Verlagsblog

Archiv für April 2015

Lesebericht: Kevin Barry, Dunkle Stadt Bohane

Donnerstag, 30. April 2015

barry-bohaneWir haben schon öfters angemerkt, dass hier keine > Rezensionen stehen, die schreiben wir woanders, Autoren und Verlage kennen wir dann nicht, also können > dort wirkliche Rezensionen erscheinen. HIER stehen schon über 300 Leseberichte, die wir so genannt haben, da wir für den Klett-Cotta Verlag und damit auch für TROPEN bloggen, nicht in einem der beide Verlag selber sind, aber offenkundig eine enge Verbindung zu beiden Verlagen pflegen. Diese Vorrede steht hier deshalb, weil wir wirklich sehr gerne eine Rezension zu diesem Buch > Dunkle Stadt Bohane von Kevin Barry geschrieben hätten, das Bernhard Robben so perfekt übersetzt hat. Sicher, in einem Buchladen liegen stets so viele Neuerscheinungen auf, so dass die Wahl nie einfach ist, zu viele Cover bieten sich an. Ohne das Bloggen für Klett-Cotta, hätten wir möglicherweise dieses Buch nicht gelesen. Und von diesem Leseerlebnis handelt der folgende Lesebericht. Diese Gattung macht mittlerweile die Runde im Internet, seitdem wir ihn für diesen Blog erfunden haben, so um 2008 oder 2009, just, um diesen Blog gegen > Rezensionen abzugrenzen.

Wir empfehlen folgende Schritte: 1. „Une épreuve du gueuloir“ gemäß > Gustave Flaubert, der seinen Freunden aus seinen Werken LAUT vorgelesen hat, um zu hören, wie der Text klingt, wie er rollt. Also lesen Sie bitte die Seiten 9 f., 18 f., 38 f., S. 106-113, S: 158- 162 ***, bsds. S. 158: „Adrenalin pulste in heißen Schüben…“ (das passte gestern auf zuviel Kaffeekonsum allerbestens), die Fehde kann beginnen: „Angie (d. Hund, n.l.d.r.) hatte absichtlich seit drei Tagen nichts zu fressen gekriegt.“ (ib.) „Der Gemeinderat gab seine Zustimmung“ auf bohane „Der stadträtliche Hühnerstall schnäbelte sein Einverständnis.“ (S. 171), ach, ja noch S. 177, So, jetzt haben Sie und Ihre Zuhörer den Klang aus Bohane auf und in den Ohren. Die nächste Seite verrät auch wann wir uns in Bohane befinden: 2053.

Bohane, eine dunkle Stadt, mit verschiedenen Stadtteilen, die sich mehr oder weniger (nicht) mögen. Die Weg der Hauptpersonen offenbaren dem Leser einen Stadtplan, während das Schicksal von Grant („Ich wurde auf das große Schicksalsrad des Lebens geflochten.“ S. 215) wie von den anderen Protagonisten sich zu einer Geschichte der Stadt und ihre Einwohner zusammenfügen lassen. Dass die Stadt mit ihren Straße und besonderen Gegebenheiten, die Schrullen und Marotten der Einwohner prägt, das ist woanders in Hamburg oder Iserlohn bestimmt auch so. Nur in > Bohane ist dieses Verhältnis zwischen der Stadt und ihrer Geschichte ganz besonders, denn der Dialekt in den verschiedenen Stadtteilen bildet eine ganz besonderen sozialen Kitt. Bernhard Robben, der Übersetzer, hat in einem unbedingt zu lesenden Nachwort erklärt, in wieviel Phasen er diesen Roman übersetzt hat, und wie er die verschiedenen dialektalen Schichten aufgedeckt und ins Deutsche übertragen hat. Das ist linguistische und philologische Feinmechanik, der Sie, wie gesagt, beim LAUTlesen der oben angezeigten Seiten ganz besonders gut nachspüren können.

Alles ist in der Stadt vertreten, alle möglichen Arten von Verbrechen oder kurz davor sind in vielen der Protagonisten bestens repräsentiert, und ihr Erscheinungsbild wird präzise beschrieben. Jede Vorstellung wird eingeleitet mit: Er/sie trug. Und dann folgt eine präzise Beschreibung des Outfits. Die Person steht vor uns.

Grant kommt nach 25 Jahren wieder in die Stadt, ob er um 12 Uhr mittags ankommt? Gerüchte eilen seiner Rückkehr voraus, ganz so als ob die Ladenbesitzer ihre Schaufenster verrammeln werden. Kein Vertun: „Also zog ein Winter der Zwietracht auf.“ (S. 37)

So richtig weggewesen ist Grant nicht. Manche Personen, mit denen er damals unterwegs war, sind noch da; die Geschichte war nur mal kurz unterbrochen. Die alte Fehde bricht wieder auf. Alles steuert unweigerlich auf eine neue Konfrontation zu, die irgendwie zu der dunklen Stadt dazu gehört, deren Alltagsleben auch keineswegs von Gewalt frei ist: „Der Grant war Anfang August zurückgekehrt und wurde gleich Opfer unserer Erinnerungen.“ (S. 69)

In unserer Rezension würden wir Schritt für Schritt exemplarisch mindesten ein paarmal verfolgen, wie Bernhard Robben, die Dialekte der Stadt ins Deutsche, in die deutschen Dialekte überträgt. Geht eigentlich gar nicht, aber Robben hat es geschafft, uns einen äußerst spannenden, erlebnisreichen und obendrein oft witzigen Lesestoff anzubieten.

In der Bar wurde beim Eintreten von Wolfie und Fucker die Musik abgestellt, die Nadel hochgehoben. Die Cusacks standen da = „Der Cusack-Abschaum krächzte und pfiff wie Gossenvögel…“ (S. 110) uns „Überall auf den Klippen um Bohane grölten die Nories ihre Kampfgesänge.“ (S. 115)

Balthazar Mary Grimes dokumentiert den Zusammenprall mit seiner mittelalterlichen Leica. Der Kampf wird aus der Distanz in Form seiner Abzüge beschrieben, die aber dann doch den Leser mitten in das Schlachtgewühl versetzen: Rauch, Eingeweide, Messer, Blut. Danach geht der gewohnte Gang der Stadt weiter in Bohane, der dunklen Stadt.

Danach gibt es noch ein Nachwort von Kevin Barry, S. 297-301: „Die Geschichte ist in Technicolor geschrieben,“ perfekt, das passt wunderbar auf den Stil dieses Romans; „eine merkwürdige Art Neo-Western“ bis zu einer „Komödie“ (ib.).

Haben Sie inzwischen die vorgeschlagenen Seiten laut vorgelesen?

barry-bohane

Kevin Barry
> Dunkle Stadt Bohane
Roman, aus dem Englischen von Bernhard Robben (Orig.: City of Bohane)
1. Aufl. 2015, 304 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50145-2

Schreiben über Bücher (I)

Freitag, 24. April 2015
Lesebericht:
Albert Cohen, Die Schöne des Herrn
Lesebericht:
McLuhan, Fiore,
Das Medium ist die Massage
Lesebericht:
Peter Käding,
Johann Friedrich Cotta. Ein Leben für die Literatur

Als wir Ende 2006 mit diesem Blog begannen, wollten wir auch immer mal wieder ältere Bücher von Klett-Cotta besprechen, die regelmäßig nach oben geholt werden müssten, weil Sie so gut und lesenswert sind. > Die Schöne des Herrn von Albert Cohen ist ein toller Roman, gerade richtig für anstehende Urlaubstage. Das Buch von McLuhan über die Medien > The Medieum is the Massage war lange vor seinem Erscheinen schon ein Klassiker und ist heute noch unüberholt, wenn es darum geht Denkregungen zum und beim Umgang mit den Neuen Medien zu erhalten. Manche Medien tun ja heute so, als seien sie die Botschaft, woraus der Setzer McLuhans ungewollt und so treffend eine Massage der Medien macht, der wir uns stets und ständig entziehen sollten. Wie oft liefern die Medien durch das Umfeld, in denen die Messages eingebettet sind, deren Interpretation gleich mit, so wie die sozialen Netzwerke sich immer mehr anschicken, unser Verhalten nicht nur zu bestimmen, sondern auch vorauszuberechnen, und also ständig zu bearbeiten, zu massieren. Es geht immer nur ums Geld, dass wir möglichst großzügig ausgeben sollen. – Peter Käding hat mit > Johann Friedrich Cotta. Ein Leben für die Literatur wunderbar geschildert, wie Cotta sich immer um seine Autoren und die Verbreitung ihrer Werke oft unter großen Gefahren gekümmert hat. Eine Dimension des Verlegens, von der die Adepten der Open-Source-Bewegung gar nichts ahnen.

Resümieren wir diesen Beitrag mit einem Hinweis auf die Gefährlichkeit der Bücher, der Literatur, die schon manche auch politische Veränderung eingeleitet hat. Die > Stuttgarter Stadtbibliothek kennt diese Gefahren:

Alle Fotos auf diesem Blog, soweit nicht ausdrücklich anders gekennzeichnet: © Heiner Wittmann.

Lesebericht: Arno Grün, Wider den Terrorismus

Freitag, 24. April 2015

Kaum waren die Mörder im Januar dieses Jahres in die Redaktion von Charlie Hebdo eingedrungen, um dort die Redakteure zu ermorden, wurde wieder in den Medien nach den Ursachen des Terrorismus gefragt. Der Psychoanalytiker Arno Grün hat jetzt bei Klett-Cotta jetzt kleines Büchlein vorgelegt > Wider den Terrorismus in der Form, wie er sich kürzlich > Wider den Gehorsam geäußert hat. Beide Begriffe sind nicht auf derselben Ebene. Gehorchen hat etwas mit Hören zu tun, man befolgt ein Gebot oder ein Verbot, und es gibt eine bestimmte Erziehung zum Gehorsam, gegen die sich Arno Grün wendet. Sein Anliegen passt in der Tat in ein Büchlein, auch wenn seine Thesen zu diesem Thema uns alle herausfordern.

> Wider den Terrorismus konzentriert sich hingegen auf eine bestimmte Deutung des Phänomens Terrorismus, versucht so seine Deutung und versucht eine Antwort auf die Fragen, wie könne man das verhindern, zu finden. Er streift nur ein einer Stelle die Geschichte und erinnert an die russischen Revolutionäre. Grün geht es um die „tieferen Wurzeln einer ungeistigen Entwicklung“ (S. 11). Nimmt man sie zur Kenntnis kann man die Disposition zum „Opfersein“ (S. 25 ff.) aufdecken, die auf dem Umweg über die Verwöhnung durch die Mutter geschaffen werden. (S. 17, 27)

„Terrorismus gab es schon immer, weil unsere Zivilisation ihn fördert,“ (S. 15) schreibt Grün und er wirft unseren Politikern angesichts der Leere, die Terroristen uns spüren lassen, Vergeltung zu predigen, statt nach den „wahren Ursachen dieser Krankheit der Gewalttätigkeit und Todessucht“ (S. 19) zu suchen.

Unter den Gründen, die Grün für den Terrorismus nennt ist die „Zerstörung gesellschaftlicher Zusammenhänge durch ein wirtschaftliches Primat, das sich ausschließlich an Profit und Wettbewerb orientiert“ (S. 32), in ähnlicher Form macht Grün auch die Globalisierung dafür verantwortlich, das sie den Menschen „ihre wirtschaftlichen und persönlichen Grundlagen“ (S. 41) wegnimmt.

Terroristen hören nur auf ihr „inneres Opfer“, worauf sie nur mit „Hass und Aggression“ (S. 39) reagieren können.

Grün liefert aus der Sicht des Psychoanalytikers in kurzer und präziser eine Art Anamnese des Terrorismus, er wagt eine vorsichtige Diagnose, die über die Psychologie hinausgreift, Politik, Geschichte und wirtschaftliche Aspekte in den Blick nimmt und damit andeutet, wie unendlich komplex dieses Thema ist. Aus der Vielzahl der Erklärungen konzentriert er sich auf den Ansatz, er sich in der hier gebotenen Kürze darstellen lässt. Sein Buch ist ein Denkanstoß für alle, Politik eingeschlossen, die nach den Gründen des Terrorismus fragen und nach einem mehr oder weniger kurzen Innehalten wieder zur Tagungsordnung übergehen. Weit und breit ist kaum eine Bereitschaft zu erkennen, sich mit den Wurzeln des Terrorismus auseinanderzusetzen. Grün hat insofern einen wichtigen Debattenbeitrag geliefert, als die vom Terrorismus bedrohten Staaten auf diese globale Herausforderung reagieren müssen, sie müssen die Initiative wiedergewinnen. Alle Gegenmaßnahmen sind nutzlos, wenn die Menschenrechte nicht nur proklamiert, mit Gewalt verkündet werden sondern weltweit auch wirklich gewährt werden.

Lesung: Kevin Hearne, Gehämmert. Die Chronik des Eisernen Druiden 3

Freitag, 24. April 2015

hearne-gehaemmert Der nordische Donnergott Thor ist schlimmer als ein bloßer Aufschneider und Rüpel. Er mordet, hat unzählige Unschuldige auf dem Gewissen. Atticus O’Sullivan, der letzte der Druiden, und sein Anwalt Leif strengen sich nach besten Kräften an, um Thor zur Strecke zu bringen. 2000 Jahre ging alles gut., Man halte sich fern von Thor, lautete die Devise. Aber jetzt tauchen russische Dämonenjäger, die „Hämmer Gottes“, wie sie sich nennen, auf und bringen Terror in die Gegend: Atticus und Leif erhoffen sich Hilfe von Asgard in der nordischen Welt Hilfe erhofft. Ein Werwolf, eine Armee von Eisriesen… der Kampf beginnt.

In Zusammenarbeit mit Klett-Cotta ist Kevin Hearne zu Gast am 28. April, 2015 (20:00 – 23:00) in der > OTHERLAND Buchhandlung, Bergmannstraße 25, 10961 Berlin. Hearne wird aus seiner mittlerweile sieben Bände umfassenden Urban-Fantasy-Reihe “Chroniken des Eisernen Druiden” lesen wird. Gelesen wird auf Englisch, für das anschließende Gespräch wird auch übersetzt. Eintritt ist frei.

Mehr über Kevin Hearne erfahrt ihr hier – den > ersten Band seiner Chroniken des Eisernen Druiden hat Simon vom Otherland rezensiert.

> Band 1 der Reihe »Die Chronik des Eisernen Druiden«: Gehetzt

> Band 2 der Reihe »Die Chronik des Eisernen Druiden«: Verhext

Kevin Hearne,
Gehämmert. Die Chronik des Eisernen Druiden 3
Aus dem Englischen von Alexander Wagner und
Friedrich Mader (Orig.: Hammered, The Iron Druid Chronicles 3)

1. Aufl. 2015, 366 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-93933-0

Das Hörspiel: Torsten Schulz, Nilowsky

Freitag, 24. April 2015

Nilowsky ist ein eigenartiger Typ. Wie von einem anderen Stern. Markus Becker ist fasziniert von Nilowsky. Zu ihm schaut er auf. Die Probleme fangen so richtig an, als Markus Carola trifft und sich in sie verliebt, die eigentlich Nilowskys Liebe ist. Eine Dreiecksbeziehung in den Wirren der Pubertät. Nilowsky fordert von Markus Vertrauensbeweise, die ihn in Lebensgefahr bringen. Torsten Schulz sagt über sein eigenes Buch: »Ich hatte immer Sehnsucht nach einem großen Bruder. Mit Nilowsky habe ich ihn mir erschaffen.«

Am nächsten Sonntag, 26. April 2015, SWR 2 um 18.20 Uhr das Hörspiel »Nilowsky« nach dem Roman von Torsten Schulz.

Torsten Schulz
> Nilowsky
Roman
2. Aufl. 2013, 285 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-93971-2

Günter Grass, 1927-2015

Montag, 13. April 2015

Zur Erinnerung an die Lesung von Günter Grass im Stuttgarter Literaturhaus: > Beim Häuten der Zwiebel am 10. Juli 2007:

Foto: H. Wittmann, 2007

Lesebericht: Hans-Christof Kraus, Bismarck. Größe – Grenzen – Leistungen

Montag, 13. April 2015

Hans-Christof Kraus, hat seine Biographie > Bismarck, Größe – Grenzen – Leistungen mit einem bescheidenem Inhaltsverzeichnis versehen: I. Persönlichkeit, II. Größe, III. Grenzen, IV. Leistungen. Bismarcks Größe ergibt sich aus seinen politischen und historischen Leistungen, wie die Reichsgründung 1870/71 und seiner Bündnispolitik, mit der er bis zum Ende seiner Amtszeit als Reichskanzler (1871-1890) in Europa den Frieden sicherte.

Aber er stieß auch an seine Grenzen. Der Annexion von Elsaß-Lothringen nach dem Deutsch-französischen Krieg konnte er sich nicht widersetzen und musste bald diesen Fehler einsehen. Die deutsch-französische „Erbfeindschaft“ war die direkte Folge, auch Bismarck gelang keine Annäherung mit Frankreich mehr. Seine Bündnispolitik mit Russland und Österreich erwies sich sehr schnell nach seinem Rücktritt als brüchig mit verheerenden Folgen.

Kraus berichtet über Bismarcks frühe Jugend, das schwierige Verhältnis zu seiner Mutter, sein zuweilen liederliches Studentenleben mit den Schulden, sein Interesse für die Aufklärung, für den Liberalismus wie auch für das Adelsverständnis (S. 33). Kraus‘ Zitaten aus den Reden und den Gesammelten Werken Bismarcks regen zum Weiterlesen und Nachschlagen an. Das „Prinzip Lernen und Handeln“ bestimmte schon seinen Wahlkampf 1848/49, der ihn in die zweite Kammer des neuen Parlaments brachte, wo er den Ultrakonservativen angehörte. Er sprach sich gegen die Frankfurter Reichsverfassung aus und kritisierte ihren Anspruch auf Volkssouveränität. (S. 42 f) Als Gesandter Preußens in Frankfurt lernt er schnell, wieviel „Charlatanerie und Wichtigtuerei“ (S. 48) in der Diplomatie steckt. Schon beginnt das Rangeln um die Vorherrschaft in einem künftigen Deutschland, das Bismarck für Preußen behaupten und keinesfalls mit Österreich teilen wollte.


Der Politikwissenschaftler Thibaut de Champris hat kürzlich in der in der Titelgeschichte der Zeitschrift CICERO, Nr. 4. April 2015, „Held oder Hering? 200 Jahre Bismarck: Wo er Großes leistete – und wie er Deutschland bis heute schadet“ dafür plädiert, dass Deutschland eher dem Alten Reich (und seiner Modernität) als Otto von Bismarck Dank schuldet. Zu Recht stellt de Champris die Frage „Wo sonst als im Alten Reich findet man im alten Europa eine solche Kombination von größtmöglicher lokaler Autonomie einerseits und das Gemeinwesen nicht nur symbolisch prägenden Institutionen andererseits?“ (S. 18) Und „Für uns ist es im Rückblick verblüffend modern. Bewusst oder unbewusst, ruht Deutschland heute in größerem Maß auf den Paradigmen des Alten Reichs als auf Bismarcks Reich.“ (S. 21) Und de Champris erinnert an die Biographie von Lothar Gall: „Nicht Otto von Bismarcks System, dieses ‚extrem unstabile und kurzlebige politische Gebilde“ (Lothar Gall), das Deutschland unter sich begrub und die Welt gegen sich aufbrachte, sondern das Alte Reich schuf die Grundlagen für das freiheitliche, stabile und vorbildlich strukturierte Deutschland von heute.“ (S. 24)

De Campris‘ Artikel macht Lust darauf, mehr über das Alte Reich zu erfahren, das in unseren Schulen viel zu kurz kommt:

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Karl Otmar von Aretin,
> Das Alte Reich 1648-1806, Band 1. Föderalistische oder hierarchische Ordnung (1648-1684). Stuttgart: Klett-Cotta 2. Aufl. 1997, 441 Seiten, Leinen.
> Das Alte Reich 1648-1806, Band 2. Kaisertradition und österreichische Großmachtpolitik (1648-1745). Stuttgart: Klett-Cotta 2. Aufl. 2006, 578 Seiten, Leinen
> Das Alte Reich 1648-1806, Band 3. Das Reich und der österreichisch-preußische Dualismus (1745-1806). Stuttgart-Klett-Cotta 1997, 657 Seiten,
> Das Alte Reich 1648-1806, Band 4. Gesamtregister. Stuttgart: Klett-Cotta 1. Aufl. 2000, 152 Seiten.
> Karl Otmar von Aretin, Das Alte Reich 1648-1806. Band I-IV.


Der Briefwechsel mit General Leopold von Gerlach verrät viel über Bismarcks Einstellung zu Frankreich und > Napoleon III. Als „Combinationen“ mochte er Frankreich nicht von vornherein ausschließen, auch wenn der Louis Napoleon nicht als den „alleinigen … Repräsentanten der Revolution“ ansehen wollte. (S. 64)

Bismarcks Durchschriften, wie die zur deutschen Frage im Juli 1861 geben Auskunft über seine (möglichen) politischen Absichten. Nach seiner Gesandtschaft in St. Petersburg kann er Im Juni 1862 auf die eigentliche politische Bühne als Botschafter in Paris zurückkehren. Im II. Kapitel Größe geht es um seine Lösung des preußischen Verfassungskonflikt, die drei Einigungskriege und die Neuordnung Deutschlands nach dem Ende des Deutschen Bundes. Mit der Umformulierung der „Emser Depesche“ ging er ein Risiko mit dramatischen Folgen ein. Fahrlässig verwickelte er Preußen in einen Krieg mit Österreich. (vgl. S. 126 f) Dieser dritte Einigungskrieg gehört nicht unbedingt zum Kapitel Bismarcks Größe. Zum folgenden Frieden bemerkt Kraus folgerichtig: „Hier bewies Bismarck allerdings keine historische Größe.“ Bismarck erreichte die Vergrößerung des Norddeutschen um die süddeutschen Staaten, aber aus der Abtrennung Elsass-Lothringens als Resultat die „Dauerfeindschaft“ Frankreichs als eine schwere Belastung für das Deutsche Reich.


„Auf Kampf war dieser Mann gestellt sein Leben lang, eine leidenschaftliche, zornige, keinen Widerspruch vertragende Natur, ein großer Hasser nicht nur gegen Groß und Großes, auch unerbittlich gegen Kleine, und gegen solche, aus deren Gegnerschaft nur der Groll verschmähter Liebe sprach; nie von des Gedanken Blässe angekränkelt, daß auch er einmal Unrecht haben könnte, und daß seine Gegner ernsthafte und kluge Ehrenmänner und Freunde des Vaterlandes sein könnten. Wer anderer Meinung war als er, der war gleich sein persönlicher Gegner, sein Feind, und wurde als solcher – und was ihm gleichbedeutend war – als Feind des Staates und des Reiches behandelt, und mit all den reichen Mitteln bekämpft, mit denen eine verschwenderische Natur […] , unbändigen Willen und seinen und scharfen Geist ausgestattet hatte; nicht zu vergessen auch, mit der holden Gabe, Herzen und Liebe zu gewinnen,“ schreibt Frenaens unter der Überschrift Bismark der Kämpfer am 1. April 1915 in der > Bismarck > Frankfurter Zeitung.


Das Kapitel III. Grenzen beginnt mit dem Versuch einer Verallgemeinerung. „Wie jeder Mensch besaß auch Bismarck Grenzen…“, dann aber nennt Kraus, das was womit er an seine Grenzen stößt, die „persönlichen Defizite“ des Kanzlers. Der „Kulturkampf“ war von vornherein verloren, er war nie zu gewinnen; er erreichte nur eine Stärkung des Katholizismus in Deutschland. Die Sozialistengesetze waren „die zweite große innenpolitische Fehlleistung des Kanzlers“ (S. 170).

General Leopold von Gerlach hatte Bismarck vor einer Anlehnung an Frankreich gewarnt, und Bismarck hatte ihm geantwortet, ein Zusammengehen nicht grundsätzlich ausschließen zu wollen (Vgl. S. 181, auch S. 61-63). Mit der Annexion Elsaß-Lothringens beging er aber wider besseres Wissen einen grundlegenden Fehler: S. 181-188, den er später, viel zu spät, eingesehen hat.

Zu den Leistungen zählt Kraus „die innere Konsolidierung des neu gegründeten Deutschen Reiches“, eine „säkulare Leistung“ (S. 211) trotz Kulturkampf und Sozialistengesetzen und einer Reichsverfassung, die alle Ressorts auf den Kanzler vereinigt (S. 217)? Bleibt als Haben nur die erfolgreiche Verabschiedung der Sozialgesetze? (S. 229 f.)

Ob seine Bündnispolitik ein wirklicher Erfolg war, ist von den Historikern keineswegs abschließend beantwortet worden. Kongresse, die Krieg-in-Siht-Krise 1875, neue Bündnisse neue Verträge, Sorge vor einem Zusammengehen Russlands mit Frankreich. War der Kanzler wirklich ein „ehrlicher Makler“, wie er sich im Februar 1878 im Reichstag selbst genannt hatte? Und schließlich musste er sich auch noch um die Kolonien, nein Schutzgebiete kümmern. Kolonien wollte er nicht. Der Zweibund und die anderen Bündnisse waren immer auf Zeit geschlossen und brachten so ihren inneren Sprengstoff mit. War die Vertrags- und Bündnispolitik wirklich große europäische Staatskunst, oder eher nur aus einer Not geboren, Aktionen, die auf unsicherem politischen Kalkül beruhten, durch Tinte und Tagespolitik nicht fixierbar?

An Rückblicken hat es nicht gefehlt. Bismarck selber lieferte eine Interpretation seiner Bündnispolitik am 11. Januar 1887 im Reichstag ab. Zwei Stunden lang versuchte er die Abgeordneten zu überzeugen und musste am Schluss mit Neuwahlen drohen, die dann auch auf den 21. Februar 1887 angesetzt wurden.

Sein Rücktritt folgte am 18. März 1890.

Hans-Chrstof Kraus,
> Bismarck, Größe – Grenzen – Leistungen
1. Aufl. 2015, 330 Seiten, Klappenbroschur, mit Tafelteil
ISBN: 978-3-608-94861-5

Lesung: Steffen Kopetzky, Risiko

Donnerstag, 9. April 2015

Steffen Kopetzky liest am 17. April 2015 in Pfaffenhofen aus »Risiko«.
Pfaffenhofen a.d. Ilm, Rathaus Festsaal
Beginn: 20:00 Uhr

Es geht um eine Geheimexpedition des Deutschen Reichs an den Hindukusch, an die Steffen Kopetzky in > Risiko erinnert. Nach einem Plan des Orientkenners Freiherr Max von Oppenheim begeben sich sechzig Mann mit der Bagdadbahn, zu Pferd und auf Kamelen durch Wüsten und Gebirge. Sie wollen den Emir von Afghanistan und die Stämme der Paschtunen im Namen des Islam zum Angriff auf Britisch-Indien zu bewegen.kopetzky-risiko Der junge Marinefunker Sebastian Stichnote wartet mit seinem Schiff vor der Küste Albaniens auf seinen Einsatz Als der Erste Weltkrieg beginnt, flieht die deutsche Flotte durchs Mittelmeer nach Konstantinopel. Stichnote beteiligt sich als Funkoffizier einer geheimen Expedition nach Kabul. Sie kommen nach Syrien, Bagdad, Teheran, Isfahan und durch die persische Wüste. Am Ende hängt der Erfolg der Expedition von Stichnote ab, der mit allem brechen muss, was ihm einst heilig war.

Steffen Kopetzky,
> Risiko3. Aufl. 2015, 731 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-93991-0

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