Verlagsblog

Archiv für September 2011

Kulturzeit in SAT3:
MERKUR- Doppelheft 9/10 – 2011 (II)

Donnerstag, 29. September 2011

Das dicke Heft des MERKUR, das Doppelheft 9/10 Sag die Wahrheit! Warum jeder ein Nonkonformist sein, aber nur wenige es sind. liegt auf meinem Lesestapel ganz oben und ist bald durchgelesen, dann erscheint hier der Lesebericht.


MERKUR Herausgeber Kurt Scheel im Gespräch in Kulturzeit 3sat:

„Der Nonkonformist – Gegen den Strom
Im Gespräch mit Tina Mendelsohn äußert sich Kurt Scheel zum aktuellen Doppelheft.“
> Mediathek von Kulturzeit von 3SAT


> MERKUR- Doppelheft 9/10 – 2011 (I)

> MERKUR Herausgeber Kurt Scheel im Deutschlandradio über Nonkonformisten

> Merkur

> Karl Heinz Bohrer, > Hans Paeschke und der Merkur Erinnerung und Gegenwart
in: Merkur, Nr. 510/511, Sept./Okt 1991

Lifestream: Christian von Aster: Der Schattenschnitzer

Mittwoch, 28. September 2011

Auf dem Gang nachts vom Literaturhaus über den Friedhof zum Auto fühle ich mich von meinem Schatten, der mal hinter mir, mal vor mir läuft, immer gut behütet. Das kann ja auch mal anders enden. Vielleicht ist er morgen nicht mehr da.

Am Donnerstagabend, 29. September, wird > die Lesung von Christian von Aster bei Lovelybooks ab 19 Uhr live im Internet übertragen: „Der Autor Christian von Aster wird uns am Donnerstag, 29. September 2011 im Gartenhaus besuchen und aus seinem aktuellen Fantasy-Roman ‚Der letzte Schattenschnitzer‘ aus dem Klett-Cotta Verlag vorlesen.“

> Vorgefragt: Christian von Aster, der Schattenschnitzer mit einem Video-Interview

Christian von Aster,
Der letzte Schattenschnitzer
Klett-Cotta
ISBN: 978-3-608-93917-0

Lese(zwischen)bericht:
Hallgrímur Helgason, Eine Frau bei 1000°

Dienstag, 27. September 2011

Vor der > Frankfurter Buchmesse gilt es den Bücherstapel abzuarbeiten, deren Autoren auf dem Stand von Klett-Cotta erscheinen. Gute Gelegenheiten, um > nachzufragen. Um es nocheinmal zu sagen: Hier erscheinen keine > Rezensionen, die erscheinen woanders. Aber hier stehen auch keine bloßen Werbetexte. Die Besprechungsform heißt hier Lesebericht und darf eigentlich erst dann erscheinen, wenn das Buch aus- und wirklich gelesen worden ist. (Ob der Begriff „Lesebericht“ geschützt werden kann?) Wie schon früher hier angedeutet, gibt es auch Ausnahmen. So mit dem Band von Hallgrímur Helgason, > Eine Frau bei 1000°, der jetzt bei Tropen in der Übersetzung von Karl Ludwig Wetzig erschienen ist.

In ihrer Garage erlebt die Frau ihre letzten Lebenstage, Gesellschaft leisten ihr ein Laptop und eine Handgranate. Auf dem Buchrücken steht: „Drei Söhne von neun Männern, das ist genug. In ihrer Garage surft die 80-jährige Herbjörg durchs Internet und begleicht letzte Rechnungen, während der Ofen für ihre Einäscherung heißläuft. Hallgrímur Helgasons neuer Roman ist ein Parforceritt durch die Geschichte des 20.Jahrhunderts: anrührend und voll isländischer Skurrilität.“ Stimmt. Bin jetzt auf S. 37 und sie hat schon all ihre Männer Revue passieren lassen und ihrem Goldstück Lóa schon ihre 700 Freunde auf Facebook gezeigt. So viele? Ganz einfach. Mehrere Profile anlegen und ganz anderen Existenzen anderen vorgaukeln, womit man sich die Herbstabende verkürzen kann. Wie viele Doppel- oder Mehrfachexistenzen es wohl auf Facebook gibt? Bestimmt bauen manche Egomanen sich auf Facebook eigene Communities, die sich gegenseitig liebhaben und einladen.

Geboren wurde sie am 29. September 1929 in der Mánagata in Ísafjörður. Ein paar Kindheitserinnerungen, ein schwieriger Start. Sie erinnert sich und fragt sich gleich, wie viele Männer sie wohl gehabt hat? Aber die isländischen Männer… glaubt man der alten Dame, waren eine einzige Geräuschkulisse. Von 1959-1969 waren drei Jóns da und schenkten ihr drei Jónskerle.

Vor- und Rückblenden bestimmen den Roman. 1960 wird das Kind abgegeben und sie reist nach Hamburg, um dort Fotografie zu studieren und zog mit Joséphine ins Schranzenviertel. Wieder ein Roman, den man prima im ICE lesen kann, wenn alles um einen herum laut lärmt, man hört die alle nicht, dieses Buch ist so spannend, ein wenig atemlos geschrieben, da haben Sie beim Lesen Ruhe vor den anderen. Heute abend lese ich weiter, aber wahrscheinlich werden Sie mich nach diesem Lese(zwischen)Bericht als Appetithappen gar noch überholen.

Hallgrímur Helgason
Eine Frau bei 1000°
Aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig (Orig.: Konan við 1000°C)
1. Aufl. 2011, 400 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50112-4

Lesebericht: Steve Sem-Sandberg, Die Elenden von Łódź

Montag, 26. September 2011

Sehr nachdenklich macht der Roman über das jüdische Getto in Łódź, in dessen Mittelpunkt der Judenälteste Mordechai Chaim Rumkowski steht. Er der die Arbeit als Überlebenskampf im Getto organisierte, musste zusehen, wie die deutschen Besatzer immer wieder neue Deportationen in Form von „Aussiedlungen“ organisierten, die und das fanden die Gettobewohner bald heraus, in den Tod führten. Was blieb dem Judenältesten anderes übrig? Die Anordnungen der Besatzungsmacht ausführen, um die Zurückgebliebenen wenigstens noch eine Zeitlang beschützen zu können? Oder sich den Verbrechen der Deutschen entgegenzustellen, um den Untergang derer, die er unter seinem Schutz standen, zu beschleunigen und selber unterzugehen?

In dem Roman > Die Elenden von Łódź gehen Augenzeugenberichte, die in einer Gettochronik zusammengefasst wurde, und fiktionale Abschnitte ineinander über. Steve Sem-Sandberg ist es gelungen, mit Hilfe der Literatur ein sehr dunkles Kapitel der Geschichte des Gettos von Łódź anhand der Schicksale vieler Einzelpersonen sehr überzeugend darzustellen und so ein Bewusstsein für die von Gettobewohnern erlittenen Qualen zu vermitteln.

Schon bei der Einrichtung des Gettos in Łódź im Dezember 1939 war das Schicksal seiner Bewohner besiegelt. Der Roman beschreibt die Zeit zwischen April 1940 und Januar 1945. Er beginnt mit einem Prolog, der die Deportation von Alten, die der Judenälteste nicht verhindern kann. Am 13. Oktober 1939 verfügten die Deutschen die Auflösung der kehilla von Łódźund ernannten Mordechai Chaim Rumkowski zum Judenältessten. Im Februar 1940 wird das Getto bezogen. Sofort wird damit begonnen, Betriebe einzurichten., darunter Schneidereien, Färbereien und Wäschereien. Am 1. Mai wird das Getto geschlossen. Hans Biebow wird Leiter der Gettoverwaltung: „Aus dem Nichts entwickelte sich unversehens der wichtigste Materiallieferant des deutschen Heeeres.“ (S. 60)

Die Deutschen zwingen die Gettoverwaltung und den Judenältesten zu unter Androhung die Selbstverwaltung des Gettos aufzuheben jeden Versuch einer Revolte im Getto energisch zu begegnen. Kollaboration oder Schutz der Juden im Getto. Die Deutschen brachten Mordechai Chaim Rumkowski dazu, in ihrem Sinne auf die Bewohner des Gettos einzuwirken, was der Judenälteste auch tat. Ihm gelang die Aufrechterhaltung der Disziplin umso leichter, wie noch ein Fünkchen Hoffnung auf Befreiung oder die Ausreise bestand. Als allmählich die Ahnung zur Gewissheit wird – die vielen Gepäckstücke, die bei der „Ausreise“ übrigblieben, war nur ein Anzeichen oder vielen – wird die Rolle Rimkowskis auch im Lager zunehmend in Frage gestellt und sein Sturz schien manchmal nur eine Frage von Tagen zu sein.

Sem-Sandberg schildert im Detail wie die Bewohner des Gettos ihr Überleben organisieren wollten. Die Talons, die Lebensmittelkarten der Toten wurden weiterhin beansprucht, und es gelang ihnen diese auch einzulösen. Pinkas Szwarc, genannt Pinkas der felscher wurde ein Meister im Herstellen von Arbeitskarten und Passierscheinen jeder Art. Ihm und anderen gelang es mit kleinen subversicven Aktionen andere zu schützen. Pinkas fertigt auch die Kulissen für Mojsze Pulavers Gettorevue, die über 100 mal aufgeführt wurde, deren Bilder leicht zu erkennende Anklagen darstellten. Oder Chaim Widawskis codiertes Kriegstagebuch, in dem er alle Bewegungen an der Front, so wie er sie durch das Abhören der Radiosender analysieren konnte, ab Frühjahr 1943 aufgezeichnet hatte. Die vielen andren Einzelfiguren, die im Roman Namen und Stimme bekommen, vermitteln einen tiefen Einblick in das Elend und die Verzweiflung, die das Leben im Getto bestimmt haben. Die Abreise der eigenen Kinder mitzuerleben, den eigenen Tod vor Augen enthüllt Dramen von solch ungeheurem Ausmaß, die ein Sachbuchtext darstellen kann, und die ein Roman ungleich einprägender erzählen kann. Sem Sandberg hat diese Gradwanderung zwischen Tatsachentreue und fiktionalen Ergänzungen gewagt und es ist ihm gelungen, dem Leser die Zwänge, denen der Judenälteste nicht entkommen konnte, sehr eindringlich vor Augen zu führen.

Steve Sem-Sandberg wurde für die »Die Elenden von Łódź« mit dem schwedischen »August-Priset« ausgezeichnet , der dem Deutschen Buchpreis entspricht.

Steve Sem-Sandberg
> Die Elenden von Łódź
Aus dem Schwedischen von Gisela Kosubek (Orig.: De fattiga i Łódź)
1. Aufl. 2011, 651 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-93897-5

Vorgefragt: Christian von Aster, der Schattenschnitzer

Donnerstag, 22. September 2011

Vorgefragt…so fängt der Titel dieses Beitrags an, weil bei diesem Gespräch der > Lesebericht zu Der Schattenschnitzer noch nicht fertig war. Jetzt ist er da. Aber der Titel bleibt hier so. Prinzipien dürfen also auch mal umgangen werden. Eigentlich wird ein Buch erst gelesen, dann erscheint hier der Lesebericht, und dann wird der Autor gefragt (> nachgefragt), ob alles seine Richtigkeit hat. Der Bücherstapel mit den Neuerscheinungen wächst ständig, und da kommt es schon mal vor, dass ein Interview stattfindet, und das Buch noch ungelesen auf dem Bücherstapel liegt. Ist nicht schlimm, denn dieses Gespräch (ein bisschen runterscrollen) ist eine passende Einstimmung auf das Buch von Christian von Aster > Der Schattenschnitzer geworden:

Christian von Aster hat Germanistik und Kunst studiert und sich dann für Bühne, Film und Schreiben zugewandt.

Jetzt erscheint bei Klett-Cotta sein neuestes Buch. Es ist die Geschichte des Zauberers Jonas Mandelbrodt, die jemand berichtet, der ihn vielleicht als eine Art Mentor sehr geschätzt hat. Der Erzähler ist aber kein Magier, dennoch kennt er ihr Leben sehr gut und hat vieles gesehen hat, was andere niemals sehen werden. Der Prolog in Der Schattenschnitzer ist viel mehr als nur ein Vorwort. „Ehrt Eure Magier,“ so fängt der Prolog an. Das sagt jemand, der uns Menschen etwas beibringen will? Er ist kein Magier, kein Gelehrter. Eines Tages hört Jonas die Stimme seines Schattens.

Im ersten Kapitel erfährt der Leser etwas über die ersten Jahren im Leben von Jonas Mandelbrodt. Mandelbrodt? Chaosforschung? Gibt es da einen Zusammenhang?

Und was hat es mit dem Separador auf sich, den Christian von Aster „für seine premierenlesung (als] eine besondere leihgabe vom hamburger museum für völkerkunde“ bekommen wollte? … so schreibt es der Autor auf seiner > facebook-Seite.

Im Gespräch sollte nicht zuviel verraten werden. Schatten sind auch manchmal abwesend? (Mein Schatten ist immer bei mir, reist immer mit, vor oder hinter mir.) Manchmal ist der Schatten nicht da? Gibt’s das wirklich? Wie bei Carmen Maria Dolores Hidalgo?

Versteht von Aster etwas von Magie? Auf seiner > facebook-Seite steht: „Man muß nicht in der Bratpfanne gelegen haben, um über ein Schnitzel zu schreiben.“ Maxim Gorki (1868-1936)

Hier also das improvisierte Interview. Sie kennen das schon: Stativ aufstellen. Kamera einschalten und dann geht es los. 1 Versuch:

Christian von Aster,
Der letzte Schattenschnitzer
Klett-Cotta
ISBN: 978-3-608-93917-0

MERKUR- Doppelheft 9/10 – 2011 (I)

Freitag, 16. September 2011

Das dicke Heft des MERKUR, das Doppelheft 9/10 ist erschienen: Sag die Wahrheit! Warum jeder ein Nonkonformist sein, aber nur wenige es sind. Die Autoren dieses Heftes untersuchen den Außenseiter von allen Seiten. Kann man eine solche Rolle wählen? Machen andere einen zum Außenseiter? Und gibt es überhaupt noch einen Platz, auf dem man sich als Nonkonformist behaupten kann, wo alle so tun, als würden sie den Konformismus vermeiden wollen. Kann man sich von allen abgrenzen, die auch Nonkonformisten sein möchten? Eine mögliche Lösung besteht in der Wahrheit. Also haben sich die Herausgeber dieses Heftes die Überschrift „Sag die Wahrheit!“ ausgedacht. Diese Aufforderung, so schreiben sie in ihrem Vorwort: „…will auf einen existentiellen Nonkonformismus hinaus, der das Risiko des Aussprechens als Verpflichtung nimmt, nicht als Warnung.“ (S. 754)

Karl-Heinz Bohrer und Kurt Scheel haben es sich zum Ziel gesetzt, „ein Manual, eine Art Graciánisches Handbuch für den zeitgenössischen Nonkonformisten vorzulegen,“ (ib.) und das erste Blättern verspricht eine spannende Lektüre. Schon zum ersten Beitrag von Peter Bürger, der Paul Valéry, André Breton, Jean-Paul Sartre, Jean-Jacques Rousseau und Georg Wilhelm Friedrich Hegel nennt, ist ein gelungener Auftakt zu diesem Heft. Auch > Sartre hat die Person des Außenseiters anhand der Biographie von Jean Genet untersucht, nachdem er in seiner Phänomenologie der Freiheit L’être et le néant (1943) die Autonomie des Individuums hergeleitet hat und später anhand seiner vielen Porträtstudien dargelegt, unter welchen Bedinungungen, nämlich der Unabhängigkeit und der Freiheit, Künstler etwas Neues schaffen können. Dazu passt es eigentlich nicht, dass Bürger die unbedingte Selbstwahl einem „bloß imaginären Akt“ gegenüberstellt. Aber Bürgers Argumentation passt vorzüglich zum Merkur, weil sie zum Nachdenken und zuweilen auch zum Widerspruch herausfordert und so Gewinn beschert. Auf diese Weise können die Artikel resümiert werden, die ich hier schon gelesen habe. Jetzt müssen die anderen Bücher von Klett-Cotta ein paar Tage warten, die Lektüre dieses Doppelhefts geht vor. Das wird Ihnen auch so gehen, wenn Sie das neue Heft zur Hand nehmen. Wie gesagt in der > Buchhandlung Klaus Bittner in Köln liegt das Heft schon an der Kasse.

> MERKUR Herausgeber Kurt Scheel im Deutschlandradio über Nonkonformisten

> Merkur

> Karl Heinz Bohrer, > Hans Paeschke und der Merkur Erinnerung und Gegenwart
in: Merkur, Nr. 510/511, Sept./Okt 1991

Buchhandlungen (I): Klaus Bittner in Köln

Montag, 12. September 2011

Um nicht nur Leseberichte über neue Bücher hier zu schreiben, habe ich mir eine Serie über Buchhandlungen ausgedacht. Am letzten Samstag war die > Buchhandlung Klaus Bittner in Köln dran. Seit 31 Jahren ist das meine Lieblingsbuchhandlung in Köln und überhaupt. Belletristik, Geschichte, Kunst, Soziologie, Politik, alle wichtigen Themen sind hier präsent und in den drei unterschiedlich großen Räumen gibt es viele Tische, wo die Cover der Bücher richtig gut wirken können. Beeindruckend, wie gut man auf engem Raum so viele Titel so gut platzieren kann, damit der Kunde seine Blicke schweifen lassen und nach Sachgebieten wohlgeordnet eine große Zahl von Covern sehen kann. Mir sind bei Bittner die Ecken und Regale schon lange vertraut, wo man mal ein bisschen genauer gucken muss, um dort neue Schätze zu finden.

Gehen wir mal hinein und gucken uns um:

Vorne links liegt der Band von Douglas Coupland über > Marshall McLuhan.

Steve Sem-Sandbergs > Die Elenden von Łódź ist gerade eben angekommen und Douglas Couplands > JPod hat schon seinen Lesebericht hier auf dem Blog bekommen.

Hier steht auch Jonathan Lethems, > Chronic City im Regal.

Und > Eine Frau bei 1000° von Hallgrímur Helgason steht auch schon im Regal. An der Kasse liegt das neue Doppelheft des MERKUR. Beide gehören zum Leseprogramm für dieses Blog. Leseberichte folgen bald.

Die Buchhandlung lädt zum Verweilen ein:

> Buchhandlung Klaus Bittner
Albertusstraße 6
50667 Köln

Lesebericht: Douglas Coupland, JPod

Dienstag, 6. September 2011

> JPod erinnert mich an frühere Zeiten, in denen ich als Produktmanger in einem Softwareunternehmen, die Herstellung Computerlernspielen betreut habe. Jede Änderung am Code verlangte stets von neuem das Durchprüfen aller Funktionen. Dabei ging das Spiel in Routine über, und die Wirklichkeit war immer nahe daran sich virtuell aufzulösen. Genau diesen Übergang zwischen den Geschichten des täglichen Lebens zur virtuellen Welt der Computerspiele nimmt Douglas Coupland ins Visier. Die Notwendigkeiten der internen Organisation des Unternehmens, das die Spiele herstellt, verlangt straffe Hierarchien und die Arbeitsorganisation färbt auf das soziale Verhalten der Mitarbeiter ab. Sie passen sich ihrem Arbeitsplatz an und den Produktionszyklen an. Eigene Initiative ist nicht gefragt, der Code des Spieles würde sich im Chaos auflösen. Coupland zeigt die Gradwanderung zwischen Erfolg und Misserfolg des Teams, das nur in der Summe funktionieren kann. Neue Mitarbeiter merken bald, wie ihre Kollegen von „verschiedenen Formen eines leichten Autismus geplagt werden“ (S. 329) Das geht sogar so weit, dass man sie auch als „High-Functioning-Autisten“ (ib.) bezeichnen kann. Das ist keine Krankheit, sondern eine Art Teil ihrer Persönlichkeit. Eigentlich sind sie ganz normal, aber dann auch wieder in bestimmten Situationen irrsinnig leicht reizbar. Vielleicht hängt das mit der Reizarmut in den virtuellen Welten zusammen, die den verstärkten Ansturm irdischer Empfindungen als Bedrohung wahrnehmen. Ob das auf alle Bildschirmarbeiter zutrifft? Die virtuelle Welt, in der die Bewohner des JPod, der Produktionszelle in der Spielefirma leben, kann auch ein Symbol für die Excel und Wordarbeiter in allen Unternehmen sein, die ihre Aktivitäten jeden Tag dem PC anvertrauen und ihre Texte dort in die Textverarbeitung schicken. Coupland denkt wohl auch an dieses überbordende Vertrauen, dass die Computertechnik von uns verlangt. (A propos: > Schreiben Sie mit der Tastatur oder mit der Hand?

Das JPod, in dem die Produktmanager und Designer arbeiten, wird selber zum Bestandteil des Spieles. Der Roman verrückt die Grenze zwischen Realität und virtuellem Spiel ein bisschen mehr in Richtung des wirklichen Lebens. Mit diesem Kunstgriff der Übertreibung gelingt es Coupland die Folgen Vereinnahmung durch den Computer zu demonstrieren, die immer besonders in Auge fällt, wenn man zwei Menschen beobachtet, die zusammen ein Problem auf einem Bildschirm betrachten. Meist steht die Technik im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit und die Sachprobleme, die inhaltlichen Themen werden zweitrangig.

Ethan und seine Kollegen haben Besprechungen – neudeutsch „Meeting“ -mit ihrem Chef, wie sie in vielen anderen Firmen stattfinden. Alle dürfen mitreden, bis der Chef nicht widerspruchsduldend zusammenfasst: „Fakt ist…“ Also kommt die Schildkröte in das PC-Spiel rein, und alle denken nur noch an die Schildkröte. Wer im Entwicklungszentrum, kurz JPod arbeitet, wird oder ist ein Teil des Systems. Eine bestimmte Sprache, die Schrullen der Kollegen, Habitüden, mit denen man sich noch ein rest an Selbständigkeit und Individualismus zu bewahren sucht eingeschlossen. Das ginge ja noch alles, wenn da nicht immer wieder die störende Realität der realen Welt erscheinen würde. Ethan hat mit einem Besuch bei seinen Eltern Riesenprobleme hätte. Und mit den vielen Chinesen in seiner eigenen Wohnung weiß er auch nicht so recht was anzufangen. Bleibt ihm manchmal nur noch das Mittagsschläfchen im JPod unter dem Schreibtisch mit den Gelben Seiten als Kopfkissen? Mit dem festen Einband und dem Cover von Coupland, die den Übergang der Entwickler-Crew zu Lego-Figuren andeutet, sie werden selbst Teil des Spiels, ahnt man, was auf die JPod-Bewohner zukommt.

Das Motto. Hier klicken. So fängt der Roman an. Die vielen groß und fett gedruckten Gedankensplitter klingen wie ein Aufblitzen der realen Welt in der virtuellen Einöde des JPods. Zwischendurch diese blöden Spam-Mails aus fernen Ländern, die Prozente für die Überweisung imaginärer Riesensummen anbieten. Dann kommen im Roman – ist das eigentlich ein Roman? – die Steckbriefe von Ethans Kollegen. Casper Jesperson mag Doom 3. Brianna Jyang arbeitet am liebsten bei 18,5 Celsius Raumtemperatur. Joe Doe bevorzugt Hausmaeister Willie bei den Simpsons. Brandon Marck Jackson gehört erst seit drei Wochen zum JPod. Kaitlin Anna Boyd Joyce isst dauern Kaugummi. Ethan Harrison Jarlewski hat, als er noch auf der Highschool war, ein Betriebssystem entwickelt. Das hieß Mentos.

Und sie sprechen über ihre Arbeit: Kaitlin: „Du musst zugeben, dass die Hälfte der Leute, die hier arbeiten, grenzautistisch sind…“ Ethan hat sowieso Probleme mit den Meetings, besonders wenn plötzlich die Namen des Spiels wieder geändert werden, nur weil Alistair mittlerweile das Sagen hat.

Kaitlin leidet an Prosopagnosie und kann Namen und Gesichter nicht richtig zuordnen und sie klagt über die Kollegin Bree mit ihrem Mikroautismus, der sie ständig auf die Jagd nach sexuellen Kontakten schickt. Ob die Umarmungsmaschine Abhilfe schaffen wird? Mehr Produktivität? Mehr Kreativität?

Auf der Rückseite steht, der Autor „zeigt sich einmal mehr als satirisch souveräner Exeget unserer heutigen Massenkultur.“ „Medienkultur“ würde ich sagen. Oder gar Computerkultur, die uns immer vorgaukelt, das sei die beste aller Welten, die aber hin und wieder Texte verschluckt oder verstümmelt und da immer weniger mit richtigen Texten arbeiten, Twitter mag sowieso nie mehr als 140 Zeichen, merken die meisten nicht, wie der PC uns unsere Freiheiten nimmt, und Google uns seine Ordnung der Welt suggeriert.

An wen wendet sich das Buch? An alle die meinen, PCs hätten nichts Verführerisches, Computerspiele machen nicht süchtig, sondern sind nur Zeitvertreib, die virtuelle Welt des Computerlebens sei auch ganz schön, werden hier eines Besseren belehrt. Die PC-Spielewelt hält nicht nur ihre Entwickler im Griff, sie beschädigt auch Imagination und Phantasie der Spieler, genauso wie im > virtuellen Spiel von Web 2.0 auch soziale Bezüge Schaden nehmen. Dieses und viele andere Themen lässt Coupland in seinem Buch geschickt verpackt und zugleich schonungslos offengelegt anklingen. Ich habe beim andere beim Durchblättern beobachtet, etwas erstaunte Blicke, Stirnrunzeln bei dem ungewohnten Druckbild. Die vielen Gedankensplitter, die unerwarteten Unterbrechungen, die Querverweise, das ist doch genau die PC-Arbeit, die uns immer jede Konzentration raubt. Wie oben gesagt und verlinkt: Der > PC kann nicht alles.

Lesung mit Douglas Coupland beim Sommerfest des literarischen Colloquiums in Berlin: 20 August 2011

Douglas Copland
> JPod
Aus dem Englischen von Clara Drechsler und Harald Hellmann (Orig.: Jpod)
1. Aufl. 2011, 520 Seiten,gebunden ohne Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50103-2

> Lesebericht: Douglas Coupland, Generation A

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