Verlagsblog

Archiv für Februar 2010

Die subtilen Unterschiede zwischen Zauberei und Magie:
Die Magier von Montparnasse

Samstag, 27. Februar 2010

Eigentlich wird das Buch zuerst gelesen, bevor > beim Autor nachgefragt wird.
Am vergangenen Donnerstagabend ergab sich dann doch ein kurzes Gespräch mit Oliver Plaschka über sein neues Buch > Die Magier von Montparnasse. Wenn Sie vor dem Öffnen des Buches die ganze Spannung bewahren wollen, dann sollten Sie das > Gespräch mit Oliver Plaschka (mp3) jetzt noch nicht anhören. Andererseits verrät er nicht allzuviel, keine Zaubertricks und Magietricks schon gar nicht. Aber er sagt ein wenig über den Plot der Geschichte, und das könnte Ihnen ein wenig den Blick auf die Feinheiten verstellen, die sie dann auf den ersten Seiten überlesen würden. Den Perspektivwechsel in Form der einzelnen Ich-Erzählungen der Hauptpersonen habe ich schon erwähnt. Gleichzeitig und nacheinander lernt man das Handeln und die Beweggründe der Personen kennen. Und dann das Dekor der Kreuzung Vain. Setzen Sie sich dort in ein Café oder in ein Bistrot. Vielleicht kommen Justin oder Ravi vorbei. Schade, ich hätte gerne noch länger mit Plaschka gesprochen. Gegen Ende des Gesprächs nach den formalen Fragen, wie sind Sie daraufgekommen, usw. wird es richtig spannend.

Nachgefragt:

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11 Minuten

> Das Video der Lesung

Verleger im Gespräch:
Die Tropen als Imprint bei Klett-Cotta

Freitag, 26. Februar 2010

Am kommenden Donnerstag, dem 4. März 2010, findet um 20 Uhr in der Galerie der GEDOK Stuttgart, Hölderlinstr. 17, zum vierten Mal eine Veranstaltung in der Reihe „Verleger im Gespräch“ statt. Zu Gast ist dieses Mal der Tropen-Verleger und
Geschäftsführer von Klett-Cotta Tom Kraushaar, das Gespräch führt die Autorin Beate Rygiert.

„Neue Impulse für ein klassisch fundiertes Programm“, versprach sich Vorstandsmitglied der Ernst Klett AG Phillip Haußmann für das traditionsreichen Verlagshaus Klett-Cotta, als die Verleger Tom Kraushaar und Michael Zöllner nach Stuttgart zogen. Hier übernahmen sie Anfang 2008 die verlegerische Geschäftsführung bei Klett Cotta. Der bislang in Berlin ansässige Tropen Verlag mit seinem literarisch anspruchsvollen Programm , den Zöllner und Kraushaar seit 2004 gemeinsam leiteten, wurde zum Imprint innerhalb von Klett-Cotta.

Über den Wechsel von der Hauptstadt in die Schwabenmetropole, über das Büchermachen in einem kleinen Verlag und das Führen der Geschäfte eines großen, über die Liebe zur Literatur und den Spürsinn für das, was heute geschrieben wird und morgen noch Bestand haben wird – darüber und über vieles mehr wird sich Tom Kraushaar an diesem Abend mit der Schriftstellerin Beate Rygiert unterhalten.

Zaubern und Magie: Der feine Unterschied
Oliver Plaschka, Die Magier von Montparnasse

Freitag, 26. Februar 2010

Gestern hat Oliver Plaschka im Rahmen einer Lesung im Verlagshaus von Klett-Cotta in Stuttgart seinen neuen Roman > Die Magier von Montparnasse vorgestellt. Die Leser dieses Buches werden künftig mit anderen Augen an der > Carrefour Vavin, wo sich der Boulevard Montparnasse und der Boulevard Raspail kreuzen, vorbeigehen. Hier in der Nähe ist die Coupole, das große Restaurant, das allerdings, wenn ich mich recht erinnere, erst 1927, also ein Jahr nach den Ereignissen, die in diesem Roman zu den dramatischen Verwicklungen geführt haben, gegründet wurde.

Oliver PlaschkaVielleicht vorher noch einen Abstecher in die Rue de la Gaité, zwischen der Gare Montparnasse und dem Friedhof von Montparnasse, wo im Variété Bobino das ganze Unheil dieser Geschichte anfängt. Es ist eine verklemmte Klappe, die den Zauberer Ravi in erhebliche Schwierigkeiten bringt. Aber mit seiner reichen Bühnenerfahrung löst er souverän diese Situation und ließ das Publikum nicht allzuviel spüren … von diesem Unterschied zwischen Zauberei und Magie. Aber die Société silencieuse findet das gar nicht so unterhaltsam. Alles folgende spielt sich in einem engen Kreis um diese Kreuzung ab, wo auch das wunderbare Standbild von Honoré de Balzac sich befindet, der auf dem Sockel im Morgenmantel steht, so wie Rodin ihn geschaffen hat. Und dann ist da noch das Hotel „Le Jardin“. – Übrigens es ist ein Vergnügen, Oliver Plaschka zuzuhören. Ihm ist es gelungen, die feinen Unterscheide zwischen Zauberei und Magie zu vermitteln. In unserem Gespräch korrigierte er sich. Die Société silencieuse gibt es wirklich.

Gerne würde ich gleich mehr über die Handlung erzählen. Aber entdecken Sie selbst, was die Magie anrichten kann, besonders wenn irgendwas schief geht oder die einschlägigen Regeln nicht beachtet werden. Die Personen berichten aus ihren Perspektiven jeweils in der Ich-Form. Das ist eine feine Methode, den Leser in die Geschichte hineinzuziehen.

Hier ist seine Facebook-Seite: > Oliver Plaschka

Oliver Plaschka
> Die Magier von Montparnasse
1. Aufl. 2010
Ausstattung: gebunden mit Schutzumschlag, Vorsatzkarten
427 Seiten
ISBN:978-3-608-93874-6

Roger Smith, Blutiges Erwachen

Donnerstag, 25. Februar 2010

Spannung pur. Dieser Krimi aus Südafrika ist ähnlich wie ein Drehbuch geschrieben. Viele kurze Szenen wechseln einander ab, ereignen sich parallel, manchmal hintereinander, überschneiden sich, manchmal laufen sie auf ein Ereignis zu, wieder gibt es Tote.

Ein Raubüberfall, ein Ehepaar wird überfallen. Der Moment bietet sich, eine Frau greift zu der Waffe, die einer der Räuber verloren hat, erschießt ihren Mann, lange hat sie nicht gezögert, da war kein Plan dahinter, aber vielleicht doch noch eine Rechnung zu begleichen? Eigentlich eine todsichere Idee, die Waffe verschwindet über der Hecke, und die Dame spielt die trauernde Witwe. Wird ihre Tat aufgedeckt oder nicht? Keine Waffe, kein Motiv? Zahlt sich das Verbrechen aus?

Bill will sein Geld bekommen, das ihm zusteht, er kommt zu spät und gerät zwischen die Fronten, wo auf einmal viele andere offene Rechnungen sich auftun. Sind das wirklich die dunklen Seiten des heutigen Südafrika, die Ghettos von Kapstadt, wo das Gesetz des Stärkeren regiert? Die Polizei hält sich meist im Hintergrund, gibt dem einen oder anderen, der gute oder alte Beziehungen zu ihr hat, den so manchen Tipp, aber im entscheidenden Moment ist sie dann doch zur Stelle.

Ein Raubmord und die Frau, die bei dieser Gelegenheit auch schießt, bringen das Unheil ins Rollen, das nicht mehr aufzuhalten ist. Die Brutalität der einen reißt die anderen mit, auch wenn diese zaghafte Versuche machen, sich diesem Wahnsinn entgegenzustellen. Aber ich werde hier ich weniger vom Inhalt preisgeben, als es der Klappentext tut. Es ist vor allem der immer schneller werdende wiederholte Wechsel der Blickrichtung, die Bewegungen zwischen vielen verschiedenen Orte, die auf ihre Weise ihre Bewohner unverwechselbar prägen. Und das sind auch die besonders krassen Fälle, ein Psychopath, der, wo auch immer er auftaucht, gewohnt ist, alle zu beherrschen. Er zieht alle um sich herum immer wieder in neue Verbrechen. Mittendrin ist ein Dok, der notdürftig fast wie ein Schiedsrichter schnell mal eben zusammenflickt und nebenbei seinen Kult mit Körperteilen treibt.

Das Buch liest sich so, wie man einen Kinofilm erlebt, und man merkt, dass Smith auch Drehbücher schreiben kann. Dieser Spannung kann man nicht entkommen. Ein Buch für eine längere Zugfahrt, da können die Mitreisenden noch so laut reden oder telefonieren, sie werden von ihnen nichts mitbekommen.

Roger Smith
> Blutiges Erwachen
Thriller
Aus dem Englischen von Jürgen Bürger und Peter Torberg (Wake up Dead), 1. Aufl. 2010, 357 S., gebunden mit Schutzumschlag, ISBN: 978-3-608-50206-0

Kap der FinsternisÜber den ersten Krimi von Roger Smith > Leseprobe

Roger Smith,
> Kap der Finsternis. Roman
Aus dem Englischen von Jürgen Bürger und Peter Torberg
(Orig.: Mixed Blood)
Auflage: 1. Aufl. 2009
359 Seiten:
ISBN: 978-3-608-50202-2

Oliver Plaschka – Die Magier von Montparnasse

Mittwoch, 24. Februar 2010

Seit einer Woche arbeite/lese ich meinen > Bücherstapel ab. Jetzt ist gerade das Buch von Roger Smith > Blutiges Erwachen dran, und dann kommt das Buch von Oliver Plaschka Die Magier von Montparnasse an die Reihe. Ein bisschen von dem, was damit auf den Leser wartet, habe ich schon auf der Facebook-Seite von
> Oliver Plaschka gefunden. In einer guten Woche steht mein Text („Ich habe das Buch gelesen.“) auch hier auf dem Blog. Ravi der Zauberer bringt die ganze Stadt durcheinander, nichts geht mehr. > Hier können Sie schon mal > probelesen und bei vorablesen.de finden Sie Kommentare zu diesem Buch.

Walter Veltroni, Die Entdeckung des Sonnenaufgangs

Montag, 22. Februar 2010

Der frühere Bürgermeister von Rom, Walter Veltroni, legt mit
> Die Entdeckung des Sonnenaufgangs uns seinen ersten Roman vor. Mein PC war am Freitagmorgen kaputt, und als der Techniker kam, hatte ich erst 14 Seiten gelesen. Soviel kann ich guten Gewissens verraten. Sie werden auch auf Seite 20, 30, 40 usw. merken, dass dieser Roman keine Unterbrechung duldet. Der Autor zieht Sie in das Geschehen hinein. Eine Lesepause ist nicht angesagt. Soviel zum Inhalt.
Veltroni kann nicht nur schön erzählen, er hat auch skurrile Einfälle. Nein, ich verrate nichts über den Hergang, Verlauf noch über das Ende der Geschichte. Aber man kann auf diesen 152 Seiten wunderbar herausfinden, wie Veltroni die Spannung aufbaut. Wie macht er das? Jedenfalls werden Sie merken, dieses Buch legen sie nicht gleich wieder aus der Hand. „Damals lebten die Menschen kürzer, und die Dinge währten länger,“ heißt es einmal, und das ist ein Hinweis darauf, dass es hier um die Erinnerung geht. Auch bei Proust lösen Dinge die unwillkürliche Erinnerung aus.
„Und dann dieses Gefühlt unterdrückt und kontrolliert zu werden,“ lässt mit wenigen Worten die Angst erscheinen. Der Satz „Doch an diesem Tag lernte ich die Zähigkeit der Zeit kennen,“ ist ein weiterer Hinweis auf die Zeit, die hier in ihrem Ablauf unter verschiedenen Perspektiven untersucht wird. Und dann kommt so ein Satz: „Man hat uns jede Hoffnung genommen, die wir noch teilen könnten, und uns in einen glitzernden Supermarkt eingeschlossen, wo man alles kaufen kann, aus dem man aber nicht mehr herauskommt.“ Soviel zum Konsum, der überall auf uns lauert.
Vielleicht verrate ich doch etwas. Dieses Buch ist ein Roman, aber es hält auch weitere literarische Genres, die durch die Zeit und ihre Darstellung fest miteinander verbunden sind. S. 47- 60 eignen sich vielleicht am besten für eine Lesestunde. Beim Vorlesen kommt man Veltroni am besten auf die Spur. Wie hat er das gemacht? Er verleiht seiner Geschichte eine gewisse Strenge und liefert die Emotionen gleich mit. Das Spiel mit der Zeit ist auch ein Spiel mit der Erinnerung und ihrem Gewicht. Was war früher, und welche kleinen Entscheidungen hätten manches anders verlaufen lassen? Lesen Sie auf keinen Fall den Klappentext, die erste Umschlagseite. Sie verrät ein kleines Detail, was ich hier auch für mich behalte. Lesen Sie das Buch, und dann meinetwegen den Klappentext. Hab ich Recht?
Es ist überhaupt nicht einfach, den Grund für die Lesebegeisterung für dieses Buch wiederzugeben, ohne noch mehr über den Inhalt zu erzählen. Werde ich auch nicht machen. Ein bisschen skurril ist der eine Leseabschnitt. Aber auch wieder so schön in den Verlauf der Geschichte eingebettet, so dass er sehr plausibel erscheint. Man kehrt an einen Ort zurück, wo man früher schon mal länger gewesen ist, um dann in der Vorstellung noch mehr darin zu versinken. Die Dinge, die man dort wiederfindet, geben der Erinnerung ihre Struktur. Aber die Bedeutung der Struktur oder der Dinge wird erst mit dem Andenken, mit dem Nachdenken über die Personen wieder lebendig, die damals mit ihnen umgegangen sind. Und dieses Verhältnis zwischen den Dingen und den Menschen hat Veltroni so meisterlich in Szene gesetzt. Der Titel hat eigentlich nur wenig mit der Geschichte zu tun. Und doch kommt der Morgendämmerung in diesem Roman ein besondere Bedeutung zu, wenn der Sohn des Hauses mit der Lektüre in der Hand auftaucht.

Walter Veltroni
> Die Entdeckung des Sonnenaufgangs
Wollen Sie schon mal probelesen? > Ja!
Roman
Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki (La scoperta dell’alba)

Auflage: 1. Aufl. 2010
Ausstattung: gebunden mit Schutzumschlag
156 Seiten
ISBN: 978-3-608-93704-6

Ist der Humanismus am Ende?
Das neue Buch von John Gray

Sonntag, 21. Februar 2010

Sein provokativstes Buch kündigt der Klappentext an und verspricht nicht zuviel. Es ist so richtig auch für die geschrieben, die nicht nur immer ihre eigenen Grundüberzeugungen wiederfinden wollen. Von Menschen und anderen Tieren hält was der Titel verspricht. Statt sich als Homo sapiens zu behaupten, ist der Mensch ein Homo rapiens geblieben, unfähig zu jeder Art des Humanismus. Ein Buch zum Nachdenken, voll von Vorwürfen, an die man sich erstmal gewöhnen muss: „Humanisten bilden sich gern ein, ihre Sicht der Welt sei rational.“ (S.11). Damit ist die Richtung vorgegeben. Eine Breitseite auf die Humanisten, die in ihrem Aberglauben die Menschheitsgeschichte für eine Fortschrittsgeschichte halten und damit weiter von der Wahrheit entfernt seien als jede Religion. (ebd.) Deutlicher geht es kaum.
Man darf aber diese erste Seite nicht überlesen, denn John Gray definiert hier das Objekt seines Angriffs. Es ist der unreflektierte Drang nach Fortschritt, der der Menschheit mehr schadet als nützt, es sind hier weniger die Humanisten um 1500, da er hier die Renaissance nicht ausdrücklich nennt. Auf der nächsten Seite wird er aber dann noch deutlicher und zieht eine der Erkenntnisse, die mit der Renaissance und dem Humanismus um 1500 auf das engste verknüpft ist, nicht nur in Zweifel, sondern lehnt sie rundheraus ab: der freie Willen des Menschen, ein Erbe des Christentums existiert für Gray nicht. Der Autor rüttelt an den Überzeugungen des Abendlandes und lässt sie obsolet erscheinen. Und weil es keinen Fortschritt gibt, entwickelt Gray eine weitere Erkenntnis: „Wissen macht uns nicht frei,“ (S.14 f.), und er erinnert an Prometheus, den die Götter, nachdem er ihnen das Feuer gestohlen hatte, an einen Felsen schmiedeten.
Wenn der Mensch sein Schicksal selbst in die Hand nehmen will, wird er merken, dass er auf der Stufe des Tiers verharrt. (S. 18). Die Art und wie Weise, wie der Mensch sein Ökosystem zugrundegerichtet hat, zeigt, dass er nie wirklich seine Technologien in den Griff bekommen kann und wird. Was treibt John Gray, diese Philippika in so strenger Form und so unnachsichtig zu verfassen? Er spricht der Wissenschaft jede rationale Reflexion ab und sieht ihre Ursprünge in „Religion, Magie und Schwindel“ (S. 36). Gray geht davon aus, was die Menschen bis heute auf der Erde angerichtet haben und betreibt Ursachenforschung, die er uns als Thesen angesichts der Umweltkatastrophen, Kriegen und allem anderen Unvermögen der Menschen vorhält.
Natürlich stört es beim Lesen, dass er nicht Autoren nennt, die dem Humanismus verpflichtet waren, wie Pico della Mirandola (1), Niccolò Machiavelli, oder Jean-Paul Sartre, der 1943 in Das Sein und das Nichts eine Begründung der menschlichen Freiheit vorlegte und später erklärte, Der Existentialismus ist ein Humanismus.
Schauen wir uns weitere Voraussetzungen Grays an, um sein Anliegen besser zu verstehen. Für Gray gibt es kein autonomes Subjekt und folglich ist es auch nur allzu dürftig um das menschliche Bewusstsein bestellt. Und das Ich existiert nicht, es ist kaum mehr als ein Grundirrtum des Menschen. Der Autor dieses Buches geht sehr heftig mit dem Menschengeschlecht ins Gericht. Keine der hergebrachten Grundüberzeugungen lässt er gelten. Im zweiten Teil seines Buches untermauert er seine Voraussetzungen und Thesen mit Erinnerungen an die Geschichte. Im Kern geht es dabei immer wieder um das verwerfliche und nutzlose Streben des Menschen nach einem Fortschritt, das als Streben kein Ende kennt, und daher eine Illusion sei. (S. 205) Darum geht es also: Grays Fortschrittskritik ist absolut, duldet kaum einen Widerspruch und ist für ihn der Quell allen Übels, so wie als das, was nach dem Öffnen der Büchse der Pandora entweicht. Manchmal ist das aber eine Frage der Gewährsleute. Für Gray ist es Robert Graves, der an den Mythos des Sisyphos erinnert. Oben angekommen rollt der Stein den Berg wieder hinunter, wo Sisyphos ihn zurückholt, den Kopf von Staub umfangen. Ich halte es lieber mit Albert Camus, der erklärt, dass Sisyphos beim Abstieg Zeit hat, sich über das ganze Ausmass seiner Lage bewusst zu werden.
Vielleicht hat Gray ganz bewußt eine Rhetorik der Übertreibung gewählt, um die Vorstellung von einer grandiosen Selbstüberschätzung des Menschen durch sich selbst zu schärfen. Manche Ansätze in seinem Buch sind bedenkenswert und liefern Stoff für abendfüllende Diskussionen. Die Vorstellung des minimalen Bewusstsein oder Selbstbewusstseins, des quasi nicht existierenden Ich-Begriffs sind Ansichten oder Überzeugungen, die mit der Überrieselung duch die Massenmedien in einen Zusammenhang gebracht werden könnten. Wieviele Mitbürger lassen jeden Abend die Nachrichten aus der Röhre über sich ergehen und schütteln allenfalls mal mit dem Kopf, bevor das Wetter oder der nächste Spielfilm kommt
Es ist beinahe so, als würde Gray von außen einen Blick auf die Menschheit richten und anhand ihrer Gewohnheiten auf ihre Ursprünge, Fähigkeiten und Fertigkeiten schließen. Gray provoziert mit seinem Buch, und man hat ihm eine ganze Menge zu entgegnen. In diesem Sinne rüttelt er auf und verlangt von uns, über die eigenen Überzeugungen und Grundlagen nachzudenken.

(1) Vgl.: G. Pico della Mirandola, Über die Würde des Menschen, Stuttgart 1997, S. 9: „Du wirst von allen Einschränkungen frei nach deinem eigenen freien Willen, dem ich dich überlassen habe, dir selbst deine Natur bestimmen.“

John Gray
> Von Menschen und anderen Tieren
Abschied vom Humanismus
Aus dem Englischen von Alain Kleinschmied (Orig.: Straw Dogs, Thoughts on Humans and Other Animals)
Auflage: 1. Aufl. 2010
Ausstattung: gebunden mit Schutzumschlag
246 Seiten
ISBN: 978-3-608-94610-9

Das Leseprogramm für Februar und März

Montag, 15. Februar 2010

Eben kam wieder ein Paket von Klett-Cotta an:

Mit John Grays > Von Menschen und anderen Tieren. Abschied vom Humanismus habe ich schon angefangen. Nachdem ich die Einleitung gelsen habe, kann ich nur zustimmen. Eines seiner provokativsten Bücher. Mal gucken wie es mir nach der Lektüre geht. Ob das Buch wirklich viel ins Wanken bringen wird? Der Anfang klingt wie ein Gegenmittel, nachdem ich über > Camus und Sartre geschrieben habe. Nun das Programm: Danach kommt Roger Smith, > Blutiges Erwachen dran. Ich bin kein S-Bahn-Fahrer, um eines meiner bekannten Blog-Topoi zu bemühen, dann für die S-Bahn wird das Buch gänzlich ungeeignet sein. Statt an der Station Feuersee würde ich am Flughafen landen. Wahrscheinlich wird das bald ein Abend und eine lange Nacht werden. Das blutige Messer auf dem Umschlag verrät einiges Unheil.

Und dann ein Fantasy-Buch. Oliver Plaschka, > Der Magier von Paris: Wollen Sie schon mal > probelesen, bevor Ihr Vorkoster durch ist? Mal was ganz anders: Paris 1926, ein Varieté am Montparnasse, kann ich da nur sagen. Aber neugierig bin ich doch schon.

Und dann ist da noch der Roman von Walter Veltroni, dessen Titel > Die Entdeckung des Sonnenaufgangs so gar nichts über den Inhalt verrät.

Gut, dass noch nicht alle neuen Bücher angekommen sind. Die Frühjahrskataloge Klett-Cotta verraten ein echt starkes Programm. Am 24. Februar werden Tom Kraushaar und Michael Zöllner mit mir über das Programm sprechen. Bin gespannt, wie sie ihre Schwerpunkte erklären werden. Vor allem das Geschichtsprogrmm mit dem Band von Robin Lane Fox > Die klassische Welt. Eine Weltgeschichte von Homer bis Hadrian hat wieder einige interessante Werke. Und dann kommt noch ein Buch von Wolf Wagner, > Tatort Universität. Vom Versagen deutscher Hochschulen und ihrer Rettung, dessen Fahnen ich schon gelesen habe. Endlich mal ein paar deutliche Worte zu dem, was in den deutschen Unis angerichtet worden ist.

Und dann kommt noch was zur Befindlichkeit der Seele. Mit > Die Mood Cure zeigt uns Julia Ross, wie wir in durch richtige Ernährung zum seelischen Gleichgewicht kommen. Mit einem Fragebogen kann man sein eigenes emotionales Profil erkunden und versteht damit etwas über das chemische Gleichgewicht in seinem Körper. Und dann gibt es Tipps zum besseren, ausgewogeneren Essen. Ängste, Stress und Stimmungsprobleme können altes Mögliche auslösen. Julia Ross zeigt, dass viele Problem durch eine falsche Ernährung verursacht werden.


Und den Herbstbücherstapel bin ich gar nicht fertig geworden. Die drei Bände von > Fernand Braudel über > Frankreich kommen noch dran. Schade, die Kassette steht schon länger auf meinem Schreibtisch: „Man kann sich keinen besseren Reiseführer wünschen als Braudel,“ hat Michael Jeismann in der F.A.Z. geschrieben. Mal sehen, ob das stimmt. Aber drei Bände, das dauert noch ein bisschen, zumal das Frühjahrsprogramm noch einige hier nicht genannte Titel bereit hält. Das nächste Paket sei schon unterwegs.

Und auch der Band über > Der Herr der Ringe und die Philosophie muss noch gelesen werden: „Frodo und die Gefährten treffen auf Platon, Aristoteles, Nietzsche…“ steht auf dem Klappentext. Mit dem Buch kann man sicher alle, die sagen, Herr der Ringe habe ich nicht gelesen, bekehren. Mal gucken. Mehr, wenn es im > Regal der gelesenen Bücher steht.

Literatur – Sachbuch – Blog – Klett-Cotta
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