Verlagsblog

Archiv für Februar 2011

Lesebericht: Wolfgang Schömel, Die große Verschwendung

Montag, 28. Februar 2011

Wieder ein Buch, das, um hier nochmal einen auf diesem Blog schon arg stapazierten Ausdruck zu bemühen, wahrlich nicht S-Bahn geeignet ist, Sie fahren garantiert zu weit. > Gucken Sie in das Buch, das stimmt. Gelesen am Freitagabend und Samstag! Dr. Georg Glabrecht ist Wirtschaftssenator in Bremen. Manchmal etwas träge, drückt er den roten Knopf, um wegen dienstlicher Verrichtungen – die für ein ein kurzes Schläfchen bedeuten – gänzlich ungestört zu sein.

Die Konferenz in Oslo bringt alles in Rollen: das MO, die Maritime Oper, mit der Bremen sich schmücken will. Und dann erscheint noch Adriana, die Mitarbeiterin, des norwegischen Investors, die dazu beiträgt, dass Glabrecht alle Vorsichtsmaßnahmen vergisst und sich auch in sie verliebt. Das Behördenleben und die Beschäftigung der Hierarchie unter ihm, das Warten bis die Vorgangsmappen allmählich weder nach oben kommen, richtig viel hat Glabrecht nicht zu tun und kann sich daran freuen, die Untergebenen zu beschäftigen und ihr „mimetisches Archkriechen“ zu beobachten.

Zusätzliche Investoren werden in Bremen gesucht und gefunden. Die eigene Ehe empfindet er nicht als sexuelle Auslastung und freut sich auf die Beziehung mit Adriana, als sie selber endlich nach ihrer Begegnung in Oslo ein Mail schickt. Das Gebräu, mit dem Glabrecht sich morgens weckt (S. 122), würde jedem anderen eher erheblich schaden als ihnen auf die Beine zu helfen. In seiner Behörde wird gerne mit hohlen Phrasen gearbeitet und man könnte meinen, dass Schömel in seiner Direktheit der Senatsbehörde in Bremen ein wenig Unrecht tut. Was er aber aufs Korn nimmt ist die alltägliche, ständige Versuchung allen Gelüsten vom Geld bis zum Sex zu erliegen und ihnen alles andere unterzuordnen. Ganz direkt wollte Schömel nicht sein, so hat er wenigstens den Operbau von Hamburg nach Bremen verlegt und die Personen ausgetauscht.

Das Muster ist auch ohne Bezug zu Bremen schnell erkennbar. Großprojekte werden erdacht, sehr oft mit etwas undurchsichtigen Prozessen auf den Weg gebracht, eine Vorfreude in der Bevölkerung oder bei den Wählern wird entfacht immer in der Hoffnung, dass nicht allzuviel nachgefragt wird. Und die Initiatoren hoffen sich wenigstens unbeschadet oft sogar in gutem Glauben bis gerade über die Schwelle, ab jetzt wird gebaut, hinüberretten zu können. Ob Großprojekte gar nicht anders ins Werk gesetzt werden können? Glabrecht hat von allem etwas, Nonchalance der gestellten Aufgabe gegenüber, obwohl er manche treffenden Formulierungseinfälle hat, die von seinen Untergebenen sogar als völlig seriös gedeutet werden, ohne dass sie die Distanz ihres Finanzsenators wirklich ahnen. Außerdem ist Glabrecht mit seinem Körper und seiner Sexualität wirklich sehr beschäftigt. Ein Seitensprung und ein dubioses Geldgeschäft, das man in seiner Position besser vermeiden, sollte gehören bei ihm mit dazu. Und dann die Privilegien seines Standes, die er nur zu gerne genießt, auch wenn er sicher ist, „verglichen mit anderen Politikern und Machthabern ein vergleichsweise kleines Arschloch zu sein.“ (S. 36)

Skandale haben oft die gleichen Ursachen. Schömel nennt sie alle konzentriert auf einmal und zeigt, wie alles eine Zeit lang gut gehen kann, weil es eben oft so ist. Als Finanzsentor kommt es Glabrecht kaum in den Sinn, dass er nur an der großen Verschwendung mitarbeitet, die er offiziell mit sinnvollen Investitionen begründen kann, solange bis dann doch einige besorgte Fragen gestellt werden.

> Wolfgang Schömel
> Die Große Verschwendung
Roman
1. Aufl. 2011, 239 Seiten
ISBN: 978-3-608-93903-3

Lesungen des Autors:

Dienstag, 01. 03. 2011 ab 20:00
Hamburg – Premiere: Der Autor liest aus seinem neuen Roman.
Moderation: Sigrid Löffler
Literaturhaus Hamburg, Schwanenwik 38 – 22087 Hamburg

Donnerstag, 10.03.2011 ab 20:30 – Berlin im Buchhändlerkeller
Berlin – Buchhändlerkeller, Carmerstr. 1 – parterre links – 10623 Berlin

Montag, 28.03. 2011 ab 19:00
St. Moritz-Bad im Hotel Laudinella
Brasserie littéraire: Moderation von Werner Irro.
Lesung, Gespräch, Apéro, Menü, Wein CHF 75
Reservation T +41 (0)81 836 06 02 – Hotel Laudinella, Via Tegiatscha 17
CH-7500 St. Moritz

Donnerstag, 07.04.2011 ab 20:00
In Kooperation mit dem Buchhaus Thalia, Obernstraße.
Schwankhalle, Buntentorsteinweg 112 – 28201 Bremen

Mittwoch, 13.04.2011 ab 19:00 Hamburg – Elbdeck
Moderation: Armgard Seegers (Abendblatt)
Elbdeck, Kehrwieder 9a, 20547 Hamburg

Donnerstag, 14.04.2011 ab 19:30 Hamburg im Christianeum
Otto-Ernst-Straße 34 -22605 Hamburg

Ein Interview mit Jonathan Lethem

Sonntag, 27. Februar 2011

Nachdem Wolfgang Schömels > Die Verschwendung meine Samstagslektüre war – der Lesebericht folgt hier bald – ist jetzt
> Chronic-City von Jonathan Lethem dran. Gerad bekam ich ein Probeexemplar der heutigen Welt am Sonntag kompakt: „Ich bin ein Niemand“ Ein Interview mit Jonathan Lethem auf Seite 44-45. Ein Erzähler, dem nicht gelingt: Chase Insteadman. Beat und Punk sind für Lethem immer noch die zwei großen Dinge unserer Zeit und der Immobilienmarkt. Und Lethem sagt, New-York interessiert ihn als die Stadt der verpassten Möglichkeiten. Ort der Handlung: Manhattan mit allen seinen Parallelgesellschaften. Bald folgt auch hier der Lesebericht. Aber bei 485 Seiten dauert das ein wenig länger. Jetzt liegt Perkus Tooth erstmal bei seinem Heilpraktiker auf der Liege, gespickt mit den Akupunkturnadeln.

Nachgefragt:
Gerhard Roth, Bildung braucht Persönlichkeit

Donnerstag, 24. Februar 2011

Von Gerhard Roth ist bei Klett-Cotta gerade der Band > Bildung braucht Persönlichkeit erschienen. Nach seinem Vortrag auf der Bildungsmesse didacta in Stuttgart und dem > Lesebericht über sein Buch auf diesem Blog gab es eine Gelegenheit, nachzufragen. Professor Gerhard Roth kommt aus dem Institut für Hirnforschung an der Universität Bremen. Er vertritt die Fächer Verhaltenspsychologie und Entwicklungsneurobiologie. Er beginnt die Einleitung seines Buches mit einer heftigen Kritik an der akademischen Lehrerausbildung. Ich habe ihn gefragt, wo seiner Meinung nach die größten Probleme liegen. Trotz der Defizite im Bereich der Psychologie und Pädagogik will Roth einen „pädagogischen Agnostizismus“ (S. 16) nicht teilen.

Er will zwischen der Neurobiologie und den eben genannte Disziplinen vermitteln. Die Lehrer sollten etwas üb die Funktionen des Gehirn wissen. Das erstes Kapitel seines Buches liest sich wie eine Anamnese. Man weiß, dass die die Schule Persönlichkeiten ausbilden soll. Aber weiß denn jemand in der Schule, wie das geht? Über Intelligenz haben wir gesprochen und ich habe Professor Roth nach seinem neurobiologischen Ansatz hinsichtlich der Aufmerksamkeit, des Bewußtseins und des Arbeitsgedächtnisses gefragt.

Gerhard Roth:

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ca. 32 Minuten

und hier zum Herunterladen als mp3-Datei > Bildung braucht Persönlichkeit.

> Gerhard Roth
> Bildung braucht Persönlichkeit. Wie Lernen gelingt
1. Aufl. 2011, 360 Seiten
ISBN: 978-3-608-94655-0

Literaturelite

Didacta 2011 in Stuttgart
Lesung: Alex Rühle, Ohne Netz

Montag, 21. Februar 2011

Wie wärs mit einer Rückkehr in die Offline-Welt? Wieder eine Faxrolle kaufen? Den Füller und das Tintenfaß fürs Briefpapier reaktivieren und einmal am Tag in den realen Briefkasten gucken, statt den Online-Briefkasten 16 mal am Tag aufrufen, um gleich hektisch ein Antwortschnipsel zu posten? Alex Rühle war in der Offline-Welt, und er liest aus > Ohne Netz bei Schulen ans Netz e.V. auf der Bildungsmesse Stuttgart, Messegelände, Messepiazza 1, Halle 7 – Stand A 71, Di 22.02, 15:00.

Lesebericht: Gerhard Roth, Bildung braucht Persönlichkeit

Montag, 21. Februar 2011

Gerade ist der Band > Bildung braucht Persönlichkeit von Gerhard Roth erschienen.

> Wie Lernen gelingt: Gerhard Roth auf der didacta 2011 in Stuttgart:
Die Veranstaltung mit Gerhard Roth findet am 22. Februar 2011 von 16 bis 17 Uhr auf der Messe Stuttgart, Kongress-Centrum, Raum C6.2.2 statt.

Der Titel dieses Buches verrät Roths Hauptthese: „Lehren und Lernen“ finden „stets im Rahmen der Persönlichkeit des Lehrenden und des Lernenden, also der höchst individuellen Art des Wahrnehmens, Denkens, Fühlens, Wollens, Handelns sowie der Bindungs- und Kommunikationsfähigkeit eines Menschen“ (S. 35) statt. Mit dieser Definition der Persönlichkeit schlägt Roth eine Brücke von seinem neurobiologischen Ansatz zu den gängigen Verfahren der Psychologie und der Pädagogik, allerdings mit dem Zusatz: soweit sie nicht mit den Forschungsergebnissen der Hirnforschung besonders hinsichtlich der „Verankerung der Persönlichkeit im Gehirn“ abgestimmt werden.

Der Untertitel seines Buches „Wie Lernen gelingt“ verrät, dass der Autor aus seinen Überlegungen Vorschläge zur Verbesserung des Lernbedingungen ableiten möchte. In der Tat, der Autor ist überzeugt, dass überfällige Verbesserungen nur realisiert werden können, wenn grundlegende Funktionsweisen des Gehirns berücksichtigt werden. Dabei verlässt Roth – und das unterscheidet ihn von anderen Neurobiologen – sich aber nicht ausschließlich auf seine neurobiologische Sichtweise, um mit ihr der Pädagogik und der Didaktik neue Richtungen zuzuweisen, sondern er möchte Schuldidaktiker und Pädagogen dazu bewegen, in ihren Arbeiten auch die Ergebnisse neurobiologischer Forschung zu berücksichtigen. (Vgl. S. 277) In diesem Sinne nimmt Roth eine vermittelnde Stellung ein, aber er sagt auch sehr deutlich, dass Forschungsergebnisse, die neurobiologische Einsichten nicht aufnehmen, irrelevant sind. (ib.)

Unter ähnlichen Vorzeichen beschreibt Roth in seiner Einleitung die aktuelle Ausbildungssituation der Lehrer. Die drei Institutionen, die das Bildungswesen bestimmen, – die Vertreter der staatlichen Bildungsbehörden, die Hochschullehrer der Pädagogik und Didaktik sowie die Lehrenden, die mit ihrer Unterrichtspraxis, die weitgehend auf „Versuch und Irrtum“ beruht, weitgehend allein gelassen werden. (S. 14 f.) – stimmen sich nach Roths Einschätzung untereinander nur unwillig ab. Das ist ein weiterer wichtiger Kritikpunkt, der bereits in der Einleitung genannt wird. Folgt man den Konsequenzen dieser Auffassung, waren bisher viele Schulreformen zum Scheitern verurteilt. Nebenbei bemerkt Roth, „dass die akademische pädagogische Ausbildung für die spätere Praxis der Schul- und Weiterbildung weitgehend zwecklos ist.“ (S. 14) In meiner Erinnerung war sie es nicht, aber man darf für Ergänzungen und neue Themen aus der Sicht Roths neugierig sein.

Die unwillkürliche Erinnerung ruft sogleich die Vorlesungen, die Seminare des Begleitstudiums sowie die zwei Jahre des Vorbereitungsdienstes ins Gedächtnis zurück. Natürlich hätte ich damals gerne dieses Buch schon in der Hand gehabt, besonders wenn Fachleiter nach Unterrichtsbesuchen mit Noten ihren Eindruck vom Unterricht bewerteten, bei dem für sie der Lehrende naturgemäß oft allein im Zentrum der Beurteilung stand. Zugegeben, auch ohne neurobiologische Reflexionen gab es auch damals eine Analyse der Unterrichtssituation, mit der der Referendar die Ausgangssituation und die Unterrichtsbedingungen schildern konnte und seine Entscheidungen mit ihren Alternativen zu begründen hatte. Man konnte sich aber damals des Eindrucks nicht erwehren, dass eher individuelle Unterrichtsrezepte der jeweiligen Fachleiter den Ton angaben als wissenschaftlich fundierte Lerntheorien. Diesen Unterschied will Roth mit seinem Buch aufzeigen – Roth sagt ausdrücklich, dass er den „‚pädagogischen Agnostizismus'“ (S. 16) als Befund nicht teilt – und er möchte Lehrern Perspektiven anbieten, über eine begründetet Veränderung von Lehr- und Lernformen in der Schule nachzudenken. Erst wenn man mehr über die Art und Weise weiß, wie das Gehirn Informationen verarbeitet und wie das Gedächtnis Informationen speichert, anders gesagt, wie der Mensch sich seine Welt zusammenbaut, kann man seine eigene Unterrichtspraxis überprüfen und neu bewerten.

Sein 1. Kapitel ist eine Art Anamnese. Wie steht es um die Schule? Ist die Persönlichkeit der Schüler nicht im Blick des Lehrers, wird der Bildungserfolg gefährdet. Kapitel 2 erklärt die psychologischen und neurobiologischen Grundlagen der Persönlichkeit in so einleuchtender Weise, dass man sich fragen möchte, wie eine Lehrerausbildung ohne diese Themen gelingen kann? Lehrer, die ihre Schüler ernst nehmen, sie schon immer als Persönlichkeit akzeptiert haben und sie mit in ihrer Selbständigkeit fördern möchten, haben bisher auch beachtliche Erfolge erzielt. Ihnen dürften Roths Ausführungen eine Unterstützung bei der Ausbildung und Anleitung jüngerer Kollegen sein. Kapitel 3 erklärt die Funktion von Emotionen und Motiven. Im Kapitel 4 geht es um Lernen und Gedächtnisbildung. Geschickt zeigt Roth den Stand der prädagogischen Forschung zu diesem Thema und ergänzt ihn mit den „Neuobiologische(n) Grundlagen des Gedächtnisses“ (S. 109 ff). Kapitel 5 behandelt „Aufmerksamkeit, Bewußtsein und Arbeitsgedächtnis“: Die notwendige Unterteilung des Unterrichts in Phasen mit verschiedenen Aufmerksamkeitsphasen haben wir nach meiner Erinnerung im Ausbildungsseminar intensiv untersucht und geübt. Allerdings können Roths Ausführungen zur Funktion des Arbeitsgedächtnisses hier wertvolle Einsichten vermitteln. Im Kapitel 6 vertritt Roth die Auffassung, dass Begabung eine Voraussetzung für das Lernen und ein Ergebnis des Lernens ist. (vgl. S. 152). Kapitel 7 geht auf die Vertrauensbildung ein. Intelligenz ist nur ein Faktor für den Erfolg. Kapitel 8 zeigt u. a. die Bedeutung der familiären Unterstützung. Kapitel 9 (Sprache) und Kapitel 10 (Bedeutung und Verstehen) systematisieren die bisherigen Ergebnisse Roths und erweitern den Blick auf die Werkzeuge um Wissenserwerb und die Ausdrucksfähigkeit. Aktuelle didaktische Konzepte (Kap. 11) haben es bei Roth nicht leicht. Er fragt gerne und mit Recht, warum die lerntheoretische Didaktik des „Berliner Modells“ gescheitert ist und bemängelt die offenkundigen Defizite behavioristischer Lehrprogramme, die wir auch schon im Vorbereitungsdienst ad acta gelegt hatten. Als Neurobiologe will Roth Hilfestellungen anbieten, ein Ersatz der Pädagogik und Didaktik, wie M. Spitzer (2003), ihn im Sinn hat, (Vg. S. 274) vertritt Roth nicht, denn er weiß, dass die Neurobiologie auch die Ergebnisse er Psychologie und der Neuropsychologie berücksichtigen sollte. Das 12. Kapitel „Bessere Schule, bessere Bildung“ nimmt die ausbordende Stofffülle, den 45-Minuten Takt, die enggezogenen Fächergrenzen und die wenig praktizierte Wiederholung ins Visier – mit guten Gründen, die Roth als Neurobiologie fundiert erklären kann. Keine der Maßnahmen sei wirklich neu, sie wurden nicht von Neurobiologen erfunden, erklärt Roth (vg. S. 307) aber aus der Sicht der Neurobiologie kann man diese Maßnahmen besser beurteilen.

Wie war das früher und heute? Mathe, Deutsch, Physik, Religion und 2 Stunden Französisch und vielleicht noch eine 7. Stunde. Jeder Fachlehrer kommt mit seinen Erwartungen. Und die Schüler erleben einen bunten oft unzusammenhängenden Reigen vieler interessanter Themen, der sich in der Erinnerung oft auf kaum mehr als das flackernde Fernsehbild reduziert aber aufgemischt durch kleine und große Stresstests wie Vokabelarbeiten und punktuellen Wiederholungen in Form von Klassenarbeiten, die die Unterrichtsreihen beenden, vergessen lassen, aber versetzungsrelevant sind. Und wie müsste es sein? Wie könnte der normale – stofflich zu entrümpelnde – Fachunterricht einschließlich notwendigen Frontalunterricht oder besser der unterricht, der sich für eine bestimmte Zeit an alle in der Klasse wendet – ergänzt werden? Die Klasse teilt sich nach Neigungen in Gruppen auf und bereitet – unter der Anleitung ihrer Fachlehrer – mit Hilfe der Schulbibliothek, des Internets, mitgebrachter Zeitungsausschnitte und einer Diskussionsrunde die Unterrichtsreihe „Deutsch-französischen Beziehungen von 1945 bis 1963“ alleine vor. Der Französischlehrer, der Geschichtslehrer und der Deutschlehrer haben dabei drei, vier Zeitstunden oder länger Zeit, ihre Schüler zu beobachten. Beobachte Deinen Schüler, das versuchte auch Jean-Jacques Rousseau dem Leser von Émile ou de l’Éducation einzubläuen. Dabei lernen die Lehrer soviel und gar mehr als ihre Zöglinge. Lehren heißt, Perspektiven eröffnen. Als wir im Bonner Friedrich-Ebert-Gymnasium uns die Verfassung der V. Republik ansahen, meinte eine Schülerin, die ist der Verfassung von Weimar ähnlich, die haben wir heute in Geschichte besprochen und fing an, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten beider Verfassungen aufzuzeigen.

Unterricht ändert sich schon, wenn Schüler als Persönlichkeit ernstgenommen werden. Roths Buch macht Lust auf Veränderung. Man lernt in diesem Buch einiges über die Funktion des Gehirns, gerade soviel, um wichtige pädagogische Entscheidungen fundierter begründen zu können. Zuweilen geht Roth aber doch über das Basiswissen hinaus und gibt seine Passion als Neurobiologe zu erkennen. Dann muss man sich echt konzentrieren, um seinen Fachausdrücken zu folgen. Sie gehören aber nun mal zu dem Fundament, von dem die Pädagogik profitieren kann.

Schade, Blogartikel sollen gar nicht so lang sein. Aber dieses Buch reizt zum Erzählen. Manches kann mit nach der Lektüre dieses Buches besser erklären und manches möchte man gerne künftig anders machen, weil man jetzt die Begründungen in der Hand hält.

Gerhard Roth
> Bildung braucht Persönlichkeit. Wie Lernen gelingt
1. Aufl. 2011, 360 Seiten
ISBN: 978-3-608-94655-0

Stuttgarter Literaturhaus, 23. März 2011:
Zülfü Livaneli, Der Roman meines Lebens

Freitag, 18. Februar 2011

Zülfü Livanelli wird am Mittwoch, 23. März 2011 um 20 Uhr im Stuttgarter Literaturhaus aus seinem neuen Buch Roman meines Lebens. Ein Europäer vom Bosporus lesen. Zülfü Livanelis ganzes Leben ist geprägt von den Spannungen der türkischen Gesellschaft. Sein Berufsstart als Verleger in Ankara ist mit mit dem Militärputsch 1971 zu Ende. Er wird verhaftet, aber ihm gelingt gelingt ihm eine abenteuerliche Flucht nach Schweden. Im fünfjährigen Exil entwickelt er sich trotz Aufführungsverbot zu einem der beliebtesten Liedermacher der Türkei. Nach seiner triumphalen Rückkehr setzt er sich für die Kurden und die griechisch-türkische Aussöhnung ein und ist einige Jahre Abgeordneter. Sänger, Filmregisseur und Romancier in einer Person.

< Zülfü Livaneli am 20.1.2011 im > Stuttgarter Literaturhaus.

Zülfü Livanelli,
Roman meines Lebens. Ein Europäer vom Bosporus
Aus dem Türkischen von Gerhard Meier (Orig.: Sevdalim Hayat)
1. Aufl. 2011, 364 Seiten,
ISBN: 978-3-608-93895-1


Zülü Livanelis grandiose Art, einen ganzen Saal in Schwingungen und beben zu versetzen zeigte er am 23.10.08 im > Stuttgarter Literaturhaus, anlässlich seines Konzertes und seiner Lesung aus seinem Roman > Glückseligkeit (Einführung: Claudia Roth, Musik: Jocelyn B. & Band Smith). Das war ein eindrucksvoller Abend! Alles alle Anwesenden in den Refrain seiner Lieder einfielen! Was war das für eine Stimmung! Hier auf dem Blog: > Sternstunde im Literaturhaus: Zülfü Livaneli sang für Stuttgart

Nachgefragt: > Ein Gespräch mit Zülfü Livaneli, Glückseligkeit

Der Lesebericht auf diesem Blog: > Glückseligkeit

Das Blog-Leseprogramm im Februar

Freitag, 18. Februar 2011

Jetzt wird in den nächsten zwei Wochen der Bücherlesestapel abgearbeitet. Das ist aber nur ein Teil der > Neuerscheinungen in diesem Frühjahr. Der nächste Stapel kommt gleich hinterher:


Den Band von Jonathan Lethem > Chronic City habe ich angefangen zu lesen: „Chase Insteadman, ein ehemaliger Kinderstar, ist fester Bestandteil der New Yorker High Society. Sein soziales Ansehen verdankt er einem Unglück, das in der Klatschpresse für Furore sorgt: Seine Verlobte Janice Trumbull schwebt manövrierunfähig im Weltraum, von wo sie ihm herzzerreißende Liebesbriefe schreibt,“ steht auf dem Klappentext. Es geht um Medien und um Wahrheit. > Wollen Sie auch schon mal in diesem Buch blättern?.

Der Lesebericht für das Buch von Gerhard Roth > Bildung braucht Persönlichkeit und wird hier angezeigt, wenn das Buch am 21. Februar erschienen ist. Das Interview mit Gerhard Roth für diesen Blog (Nachgefragt…) ist schon geplant. – Auf meinem Lesebücherstapel liegt auch Lauren Grodsteins > Die Freundin meines Sohnes. Roman.: „Für Pete Dizinoff läuft alles prima. Er hat eine erfolgreiche Praxis, eine liebevolle Frau und ein hübsches Haus in einem gediegenen Vorort. Vor allem hat Pete einen Sohn, Alec, für den er nur das Beste will.“ Das klingt nach Erziehung und danach, dass da vielleicht was schieflaufen wird. Die > Leseprobe.

Und dann kommt auf dem Lesestapel Wolfgang Schömels > Die große Verschwendung zum Vorschein: Dr. Georg Glabrecht gerät in einen mehr oder weniger selbstverschuldeten Politskandal. Ein Bau-Renommierprojekt, die Verlockungen jeder Art, Liebe und Geld, alle Zutaten, damit es so richtig daneben geht. > Wollen Sie reingucken?


Über > Sex stand ja schon einiges auf diesem Blog. Am 21. Februar erscheint der Band von David Schnarch > Intimität und Verlangen. Und im April bietet der Autor > Seminare in Deutschland an.

Christoph Griessemann und Dirk Stermann > Speichelfäden in der Buttermilch haben Marcel Meich-Ranicki zu der Bemerkung „Der heißeste Scheiß aus Wien!“ veranlasst. > Leseprobe.

Zülfü Livanelli wird am 23. März im > Stuttgarter Literaturhaus aus dem > Roman seines Lebens lesen.

Was passiert, wenn die Vergangenheit nicht wichen will, und die Toten keine Ruhe finden? Mit > Hemmersmoor erscheint ein Schauerroman. Ort der Handlung: Ein kleines Dorf im norddeutschen Teufelsmoor, Jahre nach dem Krieg. Eine Kneipe, wo die Alten von Wiedergängern und Irrlichtern reden. Personen der Handlung: Vier junge Freunde, deren unschuldige Spielereien in die dunkelsten Winkel der menschlichen Seele führen. Nach der Leseprobe werden Sie ganz unruhig, bis das Buch da ist. Zuviel versprochen?

Lesung im Stuttgarter Literaturhaus:
Von Bergen und Romanen: Elisabeth Binder, Birgitte Kronauer

Freitag, 4. Februar 2011

Doppellesung im Stuttgarter Literaturhaus am Donnerstag, 10.02.11, 20.00 Uhr

> Von Bergen und Romanen

Diese Lesung dürfen Sie nicht verpassen. So steht es im Programm des Literaturhauses: „Es kann einem auf einer Bergwanderung passieren oder bei der Begegnung mit Kunst im besten Fall: dass man aus seinem »gewöhnlichen Selbst« (Eduard Mörike) vertrieben wird. Um Herausforderungen solcher Art geht es in Brigitte Kronauers neuestem Essayband „Favoriten“ wie in Elisabeth Binders Roman „Der Wintergast“. Brigitte Kronauer schmeckt in ihrem Buch dem Aroma ihrer Lieblingsautoren nach und versucht hinter das Geheimnis ihrer Wirkung zu kommen – Georg Büchner oder Robert Walser, Knut Hamsun oder Joseph Conrad. Mal schmeckt die Literatur süß, mal bitter, am besten beides zugleich. Dieser Empfindung traut sie unbeirrt, manchmal bis zu glühender Parteilichkeit,“ und mein > Lesebericht: Brigitte Kronauer, Favoriten. Aufsätze zur Literatur müsste Sie vom Ferrnbleiben abhalten.

Im Literaturhausprogramm steht: „Elisabeth Binders Roman spielt in einem Bergdorf an der schweizerischen Grenze zu Italien: Die Bewohner haben sich eingerichtet, mit ihren Erinnerungen und Sehnsüchten. Doch dann stören zwei Neuankömmlinge das gewohnte Leben: ein ausgebrannter junger Großstadt-Künstler und ein Adler.“ und hier auf dem Blog steht der > Lesebericht: Elisabeth Binder, Der Wintergast: „Elisabeth Binder hat eine wunderschöne Einstimmung auf den Winter für uns geschrieben. Sie lässt ihre Erzählfiguren Revue passieren, berichtet von ihren kleinen und großen Nöten. Zuerst ist Andreas, der junge Künstler aus der Stadt, entsetzt über den Ort, wo das Postauto ihn ausgeladen hat. Die Dorfgemeinschaft ist aber gar nicht eine geschlossene Gesellschaft. Mit Neugier wird der Ankömmling aufgenommen, umso mehr als dieser sich den Gegebenheiten und den Gewohnheiten im Dorf lautlos anpasst, Hausarbeiten übernimmt und mit seinem Rucksack das Tal und den Bergaufstieg erkundet.“

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