Verlagsblog

Archiv für Dezember 2014

Der Weihnachtswunschzettel 2014 vom Klett-Cotta-Blog

Dienstag, 23. Dezember 2014


Straßburger Münster um 2008

Wir warten auf das Christkind. > Bücher-Geschenktipps für Weihnachten auf www.klett-cotta.de

Kennen Sie das? Schnell vor Weihnachten in einen Buchladen… was passt für die Lieben zu Hause? Für die Freunde? Und dann der Blick über die prall gefüllten Büchertische! Mindestens fünf Geschenke fehlen noch? Ein Krimi, hm, ein Sachbuch? Oder doch ein Reiseführer, schon stehen Sie wieder vor dem Regal mit den neuesten Romanen… Vielleicht doch ein Fantasy-Roman?

Wie hieß noch der Autor, dessen Roman neulich in der F.A.Z. so toll besprochen wurde? Sie finden einen anderen Roman, lesen den Klappentext, werden immer unentschlossener und können der Verkäuferin, die sich nach ihren Wünschen erkundigt auch nicht so recht was sagen. Dann fällt Ihnen wieder unsere Blog mit den Leseberichten ein. Wie hieß doch noch der Titel… der tote Kommissar der ermittelt, kann sich eben von seinem Beruf nicht lösen…? Wie war das denn noch? Und der Roman über den ersten Weltkrieg. Goncourt-Preis 2014… Oder das kleine Buch von Gruen über das Gehorchen, nein gegen das Gehorchen… und die Erinnerungen an die siebziger Jahre? Und dann war doch noch das Blut des Liedes… nein das Lied, wie war das noch? Und das mit der Analogie? Und hatte der Blogautor doch noch über Die Schöne… geschrieben, und ihr Herr oder mit dem Herr? Wie war das noch?

Wir hätten da was für Sie.

Den > Weihnachtswunschzettel vom Klett-Cotta-Blog. Hier als PDF aufrufen, durchlesen und direkt zu den Leseberichten auf unserem Blog klicken… dann ausdrucken und in den nächsten Buchladen mitnehmen. Am besten zeigen Sie den Wunschzettel ihrem Buchhändel und sagen dies und dies…

Susanne Staun, Blutfrost

Dienstag, 23. Dezember 2014

staun-blutfrost

Unser Gastautor > Oliver W. Steinhäuser ist Student der Hochschule der Medien in Stuttgart.

Blutfrost“ beginnt mit einem Mord, zu dem Dr. Maria Krause, Rechtsmedizinerin im dänischen Odense gerufen wird. Im Anschluss daran startet eine Rückblende, die die Entstehung des Mordes erzählt und den Leser auf eine spannende Reise in eine Welt voll Schmerz und der Sucht nach Aufmerksamkeit entführt.

Klappentext:
In regelmäßigen Abständen erhält Rechtsmedizinerin Maria Krause anonyme E-Mails aus Rexville in den USA. Darin wird eine Person, die Maria angeblich nahesteht, bezichtigt, ihre eigenen Kinder zu verletzen, um Aufmerksamkeit zu erhalten. Die mysteriösen Nachrichten stammen von »E«. Krause versucht alles, um »E«s Identität aufzudecken. Als sie feststellt, dass ihr verhasster Zwillingsbruder gemeinsam mit seiner Frau Eva in den USA gelebt und mit ihr eine Tochter namens Emily hat, gerät ihre Psyche mal wieder vollkommen durcheinander. Mehr als einmal überschreitet die eigenwillige Rechtsmedizinerin moralische Grenzen, wohl wissend, dass sie sich auf gefährlichem Terrain bewegt …

Die Geschichte beginnt mit einem Mord: „Auf dem dunklen Holzboden mitten im Zimmer lag die Dame des Hauses. Sie trug einen schicken Pyjama aus weißer
Seide. Auch sie war von Pappe eingerahmt. Ein schwarz gepunkteter Messerschaft, eindeutig der eines Globalmessers, ragte mitten aus ihrem hochschwangeren Bauch hervor…“ Der Fall gerät schnell außer Kontrolle und versetzt Dr. Krause zurück in ihre Vergangenheit, die aus Vernachlässigung und Vereinsamung bestand. Als die Protagonistin schließlich E-Mails von Emily aus Rexville bekommt, dem Ort, in dem sie ihre rechtsmedizinische Ausbildung absolviert hat, beginnt für sie ein Spiel gegen die Zeit.

Das Hauptaugenmerk in „Blutfrost“ liegt nicht etwa bei den genrespezifischen Klischees, wie Blutvergießen und Gemetzel, sondern überzeugt durch eine detailreiche Betrachtung psychologischer Ursachen des Münchhausen-by-Proxy-Syndroms (Wikipedia) und dessen Auswirkungen auf betroffene Kinder und deren Familien. Authentisch und lebensnah lässt Susanne Staun den Leser spüren, was für ein inneren Antrieb Mütter des Münchhausen-Stellvertretersydroms erbarmungslos verfolgen, und welche Ängste betroffene Kinder durchleben. Erschreckend ist, dass die Opfer nicht nur schmerzgeplagt, sondern durch die ständig anstehenden Arzttermine Schulbesuche versäumen, was letzten Endes dazu führen kann, ein Leben lang unmündig zu bleiben.

Zunehmend entsteht in den beiden geplagten Protagonisten Dr. Maria Krause und Emily eine gegenseitige Anziehung. Während Emily eine liebevolle Mutter sucht, wünscht sich Dr. Krause nichts mehr, als eine Tochter, der sie all ihre Liebe zutragen kann. Dabei ist es ihr vollkommen egal, dass ihre neue „Tochter“ Emily für mehr als einen Mord verantwortlich ist.

Mit „Blutfrost“ gelingt es Susanne Staun in einem Thriller ein Sachbuch zu verpacken, das einen Reiz in seiner durchgeknallten Protagonistin Dr. Maria Krause findet.

Klett-Cotta nennt auf seiner Website sechs gute Gründe, warum Sie das neue Buch von Susanne Staun > Blutfrost lesen müssen: In Kurzform: 1. Die Hauptfigur: Maria Krause. Sonderbar und eigenwillig. 2. das grauenvolle Familiengeheimnis, 3. Nkem, Doktor der Chemie, Computerspezialistin, Maria Krauses beste Freundin hilft ihr zu überleben 4. Brisante Einblicke in das Leben einer Psychopatin 5. Hoher Gruselfaktor, nichts für zarte Seelen, 6. Schon für> Totenzimmer wurde die Autorin preisgekrönt.

Susanne Staun
> Blutfrost
Thriller, aus dem Dänischen von Günther Frauenlob (Orig.: Hilsen fra Rexville)
1. Aufl. 2014, 291 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-50214-5

Lesebericht: Charles-Louis de Montesquieu, Meine Reisen in Deutschland. 1728-1729

Dienstag, 9. Dezember 2014

montesquieu-reisen-deutschland

Am 5. April 1728 bricht Charles-Louis de Montesquieu (1869-1755) zu einer Reise nach Österreich, Italien und Deutschland auf. Über den Brenner, durch Innsbruck durch kommt er am 3. August 1729 in München an. Weiter geht es nach Augsburg, eine Woche bleibt er in Lech. Im August 1729 ist er in Cannstatt, Stuttgart und Ludwigsburg. Dann geht es nach Heidelberg, Mannheim und Frankfurt am Main. Im September ist er in Bonn und Köln. Düsseldorf, Münster, Osnabrück, Hannover und Braunschweig sind weitere Stationen seiner Reise. Im Oktober 1729 überschreitet er die Grenze in die Niederlande.

Bei Cotta sind nun Reiseberichte von Charles-Louis de Secondat Baron de la Brède et de Montesquieu > „Meine Reisen in Deutschland. 1728-1729“ zum ersten Mal auf Deutsch in der Übersetzung von Hans W. Schumacher erschienen. Mit einem Vorwort Wie Montesquieu Deutschland bereiste und dabei den Föderalismus entdeckte von Jürgen Overhoff und einem Nachwort von Vanessa de Senarclens.

Beständigkeit und Kontinuität: Wie viele der Sehenswürdigkeiten und Eigenheiten, von denen Montesquieu in seinem Buch berichtet, gibt es heute noch nach fast 300 Jahren: Schloß Nympenburg: „Das Abendessen war sehr karg.“ Die Bronzetür des Augsburger Doms mit seinen Flachreliefs im „schlechtesten gotischen Stil“. „Die Bayern sind dümmer als die Deutschen in Allgemeinen. Tatsächlich gelingt eine Einwirkung auf den Geist dieser Nation nicht augenblicklich. Es bedarf viel Zeit, um die Seele zu erwecken.“ S. 93 Montesquieu kommt 200 Jahre nach Montaigne nach Augsburg. Beide beschreiben die Stadt auf ganz ähnliche Wiese, ohne das Montesquieu die Aufzeichnungen seines illustren Reisevorfahren gekannt haben konnte.Dann kommt er im August 1729 zum Ludwigsburger Schloss, an dem er architektonisch kein gutes Haar lässt. Er besucht die Heiliggeistkirche in Heidelberg und sieht das berühmte Fass mit seinen 204 Fuder. Mannheim und die Lage der Stadt fasziniert ihn. Es ist der Föderalismus, der Montesquieu in Deutschland fasziniert. Akribisch notiert er die unterschiedlichen Rechte, die der Religionsausübung in den Städten eingeräumt werden. Penibel vermerkt er die Namen und den Rang seiner vielen Gesprächspartner, wo mit deutlich wird, wie stark er sich für die politischen Verhältnisse der von ihm besuchten Städte interessiert.

Im September 1792 reist er durch das Rheintal nach Bonn an Kaub vorbei, das auch heute noch das Panorama meiner liebsten Bahnstrecken bildet. „Bonn ist eine erbärmliche, kleine Stadt“, vermerkt er seinem Tagebuch und besucht dort das Poppelsdorfer Schloss vor den Toren der Stadt. Auf nach Köln. Hier notiert er die Stärke der Truppen des Kurfürsten von Köln. Vom Dom ist nur der Chor vollendet. In Düsseldorf besucht er die Gemäldegalerie. In Preußen herrscht der Soldatenkönig: „Es ist ein Elend, Untertan dieses Fürsten zu sein.“ S. 131. Von Hannover geht es zu den Wasserspielen nach Herrenhausen: „Der König von Preussen verübt an seinen Untertanen eine abscheuliche Tyrannei. Er will das Väter ihre Kinder studieren lassen, was seine Staaten in eine schreckliche Barbarei stürzen würde.“ S. 142 Die Bibliothek von Wolfenbüttel, S. 158 f., fasziniert ihn. Dann besucht er die Minen im Harz

montesquieu-reisen-deutschlandReisen bildet. Montesquieu war Präsident des Parlaments von Bordeaux (1716-1726), im Januar 1728 wurde er Mitglied der Académie française und Autor der Lettres Persanes (1712) „Reisen als Quelle der Erkenntnis“, so fasst Vanessa de Senarclens Montesquieus Reisemotivation klar und knapp zusammen. Zu seinen Lebzeiten hat er seine Reisetagebücher aus Deutschland nicht veröffentlicht. Sie dienten ihm aber als Archiv für späterer Arbeiten, vor allem bei der Abfassung seine Buches De l’sprit des lois, 1748.

Charles-Louis de Secondat Baron de la Brède et de Montesquieu,
> „Meine Reisen in Deutschland. 1728-1729“
Herausgegeben, eingeleitet und kommentiert von Jürgen Overhoff. Nachwort von Vanessa de Senarclens. Aus dem Französischen von Hans W. Schumacher.
1. Aufl. 2014, 216 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Rückenprägung, vierfarbig bedruckter Vorsatz, zahlreiche Abbildungen im Text
ISBN: 978-3-7681-9900-1

Aufgeschlagen: Joe R. Lansdale, Das Dickicht

Montag, 8. Dezember 2014

„Hätte mir jemand vor diesem – meinem ersten – Lansdale gesagt, ich würde mal einen Western in der Art von „Tom Sawyer & Huckleberry Finn“ lesen und er würde mir zudem noch so richtig Spaß machen, ich hätte wohl nur den Kopf geschüttelt. So kann man sich täuschen … Das Buch macht ab der ersten Seite total Laune und Lust auf mehr von Joe Lansdale,“ schriebt Jasmin Krieger unter dem Titel > Joe R. Lansdale: Das Dickicht auf ihrem Blog > Die etwas „anderen“ Buchrezensionen.

> Der Weihnachtswunschzettel 2014 vom Klett-Cotta-Blog

Bei Tropen ist der Roman von Joe R. Lansdale, > Das Dickicht erschienen, der bedauerlicherweise auf > unserem Weihnachtswunschzettel. Wir haben gestern abend mit der Lektüre angefangen. Nach dem Bloggrundsatz erscheint der Lesebericht erst hier, wenn die letzte Seite gelesen, ist. Aber Ausnahmen Aufgeschlagen… sind erlaubt. War nicht einfach gestern abend die Lektüre zu unterbrechen. Lansdale hat das Wunderbare geschafft, den Leser mit der ersten Seite in die Geschichte hineinzuziehen. „Heute ist Mama gestorben“, heißt es in der ersten Zeile bei Camus’L’Etranger. Jack hätte auch sagen können „Heute sind Ma und Pa gestorben,“ aber auch der erste Absatz „Als Großvater zu uns rausgefahren kam und mich und meine Schwester Lula abholte und zur Fähre karrte, ahnte ich nicht, dass alles bald noch viel schlimmer werden oder dass ich mich mit einem schießwütigen Zwerg zusammentun würde, mit dem Sohn eines Sklaven und mit einem großen, wütenden Eber, geschweige denn, dass ich mich unsterblich verlieben und jemand erschießen würde, aber genau so war’s,“ schließt den Leser sofort i die Geschichte ein. Und wenn Sie ein Buch suchen, das spannend ist, ein-bis drei lange Winternächte vorhält, dann ist > Das Dickicht genau richtig gewählt.

Es sind die Pocken, die Patrick und Lula ihre LEtern nehmen und Grandpa bringt die beiden zu Tante Tessle hinauf nach Kansas. Beschreibungen und Handlungen gehen in einander über und bei den Erlebnissen auf der Fahrt wird das Porträt des Grandpa immer weiter geschärft und Patrick berichtet mehr über Lula.

Gradnpa packte die beiden Kinder auf den Wagen und los gings: „Nun saßen wir also auf dem klapprigen Wagen, so benommen, als wäre uns ein Stein auf den Kopf gefallen. Pas Maultier lief hinterher. Lula kauerte auf der Ladefläche, und ich saß neben Grandpa, der leise schnalzte, um seine Maultiere anzutreiben, sogar recht freundlich, was ich überhaupt nicht gewohnt war. Pa fluchte immer lauthals und beschimpfte sie und dergleichen. Das meinte er allerdings nicht böse. Er behandelte die Maultiere gut. So redete er nun mal, und die Maultiere verstanden das und schenkten dem keine Beachtung, schließlich waren sie ein ganzes Stück schlauer als Pferde. Zwei Pferde zusammengenommen haben nicht so viel Verstand wie ein altes Maultier, und wenn man unanständiges Zeug redet, werden sie nervös.“

Es kommt, wie es komme muss, sie machen eine mörderische Begegnung mit zwei Banditen, denen Grandpa zum Opfer fällt und Patrick muss zusehen, wie seine Schwester entführt wird. Seine Helfe bilden mit ihm ein seltsames Trio, das gemeinsam die Verfolgung ins Dickicht hine aufnimmt.

Eine Lektüre vom Typ, ich will erstmal nicht mehr gestört werden.

Joe R. Lansdale,
> Das Dickicht
Roman, aus dem Englischen von Hannes Riffel (Orig.: The Thicket)
1. Aufl. 2014, 331 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50135-3

Merkur 787 – Dezember 2014

Montag, 8. Dezember 2014

> Der Weihnachtswunschzettel 2014 vom Klett-Cotta-Blog


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Pflichtlektüre für alle, die sich für Kunst, Politik, Geschichte und Literatur interessieren. Das politische Programm 2015. Nächstes Jahr sollten wir uns wirklich mal wieder um Europa kümmern. Wo will Frau Merkel eigentlich hin? Alfred Grosser meinte kürzlich, das wüssten auch ihre Berater nicht. Das Dezemberheft bietet schon mal zwei Aufsätze rund um Europa. Dieter Grimm hat sich den Europäischen Gerichtshof (EuGH) näher angesehen: „Europa : Ja aber welches?“. Uwe Volkmann will wissen „Was ist Europa?“ und bedauert zu Recht das Fehlen von Visionen. Verpassen Merkel und Hollande da etwas? dürfen wir weiter fragen. Die Aufbruchsstimmung, die noch unter Valéry Giscard d’Estaing und Helmut Schmidt herrschte ist weg. Heute geht alles viel pragmatischer zu, was Grimm auch in den Architektur der europäischen Gebäude wiederfindet.

Christoph Menke schreibt über die Realpolitik des Museums. Christoph Menke befasst sich in seiner ersten Philosophiekolumne mit dem Dualismus von Natur und Geist.

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Theodor Ebert fragt „Sag mir, wie hältst Du es mit dem Plagiat?“ und erinnert daran, der Wissenschaftsbetriebs Schavan eher auf eine peinliche Weise behandelt hat. Gleichzeitig nennt er andere Fälle, die man durchgelassen hat. Plagiate sind die eine Seite, aber das verarbeiten der Ideen anderer ohne Zitate, nicht direkt als Plagiat sondern als Ideenklau ist auch peinlich genauso peinlich wie das Nicht-zur-Kenntnisnehmen des Forschungsstandes beim Verfassen neuerer Arbeiten. Diese subtilen Defizite sind genauso schlimm und bleiben fast immer ungeahndet, meint der Blogger hier.

Marcus Rieger-Ladich hat sich mit dem Thema „Ungerechtigkeit“ beschäftigt am Arbeitsplatz und in der Schule beschäftigt. Christoph Menke untersucht in seiner Philosophiekolumne „Die Lücke in der Natur: Die Lehre der Anthropologie“: Ist der Mensch frei? S. 1091 – Sebastian Conrad denkt in seiner Geschichtskolumne über den „Ort der Geschichte nach“. Christian Demand nimmt die Reaktionen Reaktionen auf eine Jeff-Koons-Ausstellung im New Yorker Whitney zum Anlass, um nach „Der Realpolitik des Kunstmuseums“ zu fragen. Dabei fällt uns der > Lesebericht: Nicole Zepter, Kunst hassen zu ein. Reinhard Mehrig hat die Tagebücher von Carl Schmitt aufgeschlagen. Kai Marchal berichtet über die Lage merkur-787der Dinge in Taiwan und Hongkong. Achim Landwehr fragt noch einmal. ob sich aus der Geschichte nichts lernen lässt? Michael Rutschky erinnert an Ernst Schnabel, Der sechste Gesang, Frankfurt: Fischer 1956.

Rainer Hagen schriebt über die Farben und Gesichter bei Goethe und Proust. Und dann kommt noch die Nummer XXI des Journals von Stephan Herczeg, der seine Paris-Abneigung vollständig abgelegt hat und eine Airbnb-Wohnung im 9. Arrondissement bezogen hat.

> MERKUR 787 Dez. 2014

Lesebericht: Laline Paull, „Die Bienen“

Freitag, 5. Dezember 2014

Unser Gastautor > Oliver W. Steinhäuser ist Student der Hochschule der Medien in Stuttgart und von diesem Buch begeistert. Kaum hatte er das Buch ausgeliehen, kam sein Lesebericht nach drei Tagen:

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Bei Tropen ist ein Buch über Bienen und für Bienen-Liebhaber erschienen. Ist „Die Bienen“ eine kritische Betrachtung unserer Gesellschaft, symbolisiert anhand des Lebens in einem Bienenstock? Oder geht es in dem Buch doch nur um das Leben, das Überleben und das Miteinanderleben von den so in den Blütenhonig verliebten Insekten?


Klappentext:
Ihr Name ist Flora. Ihre Nummer 717. Sie ist ziemlich groß. Ihr Pelz ist struppig. Andere finden sie hässlich. Doch sie ist klug und mutig. Und sie kann sprechen! Flora 717 ist eine Biene. Laline Paull erzählt das ergreifende Abenteuer dieser außergewöhnlichen Biene in einer anderen und doch zutiefst vertrauten Welt.


„In der Zelle war es erdrückend eng und viel zu warm. Außerdem stank es. Ein stechender Schmerz war ihr in sämtliche Gelenke gefahren, so sehr hatte sie sich gegen die Wände gestemmt. Der Kopf wurde ihr auf die Brust gedrückt, und sie hatte Krämpfe in den Beinen, aber ihre Anstrengungen wurden belohnt – eine der Wände schien nachzugeben. Mühsam drehte sie sich um und trat mit aller Kraft dagegen. Etwas knirschte und brach. Sie zerrte daran, bis sie ein schartiges Loch vor sich hatte, durch das frische Luft hereinströmte.“ S. 9

Die Natur hat den Bienen ihren gesellschaftlichen Rang im Bienenstock einprogrammiert: „Sie befand sich in der Ankunftshalle, und sie war eine Arbeiterin. Ihr Sippenname lautete Flora, und ihre Nummer war 717. Sie wusste, worin ihre erste Aufgabe bestand, und machte sich dar an, ihre Zelle zu säubern. In ihrem ungestümen Bemühen zu schlüpfen hatte sie, im Unterschied zu ihren ordentlicheren Nachbarn, die ganze vordere Wand niedergerissen. Sie schaute sich um und folgte ihrem Beispiel. Fein säuberlich häufte sie die Trümmer neben der Öffnung auf. Das half ihr, einen klaren Kopf zu bekommen, und sie wurde sich der unermesslichen Weite der Ankunftshalle bewusst.“ ib.

Zu Beginn des Romans, als der Leser die Geburt von Flora 717 miterlebt, und wie die Bienenpolizei die Neugeborenen inspiziert und missgebildete Bienen tötet und beseitigt, wird der Eindruck einer Gesellschaftskritik zunächst bestätigt. Doch die allgegenwärtige Kampfansage des Lebens an seine Geschöpfe ist letzten Endes auch genau das, was das Leben in einem Bienenstock beschreibt. Das durch starre Hierarchien bestimmte Leben taktet jede noch so detaillierte Aufgabe und führt all jene zur Erlösung, die sich dem System widersetzen oder nicht in ihm funktionieren. „Sterbet ach mit Würde, Schwester“. Der Gedanke einer kritischen Auseinandersetzung mit unserer Gleichen rückt zunehmend in den Hintergrund, denn der Leser verschmilzt mit Flora 717, fühlt mit ihr, denkt mit ihr. Wird zu ihr. Und lernt dabei das Leben aus der Sicht einer Biene zu sehen.

Die Autorin Laline Paull taucht den Rezipienten durch Flora 717, die über Fähigkeiten verfügt, die in der Regel weit über die einer Arbeiterbiene hinausgehen, in eine zwielichtige Fabel über Begabung, sozialen Aufstieg und den Umsturz repressiver Systeme. Gerade diese Auseinandersetzungen modellieren den Titel darüber hinaus zu einem Abenteuerroman, der durch die starke und mutige Flora 717 kaum zu bremsen ist.

Und plötzlich sitze ich in dem Bienenhaus meines Großvaters: „Können Bienen wirklich tanzen?“, frage ich ihn. „Ja. Sie tanzen den Weg zur nächsten Futterkrippe, damit alle anderen Sammlerinnen dem Weg des Nektars folgen können.“ Duft frischer, von Honig durchtränkter Waben umgibt mich, steigt mir in die Nase, versetzt mich zurück in meine Jugend. Frech stibitze ich meinem Großvater ein paar Tropfen des süßen Goldes und sitze plötzlich wieder in der Stadtbahn. Immer wieder entführen mich die Bienen in eine andere Welt. Der nächste Schwall des feinen Dufts von Honig wabert schon wieder durch die Bahn und ich vergesse auszusteigen.

Literatur – Sachbuch – Blog – Klett-Cotta
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