Am 14. Mai 2012 erschient bei Klett-Cotta in der Übersetzung von Ursel Schäfer, Hans Freundl und Stephan Gebauer das eindrucksvolle Buch > Schulden. Die ersten 5000 Jahre von David Graeber. Text + Anmerkungen + Bibliographie mit Index = 536 Seiten. Diesmal wird der Lesebericht zum Erscheinen des Buches wahrscheinlich ausnahmsweise nicht rechtzeitig fertig. Aber vom Inhalt und der packenden Darstellung mal ganz anders, grundsätzlicher und vor allem auch historischer – mit einem Blick auf die wirtschaftliche und politische Ideengeschichte – wahrlich getrieben, ist das vielleicht doch zu schaffen. Schulden haben wir alle in irgendeiner Form, und man darf fragen, wo sich wirklich die Grenze befindet, bei der Schulden nicht rückzahlbar sind? Aber auch dann kann man sich nicht einfach entschuldigen. Und wie ist das heute mitten in der Schuldenkrise? Helfen europäische Staaten anderen, um ihrer oder der gemeinsamen Währung zu helfen, oder garantieren die einen die Schulden oder die Zahlungsfähigkeit der anderen, um dann noch die eigenen Kassen wqieder aufzufüllen? Und wer vergeht sich an den Schulden der anderen, um sich an ihnen qua Spekulation und zum Unglück aller gesundzustoßen ? Der vergangene 6. Mai mit dem zweiten Wahlgang der > Präsidentschaftswahlen in Frankreich, das Wahlchaos in Griechenland und alle anderen düsteren Währungs-Wolken über Euroland werden das Thema Schulden ganz oben auf der Tagesordnung halten.
Da lohnt es sich schon, einmal kurz innezuhalten und sich zu fragen, um was es denn überhaupt geht? Nach einer Bundestagsdebatte zu diesem Thema kann man leicht den Eindruck gewinnen, niemanden gesehen zu haben, der weiß, wie groß der gerade wieder beschlossenen Rettungsschirm ausgefallen ist, Millionen, Milliarden oder Billionen, sieht man diese Summe wieder, gibt es sie überhaupt? Ist das Geld ausgegeben, das ja eigentlich gar nicht da ist?`Bei diesen ungeheuren Summen sprechen die Kritiker von Sparzwängen? Bestimmt haben Mitglieder der Euro-Zone über ihre und damit über unsere Verhältnisse gelebt. Man hat im Eurogebäude einige Stahlstreben vergessen, die jetzt nachträglich als Reklamationsfall sofort eingebaut werden müssen und niemand möchte diese Baumängel so wirklich wahrhaben.
“Ein ebenso radikaler wie befreiender Blick auf die Wurzeln unserer Schuldenkrise.” steh auf der Seite von Klett-Cotta zu Graebners Buch > Schulden. Und da steht auch : “Seit der Erfindung des Kredits vor 5000 Jahren treibt das Versprechen auf Rückzahlung Menschen in die Sklaverei. Die Geschichte der Menschheit erzählt David Graeber als eine Geschichte der Schulden: eines moralischen Prinzips, das nur die Macht der Herrschenden stützt. Damit durchbricht er die Logik des Kapitalismus und befreit unser Denken vom Primat der Ökonomie.” “Verbraucherschulden sind der Lebenssaft unserer Wirtschaft,” (S. 11) schreibt Graeber und zeigt damit die andere Seite der Medaille. Ohne Schulden geht es auch nicht.
Der Beginn der Lektüre bestätigt Frank Schirrmacher, der in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schrieb: “»Graeber öffnet dem Leser die Augen für das, was gerade vor sich geht.« Es ist richtig wohltuend, einmal gründlich diese schwierige Materie an ihrer historischen Wurzel zu packen und nicht nur den Medienkommentaren jeder Art zuzuhören und gar unreflektiert zu glauben, die mit ihren Horrormeldungen den Börsen ihr Aufundab diktieren. Jetzt wird darüber spekuliert, ob François Hollande und Angela Merkel sich verstehen werden. Sie werden es, weil die deutsch-französische Kooperation eine Konstante der EU und des Eurolands ist, dennoch werden beide zusammen, nicht einzeln, einen Einfluss in Europa entwickeln können. Und jetzt kommt es darauf, wie groß dieser Einfluss werden kann. Keiner von beiden kann alleine handeln und schon gar nicht alleine Erfolg haben. Um ihren Handlungsspielraum zu erkunden, könnte man einen Blick auf die Bedingungen, Gründe der Krise werfen und mit diesem Wissen über Handlungsoptionen nachdenken: > Schulden ist ein guter Ansatz dazu, künftig die Berichterstattung ein bisschen kritischer verfolgen zu können und um darauf aufzupassen, dass unsere Politiker sich wirklich zugunsten der europäischen Idee einsetzen.
David Graeber (Jg. 1961) ist einer der Begründer der Occupy-Bewegung unterrichtete bis zu seiner Entlassung 2007 als Anthropologe in Yale und lehrt seitdem am Goldsmith-College in London. Er bezeichnet sich als Anarchist und ist Mitglied der »Industrial Workers of the World«. Sein Vater hat im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft, und er selbst hat fast zwei Jahre in einer direkte Demokratie praktizierenden Gemeinschaft auf Madagaskar gelebt.
> Schulden. Die ersten 5000 Jahre
Klett-Cotta Aus dem Englischen von Ursel Schäfer, Hans Freundl und Stephan Gebauer (Orig.: Debt)
1. Aufl. 2012, 536 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94767-0
Lesereise:
> Lesereise: David Graeber mit »Schulden. Die ersten 5000 Jahre«
Fr 18.05., 16 h
Frankfurt am Main | Lesung und Gespräch
Schauspiel Frankfurt, Chagallsaal, Neue Mainzer Straße 17, 60311 Frankfurt am Main
Die erste Station der Lesereise von David Graeber führt ihn in die Hauptstadt der deutschen Occupy-Bewegung.
Moderation: Christian Felber, Mitbegründer von Attac Österreich.
Gespräch in deutscher und englischer Sprache
Der Eintritt ist frei.
Mo 21.05, 20:00 h
München | Lesung und Gespräch, Moderation: Frank Schirrmacher
Literaturhaus München, Salvatorplatz 1, 80333 München
Gespräch in deutscher und englischer Sprache
Eintritt: 9,- bzw. 7,- Euro
> www.literaturhaus-muenchen.de
Bücher zu dieser Veranstaltung:
Di 22.05, 20:00
Köln | Lesung und Gespräch
ZentralBibliothek, Josef-Haubrich-Hof 1, 50676 Köln
In der Reihe “Wissenswert – Themen am Puls der Zeit”.
Moderation: Ralph Bollmann (FAS)
8,- bzw 6,- Euro
Eine Veranstaltung der Stadtbibliothek Köln und der > Buchhandlung Klaus Bittner
> www.stadt-koeln.de
Mi 23.05, 19:00
Berlin | Lesung und Gespräch
Dussmann das KulturKaufhaus, Friedrichstraße 90, 10117 Berlin
Moderation: Ulrike Herrmann (taz)
Gespräch in deutscher und englischer Sprache
> www.kulturkaufhaus.de
Do 24.05, 18:00
Leipzig | Lesung und Gespräch
Centraltheater Leipzig, Bosestraße 1, 04109 Leipzig
Unser Autor David Graeber im Gespräch mit dem Hausphilosophen des Centraltheaters, Guillaume Paoli.
Eintritt: 5,- Euro
> www.centraltheater-leipzig.de
Do 31.05, 19:30
Fraktion kontrovers – Frank-Walter Steinmeier im Gespräch mit unserem Autor David Graeber und dem Philosophen Richard David Precht
Berlin | Podiumsgespräch
Weil die Steuerzahler Banken retten müssen, trudeln die Staaten tiefer in die Verschuldung und verlieren das Vertrauen der Märkte. Die Demokratie am Gängelband des Kapitals? Diese These wird heißer diskutiert als je zuvor: Denn durch die Krise der Finanzmärkte stellt sich die Frage des Verhältnisses zwischen Schulden und Gerechtigkeit auf dramatische Weise neu. Werden Gewinne privatisiert, Verluste aber sozialisiert? Wer soll wessen Schuld tilgen? Und ist das alles gerecht? Der Anthropologe Dr. David Graeber hat untersucht, wie und warum Menschen in den letzten 5000 Jahren Schulden gemacht haben. Mittlerweile, so der Vordenker der Occupy-Bewegung, bestimmt das Prinzip der Schuld alle gesellschaftlichen Sphären. Und es ist höchste Zeit, das zu ändern. Der Philosoph Richard David Precht sagt in seinen Büchern, dass es den meisten Menschen wichtig ist, moralisch gut zu handeln. Aber was heißt das angesichts von Euro-Krise, Schuldenschnitt und Rettungsschirmen? Wie weit sind wir bereit, für andere einzustehen – und für sie zu zahlen? Es geht bei diesen Fragen um das, was unsere Gesellschaft zusammenhält. In Deutschland und in Europa.
Einlass ab 18:45 Uhr
Beginn: 19:30 Uhr
Eine Online-Anmeldung ist erforderlich: > www.spdfraktion.de