Verlagsblog

Archiv für Juni 2011

MERKUR – Juli 2011

Donnerstag, 30. Juni 2011

Die Herausgeber des des Juliheftes (Nr. 746) geben an, das Leitthema dieses Heftes sei die Narratio: Karl Schlögel fragt, wie erzählt man moderne Geschichte? Narrative der Gleichzeitigkeit oder die Grenzen der Erzählbarkeit von Geschichte lautet die Überschrift seines Beitrags, derr mit einer Erinnerung an Musils Mann ohne Eigenschaften beginnt. Sind Sie bei der Lektüre dieses Romans auch mal steckengeblieben? Dann holen Sie bitte die Lektüre im nächsten Urlaub unbedingt nach. Die Nennung der offenkundigen Zusammenhänge von Literatur und Geschichte machen Schlögels Artikel zu einer sehr interessanten Lektüre. Jakob Hessing schreibt über deutsch-jüdische Literatur: Fluchtpunkte. Dann folgt der zweite Teil des Tagebuchs 1991 von Michael Rutschky Meine deutsche Frage.

Geschichte und Geschichten erzählen? Dieses Thema passt vorzüglich auch zur Architektur. Denn das machen auch Häuser, ja ganze Stadtquartiere erzählen davon, wie die Menschen dort leben. Man kann beim Anblick der Häuser, wie in einem Stadtbuch lesen, das geht überall in jeder Stadt, wo man auf diese Weise etwas über die Seele und den Charakter der jeweiligen Stadt erfährt. Es gibt Städte mit lockerer Bebauung, wo Platz für viele Gärten ist, und wo gleichzeitig die Wege zur Arbeit angenehm kurz sind. Und es gibt Städte wie Stuttgart, wo in jedem zur Verfügung stehendem Winkel ein Haus gebaut wird, in der zweiten und dritten Reihe. Der Autoverkehr dominiert hier allein schon durch die > Hauptstätter Straße, die mit ihren teilweise 14 Spuren Stadtteile voneinander trennt und dem brausenden Autoverkehr auf der Stadtautobahn freie Fahrt lässt, die jeden Fußgänger nachhaltig verschreckt. Der Wiener Professor und Architekt Georg Franck stellt mit seinem Beitrag Die urbane Allmende die „Herausforderung der Baukultur durch die nachhaltige Stadt“ vor. So gelungen! Eine Pflichtlektüre für alle, und besonders für die Stuttgarter, die bereit sind, ein wenig über die > Stadtreparatur nachzudenken. Da wird gerade ein ganzes Stadtviertel abgerissen, damit das Gerber mit einem > Einkaufszentrum gebaut werden kann. Daneben steht und wird eine > Stadtautobahnbrücke stehenbleiben, deren Sinn und Zweck sich niemandem erschließt.

Hier wird dokumentiert, dass eine Baukultur in Stuttgart zumindest in diesem Stadtviertel ein Fremdwort ist. Franck fordert mit Recht, eine Redimensionierung der Städte im Zeichen der ‚walkable city'“. (S. 567) Leider ist im Augenblick nur die Bahnhofsdebatte nachhaltig, für die Stadt selber, > die Erneuerung der Stadt auch im Sinne von Franck bleibt viel zu wenig Aufmerksamkeit und keine Zeit. Über die Räume und die Prozesse in der Stadt kann man mit dem Artikel von Franck echt viel lernen. Falsch verstanden Nachverdichtung in der Innenstadt führt dazu, dass die Gebäude sich nichts zusagen haben, allenfalls kann hier das Einkaufszentrum zum Königsbau sagen: „Du kommst auch noch weg“.

Gerwin Zohlens wettert zur Recht gegen die ubiquitäre „Angeberarchitektur“ Ein Lob der Gewöhnlichkeit„, John Buntin rezensiert neue Bücher über Stadtplanung. Im Juliheft gibt es auch Kolumnen über die die Ökologie politischer Bürgerbeteiligung, eine Rezension einer monumentalen Nietzsche-Studie, einen Aufsatz , die gelehrte Träumerei über die Vorstellungskraft in den Blick nimmt und einen amüsanter Essay über das Sammelns und die Verrücktheit des Sammlers Entgleiste Vorratshaltung von Walter Grasskamp.

Lesebericht:
McLuhan, Fiore, Das Medium ist die Massage

Freitag, 17. Juni 2011

Ungefähr ab der Mitte des letzten Jahrhunderts haben die neuen elektronischen Medien die Schrift mit ihrer Leitfunktion bei der Übermittlung von Botschaften und Inhalten abgelöst, will man Marshall McLuhan und der Einleitung von Regine Buschauer in das Werk von McLuhan (> NZZ, 19. Januar 2001) Glauben schenken. In Bezug auf die elektronischen Medien ist das sicher richtig, aber Fotos und Bilder, Gemälde aller Art haben schon viel früher der Schrift ihren Rang streitig gemacht. Beschränken wir uns aber tatsächlich auf die elektronischen Medien, dann stimmt die Beobachtung von McLuhan, und Klett-Cotta hat eine gute Idee gehabt, sein Buch > The Medium ist the Massage (1967/1969) auf deutsch zu veröffentlichen.

McLuhan mit seinem weit gefassten Medienbegriff, der eigentlich alles umfasst, was irgendwie einen Inhalt oder eine Bedeutung vermitteln kann, legt mit seinem Buch Erklärungsansätze und -Grundsätze für das gesellschaftliche Leben unserer Zeit vor: Sein erster Satz: „Das Medium oder der Prozess unserer Zeit – die elektronische Technologie verändert die Form und Struktur sozialer Beziehungsmuster und alle Aspekte unseres Privatlebens,“ schlägt den Ton dieses Buches an. und unseres Berufslebens, könnte man hinzufügen, bedenkt man, dass heute kaum ein Beruf ohne ein Mindestmaß an PC-Kenntnissen kaum erfolgreich ausgeübt werden kann. Da ist was dran, aber stimmt seine Aussage wirklich? Es ist ja nicht nur der PC! Der tentakelartige Zugriff der Medien auf unser Leben und unsere Aktivitäten ist gar nicht zu übersehen. Die Medien erlauben uns keine Zeit der Muße mehr. Jede Informationsaufnahme wir heute gewöhnlicherweise von jedem Medienproduzent in eine Vielzahl anderer Informationen eingebettet, die wir eigentlich gar nicht verkraften geschweige denn verarbeiten können. Das ist auf jeder Zeitungsseite im Internet so, und das Fernsehen mit seinem ihm inhärenten Zwang zum Bild präsentiert uns seit Jahrzehnten allabendlich die Tagesschau: Informationen und immer viel mehr drumherum, auch wenn das Geflimmer nur am Rande zu den Worten passt. Misst man die Gesamtmenge der in 15 Minuten angebotenen Informationen, um anschließend den für uns wirklich wichtigen Informationsgehalt zu extrahieren, käme man auf ein Verhältnis von 2 oder 4 zu 15, ein Hinweis auf die nachhaltige Entmündigung des Bürgers. Mein Buch würde heißen „The medium is not the message“.

Oder fragen wir einen Studenten, woran er denkt, wenn er eine Hausarbeit konzipieren muss? Wozu nutzt er den PC? Zur Informationsbeschaffung? Zum Surfen im Internet? Um Wikipedia zu konsultieren? Welcher Student würde wohl erzählen, dass er einen > Zettelkasten hat? Genauso darf man fragen > Hilft das Internet beim Bücherschreiben?.

Diese kritische Fragen sollen kein bisschen davon abhalten, das Buch von McLuhan genau zu lesen. Es steckt voller bedenkenswerter Anregungen und Einsichten. Natürlich bleibt einem heute gar nicht anderes übrig, als die bunte und laute Medienwelt, die zu unserer gesellschaftlichen Hülle geworden ist, zu akzeptieren. Eine Umkehr ist ausgeschlossen. McLuhan weiß das und macht das beste daraus, in dem er die Hoffnung durchblicken lässt, diese mediale Vielfalt werden den Menschen zu einem neuen schöpferischen Dasein zum Wohler aller verhelfen. Er spricht vom „globalen Dorf“, nun das ist eher ein theoretisches Konstrukt, denn noch jede so schöne Website einer Stadt, wird mir nie zum echten Daseingefühl in dieser Stadt verhelfen, genauso, wie das beste soziale Netzwerk nie das Gefühl einer echten Partnerschaft mit allen dazugehörigen Freuden und Gefühlen auch nur annähernd vermitteln kann. Ich bleib dabei: > Ein soziales Netzwerk ist nicht das reale Leben.

Liest man nacheinander die ersten Kapitel von McLuhans Buch. „Du, deine familie, deine nachbarn, deine ausbildung, dein job, deine regierung, „die anderen“ und das Buch ist eine erweiterung des auges… kleidung, eine erweiterung der haut…“ versteht man schnell, dass nicht nur Zustimmung die erste Reaktion ist, sondern eine Vielzahl assoziativer Ideen machen mit und begleiten die Lektüre. „In einer elektronischen Informationswelt können Minoritäten nicht mehr ausgegrenzt werden. (S. 24) Faszinierend. Die Medien als Wohltat. Aber die Ernüchterung folgt mit meiner Klage. Wie wenig Studenten veröffentlichen heute schon regelmäßig selbst im Internet? Mehr Freunde als im realen Leben auf Facebook haben viele. Aber sie machen sich die Medien nicht untertan. Oder die Medien scheint bei ihnen nicht angekommen zu sein. Über Facebook und ein bisschen Twitter gehen ihre > Web 2.0 Kenntnisse kaum hinaus. Auch hier setzt McLuhans in vorauseilender Einsicht an genau der richtigen Stelle an. Wir wissen viel zu wenig über die > Medien und damit können wir auch nicht viel von unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit verstehen, darf man daraus folgern. Sein Buch ist eine Anregung dafür, die Medieninhalte nicht passiv zu konsumieren, sich nicht von ihnen vereinnahmen zu lassen, sondern selber etwas mit ihnen anfangen. Nicht nur twittern oder anonym in Wikipedia schreiben, sondern eine eigene Website, einen eigenen Blog verfassen. – Welcher Studente kennt und nutz regelmäßig > wissen.dradio.de/ oder wer von ihnen benutzt regelmäßig den > Radiorecorder vom DLF und welcher Politologiestudent mit Nebenfach Romanistik, liest regelmäßig ab 13 h LE MONDE mit dem Datum vom folgenden Tag? Oder wer von ihnen hört regelmäßig France Inter auf seinem IPad?

©. Das ist eine der kürzesten Überschriften von McLuhan. „Das Teamwork löst den Einzelkämpfer ab.“ (S. 123) Auch das glaube ich nicht, weil es mediales Wunschdenken ist. Früher hieß das tatsächlich Teamwork oder Gruppenarbeit, bei der immer einer oft für alle arbeitete, weil es in einer solchen Gruppe immer einen gibt, der trödelt; das ist im Verkehr immer so. Das Bild passt sehr gut. Weil dann, im Verkehr immer alle hinter dem Langsamsten hinterherdackeln müssen. Der Langsamste bestimmt nun mal das Tempo. Ist nicht nur im Verkehr so. Auch bei jeder Gruppenarbeit. Es gibt keine > kollektive Intelligenz, die alle zusammen antreibt. Teamwork ist Reduzierung auf ein Mittelmaß und das müssen wir auch bei den Medien verhindern.

McLuhan schärft uns mit seinem Buch die Sinne und die Sensibilität für die Medien, für all das, was die Medien mit uns machen, aber vor allem auch für das was wir aus den Medien machen können. Medien konstruieren unsere Umwelt. Und dann fügt McLuhan hinzu: „Heute können wir die gesamte menschliche Umwelt zu einem Kunstwerk machen…“ (S. 68).

Wovor warnt McLuhan? Die Medien nicht kreativ einzusetzen, etwas zu verpassen. Spielt man nicht mit ihnen, nutzt man sie nicht.

Zur Einführung:
Sehr lesenswert: Regine Buschauer, > Das Medium als Massage. Die aphoristische Medientheorie von Marshall McLuhan.
NZZ, 19. Januar 2001

Marshall McLuhan, Questin Fiore,
> Das Medium ist die Massage
Zusammengestellt von Jerome Agel, aus dem Amerikanischen von Martin Baltes und Rainer Höltschl (Org.: The Medium is the Massage)
1. Aufl. 2011, 160 Seiten,broschiert, mit zahlreichen Abbildungen und Illustrationen
ISBN: 978-3-608-50311-1

»Das Medium ist die Botschaft« Das ist wohl eines der berühmtesten Zitate aus Understanding Media (1964) – und dann in The Medium is the Message: An Inventory of Effects (1967) – von > Marshall McLuhan (1911-1980).
Douglas Coupland
> Marshall McLuhan
Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner(Orig.: Marshall McLuhan)
1. Aufl. 2011, 222 Seiten,gebunden
ISBN: 978-3-608-50306-7

MERKUR – Juni 2011

Donnerstag, 16. Juni 2011

Bernhard Schlink berichtet unter der Überschrift „Die Kultur des Denunziatorischen“ über seine Lehrerfahrungen als Jurist und über die Besserwisserei mit heutiger Moral derjenigen, die aus der heutigen Zeit urteilen und sich nicht in die damals Handlenden hineinversetzen. Das macht aber auch den Reiz der Geschichtswissenschaft aus, und das war schon immer so, dass die Nachgeborenen sich ein besseres Bild als die Zeitgenossen, ja gar als der Augenzeuge mach können. Moral? Die alte Frage. Gibt es wirklich eine Moral in der Politik oder nur Macht?

Heinz Theisen sieht „Grenzen der Interkulturalität“ und denkt über die „Koexistenz der Religionen“ nach. Uwe Simson hat den „Fall Ägypten“ untersucht und findet das der Umsturz mehr mit Ökonomie als mit Demokratie zu tun hat. Nidra Poller schreibt über die „Intifada in Frankreich“ und fragt sich, ob die Integrationsbemühungen gescheitert sind.

In den Kolumnen beschreibt Wolfgang Kemp das Museum als therapeutische Anstalt, Karen Horn rezensiert Joseph Vogt, „Das Gespenst des Kapitals“ (Berlin: Diaphanes 2010). Thomas Speckmann hat eine ganze Reihe von Büchern über den Krieg gelesen:und fragt „Wie unheroisch ist der Westen?“ David Goodhart hat das Buch von Thilo Sarrazin, „Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“ (München: DVA 2919) gelesen und meint, dass dieses Buch trotz der Provokationen, denen der Autor nicht widerstehen konnte, für Deutschland einen wichtigen Schritt vorwärts bedeutet. Er kritisiert den Zustand in jedem Bereich der Politik. Kaum irgendetwas ist von ihm nicht angegriffen worden. Die Folge war, dass, wie so oft in der Politik, seine Kritiker sich erstmal mit dem Autor ausgiebig beschäftigt haben, als auch nur am Rande auf seine Thesen einzugehen. Sicher es sind keine Leitsätze, sondern Thesen, und über die kann man diskutieren, aber die politische Kultur in diesem Lande wollte das zunächst nicht und versuchte den Autor kaltzustellen. Bei so viel Zahlen entstehen Fehler, auch mal falsche Bewertungen, aber die Nüchternheit, mit der Goodhart über seine Lektüre berichtet, sagt den Kritiker, niedriger hängen aber auch sich über die Inhalte Gedanken machen.

Harald Seubert will wissen „Woher Europa kommt und woraus es lebt“. „Christlich-jüdische Wurzeln?“ – dabei fällt mir ein, dass die Regierung in Berlin ihrer Europapolitik ein solides Fundament verpassen müsste. Es reicht nicht einen oder mehrere Rettungsschirme nacheinander aufzuspannen. Das friedvolle Zusammenleben der Völker unter dem Dach der EU ist ein Erfolgsmodell, vielleicht aus deshalb, weil es für die Mitlebenden so selbstverständlich ist. Fragen nach der Identitität und der historischen Mission helfen aber für Orientierungen und und sind eine Anregung, unsere europäischen Möglichkeiten besser in den Blick zu nehmen. Eine Energiewende ist national alleine nicht mehr möglich. Wenn in der Regierungserklärung der Bundeskanzlerin stehen würde: „Zusammen mit Frankreich haben wir….“; stattdessen kommt „Frankreich“ nicht vor und Europa wird nur genannt, um zu betonen, wie toll wir in Europa sein wollen. Damit sei doch das Interesse, das man dem Beitrag von Harald Seubert entgegenbringen sollte, hinreichend unterstrichen.

Thomas Frahm berichtet aus dem „Kokon der Fremde. Zehn Jahre Bulgarien“. Joaquín García-Huidobro weiß etwas Erhellendes über „Barock und Aufklärung in Lateinamerika“ zu berichten und erzählt, wie dort die europäischer Kultur ankommt. Jochen Rack erzählt über das fröhliche Vielvölkergemisch in München: „Neue Bilder aus der globalisierten Welt“.

> MERKUR Heft 06 / Juni 2011

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Karlheinz Bohrer und Kurt Scheel hören nach 30 Jahren als Herausgeber der Zeitschrift Merkur auf:
> Das Ziel war immer, Gedanken zu verbreiten – Frankfurter Rundschau, 30.5.2011

Nachgefragt:
Robert Spaemann, Nach uns die Kernschmelze

Sonntag, 12. Juni 2011

Nach dem Leseberichtzu dem Buch > Nach uns die Kernschmelze. Hybris im atomaren Zeitalter hat Robert Spaemann auf Fragen zu seinem Buch geantwortet. Natürlich kommt der Ausstieg zu spät, aber immerhin er kommt, und Spaemann erkennt den Mut der Bundeskanzlerin an, diese Wende zu vollziehen. Natürlich haben die Grünen zu dieser Entscheidung langfristig das Ihrige beigetragen, dennoch bleibt Spaemanns Verhältnis zu den Grünen weiterhin zwiespältig.
Angela Merkel hat am Juni in ihrer > Regierungserklärung zur Energiepolitik gesagt „Das Restrisiko der Kernenergie habe ich vor Fukushima akzeptiert, weil ich überzeugt war, dass es in einem Hochtechnologieland mit hohen Sicherheitsstandards nach menschlichem Ermessen nicht eintritt. Jetzt ist es eingetreten.“ (> Mitschrift)

Versteht man die Kanzlerin richtig, ist dieses Restrisiko jetzt der Grund für den anvisierten Stopp der Atomenergie in Deutschland. Aber das Restrisiko gab es auch schon vorher… Robert Spaemann bewertet in unserem Gespräch dieses Restrisiko als Philosoph. Man hätte es nicht so lange- eigentlich gar nicht! – hinnehmen dürfen. Allen Wahrscheinlichkeitsannahmen zum Trotz, ein Unfall kommt, im Sinne von was kaputtgehen kann, geht auch einmal kaputt. Im übrigen haben wir überhaupt nicht das Recht, künftige Generationen mit unseren strahlenden Atomresten als „nicht transformierbare Sachzwänge“ zu belasten. So Spaemann der Auffassung ist, die Koalition sei ihrer „Begründungspflicht“ beim Ausstieg aus dem Ausstieg der Atomenenergie nicht nachgekommen ist, so finde ich darf man auch heute noch stichhaltige Gründe für die Restlaufzeit bis 2022 vermissen.

Frankreich-Blog – Ein Interview
Hervé Kempf, LE MONDE, antwortet auf unsere Fragen zur Atomenergie

Robert Spaemann ist keinesfalls gegen Fortschritt, ja er plädiert für die Rückkehr zu einem Fortschritt im Plural. Allerdings sind diesem Fortschritt Grenzen gesetzt, wenn der Mensch sich auf Gebiete begibt, wo er nicht alle Nebenwirkungen im Griff hat. Wie weit darf man gehen? Was hat die Atomforschung mit dem Willen des Menschen nach Erkenntnisgewinn zu tun? Wie steht es z. B. um die Präimplanationsdiagnostik? Schließlich habe ich nach religiösen Aspekt gefragt: Betrachtet man die Entfesselung der Naturgewalten in Japan durch das Erdbeben und indirekt auch durch den Menschen mit nahezu ebenso schwerwiegenden Folgen ist man schon versucht zu fragen „Wo war Gott“?, so wie Sie dies für im März für Christ und Welt (Beilage in Die Zeit) gefragt worden sind.

> Robert Spaemann
> Nach uns die Kernschmelze. Hybris im atomaren Zeitalter
1. Aufl. 2011, 108 Seiten,gebunden ohne Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94754-0

Lesebericht:
Robert Spaemann, Nach uns die Kernschmelze

Freitag, 10. Juni 2011

Die Novelle für das 13. Atomrechtsänderungsgesetz, die den Ausstieg Deutschlands aus der Erzeugung der Atomenergie mit Fristen festschreiben will, kommt nach dem Atomunfall von Fukushima nicht überraschend. Je geographisch näher uns ein noch nicht einmal in dieser fatalen Dimension sich ereignender Atomunfall wieder in Japan uns rücken würde, umso eher würden bei uns alle Atommeiler definitiv abgeschaltet werden. Und nicht nur bei uns in Deutschland. Für so eine These scheint viel zu sprechen. Befürworter der Atomenergie haben bisher erkennen ein Restrisiko anerkannt oder in Kauf genommen und meinen ein kleines Restrisiko sei beherrschbar. Auch sie müssen erkennen, dass selbst ein Rest Imponderabilien enthält, deren Gefahren nur theoretisch der Wahrscheinlichkeitsrechnung unterliegen, im Grunde genommen sehr real sind. Restlaufzeiten, „Robustheitsgrad“ (steht in der Begründung zur Drucksache 340/11 des Entwurfs eines Dreizehnten Gesetztes zur Änderung des Atomgesetzes, 6.6.2011, S. 5). Energieeffizienz gehört auch zu den Ausdrücken, mit denen der Umgang mit den gefährlichen Meilern beschrieben wird.

Das Buch des Philosophen Robert Spaemann > Nach uns die Kernschmelze. Hybris im atomaren Zeitalter kommt, auch wenn die Bundesregierung den Gesetzesentwurf über das Erlöschen der „Berechtigung zum Leistungsbetrieb einer Anlage zur Spaltung von Kernbrennstoffen zur gewerblichen Erzeugung von Elektrizität“ jetzt auf den Weg gebracht ist, keinesfalls zu spät, sondern genau im richtigen Moment, um eine nicht nur politische, sondern auch ethische Diskussion zum Ausstieg aus dem Atomzeitalter zu begleiten. Soll das Vorhaben gelingen, soll die Energieproduktion sicherer werden, wird Deutschland auch mit seinen europäischen Partnern über dieses Thema sprechen müssen. Ein nur nationales Abschalten reicht bei diesem Thema nicht. Auch nach dem der letzte Meiler in Deutschland abgeschaltet worden ist, müssen wir und die nächsten Generationen sich noch lange mit dem atomaren Erbe auseinandersetzen.

Die Hybris des Menschen im Umgang mit der Atomkraft besteht eben in seiner Überheblichkeit, leichtfertig zu glauben, Naturgewalten bändigen zu können, auf Wahrscheinlichkeiten, es werde nichts Unvorhergesehenes passieren, und so frei zu sein, künftige Generationen mit dem atomaren Müll zu belasten. Spaemanns Buch enthält Aufsätze zur politischen Ethik, zur Energiepolitik und Interviews zur Atomenergie. Der Aufsatz von 1979 (in: Scheidewege, Vierteljahresschrift für skeptisches Denken) „Technische Eingriffe in die Natur als Problem der politischen Ethik“ enthält den philosophischen und ethischen Rahmen oder Hintergrund, vor dem die Atomdebatte schon längst sich hätte immer bewegen müssen. Stattdessen hat man sich mit Begriffe wie Restlaufzeit oder gar Restrisiko zufriedengegeben. Angela Merkel hat gestern in ihrer Regierungserklärung gesagt „Das Restrisiko der Kernenergie habe ich vor Fukushima akzeptiert, weil ich überzeugt war, dass es in einem Hochtechnologieland mit hohen Sicherheitsstandards nach menschlichem Ermessen nicht eintritt. Jetzt ist es eingetreten.“ Versteht man die Kanzlerin richtig, ist dieses Restrisiko jetzt doch der Grund für den anvisierten Stopp der Atomenergie in Deutschland. Aber das Restrisiko gab es auch schon vorher. Man muss also fragen, kommt die Einsicht in den Ausstieg nicht ein bisschen spät? Durfte man den Ausstieg so lange hinauszögern? Und man muss sich auch fragen, ob ein Land wie Deutschland alleine aus der Atomenergie aussteigen kann, wenn die Nachbarländer weiter produzieren? Diesen Ausstieg kann man eigentlich nur als ein politisches Signal verstehen.

Die Lektüre von Spaemanns zeigt, dass es sich um keine zufällige Auswahl handelt. Sein erster Aufsatz über die Folgen der technischen Eingriffe in die Natur liest wie ein kurzgefasster präzise angelegter Philosophiekurs. Der 2. Aufsatz in ihren Band mit dem Titel Ethische Aspekte der Energiepolitik stammt von 1980. Er stellt die Frage nach der Moral in der Energiepolitik? Gibt es die? Und warum hadern heute noch in der Koalition einige Abgeordnete mit dem Atomausstieg? Ihnen geht alles zu schnell, sie haben Sorgen vor Versorgungslücken, auch berechtigte Sorgen vor dem Klimaschutz – angesichts der Schäden eines Atomunfalls? Spaemann ist kein bisschen fortschrittsfeindlich. 1988 sagen Sie in einem Gespräch „Ich plädiere für die Rückkehr zu einem Fortschritt im Plural.“ Fortschritt nicht in Raten, sondern ethisch begründet, könnte eine Zusammenfassung lauten.

„Nach uns die Kernschmelze“ lautete der Titel Ihres Aufsatzes in der FAZ im Oktober 2006. Spaemann sprach von einer „Begründungspflicht“ der Politik, der man damals beim Ausstieg aus dem Ausstieg wohl nicht nachgekommen ist. Die Lektüre seiner Aufsätze und Gespräch zeigt, dass das „Prinzip“ Hoffnung nicht alleiniger Pate eines jeden Großprojekts sein kann.

Betrachtet man die Entfesselung der Naturgewalten in Japan durch das Erdbeben und indirekt auch durch den Menschen mit nahezu ebenso schwerwiegenden Folgen ist man schon versucht zu fragen „Wo war Gott“?, so wie Spaemann dies im März für Christ und Welt (Beilage in Die Zeit) gefragt worden sind. Und es stellt sich die Frage, ob der von der Bundeskanzlerin verkündete Atomausstieg von Dauer sein wird? Handelt es sich lediglich um eine politische Entscheidung oder ist jetzt doch ein wenig politische Ethik auch in das Bundeskanzleramt und in den Bundestag eingezogen?

Nach der Lektüre bin ich auf den Besuch bei Professor Spaemann gut vorbereitet. Nach dem Gespräch mit ihm erscheint – wenn die Technik nicht wieder unvorhergesehen zickt – morgen abend hier der nächste Beitrag zu seinem Buch: Nachgefragt. Im übrigen hat das Buch meine Skepsis gegenüber den Terminen und Restlaufzeiten nur noch mehr verstärkt. Der definitive Ausstieg kommt schneller als von der Bundesregierung geplant.

> Robert Spaemann
> Nach uns die Kernschmelze. Hybris im atomaren Zeitalter
1. Aufl. 2011, 108 Seiten,gebunden ohne Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94754-0

Das Ende der Atomkraft in Deutschland (I)

Donnerstag, 9. Juni 2011

Max Straubinger, MDB, CSU, äußert sich in einem Interview der Tagesschau kritisch zum zum geplanten Atomausstieg: > „Viele Bürger sind irritiert über die Atomwende“. Er fragt, wie schnell kann man die Stromproduktion in Deutschland umstellen? Er sieht Deutschland vor Herausforderungen, die nicht ohne weiteres zu meistern sind. Straubinger kritisiert, dass auf deutschen Atomstrom verzichtet werden soll, aber Nachbar-Atomstrom importiert wird. Die Förderung des Ausbaus der erneuerbaren Energien hält Straubinger für sinnvoll – mit längeren Fristen. Er verneint, dass der Atomstrom jemals „ein identitätsstiftendes Element der Union“ gewesen sei.

Im Kern der Sache ist Straubinger der Auffassung, dass dieser Atomausstieg zu schnell geht. Prinzipiell wird der Ausstieg aber nicht angepeilt, weil man demnächst andere Energiequellen hat, sondern weil die nicht beherrschbare Gefährlichkeit der Atomenergie mit ihren potentiellen und möglichen (nicht nur wahrscheinlichen) Folgen in diesem Land nicht mehr nur von den Grünen endlich anerkannt wird. Im übrigen glaube ich nicht an die Fristen, weil die anstehenden Atomausstiegsgesetze den Konsens bekräftigen werden, die Vorfreude auf alternative Energien schüren und fördern werden, und die im Parlament als Grundlage des Ausstiegs implizit festgestellte von den Atommeilern ausgehende Gefahr dazu führen wird, dass ein Ausstiegsszenario verkürzt werden wird. Noch ein Unfall in einem Atommeiler auch in jedem anderen Land wird je nach Umfang und Auswirkung zum sofortigen oder deutlich vorgezogenem Abschalten der verbliebenem Meiler in Deutschland führen. Gerade bei Klett-Cotta erschienen: > Robert Spaemann, > Nach uns die Kernschmelze Hybris im atomaren Zeitalter.

Update:

> Regierungserklärung von Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Energiepolitik – 9. Juni 2011

> Plenarprotokoll der 114. Sitzung von Donnerstag, dem 9. Juni 2011 (pdf | 2.2 MB)

> Weg zur Energie der Zukunft – Website der Bundesregierung, 6. Juni 2011

> Ausstieg aus der Kernkraft in einem Jahrzehnt

> Wende zum Zukunftsstrom (sic) – Website der Bundesregierung

> Entwurf eines Dreizehnten Gesetzes zur Änderung des Atomgesetzes
Bundesrat Drucksache 340/11 BRFuss 06.06.11
U – In – Wi Gesetzentwurf der Bundesregierung

> Eckpunkte „Der Weg in die Energie der Zukunft“ (PDF) (45 KB)

Roger Smith: Staubige Hölle

Mittwoch, 1. Juni 2011

Roger Smith schickt uns in eine > Staubige Hölle. Der Roman beschreibt die Verbrecherszene in Südafrika, die totale Verrohung, es geht nur um Macht und Gewalt.

Robert Dells Frau Rosie betrügt ihren Mann mit dem Geschäftsmann Ben Baker, dessen Ermordung sie als Zeugin miterlebt. Ihr gelingt die Flucht. Die Missetäter holen sie ein. Nur ihr Mann überlebt den erzwungenen Unfall der ganzen Familie. Er gerät in die Fänge der Polizei und wird des Mordes an seiner Familie verdächtigt. Sein Vater, mit dem er eigentlich nichts mehr zu tun habe wollte, befreit ihn aus dem Gefängnis und zusammen machen sie sich an die Verfolgung der Verbrecher. AIDS, eine Zwangsheirat und wilde Schießereien bestimmen die Gesellschaft nach der Abschaffung der Apartheid. Keine Spur von Hoffnung, niederschmetternd und wahnsinnig flott geschrieben. Kurze Sätze, also ob der Autor beim Schrieben selbst kaum den Ereignissen folgen könnte. Nicht nur Macht, Geldgier, Rachesucht auch tödliche Krankheiten zerstören jegliche Perspektive. Angesichts der Brutalität und der Ausweglosigkeit der Protagonisten bleibt nur die Zuversicht, dass der schonungslose Bericht, die ungeschminkte Erzählung des Grauens diesem verbrecherischen Elend ein wenig Einhalt gebieten kann. 82 ziemlich kurze Kapitel, Ereignisse, die wie Filmszenen parallele Ereignisse auf einander zujagen, die eine Leseunterbrechung nicht dulden.

Die ganze Geschichte dreht sich um den Zulu Inja Mazibuko, der einen Mord nach dem anderen begeht. Beschönigt wird wirklich nichts und der Leser darf sich auch mal fragen, ob die Fiktion so grausam auch in der Realität passieren könnte. Mazibuko selbst scheint an der Realität irre zu werden und verlässt sich selber lieber auf Magie und Zauber und ist zutiefst überzeugt davon, dass nur eine Jungfrau ihn heilen kann. Der Vereinigung mit ihr ordnet er alles andere schonungslos unter. Die alten Riten mit dem Schlachten von Tieren will in das moderne Südafrika nicht mehr passen. Smith berichtet von dem Beharrungsvermögen der alten Traditionen, die so wie der Autor sie hier schildert, auch ihren Teil zum Realitätsverlust der Protagonisten beitragen.

Sunday versucht sich gegen ihre Zwangsverheiratung zu wehren, gerät zwischen alle Fronten. Sie lernt schnell bei allen, die sie bedrängen und zieht sich dann zunächst selbst aus einer aussichtslosen Situation.

Es gibt nur ganz wenige Beschreibungen, die hastige Handlung und die Beziehungen zwischen den wenigen Hauptpersonen skizzieren die Orte. Misstrauen, Argwohn, alte Rechnungen und die Schusswaffe als Argument sind für zarte Nerven weniger geeignet, aber das Buch ist spannungsgeladen und jeder TV-Zapp-Session weit überlegen. Da können die Mitfahrer im Zug noch so viel Lärm machen, sie hören von alledem nichts mehr, wenn Sie auf die Lektüre einlassen und das erste Kapitel gelesen haben.

Nach der Lektüre kann man sich fragen, wie macht Smith das eigentlich, dass er den Leser so vereinnahmt, ihn so beeindruckt? Sind es die kurzen Kapitel, die aus dem Buch einen Film machen? Oder die Personen und Verbrecher, die anscheinend gar nicht anders handeln können, und die sich Informationen nur mit Mord und Totschlag beschaffen? Spannung pur wie bei Roger Smith, > Blutiges Erwachen.

> Roger Smith
> Staubige Hölle
Aus dem Englischen von Jürgen Bürger und Peter Torberg
(Orig.: Dust Devils)
1. Aufl. 2011, 331 Seiten,gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50210-7

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