Verlagsblog

Archiv für Januar 2015

Lesebericht: Tom Drury, Das stille Land

Samstag, 31. Januar 2015

Unser Gastautor > Oliver W. Steinhäuser ist Student der Hochschule der Medien in Stuttgart.

Was macht das Leben mit dir, wenn du es einfach geschehen lässt? Mit welchen Kuriositäten wartet das Dasein in dieser Welt auf, wenn man gedankenverloren in jeden neuen Tag startet, frei von jeglichen Konventionen?

Pierre Hunter, der Protagonist in > Das stille Land lebt genau dieses Leben. Er hat den Hang dazu, sich kopfüber in Situationen zu stürzen, die er vorab nicht abzuschätzen kann. Nachdem Pierres Jugend durch den Tod seiner Eltern und das Ende seiner Beziehung zu Rebecca ein jähes Ende nimmt, arbeitet er als Barkeeper im noblen Jack of Diamonds. Genau wie die Spontanität seines Lebens, so unverblümt wird der Rezipient mit auf die Reise genommen, stets mit der Devise, dass keiner weiß, in welche Richtung sich das Leben entwickelt und wohin es den Protagonisten Pierre Hunter trägt. Pierre lebt in den Tag hinein. Unbeschwert. Als ihm die rästelhafte Stella das Leben rettet, nachdem er beim Schlittschuhfahren im Eis eingebrochen ist, bekommt sein Lebensweg einen Knick. Stella hat ein leerstehendes Haus am See. Prompt verlieben die beiden sich ineinander. Pierres Ausflug nach Kalifornien zieht ihm den Zorn eines gefährlichen Mannes zu, der auf Rache sinnt und ihn verfolgt. Stella erwartet die beiden schon mit einem schaurigen Geheimnis.

Alle Ereignisse bauen auf einer These aus Pierres Collegezeit auf: „Jeder Erfolg schafft die Bedingungen für dessen eigenen Niedergang. Ein einfaches Beispiel wäre das Feuer, das verzehrt, wovon es sich ernährt, und dann erlischt.“ (S. 90)

Auf seinem Weg trifft er eine Reihe von Menschen, von denen einige die Chance bekommen, in seinem Leben mitzuspielen, mit ihm weiterzuziehen, um weitere lapidare Begegnungen zu machen. Alle tragen gleichermaßen dazu bei, dass Pierres Leben temporär die Laufbahnen eines geordneten Lebens verlässt, um ihn im Anschluss mit Eifer auf die Bühne eines der aufregendsten Theaterstücke schleudert: Das Leben.

Zwischen allem Unerwartetem ist „Das stille Land“ eine Aufforderung an jeden einzelnen von uns: „Dass unser Planet und dieses Leben, das jedem von uns geschenkt wurde, Möglichkeiten bieten, die wir nicht begreifen. Daher verspielen wir sie Tag für Tag. Ich vermute, er hatte diese Einsicht ganz allein gefunden und wollte sie mit jemandem teilen.“ (S. 208)

stille-land

Und am Ende bleibt insgeheim der Wunsch eines jeden, sich einfach einmal treiben zu lassen. Das Leben geschehen lassen und dessen Einmaligkeit zu genießen.

Und schon wache ich auf. Verkatert. Verschlafen. Ich kann mich an nichts mehr erinnern und finde dieses Bild auf meiner Kamera:

Welch genialer Streich des Lebens!
Das stille Land – außer Rand und Band.

Tom Drury,
> Das stille Land
Roman, aus dem Amerikanischen von Gerhard Falkner und Nora Matocza (Orig.: The Driftless Area)
1. Aufl. 2015, 216 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98022-6

MERKUR – Februar 2015

Donnerstag, 29. Januar 2015

merkur-789

Eben ist die neue Ausgabe des Merkur angekommen. Über das neue Erscheinungsbild habe ich schon anlässlich der> Besprechung des Januar-Heftes hier gejubelt. Heute gibt es wieder eine Überraschung. Wieder muss eine Gewohnheit über Bord geworfen werden. Ab heute ist alles ganz anders. Das Februar-Heft beginnt mit Seite 1, das war noch nie so, und warum das jetzt so ist, das wird auf S. 3 erklärt. Dort steht auch der Hinweis auf das > Online-Archiv des Merkur sowie die Erinnerung an den > Blog des Merkur.

Hier die Lektüre für die Zugfahrt am Sonntag:

Navid Kermani schreibt in seiner Dankesrede zum Joseph-Breitbach-Preis seinen großen Roman Dein Name fort. Von Thomas Steinfeld gibt es einen Essay zu »Muzak«, und Andreas Dorschel erklärt die »Ästhetik des Fado«. Ute Sacksofsky fordert konsequent Glaubensfreiheit, und Ror Wolf und Gerhard Henschel haben gemeinsam das Gedicht Lange Nacht verfasst.

Navid Kermani erhielt den Joseph-Breitbach-Preis und hält eine Dankrede und erzählt über Dein Name. Thomas Steinfeld schreibt über das Hören, das Zuhören und »Muzak«: „Phänomenologie eines kleinen Gedankens.“ Alban Werner sieht eine „Doppelte Häutung des deutschen Bürgertums“ und berichtet über die AfD und die Grünen. „Zeitgeschichte als Juiläumsreigen“ lautet die Überschrift über dem Wundfern von Martin Sabrow über so viel Erinnerungsaufwand in 2014. Das folgt das Gedicht Lange Nacht von Ror Wolf und Gerhard Henschel.

Ute Sacksofsky untersucht die „Glaubensfreiheit – ein Grundrecht für den religiösen Mainstream?“ Matthias Dell hat die Medienkolumne verfasst: „Besondere Lautstärken – über das Selbstverständnis des Journalismus. Thomas Thiemeyer war im neu eingerichteten Imperial War Museum in London.

merkur-789Andreas Dorschel erklärt die Ästhetik des Fado, „der eigenartigen musikalischen Lyrik Portugals“. Hannes Böhringer rezensiert José Lezemas Limas Buch La expresión americana: „Barocke Gegenwart.“ Jochen Thies hat Kriegsgräber auf Kreta besucht. Und Stephan Herczeg führt sein Journal fort.

Durchblättern reicht nicht, wie gesagt am Sonntag im Zug werden alle Artikel im > Merkur 789 das Heft gelesen.

Noch was Aktuelles:

Hanna Engelmeier & Pierre-Héli Monot besprechen auf dem Merkur-Blog den jüngst erschienenen Roman von Michel Houellebecq > Der Sensor blinkt, aber die Poesie ist kaputt. Michel Houellebecqs Roman Unterwerfung.

Satire oder Fiktion? Houellebecqs Verdrossenheit über die Literatur kann man ihm nicht abnehmen, zu gut sind seine literarischen Kenntnisse. Die Dramaturgie seines Romans ist schwach, und einige Personen sind nur dabei, um über den Islam und ihre eigenen Machtgelüste zu schreiben. Mehr zu dazu bald.

Literaturhaus Stuttgart
Donnerstag 29.01.15 bis Montag 02.02.15
Vom Weggehen und Ankommen – Ein internationales Projekt aus aktuellem Anlass

Montag, 26. Januar 2015

> www.literaturhaus-stuttgart.de/event/3039-1-vom-weggehen-und-ankommen-ein-internationales-projekt-aus-aktuellem-anlass/

29.01.15
bis
02.02.15
Vom Weggehen und Ankommen – Ein internationales Projekt aus aktuellem Anlass
Donnerstag
29.01.15
20.00 Uhr
Vom Weggehen und Ankommen – Die Eröffnungsgala
Josef Haslinger, Roger Willemsen

Freitag
30.01.15
19.00 Uhr
Brennpunkt Syrien
Larissa Bender, Rosa Yassin Hassan

Freitag
30.01.15
21.00 Uhr
Fremd sprechen – Eine Lese-Klang-Performance
Uljana Wolf, Liao Yiwu

Samstag
31.01.15
11.00 Uhr
Fragestunde – Asylpolitik

Ludger Pries, Giusi Nicolini
Samstag
31.01.15
15.00 Uhr
Wie berichten? Eine Kritik des Journalismus
Christoph Keller, Jörg Armbruster, Miriam Faßbender

Samstag
31.01.15
17.00 Uhr
Flüchtlingsgespräche – FiktivDorothee Elmiger, Abbas Khider, Senthuran Varatharajah

Samstag
31.01.15
19.00 Uhr
Zur Sache – Neue Weltliteratur?
Maaza Mengiste, Taiye Selasi, Ilija Trojanow

Samstag
31.01.15
21.00 Uhr
Die Nachtigall von Tibet – Ein Konzert mit Namgyl Lhamo

Namgyal Lhamo
Sonntag
01.02.15
11.00 Uhr
In weiter Ferne so nah – Deutsche Fluchtgeschichten
Ines Geipel, Birgit Keil, Nils Schmid

Sonntag
01.02.15
12.00 Uhr
Herzlich willkommen? Stuttgarter Asylbewerber erzählen Ihre Geschichte Präsentation einer Schreibwerkstatt

Sonntag
01.02.15
15.00 Uhr
Zwischen Terror und Hoffnung. Flüchtlinge im irakisch-syrisch-türkischen Grenzgebiet
Knut Krohn, Songül Tolan, Leyla Fermans

Veranstaltungsreihe: Flüchtlingsgespräche – Lesungen. Fragen. Gespräche. Musik

> Literaturhaus Stuttgart
Breitscheidstraße 4, 70174 Stuttgart
Fon (0711) 22 02 17 – 3,
Kartentelefon für Literaturhausmitglieder:
(0711) 22 02 17 – 47
> info@literaturhaus-stuttgart.de

„‚Der Paß ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Paß niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.‘ Bertolt Brecht, Flüchtlingsgespräche

Wir leben in aufregenden Zeiten. Die Menschen rücken zusammen, und wir feiern die sogenannte „Neue Weltliteratur“. Diesen gewaltigen kulturellen Fortschritten liegen aber auch die Dramen zahlloser Einzelschicksale zugrunde: die Geschichten von Menschen aus China und Äthiopien, der Ukraine und Syrien, dem Irak und Tibet. Nicht immer sind es Geschichten, die hierzulande gehört werden. Während man 2014/15 zum 25. Mal den Fall der Mauer und die Vereinigung der beiden deutschen Länder feiert, werden neue Mauern an Europas Grenzen errichtet. Wie aber umgehen mit den Völkerwanderungen des 21. Jahrhunderts? Wie die offene, demokratische und humane Gesellschaft in etwas Reales verwandeln, wenn viele Menschen sich fürchten vor Überfremdung und dem Verlust der eigenen Identität, wenn sie mutlos sind angesichts wirtschaftlicher Probleme und rasanter sozialer Umbrüche? Wenn deutlich wird, wie wenig selbstverständlich der Wohlstand und die Sicherheit in Mitteleuropa sind?…“ Weiterlesen

Unsere Autorin > Ines Geipel (u. a. »Generation Mauer«) ist am Sonntag, den 1. Februar um 11 Uhr im Literaturhaus Stuttgart zu Gast. Thema wird sein: »In weiter Ferne so nah – Deutsche Fluchtgeschichten« anlässlich der Veranstaltungsreihe »Flüchtlingsgespräche«.

Lesebericht: Pierre Lemaitre, Wir sehen uns dort oben

Freitag, 23. Januar 2015

Zuerst der Blick auf zwei Blogs:

„Lemaitres Roman ist hoch ausgezeichnet worden in Frankreich, mit dem “Prix Goncourt” wurde ihm der höchste Literaturpreis des Landes verliehen – für ein geringes Preisgeld ein garantierte Verkaufserfolg. Und der Roman hat ihn verdient. Er ist spannend erzählt, man merkt die “Herkunft” des Autoren aus dem Thrillergenre. Er schont seine Landsleute keineswegs, klagt deutlich die falschen Gewichtungen an, die seinerzeit gelegt wurden, zeigt deutlich, daß es immer wieder nur ums Geld und um den Profit geht, beschreibt auch die Ineffizienz und Korrumpierbarkeit der zuständigen Behörden,“ steht am 2.11.2014 auf dem Blog > aus.gelesen: > Pierre Lemaitre: Wir sehen uns dort oben

und Claudine Borries schriebt auf dem Blog > Leselupe.de unter > Pierre Lemaitre: Wir sehen uns dort oben: „Lemaitre ist Kriminalbuchautor. Das merkt man bei diesem Roman ganz deutlich. Es wimmelt nur so von geheimnisvollen Erzählsträngen, in denen Albert und Édouard auf der einen Seite und Pradelle auf der anderen ihr betrügerisches Unwesen treiben. Auf diese Weise rächen sie sich für ihr durch den Krieg verpatztes Leben. Allerhand verwandtschaftliche Verbindungen machen den Roman zu einem trickreichen Verwirrspiel, in denen die guten und die schlechten Charaktere je ihren Platz finden. Spannend und vielschichtig geht Lemaitre bei der Verfolgung der einzelnen Tätergeschichten vor. Atmosphärisch gekonnt fühlt man sich in den Sog der Handlung hineingezogen.“

Leseberichte im Gegensatz zu > Rezensionen haben hier auf dem Blog haben den unschätzbaren Vorteil, dass sie a. ganz persönlicher, blogmäßiger Natur sein dürfen, b. das unmittelbare Leseerlebnis wiedergeben und diskutieren dürfen, und c. eben nicht auf eine strenge Beurteilung des Buches hinauslaufen müssen: Was wollte der Autor? Wie hat er es gemacht? Was hat der Autor gesagt? Wie verläuft der Spannungsbogen? Zu welchem Ergebnis kommt der Autor? Wie ist das Ergebnis zu bewerten? So ungefähr sähe eine Rezension aus. Das wir die Bücher aus dem eigenen Verlag nicht rezensieren, folgt hier also ein Lesebericht mit allen persönlichen Merkmalen. Wir beschränken uns hier mal auf das Wie. Wir werden also die Verwicklungen keinesfalls en détail erzählen, um Ihnen die Lesespannung nicht zu nehmen, dürfen aber dennoch hier versichern, dass, wenn Sie erst einmal angefangen haben, es Ihnen genauso wie den Protagonisten dieses Romans gehen wird, sie sind schon in die Geschichte hineingezogen, sie sind mit dabei, leiden ein wenig mit, schütteln den Kopf über manche Dummheit, staunen, wie man einer solchen Hölle entkommen kann und wunder sich über den Einfallsreichtum, die nach dem Krieg überleben möchten.

***

Pierre Lemaitre: > Wir sehen uns dort oben: In den allerletzten Kriegstagen werden Albert und Édouard noch ins feindliche Feuer geschickt. Ihr Vorgesetzter Pradelle will unbedingt noch diesen kleinen Frontabschnitt 113 den Deutschen abringen. In letzter Sekunde rettet Édouard ALbert vor dem sicheren Tod. Albert erfüllt ihm seinen größten Wunsch und verschafft seinem schwer verletzten Freund eine falsche Identität. Sie kehren nach Paris zurück und geraten durch Zufall wieder in die Umgebung von Pradelle. Wie überleben Kriegsveteranen in einer Gesellschaft, die sich scheut mit ihnen umzugehen? „Im Krieg war er unendlich einsam gewesen, doch das war gar nichts im Vergleich zu diesen Friedenszeiten, die immer mehr einer Höllenfahrt glichen,“ (s. 467) schreibt Lemaitre. Albert und Édouard, immer in höchster Geldnot, entwickeln zusammen einen gewagten Plan, (zunächst) gelingt. Ihr Konto füllt sich wieder recht ansehnlich.

Der Krieg mit seinen Toten, den Grausamkeiten, dem ständigen Geschützlärm, der dauernden Angst, im nächsten Moment durch ein Geschoß, ein Schrapnell oder ein Kugel verwundet oder getötet zu werden, stumpft ab. Viele verlieren jeden Moralbegriff, sind nur noch auf den eigenen Schutz bedacht, stumpfen so ab, dass der Krieg ihr Leben wird: „Die Vorstellung der Krieg könne zu Ende gehen, war tödlich für Leutnant Pradelle.“ (S. 13) Eine Leben ohne Krieg würde für ihn Macht- und Ansehensverlust bedeuten. Er geht buchstäblich über Leichen und missachtet die Rechte derjenigen, die ihm anvertraut sind. Der Befehl an seine Soldaten vorzurücken, kann ihr Todesurteil sein.


Auf der Buchmesse 2014 hatten wir Gelegenheit, Pierre Lemaître nach seinem Buch zu befragen: > Vorgefragt: Pierre Lemaître, Wir sehen uns dort oben


Natürlich stellt sich Albert Maillard vor, der Krieg wäre schnell vorbei. Im Herbst sind wir zur Ernte wieder daheim, dachten sich auch Tausende seiner Kameraden. Es sollte ganz anders kommen. Jetzt am Ende des Krieges hoffte jeder nur noch, seine Haut retten, und nicht als „Letzter zu sterben“ (S. 13.) Als er vorrücken muss, findet er die beiden Leichen von Louis Thérieux und Gaston Grisonnier, die als Spähtrupp von Pradelle gegen die deutschen Linien losgeschickt worden waren. Und Maillard macht eine furchtbare Entdeckung. Thérieux und Grisonnier haben Wunden im Rücken. Wer hat sie von hinten erschossen? Ein Verdacht keimt in ihm auf, als Leutnant Pradelle neben ihm auftaucht. Ein Stoß und Maillard fällt in einen Granattrichter, er wird nach einer weiteren Granate verschüttet. Es ist zu Ende, er glaubt sich dem Tode nahe. Wieder ein Granate, die seinem Freund Édouard den Unterkiefer wegreißt, ihm doch noch soviel Kraft lässt, ein Bajonett zu erkennen, an dem verschüttet Maillard hängt, er schiebt Erde beiseite und befreit Albert, rettet ihm das Leben. Dramatische Szenen, näher am Tod als am Leben.


Bei Klett-Cotta sind die Kriegstagebücher von Ernst Jünger zum ersten Mal erschienen. Helmuth Kiesel hat den Band mit präzisen Anmerkungen versehen und herausgegeben.

Bei Ausbruch des Krieges meldet sich der 19-jährige Ernst Jünger als Kriegsfreiwilliger und wird Soldat des Hannoverschen Füsilier oder Infanterie-Regiment Nr. 73. Er wird die großen Schlachten in Flandern, an der Somme und bei Cambrai mitmachen und beginnt sogleich ein Tagebuch. Am 4. Januar 1915 schreibt er: „Ich bin sehr neugierig, wie sich ein Shrapnellbeschießung ausmacht. Im allgemeinen ist mir der Krieg schrecklicher vorgekommen als er ist.“ Weiterlesen

> Ernst Jünger
> Kriegstagebuch 1914-1918
Herausgegeben von Helmuth Kiesel, Auflage: 1. Aufl. 2010, 655 Seiten, ISBN: 978-3-608-93843-2


Das Leiden auf der Krankenstation an der Front ist ungeheuerlich. Albert beschafft seinem Freund Morphium und pflegt ihn. Seien Schmerzen sind unermesslich. Die Erinnerung an Leutnant Pradelle lässt ihm keine Ruhe. Als Albert zu General Morieux gerufen wird, steht Leutnant Pradelle hinter dem General. ALbert soll seine Pflichten verletzt haben, er soll sich ihnen entzogen haben, sein Vorgesetzter macht keine Einwände, scheint ihn ans Messer liefern zu wollen. Das Wort Militärgericht fällt, und Maillard kann sich aus dieser Situation so gerade eben noch befreien. Er war dem Tod so nahe wie im Granattrichter.


Adam Hochschild,
> Der Große Krieg. Der Untergang des Alten Europa im Ersten Weltkrieg
Aus dem Amerikanischen von Hainer Kober (Orig.: To End All Wars. A Story Of Loyalty And Rebellion, 1914-1918)
Stuttgart: > Klett-Cotta,

> Lesebericht: Adam Hochschild, Der Große Krieg


Er verschafft Édouard eine neue Identität und es gelingt ihm, seinen Freund endlich zu verlegen. Es folgt die Demobilisierung. Pradelle kümmert sich um die Bestattung der Soldaten. Nicht ganz selbstlos. Er tut so. als würde er Ordnung schaffen. Tut dies aber eher nur zugunsten seiner persönlichen Finanzen: „Das Geschäft des Jahrhunderts. Der Wirtschaft brachte ein Krieg viel Vorteile ein, sogar noch hinterher.“ Pradelle kann sich diesen Verführungen nicht entziehen. Auch Albert lässt die Regeln des geordneten sozialen Zusammenlebens unbeachtet, wenn es darum, Morphium für seinen Freund zu beschaffen.

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Pradelle bleibt auf seltsame Weise im Umfeld der beiden Freunde. Zufall, oder Konstruktion, um die Geschichte voranzutreiben. Jedenfalls weiß Albert, dass Pradelle in der Nähe ist und tut alles, um ihm nicht zu begegnen. Über die näheren Umstände, wie Pradelle auch nach Kriegsende im Leben von Maillard blieb, berichten wir hier nicht; nicht nur Romane erfinden Zufälle, auch im Leben kommen sie vor und sind dort manchmal genauso spannend, deshalb wollen wir diese Episode hier nicht im Einzelnen erklären. Erstaunlich ist es, wie und sein kieferloser Freund sich in ihr Nachkriegsleben einrichten. Sogar recht erfolgreich, wenn auch mit Betrug und Hinterlist. Sie nutzen die Konjunktur der Zeit und gründen ein Unternehmen, das nur in seinem Katalog und durch sein Bankkonto existiert. Albert kann den Granattrichter und Leutnant Pradelle nicht vergessen. Und zwischen beiden besteht ein Zusammenhang, der ihm beinahe das leben gekostet hätte.

Mittlerweile steckt Pradelle in echte Schwierigkeiten, weil der Beamter Merlin seine Bestattungsaktivitäten kontrolliert und sofort Ungereimtheiten entdeckt. Zu kurze Särge, Leichen unter falschen Namen in den falschen Särgen. Es ist doch nicht so einfach, schnell zu viel Geld zu kommen.

Edouard und Albert haben zunächst mehr Glück. Ihr Unternehmen hat einen glänzenden Start. Édouard war es gelungen die Skepsis von Albert zu besiegen: „Der ewige Kampf zwischen Künstler und Bürger erlebte eine Neuauflage.“ (S. 279) Lug und Betrug; Moral haben sie aus dem Krieg nicht mitgebracht. Albert nutzt seine Anstellung in der Bank bei Péricourt, schiebt Geld hin und her und nebenbei kommt auch einiges auf seinem Konto.an. (vgl. S. 326)

Auch im Roman gibt es wie im Leben noch eine Art Gerechtigkeit. Die unmoralischen Missetaten fliegen auf; manchmal dauert das ein bisschen länger, weil alle irgendwie verstrickt sind.

Wie macht Lemaitre das, um diesem Roman seine unglaubliche Spannung zu verleihen? Beide sind Freunde sind eigentlich tod,; sie entrinnen diesem Schicksal durch gegenseitige Hilfe, das ist fast noch ein Rest von Moral, die ihnen geblieben ist. Aber dann müssen sie sich nach ihrer Rückkehr in einer eigentlich feindlichen Umgebung zurechtfinden, die ihnen kein bisschen hilft. Und sie setzen sich durch Hartnäckigkeit gegen alle Widrigkeiten durch. Sie passen ihre Geschäft dem Zug der Zeit an und haben zunächst mit ihrem Betrug Erfolg. Die Tage im Frontlazarett sind entsetzlich, Édouard schreit, alles stinkt um ihn herum, Albert hält zu seinem Freund und rettet ihn. Echt spannend, wie er sich gegen immer neue unerwartete Schwierigkeiten zur Wehr setzten zu lernt. Pradelle steht dabei für die ständige Erinnerung an die Todesangst, an das Trommeln der Geschütze, an die vielen Toten, die Hoffnungslosigkeit und das Grauen des Krieges.

Pierre Lemaitre
> Wir sehen uns dort oben
Roman, aus dem Französischen von Antje Peter (Orig.: Au revoir là-haut)
1. Aufl. 2014, 521 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98016-5

Lesebericht: Peter Heather, Die Wiedergeburt Roms

Donnerstag, 22. Januar 2015

heather-wiedergeburt-romsSind wir mal ganz ehrlich, nach den Römern zumindest bis Karl dem Großen und dann noch weiter bis zur Renaissance ist aus der Schule nicht so viel hängengeblieben. Mit Rom war es irgendwann zu Ende. Sehr verworren, dunkles Mittelalter, viele Kriege, man weiß nicht so recht. Dann kam die Renaissance. Wir haben schon öfters auf diesem Blog auf die > Geschichtsdarstellungen bei Klett-Cotta hingewiesen, die ein Überblickswissen anbieten, keine Thementiefbohrungen, sondern eine ganze Epoche in einem Buch erklären. > Peter Heather hat mit seinem Band > Die Wiedergeburt Roms. Päpste, Herrscher und die Welt des Mittelalter so ein Buch vorgelegt.

Mit der Hinrichtung des Onkels des Romulus, (um 460; gest. nach 476) Kaiser des Weströmischen Reiches, durch Odoaker, einem Offizier der römischen Armee in Italien, am 4. September 476 und dem Ende des Römischen Reiches beginnt dieses Buch. Es war derselbe Odoaker (um 433; gest. 493), der bereits Roulus‘ Veater hatte hinrichten lassen. Nachdem Onkel und Vater, die die Regierungsschäfte für den minderjährigen Kaiser führten, beseitgt waren, übernahm Odoaker die Herrschaft und bot Konstantinopel eine gemeinsame Regierung für das östliche und westliche Territorium an.

Drei Herrscher haben nach Odoaker versucht, das römische Erbe in Westeuropa wiederzubeleben. Jeder von ihnen zu unterschiedlichen Epochen, jeder unter anderen Voraussetzungen, jeder von ihnen hat als Herrscher trotz des Scheiterns die Geschichte Ihrer Zeit in entscheidender Weise mit bestimmt. Die Geschichte dieser drei Herrscher, der implizite Vergleich hinsichtlich ihrer Machtbasis, ihrer Erfolge und ihrer Niederlagen, machen aus diesem Buch trotz der ungeheuren Fakten- und Namensfülle ein wohlstrukturiertes Lernbuch, dessen Struktur sich leicht behalten lässt. Eben eine gut durchdachte Einführung, die den Leser von 467 bis zur Herrschaft > Karl des Großen führt. Erst die „Neuerfindung des Papsttums“ (S. 16) im 11. Jh. begründete wieder ein Römisches Reich für 1000 Jahre.

heather-wiedergeburt-romsTheoderich der Große (451-526)schrieb 507 an den oströmischen Kaiser Anastasios (430-518): „Unsere Herrschaft ist eine Nachahmung der Euren, ein Abguss der guten alten Vorlage, eine Kopie der einzigartigen Kaisermacht.“ (S. 19). Blogberichte, auch unsere Leseberichte sollen nicht besonders lang sein, ein Grundsatz, der als Klebezettel an den Bildschirm gehört, wenn ein 550 Seiten langes Buch vor uns liegt. Die nächsten 5 Seiten dieses Leseberichts in einem Satz: Es ist der abwägende und erklärende Umgang mit den Quellen, ihre Einordnung und Bewertung, die unter der Feder Heathers immer wieder in Quellenkunde übergeht und zeigt, wie aus dem Befund der Quellen Geschichtsschreibung wird, so auch hier beim Brief Theoderichs an Anastasios. Theoderich weilte als Knabe von ca. 459 1o Jahre lang am Hofe Leo I. (401-474) in Konstantinopel: Ein politisches Praktikum: S. 21-39. Heather geht allen Spuren nach und erzählt die Ankunft Theoderichs in Konstantinopel, der Anlass zu dieser Reise hängt mit einem Abkommen zusammen, das sein Onkel mit Leo I. geschlossen hatte. Unsere Kenntnisse über Theoderich werden im Wesentlichen durch seinen Biographen Cassiodor (um 485-580) bestimmt. Auch hier kommen die exzellente Kenntnisse Heathers im Umgang mit den Quellen zum Tragen; er zeigt wie die Quellen gelesen und interpretiert werden. Noch heute wird durch das präzise Nachlesen der Quellen manche immer schon tradierte Auffassung korrigiert: „Ein Philosoph in Purpur“, schrieb Cassiodor und gab dem Kapitel so seine Überschrift: S. 75-132. Letztendlich scheitert dieser zweite Versuch, das Imperium Westen wiederherzustellen.

Ein Jahrhundert nach Justians Tod beschloss Konstantinopel auf einem schmalen Plateau eine neue Stadt zu errichten: Justiniana Prima. (S. 135 ff.)

> Iustiniana Prima (Wikikpedia) wurde im Nordwesten der Provinz Dacia weit ab von den Hauptverkehrswegen nahe zu Dardanien gegründet. Warum wurde hier eine Stadt errichtet? Die Stadt, so Heather, sei ein Monument für Kaiser Justinian I. (482-565), der 527 auf den Thron kam. Sein Biograph Prokop aus Caesarea hat in drei Werken die Kriege Justinians von 527-553 und seine Bauten wie die Hagia Sophia beschrieben. Dazu gehört auch die Anekdota, die Geheimgeschichte, die zunächst verloren gegangen war und in der Vatikanischen Bibliothek wiederentdeckt und in Lyon 1623 veröffentlicht wurde. Lesen Sie selbst, die Art, wie Heather aus den Quellen ist wirklich spannend. Justinians Lebenswerk ist die Reform des spätrömischen Rechts. S. 148-188. Justinians Vermächtnis, S. 241-246: Es war der Aufstieg des Islams, der dazu führte, dass aus dem östlichen Mittelmeerraum kein Kandidat für die Wiederherstellung des Weströmischen Reiches in Frage kam. Justinian kann zwar mit seiner Rechtsreform ein sehr bedeutendes Lebenswerk vorweisen, mit der Restauration des Reiches war er aber gescheitert.

Am 25. Dezember 800 wird der Frankenkönig Karl der Große (747/8-814) „früh am Morgen“ in Aachen, S. 249, von Papst Leo III. gekrönt. Sein Biograph Einhard (775-840) war nicht amüsiert und versicherte, er hätte die Kirche nicht betreten, wenn er die Ansicht des Papstes gekannt hätte. (ib.) Viellicht war es ihm unheimlich soviel Macht vereinigt zu sehen, schließlich ging es darum dass das Römische Reich in der Person des Frankenherrschers wiedergeboren wurde. Die Folgen des Weihnachtstages 800: S. 249-293. „Die Mitte hält es nicht“ lautet die Überschrift des Kapitels, das die Folgen des Todes von Karl dem Großen am 28. Januar 814 erzählt. Zwar zerfällt sein Reich, es wird unter seinen Söhnen aufgeteilt, zugleich kündigt sich der Aufstieg des Papsttums an: Karl der Große und Papst Leo: S.: 351-407, was im letzten Kapitel von Heather „Habemus Papam: Das Papsttum startet durch“ (S. 408-469) bestätigt wird.

Wie liest man so ein dickes Buch, und wie behält man einige seiner Fakten? Am besten man blättert es einmal durch, schaut sich das Inhaltsverzeichnis an, liest die Einleitung, den Epilog, S. 470-480: sehr lesenswert. Wenn man die Struktur durchschaut hat, blättert man das Buch nochmal durch, nun hat man ein Gerüst für die Epoche, man kennt die Hauptpersonen, Theoderich, Justinian und Karl den Großen. Nun kann die Lektüre losgehen. Hinterher ist die Zeit von 400 bis 1000 keine unbekannte Epoche mehr.


> Klett-Cotta hat jetzt auf Facebook eine eigene Seite für Geschichte


heather-wiedergeburt-romsPeter Heather
> Die Wiedergeburt Roms
Päpste, Herrscher und die Welt des Mittelalter

Aus dem Englischen von Hans Freundl und Heike Schlatterer (Orig.: The Restoration of Rome)
1. Aufl. 2014, 544 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit einem farbigen Tafelteil, Karten, Lesebändchen
ISBN: 978-3-608-94856-1

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Donnerstag, 15. Januar 2015

andresen-schreiben-sprechen

Auch Bücher von 2005 verdienen es, hier angezeigt zu werden. Kaum was anderes ist für die Erziehung und das Aufwachsen von Kindern so wichtig wie die Sprache. Jean-Paul Sartre hat das in den beiden Kapiteln „Lire“ und „Écrire“ seiner Autobiographie Les Mots (1960) sehr eindringlich beschrieben. Die Entdeckung der Welt mittels der vielen Bücher in der Bibliothek seines Großvaters. Das Aufschlagen der richtigen Seite, das Abschreiben, das Einfügen der Konjunktionen, alles zusammen machte seine Feder zur Waffe. Das wusste er damals schon. Schreiben, das wollte auch Antoine de Roquentin, als er am Ende von Der Ekel (1938) die Biographie von Rollebon aufgibt, Bouville verlässt und sich im Zug sagt, – je cite de mémoire – „Ich muss ein Buch schreiben, das so hart wie Stahl ist, und den Menschen wegen ihrer Existenz die Schamröte ins Gesicht treibt.“ > Sartres Ästhetik in einem Satz. Dieser Gedanke ist aller PC-Technik weit überlegen. Darum geht es beim Schreiben, anderen neue Möglichkeiten aufzeigen und sie daran erinnern, was sie versäumt haben. Auch wenn in Digitalien eines Tages die Handschrift verschwinden sollte, wird man immer noch mit Wehmut daran denken, wie leicht doch die Gedanken mit der Tinte auf das schöne glatte Papier flossen, heute quälen sich die Buchstaben an Abstürzen, Updates, Programmfehlern, unverständlichen Formatvorlagen, unkompatiblen Dateiformaten, kaputten Dateien, kaputten Routern, fehlerhafter Hardware vorbei auf den Drucker, wenn dieser gerade mal nicht streikt. Wenn man ein Buch mit Word verfasst hat, > die Druckvorlage endlich auf dem Weg zum Verlag ist, dann fragt man sich, warum man das alles nicht lieber mit der Schreibmaschine gemacht hat. Wieviel Zeit klaut uns der PC? – Hier steht vieles zur Handschrift und zum Touchscreen: > Texte schreiben oder Buchstaben suchen? Schreibschrift, Blockschrift oder Touchscreen?.

Man kann es drehen und wenden wie man will > Caspar Hirschi, Carlos Spoerhases Artikel Die Gefährdung des geisteswissenschaftlichen Buches.
Die USA, Frankreich und Deutschland im Vergleich
im neuen MERKUR 02/2015 hat viel mit den apokalyptischen Reitern zu tun, von denen wir in unserem Lesebericht > Schwerpunkt: « Die Gegenwart des Digitalen » Merkur 788 – Januar 2015 im neuen Gewand erzählt haben. Ohne die PC-Technik würden andere, bessere Texte besonders von Anfängern geschrieben werden. Wieviel Konzentration und Zeit geht durch das Einrichten, die Abstürze, das Erlernen der Programme, das Surfen, das Suchen und Stochern im Netz verloren! Vielleicht hätte mein Studium in Bonn mit dem PC länger gedauert. Heute können sich Studenten kaum vorstellen, ohne PC zu arbeiten, auch wenn das Erstellen einer Hausarbeit z. B. über Camus nur online einfach nicht funktioniert. Und ohne Open Access, Scanner, Sticks mit geklauten Texten, ohne die Verführung im Netz was zu suchen, könnten wir uns wieder aufs Schreiben konzentrieren.

Valentin Groebners Aufsatz > Mit Dante und Diderot nach Digitalien. Wie viel will die Wissensgeschichte von sich selber wissen? im neuen MERKUR 02/2015 ist so gut, an ihn muss ich nochmal erinnern. Wir sprechen heute von der Wissensgesellschaft und tun so, als hätten wir noch nie eine traditionelle Papierbibliothek von innen gesehen; wir lobpreisen Wikipedia, freuen uns an den vielen Fakten, die die kollektive Intelligenz objektiv ordnen will, vergessen aber, dass > Diderot mit seiner Enzyklopädie, ihrem Anspruch, ihrem Mut und ihrer Qualität der heutigen Wikipedia wohl überlegen ist. Diderot bezog Stellung, denn ein Lexikon ohne sogar implizite Stellungnahme gibt es nicht. Wikipedia will objektiv sein und kann immer nur so tun als ob. Groebner schreibt: „Im Reden über die Wissenswelten der Zukunft stecken eine ganze Menge alte Narrative, vor allem theologische.“

Helga Andresen
> Vom Sprechen zum Schreiben
Sprachentwicklung zwischen dem vierten und siebten Lebensjahr
Konzepte der Humanwissenschaften
1. Aufl. 2005, 272 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-608-94394-8

Schwerpunkt: « Die Gegenwart des Digitalen »
Merkur 788 – Januar 2015 im neuen Gewand

Dienstag, 13. Januar 2015

Die letzten 23 Jahre sah der MERKUR sich immer sehr ähnlich, fühlte sich gleich an, nun hat seine Redaktion sein Outfit überarbeitet, erneuert, verfeinert und das ist ihm bestens bekommen. „Ein offenporiger Karton“ wird in der Umschlag in „Zu diesem Heft“ genannt. Soooo fühlt sich so ein Karton also an, allein durchs Fühlen werden Sie merken, dass Sie den neuen MERKUR in Händen halten. Die Kurzbiographien der Autoren stehen nun vorne. Und diese erste Ausgabe im neuen Gewand hat gleich ein Oberthema mit auf die Reise bekommen: « Die Gegenwart des Digitalen » lautet das Heftthema im Januar. Kommt gerade richtig, nachdem wir am letzten Freitag im Europarat die Rede von Jacques Toubon, Défenseur des droits, zur > besonderen Bedeutung der Grundrechte im Internet gefilmt haben. Und die Begeisterung von > Benoît Thieulin, Präsident des Conseil national du Numérique über das Internet und seine Aufgabe, die von Premierminister Manuel Valls erbetene > Concertation national sur le Numérique zu leiten, gehört in die Bibliographie zum vorliegenden MERKUR.

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Geisteswissenschaften. Zunächst untersuchen Caspar Hirschi und Carlos Spoerhase Die Gefährdung des geisteswissenschaftlichen Buches. Gründlich recherchiert! Sehr lesenswert. „Vier apokalyptische Reiter“, S. 6 f., haben sich auf den Weg gemacht, das geisteswissenschaftliche Buch zurückzudrängen, zu attackieren, und damit ist das Urheberrecht gemeint. Und schon werden wir sehr hellhörig. Die Reiter heißen Google-Books (> Rezension des Buches von J.-N. Jeanneney, Google défie le monde, Paris 2005), Uni-Scanner und E-Book-Piraterie, die ersten beiden nerven, der dritte ist kriminell, und ich finde es sehr ärgerlich, wenn eines meiner Bücher als Raubkopie weitergereicht wird. Der vierte Reiter heißt Open Access, und, wenn er „bald im staatlichen Auftrag“ (S. 6 f.) reitet, dann wird er richtig gefährlich. Die Grundidee seiner Anhänger ist, dass Aufsätze, die mit öffentlicher Förderung entstehen, folglich auch kostenlos zur Verfügung stehen sollten. Als ob ihre Herstellung, weil öffentlich gefördert, nichts kosten würde! Die Forscher haben unendlich viel(e) Finanzen selber investiert, bevor sie in den Genuss öffentlicher Förderung kommen, und die öffentliche Förderung muss auch irgendwo herkommen. Wir haben hier auf dem Blog schon öfters die Open-Access-Bewegung kritisiert, und tun es immer noch. Open Access würde gerne einen Sog entwickeln, nur wer bei mir veröffentlicht, verhält sich korrekt, glaubt man durchzuhören. Falsch meint und sagt Roland Reuss in seinem Heidelberger Appell, denn die Autoren sollten selbst bestimmen können, wo sie veröffentlichen. Sie besitzen das Urheberrecht an ihren Arbeiten und niemand anders. Es ist einzig und allein ihre Sache, wie sie damit umgehen. Wenn sie ihre Arbeiten als Opern Access verbreiten wollen, ist es ihre Sache.

Beide Autoren Hirschie und Spoerhase dokumentieren präzise die unerhörten Steigerungen der exorbitanten Preise für wissenschaftliche Publikationen: S. 8-10. Dann allerdings verweisen sie auf die S. Barluet, Édition des sciences humaines et sociales, Le cœur est en danger, Paris 2004, die die Absatzkrise für den Ausdruck einer Angebotskrise hält. C’est là que le bat blesse ?! Zu „spezialisiert“, zu „introvertiert“, sind die Geisteswissenschaften selber schuld am Rückgang ihrer Veröffentlichungen? Hirschi und Spoerhase raten den Verlagen zu mehr Klasse, zu mehr Reduktion. Zur Zeit werden schnelle und fixe Regaldreher produziert, die kaum ausgeliefert, bald wieder vergessen sind. Die beiden Autoren kennen die Bedeutung cleverer Lektorate.

Nullzins. Gerade wird die Welt wieder einmal auf den Kopf gestellt. Man bringt Geld zur Bank und muss gleich noch mehr mitbringen, damit die Bank die Finanzen auch annimmt. Früher bekam man ein paar Zinsen, heute schmilzt das Geld auf der Bank. Wer bedient sich eigentlich daran / an uns? Dirk Baecker erklärt die Tragweite der „Nullzinspolitik der Notenbanken“ und weiß, dass wir an der Schwelle zur nächsten Gesellschaft stehen.

Alexander Kluge hat elf politisch-historische Miniaturen verfasst: „Elf Geschichten“.

Übersetzen. Eva Guelen rezensiert Dictionary of Untranslatables. A Philosophical Lexicon. Hrsg. v. Barbara Cassin. Übers. v. Steven Rendall, Christian Hubert, Jeff rey Mehlman, Nathanael Stein, Michael Syrotinski. Hrsg. v. Emily Apter, Jacques Lezra, Michael Wood. Princeton University Press 2014: S. 38 „Auch mit der englischen Version könnte man jemanden erschlagen und fühlt sich förmlich erschlagen nach nur kursorischer Lektüre; eine andere ist jedoch kaum möglich, und selbst die überfordert planvoll: Was für eine Fülle (auch »copia« gilt ein Eintrag) von Perspektiven und unvermuteten Zusammenhängen, aber auch Brüchen und Differenzen in, unter und zwischen den verschiedenen Sprachen, vom Arabischen bis zum Russischen!“

merkur-788-1-2015Christian Demand widmet seine Memorialkolumne der Sichtbarkeit von Denkmälern.

Eckhard Schumacher untersucht die neuesten Entwicklungen der Popmusik: „Vergangene Zukunft: Repetition, Rekonstruktion, Retrospektion“.

Jetzt wird es wirklich ernst: Valentin Groebner fragt unter der Überschrift „Mit Dante und Diderot nach Digitalien“ „Wie viel will die Wissensgeschichte von sich selber wissen?“ Darin verbirgt sich ein Verriss von Peter Burke, Die Explosion des Wissens. Von der Encyclopédie bis Wikipedia. Berlin: Wagenbach 2014, an dem Groebner keine gute Seite lässt. Kursorisches, Unvollständiges, Krauses soll Burke abgeliefert haben. Vielleicht ist das bei Wikipedia ja auch so. Natürlich gibt es dort glanzvolle Artikel, aber es gibt auch Lücken, die die kollektive Intelligenz einfach nicht zu beheben weiß. Nehmen wir ein Beispiel „L’Enfer c’est les autres („Die Hölle, das sind die anderen“): In der Kernaussage des Stückes übersetzt Sartre ein religiöses Motiv in die existentialistische Analyse der menschlichen Situation, deren grundsätzliche Ausweglosigkeit sich unter dem Blickpunkt der Ewigkeit erschließen soll,“ heißt es im Artikel > Geschlossene Gesellschaft (13.1.2015) Das ist das was man immer so aus > „Huis clos / Geschlossene Gesellschaft“ zitiert. Sartre meinte aber etwas anderes. Die Feinheiten von Wikipedia leiden unter der Anonymität der des Kollektivs, das intelligent sein möchte. Ohne aufgeklapptes Visier kommt es leicht zu Beschimpfungen, der zivilisierte Umgang leidet darunter. Das Digitale schadet dem Wissen, das will Groebner anmerken. Da denke ich wieder an diesen Blog und die Kellerarbeit damals bei der Schülerzeitung, als wir die Überschrift aus einzelnen Buchstaben zusammengeklebt haben und auf der Schreibmaschine die Text für den Offsetdruck geschrieben haben. Oder meine schicke kleine Reiseschreibmaschine von Olympia im Studentenheim mit der Pappkarte am Papierhalter, die präzise anzeigte, wieviele Zeilen Fußnoten noch zu Verfügung standen. Und heute: WORD & Co. Sind die Schülerzeitungen von heute besser? Oder die Seminarbeiten besser? Und schon wieder sind wir beim Beitrag von Hirschie und Spoerhase in diesem Heft.

Weiter geht es durch Digitalien. – Spüren Sie die Leselust, die dieses Heft vermittelt? Die will ich mit Ihnen teilen. – Ted Striphas schreibt eine kurzgefasste Phänomenologie des Internets Das Internet der Worte. Da ist eine ganze eigene, selbstreferentielle Diktion entstanden, die sich zum Gegenstand nimmt, von Absturz über Cloud und Twittern bis zu Zurückgekommene Nachricht, mit der ein Literaturwissenschaftler für ein gelungenes Werke nichts anzufangen wissen muss. Diese Digitaltechnik kann auch als ein Angriff auf das wissenschaftliche Handwerkszeug verstanden werden… die Form der Seminararbeiten ist ansprechend, aber wie die sich teilweise am „Internet inspirieren“… oder von Büchern in der Bibliothek nichts wissen, weil sie sie im Internet nicht gefunden haben. Es ist ja nun mal so, eine Seminararbeit kann man online im Netz nun mal nicht schreiben: > Schreiben Sie mit der Hand oder der Tastatur?

merkur-788-1-2015Das ist keine Marginalie. Gunter Hack berichtet über Das Internet als militärisches System, das es in der Tat so schwer hat, sich von seinen Ursprüngen zu befreien. Roger A. Fischer schreibt über die „Gesellschaftliche Lage des Netzes“, und wie das Verhältnis von Anbieter – er wird Versorger S. 92 – und Kunden sich ändert. S. 90. Teilnehmer am Netz werden zu „Veranstaltern von Wettbewerbsprozessen“ (S. 94).

Paul Kahl und Hendrik Klavelage waren im Erinnerungsort Goethe-Nationalmuseum in Weimar. Ljudmila Belkin verortet die „Vielheit der Ukraine“ politisch und geographisch. Stphan Herczeg setzt sein Journal XXII fort.

Zu lang? Der Lesespaß, das Leseinteresse trieben diesen Lesebericht heftig an.

Auf zum > MERKUR.

Lesebericht: Kristin Kopf, Das kleine Etymologicum

Montag, 5. Januar 2015

„Das ist ein Buch das mehr als nur ein Lächeln in mein Gesicht gezaubert hat: Kristin Kopf ist nicht nur ausgewiesene > Fachfrau für Sprachgeschichte, sondern auch eine sehr erfolgreiche Sprachbloggerin,“ schreibt Heike Baller unter dem Titel > Das kleine Etymologicum von Kristin Kopf auf ihrem Blog > Kölner Leselust.

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Auch ohne einen > Krimi von Klett-Cotta, können Sie leicht in Gefahr geraten, beim S- oder U-Bahnfahren die nächste Haltestelle zu verpassen. Packen Sie Kristin Kopfs > Das kleine Etymologicum. Eine Entdeckungsreise durch die deutsche Sprache ein, und Sie werden merken, wie spannend eine Einführung in die Sprachwissenshaft sein kann. Kopf erzählt einfach nur, aber das macht sie mit einem profunden Sachverstand, und sie kann richtig gut erklären. Ihr > www.sprachlog.de, wo sie zusammen mit Anatol Stefanowitsch und Susanne Flach schreibt, ist dafür der beste Beweis:

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„Dieses Buch mäandert,“ (S. 11) das reicht als Gebrauchsanweisung, da sind Assoziationen, (Fluss-)Schleifen des Maiandros und viele Quellrinnsaale einbegriffen, alles Hinweis auf die Wort-Urahnen. Das ist es also, was Kopf hier so bescheiden als > Das kleine Etymologicum vorlegt. Ein Krimi ohne Blut und ohne Gewalt. Die Tat(sach)en in Form von Worten sind da, jetzt geht es darum zu kombinieren, wer war’s, wo kommen die Worte her, statt der Entwicklung zu folgen, schauen wir mal zurück und gucken zu, wie Kopf die Sprachgeschichte aufrollt. Lautwandel, Bedeutungen, Silben, Lautverschiebungen, Entlehnungen, sogar Rückentlehnungen, alles Indizien, mit denen die Biographie von Wörtern ermittelt werden kann. Geschichtskenntnisse und Sprachenkenntnisse sowieso gehören dazu, der Sprachwissenschaftler zählt keines falls nur Silben, er muss kombinieren können, Vermutungen anstellen und in der Lage sein, seine Behauptungen zu veri- oder falsifizieren. Etymologie deckt in einem bestimmten Umfang auch Gesetzmäßigkeiten auf, aber eben nur in einem bestimmten Rahmen, weil eine Wortbiographie unter verschieden starken Einflüssen immer wieder anders verläuft, dennoch Regelmäßigkeiten zu erkennen, das wünscht sich der Sprachwissenschaftler. Kristin Kopf vermittelt also nicht nur die Geschichte der Wörter, die Einführung in die Etymologie, sie zeigt sehr geschickt und lesenswert, wie man auch fachfremde Leser in diese keinesfalls trockene Materie einführt und sie dafür begeistert.

Es geht ganz behutsam mit Lautverschiebungen so vor 1500 Jahren los. Aber erst im Neuhochdeutsch seit etwa der Mitte des 17. Jahrhunderts klingt unser Deutsch so wie heute. Bis dahin musste ein Menge passieren. Das liegt kein bisschen im Dunkel der Zeiten. Man muss nur genau hingucken und kombinieren. Indogermanisch 5.-1. Jh. v. Chr. + Germanisch 1. Jh. n. Chr. + Westgermanisch 200-500, etc. Dann Mittelhochdeutsch (1050-1350) und Frühneuhochdeutsch (1350-1650). Mit der Etymologie einzelner Wörter, mit ihrer Biographie wird Sprachgeschichte gewebt. Und wie das geht, vermittelt Kristin Kopf präzise und detailliert. Und sie erklärt ihr Handwerkszeug: Beim sprachlichen Zurückrudern muss auf die Abläufe geachtet werden. Ältere Formen dürfen nicht über neuere Formen gestellt werden. Vorsicht vor falschen Rückschlüssen. (S. 25) Die „ursprüngliche Bedeutung“ ist meistens eine Falle, denn eine solche Bedeutung ist nicht so einfach zu haben: denn gilt zwischen Entlehnungen und Vorformen zu differenzieren: „Älter ist nicht wahrer, und sprachliche Ursprünge liegen im Verborgenen: (S. 30).

kopf-etymologicumBedeutungswandel. Manchmal will man den Sachverhalt nicht direkt ansprechen, andere Wörter werden zur Umschreibung herangezogen, werden Mittäter, die wie in einem richtigen Krimi alles verkomplizieren. Manchmal will man sich besonders heftig ausdrücken, deshalb hat sich furchtbar verändert: wir haben fruchtbar viel zu tun, was manchmal auch wie ein Selbstlob klingt. Metonymien: „seinen Teller aufessen“, macht niemand, soll man aber.

Etymologien, die unbemerkt verlaufen. Nicht jeder Mord wird aufgedeckt. Pater und Vater gehören zusammen, wie plenus und voll. Wir reden heute vom leeren Plenum des Bundestages. Plenum für „Vollversammlung“ reiste im 19. Jh. aus dem Englischen ins Deutsche. (S. 50).

Lautverschiebungen: duo (lt.), two (engl.,) zwei (dt.), alles hängt miteinander zusammen. Zimmer und (engl.) Timber (Holz, Bauteile) sind Komplizen. Aber kein Fall gleicht dem anderen. Zwei, Zwo, bis… 1 bis, rue de… da ist es nicht mehr weit bis zum Biskuit, Sie merken dass der Zwieback schon daneben liegt.

Die beruhigende Nachricht: „Das Deutsche ist nur auf den ersten Blick das lautliche Kuckuckskind im Nest der germanischen Sprachfamilie.“ (S. 68) Wortimporte gibt es zuhauf: S. 69 ff., um sprachliche Lücken zu füllen. Der Pfaffe und der Bankier kamen so ins Deutsche, so wie später Hinterland, Weltanschauung oder Ersatz in Ermangelung eigener Kreationen, ganz einfach französische Wörter wurden.

Eine Rose möchte jede Dame geschenkt bekommen. Rose lässt sich in die iranische Sprache zurückverfolgen. (S. 89 ff.); mit der Farbe Rosa wird es noch komplizierter: S. 93-98.

Al-Artikel: à la mode, und bei der morgendlichen Marmelade musste ich wieder unwillkürlich daran denken, wie Kristin Kopf das Einsickern dieses Wortes aus dem Portugiesischen über das Französische ins Deutsche erklärt: S. 104 f. Detektivarbeit.

Verstärkende Wörter oder Wortteile: Mordsspaß oder wahnsinnig vernünftig ist nicht weit weg von schrecklich lieb: S. 110-118.

Und dann kommen wir zu den Umlauten, genutzt von der Flexion und der Wortbildung, auch die Diminutive nutzen sie. Hier lernen wir einiges über den Lautwandelprozess, S. 144-166, die Länge dieses Abschnitts lässt schon sein Gewicht in etymologischer Hinsicht ahnen.

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Die Ableitungssilben wie -lich, -bar fehlen noch, S. 171 ff., die Rückentlehnungen , S. 176, ff., und dann folgt noch ein großer Abschnitt zur Verwandtschaftskunde: Tante, Base, Cousine und & Co. S. 195 ff.

Ausführliche Anmerkungen und ein Quellenverzeichnis ergänzen diese Sprachreise.

Kristin Kopf,
Das kleine Etymologicum. Eine Entdeckungsreise durch die deutsche Sprache
1. Aufl. 2014, 284 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-91341-5

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