Verlagsblog

Archiv für Mai 2011

Sommerlektüre: Jonathan Lethem, Chronic City

Dienstag, 31. Mai 2011

… empfohlen von Denis Scheck:

Recht hat er: > Lesebericht: Jonathan Lethem, Chronic City

Rechtzeitig abschalten: Das Ende der Atomkraft

Sonntag, 29. Mai 2011

Beim Hören der heutigen Nachrichten, die von den Diskussionen unserer Berliner Politiker berichten, die miteinander und gegeneinander um ein bundesdeutsches Ausstiegsdatum aus der Atomkraft feilschen, fällt mir wieder der Band von > Robert Spaemann,
> Nach uns die Kernschmelze Hybris im atomaren Zeitalter, der genau zum richtigen Zeitpunkt am 24. Juni bei Klett-Cotta erscheinen wird. Auf die Lektüre dieses Bandes gefolgt von einem Interview (Nachgefragt) mit dem Autor bin ich gespannt.
In den Nachrichten habe ich noch nicht gehört, warum die Befürworter der Atomkraft oder diejenigen, die mit der Verkürzung der atomaren Laufzeiten hadern, das Abschalten der Meiler so kritisch sehen. Aus Baden-Württemberg wird CDU-Fraktionschef Peter Hauk so zitiert (> www.tagesschau.de, 29. Mai 2011), dass ein Schwenk der Atompolitik den Bürgern – auch den CDU-Mitgliedern – erklärt werden muss. Das ist keine besonders komplizierte Aufgabe, denn ein Unfall, der mit alter Technik immer irgendwann passieren wird, das ist eine Art Binsenweisheit, das weiß sogar jeder Autofahrer – dürfte so teuer und verheerend werde, dass der Erklärungsaufwand nicht besonders groß wird.
Andere wollen erst realistische Energiekonzepte sehen, andere visieren noch eine Laufzeit von 10 Jahren an, wie die Ethikkommission dies wohl jetzt empfohlen hat. Das klingt nach großem Vertrauen in die Technik, die den Bundesbürgern plausibel erklärt werden muss. Und das ist ungleich schwerer als den Ausstieg vorzuverlegen. Da kommt einem wieder das Wort vom Restrisiko in den Sinn, das einige offenbar immer noch akzeptieren wollen. Beim heutigen Stand der Dinge kann ein Mitgliedsland der EU nicht alleine abschalten; nun, es könnte aber wenigstens ein Zeichen setzen. Ausstiegsdaten hin und her: eine fundierte Aufklärung über den tatsächlichen Zustand unserer Atommeiler und der Gedanke, dass ein Unfall beim Stand der Dinge einen sofortigen Ausstieg zur Folge hätte, lässt das Gefeilsche über Ausstiegsstrategien als Muskelspiele zwischen den Parteien erscheinen.

Für Robert Spaemann ist die Nutzung der Atomkraft ein Verbrechen. Nimmt man seine Argumente zur Kenntnis – hier können Sie schon mal in seinem Buch blättern – Für alle IPAD-Leser ein PDF-File: > Blättern im Buch – und betrachtet man dann, dass die Politik sich nach einem erneuten schwerwiegenden Unfall sich erstmal bei einer hochrangigen Kommission Rat holt, der von dem politischen GAU im Stammland schon überholt worden ist, darf man vermuten, dass die Datumsdiskussion nur noch ein Rückzugsgefecht ist. Wie will man denn heute die Arbeit von zweieinhalb Legislaturperioden planen? Ist der Ausstieg erst einmal per Gesetz beschlossen, also hat das Parlament – bisher hat die Regierung vor allem nur eine Kommission gefragt – seinen Segen gegeben, wird die Schädlichkeit und künftige Nichtbeherrschbarkeit der Atomenergie Konsens sein. Und dann kann man sich heute sehr gut vorstellen, dass der Ausstieg von neuen Technologien getrieben sehr viel schneller gehen wird.

Schwarz-Gelb wird das für anvisierte Ausstiegsdatum 2021 oder 2022 vom Wähler gerne eine Bestandsgarantie für die eigene Koalition bekommen. Das Datum ist also eher ein Wahlmanöver als von der Sache bestimmt. Hat die CDU den Grünen ein Thema weggenommen? Das könnte sein, könnte aber auch nicht sein, da die Grünen verlorenes Terrain mit der Forderung nach einem schnellerem Ausstieg wettmachen werden. Der Ausstieg könnte sich obendrein noch beschleunigen, wenn das deutsche Beispiel in Europa Schule macht. Europäischen Folgen wird es geben müssen, denn die Berliner Politiker wissen, dass man ncith allein in Europa aus der Atomenergie aussteigen, will man wirklich konsequent sein will. Das nationale Abschalten ist ein politisches Signal aber noch keine Lösung der europäischen Energieprobleme.

> Robert Spaemann
> Nach uns die Kernschmelze. Hybris im atomaren Zeitalter
1. Aufl. 2011, ca. 112 Seiten
ISBN: 978-3-608-94754-0

Auf dem Frankreich-Blog:

> L’énergie nucléaire (I) : La visite de M. Sarkozy à Gravelines
> L’énergie nucléaire (II) :“Un référendum sur le nucléaire en France !”

Silvia Avallone im Stuttgarter Literaturhaus

Samstag, 28. Mai 2011

Am Donnerstag, 26.05.11, war Silvia Avallone zu gast im Literaturhaus und las aus ihrem jüngst bei Klett- Cotta erschienenem Band > Ein Sommer aus Stahl. Maria Gazzetti, die Geschäftsführerin des Lyrik Kabinetts in München, moderierte die Veranstaltung und Stela M. Katic las aus der deutschen Übersetzung von Michael von Killisch-Horn. Tom Kraushaar, der verlegerische Geschäftsführer von Klett-Cotta begrüßte die Gäste.

Fotos: Heiner Wittmann

Lesebericht: Silvia Avallone, Ein Sommer aus Stahl

Donnerstag, 26. Mai 2011

Wie gut, dass > Angelo Trippa in unserem Verlagshaus arbeitet! Sonst wäre dieser Roman wahrscheinlich bei Klett-Cotta nicht erschienen.

Silvia Avallone stellt mit ihrem Roman Ein Sommer aus Stahl, der heute bei Klett-Cotta erscheint, die beiden Mädchen Anna und Francesca und ihre Familien aus Piombino vor. Unzertrennbar sind die beiden Busenfreundinnen, die gemeinsam und mit Lust ihre Körper erkunden. Gleichzeitig ziehen sie auch die Blicke der Jungens auf sich, was Francescas Vater Enrico Morganti überhaupt nicht verstehen und nicht akzeptieren will. Eifersüchtig und geradezu manisch besessen von der Furcht, eine Junge könnte sich für sie interessieren, wacht er über sie, beschützt sie fürsorglich, wie er meint. Rosa, seine Frau, versucht sich diesem Familiendiktator zu entziehen. Arturo, Annas Vater ist wegen seiner Spielleidenschaft kaum besser drauf.

Massi und Nino nehmen die beiden Mädchen in eine alte Fabrik mit, spielen Verstecken und Nino sieht Francescas Handgelenk, ahnt, was man ihr angetan hat, kriegt aber nichts aus ihr raus, derweil Anna und Missi außer Sichtweite sind. Als sie zurückfahren, merkt Anna an Francesca Blick, das sich etwas zwischen ihnen verändert hat. Misstrauen entsteht zwischen beiden. Silvia Avallone kann genau beobachten und mit kurzen Sätzen, Gefühle, Ängste und Erwartungen präzise und beeindruckend beschreiben. Sie zieht den Leser geschickt in die Geschichte hinein.

Alessio, Annas Bruder, arbeitet im Stahlwerk und träumt von einem Golf GT und sorgt sich um Anna. Kaum ist Anna 14, kommt sie mit Mattia zusammen und Alessio lässt sie gewähren. Mit der Freundschaft zwischen Anna und Francesca ist es jetzt aber erstmal zu Ende. Nichts ist mehr so wie vorher.

In ihrem Roman stellt Silvia Avallone implizit die Frage nach den sozialen und zwischenmenschlichen Verhältnissen und den Zusammenhängen mit der von dem Stahlwerk geprägten Umgebung dieser kleinen Hafenstadt Piombino. So oder ähnlich könnte der Roman überall spielen. Trotzdem stellt sich hier die Frage, wie gerade dieses Städtchen mit seinen sozialen Problemen, die das Leben der beiden betroffenen Familien ganz existentiell prägen, auch die Erziehung der Kinder beeinflusst. Die Liebe kennen sie aus ihren Familien nur nach einem mehr oder weniger diffusen Gefühl. Die Jungens um sie herum haben nur das Eine im Kopf. Man merkt aber manchmal doch, dass die beiden Mädchen, Anna und Francesca, viel sensibler sind und sich nur zu gerne auf mehr Zuneigung verlassen würden, eine gewisse Sehnsucht nach Liebe. Manchmal aber wird Avallone in ihren Schilderungen wieder recht drastisch und lässt den Frust der Betroffenen so richtig durchblicken. Ein Frust, der sie spüren lässt, dass nichts zu ändern ist.

Der Ort und die sozialen Probleme kommen zu den täglichen Eindrücken der beiden Mädchen hinzu, deren Freundschaft sich zunächst wie eine wunderbare Geschichte gegen alle diese Widrigkeiten des Lebens klingt. Und sie gerät ins Wanken, weil beide noch nicht genug oder die anderen um sie herum auch kein Verantwortungsgefühl haben. Francesca und Anna können das von zu Hause kaum mitbekommen, da sie dort nur Verbote hören. Sie nehmen sich ihre Selbständigkeit und hätten doch ein bisschen Anleitung so gut brauchen können.

Silvia Avallone hat einen wunderbar genau beobachteten Erziehungsroman oder Sozialroman, bestimmt aber eine spannende Geschichte geschrieben, die wegen der diversen Empfindlichkeiten ein kompliziertes Handlungsnetz zwischen den wenigen Hauptpersonen aufspannt, und man ist beim Lesen, weil es so spannend ist, auch ein wenig in Piombino mit dabei.

> Ein Sommer aus Stahl
Aus dem Italienischen von Michael von Killisch-Horn (Acciaio, Mailand)
1. Aufl. 2011, 415 Seiten,gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-93898-2

Das (Früh-)Sommerleseprogramm

Montag, 23. Mai 2011

Der Frühjahrsstapel ist mit Leseberichten noch nicht ganz abgearbeitet, da kommt schon der nächste Schwung an Neuerscheinungen: Ein Buch von Roger Smith über die unerbittliche Gewalt in Südafrika. Das hier bereits erwähnte Buch von Silvia Avallone erscheint am 26.5., dann ein Band zusammen mit Marshall McLuhan, gefolgt von einem kritischen Buch gegen die Atomkraft von Robert Spaemann und schließlich Systemstart von William Gibson über die dunklen Seiten der Wirtschaft. EIn Blick auf die neuen Bücher. Aber der noch hohe Frühjahrsstapel wird hier nicht vergessen.

Roger Smith schickt uns in eine > Staubige Hölle. Robert Dell ist auf die Flucht. Er steht unter Mordverdacht. Seine Frau und Kinder sind auf grausame Weise umgebracht worden. Nur sein verhasster Vater, ein ehemaliger CIA-Killer und überzeugter Rassist, der gerade aus dem Gefängnis entlassen ist hält noch zu ihm. Auf der Flucht ins Landesinnere, machen Dell und sein Vater Jagd auf den wirklichen Mörder. Dabei decken eine Verschwörung auf, die bis in die höchsten Regierungskreise reicht. Gewalt und Vergeltung eskalieren immer weiter. Da ist höchste Spannung sicher! Wie bei Roger Smith, > Blutiges Erwachen.

> Facebook-Fansite von Roger Smith!

Ein Sommer aus Stahl ist ein Roman über die großen Themen: Freundschaft, Liebe, Familie, Gewalt und Tod. > Angelo Trippa Silvia Avallone habe ich kürzlich gefragt, wie dieser Roman seinen Weg zu Klett-Cotta gefunden hat. Er ist eine besondere literarische Entdeckung in Italien, die dort in der Presse begeistert gefeiert wurde.

Am 26. Mai wird Silvia Avalonne im Stuttgarter Literaturhaus zu Gast sein. Mein Lesebericht darf hier erst veröffentlicht werden, wenn das Buch erschienen ist.


Marshall McLuhan war zunächst Literaturprofessor und wurde dann der der Begründer der modernen Medienwissenschaft. Dieses Kultbuch, das Jerome Agel zusammengestellt hat, ist die knappste und effektvolle Darstellung seiner bahnbrechenden Medientheorie in Wort und Bild. Ursprünglich 1967 erschienen wirkt »The Medium is the Massage« heute noch jung und provozierend. Manchmal sind Druckfehler richtig gut und eröffnen neue Perspektiven: Ein Setzer hatte aus dem Wort Message das Wort Massage gemacht, und das fand McLuhan großartig. Mittlerweile war sein berühmter Slogan »Das Medium ist die Botschaft« ein Klischee geworden. Die grafische Gestaltung zeigt McLuhans Grundidee: Jedes Medium massiert die menschliche Wahrnehmungsfähigkeit auf seine Weise massiert.

Siehe auch > Douglas Coupland: Marshall McLuhan

Der Band erscheint am 24.6.:

Herbert Marshall McLuhan, Quentin Fiore
> Das Medium ist die Massage
Ein Inventar medialer Effekte
Aus dem Amerikanischen von Martin Baltes und Rainer Höltschl (Org.: The Medium is the Massage)
1. Aufl. 2011, 160 Seiten,broschiert
ISBN: 978-3-608-50311-1

Robert Spaemann kommt ohne Wenn und Aber zu einem eindeutigen Schluss: Die Nutzung der Atomkraft ist ein Verbrechen. Seit mehr als fünfzig 50 Jahren wendet sich Spaemann ausdrücklich gegen die Nutzung der Atomenergie. Er wendet sich gegen die menschliche Hybris im atomaren Zeitalter und fragt, woher wir die Gewissheit nehmen, eine Technologie handhaben zu können, die allein schon durch einen kleinen menschlichen Fehler versagen kann, und dann fürchterliche Gefahren und Schäden heraufbeschwören kann? – „Dieser kleine Planet ist uns zu treuen Händen übergeben; es gibt kein größeres Verbrechen, als einen ganzen Lebensraum unbewohnbar zu machen.“ Robert Spaemann.

Robert Spaemann
> Nach uns die Kernschmelze
Hybris im atomaren Zeitalter
1. Aufl. 2011, ca. 112 Seiten
ISBN: 978-3-608-94754-0


In William Gibsons > Systemstart tauchen ein alter Rockstar, ein Geschäftsmann mit windigen Methoden und ein unsichtbares Modelabel auf. Es geht um Intrigen und Verdächtigungen, bei denen das Böse und das Gute nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind. Hollis Henry soll mit einem Junkie ein Underground-Label ausspionieren. Es geht um besondere Hosen im Militarylook. Wie kann man, um den Auftrag zu bekommen, den Konkurrenten ausschalten. Man darf niemandem trauen und ganz besonders nicht seinem eigenen Arbeitgeber.

William Gibson beherrscht das Geschichtenerzählen wie die Verschwörungstheorien in einer globalisierten Welt auf perfekte Weise. Mit Systemneustart setzt er einen furiosen Schlusspunkt unter die beiden Vorgängerromane Mustererkennung und > Quellcode.

Mit der Zeit gehen:
E-Books für Ihr Smartphone oder Tablet PC

Montag, 23. Mai 2011

Ab sofort bietet KLett-Cotta seine aktuellen E-Books auch auf für das Smartphone oder Tablett PC an: Hierfür benötigt man nur noch die kostenlose »textunes App«:

Die Links zu den textunes Apps und zur Liste aller aktuell verfügbaren E-Books finden Sie hier:
> Klett-Cotta E-Books bei textunes

Lesung: Silvia Avallone, Ein Sommer aus Stahl

Mittwoch, 18. Mai 2011

Silvia Avallone aus Piombino kommt am Donnerstag, 26.05.11, 20.00 Uhr, zu ihrer Lesung ins > Literaturhaus Stuttgart. > Wie kam das Buch zu Klett-Cotta?, habe ich kürzlich Angelo Trippa gefragt. Jetzt kommt der Lesebericht zu diesem Buch dran, damit er rechtzeitig am Erscheinungstag 24. Mai fertig ist. Die große Fabrik, Piombino gegenüber von Elba, die beiden Mädchen Anna und Francesca, die Pubertät mit ihren Aufregungen, Geheimnissen, Überraschungen und den ersten Jungens, hier kommt alles zusammen.

Mo 23.05.2011, 20:00 > Literaturhaus Salzburg
Di 24.05.2011, 19:00 > Claudiasaal, Herzog-Friedrich-Str. 3/II. Stock, Innsbruck
Mi 25.05.2011, 20:00 > Literaturhaus München, Salvatorplatz 1
Fr 27.05.2011, 20:00 > Literaturpodiums der Stadt Zürich

Merkur – Mai 2011

Mittwoch, 18. Mai 2011

Das Maiheft des Merkurs wendet sich der Politik und der Kunst zu. Viele Anregungen zum Hintergrund der aktuellen politischen Themen! Dieses Monatsheft präsentiert eine spannende Mischung von grundlegenden politischen Analysen: Institutionen, Wahrheit, Solidarität, direkte Demokratie, Freiheit, das ist ja schon fast ein Grund- und Hauptstudium zusammen. Blättern wir mal im neuen Heft:

Uwe Volkmann erklärt sein berechtigtes Anliegen schon mit dem Untertitel seines Aufsatzes Verführung des Absoluten „Warum wir unsere demokratische Institutionen lieber pflegen statt verachten sollten“. Aber im ersten Absatz stellt Uwe Volkmann fest, mit Blick auf den Parlamentarismus und Carl Schmitt (1926), „Wirklich ins Herz geschlossen hat man ihn (i.e. den Parlamentarismus, W.) hierzulande nur selten.“ Ist das wirklich wahr? Das könnte man lang und breit diskutieren. Wenn man bedenkt, wie stark der Bundestag mit seinen oft sehr gelichteten Reihen von Ausschüssen jeder Art und der Vorherrschaft der Parteigremien eingerahmt wird, kann man der Bemerkung von Volkmann zustimmen, andererseits ist der Bundestag das zentrale Vorgang unserer Demokratie, und Carl Schmitts Skepsis passt heute nicht mehr auf ihn. Eigentlich wollte ich jetzt weiterschreiben, aber so einfach ist das nicht. Beiträge wie die von Volkmann, überhaupt die Beiträge gerade in diesem Heft verlangen eine gehörige Konzentration, weil sie so zum Weiterdenken aber auch zur Kritik auffordern. Schade, der kleine Lesebericht auf diesem Blog darf leider nicht zu einer Besprechung des ganzen Heftes ausarten.

Uwe Volkmann hat Grundsätzliches im Sinn. Ihm geht es um den Abgrund, der sich zwischen dem Volk und seinen gewählten Repräsentanten öffnet. Die Stichworte sind Stuttgart 21 oder der immer lautere Ruf nach Volksentscheiden. Er gibt aber zu, dass das Ansehen von Politik „gerade heute auf einem historischen Tiefstand angekommen“ (S. 389) ist. Aber es ist was dran, wenn Volkmann meint, unser heutiger Parlamentarismus mit seiner Volksnähe, einer „Form der unmittelbaren Demokratie“ (S. 390) werde unterschätzt. Volker Gerhardt wendet sich der Wahrheit und Lüge in der Politik zu und warnt vor einer „Verselbständigung der politischen Klasse“ (S. 402). Benno Heussen stellt Kevin vor, dessen Skiutensilien von Mutter Staat finanziert werden. Eine Gelegenheit für Heussen die Leistungen unseres Sozialstaates unter die Lupe zu nehmen. Matthias Zimmer fragt in seinem Beitrag nach den Grenzen der Solidarität.

Tanya Gold hat eine Expedition ins linke London unternommen. Weht hier die rote Fahne?, will sie wissen. Und sie begibt sich auf die Erforschung er Wahlsoziologie und stellt die vier Labour-Wahlkreise im Londoner Norden vor.

In seiner Rechtskolumne Direkte Demokratie versus Grundgesetz? rückt Horst Dreier einige Ausdrücke und Begriffe zurecht, die während der Debatte um Stuttgart 21 einer gewissen „Sprachverwirrung“ (S. 434) anheim gefallen sind. 20 Personen diskutierten, es gab einen > Schlichterspruch, den man den politisch verantwortlichen übermittelt hat. Sprachverwirrung deshalb, weil dieses Verfahren mit Worten kaum bezeichnet werden kann. Vielleicht müsste man es öffentliche Nachhilfe nennen? Das Ergebnis ist im wahrsten Sinne des Wortes fragwürdig, weil die Interpretationsversuche des Schlichterspruchs immer noch andauern. Das Gerangel um Verfahrensfragen, Zuständigkeiten, Volksbeteiligung oder Volksbefragung, direkte Demokratie oder Mitmachdemokratie, kurzum, der Beitrag von Dreier kommt gerade richtig, um die Begriffe wieder ins Lot zubringen.

Kathrin Passig legt in ihrer Internetkolumne Sümpfe und Salons den Finger auf eine riesige Wunde: „Mir ist kein Ort im deutschsprachigen Internet bekannt, an dem eine konstruktive Kommentarkultur herrscht, und auch befragte Freunde zucken nur die Schultern.“ (S. 440) – Man kann zu ihrem Beitrag nur hinzufügen, dass es bemerkenswerte Unterschiede z. B. zwischen der der deutschen und französischen politischen Internetkultur gibt: Werfen Sie einen Blick auf die > Blogopole, auf all die Blogs, die es während des letzten französischen Wahlkampfs 2007 schon gab. Eine solche Vielfalt gibt es bei uns immer noch nicht.

Barry Maley rezensiert den Band von Kenneth Minogue, The Servile Mind. How Demoracy Erodes the Moral Life (New York: Encounter Books 2010). Heinz Schlaffer schreibt über Betreutes Sehen: Vom Kunsturteil zur Kunstvermittlung. Ulrike Ackermann erinnert an eine Rede Ralf Dahrendorfs aus dem Jahr 1974 über Freiheit. Gerd Ganteför fragt nach der Zukunft unserer Energie.

Hier können Sie Artikel auch einzeln kaufen:
> Merkur Heft 744, Mai 2011

Und haben Sie schon die neue Website des MERKUR gesehen?
Hier können Abonnenten alle Originalbeiträge ab 1989 einsehen:
> www.volltext.online-merkur.de/

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