Verlagsblog

Archiv für August 2013

Lesebericht:
Ralph Bollmann, Die Deutsche. Angela Merkel und wir

Freitag, 30. August 2013

> Nachgefragt:
Ralph Bollmann, Die Deutsche. Angela Merkel und wir

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Bundeskanzlerin Angela Merkel wartet vor dem > Staatsakt in Ludwigsburg am 22. September 2012 auf Präsident François Hollande

Bei Klett-Cotta ist das Buch von Ralph Bollmann, > Die Deutsche. Angela Merkel und wir erschienen. Vor den ersten Seiten liest man oft den Klappentext. Wir lesen ihn jetzt auch und vergleichen ihn mit unserem Lesebericht:

„Wir Deutsche werden mit Angela Merkel identifiziert und identifizieren uns mit ihr. Auch Umfragen unter anderen Europäern zeigen: In einer Mischung aus Kritik und Bewunderung sehen sie in der Kanzlerin die Verkörperung alles Deutschen. Aber stimmt das überhaupt? Merkel hat lange gebraucht, um sich an das Fühlen und Wollen der Westdeutschen anzupassen.

Ralph Bollmann hat ihr Wirken jahrelang kommentiert und sie aus der Nähe beobachtet. Klug argumentierend und kenntnisreich beschreibt er, wie ihr Agieren einen fundamentalen Wandel in Politik und Gesellschaft spiegelt: Nach dem Ende der Lagerkämpfe repräsentiert sie die politische Mitte – und damit zugleich den Untergang der vertrauten demokratischen Kultur. Damit wird das Buch zu einem Doppelporträt von Merkel und uns Deutschen, das über den Tag hinausweist.“

merkel-ludwigsburg-3Meine französischen Freunde haben mich im Verlauf der letzten Monate öfters als früher auf Angela Merkel angesprochen. Das lag sicher an den drei Gelegenheiten, wo wir zusammen die Bundeskanzerlin beobachten konnten:

<< 1. > Staatsakt in Ludwigsburg am 22. September 2012 auf Präsident François Hollande anlässlich des 50. Jahrestages der Rede Charles de Gaulles an die deutsche Jugend, 2. der > Besuch der französischen Nationalversammlung im Bundestag und 3. die Feier zum > 50. Jahrestag des Deutsch-französischen Jugendwerks in der Mutualité in Paris, wo > Angela Merkel und Präsident François Hollande per Video dem Jugendwerk gratulierten.

Sicher, meine französischen Freunde wollten vor allem wissen, ob sie wiedergewählt werde. Im gleichen Atemzug erwähnten sie störende Geräusche im deutsch-französischen Motor… der ist halt laut, wenn richtig gearbeitet wird, darauf haben wir uns geeinigt. Missstimmungen zwischen der Kanzlerin und dem Präsidenten erlauben kaum Rückschlüsse auf die (intensive) Arbeitsebene zwischen Paris und Berlin. Nebenbei schwang bei meinen Freunden schon ein wenig Respekt für die Kanzlerin mit, Deutschland stehe wirtschaftlich gut da. So ist der erste Satz des Klappentextes zu verstehen, die Deutschen identifizieren sich vorzugsweise mit der Habenseite der Kanzlerin. Auch wenn Merkels Einsichten in die Zwänge und Notwendigkeiten der EURO-Rettung später als erhofft kamen, so werden ihre Erfolge doch anerkannt. Also EURO, Atomenergie, Wehrpflicht gehören zu den Themen, bei denen die Bundeskanzlerin anders entschieden hat, als vorher versprochen. Auch Politiker lernen dazu, aber die Entschiedenheit und der Zeitpunkt, mit der sie die Pferde herumreißt, ist manchmal nicht genau einzuschätzen, außer wenn plötzliche externe Zwänge vorliegen, wie der Atomunfall in Japan, auch dann gelingt ihr die Überraschung.

Sie verordnet den EURO-Partnern Sparprogramme und gibt sich daheim großzügig in punkto finanzielle Wahlgeschenke. Es ist immer eine Frage, wie man den Kurswechsel begründet, oder noch besser, wie man ihn inszeniert. Und das kann die Kanzlerin. (Vgl. S. 25-29) Muss sie auch können. Ist sie wirklich eine „Deutschlandtherapeutin“, wie Ralph Bollmann behauptet? Er hat uns schon ein Interview versprochen: „Nachgefragt…“, wir dann die Überschrift, wie auf diesem Blog üblich, heißen.

„Das völlig Unpathetische ihrer Person“ (S. 13), der fehlende aufwändige Lebensstil und ihre „Bodenständigkeit“ beobachtet der Openhausfachmann Bollman (> Walküre in Detmold. Eine Entdeckungsreise durch die deutsche Provinz) mit etwas Erstaunen, wenn die Kanzlerin zu Wagner Opern nach Bayreuth reist. Fazit: Konturlos mag sie sein, aber sie habe sich ihre Persönlichkeit weitgehend bewahrt, (vgl. S. 25) berichtet Bollmann. Konturlos? Wirklich? Mit welchem Machtgebaren hat sie sich gegen mögliche Widersacher gewendet! Und Bollmann, zählt sie alle auf, die sie auf irgendeine Weise losgeworden ist.

Bollmann hebt an einer Stelle auch ihren Möglichkeitssinn (Musil) (S. 93) hervor, den sie durch ihre Erfahrungen in der DDR sich angeeignet und bewahrt haben soll. Das ist nichts anderes, sich auch einmal Unmögliches vorstellen zu können und dann sogar zu realisieren. Es ist noch nicht ausgemacht, ob die Abschaffung der Wehrpflicht ein Fehler war, zumindest hört man in den Medien kaum etwas zu diesem Thema mehr. Das Hauruckverfahren der Laufzeitverlängerung für die Atomkraftwerke, die plötzlich auf der Tagesordnung stand, wurde genauso schnell plötzlich wieder revidiert, nachdem sie nicht mehr in die politische Landschaft passte.

Noch einmal hier zum Gucken:

Die Bundeskanzlerin und der Präsident hätten auch persönlich in die Mutualité zum Gratulieren kommen können: > Hollande, Merkel, Europa und die Jugendarbeitslosigkeit. Aber die Videos, mit denen der Staatschef staatsmännisch und die Regierungschefin charmant dem Jugendwerk gratulierten, kamen wunderbar bei den mit 1000 Gästen gefüllten Saal an.

Zurück zum Klappentext des Buches von Ralph Bollmann > Die Deutsche. Angela Merkel und wir. Meine französischen Freunde fragen aber nicht, ob wir sie wiederwählen. Nein, sie identifizieren Angela Merkel nicht mit uns, den Deutschen, obwohl bei mancher Kritik an ihr, schon mal gleich auch von den Deutschen gesprochen wird. Das ist eine ganz heikle Sache und > Alfred Grosser findet zu Recht, dass man in Ausdrücken wie „Die Deutsche“ oder die „Die Franzosen“ das Wort „DIE“ einfach verbieten müsste. Denn „DIE“ führt immer zu Verallgemeinerungen und schmälert die Möglichkeit des Vergleichs. Aber im Klappentext wird ja auch von Kritik und Bewunderung der Deutschen gesprochen.

> Präsident François Hollande und Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrer Pressekonferenz in Ludwigsburg

Um gleich das Ergebnis unserer Lektüre vorweg zu nehmen: Bollmann legt in diesem Buch eine kenntnisreiche Analyse des politischen Werdegangs Angela Merkels als Bundeskanzlerin vor. Manchmal lässt er Kritik nur anklingen und gibt dann zugleich wieder dem Bericht und der Analyse mit kenntnisreichen Fakten den Vorzug: Er wird aber auch sehr deutlich: „Wenn es jedoch um konkrete Reformen im eigenen Land geht, tut sie nichts,“ stellt er im Zusammenhang mit den Reformen fest, die Merkel den europäischen Partner verschreiben will. Der Klappentext äußert aber noch eine grundsätzlichere Kritik an unserer Kanzlerin: „Klug argumentierend und kenntnisreich beschreibt er (i.e. R. Bollmann, W.) wie ihr Agieren einen fundamentalen Wandel in Politik und Gesellschaft spiegelt: Nach dem Ende der Lagerkämpfe repräsentiert sie die politische Mitte – und damit zugleich den Untergang der vertrauten demokratischen Kultur.“

Es ist wie immer leicht, auf Lücken hinzuweisen, ihre Auftritte auf internationalen Bühnen kommen vielleicht in diesem Buch ein wenig zu kurz, auch ihr Engagement zugunsten der deutsch-französischen Beziehungen, zu unserem wichtigsten Partner in der EU hätte mehr Seiten füllen dürfen. Bollmanns Thema ist aber „Angela Merkel und wir“. Außerdem ist dieser Beitrag nur ein Lesebericht und keine Rezension. Dennoch darf soviel gesagt werden. Bollmann gibt keine Wahlentscheidung vor, stellt sogar noch schwarz-grüne Überlegungen an, ganz so als wolle er der Kanzlerin einen Überraschungsmoment wegnehmen, er berichtet, beschreibt und deutet Zusammenhänge. Manche Gegner der Kanzlerin werden sich von Bollmann bestätigt fühlen, ihre Anhänger werden hier manche bedenkenswerte Anmerkung finden. Nicht erwähnt haben wir in diesem Lesebericht Merkels Umgestaltung der CDU, ihr Verhältnis zum Kapitalismus, ihr Verhältnis zur Macht, das Bollmann aber nicht nur in einem Kapitel abhandelt.

Wofür entscheidet sich Bollmann? Sollen wir sie wiederwählen? Soll sie in punkto Regierungsdauer Helmut Kohl überholen? Eine konkrete Empfehlung gibt Bollmann nicht, seine wirkliche Einstellung zu ihr oder zur Zukunft unseres Landes kann man nur vermuten. Aber nach der Lektüre fällt die Entscheidung leichter.

Schauen wir uns noch das Video an, mit dem die Bundeskanzlerin das Wahlprogramm vorstellt: 1 Min 47 Sek.:

Knapp und präzise. „Wir haben die Menschen draußen gefragt…“. 2017 soll es den Deutschen besser gehen. Und sie verspricht, dass es keine Steuererhöhungen geben wird. Das nehmen wir ins Protokoll auf. Kein Wort von Europa.

> Ralph Bollmann

> Die Deutsche. Angela Merkel und wir
1. Aufl. 2013, 224 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94750-2

Alle Fotos in diesem Beitrag: © Heiner Wittmann 2012/2013.


Oskar Piegs, > Erfolgsmodell der Kanzlerin: Warum Deutschland Merkel wählt SPIEGEL ONLINE, 30.7.2013


Rückschau mit Video:
Ralph Bollmann, >Walküre in Dortmund. Eine Entdeckungsreise durch die Provinz

Warum gibt es in Deutschland so viele Opernhäuser? “Die Bundesrepublik ist reich aber unfähig sich an ihrem Opernreichtum zu erfreuen,” schreibt Bollmann, und er hat in diesem Gespräch seine Opern-Vorlieben näher erläutert. Nach dem Besuch so vieler Opern wird man zu einem wandelnden Opern-Lexikon. Wo fanden sie die kleinste Oper, wo steht die größte und zugleich auch bedeutendste Oper?

Ralph Bollmann
> Walküre in Detmold. Eine Entdeckungsreise durch die deutsche Provinz
2. Aufl. 2011, 285 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 2 Vorsatzkarten
ISBN: 978-3-608-94621-5

Ernst Jünger: Neuausgaben

Mittwoch, 28. August 2013

In diesem Monat erscheinen bei Klett-Cotta mehrere Neuausgaben von > Ernst Jünger (1895-1998)

> Alle Bücher von Ernst Jünger – mit den Sämtlichen Werken

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Nach der Lektüre von Ernst Jüngers Buch > > An der Zeitmauer schrieb Hermann Hesse: Das Buch, das mich in letzter Zeit am längsten beschäftigt hat, ist Jüngers ›Zeitmauer‹. Um es gleich zu sagen: es ist ein überaus gescheites und gutes Buch, mit dem man eigene Empfindungen und Gedanken durch einen kompetenteren Mann bestätigt sieht. […] Das Buch ist eine Untersuchung über das Unbehagen in der heutigen Menschheit, zumal der abendländischen.« Jünger verstand diesen Essay als eine Fortsetzung von > Der Arbeiter (1932) (Eine Neuausgabe > Der Arbeiter erscheint bei Klett-Cotta am 24.1.2014) 1959 schrieb Jünger in einem Brief: „Das Buch hat sich zu einer Fortsetzung von ›Der Arbeiter‹ entwickelt, führt allerdings in neue Richtungen. Das Thema ist ungefähr die Schilderung der Überwältigung der Weltrevolution durch Erdrevolution. Manches davon deutete sich bereits im Arbeiter an.« – Kein Urteil über die Astrologie (S. 24), aber ein Nachdenken über sie und das führt zu ganz grundlegenden Fragen: „Man sagt, dass der Charakter das Schicksal formt.“ (S. 45).


Erinnerung:


„Auch ohne die Absicht, einen Lesebericht über dieses Buch schreiben zu wollen, hätte ich es in einem Zug durchgelesen. Trotz mancher tages- und umständebedingter Störungen, war es eine spannende Lektüre an einem Stück. Friedrich Georg Jünger (1898-1977) und Ernst Jünger (1895-1998) hatten beide als Brüder und Schriftsteller zusammen fast ein Jahrhundert deutscher Geschichte, ein Kaiserreich, eine Weltkrieg, eine Republik und ihr Scheitern, die nationalsozialistische Diktatur mit einem erneuten Weltkrieg und wieder eine Republik miterlebt: > Brüder unterm Sternenzelt. Friedrich Georg und Ernst Jünger.“ H. W., Lesebericht: Jörg Magenau. > Nachgefragt: Jörg Magenau, Brüder unterm Sternenzelt. Friedrich Georg und Ernst Jünger
1. Aufl. 2012, 320 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 8 Seiten Tafelteil s/w
ISBN: 978-3-608-93844-9


Dieses Buch ist ein Essay im besten Sinne des Wortes, ein Essay, der seinen Gegenstand umkreist, ihn von mehreren Seiten angeht, immer wieder neue Assoziationen aufgreifend die Perspektive öffnet und wieder auf den Punkt zu bringen versucht: „Der Mensch ist geboren, damit er sein eigenen Schicksal lebt.“ (S. 53) In der Geschichte werden wiederkehrende Abläufe diskutiert, Zyklen, die in die Nähe der Astrologie gebracht werden: S. 65. Welche Spur verfolgt Jünger? „Die Einteilungen des Weltgeschehens in Großzeiten sind unbefriedigend, heißt es bei ihm, (S. 87) und seine Argumente wenden sich an Historiker, soll man von „Epochen“, „Zeiten“ oder „Schichten“ sprechen? (S. 111) Wie entstehen Brüche und Wendungen? z. B. S. 121 ff. Oder Katastrophen? (S. 155 ff.) Schließlich spielen auch technische Aspekte in diesem Essay eine Rolle, insoweit sie dazubeitragen, Entwicklungen zu beeinflussen und zu modifizieren: S: 167 ff. Und „Inwieweit ist der Mensch für seine Evolution verantwortlich?“ (S. 217)

> An der Zeitmauer
Broschierte Ausgabe
Hintergrundillustrationen Cover: Niklas Sagebiel
1. Aufl. 2013, 256 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-608-96069-3

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In der Novelle > > Sturm mit ihrer literarischen Schilderung der Kriegserlebnisse sah Karl-Heinz Bohrer »einen Schlüssel zu Jüngers geistiger Disposition überhaupt«. Eine Beschreibung der Kriegsereignisse, der Erlebnisse im Grabenkampf und das Nachdenken über sich: „Das Bemerkenswerte ist, das bei diesem Vorgange wirklich eine Veränderung der Persönlichkeit erfolgt.“ (S. 13) Jünger schärft seine Beobachtungsgabe und berichtet über die Kameraden, ihre Interessen, ihr Verhalten und ihre Schicksale. Sturm ist einer von ihnen. Auch er steht mit den anderen vor der Leiche des Selbstmörders: „Hier hatte ein Einzelner gegen die Sklavenhalterei des modernen Staates ausdrücklich protestiert.“ (S. 12)


Erinnerung:

Bei Klett-Cotta ist im Oktober 2010 zum ersten Mal das Kriegstagebuch von Ernst Jünger erschienen. Helmuth Kiesel hat den Band mit präzisen Anmerkungen versehen und herausgegeben.

„Bei Ausbruch des Krieges meldet sich der 19-jährige Ernst Jünger als Kriegsfreiwilliger und wird Soldat des Hannoverschen Füsilier oder Infanterie-Regiment Nr. 73. Er wird die großen Schlachten in Flandern, an der Somme und bei Cambrai mitmachen und beginnt sogleich ein Tagebuch. Am 4. Januar 1915 schreibt er: „Ich bin sehr neugierig, wie sich ein Shrapnellbeschießung ausmacht. Im allgemeinen ist mir der Krieg schrecklicher vorgekommen als er ist.““ H.W. Lesebericht.
> Nachgefragt: Ernst Jünger, Kriegstagebuch 1914-1918. Ein Gespräch mit Michael Klett über das Kriegstagebuch von Ernst Jünger

Ernst Jünger, > Kriegstagebuch 1914-1918
Herausgegeben von Helmuth Kiesel
Auflage: 1. Aufl. 2010
655 Seiten
ISBN: 978-3-608-93843-2


> Sturm. Novelle
Novelle, Hintergrundillustrationen
Cover: Niklas Sagebiel
1. Aufl. 2013, 80 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-608-96067-9

Bereits vor dem Krieg hatte Jünger das Abenteuer gesucht und hatte sich 18-jähriger zur Fremdenlegion gemeldet. Der autobiographische Roman > Afrikanische Spiele erzählt von Jüngers abenteuerlichem Ausflug als 18-Jähriger zur Fremdenlegion, kurz bevor der Erste Weltkrieg ausbrach: „Es ist ein wunderlicher Vorgang, wie die Phantasie gleich einem Fieber, dessen Keime von weither getrieben werden, von unserem Leben Besitz ergreift und immer tiefer und glühender sich in ihm einnistet. Endlich erscheint nur die Einbildung uns noch als das Wirkliche…“ Jünger staunt über sich selbst, als er in sich die Entscheidung zur Flucht und dem Eintritt in die Fremdenlegion entdeckt: „Das war der Grund, aus dem das Wörtchen ‚fliehen‘ seinen besonderen Klang für mich besaß…“

> Afrikanische Spiele
Broschierte Ausgabe
Roman, Hintergrundillustrationen Cover: Niklas Sagebiel
1. Aufl. 2013, 184 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-608-96061-7

die Prosastücke von Jünger erscheinen zuerst 1929 unter dem Titel
> Das abenteuerliche Herz, „ein Wendepunkt seines literarischen Schaffens“ steht auf der > Website von Klett-Cotta. Mit diesem Buch wandelt sich Jünger vom bekannten Kriegsschriftsteller zu einem Literaten:

„Es wäre mir unmöglich, für meine Person die starke Anteilnahme aufzubringen, deren Vorhandensein ich nicht leugnen kann, verliehen mir nicht zwei Umstände eine gewisse Sicherheit.

Einmal besitze ich das bestimmte Gefühl, einem im Grunde fremden und rätselhaften Wesen nachzuspüren, und dies bewahrt vor jener pöbelhaften Eigenwärme, jener Stickluft der inneren Wohn- und Schlafzimmer, die mir am »Anton Reiser« unangenehm ist. Es verleiht dem Zugriff eine größere Sauberkeit, wie der Gummihandschuh den Fingern des Operateurs. Ich habe dieses Gefühl, als ob ein aufmerksam beobachtender Punkt aus exzentrischen Fernen das geheimnisvolle Getriebe kontrollierte und registrierte, selbst in den verworrensten Augenblicken nur selten verloren. Ja es schien mir oft, als ob in sehr menschlichen Augenblicken, etwa denen der Angst, dort oben etwas vorginge, was ungefähr einem mokanten Lächeln verglichen werden könnte. Aber auch andere Zeichen – Trauer, Rührung, Stolz – glaubte ich zuweilen gleich Signalen einer inneren Optik an jenem Fixpunkt zu erkennen, den ich als ein zweites, feineres und unpersönliches Bewußtsein bezeichnen möchte. Von dort aus gesehen, wird das Leben von noch etwas anderem als von Gedanken, Empfindungen und Gefühlen begleitet, seine Werte werden gleichsam noch einmal gewertet, ähnlich wie ein bereits gewogenes Metall trotzdem von einer besonderen Instanz einen zweiten Stempel erhält. Von dort aus gesehen, erhält dieses Treiben auch erst einen fesselnderen Reiz als den innerhalb der Bezirke einer selbstbewußten Vitalität möglichen.
Dann aber weiß ich auch, daß mein Grunderlebnis, das, was eben durch den lebendigen Vorgang sich zum Ausdruck bringt, das für meine Generation typische Erlebnis ist, eine an das Zeitmotiv gebundene Variation oder eine, vielleicht absonderliche, Spezies, die jedoch keineswegs aus dem Rahmen der Gattungskennzeichen fällt. Aus diesem Bewußtsein heraus meine ich auch, wenn ich mich mit mir beschäftige. nicht eigentlich mich, sondern das. was dieser Erscheinung zugrunde liegt und was somit in seinem gültigsten und dem Zufall entzogensten Sinne auch jeder andere für sich in Anspruch nehmen darf.“ (Hervorhebungen, H.W.)

Neugier, die zur Beobachtung und innere Werte, die immer wieder zum Vergleich zum Verglecih anregen, so analysiert Jünger auf der ersten Seite, seinen Hang zum Schreiben.

1938 erscheint eine stark veränderte Fassung > Das Abenteuerliche Herz. Figuren und Capriccios

> Das abenteuerliche Herz Erste Fassung
Aufzeichnungen bei Tag und Nacht
Broschierte Ausgabe
Hintergrundillustrationen Cover: Niklas Sagebiel
1. Aufl. 2013, 152 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-608-96062-4

Ernst Jünger als Reiseschriftsteller neuentdecken

Im Jahr 1936 unternahm Ernst Jünger mit dem Hamburger Luxusdampfer »Monte Rosa« eine knapp zweimonatige Reise nach Brasilien. Die Stationen und Ereignisse hat er in einem Tagebuch festgehalten, das 1947 unter dem Titel > Atlantische Fahrt erschien.

Detlev Schöttker legt in einer sorgfältig edierten Ausgabe den Reisebericht neu vor. Der Band ist angereichert mit bisher unveröffentlichten Briefen und Fotos sowie einem Nachwort des Herausgebers. Die Neuausgabe enthält neben Jüngers Tagebuch bislang unveröffentlichte Reisebriefe Jüngers an seinen Bruder Friedrich Georg sowie unbekannte Eintragungen aus dem handschriftlichen Tagebuch.

„An Bord, 24. Oktober 1936. Ich versuchte in meinem neuen Buch zu lesen, von dem ich ein Stück aus Hamburg mitgenommen hatte, und warf es dann über Bord. Es tauchte, ohne eine Spur zu hinterlassen, in den kristallenen Schaum. Woher mag dieser Widerwille kommen, kaum daß die Arbeit abgeschlossen ist? Daraus, daß die Idee stets unerreichbar bleibt und vor dem Traumesglanz die Niederschrift verblaßt?“ S. 12

AM 6. November geht die Schiffsgesellschaft an Land: „Um sechs Uhr ging die Sonne auf. Es wurde sogleich sehr warm. Ich streifte gerade durch eine Rodung, auf der bereits ein neuer Bewuchs mächtiger Büsche aufgeschossen war. Sobald sie der erste Sonnenstrahl berührte, erscholl, als ob ein unsichtbarer Meister den Taktstock erhoben hätte, ein grelles, vielstimmiges Konzert. Die schrillen Atlantische Fahrt Laute überwogen – das Schnarren von Zikaden, der Anschlag heller Glockenklänge, das Schwirren, mit dem die Säge im Holze kreist. Dazu durchschnitten helle, langgedehnte Pfiffe den Morgen, als ob Lokomotiven anführen. Vergebens spähte ich nach den verborgenen Musikanten aus. Merkwürdig war auch, daß der Trubel so plötzlich verstummte, wie er sich erhoben hatte, als ob Gott Helios einen Motor angeworfen hätte, der nun unhörbar weiterlief.“ S. 22 f.

Und dann folgen viele Tagebucheinträge, mit denen er die Bedeutung Brasiliens für die Zukunft erkannte. Rio de Janeiro beeindruckte ihn besonders: „Die Stadt macht einen mächtigen Eindruck auf mich. Eine Residenz des Weltgeistes.“

> Atlantische Fahrt
»Rio – Residenz des Weltgeistes«
Herausgegeben und mit einem Nachwort
von Detlev Schöttker. Mit 8-Seiten Farbteil.
1. Aufl. 2013, 208 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit 8-Seiten Farbteil
ISBN: 978-3-608-93952-1

Das Reisesehnsuchtsbuch:
David Gilmour, Auf der Suche nach Italien

Dienstag, 13. August 2013

Urlaubszeit – Reisezeit. Lesen vermittelt ästhetische Genüsse, vermittelt neue Ideen und Bücher erweitern den eigenen Horizont. Nicht jedes Buch eignet sich zum Ausprobieren. Wohl aber das Reisesehnsuchtsbuch von David Gilmour > Auf der Suche nach Italien. Seine Einleitung und sein erstes Kapitel Vielgestaltiges Italien sind gelungene Aufforderungen, die Koffer zu packen und loszufahren. Geschichte, Kunst, Topographie und die Sprache: die Zusammenhänge, die Gilmour erklärt wecken die Reiselust. Endlich mal wieder nach Italien. Ganz unaufdringlich vermittelt Gilmour seine Kenntnisse der Provinzen, wo er überall so lange gewohnt hat. Es war das Kapitel Venedig und der adriatische Raum: Dieses Jahr muss es wieder sein. Auf nach Venedig: auf Tintorettos Spuren in der > Scuola di San Rocco. Gilmours Buch bietet natürlich mehr als ein Reisefüher, Kulturgeschichte im besten Sinne präsentiert er, und dieses Eintauchen in die italienische Geschichte, die besonderen Kennzeichen der Provinzen Italiens, die Geschichte seiner Staaten, die unglaublich kulturelle und künstlerische Vielfalt machen aus einem Buch eben dieses Reisesehnsuchtsbuch:

Gilmours Buch ist die perfekte Reisevorbereitung Vorbereitung auf ein paar Tage Venedig. Gestärkt mit dem Wissen über die venezianische Geschichte werden Sie die Annäherung von der Lagune oder vom Lido an die Stadt ganz anders erleben. Sie fahren auf ein offenes Geschichtsbuch zu:

Kommen Sie mit? Wir gehen mal über ein paar Brücken, überqueren einige der unzählbaren so vielfältigen Plätze und immer wieder die Ausblicke auf die Kanäle oder die Lagune: Bitte klicken Sie auf eines Bilder, das Fotoalbum mit dem schwarzen Hintergrund öffnet sich:

Nach Florenz (S. 85-94) würde ich Sie auch gerne mitnehmen. Auf den Spuren Machiavellis. Oder Stendhal nach Italien (S. 154-156) begleiten. Was für eine aufregende Geschichte: Aufständisches Italien (1820-1849) S. 164-172. Und dann das 7. Kapitel Italien auf dem Weg zur Einheit… Und schließlich bekommt Berlusconi die S. 384-395 und dann das Abschlusskapitel Unverwüstliches Italien S. 396-409. Und wenn sie diese letzten Seiten gelesen haben -mit der Kenntnis der vorhergehenden Kapitel – werden sie das Gewicht und die Vielfalt der historischen Erinnerung und die Bedeutung der unglaublich reichen Kunstschätze Italiens verstehen. Vielleicht ist dieses Vielfalt für einen Nationalstaat gar nicht geeignet? (Vg. S. 409)

David Gilmour
>
Auf der Suche nach Italien
Eine Geschichte der Menschen, Städte und Regionen von der Antike bis zur Gegenwart
Aus dem Englischen von Sonja Schuhmacher und Rita Seuß (Original: The Pursuit of Italy. A History of a Land, its Regions and their Peoples)
1. Aufl. 2013, 464 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 16 Seiten farbiger Tafelteil, Lesebändchen
ISBN: 978-3-608-94770-0


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