Verlagsblog

Archiv für Januar 2016

Lesebericht: Boris Johnson, Der Churchill-Faktor

Montag, 18. Januar 2016

boris-johnson-churchill

Hm, ein bisschen lang, aber der Autor dieses Beitrags hat sich nur auf die auf die allerwesentlichsten Leseergebnisse aus diesem Buch beschränkt; aber die Anregungen durch Johnsons Buch, Quellen nachzulesen, konnte der Autor sich nicht verkneifen und schließlich beantwortet er als Zusammenfassung dieses langen Artikels die Frage, warum Boris Johnson dieses Buch verfasst hat.

Sir Winston Leonard Spencer-Churchill (1874-1965) war Kriegsberichterstatter, Abgeordneter ab 1901, wechselte 1904 von den Torys zu den Whigs, Unterstaatssekretär für die Kolonien (1905–1908), Handels- (1908–1910) und Innenminister (1910–1911), 1911 wird er Marineminister, nach einer Pause wird er 1917 Munitionsminister, nach dem Krieg ist er nacheinander Kriegs-, des Luftfahrt- und Kolonialminister, 1924 geht er wieder zu den Torys wird Schatzkanzler bis 1929. in den folgenden Jahren betätigt er sich u. a. als Maler mit einem erstaunlichen Talent:

> Painting: The hobby that saved Winston Churchill’s sanity EXPRESS, 19 Dezember 2014

> Churchill, The Artist *** by Jonas Weir auf der Website Missoury LIFE

> National Churchill Museum Current & Upcoming Exhibits – Westminster College | 501 Westminster Avenue | Fulton, Missouri 65251-1299 |

1939 wird er Ersten Lords der Admiralität (=Marineminister). AM 10. Mai 1940 wird er Premierminister und auch Kriegsminister bis 1945. Wieder Premierminister 1951-1953. 1955 und 1959 wurde er als Abgeordneter wiedergewählt, so war über 60 Jahre lang Mitglied des Parlaments.

Der Bürgermeister von London, Boris Johnson, hat eine spannende Biographie verfasst: > Der Churchill-Faktor, die auch als eine politische Geschichte des 20. Jahrhunderts bis 1965 gelesen werden kann.

Sein Enkel Nicholas Soames versucht, Johnson zu erklären, sein Großvater sei „ein ganz normaler Mensch gewesen“ (S. 396), das fällt ihm nicht schwer, aber so recht glauben kann man das nicht. Churchill hat unglaubliche Tiefen und Höhen erlebt. Als Kriegsberichterstatter z.B. im Zeiten Burenkrieg immer an vorderster Front, kaum hob das erste Flugzeug ab, war er mit dabei und begann schon 1901 seine Karriere als Abgeordneter und übernahm nacheinander fast jedes Ministeramt, erfand den Panzer mit deren Auftauchen er den Deutschen bei Amiens im ersten Weltkrieg einen gewaltigen Schrecken und hohe Verluste beibrachte. Er führte England in den Krieg gegen Hitler und schaffte es, die USA zum Kriegseintritt zu bewegen. Kapitel 15: Ein Roulettespiel mit der Geschichte zählt die Niederlagen auf, aus denen Churchill fast immer unbeschadet herauskam, Niederlagen, die kein anderer Politiker überlebt hätte. Eine Südfront im Ersten Weltkrieg eröffnen? Die Idee war gut, das Scheitern riesig, aber „Er hatte die richtige Grundidee“, (S. 242), die Rückkehr zum Goldstandard, von dem es erst durch allen möglichen Druck 1931 gelöst wurde, war ein Fiasko. Sein Versuch, die indische Selbstverwaltung zu verhindern, wurde eine seiner größten Niederlagen, jedoch wussten wohl auch seine Gegner, dass Churchills Prophezeiungen nicht ganz falsch waren. Und dann die Affäre von König Edward VIII. mit Wallis Simpson im Spätherbst 1936, nicht der König müsse zurücktreten, sondern die Minister, die damit ein Problem hätten, versuchte Churchill den Abgeordneten zu erklären, bevor er seine Rede wegen des aufbrandenden Geschreis im Unterhaus abbrechen musste: „Keine Katastrophe berührte auch nur annähernd eine Integrität,“(S. 252) stellt Johnson fest.

Schade, oft folgt auf unserem Blog unseren Leseberichten ein Nachgefragt… mit einem Interview des Autors. Das geht leider nicht so schnell.

Daher dieses Tweet:

Seinem unglaubliches Wissen, seiner Belesenheit und politischen Erfahrung hatten seine Gegner nicht viel entgegenzusetzen. 1911 verfasste er ein kurzes > Memorandum über den Verlauf des Ersten Weltkrieges: „Military Aspects of the Continental Problem“ (vgl. S. 253 f)… in: Winston Churchill, > The World Crisis, 1911-1918, London: Simon and Schuster 2005, S. 39-41. 40 Tage werde der Konflikt dauern, sah Churchill voraus, bis die Deutschen gestoppt wurden. Am 41. Tag verlor Deutschland tatsächlich die Marne-Schlacht.

boris-johnson-churchill

Churchill im Gegensatz zu den Appeasement-Politikern erkannte früh „die elementare Grausamkeit des Regimes“ (S. 255) der Nazis. Churchill veröffentlichte 1935 in The Strand Magazine den Artikel „The Truth about Htler“ – dazu: > Finest Hour Comparative Texts – “The Truth about Hitler,” 1935 “Hitler and His Choice,” 1937 – Chruchill schrieb u.a.: „Hitler’s success, and, indeed, his survival as a political force, would not have been possible but for the lethargy and folly of the French and British Governments since the War, and especially in the last three years.“ Er ahnte was passieren wird: „But the internal stresses are even more striking. The Jews, supposed to have contributed, by a disloyal and pacifist influence, to the collapse of Germany at the end of the Great War, were also deemed to be the main prop of communism and the authors of defeatist doctrines in every form. Therefore, the Jews of Germany, a community numbered by many hundreds of thousands, were to be stripped of all power, driven from every position in public and social life, expelled from the professions, silenced in the Press, and declared a foul and odious race.“

Johnson beschreibt im Kapitel 17 „Buhlen um Amerika“ wie Churchill im Dezember 1941 in die USA reist und mit seiner Rede vor dem Kongress versucht, Amerika den Kriegseintritt nahezulegen:

…das hatte er schon am 18. Mai 1940 seinem Sohn Randolph erklärt: „Ich werde die Vereinigten Staaten hineinziehen.“ (S. 275) Nein, wir stellen uns jetzt nicht vor, was passiert wäre, wenn Churchill nicht als Premierminister zur Verfügung gestanden hätte und Englands und Europas Schicksal…? Gut, dass der Historiker nie, was wäre gewesen wenn fragen soll.

boris-johnson-churchill

Churchill prägte den Begriff vom Eisernen Vorhang: Zwei Reden Churchills haben eine ganz besondere Bedeutung: die > “Iron Curtain” Speech in Fulton, Missouri (1946), sie „ist im modernen politischen Diskurs etwas Einzigartiges,“ (S. 323 ff) schreibt Johnson und zitiert aus der Rede:

„But we must never cease to proclaim in fearless tones the great principles of freedom and the rights of man which are the joint inheritance of the English-speaking world and which through Magna Carta, the Bill of Rights, the Habeas Corpus, trial by jury, and the English common law find their most famous expression in the American Declaration of Independence.“

Und „From Stettin in the Baltic to Trieste in the Adriatic, an iron curtain has descended across the Continent. Behind that line lie all the capitals of the ancient states of Central and Eastern Europe. Warsaw, Berlin, Prague, Vienna, Budapest, Belgrade, Bucharest and Sofia, all these famous cities and the populations around them lie in what I must call the Soviet sphere, and all are subject in one form or another, not only to Soviet influence but to a very high and, in many cases, increasing measure of control from Moscow. “

boris-johnson-churchill

Und die zweite besondere Rede, ist die, die er in Zürich gehalten hat: > Europa-Rede in der Universität Zürich am 19. September 1946. Er beklagt den Beginn des Kalten Krieges und fordert: „Yet all the while there is a remedy which, if it were generally and spontaneously adopted by the great majority of people in many lands, would as if by a miracle transform the whole scene, and would in a few years make all EUrope, or the greater part of it, as free and as happy as Switzerland is today. What is this sovereign remedy? It is to recreate the European Family, or as much of it as we can, and to provide it with a structure under which it can dwell in peace, in safety and in freedom. We must build a kind of United States of Europe. In this way only will hundreds of millions of toilers be able to regain the simple joys and hopes which make life worth living. The process is simple. All that is needed is the resolve of hundreds of millions of men and women to do right instead of wrong and to gain as their reward blessing instead of cursing.“ Und er sagte auch: „Germany must be deprived of the power to rearm and make another aggressive war. But when all this has been done, as it will be done, as it is being done, then there must be an end to retribution.“ und fügte hinzu: „I am now going to say something that will astonish you. The first step in the re-creation of the European Family must be a partnership between France and Germany. In this way only can France recover the moral and cultural leadership of Europe. There can be no revival of Europe without a spiritually great France and a spiritually great Germany. The structure of the United States of Europe, if well and truly built, will be such as to make the material strength of a single state less important. Small nations will count as much as large ones and gain their honour by their contribution to the common cause. The ancient states and principalities of Germany, freely joined together for mutual convenience in a federal system, might take their individual places among the United States of Europe.“ = „Ich sage Ihnen jetzt etwas, das Sie erstaunen wird. Der erste Schritt zu einer Neuschöpfung der europäischen Völkerfamilie muss eine Partnerschaft zwischen Frankreich und Deutschland sein. Nur so kann Frankreich seine moralische und kulturelle Führerrolle in Europa wiedererlangen. Es gibt kein Wiederaufleben Europas ohne ein geistig großes Frankreich und ein geistig großes Deutschland. Wenn das Gefüge der Vereinigten Staaten von Europa gut und richtig gebaut wird, so wird die materielle Stärke eines einzelnen Staates weniger wichtig sein.“

> Winston Churchill’s Zurich speech


<<<< Die > Tweets von ChurchillMuseum

> What Did Churchill Mean by “A United States of Europe”? – Website des National Chruchill Museum

So jetzt kommen wir zu der Frage, warum hat Boris Johnson dieses Buch geschrieben?

Erstmal natürlich um diesen erstaunlichen Politiker und seine Karriere zu würdigen. Loyal, integer, auch wenn er manchmal nicht nur für die Opposition sondern auch für die eigenen Gefolgsleute über die Stränge schlug, immer nicht nur im Krieg an vorderster Front, zweimal musste der König ihn schriftlich bitten, die Landung am D-Day nicht von einem der ersten Schiffe aus zu beobachten. Ein ungeheurer Sprachschatz stand Churchill zur Verfügung, der ihn zu einer beeindruckenden Produktion von Texten verleitete. Aber nochmal, warum schrieb Johnson dieses Buch?

boris-johnson-churchillEuropa lautet das Stichwort. Gerade hadert England mal wieder mit der EU, und es steht sogar ein Volksentscheid an. Da kommt es wie gelegen, dass Johnson mit dem Kapitel 20 „Churchill, der Europäer“, an das „sperrige Thema der britischen Beziehungen zu ‚Europa'“ (S. 334) erinnert. Der Reihe nach: Die Befürworter und die Gegner Europas finden viele Argumente bei Churchill. Sieht man genauer hin, lichtet sich der Nebel, und Churchills klare Haltung wird erkennbar, mit der wiederum beide Seiten eigentlich auch zufrieden sein müssten. 1950. Der französische Außenminister Robert Schumann ruft die Journalisten zu einer improvisierten Pressekonferenz und verkündet ihnen die > Montan-Union, die Einrichtung einer supranationalen Behörde, die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, kurz offiziell EGKS. Belgien, die Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und die Niederlande vereinbarten einen zollfreien Zugang zu Kohle und Stahl. Die gemeinsame Hohe Behörde konnte gemeinsame Regelungen für alle Mitgliedstaaten treffen. England musste darauf eine Antwort finden. Während der Verhandlungen war Churchill noch in der Opposition und in seiner Rede > Rede anlässlich der Diskussion um den Schumann-Plan am 28. Mai 1950 = > FOREIGN AFFAIRSHC Deb 28 March 1950 vol 473 cc189-333 (vgl. Johnson, S. 342 ff.) verband er mit der Montan-Union die Hoffnung auf bessere Zeiten: „We are nearly all of us now agreed in seeking the unity and restoration of Europe as a great hope for the future. We cannot do this without the aid of the Germans. The strong German race, which, during the last 40 years, we and our Allies twice fought and defeated, have now the opportunity of rendering an immense service to mankind. Having submitted to internal tyranny and brought measureless suffering upon us all, and especially themselves, they now have a chance of redeeming the German name by helping to repair what has happened in the past and by playing their part—and it might be a great one—in lifting the civilisation of Europe to a level where its old glories may revive and where the various forms of tolerant freedom and resulting happiness and culture may be restored.“ Klar und deutlich:“There can be no hope for a United Europe without Germany, and there is no hope for Germany except within a free and United Europe.“ und „When I spoke at Zürich nearly four years ago, I said it would be the proud duty of France to stretch forth her hand and lead Germany back into the European family.“ England sollte mit dabei sein: „Some will call Dr. Adenauer’s proposal for an economic union between Germany and France premature, unsure, only partly thought out. Surely, however, it lies near the root of the matter. What we want is far more than that, but these two speeches by General de Gaulle and Dr. Adenauer together constitute a memorable event.

Here is the forward path along which we must march if the thousand-year feud between Gaul and Teuton is to pass from its fierce destructive life into the fading romance of history. Here are two men who have fought and struggled on opposite sides through the utmost stresses of our times and both see clearly the guidance they should give. Do not let all this be cast away for small thoughts and wasteful recriminations and memories which, if they are not to be buried, may ruin the lives of our children and our children’s children. It may be that this year, 1950, on which we have entered in so much perplexity and dispute, can be made the occasion for launching Europe on its voyage to peace with honour. Let us make sure that we play our part in turning thought into action and action into fame.“ Es kam anders. Aus der Opposition heraus konnte Churchill die Regierung nicht überzeugen, an der Montan-Union teilzunehmen. Was wäre geworden, wenn Churchill 1950 Premierminister gewesen wäre? Johnsons Argumente resümieren wir hier nur kurz, möglicherweise hätte England bei der Montan-Union mitgemacht – zu englischen Bedingungen, um „die Rolle als Sponsor, des Zeugen, nicht die der beteiligten Partei“ zu spielen. Die Gegner Europas haben es leicht, bei Churchill ihre Argumente zu finden, solange sie auswählen und nicht alles lesen: 1930 steht in einem Zeitungsartikel von Churchill etwas über die drei Rollen Großbritanniens: Europäische Nation, Mittelpunkt des British Empires und Partnerland der englischsprachigen Welt – alles gleichzeitig. (vgl. S. 347)… Wäre Churchill 1948 Premierminister geworden, dann hätte er Europa seinen Churchill-Faktor aufgedrückt, dann wäre ein EU-Modell entstanden, angelsächsischer orientiert und demokratischer. (vgl. S. 348) Also, aus diesem Buch können Europakritiker in England lernen, wieso die EU und der Gedanke der Vereinigten Staaten von Europa wichtig ist, und die Befürworter können lernen, wie sie ihre Position noch besser vertreten können.

Wieder ein zu langer Lesebericht, der aber durch dieses spannende Buch gerechtfertigt ist. Erst wenn man die Person Churchills in den beiden Weltkriegen kennengelernt hat, wenn man mit seine ungeheuren politischen Erfahrung vertraut ist, kann man sein Engagement für Europa verstehen. Die Länder sollte nie wieder Krieg miteinander führen, (vgl. S. 349) Und er nahm für sich in Anspruch, die Idee für den Gemeinsamen Markt gehabt zu haben. Das Bündnis zwischen Frankreich und Deutschland (Link von der Red. hinzugefügt, H.W.) war ihm genauso wichtig wie ein „Freihandel in einer riesigen Zone“. (S. 350)

boris-johnson-churchill

Boris Johnson,
> Der Churchill-Faktor
Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz und
Werner Roller (Original: The Churchill Factor. How One Man Made History)
2. Druckaufl. 2015, 472 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit zahlreichen s/w Abb. und 3×8 Seiten Tafelteil
ISBN: 978-3-608-94898-1

und noch ein Video – diese lästige Werbung…

Lesebericht: Sven Felix Kellerhoff „Mein Kampf“. Die Karriere eines deutschen Buches

Donnerstag, 14. Januar 2016

Sven Felix Kellerhoff stellt in seinem Band >»Mein Kampf« – Die Karriere eines deutschen Buches den Inhalt von Hitlers Buch vor und berichtet, unter welchen Umständen dieses Pamphlet verfasst wurde, wie oft es in wie vielen Auflagen gedruckt worden ist, welche Wirkung dieses mit Lügen und Geschichtsklitterung durchsetzte Machwerk vor allem auf zögernde Zeitgenossen gehabt hat, von denen sich so manche dann doch den Nazis anschlossen.

Lange hat der Freistaat Bayern als Inhaber der Rechte an Hitlers Buch eine offizielle Neuauflage von „Mein Kampf“ verhindert. „Verbote machen attraktiv,“ (S. 9) schreibt Kellerhof und nennt die Folgen der „bayerischen Obstruktion gegen die seriöse Wissenschaft.“ (S. 11)

„Mythen umranken Hitlers Buch; sie wachsen glänzend auf dem Nährboden der Unwissenheit.“ (ib.) Als eine der ärgerlichen Folgen nennt die Fehler und Halbwahrheiten in Daniels Goldhagens Hitlers willige Vollstrecker: „Das wäre kaum geschehen, wenn hierzulande eine kritische Auseinandersetzung mit Hitlers Buch gepflegt würde.“ (S. 12) Rund 80 Biographien zu Hitler berichteten kursorisch aus seinem Buch, überhaupt fehle eine eingehende Analyse von Hitlers Machwerk. Bei seinem Buch fällt der Gemeinplatz ein: Das habe ja kaum jemand gelesen… Kellerhof zeigt in seinem Kapitel „Leser“, dass das offenkundig nicht stimmt und dass nach dem Januar ’33 die Absätze des Bandes erheblich zugenommen haben.

Im Internet und in Antiquariaten war das rassistische, antisemitische und hasserfüllte Pamphlet immer zu haben. Jetzt am 1. Januar 2016 läuft nach 70 Jahren die gesetzliche Schutzfrist durch das Urheberrecht aus. Vor einigen Tagen das Münchner Institut für Zeitgeschichte seinen Band > Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition (hrsg. im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin von Christian Hartmann, Thomas Vordermayer, Othmar Plöckinger, Roman Töppel, unter Mitarbeit von Edith Raim, Pascal Trees, Angelika Reizle, Martina Seewald-Mooser München 2016, ISBN 978-3-9814052-3-1, ca. 2000 Seiten mit farbigen Abbildungen (2 Bände), gebunden, Leinen ohne Schutzumschlag, 59 EURO) vorgestellt.

Im Kapitel „Inhalt“ resümiert Kellerhoff Hitlers Auskünfte über die eigene Biographie und die Grundgedanken des Buches. Wien: „.. die wahren Ursachen für sein selbstgewählt beschiedenes Leben aber verschwieg er.“ (S. 23) Wen wundert es, will doch der Autor sich ins beste Licht stellen, genauso, wie er verschweigt, dass er sich vor dem Wehrdienst im österreichisch-ungarischen Heer gedrückt hat: „Zuverlässigkeit“ S. auch S. 99-129. Mehr Boden für Deutschland, notfalls auch mit einer Allianz mit England, kaum mehr als der Schein eines Wunschdenkens. Dann der „Kampf gegen den“/ und die „Vernichtung des Marxismus“ der die krude und differenzierungslose Ablehnung aller linken Ideen, zu denen auch Bismarcks Sozialgesetzgebung zählte, einschließt. Den Waffenstillstand von 1918 schrieb er Juden, gegen die sein Hass in jenen Tagen entstand, und Marxisten zu. „Volk und Rasse“ sind weitere Stichwörter, die Propaganda. Pressefreiheit, so Kellerhof sei für Hitler nicht mehr als „straflose Volksbelügung und Volksvergiftung“ (S. 37), Beschuldigungen die nur dazu dienten, den eigenen Wahn als zielführend darzustellen. Ablehnung des Parlamentarismus, wie sein unnachgiebiger Hass auf „die Juden“: Ein radikaler, bis zu Vernichtungsfantasien reichender Antisemitismus“, (S. 49) so Kellerhoff, stehen im Zentrum von Hitlers Schrift.

Dann folgen Kellerhoffs Kapitel „Entstehung“, Hitler schrieb das Buch „im Wesentlichen“ (S. 63) selbst, das Kapitel „Quellen“ seines Buches zeigt ein krudes Durcheinander aller möglichen meist Hetztexten von den > Protokollen der Weisen von Zion (Wikipedia), die auf Maurice Joly Dialogue aux Enfers entre Machiavel et Montesquieu, Brüssel 1864, zurückgehen bis zu diversen Büchern von Rassentheoretikern, ohne konkrete Quellenangaben. Im Zentrum von „Mein Kampf“ steht der wahnhafte Hass des Autors gegen die Juden. Niemand wird es wundern, dass Hitlers Angaben und Zahlen zu den Juden im Ersten Weltkrieg erfunden und unhaltbar sind. 1908 sei Hitler auf die „Judenfrage“ (A. Hitler) aufmerksam geworden und habe dann antisemitische Broschüren gelesen. Ein Judenhasser, so Kellerhoff, sei Hitler aber aber erst nach 1919 geworden. (S. 97 f.)

„Mein Kampf“ wurde nicht vorbehaltlos aufgenommen. Kellerhoff zitiert Autoren und Zeitungen vom Bayrischen Vaterland (S. 132) über den Simplicissimus bis zu Sefan Grossman in der Berliner Zeitung wurden dem Autor seine Fehler, seine Geschwätzigkeit oder „pathetischer Blödsinn“ (Grossmann, zit. v. Kellerhoff, S. 134) vorgeworfen. Diese Skizze der Rezeptionsgeschichte von „Mein Kampf“ ist aufschlussreich, wer kritisiert, wer bringt sich auf welche Weise in Stellung gegenüber Hitlers Buch, das Gerhart Hauptmann Ende 1933, so Kellerhoff als „sehr bedeutsame Hitler Bibel“ (S. 153) bezeichnet. Kellerhoffs Ergebnis: Nicht festgelegte Leser habe Hitlers Buch nicht für den Nationalsozialismus gewinne können. (vgl. S. 157) S. auch „Leser“ S. 225-241. Bis 1932, so rechnet Kellerhoff, wurden 225 000 Exemplare verkauft. Von 13. Millionen Mitgliedern der NSDAP konnten nur jeder 60. ein Exemplar des Buche besessen haben.

„Fortsetzung“. Es gibt ein Typoskript mit rund 100 Seiten, das Hitler offenbar im Juni und Juli 1928 diktiert hat und dann unvollendet beiseite gelegt hat. 1958 fand Gerhard L. Weinberg das Manuskript, das irrtümlicherweise von den Amerikanern als „Mein Kampf“ archiviert worden war und fertigte eine Edition an: Hitlers zweites Buch. Ein Dokument aus dem Jahr 1928, Stuttgart 1961.

Bücher generieren oft nicht unerhebliche Erträge für ihre Autoren. Hitler hat an dem Buch und seinen Auflagen gut verdient und verschwand 1935 zumindest für die deutschen Finanzbehörden: „Ertrag“ S. 209-224.

Zu den vielen stilistischen und inhaltlichen Fehlern des Buches passt, dass Hitler 1921 das Programm der NSDAP als unabänderlich bezeichnete: zunächst einmal. Hitler: „Jede weitere Veränderung des Namens oder des Programms wird ein für alle Mal zunächst auf die Dauer von sechs Jahren vermieden.“ (zit. v. Kellerhoff, S. 244, nach Jäckel/Kuhn (Hg.) Hitler 1905-1924, S. 436-438)

Kellerhoffs Fazit: „Mein Kampf“ enthalte kein ausformuliertes politisches Programm, sondern habe „die „Grundzüge seiner Weltanschauung“ dargelegt, die trotz mancher Abweichungen zur Basis seiner Politik ab 1933 wird.

Kellerhoffs Buch wendet sich auch an Schüler in der Oberstufe, denen hier wichtige Zusammenhänge erklärt werden, wodurch sie und Einblicke in das Denken und die verworrenen Ideen von Hitler und die Bedeutung seiner Propaganda, mit der vorgab, seine krude Ideensammlung zu ordnen, erhalten. Für Studenten und die Forschung ist aber die Rezeptionsgeschichte des Buches, die Äußerungen der Zeitgenossen in der Weimarer Republik, die dieses Pamphlet lächerlich machten oder andere, die später wie Gerhart Hauptmann das Buch nobilierten, von besonders großem Interesse. Für eine Vertiefung dieser Rezeptionsgeschichte liefert Kellerhoff sehr wichtige Grundlagen und Anregungen. Seine Angaben zur Geschichte des Buches, seinen Auflagen und Verkaufszahlen sind das Ergebnis einer intensiven und ausführlichen Archivarbeit (S. S. 353). Diese verschiedenen Ansätze seines Buches erlauben es ihm, den Einfluss von Hitlers Pamphlet zu beurteilen. Mit etwas Distanz betrachtet Kellerhof das Unternehmen des Münchner Instituts für Zeitgeschichte mit 2000 Seiten und rund 3500 Anmerkungen, (vgl. S. 315) das sich nicht an ein breites Publikum richten wird, diese Lücke hat er geschlossen.

Sven Felix Kellerhoff
> »Mein Kampf« – Die Karriere eines deutschen Buches
2. Aufl. 2015, 367 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94895-0

MERKUR 800 – Januar 2016

Mittwoch, 6. Januar 2016

Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken

Manchmal ist es ein besonderer Geburtstag, ein runder, jemand nullt zum 4. oder 5. Mal. Runde Geburtstage werden immer besonders begangen, > diesmal ist der MERKUR dran, seine Ausgabe nullt zum 80 Mal. Schon während des Studiums habe ich ihn gelesen, dank des Abonnements meines Bruders. Und dann immer wieder wertvolle Anregungen zu Studienthemen gefunden. Anregungen, die Themen meiner Fächer in einen größeren Zusammenhang stellten, Verbindungen zu anderen Fragen schärfen, das war das intellektuelle Rüstzeug, das nicht nur nebenbei bestätigte, dass die Romanistik nach einem Wort meines akademischen Lehrers von den mittelalterlichen Chronisten bis Sartre und Camus und an beiden Seiten weit darüber hinausragte. Nicht auf ein Jahrhundert konzentrierten wir uns in Bonn, die Vielfalt der Romanistik wurde uns demonstriert. Dazu Geschichte und Politikwissenschaft. Heute noch habe ich die MERKUR-Hefte aus jeden Jahren, auf deren Rücken die Themen der Hefte mit Kuli geschrieben standen, so wurde das Regalbrett mit diesen Heften zum Protokoll der Themen der Bonner Semester, denn im MERKUR gab immer Ergänzungen, neue Denkanregungen für den Verbund meiner drei Fächer – dazu noch Philosophie und Pädagogik, in dem die Romanistik mit ihrer Kulturwissenschaft den Ton angab. Soweit der heutige Geburtstagsglückwunsch an die Adresse des 800. MERKURS. Und weil er stets so anregend wie zu Zeiten meines Studiums geblieben ist, bekräftige ich gleich hier noch einmal den gerade ausgesprochenen Glückwunsch. Noch heute freue ich mich > jeden Monat auf die neue Ausgabe. Druckfrisch. Gleich lesen und das Vergnügen, hier immer gleich den Lesebericht abzuliefern, das können Sie > bei der Lektüre des MERKURS immer mit uns teilen.

Nun liegt also der MERKUR 800 vor uns auf dem Tisch. Heiner Klemme hat Heideggers antisemitische »Schwarze Hefte« genau gelesen. Nie wird man zu einer Entscheidung darüber kommen, ob Heideggers Antisemitismus das Urteil über sein ganzes Werk zu bestimmen hat. „Manches macht fassungslos…“, (S. 9) notiert Klemme. Und trotzdem meint Klenmme, solle man Heidegger lesen. Gerade seine Schwarzen Hefte vermitteln einen Einblick in den Irrationalismus und die klare Erkenntnis, Heidegger stehe für die Gegenaufklärung. (S. 23) „Heideggers Bedeutung für die Philosophie liegt in seinem Scheitern.“ (ib.) – Der Philosoph Michael Astroh lehrt in Greifswald. Er berichtet von seinen Aufenthalten in Kyoto, Hiroshima und anderen Städten in Japan. Fesselnde Berichte aus einer anderenWelt. Ein Umgang mit Mitmenschen, von dem wir einiges lernen könnten: „Jenseits des Vertrauten“ lautet die Überschrift seines Beitrags. Dann kommt David Graeber mit „Tote Zonen der Fantasie“. Ein Essay über strukturelle Dummheit = ein Kapitel aus seinem Buch über die > Bürokratie, das demnächst auf Deutsch vorliegen wird. Ob die Struktur der Büros in unseren Behörden Dummheit generiert? Auf dem Passamt kam ich neulich mit einem Morgengruß als erster Kunde hinein. Weit und breit kein andere Bürger. Ich solle bitte erst eine Nummer ziehen, wurde ich belehrt, draußen auf dem Gang, ca 12 m von der Tür entfernt, wo ich eben eintreten wollte. Wieder rausgehen, zurückgehen, Nummer ziehen, dabei klingelte sogar der Apparat: 001. Ein paar Sekunden später leuchte mit einem Piepston 001 über der Tür auf, nun durfte ich vorsprechen, wobei der kleine Zettel mit der 001 als Gesprächslegitimation betrachtet wurde. Graeber beschreibt, was alle so schon mal erlebt und erlitten haben.

Die Philosophiekolumne gibt Christoph Menke die Gelegenheit, mit Bezug auf Jan Assmann, Exodus. Die Revolution der Alten Welt, München: Beck 2013, und auf Ottfried Höffe, Die Kritik der Freiheit. Das Grundproblem der Moderne, München: Beck 2015, zu erklären, warum man über den Freiheitsbegriff des Liberalismus hinausgreifen muss. Richtig, sein Beitrag steht unter dem Zeichen des Liberalismus, und da muss der Autor dieser Zeilen trotzdem noch einen Literaturhinweis hinzufügen: Im 4. Teil, das II. Kapitel Freiheit und Faktizität: Die Situation in: > J.-P.Sartre, Das Sein und das Nichts. Versuche einer phänomenologischen Ontologie, übers. v. T. König., Hamburg: Rowohlt 1991, S. 833-950: „Der Mensch begegnet Hindernissen nur auf dem Feld seiner Freiheit.“ Nun der Literaturhinweis passt nicht so recht zu dem Beitrag, er ergänzt ihn aber dennoch, denn die Klarheit dieses Kapitels korrespondiert so gar nicht mit dem Bild, das man heute von Sartre zu haben glaubt, der doch über die Freiheit grundsätzliches zu berichten wusste.

> Dieses Merkur-Heft digital (PDF, epub, mobi)
> Das Heft gibt es jetzt günstig im MERKUR-Probeabo.

Und jetzt die Popkolumne von Eckhard Schumacher, der neuere Publikationen zum »Sound der Stadt« gelesen hat. Anregungen > www.stuttgart-fotos.de mit Tönen zu füllen. Städte haben ihre eigenen Klänge und Töne. Schon am Dialekt der aufgespießten Wortfetzen auf dem Markt, in Geschäften oder im Bahnhof hört jeder, ob der Tönesammler sich in Stuttgart oder Köln bewegt. Hinzu kommt die Popszene, die das Klangbild prägt und präzisiert.

Monika Dommann kann über dreihundert Jahre Copyright-Kriege. berichten und rezensiert nebenbei Peter Baldwin, The Copyright-Wars. Three Centuries of Trans-Atlantic Battle, Princeton University 2014. vivant-bruguiere-droits-d-auteur-3-110. Dazu passt, dass der Verlag DALLOZ aus Paris mir gerade den Band > Droit d’auteur et droits voisins (3e édition) von Michel Bruguiere Michel Vivant, Paris 3/2015 zur Rezension geschickt hat. Auf unserem Blog haben wir schon öfters über das > Urheberrecht berichtet, das viele online so gerne in Frage stellen möchten. Das Eigentumsrecht der Kunstschaffenden und Schriftsteller ist immer bedroht, wenn Konsumenten glauben, sie könnten sich ohne Gegenleistung online oder auch offline so einfach an deren Werken bereichern. Das gilt für Texte, Fotos – wer bezahlt eigentlich unsere Fotos? -, das gilt für alle kreativen Erzeugnisse genauso wie für den Liter Milch, den wir ja auch nicht so einfach mitnehmen. Wenn jeder angeklickte und gelesene Beitrag auf unseren Blog > www.france-blog.info honoriert würde, müssten nicht mehr umständlich immer wieder Gründe für deren Existenzsicherung formuliert werden. Ach, auf S. 70 geht es schon wieder mal um > Open Access, den „Publikationen aus staatlich finanzierter Forschung“ (S. 70), die gibt es doch gar nicht. Keine Publikation entsteht nur aus staatlich finanzierter Forschung. Jeder Autor einer solchen Publikation hat ein Mehrfaches aus seinem Privatsäckel zu einer solchen staatlich geförderten Veröffentlichung schon viel früher dazugegeben, zumindest in Form seiner Investitionen zugunsten seines Studiums, und sie dadurch erst ermöglicht. Es gibt also überhaupt keinen Grund, Autoren, wenn der Staat ihnen die letzten 50 m vor der Publikation finanziert, die Rechte an ihrer Publikation zu entziehen. Die Autoren werden durch Open-Access unter Druck gesetzt, ein Weg zur ersehnten Publikation, sie wird ihnen durch diesen Trick in Aussicht gestellt.

Holger Schulze berichtet über kleine literarische Formen am Beispiel twitterarischer und anderer E-Books. Hannes Bajohr hat unter dem Titel Infradünne Plattformen Print-on-Demand als Strategie und Genre vorgestellt, das sind interessante literarische Experimente. Aber trotzdem wird jeder, der ein Buch in welcher Form auch immer zum Druck oder zu einer Online-Veröffentlichung vorsieht, beim Redigieren und beim Einfüllen in die PDF-Form schnell verstehen, was Verlage wirklich machen. Eben mal ein E-Book herstellen? On-Demand… das geht nur, wenn man vorher zumindest versucht, Verlagsaufgaben zu imitieren.

Kommen wir zu den Marginalien: Helmut König erklärt, wie Putin in der neueren russischen Propaganda immer wieder neue Form der Verdrehung von Tatsachen zulässt: Das Falsche wird hier zu Wahr definiert erklärt, die Unterscheidbarkeit von Wahr und Falsch selbst wird prinzipiell in Frage gestellt. Felix Heidenreich hat Navid Kermanis Friedenspreisrede genau und kritisiert dessen »politische Theologie«. Remigius Bunia hat sich im politischen Brüssel die europäische Sprachenpolitik angesehen: Ein Wildwuchs. Harry Walter betrachtet auf dem Flohmarkt und sonstwo gefundene Fotos. Das erste zeigt acht Frauen, und Walter ruft: »Prosit!«

Literatur – Sachbuch – Blog – Klett-Cotta
Klett-Cotta is proudly powered by WordPress and the 3 Column Relaxation Theme from Clemens Orth.
Entries (RSS) and Comments (RSS). 20 queries. 0,138 seconds.