Verlagsblog

Archiv für Februar 2015

Lesebericht: David Whitehouse, Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek

Montag, 23. Februar 2015
Montag, 9. März 2015, 20 Uhr
Stuttgart | Lesung – Moderation: Thomas Klingenmaier
Lesung im roten Doppeldeckerbus
Buchhandlung Wittwer
Königstr. 30 – 70173 Stuttgart

Blogschau:

„Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek“ ist ein Feuerwerk der Gefühle, die durch die Kuriosität seiner Protagonisten zu einer liebenswerten Lektüre wird, die man gar nicht weglegen möchte,“ schreit Oliver Steinhäuser unter dem Titel > Lesebericht zu “Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek” von David Whitehouse auf seinem Blog: > buchundmedienblog.com.

David Whitehouse, hat mit dem jüngst bei Tropen erschienenem Buch > Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek ein erstaunliches Buch geschrieben. Hauptperson ist Bobby Nusku mit einer unglücklichen Kindheit und schlechten Familienverhältnissen zu Hause. Er nutzt die erstbeste Gelegenheit zu einem „Ausflug“, dessen Dauer nie ein Thema ist.

Sein Freund Sunny macht mit allerlei dummen Aktionen auf sich aufmerksam und gibt vor, Bobby beschützen zu wollen. In der Nachbarschaft macht Bobby derweil Bekanntschaft mit Rosa Reed und ihrer Mutter Val(erie) Reed. Sie putzt in einem Bücherbus, den sie kurzerhand mit einer chaotischen Abfahrt entwendet, als Bobby wieder einmal dem Wüten seines Vaters gerade entkommen ist.

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Bei ihrer stürmischen Abfahrt geht wegen der mangelnden Übung der Fahrerin so einiges zu Bruch. – „Man kann nie von etwas weglaufen, was man nie gehabt hat“, erklärt Sunny später der Polizei, die nach Bobby sucht. Es beginnt eine Bücherbusoddyssee durch England bis Schottland und wieder zurück. Unterwegs nehmen sie Joe mit auf, der die Gefahren nur noch verschärft. Das Ende der Geschichte steht schon am Anfang und wird am Ende präzisiert.

Um es gleich zu sagen. Bobby hat, auch wenn ihm eventuell mildernde Umstände zuzubilligen sind, einen doch miesen Charakter; die Sache mit dem Brennspiritus, das geht gar nicht. Aber er hat durchaus auch die Fähigkeit, Systematik in sein Leben zu bringen. Seine Mutter ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Bobby kann das nicht so recht glauben und bereitet sich auf Ihre Rückkehr vor. Akribisch sammelt er selbst kleinste Erinnerungen in seinem Archiv, dem er eine perfekt Ordnung verpasst.

Bobby pflegt nicht nur das Archiv mit den Dingen seiner Mutter, er hat auch die Angewohnheit, sich seine Umgebung mit Zahlen zu merken, wieviele Stufen, wieviele Meter von hier nach dort, zu Hause konnte er sich so perfekt im Dunkeln bewegen. Das Lesen der Romane war für Bobby immer wieder ein Anlass, sich eine neue (Land-)Karte vorzustellen, wie sollte er auch sonst z.B. John Steinbecks Roman Von Menschen und Mäusen bewältigen können? (vgl. S. 175) Ganz ähnlich geht es ihm auch bei der Lektüre von Antoine de Saint-Exupérys Der kleine Prinz, von dem er glaubte, er sei nur für ihn geschrieben, aber das glauben ja sowieso alle Leser dieser Geschichte: „Male mir einen Elefanten.“

Diese Geschichte mit dem Diebstahl des Bücherbusses enthält eine kurzgefasste Ästhetik der Literatur, auch wenn Bobby sie theoretisch nicht so recht versteht, so war ihm die praktische Auswirkung der Literatur umso klarer. Roald Dahls Matilda hatte er gelesen und glaubt nun, auch er verfüge über besonderen Gaben. Vielleicht würde es wirklich nur reichen, bloß all die Geschichten zu lesen, damit sich die Wirklichkeit ändern würde. Ganz sicher war er sich nicht, wie und was sich ändern würde, aber das Prinzip schien ihm unerschütterlich.

Im Vordergrund dieses Romans steht die Frage nach der Wirkung der Literatur. Es sind die Geschichten, die die Bücherbusleser in ihren Bann ziehen: „Lies uns was vor,“ (S. 137) sagte Bobby und reichte Val die große Ausgabe von Moby Dick. „Bücher sind das Leben“ fügt Val hinzu: „So etwas wie ein Ende gibt es nicht,“ (S. 138) und „In jedem Buch gibt es irgendeinen Hinweis auf dein eigenes Leben,“ erklärt sie Bobby, der die Reise im Bücherbus zu extensivem Lesen nutzt. „…die Geschichten sind miteinander verbunden. Du erweckst sie zum Leben, wenn du sie liest, und dann wirst du das, was darin passiert, such selbst erleben,“ (S. 73) lehrt sie Bobby ihre Vision der Literatur.

Bobby vernachlässigt sein Archiv und liest und liest: „Er wollte Teil eines Buches sein, ein Abenteuer erleben.“ (S. 74) Engagierte Literatur vermittelt nichts anderes, denn ein Autor, der über etwas schreibt, nimmt den Dingen die Unschuld, erklärte Raymond Aron einem Café seinem Freund > Jean-Paul Sartre. Benenne etwas, oder schreibe über etwas, und es hat für Dich und den Leser eine Bedeutung, es weist auf etwas hin, es obliegt dem Leser, daraus etwas zu machen. Das ist die Appelfunktion der Literatur, die Roquentin in Sartres La nausée in einem Satz zusammenfasst: Auf dem Heimweg von Bouville nach Paris stellt er sich vor, ein neues Buch zu schreiben, das so hart wie Stahl sei, und den Leuten wegen ihrer Existenz die Schamröte ins Gesicht treibt. – Literatur verändert die Wirklichkeit nicht, sie schärft unseren Blick für die Wirklichkeit, sie rückt Dinge in einen neuen Kontext, öffnet neue Perspektiven, stellt Autor und Leser ständig vor ihre eigene Verantwortung.

So ist es auch mit den Die Geschichten um und in dem Bücherbus. Sie gehen mit den in seinen Büchern aufbewahrten Geschichten ineinander über. Whitehouse zeigt ganz nebenbei, dass die, die lesen das Leben leichter meistern, er lässt Fiktion, Geschichten und Erzählungen nebeneinander- und ineinanderlaufen, so wie Sunny auch Der Eisenmann von Ted Hughes sein könnte, das Buch, das Bobby ihm zum Wiedersehen mitbringt. Beide sind die Fortsetzuung von Tom Sawyer von Mark Twain, findet Val, und Bobby flitzt in den Bücherbus und kommt mit der alten gebundenen Ausgabe zurück. Tom und Huck sind völlig frei… weil alle Leute glauben, sie seien im Fluss ertrunken…, weiß Bobby mit Bestimmheit zu sagen. Val dachte an ihren Bus und die Bücher: „Die Bibliothek hatte ihre Geschenke in sie hineingepflanzt. Die Wörter.“ (S. 301) Und lesen Sie auf S. 301 weiter, dort wird die Literaturtheorie in diesem Buch vervollständigt.

David Whitehouse,
> Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek
Roman, Aus dem Englischen von Dorothee Merkel (Orig.: Mobile Library)
1. Aufl. 2015, 315 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50148-3

Lesung: Jean Améry, Jenseits von Schuld und Sühne

Samstag, 21. Februar 2015

0531_03_SU_Amery_Schuld.inddSonntag, 1. März 2015, 17 Uhr

Horb | Lesung : „Wieviel Heimat braucht der Mensch“
Peter Binder, SWR, liest aus > Jenseits von Schuld und Sühne von Jean Amery.

Prof. Dr. Karl-Josef Kuschel und Michael Theurer (MdEuP) sprechen über die vorgetragenen Texte.

Eintritt frei
Ehemalige Synagoge Rexingen – Freudenstädter Str. 16 –
72160 Horb-Rexingen

Lesebericht: Patrick Rothfuss, Die Musik der Stille

Samstag, 21. Februar 2015

Die Blogschau:

Die frühere Biologin und jetztige Buchhändelerin Simone Dalbert aus Würzburg schreibt auf > papiergeflüster über > Patrick Rothfuss – Die Musik der Stille: „Auris Geschichte hat mich tiefer berührt als viele Werke mit mehr Seiten, ist mir wertvoller als viele andere. Ich hätte sie nicht missen wollen und bin froh, dass der Autor sie veröffentlicht hat, obwohl er selbst Bedenken hatte.“

„Despite the fact that the post office is slow delivering my copy, I’ll be getting to see a copy of this book in person soon. In fact, I hope to be seeing a lot of them, as I’m going to be making a trip to Germany and Austria next month,“ schreibt Patrick Rothfuss auf seinem Blog > blog.patrickrothfuss.com/ unter der Überschrift > German Book, German Tour (And Austria) und fasst auch dort alle Termine für seine Lesungen in Deutschland und Österreich zusammen. Wir freuen uns auf das Interview mit ihm in Leipzig.

Oliver Steinhäuser hat auch das Buch gelesen und schreibt auf dem > Buch- und Medienblog einen Lesebericht zu > “Die Musik der Stille”: „Die Protagonistin (= Auri, H.W.) weiß, dass in ihrem Inneren vieles nicht zum Besten steht und ist sich im Klaren darüber, dass die Unordnung in ihrem Inneren sie zu einer einsamen Person macht. Glück extrahiert sie aus den Momenten, in denen sie Räume und Objekte zueinanderpassend vereint. Traurig stimmen sie Situationen, in denen sie nicht den richtigen Platz für ihre Heiligtümer finden, denn sie selbst ist es, die für die Weltordnung zuständig ist.“

Lit.cologne: Dienstag, 17.03.2015, 21:00 Uhr:
Location: MS RheinEnergie/Literaturschiff, Frankenwerft KD-Anleger, Innenstadt, 50667 Köln
> Patrick Rothfuss & ChrisTine Urspruch lauschen der Musik der Stille
Moderation: Denis Scheck, Lesung des deutschen Textes: ChrisTine Urspruch

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Unser Lesebericht:

Gestern ist das neue Buch von Patrick Rothfuss, > Die Musik der Stille hier angekommen. Aus dem Englischen von Jochen Schwarzer mit Illustrationen von Marc Simonetti. Das war die Nachtlektüre in den vergangenen Stunden.

Da wir uns immer daran halten, die Bücher zu lesen und nicht in eine andere Blog-Rezensionen zu gucken, die wir aber später dennoch suchen und hier als Ergänzung dieses Leseberichts (Kann man sich diesen Ausdruck schützen lassen? Wir berichten hier über unsere Lektüren vornehmlich über Bücher aus den Verlagen Klett-Cotta und Tropen… > Rezensionen stehen woanders) anzeigen werden.

Wir werden uns hier nicht anmaßen, das Genre Fantasy zu definieren oder unseren Lesebericht wirklich sachgerecht in dieses Umfeld platzieren zu wollen. Unser Lesebericht berichtet hier nur über die Lektüre dieses einen Buches.

Vorbemerkung. In der Patrick Rothfuss den Leser davor warnt, mit der Lektüre von > Die Musik der Stille zu beginnen, wenn er nicht vorher seine beiden anderen Bücher > Der Name des Windes und > Die Furcht der Weisen > Die Furcht der Wiesen 2 gelesen hat.

Beschränken wir uns also hier nur auf die Geschichte von Auri. Es geht um die Universität von Imre, wo die großen Cracks die Alchemie erforschen. Das was oben durch Reagenzgläser, Kolben und Röhrchen läuft, spielt sich in anderer Form ganz tief unter der Uni mit ihren Hallen im Berg ab, wo es viele verlassene Gänge und Räume gibt. In diesem Unterding lebt das kleine Mädchen Auri. Wer sie nach dort unten begleitet erlebt eine seltsame Geschichte, ein Märchen, eine Sage, nein wir wollen das Fantasy-Genre nicht erkunden, es geht nur um Auri, die sich „Am tiefsten Grund der Dinge“ aufhält. Die Gegenstände hier unten haben ein bemerkenswertes Eigenleben. Sie mögen nicht hier sein, sondern dort und üben ganz offen eine Faszination auf Auri aus, die von ihnen unwiderstehlich angezogen wird.

Er soll am 7. Tag kommen. Auri hat genügend Zeit, sich auf ihn vorzubereiten. Geschenke sammeln. Dunkel ist es in dem Unterding. Zum Glück hat Auri Foxen, der nur ein paar Tropfen benötigt, um zu strahlen, sein Licht durchbricht die Finsternis der Räume. Port, Änderorte, der Grund der Gelben Zwölf, die Schwelle nach Klimpern, durch Hopse durch. Dann das Eintauchen in das große Becken, dreimal Tauchen. Das Zahnrad aus blankem Messing holt sie aus der Tiefe, aus dem „unergründlich schwarzen Wasser von Klimpern“. Durch Tenners und Graukanin hindurch. Durch Borgen und Wains, durch Rubrik und Grüli, Krümelon liegen auf dem Weg. Wenn das so weitergeht, entsteht die Karte vom Unterding vor dem Leserauge.

Das Kristall aus dem Leuchter bekommt ein Eigenleben, es hat Glück , gefunden zu werden, und ist, später kommt er in den Sammelbeutel. Trumbel heißt das Treppenhaus, das aber nicht nach oben führt. Auf nach Druntdrunt. Die Dinge erkunden. Auri kann sich der Herrschaft der Dinge nicht entziehen, und der Leser fürchtet, dass ihr im Unterding doch noch etwas zustößt.

rothfuss-musik-der-stilleDas ist die alte Scheune mit dem Kläffer, dem Gaul, der Ziege und der Katze und ein kleines Mädchen, das sie beobachtet.

Ihr Meister Mandrag begleitet Auri zumindest in ihren Gedanken. Er hatte ihr Geduld beigebracht: Chemie besteht aus neun Zehntel Warten, hatte er ihr immer wieder gesagt.

Waschzwang. Auri kehrt zurück nach Büse und wäscht Hände und Gesicht. Schließlich macht sie sich daran, Seife zu produzieren und inszeniert ihre Produktion wie ein chemisches Fest: Talg, Bienenwachs eine Spur Schlaf, Äpfel, aufschäumen, den Zorn extrahieren, es war ein „viel grimmigeres Zeug…, als sie angenommen hatte“. Dennoch bleibt ihre Welt freudlos. „Nichts Vollkommenes. Nichts Schönes und Wahres.“ Muskatnusspulver, das eisblaue Flokon, Selasblüten, dann ein „heller, brökeliger Trester“. Küss-Seife. Zu ihrer Alchemie gehört eben doch eine Art von Ästhetik. Hier unten entwickelt sie doch ein Gefallen an den Dingen, wenn es ihr gelingt, sie durch Transformation sich untertan zu machen: „Ihre Seife war die wunderbarste aller Zeiten.“

Danach erkundet sie den Dreh-und Angelpunkt des Zahnrades. Tumbrel. Der Leser leidet richtig mit, wenn Auri mit dem Zahnrad die Treppe herunterfällt, und das Rad auf der siebten Stufe zerspringt.

Alles geht auch hier unten seinen Gang und „Sein Besuch würde sich nicht verzögern.“ Audri sammelt Geschenke für ihn. Dinge, die sie besiegt hatte, obwohl „es ein Geheimnis tief im verborgenen Herzen der Dinge“ gab? Es geht hier um das Verhältnis zu den Dingen: „und alle Dinge erkannten ihren Willen. Und alle Dinge beugten sich, um ihr zu gefallen.“ Also um die Ästhetik geht es hier unten. Daran besteht kein Zweifel. Und das Wohlbefinden, besonders dann, wenn von Ferne eine leise Melodie erklingt. Aber Auri überlässt die Dinge nicht sich selbst. Sie macht etwas mit ihnen und aus ihnen.

Eine Geschichte, die sich zum Wiederlesen und auch zum Vorlesen eignet, bei dem Sie verfolgen können, wie die Geschichte die Zuhörer in ihren Bann zieht. Es ist eine Phantasiewelt, wie Wains und Temerant, durch die Auri ihr Sammelbeutelchen trägt.

rothfuss-musik-der-stilleErscheinungsdatum: 21.02.2015

Patrick Rothfuss,
> Die Musik der Stille
Aus dem Englischen von Jochen Schwarzer (Orig.: The Slow Regard of Silent Things)
2. Aufl. 2015, 173 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-96020-4

Aufgeschlagen: Patrick Rothfuss, Die Musik der Stille

Montag, 16. Februar 2015

rothfuss-musik-der-stilleDas Buch von Patrick Rothfuss, > Die Musik der Stilleist angekommen.
Aus dem Englischen von Jochen Schwarzer mit Illustrationen von Marc Simonetti. Aufgeschlagen. Bin gespannt.

Erscheinungsdatum: 21.02.2015

Dann steht der Lesebericht hier.

Patrick Rothfuss,
> Die Musik der Stille
Aus dem Englischen von Jochen Schwarzer (Orig.: The Slow Regard of Silent Things)
2. Aufl. 2015, 173 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-96020-4

Lesebericht: Keith Lowe, Der wilde Kontinent. Europa in den Jahren der Anarchie 1943–1950

Freitag, 13. Februar 2015

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Keith Lowe hat eine spannende Darstellung der unmittelbare Nachkriegsjahre nach dem Zweiten Weltkrieg verfasst: > Der wilde Kontinent. Europa in den Jahren der Anarchie 1943–1950, die von Stephan Gebauer und Thorsten Schmidt aus dem Englischen übersetzt wurde.

Für Bundespräsident Richard von Weizsäcker (1920-2015) brachte das Jahr 1945 das Ende des Nationalsozialismus: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung,“ wie er es in seiner Rede zur > Gedenkveranstaltung im Plenarsaal des Deutschen Bundestages zum 40. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges in Europa am 8. Mai 1985 formulierte. Das Chaos, in das Hitler Naziregime Europa und die Welt gestützt hatte, war damit noch nicht vorbei, aber die Menschen, wie > Albert Camus dies nach dem Abflauen des Virus in La Peste (1947) beschreibt, schöpften wieder Hoffnung.


Das Video: > Nachgefragt: Keith Lowe, Der wilde Kontinent


Betrachtet man die letzten beiden Kriegsjahre in Deutschland und die unmittelbare Nachkriegszeit aus der Perspektive von Keith Lowe, dann war die Hoffnung noch fern. Zuerst ruft er die ungeheuren Zerstörungen des Krieges in Erinnerung, Hunger Vertreibung und Moralische Zerstörung lauten seine seine Kapitelüberschriften. Ein Kapitel hat er „Hoffnung“ genannt, in dem er den „überschäumenden Tatendrang und den Idealismus“ nennt, der die Nachkriegsjahre auf allen Ebenen der Gesellschaft, besonders in Kunst, Musik und Literatur prägt: Es kommt auf die Perspektive an, die man einnimmt, um beurteilen, ob ein Satz wie dieser „All das wäre unmöglich gewesen, wäre die Bevölkerung Europas vollkommen demoralisiert, erschöpft und korrupt gewesen. Niedergeschlagenheit und Hoffnung hielten sich in der Nachkriegszeit die Waage.“ (S. 86) Je nach Standort überwog vielleicht doch die Hoffnung. Vertreibung, Chaos, weitere lokale Auseinandersetzungen, Abrechnungen bis zu Bürgerkriegen, der Beginn des Kalten Krieges prägten die fünf Jahre nach 1945. Aber es gab auch das > Comité pour l’échange avec l’Allemagne nouvelle, zu dem auch >Alfred Grosser (90) gehörte. Schon damals wurden die Grundlagen für eine Wiederannäherung von Frankreich und Deutschland gelegt.

Lowe hat eine andere Perspektive, die auch ihre Berechtigung hat. Das „Erbe des Krieges“, „Rache“, „Ethnische Säuberung“ und „Bürgerkrieg“ bestimmen seine Darstellung und zeichnen ein Europa, das sich nur mit allergrößter Mühe aus den Zerstörungen und den Trümmern des Krieges befreien kann. Der 8. Mai 1945 war nur die bedingungslose Kapitulation Deutschlands. In Frankreich War Paris im August 1944 befreit worden, dort war der Krieg im Herbst 1944 beendet. In Osteuropa wurden die Kampfhandlungen noch weitergeführt, in der Ukraine und im Baltikum wehrten sich Partisanen noch bis in die fünfziger Jahre gegen sowjetische Truppen (Vgl. S. 13)

Lowe meint, die Geschichte Europas „Abstieg in die Anarchie“ (S. 15) sei nie richtig erzählt worden, die Geschichte des Wiederaufbaus, die in Deutschland so gar in das Wirtschaftswunder nach den Nachkriegsjahren überging, wird von ihm relativiert. Um so mehr Respekt verdient der Wiederaufbau, bedenkt man das grenzenlose Chaos und das Leid der Zivilbevölkerung durch Flucht und Vertreibung. Rund ein Fünftel des deutschen Wohnraums (vgl. S. 25) war vernichtet worden. Der Holocaust kostete 5750000 Juden (vgl. S. 37) das Leben: „Der Krieg ließ Europa nicht trauernd, sondern verstört zurück.“ (S. 47)

Der „Rache“ widmet Lowe den zweiten Teil seines Buches, das mit dem Eindringen der Russen in Nemmersdorf im Oktober 1944 beginnt, wo die Russen die Zivilbevölkerung töteten. Die Entdeckung und Befreiung der Konzentrationslager offenbarte der Welt das ganze Grauen und die Niedertracht, mit der, das die Nazis den Völkermord an den Juden begangen hatten: S. 107-126. Lowe fügt hinzu das das Los der Zwangsarbeiter und der Kriegsgefangenen in den deutschen Lagern: S. 127-145. Die deutschen Minderheiten in den osteuropäischen Staaten waren der entfesselten Rache ausgesetzte: S. 163-187.

Die „ethnischen Säuberungen“ umfassen vor allem die Vertreibungen der Deutschen aus Osteuropa (S. 287-308) und das Leid der wenigen Juden die zurückkehrten und oft auch antisemitische Feindseligkeit trafen: Die Flucht der Juden: S. 240-265.

Der erfolgreiche Wiederaufbau im Westen und die Unterjochung des Ostens, der zum Kalten Krieg führte, würde von Gewlt in Frankreich, Italien, Griechenland und den osteuropäischen Staaten begleitet, die mit Gewalt in den Einflussbereich der Sowjetunion gezwungen wurden.

Lowe ist es gelungen, die Fakten, nicht nur die Zahlen und die Statistiken, sondern auch die Zersetzung jeder Moral und das unglaublich Leid der Zivilbevölkerung, die Schrecken des Holocaust und das Inferno der Gewalt, die im Mai 1945 keineswegs zu Ende war, systematisch in einen Zusammenhang mit den ganz unterschiedlichen Ereignissen in den europäischen Staaten zu stellen, die alle das Kriegsende auf ihre eigene Weise erlebten. Die Verwerfungen des Kalten Krieges, die unterschiedlichen Rezeptionen des Kriegsendes, Flucht und Vertreibung vor dem Hintergrund der ungeheuerlichen Verbrechen der Nazis führten zu neuen Grenzen auf der europäischen Karte zwischen 1945 und 1950.

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Keith Lowe,
> Der wilde Kontinent. Europa in den Jahren der Anarchie 1943–1950
Aus dem Englischen von Stephan Gebauer und Thorsten Schmidt (Orig.: Savage Continent)
3. Aufl. 2014, 526 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Tafelteil mit zahlreichen s/w-Abbildungen,
ISBN: 978-3-608-94858-5

Literatur – Sachbuch – Blog – Klett-Cotta
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