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Archiv für November 2013

Merkur 775 – Dezember 2013

Montag, 25. November 2013

Im > Dezember Heft 775 des MERKUR machen sich die SZ-Feuilletonisten Lothar Müller und Thomas Steinfeld Gedanken zur Zukunft der gedruckten Zeitung auf der Grundlage eines historischen Darstellung des Pressewesens. Dabei ist kein Pessimismus angesagt, sondern sie setzen auf die Chancen, die die digitale Welt den Zeitungen bietet: „Die Zukunft der Zeitung“. Zitieren, wir nur eine ihrer Bemerkungen, die dennoch daran erinnern, dass der Zeitungsjournalismus viel mehr zu bieten hat als die Diskussion über die Digitalisierung: „Es gibt nur eine Art, Autorität zu erwerben: durch Wissen, Klugheit, Verlässlichkeit, durch freie, begründete Urteile, die der Diskussion unterworfen werden und bei denen Wiederholungen nicht schaden.“ (S.1094) DIe digitale Welt wird aber die wohldurchdachte Ordnung einer Zeitung nie toppen können: „Der auf Papier gedruckten Zeitung steht mit dem Internet ein Medium gegenüber, das keine einheitliche Ordnung kennt, sondern allenfalls Schichten oder Skalen möglicher Ordnungen.“ (S.1097)

Patrick Eiden-Offe schreibt einen Nachruf auf den Ökonom und Sozialwissenschaftler Albert O. Hirschman :“A man, a plan, a canal.“ Hier geht es nicht nur um Hirschmans Biographie auch um spannende Wirtschaftsgeschichte. – Manfred Henningsen hat das Holocaust Memorial Museum in Washington besucht:“Terror und Erinnerung“ und berichtet über viele andere Denkmäler weltweit. – Andreas Dorschel erzählt von einem Fund, den Hermann Cladder am 27. Oktober 2011 bei Grabungen nahe der Nekropole von Aphroditopolis, heute Gebelein, in Oberägypten machte: „Ein verschollen geglaubter Brief der Korinther an Paulus“.

Mit der Geschichtskolumne „Kritik am Westen in der globalisierten Welt“ rezensiert Sebastian Conrad zwei Bücher von Pankaj Mishra, From the Ruins of Empire. The Revolt Against the West and the Remaking of Asia. London: Allen Lane 2012; Aus den Ruinen des Empires. Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens. Frankfurt: Fischer 2013. – Die Sprachkolumne „Der Führerin entgegenarbeiten“ von Daniel Scholten vermittelt Sprachgeschichte und mach Lust auf mehr: „Frauen ausdrücklich zu erwähnen, wo es wie bei den Nürnberger Jüdinnen um Gleichstellung geht, lautet die eigentliche Idee. Beim nächsten Mal werde ich zeigen, warum diese Idee gut funktionieren könnte, hätte sich daneben nicht eine auf Irrtümern gründende Ideologie etabliert und das politische Handeln erreicht: das Hirngespinst, unsere Sprache müsste geschlechtsneutralisiert werden.“ (S. 1148)

Jakob Hessing hat sich mit der Werkausgabe Mascha Kalékos „Déjà-vu mit Widerhaken“ beschäftigt, und Franz Leander Fillafer hat die Bücher von Markus Gabriel, Warum es die Welt nicht gibt. Berlin: Ullstein 2013″, und Paul Boghossian, Angst vor der Wahrheit. Ein Plädoyer gegen Relativismus und Konstruktivismus. Berlin: Suhrkamp 2013, gelesen und findet sie offenkundig nicht überzeugend.

In den Marginalien greift Heinz Bude „Jean Amérys Idee des Politischen“ „Die existentielle Geste“ wieder auf. Ich erinnere mich noch deutlich an sein Stimme. So oft im WDR III. Am Abend vorgestellt. Um 22 h 30. – Wolfgang Marx berichtet über „Sartre und die Tröstungen der Freiheit“ und zeigt mit seinem Beitrag, dass Sartres Überlegungen zu Freiheit uns heute noch faszinieren können: „Man »wählt« das Unvermeidliche, dann ist man frei. Und das Merkwürdige dabei ist, dass sich die Dinge tatsächlich ein wenig ändern, wenn man imstande ist, sie mit anderen Augen anzusehen, nicht grundlegend, Kaserne bleibt Kaserne, aber doch ein wenig. Ob ich den 1170 Marginalien Menschen dort mit wohlwollender Neugier oder mit arroganter Ablehnung begegne, kann zu sehr unterschiedlichen Erfahrungen führen.“ (S. 1169) Da ist z . B. der „coefficient d’adversité des choses“, mit dem > Sartre dem Menschen die Fähigkeit zuschreibt, darüber zu bestimmen, was für einen Widerstand ihm die Dinge, mit denen er umgehen will, entgegensetzen.

Von Josef Girshovich stammt der Beitrag „Europa, Europa, Sterne am Himmel, reich mir die Knarre“ – Pierre-Frédéric Weber fragt „Wie normal ist Polen?“ und Günter Hack „Die Himmel der Mauersegler“ über Sevilla. Und zum Schluss noch „Journal (IX)“ von Stephan Herczeg.

Eine beeindruckende Vielfalt. Statt eines beschreibenden Inhaltsverzeichnisses hätte ich auch einmal mehr einen kleinen Aufsatz verfassen können, wieso, ich mich jeden Monat seit vielen, vielen Jahren darauf freue, den MERKUR in meinem Postfach vorzufinden. So viele Anregungen in den vielen Schnittpunkten von Literatur, Geschichte, Soziologie, Philosophie und Wirtschaft. Neue Bücher, die man übersehen hat, geraten in den Blick, der Ton grundlegender Diskussionen wird glasklar angeschlagen.

> MERKUR 775

Den MERKUR gibt es jetzt auch günstig im > Merkur-Miniabo.

Lernen. Prof. Roth: Bildung braucht Persönlichkeit

Montag, 18. November 2013

Evgenia Danilevic hat kürzlich mit Prof. Dr. Gerhard Roth ein Gespräch geführt: Bildung braucht Persönlichkeit – ein Gespräch mit Gerhard Roth. Er „erklärt in einem Gespräch, warum LehrerInnen noch immer die wichtigste Rolle im Bildungsprozess zukommt und wie wissenschaftliche Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und der Psychologie im Unterricht“ mehr und das Video auf dem Blog > meinunterricht.de angewandt werden können.

Blogrückschau:

> Lesebericht: Gerhard Roth, Bildung braucht Persönlichkeit
> Nachgefragt: Gerhard Roth, Bildung braucht Persönlichkeit

> Gerhard Roth
> Bildung braucht Persönlichkeit. Wie Lernen gelingt
1. Aufl. 2011, 360 Seiten
ISBN: 978-3-608-94655-0

Google darf auch geschützte Bücher zum Durchsuchen bereitstellen

Samstag, 16. November 2013

Schon wieder ein massiver Angriff auf das Urheberrecht. Wenn auch das Urteil, über das hier berichtet wird, wohl zuerst nur die USA betrifft, so ist doch eine Entwicklung absehbar, der es zu widersprechen gilt. Doch der Reihe nach…

Vor zwei Jahren habe ich durch einen Zufall bemerkt, dass Google sich mit seinem Angebot Google Books nicht an vereinbarte Regeln gehalten hat. Der Verlag Gunter Narr hatte offenkundig zugestimmt, dass Google mein Buch Sartre und die Kunst in Auszügen anzeigen darf. Durch die Suche nach einem Zitat von Sartre stieß ich durch Zufall um 2011 auf mein eigenes Buch, von dem die Hälfte im Internet auf der Seite von Google Books zu lesen war. Ein Kollege von mir konnte mit seinem PC das Angebot das Zitat in meinem Buch nicht finden, weil auf seinem PC die andere Hälfte meines Buches angezeigt wurde. Wer also nur die IP-Nr. seines PCs wechseln konnte, hatte Einblick in mein ganzes Buch. Mehrere Jahre lang hatte Google unrechtmäßig mein Buch in ganzer Länge angezeigt. Ein Mail genügte, und das Buch war nach 12 Stunden aus Google Books verschwunden.

 

> Johann Friedrich Cotta und die Rechte der Autoren
Auf unserem Blog,
3. Mai 2009

Durch das am Ende der letzten Woche gefällte > Urteil des Richters Denny Chin wird Google das Einscannen auch von urheberrechtgeschützten Büchern im Rahmen des „Fair Use“, einer Ausnahmeregelung im US-Urheberrecht, das die nicht genehmigte Nutzung von geschütztem Material gestattet, wenn sie der öffentlichen Bildung und Diskussion dient. Das Urteil gilt wohl nur für Google Books in den USA. Wie Google woanders verfahren darf, wird in dem Urteil nicht gesagt.

Richter Chin schätzt offenbar Google Books als ein besonderes „Recherche-Instrument“, das Lesern hilft, Bücher zu finden. Richter Chin geht davon aus, dass Google das Lesen der Bücher verhindere. Nichtlesende Staatsbürger sind auch recht ungefährlich. Google wird sicher eines Tages einen Weg finden, sich am Gewinn zu beteiligen, wenn die Suchkunden von Google wirklich auf die Idee kommen sollten, das Buch lesen zu wollen, müsste man dem Richter antworten. Nochmal. Der Reihe nach.

Der Autorenverband Authors Guild will zu Recht gegen dieses Urteil den Rechtsweg beschreiten : > Round One to Google: Judge Chin Finds Mass Book Digitization a Fair Use. Guild Plans Appeal

Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken, dass auch > meine Bücher von Google ohne meine Erlaubnis digitalisiert werden, und den durchsuchbaren Fundus von Google Books -ohne ein Honorar zu meinen Gunsten – vergrößern. Mit der Anzeige der Fundstellen in meinen Büchern bereichert sich Google an meinen Büchern. Außerdem wird Google allein schon durch die undurchschaubare Anordnung in den Suchergebnissen irgendwie eine Bewertung vorlegen, die jeder Grundlage entbehrt.

 

> Lesebericht: William Gibson, Misstrauen Sie dem unverwechselbaren Geschmack

Die Befürworter von Google werden sofort entgegnen, ich solle mich freuen, wenn Google so nett (und völlig uneigennützig) ist und mir hilft, meine Bücher bekanntzumachen. Klar, das Verfassen von Seminararbeiten wird noch leichter, man sucht hier, man sucht dort und pickt hier und da ein Zitat heraus, mit dem man seine Arbeit „anrühren“ kann. Vergleichen wir Google Books mit Gallica, so fällt auf, wie gut es > Gallica gelingt, den Besucher online wie in einer Bibliothek arbeiten zu lassen: auf die bibliographischen Angaben ist Verlass, die online eingestellten Reihen > Revue des deux mondes sind vollständig. Vgl. > https://www.google.fr/#q=editions:KvT4o-67pLwC&tbm=bks Google Books hat hier und dort mal eingescannt, „bibliographische Angaben“ als Begriff werden bei Google Books anders gehandhabt als in der realen Welt. Scrollt man auf der Seite mit > meinem Buch in Google-Books nach unten, gibt es einen Eintrag mit ähnliche Bücher: da werden in diesem Fall auch Bücher angezeigt, die mit mit meinem Buch gar nichts zu tun haben, aber Google wird wohl wissen, dass ich den Autor dieses Buches kenne: > Riskomanagement Im Strategischen Fit. Bald wird man in Google bestimmt nachlesen können, wer welche Bücher in Google-Books gesucht, und welche Seiten er angeguckt hat.

Das Urteil, und damit stimme ich Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat – der vom Buchreport zitiert wird: Richter erlaubt Buchdigitalisierung von Google in Bibliotheken > „Unschätzbares Recherche-Werkzeug“ – Buchreport 15. November 2013 – zu, ist eine Mahnung an die Europäer jetzt endlich den Ausbau der EUROPEANA nach dem glänzenden Vorbild von Gallica voranzutreiben. Im Moment sind wir jeder wieder auf LOS, an dem Punkt, wo damals Jean Noël Jeanneney sein Buch Jean Noël Jeanneney > Quand Google défie l’Europe. Plaidoyer pour un sursaut, Editions Mille et une nuits, Paris 2005 (Dt. Fassung: Jean-Noël Jeanneney, Googles Herausforderung. Für eine europäische Bibliothek, Aus dem Französischen von Nathalie Mälzer-Semlinger und Sonja Fink. Wagenbach Verlag, Berlin 2006) vor den Google-Auswüchsen so nachdrücklich warnte. Der damalige Direktor der Französischen Nationalbibliothek gab damit den Startschuss für Google, das als Online-Angebot ein Erfolg geworden ist, der seinesgleichen sucht.

 

> Die Aktualität der Meldungen im Internet oder: Kann das Internet Aktualität vermitteln?

Wir in Europa haben etwas verpasst. Wir lassen es uns gefallen, dass ein amerikanischer Konzern zur Online-Bibliothek unserer Literaturen werden will. Und er wird speichern, was, wer, wann, wo recherchiert, welche Seiten wer, wie lange betrachtet, und er wird das komplette Profile seiner Besucher erstellen, um sich immer weiter an den Werbeeinnahmen bereichern können, nur weil die Europäer die Entwicklung verschlafene haben. Google wird den Besuchern die Bücher anzeigen, die zu seinem Suchprofil passen und wer die falschen Bücher aufruft, darf in die USA nicht mehr einreisen, weil sein politisches Profil unerwünscht ist. Wie leicht kann Google in die Versuchung kommen, wissenschaftliche Arbeit zu steuern, indem bestimmte Texte den Lesern unterschlagen werden; Texte z. B., die ein schlechtes politisches Profil generieren. Karrierechancen werden gekappt, weil das Leseprofil eines Kandidaten, das politische Lese-Führungszeugnis irgendwelche dummen Bemerkungen enthält. Sicher, solche Praktiken sind auch in anderen Bibliotheken mit jeder Art von Online-Ausleihe möglich, aber Google kann das mit der Vielfalt seines schon beinahe Monopol-artigen Angebots besonders gut. Google wir eines Tages einen eigenen Verlag gründen, in dem es seine Suchkunden nach Vorgaben, die von den Leseprofilen gefüttert werden, Texte schreiben lässt, die dem Lesegeschmack 100%ig entsprechen und in der hauseigenen Suchmaschine ganz oben angezeigt werden.

> Lesebericht:
McLuhan, Fiore, Das Medium ist die Massage

Am 9. September 2013 haben der Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V., der Deutsche Kulturrat, das Syndicat National de l’Edition, und der Sybdicat de la Librairie française in ihrer Erklärung > „Zukunft des Buches – Zukunft Europas“ an die fundamentale Bedeutung des Urheberrechts errinnert: Darin heißt es u.a.: „Das Autorenrecht ist der Kern des europäischen Urheberrechts. Der Urheber steht im Mittelpunkt dieses Rechts, er allein entscheidet, ob und wie sein Werk veröffentlicht wird. Dieser Grundsatz des europäischen Urheberrechts muss auch in der digitalen Welt mit ihren neuen Publikationsmöglichkeiten Bestand haben und darf nicht durch Anpassungen an die digitalen Gegebenheiten aufgeweicht werden.“

> Erklärung „Zukunft des Buches – Zukunft Europas“ von Deutscher Kulturrat, Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Syndicat national de l’édition und Syndicat de la Librairie Française

Mit allen Videos der Konferenz am 9. September 2013 in Berlin:
> Französische Botschaft lud zum Forum „Zukunft des Buches, Zukunft Europas“ – Frankreich-Blog

United State District Court Filed Souther District of New York: > Authors Guild v. Google Decision

Richter erlaubt Buchdigitalisierung von Google in Bibliotheken > „Unschätzbares Recherche-Werkzeug“ – Buchreport 15. November 2013.

> Google darf Millionen Bücher ins Internet stellen – FAZ, 14.11.2013

Ergänzung:

Michael Roesler-Graichen, > Verbeugung vor dem Monopolisten – boersenblatt.net – 19.11.2013


> Alex Rühle: Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline

Blogrückblick:

> Nicolas Sarkozy und das Urheberrecht 21. Januar 2011
> Sollen öffentlich geförderte Forschungsergebnisse wirklich kostenlos sein? – 7. Dezember 2009
> Der Google-Welt-Buchladen und das Urheberrecht – 31. Juli 2009
> Leser, Autoren, Verleger und Herausgeber – 22. Juli 2009
> Urheberrecht: Digital heißt nicht rechtlos – 26. April 2009
> Pause vom Internet: Netzstille oder Hilft das Internet beim Bücherschreiben? – 21. Januar 2010

> Web 2.0 – 38 Artikel auf unserem Blog


Nachgefragt: Michel Laub, Tagebuch eines Sturzes

Dienstag, 5. November 2013

Michel Laub haben wir auf dem Stand von Klett-Cotta auf der Frankfurter Buchmesse 2013 getroffen. Er hat einen Roman aus der Perspektive der Kriegsenkel verfasst. Die Folgen des KZ-Traumas prägen Großvater, Vater und den Erzähler selbst. Aber haben wirklich alle Sündenfälle mit der Vergangenheit zu tun? Für welche ist man selbst verantwortlich? Über die Zeit im Konzentrationslager Auschwitz hat sein Großvater nie gesprochen. Und auch nicht über seine Gründe, in Brasilien ein neues Leben zu beginnen.

laub-10-2013

In diesem Roman geht es darum, wie Wurzeln unsere Erinnerung bestimmen: „Mein Großvater sprach nicht gern von früher.“ (S. 7) Und auch wenn der Großvater eine fiktive Person in diesem Buch ist, ist es Laub vorzüglich gelungen, sich in in die Erinnerung seines Großvaters und ihre Folgen hineinzudenken: „Also käme es mir nicht eine Sekunde lang in den Sinn, all das zu wiederholen, wäre es nicht in gewisser Weise wichtig, um über meinen Großvater reden zu können, und in der Konsequenz auch über meinen Vater, und in der Konsequenz auch über mich.“ (S. 8) Klar, war ich ein wenig verdutzt, als Laub mir auch meine erste Frage offenbarte, dass sein Großvater eine Erfindung sei. Auf die Idee bin ich bei der Lektüre seines Buches gar nicht gekommen. Also, ganz ruhig bleiben und weiter fragen. Und Michel Laub hat dann erklärt, wie er auf die Idee zu seinem Buch gekommen ist:

Michel Laub
> Tagebuch eines Sturzes
Roman, aus dem Portugiesischen von Michael Kegler (Orig.: Diário da Queda)
1. Aufl. 2013, 176 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-93972-9

Lesebericht: Mark Z. Danielewski, Das Fünfzig-Jahr Schwert

Montag, 4. November 2013

Dieses Buch gebe ich nicht wieder her. Hier wird die Erzählung im Buch zum Film, seine Form macht es jedem erdenklichen E-Book weit überlegen. So ein schweres schön ausgestattetes Buch bei Tropen! Mit Umschlag und einem festen Deckel. Fast Hochglanz- aber schweres, hochwertiges Papier, viele Abbildungen, die – man merkt es schnell – unverzichtbarer Teil des ineinanderverwobenen Textes sind. Mark Z. Danielewski, > Das Fünfzig-Jahr Schwert. The Fifty Year Sword, New York 2012, übersetzt von > Christa Schuenke.

Sprechen wir zuerst über den Inhalt. Wir werden Zeuge einer Halloween-Party zu einem fünfzigsten Geburtstag in Osten von Texas. Wir lernen die Näherin Chintana kennen. Sie lebt verlassen und hasst ihre Rivalin Belinda (50). Fünf Waisenkinder gibt es dort, deren Sozialbetreuerin nur im Sessel sitzt. Satzfetzen typographisch aufgebrochen – das erinnert an Mallarmés Le Livre(1> mit bunten Anführungszeichen wieder in eine Ordnung gebracht, berichten die Ereignisse. Ein Geschichtenerzähler in Schwarz vor einer unheimlichen Kiste – „Die vielen Scharniere zeigten allesamt nach innen und zu ihm hin.“ (S. 72) zu seinen Füßen erklärt: „Ich bin ein böser Mann, mit einem finsteren Herzen,“ (S. 76) und „Weil ihr noch jung seid, will ich euch erzählen von meiner Suche nach einer Waffe.“ (ib.) Danielewski hat für uns ein schöne und grausame Horrorgeschichte verfasst. Fünf Stimmen und fünf Farben mit bunt gestickten Bildern geschmückt treiben die Geschichte voran. Und es gibt ein apodiktisches Ende um Mitternacht zur Geisterstunde, das alle Genre zu überwinden will. Nochmal von vorne. Der geheimnisvolle Erzähler nähert sich erzählend dem Inhalt der dunklen Kiste. Wie war noch der Titel dieses Buches? Was passiert, als er den Deckel anhebt ? S. 132 f. So klar steht so etwas selten in einem Buch. Tarff, Ezade, Inedia, Sithjiss und Micit sehen hinein und … nein, ich werde nicht alles verraten, die Erzählung ist auf ihrem Höhepunkt. Die Geschichte ist nicht aus, man fängt am besten gleich noch einmal an, denn mit dem Wiederlesen ist das wie mit einem erneutem Gang durch die gerade abgeschrittenen Museumssäle. Was man da nicht alles an Übersehenem entdeckt. Vielleicht verlief die Geschichte doch ganz als beim ersten Lesen? Noch geheimnisvoller? „Und das war nicht das letzte Mal. Im Gegenteil, es war erst der Anfang.“ (S. 136). Vielleicht muss ich es noch ein drittes Mal lesen, wie gesagt ich verleihe es nicht. > Aber hier steht es auch.

„Wenn Mark Z. Danielewski – Autor von > Das Haus und > Only Revolutions – eine Schauergeschichte erzählt, geht es um nicht weniger als eine Waffe in den Händen des Erzählers,“ steht zu Recht auf der Verlagsseite. „Ein literarisches Kunstwerk.“ Aber auch als Buch, wenn Autor, Verleger und Buchhändler es loslassen und in ihre Hände legen, ist das ganz ähnlich, denn sie alle wissen nicht, was der Leser aus dem Buch macht. Das Immer-Wiederlesen offenbart, wie Literatur funktioniert.

Es gibt eine schmale kursiv gesetzte Anleitung auf S. 10. Dann kann es losgehen. Die Wortfetzen sind notiert, wie gerade gehört, als wenn es eine Tonbandabschrift wäre. Der Erzähler ist gar nicht mehr mit dabei; der Leser wird zum Beobachter des Geschehens, denn die Form dieses schönen Buches trägt noch mehr als in anderen Büchern das hier geschilderte Geschehen. Eigentlich müsste man das Buch mit verteilten Rollen lesen, nur so erschließen sich die Sinnbezüge zwischen den vielen Statements, die typographisch bis auf einzelne Wörter heruntergebrochen werden.

> Ein Gespräch mit Mark Z. Danielewski über Das Haus
> Im Literaturhaus photographieren: Mark Z. Danielewski, Only Revolutions

> ‘The Fifty Year Sword’ by Mark Z. Danielewski – By Steven Moore,October 26, 2012 – Washington Post

> Das Fünfzig-Jahr Schwert
Roman, aus dem Englischen von Christa Schuenke (Orig.: The Fifty Year Sword)
1. Aufl. 2013, 288 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, zehnfarbig, Fadenheftung
ISBN: 978-3-608-50126-1

(1) Jacques Scherer, Le Livre de Mallarmé. Premières recherches sur des documents inédits, Paris: Gallimard, 1957; erweiterte Neuauflage 1978.

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