Verlagsblog

Archiv für August 2010

Lesebericht: Douglas Coupland, Generation A

Samstag, 28. August 2010

Douglas CouplandDouglas Coupland hat mit > Generation A einen Roman verfasst, der ebenso auf das Fantasy- aber auch auf das Krimi-Regal gestellt werden könnte. Ein Ökokrimi? Ein Sachbuch über den medizinischen Wahnsinn? Bestimmt ein Buch, das sich nicht dazu eignet, hier detailreich resümiert zu werden, um Ihnen nicht die Lesefreude zu nehmen. Mein Tag war anders geplant, nur noch bis Seite 200. Und dann war das Buch plötzlich zu Ende.

Bei manchen Büchern braucht man eine längere Leseeingewöhnung. Manche legen einen Band schnell wieder aus der Hand, da komme ich nicht rein, sagen die dann. Mit diesem Buch ist das ganz anders. Fünf kurze Episoden erzählen von mehr oder weniger normalen Menschen, einer von ihnen in der Nähe von > Oskaloosa in Iowa, die in ganz unterschiedlichen Ländern bei ihren täglichen Beschäftigungen jeweils plötzlich von einer Biene gestochen werden.


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Man erfährt, warum Samantha ihr Weißbrot auf die Erde legt, fotografiert und daraus eine Kunstaktion, nämlich ein „Erdsandwich“ macht: > Route 52 auf Neuseeland, 30 km von der Küste entfernt und > Ecke Calle Gutenberg und Calle Poeta Esteban de Villegas in Madrid. Das Internet und die digitale Welt sind ein selbstverständlicher Bestandteil der Handlung, liefern aber nicht wirklich einen lebensnotwendigen Beitrag, immerhin Zarka kann sich ein bisschen was dazuverdienen, weil Charles ihn per Webcamera beim Nacktfahren auf dem Mähdrescher beobachten darf. Julien hat gerade 114 Tage World of Warcraft hinter sich, und er ist kein echter Parkbankhocker. Aber er sitzt da nun einmal im Parc de Vincennes in Paris und wird auch gestochen.

.Der Internet Explorer 7 oder das IPaD mag das Buch zum Blättern nicht anzeigen? Dann gibt es hier die > Leseprobe. Alle fünf Personen werden nach den Bienenattacken überfallartig isoliert und abtransportiert. Nach dem Verschwinden der Bienen – warum eigentlich? Das verrate ich hier nicht -, erregen diese Stiche sofort die Aufmerksamkeit der Wissenschaft, die mit Unterstützung der Behörden dieser fünf Bienenopfer sogleich und ohne Zögern habhaft wird. Warum und wieso die Wissenschaft an ihnen ein so großes aufgeregtes Interesse hat, wird erst später verständlich. Die Isolationshaft müssen sie und der Leser hinnehmen, auch ihre Entlassung bringt keine besondere Aufklärung.

Die Bienenopfer und ihre häusliche Umgebung einschließlich der Nachbarschaft werden peinlich genau untersucht. Jeder Gegenstand wird fünf mal rumgedreht, vieles wird auseinandergenommen und eingepackt, die Bienenopfer werden an einem geheimen Ort voneinander isoliert untergebracht, untersucht und verhört.

Später werden sie freigelassen, sind als Bienenopfer die umfeierten Stars des Tages, bis ein Wissenschaftler sie zu weiteren Forschungen an einem anderen Ort wieder zusammenbringt. Sie sollen sich Geschichten (Stichwort „Decamerone“) erzählen und Coupland liefert hier gleich an mehreren Stellen eine kleine Poetik des Geschichtenerzählens mit. Die Menschen, so lässt er Serge erzählen, erinnern sich nicht mehr daran, wie man mit Geschichten die Welt neu ordnet. Erst später wird deutlich, dass er mit diesem Satz einen Anspruch auf die Deutung seiner eigenen Geschichte vorlegt. (Vgl. S: 196) Später spielt Serge mit einem Perspektivenwechsel: „Anstatt mir Geschichten auszudenken, werde ich mein Leben zu einer interessanten Geschichte machen.“ (S. 204)

> Generation A ist für eine längere Zugfahrt bestens geeignet, eine den Leser vereinnahmende Lektüre, da man kein anderes Buch nebenher oder gleichzeitig lesen kann und die andern Fahrgäste vergisst oder überhört. Zu eigen sind Stil und Ausdrucksweise, mit der Coupland die fünf Personen dieses Romans vorstellt und mit denen er ihre Geschichte, ihre Wünsche, Befürchtungen und Absichten verfolgt.

Man neigt dazu, die ganze Geschichte für völlig überzogen zu halten – total konstruiert aber im positiven Sinne des Wortes, man könnte auch sagen, glänzend komponiert -, sie ist mit großem Sachverstand verfasst und trotz aller Phantasie irgendwie auch einleuchtend mit einer gewissen Ähnlichkeit zu unserer Welt, zumal wenn man an manchen technischen unsinnigen Fortschritt denkt, der manchmal keine Rücksicht auf die Folgen zu nehmen scheint.

> Douglas Coupland
> Generation A
Aus dem Englischen von Clara Drechsler und Harald Hellmann (Orig.: Generation A)
1. Aufl. 2010
333 Seiten
ISBN: 978-3-608-50110-0

Lesebericht: Manu Joseph, Ernste Männer

Sonntag, 22. August 2010

Meyer, RostBücherlesen ist wie eine Weltreise. Kommen Sie mit. Mit > Ernste Männer hat Manu Joseph einen Roman aus Indien vorgelegt, den Anke Caoline Burger übersetzt hat. Der Chef von Ayyan Mani hat sich da was in den Kopf gesetzt und versucht ohne die Duldung von Widersprüchen, seinen Mitarbeitern die Suche nach Außerirdischen per Ballon zu empfehlen. Mani nutzt das wissenschaftliche Vakuum seines Instituts, um den dort versammelten Professoren weiszumachen, dass sein Sohn mehr als sie auf dem Kasten hat. Und Mani gelingt es, sich und seine Familie auf diese Weise über das Armenviertel von Mumbai hinauszuheben.

Es geht um den Mikrokosmos des Forschungsinstituts, in dem sich die Kastengesellschaft widerspiegelt, wo Ayyan Mani als direkter Untergebener seines Chefs immer ein bisschen mehr auf dem Laufenden ist, als er eigentlich sein soll, und wie er mit diesem Wissen ständig mit seinem Fortkommen beschäftigt ist. Außerdem ist er mit der Beobachtung und auch der Organisation der sozialen Beziehungen, auf die er wiederum kaum Einfluss nehmen kann, so sehr beschäftigt, dass für andere oder seine eigentlichen Aufgaben kaum Zeit bleibt. Aber er beginnt einer Eingebung folgend, seinen Sohn Adi zu coachen, der zunächst in der Schule durch seine intelligenten Fragen auffällt. Zuerst drohen Strafen, weil er den Lehrbetrieb durcheinanderbringt, dann kommt der Vater auf immer neue Ideen, und es gelingt ihm bestens seinen Sohn zu vermarkten. Schließlich kommen die Professoren des Instituts an die Reihe, die wegen der von ihrem Chef vorgegebenen Richtung sowieso gerade etwas ratlos sind und sich auch gerne mal mit anderen Fragen beschäftigen

(Der Internet Explorer 7 mag > das Buch zum Blättern nicht anzeigen?)Und wie das halt so auch in einer streng geregelten Ordnung wie in diesem Institut passieren kann, verstoßen auch hier manche gegen die political correctness, es kommt zu immer neuen Verwicklungen und Beziehungen, die eigentlich nicht stattfinden wollten, die Manu Joseph aber spannend erzählt. Adi macht alles mit und lässt gar nicht so recht erkennen, was er von den Erwachsenen hält, die er reinlegt. Irgendwie merkt er das aber schon und hat wohl offenkundigen Spaß daran, den Erwachsenen Grenzen zu zeigen: „Er nahm sein Hörgerät raus und steckte einen Finger ins andere Ohr,“ heißt es, immer wieder, wenn er vom Klamauk der Erwachsenen genug hat; „Ich bin elf, und elf ist eine Primzahl,“ belehrt er die Erwachsenen und fragt seine Mathelehrerin, warum sie das numerische Zahlensystem und nicht die Binärzahlen lernen. Oder er will mitten im Unterricht wissen, worin die Schwerkraft besteht. Ganz der Vater, der das im Institut auch macht, allerdings eher mit under-cover Methoden,als mit der Erfüllung seiner normalen Aufgaben.

Eine wundervolle Urlaubslektüre, die den Reiz eines ganz anderen Landes bietet, und die mit den Handlungen weniger Personen viel über die indische Gesellschaft von heute erzählt. Manis Ideen sind ein Versuch, der Enge ihrer kleinen Wohnung in dem Wohnblock zu entkommen. So schwer ihm das trotz seiner kleinen Erfolge fällt, so eng sind auch die anderen, z. B. auch sein Chef Achayra in ihre jeweiligen Beziehungen eingebunden, die diese auch nur kurzfristig und oft mit erheblichen Folgen verlassen können.

> Manu Joseph
Ernste Männer
Aus dem Englischen von Anke Burger (Orig.: Serious Men)
1. Auflage 2010
357 Seiten
ISBN: 978-3-608-93892-0

Lesebericht: Philipp Meyer, Rost

Samstag, 21. August 2010

Meyer, RostPhilipp Meyer hat mit > Rost seinen Debütroman vorgelegt, der heute bei Klett-Cotta in der Übersetzung von Frank Heibert erschienen ist. Zwei Freunde, Isaac und Poe, entschließen sich, ihr Provinznest zu verlassen. Die Stahlindustrie liegt danieder, die vielen Fabrikschließungen haben den Bewohnern alle Hoffnungen genommen. Kurz bevor beide ihre Reise antreten kommt es in einer alten Fabrikhalle zu einem Zwischenfall, Isaac tötet aus Notwehr einen Mann, aber Poe wird an seiner Stelle verhaftet. Alle Beteiligten, Poes Mutter, seine Schwester, Isaacs Vater, ein Polizist werden in die folgenden Ereignisse hineingezogen. Jeder reagiert mit seinen Wünschen und Befürchtungen anders, und der Leser kann genau verfolgen, wie das Verhalten der einen das der anderen verändert. Die Geschichte entwickelt sich auch aufgrund der Umstände, in die Isaac auf seinem Weg nach Kalifornien gerät, oder in die Poe nach seiner Verhaftung gerät. Alle denken auch über das Los der anderen nach und auf diese Weise ist es Philipp Meyer eindrucksvoll gelungen, die Beweggründe der Personen mit den Ereignissen im Roman zu verknüpfen. Die Kapitel, werden gegen Ende der Geschichte kürzer, und sie verstärken das Gefühl des Cross-cuts, der zum Höhepunkt oder zur Lösung der Geschichte führt.

Die Umstände, die zum Ausreißen der beiden führen, wird durch die Situation ihrer Stadt erklärt, aber auch viele persönliche Erinnerungen spielen bei ihrem Entschluss eine Rolle. Zwischendurch fallen zumindest am Anfang immer wieder Bemerkungen über ihre Ausbildung. Poe hat seine Schwester Lee als Vorbild. Aber sie machen nichts aus ihren Chancen? Sind es reale Chancen oder hat der Niedergang der Stahlregion ihnen definitiv die Zukunft vermasselt? Inwiefern hat die Einstellungen der anderen für ihre Entscheidungen eine Bedeutung? Oder lassen sie sich treiben?

(Der Internet Explorer 7 mag > das Buch zum Blättern nicht anzeigen?) Den Rückhalt, den viele Familien mit dem Niedergang der Stahlwerke verloren haben, die rasant um sich greifende Arbeitslosigkeit, der soziale Abstieg mit ihren negativen Folgen, bietet den beiden Freunden keine Perspektiven mehr, aber sie müssen auch erleben, dass die Menschen um sie herum, auch nahe Verwandte ihnen kaum helfen können. In diesem Sinne schildert Rost das soziale Auseinanderbrechen einer ganzen Region. Das Buch ist auch eine Anklage. Eine Region, die wirtschaftlich dermaßen am Ende ist, kann nur schwer ihren Bewohnern eine Perspektive bieten, wenn ihnen nicht nachhaltig geholfen wird. Bleiben den Freunden dann nur die Züge, die nach Kalifornien fahren? Nur einem von beiden scheint dieser Versuch zunächst zu gelingen. Aber die Widrigkeiten und die Abenteuer, die er erlebt, sind nicht geeignet, seine Lage zu verbessern.

Philipp Meyer erzählt eine spannende Geschichte. Er lässt die Personen seiner Handlung alleine erzählen. Die vielen Kapitel konzentrieren sich immer auf die Gedanken und die Erlebnisse einer Person, die über ihre Empfindungen berichtet und nur im Kontakt mit anderen werden Urteile über oder Empfindungen für andere vermittelt. Diese vielen Einzelbeobachtungen verdichten sich zu einem spannenden Roman.

Es wird Lesungen mit Tom Schilling (»Elementarteilchen«) in Köln, > Stuttgart: Dienstag, 14. September, 20 Uhr, München, Berlin und Hamburg geben.

> Philipp Meyer
Rost
Roman, aus dem Amerikanischen von Frank Heibert (Orig.: American Rust)
1. Auflage 2010 – 464 Seiten – ISBN: 978-3-608-93893-7

Koffer packen: Urlaubszeit ist Lesezeit (III)
Romane bei Klett-Cotta und Krimis bei Tropen

Freitag, 6. August 2010

Ganz links, ein Buch über die > Liebe, dann geht es weiter nach rechts mit einem Roman von > Zülfü Livaneli. Greifen Sie bitte per Klick ins Bücherregal und Sie kommen zu den Leseberichten hier auf diesem Blog oder direkt auf die Website von Klett-Cotta. Die Romane von Massimo Carlotto sind so recht für die Ferien geeignet. Sie dulden nämlich keine Unterbrechung. Und wenn Sie vor der Reise noch in eine Buchhandlung eilen wollen, dann gibt es hier eine > Bücherliste (*.pdf).

Koffer packen: Urlaubszeit ist Lesezeit (II)
Geschichte bei Klett-Cotta

Freitag, 6. August 2010

Hier ein Blick auf die 2. Hälfte des Geschichtsregals. Greifen Sie rein – per Klick:

Wenn Sie nach Sizilien reisen, muss der Band von Ernst Kantorowicz, Kaiser Friedrich der Zweite in Ihr Handgepäck. Für den Band von > Jacques Le Goff, > Ludwig der Heilige gibt es leider noch keinen Lesebericht auf diesem Blog. Aber das ist ein Buch, das man nicht mal eben durchblättern kann, das ist ein Lesevergnügen von der ersten bis zur Letzten Seite. Brillant geschrieben. Oder machen Sie eine Kreuzfahrt im Mittelmeer? Dann ist das Buch für Sie richtig: Bono, Salvatore hat > Piraten und Korsaren im Mittelmeer. Seekrieg, Handel und Sklaverei vom 16. bis 19. Jahrhundert. Gibt es auch leider noch nicht als Lesebericht auf diesem Blog. Aber dieses Buch wurde hier > mehrmals erwähnt: Peter Kaeding, > Die Hand über der ganzen Welt. Johann Friedrich Cotta – Der Verleger der deutschen Klassik. Das Buch über Johann Friedrich Cotta war ein außergewöhnliches Lesevergnügen. – Hier ist eine > Bücherliste (*.pdf).

Koffer packen: Urlaubszeit ist Lesezeit (I)
Geschichte bei Klett-Cotta

Donnerstag, 5. August 2010

Haben Sie Ihre Koffer schon gepackt? Das Reiseziel fest im Blick? Ein Abstecher nach Paris, vielleicht nur > ein Wochenende in Paris: am besten > kann man hier lesen. Vielleicht reisen Sie auch nach Burgund oder gar mal kurz nach > Venedig? Dann wäre der Band von Ekkehard Eickhoff, > Venedig. Spätes Feuerwerk für Sie eine notwendige Lektüre. Hotel oder Campingplatz gebucht? Vorher noch mit einer > Bücherliste (*.pdf) in der Hand in der nächsten Buchhandlung gewesen? Freuen Sie sich auf ruhige Tage am Pool? > Ohne E-Mail? Die Route im Autobordcomputer einprogrammiert > In vier Tagen von Stuttgart nach Biarritz?. Haben Sie genügend Bücher mitgenommen? Nun, die Gelegenheit ist günstig, Rückschau zu halten. Gucken wir mal ins Geschichtsregal. Ein Blick in unsere Vergangenheit und auch ein Blick in die letzten Besprechungen auf diesem Blog. Mit einem Klick auf den Buchrücken kommen Sie zum Lesebericht oder gleich auf die Website von Klett-Cotta.

Das ist nicht alles. Zur Geschichte kommt morgen noch die andere Regalhälfte dran und dann noch einen Blick auf die Krimis bei Tropen und einige Romane bei Klett-Cotta. Damit Ihnen im Urlaub nicht langweilig wird.

Alan Pauls, Geschichte der Tränen

Donnerstag, 5. August 2010

Von Alan Pauls erscheint in der Übersetzung von Christian Hansen die > Geschichte der Tränen, die eine ganz merkwürdige Episode der argentinischen Geschichte erzählt. Inmitten aller Aufregungen und der lauten Politik werden leise Zwischentöne vernehmbar, die auf das Private hinweisen. Die Hauptperson ist völlig sensibel und ist seit seiner Jugend mit der ganzen linken Politliteratur wohl vertraut. Auf seine Mitmenschen übt er einen seltsamen Eindruck aus. Nach einer Fernsehübertragung eines Putsches hat er aber plötzlich keine Träne mehr. Als er sich nach den Gründen fragt, beginnt er das Wesen des Lebens in einer Militärdiktatur zu verstehen. Welchen Zusammenhang gibt es zwischen dem eigenen Leben und der politischen Entwicklung seines eigenen Landes, und was kann der Einzelne tun? Am Anfang deute Pauls dieses Verhältnis zwischen Biographie und Zeitgeschichte auf seine Weise an: „Er unterscheidet zwei Arten von Schwäche. Eine, die er schätzt, wenn auch nur bis zu einem gewissen Grad, und die sich aus einem moralischen Dilemma herleitet. Supermann muss zwischen zwei Übeln wählen: einen Tornado aufhalten, der eine ganze Stadt zu zentrifugieren droht, oder verhindern, dass ein blinder Bettler stolpert und in eine Grube fällt. Das Missverhältnis zwischen beiden Gefahren ist für jeden klar ersichtlich, für Supermann aber irrelevant, in moralischer Hinsicht sogar verwerflich, und dadurch, durch seine Sturheit, die ihn veranlasst, beidem den gleichen Wert beizumessen, gerät er in eine Position der Schwäche und ist jetzt für jeden feindlichen Angriff enorm verwundbar. Die andere dagegen ist eine organische, angeborene Schwäche, die einzige übrigens, die ihn mit seinen gerade vier Jahren zwingt, das Undenkbare schlechthin zu denken, dass nämlich der Mann aus Stahl sterben könnte. Damit dieser Fall eintritt, ist die Mitwirkung eines der beiden sogenannten Steine des Bösen unerlässlich, des grünen Kryptonits, das ihn schwächt, aber nicht tötet, und des roten, das allein imstande ist, ihn zu vernichten, beides Steine von seinem Heimatplaneten und gleichsam Mahnmale einer Verletzlichkeit, die ihn die vielleicht weniger aufreibende Welt der Menschen mit aller Macht vergessen lassen möchte.“ Das Buchcover zeigt den Helden der Geschichte als Sozialist im Superheldenkostüm. Und auch später solidarisiert er – der Wand an Wand mit einem militärischen Folterer wohnt – sich heroisch mit den Schwachen und Verfolgten, und dabei weint er gern und viel. Doch als er Jahre später den Putsch gegen Allende im Fernsehen verfolgt,versiegen ihm plötzlich die Tränen.

Und verwirrt hält er eine bitterböse Rückschau auf die kuriosen Stationen seiner politischen Prägung. Soweit einige Anmerkungen aus der Ankündigung im Katalog.
Auf diesem Blog: > Alan Pauls, Die Vergangenheit

Michael Zoellner erklärt, wieso wir die
> Geschichte der Tränen unbedingt lesen müssen:

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

»Mit Alan Pauls muss die lateinamerikanische Literaturgeschichte neu geschrieben werden.« Florian Borchmeyer, F.A.Z.

Alan Pauls
> Geschichte der Tränen
Roman, aus dem Spanischen von Christian Hansen (Orig.: Historia del llanto)
> Leseprobe
1. Aufl. 2010 – 143 Seiten – ISBN: 978-3-608-93710-7

MERKUR – August 2010

Donnerstag, 5. August 2010

Gerade rechtzeitig zum Urlaubsanfang ist das Augustheft mit Themen aus der Soziologie und der Politik erschienen. Niels Werber hat einen interessanten Aufsatz über den Ansatz und die Entwicklung der Systemtheorie Niklas Luhmanns (> Niklas-Luhmann-Gymansium in Oerlinghausen) verfasst und dabei den von André Kieserling jetzt aus Luhmanns Nachlass herausgegebenen Band Politische Soziologie besprochen. Dabei erklärt Werber, wieso die moderne liberale Demokratie ist eine Demokratie des Wartenkönnens und der Verzögerung ist.

Remigius Bunia erkennt den Individualismus der westlichen Gesellschaften als seine Stärke an, aber er warnt auch vor dem Schitern des Konzepts des Individualismus. Der erste Satz seines Beitrags: „Individuelle kreative Leistung ist unpopulär, stattdessen lobt man lieber ‚Schwarmintelligenz'“. Das erinnert an die > Macht der sozialen Netzwerke, die keineswegs so sozial sind und durch vorgeplante Kontaktaufnahmeprozesse den Teilnehmern ein bisschen Individualität wegnehmen. Außerdem konstatiert Bunia eine „Krise der Gleichheit“ (En passant, darüber kann man auch viel Nachdenkenswertes in Alexis de Tocquevilles De la démocratie en Amérique, 1835, 1840, nachlesen.) „…nicht in der Ungleichheit der Einkommen, sondern in der Ungleichbehandlung unterschiedlicher Lebensentwürfe liegt die Ursache für die Spannungen, die wir beobachten…“ (S. 664) Die Kritik an der kollektiven Intelligenz wie z.B. Wikipedia sie repräsentiert, fasst Bunia in einem Satz zusammen: „Individualität aber besteht in der öffentlichen Förderung der bestmöglichen individuellen Fertigkeiten, nicht in der Erfindung neuer Funktionärseliten.“

Ego Flaig zeigt das der Hautfarbenrassismus keineswegs eine Erfindung Europas ist: „Wie die Hautfarbe zum Rassismus fand“. Algis Valiunas erinnert an den Meinungsstreit zwischen der Bloomsbury-Gruppe und Winston Churchill über die Frage, für welche Werte der Zivilisation man kämpfen soll.

Michael Rutschky lässt uns in sein Tagebuch anlässlich der deutschen Wiedervereinigung hineingucken. In der Literaturkolumne fragt sich David Wagner, was habe ich eigentlich gelesen? „Ich serendipitiere“. Jens Bisky berichtet über die die Diskussion über „schrumpfende Städte“ und die Internationale Bauaustellung. Stadtumbau Sachsen-Anhalt 2010. Rainer Paris porträtiert den französischen Soziologen Jean-Claude Kaufmann „Das zersplitterte Ich“ und dessen Identitätstheorie. Christian Demand hält die Säkularisationsthese für einen Mythos. Thomas E. Schmidt, „Das Dilemma des gerechten Zorns“ legt uns kritische Anmerkungen zur aktuellen Missbrauchsdebatte vor.

Schlachtfeld Erde < Gwynne Dyer, > Schlachtfeld Erde. Klimakriege im 21. Jahrhundert.
Erscheint am 18. August 2010 bei Klett-Cotta.
Zwei weitere ganz unterschiedliche Aufsätze fragen nach unseren Reaktionen auf den Klimawandel und beleuchten die Frage von zwei ganz entgegengesetzten Seiten: Eduard Kaeser glaubt nicht, dass wir in das Klimageschehen wirklich eingreifen können. Aber Bjørn Lomborg nennt über die Kohlendioxidemissionsreduzierung hinaus andere Strategien, mit denen wir die klimatischen Veränderungen einwirken können.

> www.online-merkur.de/

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