Verlagsblog

Archiv für August 2015

Buchpremiere:
Adam Soboczynski, Fabelhafte Eigenschaften

Mittwoch, 26. August 2015

sobocynski-fabelhafte Eigenschaften

Am 7.9.2015 um 20 Uhr stellt Adam Soboczynski seinen jüngst bei Klett-Cotta erschienenn Band > Fabelhafte Eigenschaften vor

BUCHPREMIERE > Weitere Termine in Frankfurt/M. während der Buchmesse.
Moderation: Claudius Seidl
Eintritt frei
Contemporary Fine Arts Galerie
Am Kupfergraben 10
10117 Berlin

Gesellschaftsroman und Liebeskomödie, das ist der neue Roman von Adam Soboczynskis.

Hans Weinling, ein bekannter Künstler, malt nur Tiere am Strand. Bei einer Vernissage begegnet er Julia. Sie wird die erste große Liebe seines Lebens, die gerade ihr zerrüttetes Verhältnis mit dem Architekten Sebastian beenden will. Es kommt zu einer Dreiecksgeschichte. Selbstvervirklichung, Freiheit, Liebe und Verachtung, Kunst und Leben, Pose und Authentizität. Da kommt so einiges zusammen. Mehr verraten wir nicht. Nur soviel. SIe werden mehrer Stationen verpassen, wenn Sie wagen, diesen Band im ICE oder in der Straßenbahn zu lesen.

Adam Soboczynski
> Fabelhafte Eigenschaften
Roman
1. Aufl. 2015, 206 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98030-1

Die Macht der Geschichten.
Lesung: Christian von Aster, Das eherne Buch

Mittwoch, 26. August 2015

aster-eherne-buch

das neue Buch Christian von Aster > Das Eherne Buch ist gerade erschienen. Untertitel: Eine Geschichte vom Ende allen Krieges.

Wie kann das dem Untergang geweihte Reich doch noch gerettet werden? Eine fast vergessene Legende und ein junger Bibliothekar! Das klingt nach Literatur. Die Bücherwarte in den Bibliotheken sind die eigentlichen Verwalter der Kultur.

Nach dem Tod des Sohns des alten Fürsten, der hinterrücks ermordet wurde delingt es dem totgeglaubten Clan sich noch einmal zu erheben. Ein Kampf um Überleben oder Vernichtung beginnt. Jaarn, der letzte Nachkomme des Hauses von Stahl, erhält von seinem Vater ein sagenumwobenes Schwert. Friede soll er dem Reich bringen. Es trägt den Namen > Das Eherne Buch, nicht aus Stahl, sondern aus Geschichten ist es geschmiedet. Alle, die Guten und die Bösen, Fürsten und Räuber wollen das legendäre Stück besitzen. Jeder Meuchelmörder macht sich auf die Jagd nach Jaarn, jeder will ihn und das Schwert haben. Aber Jaarn gelingt es, sich zu behaupten. Es ist wohl doch die Literatur, die Bücher die Geschichten, die immer die Oberhand behalten. Ein besonderes Lesevergügen wartet auf Sie!

Dillingen | Lesung 27.8.2015, 20 h – Eintritt 5€
> drachenwinkel.shop-asp.de
Drachenwinkel, Beckinger Str.1, 66763 Dillingen

> Weitere Termine:
und am 2.9.2015 in Leipzig und am 11.9.2015 in Berlin

aster-eherne-buchChristian von Aster
> Das Eherne Buch
Eine Geschichte vom Ende allen Krieges
1. Aufl. 2015, 347 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-93934-7

A propos der Macht der Geschichten! Die Gefährlichkeit der Literatur darf nie unterschätzt werden. Zum Glück hat die > Stuttgarter Stadtbibliothek klug vorgesorgt:

Christian von Aster, der Schattenschnitzer: „Jetzt erscheint bei Klett-Cotta sein neuestes Buch. Es ist die Geschichte des Zauberers Jonas Mandelbrodt, die jemand berichtet, der ihn vielleicht als eine Art Mentor sehr geschätzt hat. Der Erzähler ist aber kein Magier, dennoch kennt er ihr Leben sehr gut und hat vieles gesehen hat, was andere niemals sehen werden. Der Prolog in Der Schattenschnitzer ist viel mehr als nur ein Vorwort. „Ehrt Eure Magier,“ so fängt der Prolog an. Das sagt jemand, der uns Menschen etwas beibringen will? Er ist kein Magier, kein Gelehrter. Eines Tages hört Jonas die Stimme seines Schattens. …“ >
Bitte weiterlesen.

Lesung in Hamburg: Franz Dobler, Ein Bulle im Zug

Mittwoch, 26. August 2015

Zur Erinnerung: lesen Sie bitte zuerst den > Lesebericht zu diesem Buch. Dann gibt es auch noch ein > Video: Nachgefragt… Es geht um Kriminalhauptkommissar Fallner. Was ist ihm widerfahren?

Dienstag 15.09.2015 — 20:00 Uhr
> Franz Dobler „Der Autor versteht meisterhaft das Spiel mit dem Populären“ -Kühne Logistics University – The KLU – Großer Grasbrook 17, 20457 Hamburg

Franz Dobler
> Ein Bulle im Zug
1. Aufl. 2014, 347 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50125-4

Lesebericht: Jenny Diski, Küsse und Schläge

Dienstag, 25. August 2015

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15 Jahre war Jenny Diski alt, als sie nach einer zerstörten Kindheit bei > Doris Lessing (1919-2013) einzog. Vergewaltigungen, Depression, Pflegeheime, alles hatte sie schon erlebt. Sie beginnt zu schreiben und ihre erster Roman Nothing Natural erscheint 1986. Jetzt wurde er von Klett-Cotta, übersetzt von Bettina Ruge, unter dem Titel > Küsse und Schläge wieder herausgegeben.

Eine Zugfahrt von Amsterdam nach Stuttgart, und Sie hören fast nichts von ihren Mitreisenden wenn Sie auf dieser Fahrt dieses spannende Buch lesen: Jenny Diski, > Küsse und Schläge. Rachel Kee ist eine Nachhilfelehrerin, depressiv, aber sie sorgt für ihrer Tochter Carrie, die gerade mit ihrem Ex Michael in Italien weilt. Und da ist noch Joshua Abelman, seit drei Jahren ihr Liebhaber.

Das Foto eines vermeintlichen Triebtäterpärchens in der Zeitung schreckt Rachel auf. Er sieht aus wie der geschiedene Joshua, den Molly ihr vorgestellt hatte. Joshua hatte sie an dem Abend nach Hause begleitet. Nein, kein Kaffee, er schaltet die Lichter aus, küsste sie und zog sie aus… Nach dem Aufwachen war er sofort angezogen und schon verschwunden. Eine richtige Liebesbeziehung ist es nicht. Aber Rachel kann auf die zuerst sanften, dann heftigeren Schläge von Joshua nicht verzichten; aber statt von ihr danach in den Arm genommen zu werden, sagt Joshua: „Lass uns essen.“ – „Sie hatte sich bei dieser letzten Begegnung unendlich mehr erforscht, mehr durchdrungen, mehr in den Besitz genommen gefühlt.“ (S. 49) Sie wird trotzig, > ihre innere Stimme: „Du darfst so etwas nicht genießen, sagte die kleine scharfe Stimme in ihrem Kopf. ‚Habe ich aber‘ sagte Rachel laut und ging zu Bett.“ (S. 50) Sexualität und Gewalt ist das Thema dieses Romans, die Schärfe des Nachdenkens darüber sucht man in Fifty Shades of Grey vergebens.


> This and That Continued. Jenny Diski – Writing and stuff.
> jennydiski.co.uk/
> twitter.com/diski
> http://www.lrb.co.uk/search?q=diski – London Review of Books

> Jenny Diski’s End Notes – New York Times Magazine


Rachels frühere Affären war immer schnell wieder aufgrund irgendeiner Beobachtung vorbei. Es reichte schon eine ungeschickte Bemerkung. Aber auf Joshuas Anrufe wartet sie ständig. Waren es wirklich ihre heimliche Fantasien, die Joshua wirklich werden ließ? (vgl. S. 70) Sie verlor ihre Selbstbeherrschung wurde geschlagen und sehnte sich nach dem Sex mit ihm. Sie erzählt ihrer Freundin Becky von der Lederpeitsche, die ihren Ohren nicht rauen will, Joshua sei wohl nicht ganz normal… sadomasochistisch veranlagt. Becky will ihr nicht glauben. „Es ist ein Zeremoniell, ein Ritual,“ sagt Rachel (S. 81) Eigentlich verlange er nichts, sie müsse sich auch nicht darum kümmern, ihn wieder loszuwerden, sie gehe einfach nur bis ans Ende. Becky, meint das könne auf Dauer nicht funktionieren. Müsse es auch nicht, antwortet Rachel.

Dann bekommt sie in der Schule, wo sie unterrichtet, einen besonders schwierigen Jungen, Pete, mit seiner zerstörten Kindheit, der sich noch irgendwie unbewusst nach Geborgenheit sehnt. Und Rachel sehnt sich nach Joshua, der sich für sie nicht oder nur in bestimmten Moment wenn überhaupt interessiert. Aber er ruft auch mal Wochen lang nicht an. Pete schafft es nicht alleine, die Einweisung in eine Klinik steht im Raum. Rachel spürt ihr immenses Verlangen danach, von Joshua geliebt zu werden und ihr Glücksgefühl, als er ihr Verlangen zu erwidern schien. Pete ? Damals war Isobel gewarnt worden, ein „fremdes und gestörtes Mädchen aufzunehmen“ (S. 213). …

Zwei Erzählstränge, zwei Geschichten bestimmen diesen Roman, in denen nicht unbedingt Rachel immer die Hauptperson ist. Der vergelich der beiden Geschichten lehrt viel Kluges über zwischenmenschliche Beziehungen. Sexualität, Liebe und das Nachdenken über Gewalt, über
physische Gewalt und alle Gewalt, die durch psychische Verletzungen ausgeübt werden, bestimmen diesen Roman. Sadomasochismus sagen die einen, eine „bewundernswert ehrliche diski-kuesse-schlaegeGeschichte einer ungewöhnlichen Liebe, die mutig den vielfältigen physischen und emotionalen Abhängigkeiten nachspürt…“ sagt Doris Lessing.

Jenny Diski
> Küsse und Schläge

Roman, aus dem Englischen von Bettina Runge
1. Aufl. 2015, 362 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-608-98029-5

Da freut sich der Autor dieses Beitrags:

Lesebericht: MERKUR 795 – August 2015

Montag, 24. August 2015

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Urlaubshalber verspätet sich der Lesebericht über die August-Ausgabe des MERKUR, das wurde uns bewusst, weil die September-Ausgabe bereits angekündigt wurde und ihr Inhaltsverzeichnis wieder aufs Neue echten Lesegenuss mit Widerspruchspotential verspricht. Nun also erst das August-Heft:

Der Erziehungswissenschaftler Roland Reichenbach greift die »Bildungsferne« auf. Bei ihm zu Hause brauchte man kein Bücherregal. Aber Reichenbach zitiert Albert Camus‚ Roman Der erste Mensch, in dem Camus berichtet, wie sein Lehrer Bernard ihm den Übergang auf das Gymnasium in Algier geebnet hat. Gleichheit ist nicht unbedingt das einzige Stichwort, mit dem der Bildungsferne – den Reichenbach mit Recht als verachtend bezeichnet – begegnen kann. Ungerechtigkeiten der Herkunft kann man nicht aufheben. Aber Lehrer wie Bernard bewirken viel mehr als die neuesten didaktischen Modelle. Mit Recht besteht Reichenbach in der seiner Zusammenfassung darauf, wie wenig die Lern- und Bildungsforschung sich den tatsächlichen Lern- und Bildungsprozessen zuwendet. Mit Schaudern denke ich immer noch an die Referendarzeit, in der mir gesagt wurde, das oder jenes sei zu schwer für die Schüler: z. B. just die Stimme von Camus (1) selbst, der die Stelle liest, wo Meursault seinen Beichtvater an der Soutane packt… ich weiß noch wie Schüler F. in der letzten Reihe neugierig aufguckte, auf einmal hellwach war, so hatte ihn seine Lehrerin – die saß hinten und sah das gar nicht – vielleicht nie gesehen… nach der Stunde wurde mir vorgehalten, viel zu schwer für die Schüler. Im Französischunterricht gipfelte diese Meinung in der Vorgabe nicht mehr als acht oder zehn Vokabeln pro Stunde, und ein Lehrer war nach dem Zugucken von hinten entsetzt, weil meine Schüler Fragen stellten – das hatte ich ihnen beigebracht, weil mit die 65 Fragen pro Stunde ihres Fachlehrers missfielen. Am schlimmsten fand ich die Bemerkungen im Lehrerzimmer über Schüler, die ein 4er oder gar 5er Kandidat seien. Genug, sonst wird dieser Blogbeitrag wieder zu lang.

In diesem MERKUR steht noch mehr. Joachim Fischer ist ein Soziologe aus Dresden macht erinnert daran dass seine Stadt schon immer eine Sonderrolle hatte: bei der Wiedervereinigung, dem Wiederaufbau der Stadt, dem Gedenken an die Bombardierung und auch in Sachen Pegida: „ein tiefer Schatten stadtgesellschaftlichen Versagens“ (S. 16): Hat Dresden Antennen? heißt der Titel seines Beitrags und fragt nach den Funktionen der Stadt für gesamtgesellschaftliche Debatten seit 1989. Pegida kommt aus Dresden, aber das Phänomen das diese Bewegung aufzeigt, ist keinesfalls nur in Dresden von Politikern unterschätzt worden, auch überhaupt fehlende politische Impulse auf Bundesbene können viel bewirken.

Der Politologe Jan-Werner Müller versucht den Begriff Populismus in Theorie und Praxis zu klären, Ja diesen Begriff gibt es und er zeigt, „dass manche Politiker, Parteien und Bewegungen zwischen Demokratie und Populismus changieren“ (S. 37).

Ute Sacksofsky untersucht in ihrer letzten Rechtskolumne ob die Ergebnisse der Gender Studies Eingang in das Recht finden. Christian Demand schriebt über den Gedenktags- und Jubiläumswahn und von neueröffneten Museen in Deutschland. Wolfgang Martynkiewicz hat das neue NS-Dokumentationszentrums in München besucht…

und fragt noch einmal nach der Rolle der bayerischen Hauptstadt beim Aufstieg des Nationalsozialismus. Jakob Hessing hat die erste Gesamtausgabe der Werke Ernst Tollers gelesen.

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Stefan Kleie untersucht, wie sich die ideologischen Grenzverläufe in der Neuen Rechten in Deutschland wandeln. Martin Sabrow erinnert an Orte und Landschaften, wo historische Verbrechen verübt wurden. Achim Landwehr präsentiert eine Theorie zur Dialektik von Erinnern und Vergessen. Martin Burckhardt erinnert an Utilitarismus Jeremy Bentham. Und Stephan Herczeg legt eine Fortsetzung seines Journal vor.

> MERKUR 795 – August 2015

(1) > Albert Camuswww.france-blog.info

Nachgefragt: Roland Kachler: Die Therapie des Paar-Unbewussten

Montag, 24. August 2015

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Es ist guter Brauch auf unserem Blog, erst den Lesebericht zu verfassen > Lesebericht: Roland Kachler: Die Therapie des Paar-Unbewussten und dann den Autor nach seinem Buch zu befragen.

Wir hatten das Glück, mit Roland Kachler kurz vor dem Erscheinen seines Buches ein Gespräch führen zu können:

Roland Kachler kritisiert die traditionelle Paartherapie, weil sie bisher das Paar-unbewusste vernachlässigt oder übersehen hat. Der Untertitel Ein tiefenpsychologisch-hypnosystemischer Ansatz präzisiert sein Anliegen. Was verbirgt sich hinter diesem Untertitel, wollten wir von ihm wissen:

Er bezieht sich mit seinem Ansatz auf verschiedene Disziplinen wie die moderne Hirnforschung (S. 12-18) und die der Paarpsychologie. Stimmt unsere Vermutung? Hat man in der Paartherapie bisher etwas übersehen? Wir haben über die Bedeutung der Fallvignetten in seinem Buch gesprochen? Sie berichten keineswegs nur über Die Fälle, sondern zeigen Möglichkeiten der Paartherapie in auf? Roland Kachler zitiert die Arbeiten von Jürg Willi, u. a. > Die Therapie der Zweierbeziehung. Einführung in die analytische Paartherapie, aber er geht ganz ausdrücklich darüber hinaus.

Roland Kachler erklärt in seinem Buch, Paartherapie funktioniere nur mit aufeinander abgestimmten Schritten. Es scheint, er favorisiere ein bestimmtes Schema… aber das muss man doch auf die individuellen Fälle anpassen, oder gibt es wirklich bestimmte aufeinanderfolgende Schritte? Wie hoch ist eigentlich der unbewusste Anteil an der gesamten Paarkommunikation? Wie kommt man diesem Unbewussten auf die Schliche?

Roland Kachler erläutert in seinem Buch, wie das Paar-Unbewusste entsteht. Welche Stationen sind dabei besonders wichtig?

In einem andern Kapitel präzisiert er das Paar-Unbewusste mit seinen Faktoren vom relationalen Bedürfnis-Unbewussten bis zum kreativen Unbewussten der Liebe, erst wenn diese Faktoren dem Paartherapeuten bekannt sind, kann man die „Kollusion der Bedürfnisse“ erkennen und dann auf eine Veränderung einwirken? Ist das so richtig wiedergegeben? Kann man die Paartherapie tatsächlich das Paar-Unbewusste in Teilmengen zerlegen“?

Roland Kachler relativiert selbst seinen Ansatz, wenn er andeutet, die Erforschung des Unbewussten müsse behutsam vorgehen, wenn bei der Paartherapie Probleme auftauchen wie Trennungsabsichten eines Partners oder körperliche oder sexuelle Gewalt? Gibt es Anzeichen bei einer Paartherapie, die auf den Misserfolg der Therapie hinweisen?

Und die letzte Frage: Für wen haben Sie dieses Buch geschrieben?

kachler-paar-unbewussteRoland Kachler,
> Die Therapie des Paar-Unbewussten. Ein tiefenpsychologisch-hypnosystemischer Ansatz
Stuttgart: Klett-Cotta, 1. Aufl. 2015, 196 Seiten, gebunden, ca. 20 Abbildungen
ISBN: 978-3-608-94866-0

Lesebericht: Angelika Rohwetter, Den inneren Kritiker zähmen

Sonntag, 23. August 2015

rohwetter-innere-kritiker Es stehen Aufgaben oder Entscheidungen an. Auch ganz harmlose. Jemanden anrufen: „Ach nee, Du könntest ja stören…“. Ein Geburtstagsgeschenk kaufen: „Hat sie das verdient?“ oder ein Schüler will sich melden: „Pass auf, dass Du nichts falsches sagst“ oder „Bist Du sicher, dass Du das kannst?“ oder „Das kannst Du doch nicht.“ Sie steht vor dem Kleiderschrank, gleicht geht die Oper los: „Dieses Kleid geht nicht, dafür bist Du zu dick.“ Er will beim Fußball mitspielen und hört. „Die Anderen werden bestimmt sagen, das kannst Du nicht.“ Ein Besprechungstermin steht an, eigentlich müssten die Fakten auf den Tisch: „Denk bloß nicht, du wärst wichtig!“ Eine Bewerbung muss geschrieben werden: „Die letzte Bewerbung war nicht erfolgreich, warum sollte diese erfolgreich sein?“ Haben Sie schon jemals so eine Stimme vernommen, wenn sie auch nur ein Gefühl war, etwas, das Ihnen ein negatives Argument unterschob, dieses oder jenes mal eben nicht zu tun oder was anderes zu lassen? Irgendwas brachte Sie dazu, linksherum, statt rechts herum zu gehen, diesen nicht anzurufen, obwohl sie das eigentlich jetzt gerne gemacht hätten. Das Fatale ist, diese innere Stimme ist immer irgendwie destruktiv, sie spüren zwar, dass es da etwas gibt, was sie relativieren will, man könnte fast sagen bändigen oder gar zähmen möchte, egal wie, immer wieder kommen solche Momente vor: Ihr Kollege drückt Ihnen eine Digitalkamera in die Hand: „Wir brauchen von der Veranstaltung ein paar Fotos.“ Sie hören „Du kannst damit nicht umgehen,“ und sagen, „Damit kann ich nicht umgehen,“ anstatt: „Wo muss ich draufdrücken, etc.“ Wenn irgendeines dieser Beispiele auf sie zutrifft, dann hätten wir da was für Sie:

Angelika Rohwetter stellt in ihrem Buch mit dem Untertitel „Strategien und Übungen für ein gutes Selbstwertgefühl“ > Innere Kritiker, Verfolger und Zerstörer vor. Ein Ratgeber, der alleine nicht helfen kann, aber, und das erklärt die Autorin auf einleuchtende Weise (S. 10-12) zum Entdecken, Mit- und Nachdenken anregt. Mit praktischen Übungen, wie man die innere Mannschaft am besten kennenlernt: Den Inneren Kritiker, der vorgibt, unser Gutes zu wollen, aber immer nur negative Vorschriften macht, den Ungeschickten Verteidiger (S. 26 ff. et passim), der die Aussagen des Inneren Kritikers relativieren will: „Mit dem PC kannst Du auch nicht so gut umgehen, und Peter kann sowieso besser photographieren.“ Keine Hilfe, weil Sie wieder nicht oder immer noch nicht ihr Talent zum Photographieren entdecken können. Das Gute Objekt (S. 30 ff.) Sind Sie mal früher von Personen in besonders hilfreicher Weise unterstützt worden? Haben Sie Erinnerungen an etwas, was dann sehr gut gelaufen ist? Jemand, der für Sie in einer brenzligen Situation eingesprungen ist? Dann kommen Sie diesem „guten Objekt“ schon näher. Dann sind da noch die Inneren Kinder (S. 34 ff.) mit ihren vielfältigen und mehr oder weniger intensiven Erinnerungen. Reaktionen auf manche Situationen, die sie heute erleben, fallen mehr oder weniger heftig aus, und das hat seine Gründe in Kindheitserfahrungen (vgl. S. 35 f). Was manche überhaupt nicht aufregt, vielleicht, weil sie es gut einordnen können, bringt andere zur Weißglut, weil sie schon früher schon mal darüber gestolpert sind und irgendeinen Nachteil davon hatten. Und es gibt noch eine weitere Instanz das ICH, das alle andern Instanzen umfasst. (vgl. S. 37)

rohwetter-innere-kritiker„Nimm Dich nicht so wichtig.“ „Musst Du Dich immer in den Vordergrund spielen?“ erinnern Sie sich noch an diese Sätze? Dabei fällt mir Max Stirners Buch ein: > Das Einzige und sein Eigentum“ (1844), dessen erstes Kapitel: „Ich hab‘ Mein‘ Sach‘ auf Nichts gestellt“ so anfängt: „Was soll nicht alles Meine Sache sein! Vor allem die gute Sache, dann die Sache Gottes, die Sache der Menschheit, der Wahrheit, der Freiheit, der Humanität, der Gerechtigkeit; ferner die Sache Meines Volkes, Meines Fürsten, Meines Vaterlandes; endlich gar die Sache des Geistes und tausend andere Sachen. Nur Meine Sache soll niemals Meine Sache sein. »Pfui über den Egoisten, der nur an sich denkt!«“ Nach allem sollen wir uns richten, alles soll unsere Sache sein, aber wir selber werden von unseren Lehrern und möglicherweise auch von den Eltern und folglich auch von uns darüber vergessen. In der Straßenbahn, im öffentlichen Raum, auf Plätzen, in Cafés, ja sogar in der Schule erleben wir ständig, wie Kinder zurechtgewiesen werden, tu dies, tu das nicht, sei vorsichtig, pass auf, hör auf damit, jetzt nicht, komm darunter, sei nicht so albern, sei mal leise, das ist jetzt nicht dran, hör mal zu, bei so vielen Anweisungen, kann man eigentlich ständig nur heulen… fällt Ihnen auf, wie wenig Kinder in der Öffentlichkeit mal richtig lachen, irgendwelches dummes Zeug machen, albern sind und die Erwachsenen mitlachen? Wie wenig Lehrer sind mir im Gedächtnis, die mich dazu ermunterten und anleiteten, den Lernstoff auszuprobieren, ohne Angst zu haben, jeder Fehler werde mit einer schlechten Note bestraft. Ist Eltern heute bewusst, dass sie dafür verantwortlich sind, aus ihren Kindern starke Kinder zu machen? Ihnen glückliche Momente (vgl. S. 36) zu verschaffen? Oder gar > Neuanfänge zu wagen?

Dieses Buch stellt die Mannschaft der inneren Instanzen vor, die die Oberhand gewinnen, wenn Sie sie nicht ein wenig im Zaum halten. Erst wenn Sie diese Mannschaft kennengelernt haben, und die Verhältnisse unter ihren Mitglieder im Dialog mit Ihnen selbst beobachten können, können Sie auch manches ändern. Die Kardinalfrage lautet . Kann man sich von der Herrschaft des Inneren Kritikers und des Ungeschickten Verteidigers befreien? Ja, folgen Sie den Übungen, die Angelika Rohwetter vorschlägt. Und nebenbei gibt es viele Einsichten und Erfahrungen, die die Autorin mitteilt, um ihr Anliegen zu verdeutlichen. Viel hängt von guten Beziehungen ab, die schon dem Kind vermittelt werden. Heimweh haben eher die, die zu Hause ein schwieriges Elternhaus haben (vgl. S. 64) Für die Schwierigkeiten beim Aufbauen von Beziehungen ist der Innere Kritiker verantwortlich. Er verstärkt Bindungsprobleme aus der Kindheit. (vgl. S. 71) Noch ein Beispiel. Der Innere Kritiker lässt uns oft Nein sagen, sagen Sie doch mal fröhlich ja… das gibt auch mal Belohnungsstoffe (vgl. S. 74).

Ganz konkret wird Angelika Rohwetter, wenn sie Ihnen beibringt, die Mitglieder dieser inneren Mannschaft, einzeln zum Gespräch zu bitten. So wird der Innere Kritiker gezähmt. Auf Seite 91 ff. finden Sie einen pfiffigen Test, den sie später nochmal machen, und sie werden die Veränderungen erkennen.

Angelika Rohwetter
> Den inneren Kritiker zähmen
Strategien und Übungen für ein gutes Selbstwertgefühl
1. Aufl. 2015, 160 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-608-86049-8

potreck-rose-selbstwertSiehe auch:

Friederike Potreck-Rose
> Von der Freude, den Selbstwert zu stärken
Fachratgeber
11., erweiterte Aufl. 2015, 130 Seiten, broschiert, mit Hör-CD
ISBN: 978-3-608-86047-4

Lesebericht: Roland Kachler: Die Therapie des Paar-Unbewussten

Samstag, 22. August 2015

kachler-paar-unbewussteEin tiefenpsychologisch-hypnosystemischer Ansatz lautet der Untertitel des gerade erschienenen Buches von Roland Kachler > Die Therapie des Paar-Unbewussten, das eine für den Erfolg entscheidende Lücke in der heutigen Praxis der Paartherapie füllen möchte. In den bekannten Ansätzen wird häufig mit Verhaltenstherapie, den beobachtbaren Formen der Paarkommunikation und ihren Austauschprozessen gearbeitet. Aber das Paar-Unbewusste wird meistens nicht beachtet, nicht thematisiert, vielleicht auch nicht erkannt, so Kachler in seinem I. Kapitel.

Kachler zeigt sich überzeugt davon, dass die moderne Hirnforschung (S. 12-18) der Paarpsychologie und der Paartherapie neue zielführende Impulse vermitteln sollte. Das zeigt auch die Einbindung einiger, nicht sehr zahlreicher, aber umso typischere Fallvignetten, (bsd. S. 158 f.) die er nutzt, um das Procedere bei der Paartherapie unter Einbeziehung des Paar-Unbewußten zu zeigen. Mit den Fall-Vignetten berichtet er keine Geschichten, sondern er zeigt typische Konstellationen, um ganz präzise Ansätze, die sich aus seinem Konzept ergeben, wie in einem Lehrbuch vorzustellen und zu erläutern.

Roland Kachler bezieht sich auf

willi-therapie-paarbeziehungJürg Willi >>>
> Therapie der Zweierbeziehung. Einführung in die analytische Paartherapie – Anwendung des Kollusionskonzepts – Beziehungsgestaltung im therapeutischen, Stuttgart: Klett-Cotta, 1. vollständig überarbeitete Neuausgabe 2008, 368 Seiten, ISBN: 978-3-608-94522-5

und gibt an, über ihn hinausgehen zu wollen. Willis Kollusions-Konzept, die Grundlage des „gemeinsamen Unbewussten“, das aus „den gemeinsamen unbewussten Grundannahmen der beiden Partner konstelliert“, so Kachler, passe genau in sein Konzept, mit dem er die Vielfalt der unterschiedlichen Partnerschaften und deren Kollusion auf dem Weg über das Paar-Unbewusste erfassen wolle.

Paartherapie funktioniere nur mit aufeinander abgestimmten Schritten (S. 19 f.) wie Paardiagnostik, Paartherapievertrag, paartherapeutische Interventionen wie Spiegel- und Resonanzprozesse. Allerdings werde, so muss man Roland Kachler verstehen, nur ein Teil der Kommunikation zwischen den Partnern abgedeckt, seien doch 60 Prozent der menschlichen Kommunikation nonverbal (vgl S. 22), wovon ein großer Teil unbewusst abläuft. Über den Weg der Spiegelungen (über das Gesicht, vgl. S. 31) zwischen den Partnern kann das Paar-Unbewusste als dritte Gestalt (vgl. S. 41) erkannt werden. Theoretische Reflexionen und praktische Anleitungen wechseln hier einander ab.

Im Kapitel III wird die Entstehung des Paar-Unbewussten beider Partnerwahl und dem Verlieben erklärt. Sartre hatte in Das Sein und das Nichts (Sartre, 1997, S. 457 ff. in der wunderbaren Übersetzung mit dem so lesenswerten Nachwort von Traugott König), wie das Ich sich seiner selbst durch den Blick des anderen bewusst werde, gezeigt. Die Erinnerung an das Kennenlernen zählt zu den Resonanzprozessen, die der Paartherapeut initiieren kann. Sartre, der das Unbewusste strikt ablehnte, weil das das Bewusstsein immer das Bewusstsein von etwas sei, hat sich allerdings auch als besonderer Freud-Kenner ausgewiesen, indem er das Drehbuch zum Freud-Film von Jean Huston (1962) verfasst, das dieser in einer gekürzten Fassung realisiert hat, was Sartre dazu veranlasste, seinen Namen vom Drehbuch zurückzuziehen. Vgl. aus seinem Nachlass: Sartre, Le scénario Freud, Paris: Gallimard 1984.

kachler-paar-unbewussteIm IV. Kapitel werden die Bestandteile des Paar-Unbewussten vom relationalen Bedürfnis-Unbewussten bis zum kreativen Unbewussten der Liebe vorgestellt, wobei sich ein weiteres Mal die Systematik dieses Lehrbuchs als vorteilhaft erweist. Erst wenn das Paar-Unbewusste in der Paar-Therapie thematisiert wird, und so lautet implizit Kachlers wichtigste These kann die unbewusste Kollusion der Bedürfnisse überhaupt erst erkannt und dann auch im Sinne der Veränderung darauf eingewirkt werden. Würde die unbewussten Bedürfnisse ausgeblendet werden, so würde eine Paartherapie unvollständig und folglich unwirksam bleiben: vgl. S. 83: Kachler kennt die Folgen: „Ungestillte oder verletzte Bedürfnisse auf der Ebene des Paar-Unbewussten behalten ihre stets virulente Dynamik im Paarsystem.“ S. 83 f. Bei der >Paartherapie wird das Paar-Unbewusste in Teilmengen zerlegt, wobei u. a. das biographische Paar-Unbewusstsein mit Bindungsmustern aus der Kindheit oder das Körper-Unbewusste (vgl. S. 109) aufgearbeitet wird.

Blogbeiträge sollen nicht zu lang sein, aber die Versuchung den Katalog Kachlers Theorien mit den der hier vorgeschlagenen paartherapeutischen Maßnahmen im Rahmen der Paartherapie zu vergleichen ist groß und würde die wertvollen ganz praktischen Erfahrungen des Autors nur noch mehr verdeutlichen. Ob allerdings der Paartherapeut schon bei der ersten Sitzung sich wirklich über die Stimmung beim Paar klar werden kann (vgl. S. 111), muss nicht unbedingt eine Regel sein.

Nach Willis Kollusionsansatz ergänzt Kachler seine Überlegungen um die Hypnotherapie nach Milton Erickson, (vgl. S. 120 ff.) derzufolge das Unbewusste an den „salutognetischen Prozessen“ (S. 120 u. bsds. S. 177 ff) beteiligt sei.

erickson-rossi-hypnotherapieMilton H. Erickson, Ernest L. Rossi, >>>
> Hypnotherapie. Aufbau – Beispiele – Forschungen – Jubiläumsedition,Leben Lernen 49 – Jubiläumsedition. Aus dem Amerikanischen von Brigitte Stein, Stuttgart: Klett-Cotta, 1. Aufl. 2015, 556 Seiten, ISBN: 978-3-608-89168-3

Kapitel V untersucht Paarsymptome als Störung des Paar-Unbewussten, und das letzte Kapitel „Die Therapie mit dem Paar-Unbewussten – Wie Paartherapie spielend leicht wird“ (S. 158 ff.) fasst die Ergebnisse dieses Buches zusammen und stellt ein Modell einer Paartherapie vor. Der zweite Satz dieser Kapitelüberschrift wird vom Autor mit großem Nachdruck selbst relativiert, denn wenn bei der Therapie Probleme auftauchen wie Trennungsabsichten eines Partners oder körperliche oder sexuelle Gewalt angedeutet wird, rät Kachler dazu die Arbeit mit dem Unbewussten mit großer Vorsicht erst in der Spätphase der Paartherapie einzusetzen, vgl. S. 163), um Irritationen oder Verletzungen nicht (unbewusst) zu vergrößern. Er ist sich also der Risiken wie auch der Chancen, der von ihm vorgeschlagenen Interventionen bewusst.

kachler-paar-unbewussteRoland Kachler,
> Die Therapie des Paar-Unbewussten. Ein tiefenpsychologisch-hypnosystemischer Ansatz
Stuttgart: Klett-Cotta, 1. Aufl. 2015, 196 Seiten, gebunden, ca. 20 Abbildungen
ISBN: 978-3-608-94866-0

Literatur – Sachbuch – Blog – Klett-Cotta
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