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Archiv für April 2012

Nachgefragt: Michal Hvorecky, Tod auf der Donau

Montag, 30. April 2012

Der Lesebericht zu Michal Hvoreckys Roman > Tod auf der Donau ist auf diesem Blog schon erschienen. Eine ganzes Kreuzschiff voll amerikanischer Touristen ins Donaudelta begleiten, das hat Martin Roy sich vorgenommen. Zugegeben, das wäre sehr verführerisch, diese Reise baldmöglichst auch einmal zu machen. Roys Reiseführung, sein profundes historisches Wissen machen echt Lust auf diese Reise, wenn auch manche ihrer Umstände, die Roy aushalten und bewältigen muss, sich doch nicht so ganz zur Nachahmung empfehlen. Roman, Reiseführer? Michal Hvorecky, hat auf alle Fragen geantwortet:

Michal Hvorecky
> Tod auf der Donau
Roman
Aus dem Slowakischen von Michael Stavarič (Orig.: Dunai v Americe)
1. Aufl. 2012, 272 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50115-5

Merkur, April 2012

Dienstag, 17. April 2012


Für das Aprilheft > Merkur 04/12 hat > Ralph Bollmann hat sich sehr eingehend mit der Bürokratie beschäftigt und findet sie äußert nützlich. Jede vorschnelle Kritik an ihr sei billiger zu haben als jede andere Kritik an irgendetwas. Helmut Fangmann untersucht Politik und Verwaltung unter dem Stichwort der schleichenden Kolonisierung.

Dann folgt ein Aufsatz von Benno Heussen über Europa als Fusionsprojekt, der dabei auch die deutsch-französischen Beziehungen in den Blick nimmt. Adam Krzemiński erinnert an Polens Erfahrung mit Europa und berichtet über interessanten Europaideen des polnischen Fürsten Adam Czartoryski (1770-1861), der Außenminister (1804–1806) unter Zar Alexander I. (1777-1825) war und weist ganz nebenbei eindrucksvoll auf die Bedeutung historischer Kenntnisse hin.

Birgit Reci untersucht in ihrer Philosophiekolumne ‚Blumenberg‘ oder die Chance der Literatur und hat dafür die Sibylle Lewitscharoffs Bücher Blumenenberg (Berlin: Suhrkamp 2011) und Pong, (Berlin, Berlin 1998) gelesen. Jürgen Kaube hat die Soziologiekolumne Kapitalismus und Ökonomisierung gewidmet. Ob diejenigen, die uns in Berlin und Europa durch die Finanzkrise lenken, auch auf diesem Niveau über ihr Handeln nachdenken? – Michael Maar hat sich Wolfgang Herrndorfs Roman Sand vorgenommen. Ein schönes Beispiel für eine Rezension, deren Autor das zu besprechende Buch ganz genau gelesen hat. Ganz kritisch. Und die beiden letzten Sätze: „Herrndorf hat den größten, grausigsten, komischsten und klügsten Roman der letzten Dekade geschrieben. Er ist aimable; und sein Werk wir bleiben.“ (S. 340) – Architektur: Rosten Woo erklärt den Zusammenhang zwischen einem Apollo-Raumanzug und der Architekturtheorie. – Martin Urmann hat Armen Avanessians Studie zur Phänomenologie ironischen Geistes gelesen.

Michael Esders hat in Google nach dem Begriff > „Echtzeit“ gesucht und mokiert sich zu Recht über dessen inflationäre Verwendung im Internet: „Der Instantismus der neuen Medien schürt die Sehnsucht nach Zusammenhang, Kohärenz, integrierenden Erzählungen.“ Stimmt! Wenn man auf ein Mail sofort antwortet und sich ein Kettenmailaustausch ergibt, der in kurzer Zeit zu vielen Antworten beider Seiten führt, ergibt sich daraus eine andere Form der Kommunikation als mit nur zwei Mails, die manchmal richtig produktiv sein kann, wenn beide einander richtig zuhören und ihre jeweiligen Assoziationen gewinnbringend einzubringen wissen. Das muss nicht unbedingt nur bloßes Storytelling sein und auch gar nicht als Schreiben nur beiläufig sein.

Wolfgang Marx hat sich mit Wittgenstein beschäftigt. Kai Spanke erzählt seine Erlebnisse aus Südkorea.

Lesebericht: Michal Hvorecky, Tod auf der Donau

Montag, 16. April 2012

Mal eben reingucken? Einmal durchblättern? Probieren Sie das aus, und Roy hat sie schon auf seine Reise mitgenommen. Bei dieser Lektüre lässt man sich einfach nicht mehr stören.

Der Übersetzer Martin Roy hat mit seinem umfangreichen geographischen und historischen Fachwissen bei der ADC angeheuert und darf als Reisebegleiter achtzig Senioren auf einem Kreuzfahrtschiff bis zum Donau-Delta begleiten. Die Fahrt wird von der Gesellschaft ADC zum ersten Mal unternommen, und Roy beruhigt die Reisenden mit dem Hinweis, die Reise hätte er schon oft gemacht. Auf alle Wünsche der ihm anvertrauten Touristen einzugehen und möglichst nie zu widersprechen, das gehört zu seinen Aufgaben rund um die Uhr. Nicht nur weil einige der Kreuzfahrer schon so betagt sind, auch aus anderen Gründen reist der Tod mit. Äußerst peinliche Situationen werden zu echten Herausforderungen für die Schiffsmannschaft.

Martin Roy empfängt die Reisegäste am Flughafen und verfrachtet sie in drei Gruppen in Busse, die sie zur America b ringen. Die ersten Beschwerden über den Fußweg zum Bus, beantwortet er mit seiner überbordenden Freundlichkeit und dem Versprechen, dass doch eine exzellente Reise bevorstände. Während der Donaureise ist Roy für die Organisation der Landgänge und das Besuchsprogramm zuständig. Immer wieder hängt er am Handy, um schon die Termine für die nächsten Landgang zu checken. Verkürzungen kommen nicht in Frage. Das Programm muss eingehalten werden; wenn allerdings der Wunsch von den Reisenden, der Landgang möge verkürzt werden kommt, wehrt sich Roy der Form halber und gibt dann nach einigem gespielten Widerstand (sehr gerne) nach. Die ewigen Nörgler sind auch mit dabei, William Webster findet die ganze Reise eine Unverschämtheit, und Roy kann nur noch nicken und dann die abschließende Bewertung der Reise denken.

Wie kann man eine achtzigköpfige Touristengruppe au dem engen Schiffsraum ertragen? Die immer alles wissen wollen und an den Antworten auf ihre Fragen nur mäßig interessiert sind? Mozart? „Vor drei Wochen gestorben…“ verrät Roy und die Amerikanerin findet das schade. Genauso wie er sich den Spaß macht, Barock als eine „italienisch-politische Diktatur“ zu verkaufen, „die noch vor der Gotik in Europa herrschte. Sehr böse, obskur und gefährlich!“ (S. 49) Jeffrey denkt gleich an die Wirtschaft und ist dankbar, dass es so etwas in Amerika nicht gibt.
Michal Hvorecky hat eine wunderbar spannenden und aufregenden Roman geschrieben. Der Empfang der Touristen auf dem Flughafen und das Einschiffen illustriert schon die Strapazen, die sie freiwillig auf sich nehmen, und Roy ahnt irgendwie, das die gemeinsame Reise nicht gutgehen kann.

Mit seiner antrainierten Freundlichkeit überspielt er gekonnt jedes Problem und versichert seinen Kunden, das die Reise exzellent verlaufe, das Essen exzellent sei und gibt sich so exzellent wie möglich, damit die Reisenden auch ja später das stets gehörte Wort EXZELLENT in die Bewertungsbögen eintragen, um Roy und seinen Kollegen den Job zu sichern.

Ein Resümee der Geschichte würde die Lektüre des Buches verderben. Zu skurril sind die Begleitumstände unter denen einige der Mitreisenden die Donaufahrt vorzeitig beenden müssen.

Ein Reiseroman mit einer ordentlich Portion Krimi, versetzt mit einer Prise Liebesroman. Und zwischendurch überlegt sich Martin Roy, wieso er sich nicht mit dem Übersetzen zufrieden gegeben hat. Immer wieder fordern neue Situationen ihn heraus, er muss schnell reagieren und den Unmut mancher Reisenden durch die Hinweise auf das exzellente Schiff und das exzellente Essen beschwichtigen. Manchmal ist schnelles Handeln gefordert, damit nicht alle noch schlimmer wird. Eine völlig unerwartete Person taucht auf, die eigentlich gar nicht da sein dürfte. Und mit seinem gewohnten Geschick baut Roy sie in seine Reiseplanung ein. Man darf gespannt sein, in welcher Verfassung und unter welchen Umständen Roy seine Touristentruppe (fast) ans Ziel bringt.

Ach ja, noch was. Fahren Sie nicht S-Bahn mit diesem Buch. Sie verpassen keine Station? Mit diesem Buch sogar auch die nächste Station. Versprochen.

Michal Hvorecky
> Tod auf der Donau
Roman
Aus dem Slowakischen von Michael Stavarič (Orig.: Dunai v Americe)
1. Aufl. 2012, 272 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50115-5

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