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Archiv für Juli 2014

Lesebericht: Faramerz Dabhoiwala, Lust und Freiheit. Die Geschichte der ersten sexuellen Revolution

Mittwoch, 23. Juli 2014

Kulturgeschichte! Faramerz Dabhoiwala hat ein Buch mit dem Titel > Lust und Freiheit. Die Geschichte der ersten sexuellen Revolution geschrieben, das von Esther und Hainer Kober übersetzt worden ist. Noch im 17. Jahrhundert wurde vorehelicher Sex in Europa hart bestraft. Erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts und im 18. Jahrhundert änderte sich die Einstellung zur Sexualität grundlegend. Das ist das Thema dieses Buches, das der Autor mit einer großen Zahl sehr treffend aus gesuchter Quellen belegt und erläutert.

Wie kam es zwischen 1660 und 1800 im Zusammenhang mit der „Geburt des modernen Bewußtseins“ (S. 11) zu so weitreichenden Änderungen in Bezug auf die sexuellen Einstellungen? Faramerz Dabhoiwala zeigt ihre direkten Bezüge zur Zeitgeschichte, aber er will auch darlegen, „dass die sexuelle Revolution ein entscheidender Aspekt Aspekt der europäischen und amerikanischen Aufklärung war.“ (S. 11) Die Sexualität belegt, wie sich die Grundsätze der Aufklärung, wie u. a. Privatheit, Gleichheit und Freiheit ausbreiteten. Der Autor hat ein besonderes Interesse dafür, wie gesellschaftliche Entwicklungen – Handel, Kommunikation, soziale Organisationen, das Verhältnis zur Sexualität veränderten. Der Prolog betrachtet den historischen Hintergrund seit dem Mittelalter und der frühen Neuzeit. Drakonische Strafen sanktionierten jede Form sexuellen Missverhaltens. Nicht nur moralische Vorstellungen rechtfertigen die Strafen, auch mit „politischen, philosophischen und psychologischen Annahmen über den Zweck des Regierens, die menschliche Natur, die Glaubensethik und die Unvollkommenheit des menschlichen Verstandes“ (S. 46) wurde der Kampf gegen die Gefahren der Unmoral gerechtfertigt.

Faramerz Dabhoiwala beobachtet die Verschärfung der moralischen Sanktionen nach der Reformation, kann aber auch durch den Niedergang der Einheit des europäischen Christentums und der damit verbundenen religiösen Teilung den Verfall und das Ende Ende der sexuellen/öffentlichen Disziplinierung. (vgl. S. 46 ff.) belegen. Religionsfreiheit, Bürgerkrieg, die Abschaffung der Monarchie, der Königsmord trugen dazu bei in England im 17. Jahrhundert die Praxis der öffentlichen Sanktionen der Unkeuschheit in Frage zu stellen. Das passierte nicht überall. Auf dem Land funktionierte die öffentliche moralische Überwachung noch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Ganz anders in London, wo die Bevölkerungsexplosion neue soziale Beziehungen entstehen ließ. Statt einer Befreiung entwickelten sich zuerst neue Regeln für die Keuschheit in Form beispielweise der Tugendgesellschaften (S. 67 ff), die alle Formen sozialen Missverhaltens in den Blick nahm und an den Unzulänglichkeiten ihrer eigenen Organisation scheiterten. Ihr Misserfolg entzog auch viele Formen des außerehelichen Sex dem Geltungsbereich der Gesetze und bereitete den Aufstieg der sexuelllen Freiheit (Kap. 2, S. 94 ff.) vor.

Die sexuelle Disziplinierung war ein Folge des Tolerance Act von 1689, der die religiöse Pluralität legalisierte am Ende. Faramerz Dabhoiwala zeigt anhand vieler interessanter Belege aus Literatur und Philosophie wie sich die Rechtsprechung entwickelte. Der Autor dieses Leseberichts verspürt hier die Lust am ausführlichen Zitieren, dann würde dieser Bericht zur Recht die Längen der hier üblichen Leseberichte um einiges übertreffen. Die Belege sind so vorzüglich ausgesucht und treffsicher analysiert, so dass diese Kulturgeschichte der Sexualität zu einem wahren Lesevergnügen führt. Wie oft bei derartigen Entwicklungen rund um den Sex schlägt das Pendel nach beiden Seiten aus. Manchmal kommt es zu neuen Restriktionen, genausogut wie zu neuen bis dahin ungeahnten Freiheiten, wie der Auffassung, dass außerehelicher Sex dem Gemeinwohl diene. (vgl. S. 132) Bernard Mandevilles (1670-1733), Die Bienenfabel oder private Laster, öffentliche Vorurteile verteidigte 1714 die Prostitution. (vgl. S. 134 ff).

Die im Netz verfügbaren Online-Bibliotheken erleichtern es, den Anregungen von Faramerz Dabhoiwala nachzugehen: Er berichtet von dem langen Bericht von Lady Vane über ihr ehebrecherisches Liebesleben, der 1751 als Teil von Tobias Smolletts Roman > The Adventures of Peregrine erschien.

Kapitel 3 Der Verführungskult: Samuel Pepys (1633-1703) begegnet der Frau seines Untergebenen William Bagwell und kann ihr nicht widerstehen: „Which I did, and by and by did go down by water to Deptford, and then down further, and so landed at the lower end of the town, and it being dark ‘entrer en la maison de la femme de Bagwell’, and there had ‘sa compagnie’, though with a great deal of difficulty, ‘neanmoins en fin j’avais ma volont d’elle’, and being sated therewith, I walked home to Redriffe, it being now near nine o’clock, and there I did drink some strong waters and eat some bread and cheese, and so home.“ S. Pepys, > Diary, 20. Feb 1665.

Kapitel 4 – Die neue Welt der Männer und Frauen: In diesem Kapitel häufen sich die Belege aus der Literatur. Beeindruckend, mit welcher Akribie Dabhoiwala literarische Quellen gefunden und ausgewertet hat.

Eine breiten Raum widmet Dabhoiwala im 5. Kapitel den „Ursprüngen des Frauenhandels“ und stellt ausführlich die Magdalen Hopistals vor, die auch Samuel Richardson in seinem Roman > Clarissa unterstützt hat.

Kapitel 6 – Die Medien und die Botschaft. Mit dem Aufstieg er Massenkultur und dem intensiven Verbreitung von Bildern verschafft die Verwandlung der Kommunikationswelt der öffentlichen Diskussion über Sexualität neue Perspektiven die bis zur Manipulaiton der Öffentlichkeit (vgl. S. 390) reichen.

Im Epilog behandelt Dabhoiwala „Moderne Sexualkulturen – vom viktorianischen Zeitalter bis zum 21. Jahrhundert.

Historische Darstellungen, die literarische Quellen richtig gut auffinden und bewerten können, sind nicht sehr häufig anzutreffen. Dabhoiwala ist dies in exemplarischer Weise gelungen. Er zeigt, wie Literaten schon früh immer wieder in der öffentlichen Diskussion Stellung bezogen haben, auch gegen den Strich der Öffentlichkeit. Er zeigt aber auch Schriftsteller in ihrer Reaktion auf die Veränderung von gesellschaftlichen Zuständen. Nebenbei wird deutlich, dass nicht nur die großen Erschütterungen der Zeitgeschichte, sondern auch gesellschaftliche Entwicklungen die Transformation politischer Gegebenheiten angestoßen haben. Sie spüren, dass der Autor dieser Zeilen den Umfang dieses Leseberichts nach der Lektüre dieses Buches gerne mal so richtig sprengen möchte, er dann aber die Spannung für den Leser, wie Dabhoiwala mit den vielen literarischen Quellen umgeht, ein wenig nehmen würde.

Faramerz Dabhoiwala
> Lust und Freiheit. Die Geschichte der ersten sexuellen Revolution
1. Aufl. 2014, aus dem Englischen von Hainer und Esther Kober (Orig.: The Origins of Sex), 536 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag und 77 Abb.
ISBN: 978-3-608-94772-4

Ferienlektüre: Albert Cohen, Die Schöne des Herren

Mittwoch, 23. Juli 2014

Auf Facebook hat ein Freund von mir eben an Albert Cohens Roman Belle du seigneur erinnert. Ein guter Grund hier sofort nochmal auf unseren Lesebericht zu > Die Schöne des Herren hinzuweisen, der so anfing: „Sie haben Ihr Büro hinter sich gelassen? Ihren Urlaub noch vor sich? Dann nehmen Sie dieses Buch mit seinen fast 900 Seiten mit und beginnen Sie ein wahres Leseabenteuer. Mit Albert Cohens > Die Schöne des Herrn legt Klett-Cotta einen der wichtigsten und schönsten französischen Romane des 20. Jahrhunderts in einer überarbeiteten Übersetzung durch Michael von Killisch-Horn wieder vor. 1983 erschien die erste Auflage in der Übersetzung von Helmut Kossodo.

1968. Albert Cohen veröffentlicht seinen Roman Belle du seigneur. Solal ist Diplomat beim Völkerbund, Jude, und begegnet Anfang der 30er Jahre Ariane Deume. Er befördert ihren Mann, Adrien, und schickt ihn auf eine zwölfwöchige Dienstreise. Am Abend vor seiner Abreise, lädt Solal beide zu einem Essen ein. Nur Adrien erscheint, dem Solal ankündigt, er wolle eine Dame aus dem Himalaya verführen. Adrien, der zunächst alleine gekommen war, zögert nicht, vermutet ncihts, zieht sich zurück. Ariane erscheint doch noch und Solal erklärt ihr: …“ > Mehr

Kommt in Ihren Reisekoffer? Nicht wahr?

Albert Cohen, > Die Schöne des Herrn
Aus dem Französischen von Helmut Kossodo in einer Überarbeitung durch Michael von Killisch-Horn (Orig.: La Belle du Seigneur)
1. Aufl. 2012, 891 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-608-93939-2

Aufgeschlagen: Eiríkur Örn Norðdahl, Böse

Montag, 21. Juli 2014

Von Eiríkur Örn Norðdahl ist gerade bei TROPEN der Roman > Böse erschienen. Die jüdische Studentin Agnes Lukauskaite hatte 2007 ihre Abschlussarbeit über die „Kollaboration der Einwohner von Jurbarkas mit dem Einsatzkommando Tilsit bei der Massenvernichtung von Juden und anderem unerwünschten Gesindel in diesem uralten Schtetl und seiner Umgebung“ (S. 65) abgegeben. Die Masterarbeit sollte die Nazis in Island behandeln. Der Holocaust ist für sie eine Obsession geworden. In diesen Tagen beginnt sie ausgerechnet mit dem Rechtsextremisten Arnór eine Affäre. Wieso lässt sie sich auf ihn ein? Ihn, der so fies zu ihr ist? (vgl.S. 53) Und da ist noch Ómar (28), ein Langzeitstudent, der gerade über das „Neue Passiv“ schreibt, in den sie sich mit 29 verliebt: „Eines Tages warf sich Agnes in Ómars Arme…“. (S. 7) Sie trifft ihn in einer Taxiwarteschlange, am nächsten Morgen putzt er sich mit ihrer Zahnbürste die Zähne. Dreist findet sie das, aber „er war auch ein höchst ansehnliches Mannsbild“ (S. 16) Private und die zeitgeschichtliche Katastrophen gehen schnell ineinander über und verhaken sich unauflöslich.Omar zieht mit seinen Büchern bei ihr ein. Später kündigt sie ihre Wohnung, gönnt der Masterarbeit eine Pause und verhökert mit Ómar Bücher und DVDs auf dem Flohmarkt.

Eiríkur Örn Norðdahl entführt den Leser zu einer wilden Reise durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts, in der Erinnerungen und aktuelle Ereignisse verbunden werden. Die Jüdin Agnes stammt aus Litauen, Ómar ist als Geisteswissenschaftler eher antriebslos und das ganze Gegenteil des Neonazis Arnór. Was dabei herauskommt ist ein aufregende Dreiecksgeschichte. Ein Wunder geschieht, Ómar hat seinen Abschluss und Agnes ist schwanger, wer aber ist der Vater? Ómar oder Arnór? Als Ómar mitbekommt, dass Agnes was mit Arnór hat, ist im wahrsten Sinne des Wortes die Hölle los. Ómar rastet aus, zündet das Haus an und verschwindet mit dem nächsten Flieger.

Aufgeschlagen heißt einmal reingucken, aber der Roman > Böse verführt zum Dranbleiben und Weiterlesen. Agnes wird wieder durch die historischen Erinnerungen und aktuellen Ereignisse in ihre Masterarbeit hineingezogen. Geschichte und ihre Folgen könnte der Untertitel für diesen Roman lauten. Agnes‘ eigene Biographie vermischt sich mit den historischen Ereignissen: „Ziel meiner Untersuchung ist es, den Rechtspopulismus in der isländischen Parteipolitik mit entsprechenden Tendenzen in der Politik auf dem europäischen Festlnad zu verglecihen…“ (S. 135)

> Eiríkur Örn Norðdahl ist auf Lesereise:
29.7., 19 h 30 in Eckernförde, 30.7.. 20 h in Friedrichstadt, 31.7., 20 h, in Kiel und dort auch am 1.8. um 20 h auf dem Kulturfest.

> Leseprobe

Eiríkur Örn Norðdahl,
> Böse
1. Aufl. 2014, aus dem Isländischen von Tina Flecken und Betty Wahl, 658 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-608-50143-8

Iring Fetscher (1922-2014)

Montag, 21. Juli 2014

Der Politikwissenschaftler Iring Fetscher ist am vergangenen Samstag im Alter von 92 Jahren gestorben.

Der MERKUR berichtet in Form eines Nachrufs > Von den Wichtelmännern oder vom Vorteil der Rückverwandlung von Mehrwert in Kapital und der Nützlichkeit der Mystifikation (Archiv) die Verbindunungen, die Iring Fetscher lange zum MERKUR gepflegt hat: „Zwischen dem März 1962 (Asien im Lichte des Marxismus) und dem Januar 1985 sind 28 Texte von Fetscher im Merkur erschienen, kurze Rezensionen ebenso wie lange Essays (etwa Widersprüche im Neokonservatismus aus dem Februar 1980) und verdammt lange Essays wie der 19-Seiter Die Sicherung des Friedens aus dem Juli 1967… “ und dann zeigt der Blog des MERKUR noch einmal den Von den Wichtelmännern (Juli 1973), der „in eine spätere Auflage von Fetschers sehr erfolgreichem Märchenbuch Wer hat Dornröschen wachgeküsst? (ursprünglich 1973 veröffentlicht) aufgenommen“ wurde:

Von den Wichtelmännern
Von Iring Fetscher

Die Geschichte von den Wichtelmännern erzählt in mystifizierter Form vom Nutzen der (niedrig oder gar nicht bezahlten) Lohnarbeit und der Rückverwandlung des Mehrwerts in Kapital. Diese ganz offen auf der Hand liegende Tatsache ist vermutlich bisher nur deshalb übersehen worden, weil die meisten Literatur- und Volkswissenschaftler das „Kapital“ nicht kannten. Weiterlesen…

> Zum Tod von Iring Fetscher „Stammvater der politischen Ideengeschichte in der jüngeren Bundesrepublik“ – Deutschlandfunk
Axel Honneth im Gespräch mit Rainer Berthold Schossig

Seelische Rückzugsorte verlassen – therapeutische Schritte zur Aufgabe der Borderline-Position
Arbeitstagung aus Anlass des 80. Geburtstages von John Steiner

Freitag, 11. Juli 2014

Am 28. Juni 2014 fand im Auditorium Maximum der Robert-Bosch GmbH in Gerlingen bei Stuttgart ein gutbesuchter Kongress statt, der von Prof. Dr. med. Heinz Weiß von der Abteilung für Psychosomatische Medizin am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart in Zusammenarbeit mit der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung, dem Sigmund-Freud-Institut, Frankfurt a. M., und dem Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart, ausgerichtet wurde.

Die Hauptvorträge hielten John Steiner „The Conflict between Mourning and Melancholia“ und Priscilla Roth „The Other Current“, beide aus London. Grußworte, Einführung und Moderation gab es von Marianne Leuzinger-Bohleber, Claudia Frank und Heinz Weiß.

Die Tagung fand regen Zuspruch, Besucher kamen aus der ganzen Bundesrepublik und aus der Schweiz.

John Steiner
> Orte des seelischen Rückzugs
Pathologische Organisationen bei psychotischen, neurotischen und Borderline-Patienten
Klett-Cotta Fachbuch Aus dem Englischen übersetzt von Heinz Weiß (Original: Psychic Retreats. Pathological Organisations in Psychotic, Neurotic and Borderline Patients)
4. Aufl. 2013, 227 Seiten, Gebunden
ISBN: 978-3-608-94838-7

Das Buch beantwortet Fragen zur Behandlung von Borderline-Patienten immer wieder stehen: Wie können Analytiker vorgehen, wenn Patienten sich seelisch extrem zurückziehen? Wenn ihr Leben im Chaos zu erstarren droht und die Behandlung stagniert? Wie lassen sich die verschiedenen Formen seelischen Rückzugs analytisch verstehen?

Dieses Buch untersucht psychischen Reaktionsweisen, wie sie gelegentlich auch bei Normalen und Neurotikern, vor allem aber in der Analyse von Borderline-Patienten und Psychotikern in Erscheinung treten. Sämtliche Formen des seelischen Rückzugs sind durch Zustände des Sich-Verkapselns oder Sich-Verbergens gekennzeichnet. Die unbewußte Phantasiewelt, die sich die Patienten zurückziehen dienen Ihnen als mächtiger Schutz vor Ängsten und schmerzlichen Erfahrungen, machen sie für den Analytiker unerreichbar. Steiner hat solche Zustände vor allem in der Analyse von Borderline-Patienten beobachtet, deren Behandlung in völliger Stagnation oder einem destruktiven Übertragungsangebot zu erstarren drohte. Es ist sein Interesse, die Funktion dieser Zustände genauer zu beschreiben und Wege zu ihrer analytischen Bearbeitung zu finden.

Lesebericht: D. Hofstadter/E. Sander, Die Analogie. Das Herz des Denkens

Dienstag, 1. Juli 2014

Gerade ist der im letzten Jahr erschienene Band von Douglas Hofstadter, Emmanuel Sander Surfaces and Essences: Analogy as the Fuel and Fire of Thinking in der Übersetzung von Susanne Held bei Klett unter dem Titel > Die Analogie. Das Herz des Denkens erschienen. Wir wissen alle, dass unsere geliebten Computer gerade mal in der Lage sind zwischen 0 und 1 zu unterscheiden, das machen sie ziemlich schnell, zugegeben, aber eben nur mit allen möglichen Kombinationen von 0 und 1. Kreativität? Nullanzeige.

„Mensch schlägt Maschine: eine fulminante Kritik des digitalen Zeitalters,“ heißt es auf der Website von Klett-Cotta. Und dort wird der Originaltitel des Buches zitiert: „Sie sind der Treibstoff und das Feuer unseres Denkens: In den Analogien liegt für Douglas Hofstadter und Emmanuel Sander der Urquell unserer Kreativität. Nur durch sie finden wir uns in der Welt zurecht – und sind obendrein viel intelligenter als Computer.“

Zuerst ist das Wort. Schon die Lektüre von Kapitel 1 Die Evokation von Wörtern zeigt alles was der PC nicht kann: Etwas benennen, was ihm nicht vorher explizit als Wort mit seiner Bedeutung gesagt worden ist. Jede Art des Kombinierens muss dem PC ins Details erklärt werden, das ist das mühsame Geschäft des Progammierens, was ein Kind beim Erlernen neuer Begriffe intuitiv, sogar relatif zu der dabei aufgenommenen Informationsdichte und -menge noch viel eleganter bewältigt als der PC. Sprachenlernen ist alles andere las nur Vokabelpauken, hat man das Spiel mit Worten erst einmal als die interessanteste Weise die Welt zu verstehen und zu analysieren begriffen, hat der Lernende zumindest im Unterbewusstsein verstanden, dass Analogien im Mittelpunkt des Lernprozesses stehen.

Im 2. Kapitel geht es um Die Evokationen von Wortzusammensetzungen, wobei Redewendungen und Sprichwörter aller Art die Überlegenheit über jedes PC-Programm sprichwörtlich vor Augen führt. Was man auf dem PC wiederfinden will, muss vorher gut geordnet sein, und richtig benannt worden sein. Das Gehirn findet in seinen Weiten auch Dinge schnell wieder, deren Bezeichnung man nicht mehr weiß, eben durch Analogien. Mich fasziniert, die Vielfalt der Beispiele in diesem Kapitel, mit denen das Funktionieren von Sprache, dem Zusammensetzen von Wörtern (S. 190 !) so eindrucksvoll vorgeführt wird. Hofstadter und Sander erklären hier den Mechanismus von Analogien, den die puren PC-Benutzer erst wieder mal erlernen müssen: > Schreiben Sie mit der Hand oder der Tastatur? haben wir schon im Oktober 2010 gefragt. Die Analogie-Bildung im Sinne der beiden Autoren dieses Buches ist auch der Schwarmtheorie, wie sie Nutzern von Sozialen Netzwerken zugeschrieben wird, weit überlegen oder man kann das auch mit einem kurzen Tweet so sagen:

Es gibt auch Banalogien (S. 210 ff.), mit denen die Analogien im Alltag untersucht werden. Beim Kantinenmittagsgespräch erzählt jemand, was ihm gestern zugestoßen ist, je besser das Erzählte auf den Erfahrungshorizont der Zuhörer passt, um so bessere Chancen hat der Erzähler ein Sujet für die nächsten sieben Minuten zu lancieren. Wenn er die Erinnerung seiner Zuhörer trifft, die sofort den Kern des Gesagten auffassen können, funktioniert deren Analogiebildung noch besser. Bei Erinnerungen fällt mir die unwillkürliche Erinnnerung in der Recherche du temps perdu von Proust ein: Das Eintauchen der Madeleine in den Tee evoziert die Düfte des Gartnes. Vgl. S. 239 f.)

Kategorien und Abstraktionen sind für das Funktionieren von Analogien notwendig: Kapitel 4 – Abstraktion und interkategoriales Gleiten. Hier geht es uach um die Markiertheit, das Marking der Sprache, wobei dieselben Worte für die Bezeichnung einer Kategorie und der übergreifenden Kategorie verwednet werden. Das kann ein PC auch nicht, Datendurcheinander quittiert der meist mit einem schnöden Absturz, einer Dienstverweigerung.

Vorsicht. Kapitel 5: Wie Analogien uns manipulieren. Nochmal, eine PC kann seine Ergebnisse nur kontrollieren, wenn ihm das explizit gesagt, er so programmiert worden ist. Bedeutungen, Konnotationen, ja sogar Empfindlichkeiten, der Erwartungshorizont, Vorwissen, Befürchtungen, die Liste all dessen, was Analogien auslösen, was sie bestimmen, was sie bewirken, ist riesig lang. Es ist ihre Eigenart, dass sie manchmal beim Zuhörer das glatte Gegenteil des eigentlich Gemeinten evozieren. (vgl. S. 362 f.) Ersetzungsfehler, (S. 372) Verwechslungsirrrtümer, (S. 373) – es gibt sogar „Irrtumskundler“ (S. 376) -und es gibt auch sinnleere Analogien (vgl. S. 385 ff) Hofstadter und Sander wissen, dass auch eine Tyrannei der Analogie (S. 415-418) geben kann

Kaptel 6. Wie wir Analogien manipuliueren. Das Stichwort hier lautet karikierende Analogie, die als, so die Autoren, „kreatives Kommunktationswerkzeug“ (S. 425 ff.) genutzt werden kann. Folgerichtig kommt es auch zu der Frage: „Ist es möglich, zu urteilen, ohne Analogien zu benutzen?“ (S. 455 ff.) Dazu gehören auch die Überlegungen vom „Traum der mechanischen Übersetzung“, die wohl nie von Maschinen ausgerechnet werden wird. Die Kodierung der Wörter, deren Konnotationen, werden Maschinen nicht schaffen: „Die Übersetzungsmaschine hat keine Vorstellung von Bedeutung.“ (S. 494) Wobei mit guten Analogien Verbesserungen bei der Maschinenübersetzung zu erkennen sind. (S. 495 ff.)

Mensch und Maschine. Sie ist ihm aber nicht überlegen. Zwar gibt es einige nützliche Ansätze zum Lernen mit der Maschine > Der Computer im Französischunterricht, die eigentlich guten Ergebnisse werden aber immer noch vom Menschen mit seiner Phantasie beim Umgang mit der Maschine erzielt,, das wird so lange so bleiben, wie beim Lernen mit dem PC, das Handling mit dem PC irgendwie immer im Vordergrund stehen wird. Das merkt man daran, dass immer mehr über Fragen, die die Maschine betreffen als über Lerninhalte gesprochen wird.

Der amerikanische Untertitel Analogy as the Fuel and Fire of Thinking ist klasse: Fuel und Fire ist eine explosive Mischung. Analogien lösen Überraschungen aus, aber nicht nur diese, mit ihnen kann das schöpferische Potential des Menschen umrissen werden.

„Ungefähr ab der Mitte des letzten Jahrhunderts haben die neuen elektronischen Medien die Schrift mit ihrer Leitfunktion bei der Übermittlung von Botschaften und Inhalten abgelöst, will man Marshall McLuhan und der Einleitung von Regine Buschauer in das Werk von McLuhan (> NZZ, 19. Januar 2001) Glauben schenken,“ hieß es in unserem Lesebericht zu > McLuhan, Fiore, Das Medium ist die Massage. Das klingt so, als wäre das > E-Book oder > Livre numérique (II) – E-Book dem traditionellen Buch überlegen. Es kann in manchen Bereichen mehr, aber unter dem Strich bietet die Elektronik keine Qualitätsgarantie für den Inhalt. Vielleicht bietet aber die digitale Welt wirklich neue Wege der Textproduktion? > Nachgefragt: Serge Bouchardon, La valeur heuristique de la littérature numérique. Wie man es dreht und wendet, vom Standpunkt der Inhalte und der Qualität literarischer Texte ist das E-Book eine andere Form der Verpackung, die allerdings mehr Einfluss auf den Text als zwei Buchdeckel ausübt. Aber nicht immer in positiver Hinsicht. Mehr nicht. > Pause vom Internet: Netzstille oder Hilft das Internet beim Bücherschreiben?

Mit einem ausführlichen Register: S. 731-775.

Douglas Hofstadter, Emmanuel Sander
> Die Analogie. Das Herz des Denkens
Aus dem Englischen von Susanne Held (Orig.: Surfaces and Essences)
2. Aufl. 2014, 784 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-608-94619-2

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