unterschiedlich, hängt vielleicht auch ein wenig von den Interessen der Besucher ab.

Das Buch hat kein Inhaltsverzeichnis und Li Er lässt den Leser frei, wo er anfangen will: “Man kann dieses Buch im vorgegebenen Verlauf lesen, aber man kann auch mit der Lektüre des dritten Teils beginnen und anschließend zum ersten zurückkehren. Genauso gut könnte man zunächst einen Abschnitt des Hauptteils lesen, um danach zum ergänzenden Quellenmaterial am Schluss oder am Anfang des Buches überzugehen. Lieber Leser, es steht Ihnen auch frei, einen beliebigen Abschnitt aus dem dritten Teil des Buches bereits nach einer Passage des ersten Teils zu lesen. Zur Unterscheidung kennzeichnen unterschiedliche Schriften den Hauptteil und die ergänzenden Quellen. Auf die gängige Durchnummerierung habe ich ganz bewusst verzichtet. Die unterschiedlichen Schriften sollen den geneigten Leser stets daran erinnern, dass er die Geschichte auf seine Art begreifen und dieses Buch nach Belieben gliedern kann. Ge Rens Geschichte wird diese Erzählweise gerecht.” (S. 5 f.)

Ist es ein politischer Roman? Die Art und Weise, wie Li Er mit den historischen Ereignissen umgeht und sie von den Protagonisten des Romans nennen und indirekt beurteilen lässt, ist bemerkenswert. Das ganze Buch will mit seinen konstruierten Belegen wie ein historischer Roman erscheinen, der auch tatsächlich präzise konstruiert worden ist. Dabei steht Ge Ren im Kontext des Buches für einen Volkshelden aber auch für ein Individuum oder eine erfundene Person. In diesem Sinne legt der Roman auch eine Interpretation der chinesischen Geschichte im 20. Jahrhundert vor der Gründung der Volksrepublik vor. Ge Ren “dieser blasse Studiosus” nahm am “Langen Marsch” von 1934/35 der fast 90.000 Soldaten 12.500 km weit nach Yan’an führte, und neun Zehntel das Leben kostete teil. Auf diese Weise werden Ereignisse der chinesischen Geschichte genannt, die auch das Verhältnis zwischen der Chinesischen Nationalpartei Kuomintag und der KPCh dargestellt. Bemerkenswert ist auch die Erzähltechnik Li Ers der der die Interpretation der damaligen Ereignisse mittels der Berichte der Erzähler in die Jahre 1970 und 2000 verlegt. Damit eröffnet er ihnen und seinem Buch Einblicke in das Verständnis der chinesischen Geschichte. Immer wieder korrigiert er geschickt mittels (erfundener) Quellen die Berichte der Augenzeugen. Mit der letzten Seite wird dem Leser dann auch deutlich, dass er einen mit diesem Buch einen Einblick in die Art und Weise erhält, wie heute in China mit der eigenen Geschichte umgegangen wird. Genug Stoff für Fragen an Li Er !

Bei der Buchmesse wird es eine Gelegenheit zu einem Gespräch mit Li er geben. Ich bin gespannt darauf. Seine Botschaft, die er nach Deutschland mitbringt, zitiert Petra Aldenrath in ihrem > Porträt Li Ers vom 1.10.2009: “Li Er: ‘In China findet zurzeit der radikalste Wandel der letzten 1000 Jahre statt. Es ist total radikal. Das China von vor zehn Jahren ist völlig anders als das China von heute. Egal ob im Norden, Osten, Süden oder Westen – China ändert sich überall, nur eben in einem unterschiedlichen Tempo.’”

Li Er wurde 1966 in China geboren. Er hat in Shanghai Sinologie studiert und lebt in Peking. 2004 erhielt er den “Großen Medienpreis für chinesischsprachige Literatur 2004 in der Kategorie Belletristi”. 2005 war er für den Mao Dun-Literaturpreis nominiert worden. 2007 erschien auf Deutsch bei dtv sein zweiter Roman »Der Granatapfelbaum, der Kirschen trägt«.

Li Er
> Koloratur. Roman
Aus dem Chinesischen von Thekla Chabbi (Orig.: Hufqiang)
380 Seiten
ISBN: 978-3-608-93794-7

Mit Michael Zöllner habe ich im Juli über > Koloratur gesprochen.

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