Verlagsblog

Archiv für Juli 2010

Alex Rühle, Ohne Netz
Das Gewinnspiel

Mittwoch, 28. Juli 2010

Offline ist ein furchtbarer Zustand. Man reist im Hotel an, ganz gespannt, was der eigene elektronische Mailkasten oder der Facebook-Account zu bieten hat, man nimmt den Zimmerschlüssel in Empfang und bittet um die Passwort fürs WLAN. Nein, das geht heute leider nicht… Und dann? Manchmal nützt es auch, die freundliche Empfangsdame zu bitten, die Basisstation („Was, bitte?“) auszuschalten und wieder anzuschalten. Manchmal kann man auch den Offline-Zustand geniessen. Morgen, übermorgen oder nächste Woche gibt es bestimmt wieder irgendwo einen Netzzugang.

> Der Lesebericht: Alex Rühle, Ohne Netz

Jeder hat bestimmt eine Geschichte rund um den Offline-Zustand zu erzählen. Ist man erstmal offline und hat sich mit diesem Zustand abgefunden, kann man das Leben wieder entdecken. Und es passiert immer etwas oder ganz viel, das man online gar nicht bemerkt hätte. Wie ist das noch mit den > sozialen Netzwerken? Sind sie dem realen Leben überlegen? Oder nicht? Wer hat dort mehr Freunde als im realen Leben?

Bei Klett-Cotta gabt es ein Gewinnspiel…
Schreib uns deine »Netzgeschichte« und gewinn ein Buchpaket!

Wie abhängig wir vom Internet sind und wie kompliziert das Leben »ohne Netz« geworden ist, zeigt Alex Rühles Tagebuch »Ohne Netz«. Auch für den Verlag war die Zusammenarbeit mit einem Offlineautor nicht immer leicht, wie der Netzstille-Blog des Verlags zeigt. Habt ihr schon mal ähnliche Erfahrungen gemacht? Und wart ihr schon mal länger freiwillig, oder unfreiwillig offline? Welche Erfahrungen habt ihr mit dem Leben »mit und ohne Netz« gemacht?

> Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline
Auflage: 1. Aufl. 2010 – 220 Seiten – ISBN: 978-3-608-94617-8

MERKUR – Juli 2010

Dienstag, 27. Juli 2010

merkur-734Gerade noch rechtzeitig vor dem Monatsende kommt der Lesebericht zur Juli-Ausgabe des MERKUR über Bildung und Erziehung. Zuerst der Beitrag von Karl Heinz Bohrer. Er fragt, welche Macht Philosophie heute noch hat? Ulrich Oevermann nimmt die aktuelle Diskussion um Missbrauch in Erziehungsanstalten in den Blick und erkennt dabei die „Diskursdynamik der deutschen Feuilletons“ (S. 571). Walter Hollstein hat sich Gedanken über den Feminismus gemacht: Der entwerte Mann, lautet die Überschrift seines Beitrags.

Jochen Hörisch hat Bernhard Schlinks „Der Vorleser“ und Jonathan Littells „Die Wohlgesinnten“ wiedergelesen und in ihnen „unkorrekte Konstellationen“ ausgemacht: Nazis, Sex und Religion. Detlev Schöttker, Der Beobachter des Parterres hat einen sehr lesenswerten Aufsatz über Franz Kafka und die Architektur verfasst. Jürgen Osterhammel wundert sich über den erneuten Gebrauch des Konzeptes „Imperium“. Hansjörg Küster zeigt die Perspektiven einer Wissenschaft von der Landschaft. Stefan Willer bespricht den Band von Georg Klein, „Roman unserer Kindheit“ (Rowohlt 2010) und nennt Klein den Stimmenbeschwörer. Thomas Oberender schreibt unter dem Stichwort Gelebte Frivolität über das Verhältnis von Demokratie und Theater, und Kai Spanke fragt, was ist aus Gary Cooper geworden? Und er erklärt, warum er amerikanischenTV- Serien wie „The Sopranos“ so gut findet. Patrick Hofmann erinnert an den Tod in Tschernobyl, und Dörthe Kaiser-Hondrich schreibt einen traurigen Beitrag über das Danach.

> www.online-merkur.de/

Lesebericht: Brigitte Kronauer, Favoriten.
Aufsätze zur Literatur

Sonntag, 25. Juli 2010

Wie gut, dass es dieses Blog gibt und dass letzte Woche das Paket von > Klett-Cotta angekommen ist. Ansonsten hätte ich in diesem Monat aller Wahrscheinlichkeit nach dieses wunderbare Buch
> Favoriten. Aufsätze zur Literatur nicht in die Hand bekommen. Und ich habe auch nicht vor, dieses Buch wieder herzugeben, denn viele der hier versammelten Beiträge möchte ich bald wieder noch einmal lesen.

Manche Bücher liest man an einem Tag. Besonders wenn sie dem Leser nur knapp 200 Seiten anbieten. Dieses hier schaffen Sie aber auch mit seinen 200 Seiten nicht an einem Tag. Zu vielfältig sind die Autoren und deren Werke, die Brigitte Kronauer hier vorstellt. Kaum ist ein Aufsatz zu Ende, möchte man am liebsten gleich in die nächste Buchhandlung oder in die nächste Bibliothek eilen und Kronauers Lesebericht am Original überprüfen. Sie regt zum Lesen und zum Vergleichen an. Das ist das Ergebnis dieser Aufsätze.

Und in mehreren ihrer Beiträge zu diesem Band erinnert sie an die Aufgaben der Literatur. So in ihrer Büchner-Preis-Rede: „…und wenn die Literatur auch oft Gegner der Gesellschaft und ihrer zeitgeistlichen Zumutungen sein muß, so stellt sie andererseits, halbparadox, den treuesten und streng fordernden Freund des Individuums dar. „(S. 85) Und in ihrer Laudatio auf Marie-Luise Scherer sagt sie über den Künstler: „Das Zerstören allgemeiner Vereinbarungen ist eine Art Notwehr des Künstlers, eine Schuldigkeit gegenüber der eigenen, als zutreffender empfundenen Weltwahrnehmung, bei Schriftstellern zugleich entscheidender Impetus für die Jagd nach dem berühmten mot juste.“ (S. 136) Und im Aufsatz über Mrs Dalloway von Virginia Woolf schreibt Brigitte Kronauer „…es gibt ja noch einen weiteren, geradezu biologischen Grund, sich mit Büchern zu befassen. Literatur durch dringt die starren Grenzen zwischen dem Ich und anderen Individuen. Sie berichtet uns, was in den Zeitgenossen eventuell geschieht, zeigt uns ein Innenleben, an das wir dem Anschein der Oberflächen nach oft nicht glauben können.“

Favoriten, Brigitte Kronauers Aufsätze zur Literatur enthalten viele Einladungen zu vielfältigen, spannenden und lehrreichen Reisen in die Literaturwelt. Außer den bereits genannten Autoren stellt Kronauer viele weitere Autoren vor: Joseph Conrad, William Faulkner, Hubert Fichte, Grimmelshausen, Knut Hamsun, Helmut Heißenbüttel, Eckhard Henscheid, Gerard Manley Hopkins, Victor Hugo, Herman Melville, Eduard Mörike, Hans Erich Nossack, Jean Paul, Wilhelm Raabe, Adalbert Stifter, Robert Walser, William Carlos Williams und Ror Wolf. Kronauers persönliche Vorlieben haben sicher bei der Auswahl eine große Rolle gespielt. Es sind meist keine ausführlichen Besprechungen. Oft werden mehrere Werke eines Autors mit anderen in eine Beziehung gebracht oder miteinander verglichen. Auch Gemeinsamkeiten der Autoren untereinander werden erwähnt und bieten Ansätze zu einer Literaturgeschichte, weil hier Entwicklungen, Gegensätze und Parallelen erkennbar werden. Was ein Architekt über Bauwerke sagt, man sieht nur, was man weiß, das gilt auch für die Literatur. Es genügt ein kleiner Stupfer, ein kleiner Lesehinweis, hier eine Seite über Wilhelm Raabes Die Akten des Vogelsangs, dort zwei, drei über Knut Hamsuns Hunger, dann die Seiten über Joseph Conrads Lord Jim lassen jede Bibliothek in einem anderen Licht erscheinen. Oder vielleicht steht ja doch der ein oder andere Roman vergessen im heimatlichen Bücherregal. Kronauers Leseberichte sind mehr als bloße Anregungen. Sie fordert uns auf, die von ihr erwähnten Werke zu lesen oder wieder zur Hand zu nehmen. Sie erwähnt getreu der eingangs von ihr zitierten Äußerung Johan Nagels aus Knut Hamsuns zweiten Roman Mysterien nur ganz kurz die Biographie der Autoren, gerade genug, um ihn nach seinen Lebensdaten und seiner Herkunft einordnen zu können. Gerade so viele Angaben, um wieder daran zu erinnern, dass literarische Werke nur schwer alleine mit der Biographie ihres Autors erklärt werden können.

Hand aufs Herz! Kennen Sie Herman Melvilles Versepos Clarel? Nach der Lektüre des Aufsatzes über Carel kennen Sie es noch nicht, aber Sie wissen, warum sie es lesen sollen: „… es steckt ja ein Stachel in dem Ganzen.“ (S. 46) So würde ich gerne hier jetzt nacheinander alle vorgestellten Werke erwähnen und den Schlüsselsatz aus jedem Aufsatz zitieren, der Sie zur Entscheidung bringen soll, das Buch zu lesen. Diese Sätze gibt es. In der Laudatio auf Helmut Heißenbüttel steht: „Daß Ungesagtes dann in schriftlich niedergelegten Bildern beschworen und eingeflüstert wird, gehört zu den Paradoxa des Schriftstellermetiers.“ Brigitte Kronauer schildert präzise und eindrucksvoll ihre Leseeindrücke und Leseerinnerungen. Sie reicht uns ihre Lesefrüchte. Und dann immer dieser wichtige Satz: „… seine Neugier und Leidenschaften gälten der Geburt von Babys und neuen Versen,“ der hier als Zitat von William Carlos William einen Hinweis auf seine Poetik enthält, der es nachzugehen lohnt. Robert Walsers Roman Jacob von der Gunten bekommt auch nur etwas mehr als eine Seite einschließlich des Satzes von Jacob: „Nichts ist mir angenehmer, als Menschen, die ich in mein Herz geschlossen habe, ein ganz falsches Bild von mir zu geben.“ (S. 102) Noch ein Kronauer-Satz mit Aufforderungscharakter zum Lesen? Über Hugos Die Arbeiter des Meeres schreibt sie: „Und doch ist Victor Hugo der letzte, der uns daran hindern würde, jemals zu vergessen, daß es sich um Literatur handelt, die uns hier packt und durchrüttelt mit Haut und Haar, Seele und Verstand.“ – Wenn ich ihr Lektor wäre, ich hätte eine sehr lange Liste mit vielen weiteren Autoren für sie, die sie zu unseren Favoriten machen müsste.

> Brigitte Kronauer
> Favoriten. Aufsätze zur Literatur
1. Aufl. 2010
200 Seiten
ISBN: 978-3-608-93899-9

Leseberichte und Gespräche auf diesem Blog:

> Festakt zum 350. Cotta-Jubiläum
> Nachgefragt: Brigitte Kronauer, Zwei schwarze Jäger
> Kann man Literatur photographieren? Brigitte Kronauer im Stuttgarter Literaturhaus
> Vorgelesen: Zwei schwarze Jäger
> Brigitte Kronauer auf dem Stand von Klett-Cotta
> Brigitte Kronauer: Errötende Mörder

Einige Blicke ins > Fotoarchiv des Stuttgarter Literaturhauses:

> Das gelobte Land der Dichter
Peter Kaeding, Montag, 23.11.09, 19.00 Uhr

> Zwei schwarze Jäger
Brigitte Kronauer, Donnerstag, 17.09.09, 20.00 Uhr

> Brotschrift – 25 Jahre Verlag Ulrich Keicher
Ulrich Keicher, Montag, 08.12.08, 20.00 Uhr

> Dri Chinisin – Comics & Literatur?
Brigitte Kronauer, Donnerstag, 03.04.08, 20.00 Uhr

> Amy Clampitt – Eisvogel
Amy Clampitt, Montag, 16.01.06, 20.00 Uhr

> Betrifft: Buchpremiere
Tankred Dorst, Freitag, 17.12.04, 20.00 Uhr

> Verlangen nach Musik und Gebirge
Brigitte Kronauer, Mittwoch, 08.12.04, 20.00 Uhr

> Vom Abklatsch in der Kunst
Brigitte Kronauer, Mittwoch, 22.09.04, 20.00 Uhr

Lesebericht:
Massimo Carlotto, Der Flüchtling

Sonntag, 25. Juli 2010

Die Geschichte > Massimo Carlottos, von der Autor hier selber berichtet, begann am 20. Januar 1976. Carlotto, damals 19. jahre alt, entdeckt die Leiche der 25-jährigen Studentin Margherita Magello, die in ihrem Zimmer ermordet wurde. Er geht zur Polizei, will den Vorfall melden. Ob seine Mitgliedschaft bei der linksradikalen Bewegung eine Rolle spielte? Jedenfalls wird er festgenommen und des Einbruchs angeklagt. Ihm wird der Prozess gemacht, aber vor der Urteilsverkündung flieht er nach Paris und einige Jahre später nach Mexiko. Immer neue Identitäten muss er sich ausdenken, immer fühlt er sich auf der Flucht, gerade bezogene Wohnungen gibt er schnell wieder auf. Im Kontakt mit politischen Verfolgten und Kriminellen lernt er immer besser sich zu verstecken, seine Spuren zu verwischen und sich immer wieder an neue Situationen anzupassen. Bernard, Gustave und Lucien sind einige seiner Rollen, die sein Leben zu einem Theaterspiel mit ernstem Hintergrund machen: Der Flüchtling „muss seine Rolle ganz und gar natürlich spielen.“ (S. 43) Bei jeder Bewegung im öffentlichen Raum muss er unbedingt immer ein Ziel vor Augen haben. Er nimmt Gelegenheitsjobs an, während seine Eltern ihn finanziell über Wasser halten.

Mexiko-City. War es die Größe der Stadt oder ihre Vielfalt, die ihn so anzog? Dort war er zunächst nur Flüchtling, bis ihn die mexikanische Linke aufnahm. Durch sie kam er in neue brenzlige Lage. Jetzt musste er seinen neuen Bekannten Rede und Antwort Stehen, War er Trotzkist oder Stalinist? Er lernt die brutalen Seite der Stadt kennen. Odile, eine Französin verliert in der U-Bahn ihren Jungen Julio. Alle Nachforschungen und die Suchaktion bleiben umsonst. Sie kehrt mit ihrer Tochter Nach Paris zurück, ihr Mann Bulmaro bleibt zurück. Mit ihm trifft sich Carlotto zu einem langen Gespräch, in dem beide auch die Situation des Flüchtlings diskutieren. Carlottos Flucht ist noch lange nicht zu Ende. Jede neue Bekanntschaft verschafft ihm neue Probleme, und seine Geschichte hat ihm das Handwerk für seine Krimis gelehrt. Sie müssen Ruhe um sich einplanen, wenn Sie dieses Buch zur Hand nehmen. Es verträgt wie die Lektüre seiner Romane keine Störungen. Die feinen Beobachtungen all derer, die ihm helfen oder ihm im Weg stehen, machen den Reiz dieses Buches aus. Selbst kleine alltäglichen Entscheidungen wollen gut überlegt sein. Vorschnelle Entscheidungen können das Ende seiner Flucht bedeuten oder ihn gar ernsthaft in Bedrängnis bringen.

> Massimo Carlotto
> Der Flüchtling
Aus dem Italienischen von Hinrich Schmidt-Henkel (Orig.: Il fuggiasco)
1. Aufl. 2010
184 Seiten
ISBN: 978-3-608-50205-3

> Das Interview: Die dunkle Unermesslichkeit des Todes

Wo die Zitronen blühen

Massimo Carlotto

Arrivederci, amore, ciao

Massimo Carlotto und Marco Videtta,
> Wo die Zitronen blühen Kriminalroman
Aus dem Italienischen von Judith Elze (Orig.: Nordest)
240 Seiten
ISBN: 978-3-608-50203-9

Massimo Carlottos, > Die dunkle Unermesslichkeit des Todes Roman
Aus dem Italienischen von Hinrich Schmidt-Henkel
(Orig.: L‘oscura immensità della morte)
Auflage: 1. Aufl. 2008
Ausstattung: gebunden mit Schutzumschlag, 188 Seiten.
ISBN: 978-3-608-50200-8

Massimo Carlotto
> Arrivederci amore, ciao
trojanische pferde 21
Roman
Aus dem Italienischen
von Hinrich Schmidt-Henkel
192 Seiten, gebunden mit SU
ISBN 978-3-932170-94-2

Nachgefragt:
J. R. R. Tolkien, Sigurd und Gudrún

Freitag, 23. Juli 2010

Am 20. August ist es soweit, dann erscheint bei Klett-Cotta aus dem Nachlass von J. R. R. Tolkien in deutscher Übersetzung > Die Legende von Sigurd und Gudrún. „Ein neu entdeckter Tolkien!“ steht in der Verlagsvorschau. Heute habe ich nachgefragt. Stephan Askani hat mich bei Klett-Cotta empfangen. Er ist der Lektor, der die Bücher von Tolkien betreut. Beim Mittagessen letzte Woche hat er mir ausführlich von dem neuen Band erzählt. Da merkt man schon ganz genau, wieviel Arbeit in dieser Übersetzung steckt. Aber auch wie viel Begeisterung dafür, wie Tolkien den Stoff der Edda in diesem Langgedicht verarbeitet hat. Wie gesagt, heute hat Stephan Askani mich bei Klett-Cotta empfangen, und ich konnte ihm ein paar Fragen stellen:

Bei Klett-Cotta gibt es > einige Hilfen und „Navigationsgeräte“, um sich in Mittelerde orientieren zu können.

> Hobbit-Presse

Auf diesem Blog:

> Das Sommer-Leseprogramm 2010: J. R. R. Tolkien, Die Legende von Sigurd und Gudrún

J. R. R. Tolkien
> Die Legende von Sigurd und Gudrún
Herausgegeben von Christopher Tolkien, aus dem Englischen von Hans-Ulrich Möhring (Orig.: The Legend of Sigurd und Gudrún) Zweisprachige Ausgabe
Auflage: 1. Aufl. 2010
Ausstattung: gebunden mit Schutzumschlag, Lesebändchen
480 Seiten – ISBN: 978-3-608-93795-4

Der Lesebericht:
Alex Rühle, Ohne Netz

Donnerstag, 22. Juli 2010

Vom 1. Dezember 2009 bis zum 31. Mai 2010 war > Alex Rühle offline. Kein Internet, kein Blackberry, keine Mails, kein digitales Leben mehr. Rühle stieg für ein halbes Jahr einfach aus, und seine Kollegen der Zeitungsredaktion mussten unweigerlich mitmachen. Fax, Telefon, Brief: Willkommen in der analogen Welt. Nun liegt sein Tagebuch vor: > Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline.

Den Grund für seinen zeitweisen Ausstieg aus dem Netz fasst er in einem Satz zusammen: „Ich habe das Gefühl, dass ich mir darin selbst abhanden komme.“ (S. 19) Jeder kann sich und seine PC-Tätigkeit selbst prüfen: Kaum ein zusammenhängendes Schreiben ist mehr möglich, weil jeder PC sein Eigenleben führt, das er uns immer wieder aufdrücken will, hier ein Update, dort ein automatischer Download. Ein Programm meldet, dass es im Hintergrund irgendwas tue, dann trudelt wieder eine E-Mail ein. Rühle war sich darüber klar geworden, dass er sich manchmal am Tag nicht mehr daran erinnern konnte, was er noch just zwei Minuten vorher getan hatte oder tun wollte. Übertreibt er? „… das Internet grillt unser Hirn zu Neutronenbrei, in wenigen Jahren werden wir eine Gesellschaft aus Barbaren und funktionalen Analphabeten sein.“ (ebd.)

Rühles Ausstieg ist auch ein Selbstversuch, der mit der bangen Frage, ob er nach dem Netz süchtig sei, zusammenhängt. Kaum jemand der einen beruflichen E-Mail-Account hat, beschränkt sich wie früher beim Briefkastenleeren auf einen bestimmten Moment am Tag, um seine Elektrobriefkasten zu leeren. Nur eben mal die Mails abchecken, geht auch ganz schnell. Und Mails als Kommunikationsform dulden keinen Aufschub. Das Warten auf die Mails vermittelt immer auch den Eindruck, der Absender warte genauso gespannt auf eine Antwort, also eben mal schnell eine Antwort tippen, die man nie in so kurzer Form in einem Brief oder auf einer Postkarte schreiben würde. Der höfliche verbindliche Satz am Ende der Mitteilung weicht oft einem „Gruß jo“. Das elektronische Leben hat die Herrschaft in unseren Büros übernommen: „Richtige Pausen macht keiner,“ schreibt Rühle, allenfalls schiebt man sich ein „digitales Bounty“ (S. 53) in Form eines YouTube-Streifens rein.

Die Orientierung im Netz ist nur was für „zerstreute Texthopper“, die keinen langen Texte vertragen, und die sich jede Konzentration durchs Netz nehmen lassen. So ist es, denn selbst Produzenten rechnen damit, dass lange Texte nicht gelesen werden, und sie zerkleinern alles zu digitalen kleinen Häppchen, was ihnen das Fernsehen bereits schon lange vorgemacht hat. „Aufmerksamkeitszerstäubung“ (S. 75) nennt Rühle die Zerstörung der Konzentration. Er hat Recht und sein Insistieren auf den durch das Surfen erlittenen Verlust von Zusammenhängen ist ein Hinweis auf die perfekte Kunst der Manipulation durch Internetwerbung jeder Art. Der Kopf wird durch die vielen bunten Bildchen und das Übermaß an Informationen auf einer Seite, die man gar nicht aufgerufen hat, die sich einem aber immer aufdrängen, zum Überdruss gefüllt. Auch wenn die Internetwerbung gar nicht mehr wahrgenommen wird, ist doch der Blickkontakt entscheidend, und er reicht, um eine Marke zu positionieren.

Rühle notiert in seinem Tagebuch die Erfahrungen seines Selbstversuches, seine Einsichten und seine Erfahrungen vom Rückkehr in die analoge Welt. Er hat jetzt endlich einmal Zeit, um über die Rundumdieuhr-Erreichbarkeit nachzudenken. Früher schlossen Fabriken abends. Heute dehnt das Netz die Arbeitszeit auf den ganzen Tag aus. Früher brachte einem ein Kollege einen interessanten Zeitungsausschnitt, noch früher kam er persönlich mit einer seiner eigenen guten Idee, heute kommt oft nur ein Linktipp per Mail. Rühle ist sich sicher, „die Nonstopinformiertheit hat mich regelrecht vergiftet,“ (S.111) Und dann zitiert er die Studie der University of California, derzufolge ein Büroarbeiter sich nur 11 Minuten der derselben Aufgabe widmen könne, bevor der PC wieder irgendwas für ihn macht, oder ihm ein Mail ankündigt. Und die Probanden brauchten wieder 25 Minuten, um zu ihrer Tätigkeit zurückzukehren.

Da ist was dran, von so vielen Seiten betrachtet Rühle seine neue Konzentrationskraft, wenn er morgens an seinem Buch schreibt. Seine wiedergewonnen Freiheit will er aber doch bald wieder aufgeben, weil er stets und ständig an die Segnungen des Netzes denkt. Ach könnte ich doch eben mal… zweimal wird auch schwach, schämt sich ganz gehörig und versucht jedes Mal ganz schuldbewusst, sich mit einem dringenden Notfall herauszureden.

Rühles Buch korrigiert behutsam aber auf überzeugende Weise unser digitales Leben. Wie wenig kriegt der digitale Surfer bei einer Sitzung von der großen weiten digitalen Welt überhaupt mit. Online vermittelt den Eindruck, dabei zu sein. Web 2.0 verspricht die Partizipation, während die sozialen Netzwerke nur dafür geeignet sind, die sozialen Bezüge aufzulösen statt sie zu intensivieren: Wer hat in seinem Internet-Netzwerk mehr Freunde als im realen Leben? Die Qualität des sozialen Zusammenseins ändert sich durch die digitale Herausforderung. Mitmachen heißt bereit zu sein, sich einem vorgegebenen Format anzupassen. Alles was man dort macht, wird entspricht der Art und Weise, wie Rühle das Mailen (S. 189) beschreibt, es wird „unverbindlich“ (ebd.). Es ist die „Verbiederung“, von der Günther Anders so treffend spricht. (1)

Das Netz ist ein praktisches Hilfsmittel und Rühle ist es gelungen, den Kern und Unsinn des Internetmonadentums unmissverständlich zu identifizieren: Wer sich den Ergebnissen einer bekannten Suchmaschinen anvertraut, ist verloren. Er findet irgendwas und hat schon vergessen, was er suchen wollte, weil er irgendwas gefunden hat. (vgl. S. 202). Es ist gar kein Informationsüberfluss, wie viele immer wieder behauten; das Internet ist nichts anderes als eine große Bibliothek, in der die Betreiber vergessen haben, ihre Inhalte zu ordnen und es nun obskuren Algorithmen überlassen müssen, die Bücher nach dem Grad der Aufmerksamkeit zu ordnen, die diese oder jene, ganz egal wer, ihnen ganz zufällig hat zukommen lassen. Jedes Schlagwortverzeichnis einer Bibliothek hilft bei einer Hauptseminararbeit mehr als das Netz. Zumindest war das früher so, wo man die liebevoll beschrifteten Karteikärtchen durchblättern konnte. Heute werden die Schlagwortverzeichnisse automatisch generiert…

< Ohne Netz gibt es auch als > Hörbuch.

An keiner Stelle erklärt Rühle überzeugend, wieso er ins Netz zurückkehren möchte. Bleibt da nur seine Sucht und die 5644 ungelesenen Mails, die dort auf ihn warten? Und da ist auch sein Geständnis, sich in einem Hotelfoyer gleich viermal auf den Hotel-PC nach seinen Mails geguckt zu haben. Aber in seinem Tagebuch der Internetabstinenz entwickelt er präzise und eindeutig die digitalen Gefahren des Informationschaos, das überall auf uns lauert, das uns knechtet, das uns mal hier und da mal dies und das finden lässt. Auch noch als Tagebuch wirkt sein Buch wie eine Untersuchung, die systematisch die analogen Höhen den digitalen Niederungen gegenüberstellt. Nicht nur die digitale Praxis auch das analoge Himmelreich kann dazu beitragen, die Grundlagen einer modernen Medienkompetenz zu definieren. Rühle erwähnt in seinem Tagebuch keinmal, wieso und ob ihm das Netz überhaupt fehle. Doch, er vermisst die Bequemlichkeit der Recherche; er weiß aber auch, dass die im Netz zufällig gefundenen Infos von irgendjemandem stammen, und man spürt, dass die Bibliotheksarbeit der analogen Welt etwas vom zielbestimmten Finden hat. Nur mit dem Vergleich von traditioneller Bibliotheksarbeit und moderner Recherche, das im Netz immer nur ein Stöbern ist, lernen Schüler und Studenten die Grundlagen einer modernen Medienlehre.

Jeder kennt um sich herum viele, die ständig ihren Blackberry zücken, viele die nach Mitternacht noch putzmunter mailen, die die oben stehenden Suchbegriffe für die Wahrheit halten, die auf SEO mehr schwören als auf guten (neudeutsch) Content. Sie alle würden verwundert gucken, wenn Sie ihnen Alex Rühles > Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline schenken würden. Offline ist ein schrecklicher Gedanke, obwohl doch ein handgeschriebener Brief mit Füller der schnell getippten Mail so unendlich weit überlegen ist. Offline ist heute die Steigerungsform von Urlaub.

> Alex Rühle auf www.facebook.com/offlinegehen

> Blättern im Buch

> Alex Rühle
> Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline
Auflage: 1. Aufl. 2010
220 Seiten
ISBN: 978-3-608-94617-8

(1) Günther Anders. Die Antiquiertheit des Menschen. 1. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industrielllen Revolution, München 7/1987, S. 116-120.

Veranstaltungen von Alex Rühle:

München
Premiere

27.07. 2010 20:00
Alex Rühle stellt sein Buch Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline. vor.
Die Veranstaltung wird von Dirk von Geelen moderiert.
Literaturhaus München, Salvatorplatz 1, 80333 München.

Würzburg

Lesung
30.09. 2010 20:00
Alex Rühle stellt sein Buch Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline. vor.
Stadtbücherei Würzburg, Haus zum Falken, Marktplatz 9, 97070 Würzburg.

Stuttgart
Buchvorstellung
19.11. 2010 20:15
Alex Rühle stellt sein Buch vor: „Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline.“ Eine Veranstaltung des Klett-Cotta Verlags und des Buchhandelsverbandes Baden-Württemberg im Rahmen der Stuttgarter Buchwochen. Haus der Wirtschaft, Willi-Bleicher-Straße 19, 70174 Stuttgart

Juli-2010-Lese-Programm

Freitag, 16. Juli 2010

Wenn hier ein Päckchen ankommt, freue ich mich immer ganz besonders. Frisch ausgepackt. Diesmal waren fünf Bücher drin:

Richard Green & K. Silem Mohammad, > Die Untoten und die Philosophie. Schlauer werden mit Zombies, Werwölfen und Vampiren, dann Wie Eltern besser werden. Die häufigsten Erziehungsfehler und ihre Lösungen mit praxisnahen Lösungen für die klassischen Erziehungsprobleme als Orientierungshilfe für Eltern und Erzieher von Rudolf Dreikurs und Erik Blumenthal. Alex Rühles > Ohne Netz: Mein halbes Jahr offline, Massimo Carlotto > Der Flüchtling, und der Band von Brigitte Kronauer, > Favoriten. Aufsätze zur Literatur.

Was für ein Leseprogramm. Über die > halbjährige Internet-Abstinenz von Ales Rühle habe ich hier schon etwas geschrieben. Jetzt stellt sich die Frage, welche Bücher ich für die lange Zugfahrt morgen mitnehmen werde? Carlotto? > Dann wird wohl aus dem Umsteigen nichts, und das geht nicht, muss ja pünktlich ankommen. Die Geschichte beginnt am 20. Januar 1976: Die 25-jährige Studentin Margherita Magello ist nach 56 Messerstichen tot. Massimo Carlotto, damals 19 Jahre alt, meldet den Vorfall der Polizei. Verhaftung, Schauprozess und Flucht nach Frankreich. Wie überlebt man das alles? Oder soll ich Die Untoten und die Philosophie mitnehmen? Das Buch von Dreikurs? Dann sprechen mich bestimmt die Reisenden am ICE-Tisch an. Haben Sie Sorgen mit Ihren Kindern? Oder den Band von Birgitte Kronauer? Den reserviere ich vielleicht doch für den nächsten häuslichen Literaturabend. Stichwort: > Vorlesen!

Wie gesagt, hier gibt es keine Rezensionen, aber Leseberichte.

Nachgefragt: Wolf Wagner über das Versagen der deutschen Hochschulen

Freitag, 16. Juli 2010

In Ihrem neuen Buch Tatort Universität (Klett-Cotta) sprechen Sie vom Versagen deutscher Hochschulen. Warum?

Gegenwärtig klagen alle Beteiligten, also auch die Hochschulen, die Professoren, selbst die Hochschulleitung, was aus der gestuften Hochschulreform geworden ist. Wenn man aber genauer hinsieht, sind die, die am lautesten klagen, diejenigen, die das Ganze verursacht haben: Die extreme Verschulung, die vielen Klausuren, die Unbeweglichkeit, dass man Leistungen, die im Ausland erbracht werden, nicht richtig anerkennt – das sind Dinge, die alle lautstark beklagt werden, aber verantwortlich dafür sind die Professoren. Unter dem Namen Bologna haben sie Etikettenschwindel betrieben und genauso weitergemacht wie bisher. Sie haben in ein sechssemestriges Studium, das bisher acht oder zehn Semester dauerte, alles an Fachwissen reingepackt – und wundern sich dann, dass die Studierenden klagen.

Das ganze Interview stand im Klett Themendienst 49/März 2010:
> Diagnose: scheintot – Vom Versagen deutscher Hochschulen

Der Lesebericht: > 10 Jahre Bologna ohne Feierlaune
Wolf Wagner
Tatort Universität
Vom Versagen deutscher Hochschulen und ihrer Rettung
1. Aufl. 2010 – Ausstattung: broschiert – 188 Seiten
ISBN: 978-3-608-94614-7

Literatur – Sachbuch – Blog – Klett-Cotta
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