Verlagsblog

Archiv für März 2016

Vorgefragt: Saskia de Coster, Wir & Ich

Donnerstag, 31. März 2016

Sie auch: > Eine belgische Autorin erobert Deutschland – #FBM COUNTDOWN

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Bei Tropen ist gerade der Roman > Wir & Ich von Saskia de Coster erschienen.

Die Mutter Mike kommt aus betuchtem Geldadel eigentlich ohne jedwede materielle Sorgen, aber alles um sie herum, alle Dinge, alle Verhältnisse zu allen, ihre Familie Vandersanden, alles macht sie total neurotisch. Ihr Mann ein macht auch nichts anderes, als alles in jedem Detail geregelt, eine Abweichung von den Regeln ihres perfekt alarmgesicherten Lebens gibt es nicht, darf nicht sein. Ihre Villa steht im Viertel »Der Berg« hinter hohen Hecken. Das einzige Kind Sarah will raus aus dem goldenen Käfig, wo Mutter Mike die Teppichfransen kämmt. Besuch? Den muss Sarah mindesten zwei Wochen vorher anmelden. Heile aber doch irgendwie total kaputte Welt, weil es außer viel Langeweile und viel Geld nichts gibt. Bis dann eines Tages Mikes Bruder erscheint. Er kommt geradewegs aus dem Gefängnis, ist auf Freigang, und bringt der Familie einen ganz neuen Bkick auf die Unsicherheiten des Lebens jenseits ihrer Schutzhecke mit.

Wir haben Saskia de Coster auf der Leipziger Buchmesse getroffen:

Saskia de Coster
> Wir & Ich
Aus dem Niederländischen von Isabel Hessel (Orig.: Wij en ik)
1. Aufl. 2016, 409 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50156-8

Lesereise : David Graeber, Bürokratie. Die Utopie der Regeln

Donnerstag, 31. März 2016

David Graeber stellt sein > Buch Bürokratie. Die Utopie der Regeln vor:

> Lesebericht auf unserem Blog

Montag, 4.4.2016: Dussmann das KulturKaufhaus, Friedrichstraße 90, 10117 Berlin
Dienstag, 5.4.2016: Altes Rathaus, Rathaushalle, Altes Rathaus, 37073 Göttingen
Mittwoch, 6.4.2016: Stadtbücherei Frankfurt, Hasengasse 4, 60311 Frankfurt
Donnerstag, 7.4.2016: Jack in the Box e.V., Vogelsanger Straße 231, ehemaliger Güterbahnhof Köln-Ehrenfeld, 50825 Köln
Freitag, 8.4.2016: Stadtbibliothek Stuttgart, Max-Bense-Forum, Mailänder Platz 1, 70173 Stuttgart

Alle Termine der Lesereise von David Graeber

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David Graeber
> Bürokratie
Die Utopie der Regeln
Aus dem Amerikanischen von Hans Freundl und Henning Dedekind (The Utopia of Rules)
1. Aufl. 2016, 329 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94752-6

Lesebericht: Thomas Asbridge, Der größte aller Ritter und die Welt des Mittelalters

Donnerstag, 31. März 2016

Mandy Theime aus Leipzig: > Thomas Asbridge/Susanne Held: Der größte aller Ritter und die Welt des Mittelalters hat dieses Buch genau gelesen und wünscht sich nur ein zweites Lesebändchen.

asbridge-ritterThomas Asbridge hat ein Buch verfasst, das von einer ganzen Epoche berichtet: > Der größte aller Ritter und die Welt des Mittelalters. Guillaume le Maréchal (um 1147–1219; englisch William Marshal, 1. Earl of Pembroke) prägte und verkörperte die Lebensart der Ritterwelt. Er stand in den Diensten von fünf englischen Königen, vier hat er überlebt: Heinrich II. (1133-1189) Herzog der Normandie und von Aquitanien, König von England (1154–1189) und als Graf von Anjou Begründer der Dynastie Anjou (S. 108 ff.). Er begründete als erster angevinischer König das Haus Plantagenet. Er herrschte über Wales, Schottland das östliche Irland und das westliche Frankreich. Aus seiner Ehe mit Eleonore von Aquitanien (1122-1204 vgl. Régine Pernoud, ALiénor d’Aquitaine, Paris 1965) stammte sein zweiter Sohn Heinrich der Jüngere (1155-1183), der1170 zum König gekrönt wurde: der junge König, starb aber vor seinem Vater. Der dritte Sohn von Heinrich II. Richard I. (Löwenherz) (1157-1199) war von 1172 bis zu seiner Krönung 1189 zum König von England Herzog von Aquitanien. Der jüngste Sohn von Eleonore und Heinrich II. Johann Ohneland (1167-1216), König von England von 1199 bis 1216, Lord von Irland, Herzog der Normandie und von Aquitanien sowie Graf von Anjou. 1204 verlor er die Normandie an Frankreich. Die Rebellion der englischen Barone zwang ihn 1215 zur Anerkennung Magna Carta. Heinrich III. (1207-1272) war als englischer König von 1216 an auch Lord of Ireland und Herzog von Aquitanien.

Ihnen allen stand Guillaume le Maréchal als Ritter, Berater und schließlich in seinen letzten Jahren auch als Hüter des Kongreichs (S. 398 ff.) zur Verfügung. Asbridge beginnt seine Biographie dieses außergewöhnlichen Ritters mit einem Editionskrimi: S. 19-27. paul-meyer-guillaume-le-marechal

Meyer, Paul (Hrsg.), > L’histoire de Guillaume le Maréchal, Comte de Striguil et de Pembroke, Régent d’Angleterre de 1216 à 1219 : poème français. T. 1 / publié pour la Société de l’Histoire de France par Paul Meyer, Paris: H. Laurens, 3 vol. 1891-1901 .

1861 fand Paul Meyer bei einer Auktion eine mittelalterliche weitgehend unbekannte Handschrift, der er später den Titel Histoire de Guillaume le Maréchal gab. 20 Jahre sollte vergehen, bis er wieder das Manuskript in Händen halten konnte.

1152 befand sich der fünf-jährige Guillaume le Maréchal in der Hand des Königs Stephan von England, der den kleinen Guillaume von dessen Vater als Pfand für einen Stephan gegebenen Schwur übergeben hatte. Der Vater brach den Schwur und Stephan schickte sich an, den Sohn hängen zu lassen. Es kam dann doch anders, Guillaume stieg zum Ritter auf und nahm immer an vorderster Front fast 70 Jahre lang an allen Kriegen, Aufständen und Rebellionen teil. Er verkörperte seine Zeit wie kaum ein anderer. Und dabei war das keine gradlinige Karriere. Mindestens zweimal stand er vor seinem persönlichen Aus, wenn seine Gönner das Interesse an ihm verloren hatten, so auch 1166 als er nach dem Grenzkonflikt in der Normandie von den Herren von Tancarville nicht mehr gebraucht wurde. Ein Ritter auf Arbeitssuche. So wie 1183, als Heinrich ihn entließ. (S. 189) Da wurde seine Ritterloyalität auf eine harte Probe gestellt.

Die Welt der Ritter, Turniere, Verschwörungen, Kriege und Aufstände. Guillaume le Maréchal war immer mit dabei und entwickelte in der Praxis seine Ideale der Ritterlichkeit und der Treue gegenüber den Königen, denen er nacheinander diente. Asbridge erklärt auch die Durchführung, die Funktion und den Stellenwert der Turniere (S. 96 ff., bsd. S. 153 ff.), an denen Guillaume le Maréchal zusammen mit dem jungen König Heinrich dem Jüngeren lange Jahre mit großem Pomp und Intensität teilnahm.

Auch Schüler, die schon einmal das Wort Ritter in ihrem Geschichtsbuch gelesen haben, werden Asbridges Buch verschlingen. Schade, dass Schüler so selten mit Gesamtdarstellungen einer Epoche wie Asbridge mit der Geschichte des Guillaume le Maréchal sie vorgelegt hat, in Berührung kommen.

Heinrich II. verheiratet seinen Sohn Heinrich, (5 Jahre) den er schon 1170 zum König krönen ließ, 1160 mit der Tochter Ludwigs VII. Marguerite (2 Jahre). Beide sollen während der Zeremonie geheult haben (S. 123) Später trat Guillaume le Maréchal in die Dienste des jungen Königs, der acht Jahre jünger als sein Ritter war. Die Konflikte zwischen Vater und Sohn blieben nicht aus, Kriege und mehr oder weniger halbherzige Versöhnungsgesten folgten aufeinander.

1183 befindet sich Guillaume le Maréchal zwei Jahre lang auf einem Kreuzzug: asbridge-kreuzzuege Thomas Asbridge, > Die Kreuzzüge Aus dem Englischen von Susanne Held (Orig.: The Crusades. The War for the Holy Land) 6. Aufl. 2015, 829 Seiten, broschiert, mit Tafelteil und Karten ISBN: 978-3-608-94921-6.

Asbridge analysiert in seinem Buch ausführlich die Frage nach der Loyalität eines Ritters gegenüber seinen Dienstherren, deren Ansichten, politischen Entscheidungen, kriegerische Aktionen, er nicht immer zustimmen kann. Es waren ja auch gerade Konflikt ähnlicher Art, die ihn 1166 und 1183 arbeitslos machten. Fand er dann zum König zurück, weil er wieder einen Job brauchte oder konnte der König auf die Erfahrungen des Ritters als Berater, erfahrener Krieger und Unterstützer zugunsten der eigenen Herrschaft nicht verzichten? Auf subtile aber präzise Art erklärt Asbridge die soziale und politische Stellung von Guillaume le Maréchal, seinen Aufstieg als Ritter zu einem der mächtigsten und reichsten Barone Englands.

Thomas Asbridge
> Der größte aller Ritter
und die Welt des Mittelalters
Klett-Cotta Aus dem Englischen von Susanne Held (Original: William Marshal. The Greatest Knight)
1. Aufl. 2015, 478 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Karten, mit einem farbigen Tafelteil und Lesebändchen
ISBN: 978-3-608-94923-0

Imre Kertész (1929-2016)

Donnerstag, 31. März 2016

Imre Kertész, 1929 in Budapest geboren, erhielt den Nobelpreis für Literatur im Jahre 2002. Am 31. März 2016 ist er in Budapest gestorben.

> Imre Kertész, am 19.1.2004 zu Gast im Stuttgarter Literaturhaus:

Fotos: Heiner Wittmann, 2004.

Wir zeigen hier den Artikel vom August 2006 nochmal an:

Imre KertészIn der Begründung der Jury heißt es: „Die Jury für den Jean-Améry-Preis für Essayistik des Jahres 2009 hat den Preis dem Schriftsteller Imre Kertész zuerkannt.

Der Nobelpreisträger des Jahres 2002 ist in seinem gesamten Werk, vor allem auch in seiner Essayistik dem Geiste Jean Amérys sehr nahe. Diese wesentliche Nähe hat er konkret in seinem Essay „Der Holocaust als Kultur“ artikuliert: als entschiedene Kritik an jeglichem Totalitarismus und leidenschaftliche Verteidigung der Freiheit des Menschen. Kertész Essayistik arbeitet an einem aufgeklärten Denken, das seine Lehren aus der Barbarei des Faschismus und des Kommunismus gezogen hat, und für ein Europa, das entweder ein aufgeklärtes freies Europa sein wird oder einmal nicht mehr sein wird.“

Der Jury (moderiert von Robert Menasse) gehören an:
Wolfgang Büscher
(Journalist und Autor, Die Welt, Berlin)
Heinz Ludwig Arnold (Publizist, Herausgeber „Text und Kritik“, KLG und Kindler, Göttingen)
Karl-Markus Gauß (Autor und Kritiker, Salzburg)
Irène Heidelberger-Leonard (Literaturwissenschaftlerin, London)
Joachim Kalka (Kritiker und Übersetzer, Stuttgart)

Der von Robert Menasse initiierte und von der österreichischen ERSTE Bank und dem Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart, gesponserte Jean Améry-Preis für Essayistik ist mit 12.000 Euro dotiert und wird während der Frankfurter Buchmesse verliehen.

Letzte Preisträger waren: > Drago Jancar, Michael Jeismann, Doron Rabinovici und Franz Schuh.

Ein Blick ins > Foto-Archiv des Stuttgarter Literaturhaus:> Imre Kertész war dort am Montag, 19. Januar 2004 zu Gast. Und am 17. Oktober 2006 sprach Uwe Kossack ebenfalls im Stuttgarter Literaturhaus mit > Imre Kertész über sein Buch Dossier K.

Photo: (c) Heiner Wittmann, 2006

Vorgefragt: Gideon Böss, Deutschland, deine Götter

Montag, 21. März 2016

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Eine Reise zu Kirchen, Tempeln, Hexenhäusern hat Gideon Böss unternommen, und die Ergebnisse stehen in einem Buch > Deutschland, deine Götter, das gerade bei TROPEN erschienen ist. 26 Stationen. 26 Religionsgemeinschaften hat Böss besucht, um herauszufinden, woran sie glauben, und ob man dort sein Seelenheil finden könnte. Darüberhinaus hat er einen pfiffigen Reiseführer durch Deutschland und alle seine Bundesländer geschrieben: „Ich werde gewissenhaft prüfen, was Freikirchen, Sekten, Tempelgemeinden und Druidenzirkel mir für spirituelle Angebote machen können,“ verspricht Böss in seinem Vorwort. Dabei herausgekommen ist, so nennen wir es, ein Atlas der Religionstoleranz in Deutschland.

Unsere Bloggewohnheiten kennen Sie schon. Hier erscheinen Leseberichte, denn die Texte über Bücher unserer Verlage nennen wir nicht > Rezensionen, die stehen woanders. Wenn wir den Autor treffen fragen wir nach > Nachgefragt und dann leiht > www.france-blog.info uns Stativ und Kamera, und der Artikel bekommt ein > Video. Falls wir das Buch noch nicht gelesen, das ist kein fehlendes Interesse, schlicht Zeitmangel, und wir treffen den Autor, dann lassen wir uns die Gelegenheit nicht entgehen und fragen vor:

„Wie Gideon Böss seine Konfrontation mit den verschiedenen Religionen beschreibt, hat mich ab der ersten Seite beeindruckt. Manchmal habe ich mich gefragt, ob man über Religionen wirklich Lachen darf, aber ich finde: Ja, man darf. Denn der Autor schafft hier ein echtes Kunststück, er hackt und piekt in die Schwachstellen des jeweiligen Glaubens, hinterfragt und deckt Lücken auf. Trotzdem stellt er auch die positiven, herzlichen Seiten jeder Religion ganz wunderbar dar,“ schreibt Alexandra: > Rezension: Deutschland, deine Götter von Gideon Böss.

Gideon Böss,
> Deutschland, deine Götter
Eine Reise zu Kirchen, Tempeln, Hexenhäusern
1. Aufl. 2016, 398 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-608-50230-5

Geschafft: Unser Blog ist heil aus Night Vale zurück

Samstag, 19. März 2016

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Wir haben es geschafft, wir sind aus King City heil zurück. Und können jetzt auch einiges über Night Vale erzählen: > Willkommen in Night Valevon Joseph Fink und Jeffrey Cranor ist gerade bei Klett-Cotta erschienen. Hier unser > Bericht übers Lesereise nach Night Vale und hier der Lesebericht:

Spannung pur. Nein wir werden nicht die Geschichte auch nur annähernd resümierend hier wiedergeben, um ja nicht die Leseaufregung zu beeinflussen. Unsere Kollegen haben uns zu Recht von diesem Roman vorgeschwärmt. Wenn man ihnen begegnet, auch wenn wenn alle in Eile sind, und man sagt „Night Vale“, bleiben sie stehen und fangen sofort an, von dem Buch an zu schwärmen. Wann? „Uhren und Kalender funktionieren nicht in Night Vale. Die Zeit selbst funktioniert nicht.“ (S. 9) Also alles ist ganz ungewiss, und beruhigend, ein Zuspätkommen gibt es also gar nicht mehr. Und das Pfandleihhaus von Jackie Fierro hat seine ganz eigenen Gewohnheiten. Aber dann kommt ein Mann mit einem Zettel in ihr Ladenlokal und will ihn verpfänden. Jackie geht auf den Handel ein und kommt von dem Papierschnipsel auf dem KING CITY steht nicht mehr los.

> Die Website zum Buch Night Vale

Schreibgeräte in Night Vale? Gibt es nur im Museum der verbotenen Technologien, weil jede Art von Schreibgerät schlicht und einfach verboten war. Könnte dem öffentlichen Wohlergehen schaden. Jeder schreibt trotzdem – heimlich (vgl. S. 24)

Und zwischendurch immer wider die Stimme von Night Vale mit allerlei Obskuritäten, als ob man im Vorbeigehen immer wieder ein wenig Radio hören würde. Irgendwelche Lichter tauchen auf und sind eine Meldung wert.

Nichts passt in Night Vale aus unserer heutigen Sicht so richtig zusammen, aber die Bewohner haben „selbtgeschusterte Systeme“, wie sich ihre Welt oder ihre Stadt, die sie nie verlassen, erklären. (cf. S. 35) „Das Leben eines Menschen ist bloß das, was er tut,“ (S. 43) klingt fast nach Sartre. Immer wieder kreist die Geschichte um die Suche nach dem Mann mit dem hellbraunen Jacket und dem Hirschlederkoffer. (vgl. S. 61) Wird er sich zu erkennen geben? Gibt es ihn überhaupt? Nein ich verrate nichts.

Bibliotheken, und besonders die in Night Vale sind ganz besonders gefährliche Orte. Am besten man fasst gar nicht erst den Plan, sich dorthin zu begeben. Da ist noch Diane Crayton mit ihrem Josh. Sein Vater macht sich ein Jahr nach seiner Geburt aus dem Staub. Wie hat Troy es geschafft, die Stadt zu verlassen?

Polizei? Die wurde als ein Sicherheitsrisiko empfunden und durch eine Geheimpolizei des Sheriffs ersetzte. (vgl. S. 86) Verstöße beschreibt sie in freien Versen. Später wird berichtet, dass die Bürger vor den Knöllchen solche Angst haben, dass sie sie freiwillig schon vor dem zu schnellen Fahren bezahlen, um sich Ärger zu ersparen. (vgl. S. 126)

Die Topographie um Night Vale scheint gar nicht zu existieren. Macht man sich auf den Weg nach King City geht die Reise los und endet dann bald in – Night Vale.

Haben Sie schon mal eine falsche Nummer auf Ihrem Handy getippt? In Night Vale machen sie das nur einmal und wischen sich dann das Blut von den Fingern. Niemand stört sich an den „Abertausend Abhörgeräten“ in der Stadt: die total technisierte Stadt. Heute landen ja auch viele Briefe in unseren Briefkästen, die von Computern ausgestellt werden und dann statt einer Rechnung nur einen kümmerliche Beleg darüber enthalten, dass unser Konto wieder mal automatisch entleert wurde. Bald sollen wir mit unserer Kreditkarte nur an den Kassen vorbeigehen, damit unsere Euros in die Ladenklasse fließen, das würde auch gut nach Night Vale passen, wo das Rathaus nach Büroschluss in „schwarzen Samt“ (S. 145) gehüllt wird. Kein Wunder, dass der offizielle TV-Sender so stark dudelt, dass das Gerät selbst nach dem Abschalten unbeeindruckt das Sendebild einfach weiter zeigt. Verhält man sich nicht ordentlich, guckt einen die Moderatorin irritiert oder böse an. Träumen Sie manchmal? Sie wissen, dass Sie die Träume notieren und im Traumtagebuch in der Bibliothek abzugeben haben? (vgl. S. 163)

Wir haben ja schon oft was in Bibliotheken gesucht und waren auch oft in den Magazinen, ganz unten, im dritten Untergeschoss der Bonner UB, nur lange Reihen mit Büchern, in der Ferne hört man ein paar Schritte. Und dann die alten Folianten. Was da einem alles passieren kann. Jackie stößt das alles zu.

Wann spielt der Roman? Einen zuverlässigen Hinweis verraten wir: Leanns Diplome… aber da hing keiner in Betriebswirtschaftslehre, die seien spätestens seit den 60er Jahren des vorherigen Jahrunderts als subkutaner Mikrochip ausgestellt worden. (vgl. S. 238) Also 21… oder 22..

Schreiben Sie mal eine Postkarte aus Night Vale oder King City?

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Joseph Fink, Jeffrey Cranor
> Willkommen in Night Vale
Aus dem Englischen übersetzt von Wieland Freund und Andrea Wandel
1. Aufl. 2016, 378 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-96137-9

Lesebericht: Daniel Goetsch, NIEMAND

Mittwoch, 16. März 2016

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Sie treffen jemanden irgendwo wieder… kennen Sie das Gefühl, ist er es oder nicht? Sie erinnern sich an ein Gespräch neulich… Etwas oberflächlich… Das ist doch, nein das ist er nicht, und Sie trauen sich auch nicht, nach seinem Namen zu fragen. Schließlich sprechen Sie ihn doch an, er ist es… Ist er es wirklich, oder hat er gerade eine ihm zugedachte Identität nur mal schnell akzeptiert? Vor vielen Jahren traf ich eine Kollegin aus einem unserer Verlage auf dem Bahnsteig in Köln. Wir saßen einmal vor noch längerer Zeit in einer Konferenz. Sie sind doch Herr W.? Schaute sie mich fragend an. Die Antwort kam so unmittelbar: Sie meinen meinen Bruder, der arbeitet bei Klett. Der Schalk oder… Jedenfalls war meine neue Identität weg, die neue sofort akzeptiert, und gottlob, ich bekam sofort nur Nettes über den Bruder in Stuttgart zu hören. Nach Vor der Stadtgrenze war ich wieder ich selbst. Man kann seine Identität tatsächlich im Nu verlieren… Heute kann sie einem auch im Internet geklaut werden, aber das ist ein ganz anderer Roman

Lesung: 18. März 2016 19 Uhr – Lesung. Moderation: Tino Dallmann (MDR). Kunsthalle der Sparkasse, Leipzig

Tom Kulisch blickte auf „jenes dunkle Rinnsal“ (S. 27), das dem gerade vom LKW Überfahrenen, aus dem Ohr tropfte. Eine solche Situation macht befangen, besonders wenn man gleich merkt, dass die herbeigeeilte Notärztin nichts mehr für das Opfer tun kann. Ion Rebreanu hieß der Verunglückte, und als Tom an der Unfallstelle für dessen Bruder gehalten wird, der nicht vehement genug widerspricht, beginnt ein Verwirrspiel, dem er sich warum auch immer nicht entziehen kann oder will. In den Habseligkeiten des Opfers findet er eine Adresse in Prag. Anenská 15. Tom kauft eine Fahrkarte und Ion Rebreanu reist nach Hause? Toms Ähnlichkeit mit Ion, da nützt es ihm auch nichts, wenn er zuweilen trotzig sagt, I am not Ion. Je mehr die Geschichte fortschreitet, präzisieren viele Rückblenden das Kommende und steigern die Spannung.

Ion, ähm Tom, ist Doppelgänger, S. 62, oder einfach nur „Niemand“, S. 25, 83. Oder frei nach Rimbaud „Je est un autre,“ auch ein schöner Titel für dieses Buch, denn niemand ist keiner, aber Tom, pardon, Ion macht seine Sache gut. Und aus dem Buch macht er fast einen Krimi und deckt auf, wer Ion Rebreanu war, nein, IST, denn es gibt ihn ja, und allmählich lernt Tom eine ganze Menge über seinen toten Doppelgänger. Er lernt seine Liebschaften kennen, bekommt seine Rechnungen, hört einiges über seine Ideale, „Europa retten“, „dritter Weg“, kriegt Kontakt mit seinen Nachbarn und bekommt mit, dass die Wohnung eigentlich gar nicht die von Ion ist.

Zählen und nummerieren Sie die Passagen, in denen es um die Identität von Ion geht. Allmählich präzisiert sich so das Bild, das wir von Tom und Ion oder Jan zusammen bekommen. Tom will ja nicht unbedingt Ion sein, nur halbherzig nimmt er die Rolle an. Er kann ja der alten Rebreanu nicht die Wahrheit sagen? Neugier ist mit dabei, ein wenig Abenteuerlust, aber auch wieder ein bisschen Faulheit, die Dinge richtigzustellen. Nur Mascha durchschaut ihn, aber das ändert kaum etwas daran, dass Tom nicht Ion ist, Tom ist ja auch ganz nett.

Natürlich bekommen Iona und Tom bei der Einreise in Berlin-Tegel Ärger mit den deutschen Behörden. Falscher Pass? Wer reist nun eigentlich ein? Es kommt zum mehrtägigen Verhör, dass plötzlich durch neue Umstände abgebrochen werden muss.

In das Buch habe ich soviel markiert, das gebe ich nicht weiter, das kommt jetzt auch auf das Regal zu den gelungenen Erzählungen.

Daniel Goetsch
NIEMAND
Roman
1. Aufl. 2016, 222 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98021-9

Lesebericht: Sven Hillenkamp, Negative Moderne

Dienstag, 15. März 2016

Leipziger Buchmesse: 18. März, 16.30 Uhr, Gespräch. MDR-Stand. Glashalle, Stand 17

Noch nicht ganz durch: Viele Stichworte, das Nichts, 15, 60 et passim, Situation, 28, 42, Freiheit 41, meine Beziehungen zu anderen Menschen, 74, Sartre, 79, Die ENtdekung des Anderen, 79, Zeit, 133f., Intentionalität, 174, Unaufrichtigkeit, 203, Scham, 252, erinnern an Sartres Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie, die Figur des Künstlers, 218, kommt auch vor: vgl. Sartre und die Kunst.

Und es gibt auch Sätze, die diesen Lesebericht zu einer Rezension machen könnten: „Jeder ist ein Künstler, insofern sein Werk davon abhängt, ob er Differenz erzeugt.“ Hm, das kann nicht sein. Bücher, die zum Widerspruch herausfordern, haben einen ganz eigenen Reiz für den Blogger.

Hoffentlich klappt es mit dem Videotermin #lbm16: Nachgefragt. Stativ (Dank an > www.france-blog.info), Speicherplättchen, Videokamera, Fragen, Mikro, Batterien, Ohrhörer, Licht und auch den Interviewpartner am geeigneten Ort versammeln, dann geht es los.

Sven Hillenkamp,
> Negative Moderne
Moderne Strukturen der Freiheit und der Sturz ins Nichts
1. Aufl. 2016, 384 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94738-0

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