Verlagsblog

Archiv für Januar 2014

Das Februarheft 2014 des MERKUR ist erschienen

Montag, 27. Januar 2014

Im > Februarheft 776 des MERKUR begründet Horst Meier, warum der Verfassungsschutz aufgelöst werden sollte. Danach fragt Rüdiger Campe aufgrund seiner Schlegel-Lektüre nach dem Wissen der Literatur und fängt seinen Beitrag so an: „»Alle Gemüter, die sie lieben, befreundet und bindet Poesie mit unauflöslichen Banden.« So leitet Friedrich Schlegel das Gespräch über die Poesie ein, das er im Jahr 1800 im Journal der romantischen Dichter und Philosophen, im Athenäum, veröffentlicht.“ (S. 110) Später folgt dann die entscheidende Frage: „Was ist in der Unvermeidbarkeit des Widerstreits zwischen der Disziplin der Wissenschaft und dem Denken der Literatur wirksam?“ (S. 113) und untersucht auf dieser Grundlage die Literatur als Medium und Form.
Martin Sabrow untersucht, wie Zeitgeschichte geschrieben werden kann.

Heinrich Niehues-Pröbsting weist nach, dass sein Lehrer Hans Blumenberg Platons Höhlengleichnis falsch interpretiert hat. Ute Sacksofsky hat die Rechtskolumne verfasst und untersucht das Familienbild der Staatsrechtler: „Das Märchen vom Untergang der Familie“. Philip Manow mahnt die Politikwissenschaft sich zu der europäischen Euro-Krise endlich zu äußern: „Die Politikwissenschaft, von der man nun eigentlich eine Reflexion über Europas größte Nachkriegskrise hätte erwarten dürfen und möglicherweise auch Aufklärung über eben jene analytische Residualgröße »politischer Wille«, ist jedoch in den bislang fünf Krisenjahren erstaunlich still geblieben.“ (S. 150).

Gerhard Henschel geht mit dem Werk des Historikers Hans-Peter Schwarz hart ins Gericht. Christian Voller berichtet über den Briefwechsel zwischen Hans Blumenberg und Jacob Taubes.

In den Marginalien beschäftigt sich Helmut König mit der Debatte um Theodor Eschenburg, wo nochm,al alte überholte Positionen in Bezug auf die Nazizeit aufgewärmt werden. Jens Soentgen ist sich sicher, dass das Gerede von der Ressourcenknappheit meist ideologische Gründe hat. Der frühere Luchterhand-Verleger Hans Altenhein hat 66 Jahre lang den MERKUR gelesen. Leander Steinkopf schreibt nicht nur freundlich über Berlin. Peter Sprengel geht einer Wilhelm-Busch-Spur bei Rudolf Borchardt nach.

> MERKUR 777 Heft 2 /2014

Lesebericht: Adam Hochschild, Der Große Krieg

Mittwoch, 22. Januar 2014

Es gibt keine europäische gemeinsame Initiative für ein europäisches Gedenkjahr 2014, das den Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Erinnerung ruft.

Im November vergangenen Jahres hat Präsident Hollande das
> Gedenkjahr 1918-2014 eröffnet. Gleichzeitig ist eine Website zu diesen vier Gedenkjahren freigeschaltet worden: > 14-18 Mission-Centenaire, die auch auf deutsch angeboten wird > 14-18 Mission-Centenaire dt..

Sitographie und Bibliographie zum Ersten Weltkrieg >>

Auch 100 Jahre nach dem Beginn dieser entsetzlichen Katastrophe lohnt es sich, die Ereignisse, die 1914 zum Kriegsausbruch führten aus dem Blickwinkel der betroffenen Kriegsteilnehmer zu betrachten. > Jean-Noël Jeanneney, der frühere Direktor der Nationalbibliothek in Paris, der auch dem Gedenkjahr zur Französischen Revolution 1989 vorstand, hat in Frankreich eine Fotoband zum Ersten Weltkrieg veröffentlicht. Die Website > 14-18 Mission-Centenaire dt. dokumentiert auch die deutsche Sicht auf den Weltkrieg > Der 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs in Deutschland. Auf der Website der Bundesregierung steht bis jetzt nur ein Film (über Youtube): > 1914 – 2014: 1. Weltkrieg – heute darüber nachdenken?. Der Stuttgarter Historiker Wolfram Pyta hat in seiner Biographie > Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler. Siedler, München 2007, gezeigt, wie Paul von Hindenburg vor dem Hintergrund der Ereignisse des Ersten Weltkriegs seine politische Karriere begründen konnte. Die Untersuchung von Adam Hochschild, > Der Große Krieg. Der Untergang des Alten Europa im Ersten Weltkrieg, die Klett-Cotta in der Übersetzung von Hainer Kober vorgelegt hat, stellt die Geschichte des Ersten Weltkriegs aus einer europäischen Sicht vor und stellt dabei britische Protagonisten in den Vordergrund. Hochschild ist es gelungen, eine spannende Darstellung dieser viereinhalb Jahre zu verfassen, die die europäische Geschichte im 20. Jahrhundert mit so weitreichenden Folgen geprägt hat. Man muss immer wieder daran erinnern: 35 Prozent der deutschen Männer, die 1914 zwischen 19 und 22 Jahre alt waren, erlebten das Kriegsende nicht mehr. Auf französischer Seite fielen die Hälfte der Männer, die bei Kriegsbeginn zwischen 20 und 32 Jahre alt waren. (vgl. S. 10)


> „1914 – Versagen der Diplomatie“: Paneldiskussion im Auswärtigen Amt, 28. Januar 2014 via Frank-Walter Steinmeier auf Facebook

> Grußwort von Außenminister Steinmeier zur Veranstaltung „1914 – Versagen der Diplomatie“ – Website des Auswärtigen Amts

Frank-Walter Steinmeier , > 1914 – Vom Versagen und Nutzen der Diplomatie – Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25. Januar 1914

> WebPortal Europeana 1914-1918 – Seit 29.1.2014


1897 wird das 60. Thronjubiläum Königin Viktorias gefeiert. Großbritannien ist auf dem Zenit seiner Macht, sein Staatsgebiet umfasst ein Viertel der Erde. (vgl. S. 22) Man kennt die Berichte der Zeitgenossen von damals, und man erinnert sich an Fotos der losziehenden Soldaten. Alle glaubten, zur Ernte wieder zu Hause zu sein. Nur wenige konnten sich vorstellen, welch ungeheures Gemetzel z.B. im Stellungskrieg in Nordfrankreich Hunderttausende das Leben kosten würde. Keiner konnte vorhersehen, dass mit diesem Massaker das alte Europa untergehen würde. Niemand ahnte die entsetzlichen Auswirkungen von Giftgasen, von deren Einsatz man sich Geländegewinne versprach, einige hundert Meter, die schnell wieder verloren gingen. Die britische Sicht auf den Krieg, die Hochschild einnimmt (vgl. bsds. S.16 f.), ist ein großer Vorteil für diese Untersuchung, in der auch Einzelschicksale als Kriegsteilnehmer und Kriegsgegner, der Riß ging durch durch Familien, sehr eindrucksvoll erzählt werden. Hochschild erzählt auch, wie Intellektuelle und Schriftsteller sich zu Propagandisten für den Krieg machen ließen. Er berichtet von den Befürwortern des Krieges (u. a. Rudyard Kipling, H. G. Wells, Conan Doyle und John Galsworthy) wie von der allmählich wachsenden Zahl der Kriegsgegner.

Hochschild erzählt die Erfindung von Hiram Maxims Maschinengewehr (vgl. S. 39), das schon ab 1884 500 Schuss pro Minute verschießen konnte. 1914 haben auch die Truppenführer noch nicht seine verheerende Wirkung und die fruchtbaren Verluste der Infanterie vorhergesehen. Sir John French war 1907 zum Generalinspekteur ernannt worden. Erst als der Krieg immer länger dauerte begann er allmählich einzusehen, dass es für die berittene Kavallerie keine Perspektiven mehr gab. Neben den vielen Einzelschicksalen erzählt Hochschild, die Geschichte der Bündnissysteme vor 1914 (Vgl. S. 70f), deren Schutzfunktion mit den sich gegenseitig überbietenden Kriegserklärungen 1914 einfach in sich zusammenbrach.

In die Geschichte hat Hochschild auch die Biographie von Keir Hardie, dem Mitbegründer der Independant Labour Party, eingewoben. Als der Aufstand in Irland begann, vernahm man die Ende Juni die Nachricht von der Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand von Österreich-Este und seiner Frau Sophie in Sarajewo am 28. Juni. Zunächst wurde diesem Doppelmord in England keine besondere Aufmerksamkeit gewidmet. „Die Eigendynamik der Mobilmachungen und Ulimaten war nicht mehr aufzuhalten…“ (S. 125) Österreich-Ungarn erklärte am 28. Juli Serbien den Krieg, am 3. August erklärte das Deutsche Reich Frankreich den Krieg, am 4. August erklärte Großbritannien Deutschland den Krieg… Nach anfänglichen Erfolgen kamen die Deutschen bis auf 37 km an Paris heran. (vgl. S. 168) Die Franzosen drängten sie – das Wunder an Marne mit vielen hundert Paris Taxis für den Truppentransport – auf 70 km zurück. Bald darauf erstarrte die Front in einem zermürbenden Grabenkrieg, den > Ernst Jünger in seinem > Kriegstagebuch 1914–1918 oder In Stahlgewittern geschildert hat. Bis Ende 1918 bewegte sich die Front manchmal nur um ein paar hundert Meter hin und her, die Granatrichter pflügten das Land mehrmals um.

Hochschilds Buch hatten den großen Vorzug, die Art und Weise, wie in England die öffentliche Unterstützung zugunsten des Krieges mobilisiert wurde, in allen Einzelheiten zu schildern. Am Anfang des Krieges wurden Nachrichten von der Front wie so oft mit Erfolgen, die sich bald in Nichts auflösten geschönt. Die hohen Verluste führten 1916 in England zur Einführung der Wehrpflicht (vgl. S. 239), der Widerstand wurde verschärft.

Mit der Parallelbiographie eines Geschwisterpaars, des Feldmarschalls John French und der Frauenrechtlerin Charlotte Despard gelingt Hochschild ein Meisterwerk, Ereignisgeschichte verbunden mit der Militärgeschichte und der Geschichte der politischen Ideen bewirken ein Spannung, die in Büchern zum Ersten Weltkrieg ihresgleichen sucht.

Und immer wieder neue mörderische Schlachten, in denen sich die traditionelle Militärtaktik als überholt erweist. Beinahe soll, als wenn die Technik der menschlichen Beherrschung entglitten wäre. Der Aussicht, ein wenig Gelände zu erobern fallen Tausende zum Opfer. Keine Seite will von den großen Verlusten reden, sondern lobt Tapferkeit und Kühnheit der eigenen Soldaten. (Vgl. S. 271) Nicht in Nordfrankreich wird gekämpft, deutsche U-Boote versenkten 5282 Handelsschiffe (vgl. S. 284), auch im Kaukasus fielen womöglich anderthalb Millionen Armenier den Türken zum Opfer. (vgl. S. 257) Den Wahnsinn beenden? Könnte ein Superwaffe den Durchbruch bringen? Die ersten langsamen und schwerfälligen Panzer tauchten auf. Die Medien in den am Krieg beteiligten Staaten bekamen eine neue Rolle im Rahmen der Kriegsgpropaganda. In England wurde die Battle of Somme mit 100 Kopien noch vor Ende der Schlacht in die englischen Kinos gebracht. (vgl. S. 297)

Mit seiner Darstellung stellt Hochschild implizit die Frage, ob es Europa und der Welt künftig gelingen wird, eine Wiederholung dieser Geschichte zu vermeiden?

Klappentext: „Der Erste Weltkrieg bleibt die Chiffre für den ewigen Wahnsinn von Kriegen. Warum gerieten so viele Nationen in einen Rausch der Gewalt? Warum über vier Jahre sinnloses Massensterben? Warum setzten sich kühlere Köpfe nicht durch? Ein fesselndes Buch, das Ereignisgeschichte und große Porträtkunst meisterhaft verbindet.“

Adam Hochschild wurde 1942 in New York City geboren. Er lehrt an der Graduate School of Journalism der University of California, Berkeley. Er lebt als Autor und Journalist in San Francisco und schreibt im »New Yorker«, in »Harper’s Magazine «, »The New York Review of Books«, »The New York Times Magazine«, »Mother Jones« u. a. m. Seine Bücher wurden in fünf Sprachen übersetzt und gewannen zahlreiche Preise, u. a. den Preis des World Affairs Council und der Society of American Travel Writers. »Schatten über dem Kongo« erhielt 1998 die Goldmedaille des California Book Awards für Nonfiction.

Adam Hochschild
> Der Große Krieg. Der Untergang des Alten Europa im Ersten Weltkrieg
Aus dem Amerikanischen von Hainer Kober (Orig.: To End All Wars. A Story Of Loyalty And Rebellion, 1914-1918)
2. Aufl. 2013, 525 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit zahlreichen Fotos und Illustrationen im Tafelteil, Landkarten und Lesebändchen
ISBN: 978-3-608-94695-6

Ausgepackt und durchgeblättert
Colin McEvedy, Städte der Klassischen Welt

Mittwoch, 22. Januar 2014

Aus dem Nachlass von Colin McEvedy (1930-2005) erschien 2011 unter dem Titel „Cities of the Classical World. An atlas and gazetteer of 120 centres of ancient civilization“ ein Stadt- und Reiseführer durch die klassische Welt: Jetzt ist dieses Buch in der Übersetzung von Susanne Held bei Klett-Cotta erschienen > Städte der Klassischen Welt. 120 Zentren der Antike von Alexandria bis Xanten. Colin McEvedy (1930–2005) war ein britischer Psychoanalytiker, Historiker und Demograph. Er besuchte die Eliteschule Harrow, wo er seine Leidenschaft für Jazz und Alte Geschichte entdeckte. McEvedy studierte Medizin am Magdalen College in Oxford, wo er sich einen Python als Haustier hielt.

Weniger als Psychiater, viel mehr als Historiker und Autor viele historischer Atlanten wurde McEvedy bekannt. 1978 veröffentlichte er zusammen mit Richard Jones den Atlas of World Population History. Danach begann er mit Band über die klassischen Städte. Douglas Stuart Oles berichtet in seinem Vorwort von der ungeheuren Erfahrung und Wissen, die McEvedy bei der Beschreibung der alten Städte zugute kam, deren Karten er selbst erstellte. Die Zusammenfassung der Beschreibung einer Stadt auf wenigen Seiten erforderte ein hohes Maß von Informationen aller Diszplinen: Wirtschaft, Militär, Politik, Ökonomie, Architektur und Kultur. Auf diese Wiese ist eine Standardwerk entstanden, das zum Blättern und Lesen einlädt. Tatsächlich verdienen die Karten besondere Aufmerksamkeit, sehr oft ist es die vorgefundene Topographie, die die Anlage der Städte bestimmt, manchmal wird das Schachbrettmuster als Plan für die Stadt wie in Köln oder Pavia zugrundegelegt.

McEvedy stellt uns hier eine beeindruckende Vielfalt der antiken Welt vor. Sein Werk ist Reiseführer und Nachschlagewerk zugleich. Wie oft liest man über die Namen der Städte hinweg, ohne sich ihrer Stellung oder gar ihrer Bedeutung bewusst zu sein. Die Präzision von McEvedys Beschreibungen sind eine bereichernde Lektüre, die zu weiterer Lektüre über die Alte Welt – z. B., Robin Lane Fox, > Die klassische Welt. Eine Weltgeschichte von Homer bis Hadrian – anregt, genauso wie zum > Reisen zwischen York und Babylon oder zwischen Mérida und Aquincum. McEvedy weiß, wie er seinen Lesern seine Passion für die Stadtgeschichte vermittelt, was auf den ersten Blick wie ein Nachschlagewerk aussieht, entwickelt sich beim Blättern zu eine Geschichtsbuch der besonderen Art. Ein ausführliches Quellenverzeichnis, Orts- und Namensregister ergänzen den Band.

Colin McEvedy
> Städte der Klassischen Welt. 120 Zentren der Antike von Alexandria bis Xanten
Aus dem Englischen von Susanne Held (Orig.: Cities of the Classical World)
1. Aufl. 2013, 537 Seiten, Halbleinenband mit Prägung, Lesebändchen, zahlreichen Zeichnungen und zwei Vorsatzkarten
ISBN: 978-3-608-94771-

Ausgepackt und aufgeschlagen
Steffen Patzold, Ich und Karl der Große

Dienstag, 21. Januar 2014

Zum 1200. Todestag Karls des Großen am 28. Januar 2014 hat Steffen Patzold ein Buch über Einhard (um 770-840), der die Vita Karoli Magni verfasst hat, geschrieben: > Ich und Karl der Große. Das Leben des Höflings Einhard.

Wollen Sie mal so richtig spannend geschriebene Geschichte lesen? Eintauchen in die faszinierende Zeit Karls des Großen und seines Sohnes Ludwig der Fromme (778-840)? Mal wieder ein Buch aufschlagen, und alles um sich herum vergessen? Dann lesen Sie das Vorwort und das erste Kapitel dieses Buches „CONVENTUS Das Treffen von Seligenstadt„.

Es geht um den Codex mit der Signatur 11, den sie in der > Humanistischen Bibliothek von Sélestat finden. Wer alles dieses Buch schon in der Hand gehabt hat! Patzold berichtet mit kriminalistischem Spürsinn, dass eine kleine Bemerkung eines Kopisten wohl aus einer Vorlage stammt und verrät, dass Einhard wohl bis 836 an der Vorlage gearbeitet hat. Diese kleine Beobachtung gewinnt an großer Bedeutung, denn dann würde die Bemerkung Huc usque enhardus ein Hinweis darauf oder gar der Beweis dafür sein, dass Einhard selbst über die Reise des Kaisers 836 nach Seligenstadt zu den Gräbern der Märtyrer Marcellinus und Petrus und der Gemalin Emma von Einhard berichtet hätte. Patzold: „…die knappe Nachricht über den Kaiserbesuch, die im Codex 11 der Humanistenbibliothek von Sélestat überliefert wird, leiht der Phantasie Flügel: der ergraute Herrscher, eigens aus Frankfurt angereist…“ (S. 16).

Natürlich sind die mittelalterlichen Quellen dürftig, um ein ganzes Menschenleben en détail von allen Seiten zu beleuchten und zu erzählen. Der Historiker muss recherchieren, kombinieren, um zu berichten, „wie es eigentlich gewesen“: „Ich erzähle über den Einhard, den ich geschaffen habe.“ Wenn Sie im Buchladen dieses erste Kapitel gelesen haben, werden Sie sehr wahrscheinlich als nächstes in ihre > Lieblingsbuchhandlung eilen, um zu gucken, ob sie dieses Buch schon vorrätig hat.

Steffen Patzold
> Ich und Karl der Große
Das Leben des Höflings Einhard
1. Aufl. 2013, 407 Seiten, 8 Abbildungen im Tafelteil, zahlreichen SW-Abbildungen und zwei Vorsatzkarten
ISBN: 978-3-608-94764-9

Diskussion in Berlin: Zur Lage des Essays

Mittwoch, 8. Januar 2014

Am Freitag, dem 10. Januar, veranstaltet der Merkur in Kooperation mit dem Peter-Szondi-Institut der FU Berlin ein Podiumsgespräch “Zur Lage des Essays”. Es diskutieren Georg Stanitzek (Autor von Essay-BRD und des aktuellen Merkur-Aufmachers > Zur Lage der Fußnote), Michael Rutschky, Kathrin Passig und Amanda DeMarco (Readux).

Ort: Topoi-Building der FU in Dahlem. Beginn 18 Uhr.
Moderation: Tobias Haberkorn (FU) und Ekkehard Knörer (Merkur).

Die Veranstaltung ist öffentlich und der Eintritt ist frei.

Der MERKUR für den Januar 2014 ist erschienen

Freitag, 3. Januar 2014

Ich vermisse die Fußnoten in diesem Heft. Die > Januarausgabe 2014 des MERKUR(1) bietet eine Untersuchung von Georg Stanitzek zur »Lage der Fußnote« an.

Man könnte sich ja auch angewöhnen, die Anmerkungen in ein kleines Kästchen im Text zu packen:

(1) Wir haben auf unserem Blog schon öfters über die Lieblingszeitschrift des Autors unseres Blogs berichtet: > MERKUR.

Fußnotenlose Texte sind schöner, stimmt. Der Lesefluß wird nicht gehemmt. Aber oft wird das Nachschlagen einer Fußnote – sind sie hinten im Buch platziert – zu einer Qual, welches Kapitel, welche Seite, welche Nummer der Fußnote? „Mit der Einrichtung von Endnoten findet das eigentliche Drama der ungeliebten Fußnote statt.“ (S. 7) Und dann wieder zurückblättern: In welchem Kapitel war ich eben noch? Stanitzek hat eine wunderbare Ästhetik, ja geradezu eine Phänomenologie der Fußnote mit historischen und rhetorischen Aspekten verfasst. Danach werden Sie sich dreimal Überlegen, ob Sie wirklich etwas befußnoten wollen. Fehlen die Fussnoten mutiert der Text zum Essay.(2) Keine Fußnoten, keine Anmerkungen, keine Belege, keine Referenzen machen auch Ärger und geben leicht zu Vermutungen Anlass, der Autor habe irgendwo abgeschrieben.

(2) S. auch in diesem Heft: Jürgen Kaube, Der Essay als Freizeitform von Wissenschaft, S. 57-61.

Manchmal kann man ein kleines Problem, das nicht in den Text gehört, aber genannt werden muss, wenn es wirklich nicht rausgekürzt werden kann, elegant in die Fußnote stellen. Ich mag das, und Stanitzek erinnert daran, dass Wikipedianer solches Nachdenken mit „TF“ als Theroriefindung brandmarken, denn in Wikipedia darf nur im Beleg erscheinen, was es wirklich gibt.(3)

(3) Man müsste auch die Abkürzung FB für falsche Behauptung erfinden, um Artikel zu kennzeichnen, die gar nicht so recht der Wahrheit entsprechen:
> Albert Camus et Wikipédia – So was gibt es schon in Wikipedia, nur ist die Prozedur, die kollektive Intelligenz dazuzubewegen, Korrekturen anzunehmen, langwierig und führt zu endlosen Diskussionen.

„Wissenschaftliche Kommunikation kann sehr wohl ohne Anmerkungsapparate stattfinden, erwiesenermaßen.“ (S. 8) Man kann Stanitzek gar nicht widersprechen, und man durchaus einen wissenschaftlichen Essay so formulieren, damit alle Belege im Text erkennbar sind. Folgerichtig kommt Stanitzek auf die Digression zu sprechen, die die Kunst des Essays eigentlich nur noch verstärkt, weil sie nützlich ist, um das Thema von verschiedenen Perspektiven diskutierend in den Blick zu nehmen. Montaigne hat nichts anderes gemacht. Und in Sartres > Flaubert-Untersuchung (Links im Text sind viel praktischer als die alten Fußnoten) füllen die Digressionen zuweilen über 100, 200 Setien lang, danach stellt er fest, jetzt habe er dies oder jenes Problem aus der Jugend Flauberts behandelt, er habe nun dieses oder jenes Ergebnis, und nun könne es weitergehen. Genug. Stanitzeks Artikel über die Fußnoten ist sehr empfehlenswert. Ein kluger Essay ohne Fußnoten.

> MERKUR. Blog der deutschen zeitschrift für europisches Denken

Carlos Spoerhase betrachtet die Gegenwartsliteratur als Gegenstand der Literaturwissenschaft und greift auch die Frage auf, inwieweit die Aussagen des Autors zur Interpretation seiner Werke berücksichtigt werden muss oder sollte: „Im Unterschied zu längst verstorbenen Autoren kann der noch auskunftsfähige und häufig auch emphatisch auskunftswillige Autor von Gegenwartsliteratur dem Literaturwissenschaftler als Quelle für Informationen über seine Person und seine Innenwelt, seine Intentionen und Schreibmotive sowie die Genese seiner Texte dienen.“ (S. 21) Das Ergebnis ist eindeutig: „Unter der Hand führt dieses Verfahren der Gewinnung von »Daten« aber zu einer prekären Verschränkung von Beobachtung und Teilnahme und zu einer unkontrollierten Aufwertung autorzentrierter Interpretationsverfahren.“ (S. 21 f.) „L’homme et l’oeuvre“ – der missliche Interpretationsansatz, das Werk eines Autors mit der Kenntnis seines Lebens deuten zu wollen. > Sartre merkte einmal in Was ist Literatur? (1947) an, Kritiker würden sich meist nur um nicht lebende Autoren kümmern, ihre Bücher ständen wie Urnen in einem Kolumbarium, und diese Kritiker hätten eben nicht den Mut noch nicht (endgültig) beurteilte Werke lebender Autoren zu besprechen. Das hat sich geändert, wie Spoerhase dies einleuchtend dargelegt. Nur wird zu oft in den Medien mehr über die Autoren als über ihre Bücher gesprochen: „Wenn sich heute Literaturwissenschaftler treffen, um das Werk von Gegenwartsautoren zu diskutieren,
empfinden sie es dagegen als besondere Auszeichnung, wenn diese der Veranstaltung persönlich beiwohnen. Dabei wird ihnen in der Regel nicht die Rolle der stillen Beobachter, sondern jene der aktiven Selbstdeuter und Fremdzensoren zugewiesen, wogegen viele Autoren auch nichts einzuwenden haben: Sie halten Eröffnungsvorträge und geben Schlusskommentare und werden damit zu einem Teil der literaturwissenschaftlichen Deutungsgemeinschaft.“ (S. 22)

Ernst-Wilhelm Händler untersucht mit Georg Simmels Philosophie des Geldes von 1900 die klassische und Verhaltensökonomie.

Wolfgang Kemp liest in seiner sechsten und letzten Ästhetikkolumne die Schrift an der Wand.In seiner Popkolumne erzählt Eckhard Schumacher Nachtlebensgeschichten. Robin Celikates hat sich mit dem französischen Soziologen Luc Boltanski befasst, der jüngst die Nähe von Soziologie und dem Privatdetektiv beobachtet hat. Christian Schärf hat Elias Canettis »Masse und Macht« als Großessay gelesen.

Und dann die Marginalien: Jürgen Kaube schreibt über »Der Essay als Freizeitform von Wissenschaft«. Matteo Galli „The Artist is Present“ und das Zeitalter der Poetikvorlesungen.
David Klett hat eine Apologie der Tautologie erdacht. Dirk Baecker legt eine »Rechnung mit drei Unbekannten« vor. Katy Derbyshire hat eine Erzählung von Christa Wolf übersetzt und berichtet über ihre Erfahrungen. Tobias Haberkorn war in Neapel, Kenneth Goldsmith meint, der dümmste aller Dichter zu sein, und Hannes Böhringer zögert zwischen Sokrates und der Schule. Und zuletzt gibt es noch das Journal von Stephan Herczeg.

> MERKUR 776 Heft 01 /2014

Literatur – Sachbuch – Blog – Klett-Cotta
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