Verlagsblog

Archiv für Mai 2016

Rupert Neudeck – 1939-2016

Dienstag, 31. Mai 2016

Heute ist Rupert Neudeck im Alter von 77 Jahren gestorben.

Die Überraschung war groß, als Rupert Neudeck zu Beginn der Tagung Albert Camus und die Kunst (14. bis 16. November 2003) im Schwäbischen Tagungs- und Bildungszentrum Kloster Irsee plötzlich vor mir stand. Er hielt einen Vortrag mit dem Titel Camus der Journalist. Mein Thema > Kunst, Moral und Freiheit bei Camus, er sprach über die politische Ethik von Camus als Journalist, und nach seinem Vortrag berichtete Rupert Neudeck den Tagungsteilnehmern über die Geschichte der Hilfsorganisation CAP ANAMUR und über seine neue Organisation > Grünhelme. Waren das spannende Konferenztage, hier das Buch Albert Camus. Kunst und Moral, mit dabei Neudeck, der La Peste explizit als Lehrbuch für eine moralische und politische Ethik verstand und daraus sein so radikal humanitäres Engagement entwickelte und erklärte. Im Gespräch mit dem Journalisten Rambert, der eine Rechtfertigung für das Verlassen der Stadt hören möchte, sagt ihm der Arzt Rieux, man müsse sich nicht schämen, sein Glück zu suchen. Aber Rambert bekommmt dann noch in allerletzter Sekunde so ganz haarscharf die Kurve: „Ganz am Schluß rettet der windige Bursche Rambert dann doch noch die Würde des Journalismus,“ schreibt Neudeck.“ „Man kann sich schämen, allein glücklich zu sein“; „Mais il peut y avoir de la honte à être heureux tout seul“, Das sagt er dem Arzt Dr. Rieux, der ihn vorher exkulpiert hatte.“ Das ist die Ethik des Journalisten Neudeck.

Neudeck studierte Philosophie, Germanistik, Soziologie und Katholische Theologie. 1961 hörte er erst einmal mit dem Studium auf und war 9 Jahre in einem Jesuitenorden. Mit einer Dissertation über die „Politische Ethik bei Jean-Paul Sartre und Albert Camus“ beendete er 1972 sein Studium. Er war der Initiator und Begründer der Aktion Camp Anamur, der Frachter, mit dem er und seine Helfer mehr als 10.000 Flüchtlinge vor der Küste von Vietnam gerettet haben. Neudeck war Journalist beim DLF und ließ einmal verlauten, diese viele Vorschriften die es für solche Einsätze gibt, seien zu nichts nütze, man müsse einfach anfangen und den Menschen in ihrer Not zu Hilfe kommen. Er nahm auf die Fahrt mit der Cap Anamur ein Paket Bücher mit und verteilte La Peste von Camus an seine Helfer. In seinem Vortag am 29. Januar 2010 im Institut français in Bonn erzählte er davon. La Peste, so Neudeck, ist die Bibel der NGOs: > Rupert Neudeck parle de La Peste: Der Film von seinem Vortrag, den wir in diesem Artikel zeigen, auch wenn es nur ein Minuten sind, zeichnete die Passage auf, in der er die Bedeutung von Cammus‘ La Peste für seine Moral und seine Ethik kurz prägnant auf den Punkt brachte. In unseren unruhigen Zeiten in Europa und vor allem im Nahen Osten bräuchten wir ganz viele von seiner Art. Sein bedingungsloser Humanismus, sein kompromissloses Eintreten für die Menschenrechte, sein unaufhaltbarer Wille, Menschen in Not zu helfen, werden uns sehr fehlen.

> So wie Neudeck über Camus schreibt, gilt das auch für Neudeck selbst: „Rambert posa sa derniere question“, steht bei Neudeck; „Und Rieux wendet sich ihm zu und schlägt ihm alles aus der Hand: Entschuldigen Sie, Rambert, aber ich weiß es nicht. Er sagt also den Satz, den kein Journalist sagen darf. „Je ne le sais pas“. Und: Bleiben Sie einfach mit uns, solange Sie das wollen.
Und noch schlimmer, er reißt ihm auch noch sein individuelles Räppelchen aus der Hand und sagt. „Rien au monde ne va qu’on détourne de ce qu’on aime. Et pourtant je m’en détourne, moi aussi, sans que je puisse savoir pourquoi.“ – Schon wieder sagt der Arzt Rieux, daß er etwas nicht weiß. Damit erledigt er den räsonierenden Journalisten. Das sei eine Tatsache, sagt Rieux. Das müsse man zur Kenntnis nehmen und daraus die Konsequenzen ziehen. Welche Konsequenzen? – fragt der Journalist. Wie kann man aus etwas, das man nicht richtig weiß und zu definieren verfügt, Konsequenzen ziehen? Rambert, sagt Rieux, man kann nicht immer zur gleichen Zeit alles wissen und heilen. Also heilen wir so schnell es geht. Das ist am dringendsten. Ende der Durchsage. Man muß etwas tun, auch wenn man nicht immer ganz genau weiß, was.“ Nicht lange zögern, aufstehen, helfen, damit andere in Not überleben.

Wie waren wieder in Night Vale.
Dienstag, 24. Mai 2016 in der Stadtbücherei Stuttgart

Montag, 23. Mai 2016

night-vale

Dienstag, 24. Mai 2016 – 20:00 – 22:00
in der Stadtbücherei Stuttgart – Max-Bense-Forum – Mailänder Platz 1 – 70173 Stuttgart

Moderation: Denis Scheck
Deutsche Lesung: Andreas Fröhlich
Die beiden Autoren sind anwesend!
Eintritt: 7,-/3,- Euro
In Zusammenarbeit mit dem Festival Dragon Days

Wie sagte Denis Scheck am Ende, es waren gestern noch 231 Tage bis Weihnachten. Und sie wollen ja nicht mit leeren Händen Ihren Lieben am Gabentisch gegenüberstehen? – Aber gestern abend gab es eine neue Erfahrung. Da könnte man echt mehr drausmachen. Andreas Fröhlich hat so wunderbar und anregend aus NIGHT VALE vorgelesene, als wir hinterher uns stärkten mussten alle den weiteren Leseproben aus NIGHT VALE folgen: „Der einzige Weg zum Büro der Bürgermeisterin führte am Sitzungssaal des Stadtrates vorbei. Sie (i.e. Jackie, H.W.) passierte ihn so schnell, wie ihre Füße sie trugen. In ihrer Faust hielt sie den Streifen Papier. Die Türen standen offen, und sie konnten die unförmigen Gestalten sehen und das Raubtiergebrüll hören.“ Bitte weiterlesen auf S. 126 … „Nach einem neuen Gesetz waren Einsprüche gegen Strafzettel für zu schnelles Fahren beim Stadtrat mittlerweile persönlich vorzubringen. Die Folgen war, dass Strafmandate selbst dann bezahlt wurden, wenn man gar nicht Auto gefahren war…“ Bitte weiterlesen auf S. 126 Die Zeit? die ist auch kaputt in Night Vale.

> Weitere Termine.

Max-Bense-Forum – Mailänder Platz 1 – 70173 Stuttgart

In unserem Lesebericht zu Nigth Vale hieß es: „Spannung pur. … Schreibgeräte in Night Vale? Gibt es nur im Museum der verbotenen Technologien, weil jede Art von Schreibgerät schlicht und einfach verboten war. Könnte dem öffentlichen Wohlergehen schaden. Jeder schreibt trotzdem – heimlich (vgl. S. 24) … Nichts passt in Night Vale aus unserer heutigen Sicht so richtig zusammen, aber die Bewohner haben „selbtgeschusterte Systeme“, wie sich ihre Welt oder ihre Stadt, die sie nie verlassen, erklären. (cf. S. 35) „Das Leben eines Menschen ist bloß das, was er tut,“ (S. 43) klingt fast nach Sartre. Immer wieder kreist die Geschichte um die Suche nach dem Mann mit dem hellbraunen Jacket und dem Hirschlederkoffer. (vgl. S. 61) Wird er sich zu erkennen geben? Gibt es ihn überhaupt? Nein ich verrate nichts.“ > Bitte weiterlesen.

night-valeJoseph Fink, Jeffrey Cranor
> Willkommen in Night Vale
Aus dem Englischen übersetzt von Wieland Freund und Andrea Wandel
1. Aufl. 2016, 378 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-96137-9

Lesebericht Merkur 804 Mai 2016 (II)

Freitag, 20. Mai 2016
> Lesebericht
Merkur 804 Mai 2016 (I)

Die > Antrittsvorlesung von Patrick Boucheron haben wir schon gelesen.

Per Leo zeigt einen „Verkomplizierungsversuch“: „Über den Nationalsozialismus sprechen“ und stellt die Frage gelegentlich der Diskussion um Heideggers „Schwarze Hefte“ ob es eine nationalsozialistische Philosophie gab und beklagt dabei, dass Fachwissen immer nur bruchstückhaft im Allgemeinwissen ankommt. Daran ist die Fachwissenschaft nicht ganz unschuldig, attestiert Leo ihr och, z. B. mit dem Begriff „Nationalsozialismus“ eher sorglos umzugehen.

Vgl. > Nachgefragt: Per Leo, Flut und Boden – 12. Mai 2014

Andreas Dorschel denkt über „Abhängige: von Gnaden einer Person, von Gnaden einer Sache“ nach und vermittelt uns, dass weniger Unterscheidung zwischen Abhängigkeit von Sachen und von Personen weniger erkenntnisreich ist, als wir vermuten. Dennoch hängt heute der Flaneur, der auf seinen digitalen Begleiter starrt, statt auf die Straße, am digitalen Tropf, an der Sache, an seinem digital device, das subtil die Kommunikation mit dem Nächsten auf Schnelligkeit und Oberflächlichkeit reduziert. Längst beherrscht die Sache de Flaneur und fesselt seine ganze Phantasie, hat der Andre kein App existiert er nicht, weil nicht mehr ansprechbar. Leo meint, die Abhängigkeit werde erträglicher, wenn sie wechselseitig sei (vgl. S. 50), digital diktiert sie ein Korsett, das nur das Ausschalten beim nächsten Treffen überwinden kann.

Friedrich Wilhelm Graf formuliert die Religionskolumne: „Lutherdenken? Reformationsjubiläum? Christusfest?“ In der Filmkolumne berichtet Simon Rothöler über „Fluchtbildzustände“.

Till Breyer rezensiert den Band von Jonathan Sheehan und Dror Wahrman, Invisible Hands. Self-Organization and the Eigteenth Century, University of Chicago Presse 2015: Adam Smiths Bild der »unsichtbaren Hand« ein 18. Jahrhundert formuliertes Konzept der Selbstorganisation, erklären Sheehan und Wahrman:

Robin Detje hat drei Reisen zur Kunst nach Venbedig, Berlin und Istanbul unternommen: Zumutung, Schönheit, Gegnerschaft Jens Soentgen beklagt das Ergebnis der Klimakonferenz in Paris Ende letzten Jahres: Wider den umweltpolitischen Utopismus: Vgl.: > La loi de ratification de l’accord #COP21 adoptée par l’Assemblée nationale. Seiner Ansicht nach fehlen die Voraussetzungen für ene wirksame Weltklimapolitik. Rainhard Brandt kann sich ein „house of One“ der drei Offenbarungsreligionen nicht vorstellen. Christiaan L. Hart Nibbrig stellt uns den Sammler vor. Remigius Bunia hat sich Lobbyarbeit in Brüssel angesehen, eine Art heimliche und geduldete Nebenregierung. Harry Walter hat wieder zu einem Foto getextet

> MERKUR 804 – Mai 2016

Lesebericht: Jörg Magenau, Princeton 66. Die abenteuerliche Reise der Gruppe 47

Donnerstag, 12. Mai 2016

magenau-princeton-66Bin mir 100% sicher, auch unsere Schüler, vielleicht sogar unsere Germanistik-Studenten sind viel zu wenig mit unserer Literaturgeschichte vertraut. Gruppe 47? Wer reiste im April 1966 nach Princeton in die USA? Es war die 28. Tagung dieser Gruppe. Bitte ein paar Namen? Hm… Der Lehrer oder der Dozent guckt in die Runde… Eine gute Gelegenheit, jetzt den Band von Jörg Magenau, Princeton 66. Die abenteuerliche Reise der Gruppe 47 hochzuhalten – außerdem ist dieses Buch auch eine Geschichte der Bundesrepublik der

sechziger Jahre aus einem anderen Blickwinkel ! Richter, Grass, Johnson, Fuchs, Stiller, Bichsel („… war so grundsympathisch, dass niemand ihm Arges wollte“ S. 121), Herburger, Brinckmann, waren mit dabei, wie Weiss, Kaiser, Fried, Lenz, Delius, Augustin, Novak, Schreiber, Piwitt, Lettau, Chotjewitz…

Literaturhaus Stuttgart, Mittwoch 02.04.03, 20.00 Uhr > Machiavellis letzter Brief – Peter O. Chotjewitz. Lesung und Gespräch. Moderation: Lerke von Saalfeld. Fotos. H. Wittmann

chotjewitz

…Becker, Enzensberger und andere. Die Kritiker Raddatz, Höllerer, Mayer und Reich-Ranicki, Karasek, Baumgart, Ferber reisten an. Walser, Eich, Böll, Fichte waren nicht mit dabei.

Ein Blick in das Archiv des Literaturhaus Stuttgart: Dienstag 10.07.07 20.00 Uhr. > Beim Häuten der Zwiebel: Günter Grass. Lesung. Fotos: H. Wittmann.

1966 ist noch Krieg in Vietnam der Krieg, Mao »revolutioniert«die Kultur, und Schriftsteller und Kritiker reisen an die amerikanischen Ostküste nicht nach Telgte sondern nach Princeton, um über Literatur zu diskutieren: achtzig Autoren machen sich auf die Reise. Einfache Regeln. es wird 20 Minuten gelesen, sozusagen auf dem Grill oder wie er auch genannt wurde auf dem elektrischen Stuhl. Jens musste als erst da drauf. Auf einmal melden sich die Jüngeren zu Wort. Handke. Er wirft den Lesenden »Beschreibungsimpotenz« vor. War das ein Todesstoß für die Gruppe? Jedenfalls war es das letzte Treffen dieser Art. Jörg Magenau hat die Geschichte dieses Treffens nacherzählt: Princeton 66. Die abenteuerliche Reise der Gruppe 47. Statt der unsäglichen Talkrunden, mit denen das TV uns langweilt, wäre das doch ein tolles Format für abendliche Ereignisse. Keine aufgeblasenen Interviews mit TV-Kritikern, sondern Autoren haben 15- 2o Minuten Zeit, so wie Günter Grass im Stuttgarter Literaturhaus, der alleine auf einem Stuhl vor einem kleinen Tisch saß, erzählte, aus seinem Buch berichtete, las, wieder berichtete, das ist der Abend der mir von so vielen Veranstaltungen dort am allerbesten in Erinnerung geblieben ist. Empfindlichkeiten, Streit, gegenseitige Belauern, Vorwürfe, Angriffe, bis fast zum offenen Krieg. Einunddreißig der 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer lasen ihre Texte, 22 in Prosa, sieben Lyrik und zwei Dramatik, berichtet Magenau. (S. 75) Reich-Ranicki („unter den Derben immer der Derbste“ S. 104)hörte zu, runzelte die Stirn und lief sich für seine weitere Kritikerkarriere warm:

Literaturhaus Stuttgart, Freitag 24.10.03, 21.00 Uhr – > Spätlese – Marcel Reich-Ranicki. Hanns-Josef Ortheil Veranstaltungsreihe: Gespräch – Fotos: H. Wittmann

reich-ranicki

Viele trugen zum ersten Mal in solch einem erlauchten Kreis einen Text vor. Gerd Fuchs las eine Geschichte um einen Prozess – der Auschwitzprozess war noch nicht abgeschlossen – vor. Ein bisschen Kafka? Karasek fand nichts an der Geschichte und Magenau schreibt so, als wären wir dabei gewesen. Reich-Ranicki regte sich noch nicht mal auf. Wie machte Richter das, um die Gruppe zusammenzuhalten? (S. 99 ff.) Becker las über Rom, und Richter rief beim Vortrag von Becker zur Ordnung: „Marcel, Marcel,“ weil dieser dauernd mit Jens tuschelte.

Kritiker oder Schriftsteller: Die Mitglieder der Gruppe 47 probten die Rollen und wechselten die Seiten, so wie Höllerer als Autor auf dem elektrischen Stuhl Platz nahm: S. 126 ff. Und dann las Handke (24), S. 130 ff.

Nochmal. Das wäre ein Format für eine Literatursendung im TV. Vier Autoren, die nacheinander aus ihren Werken lesen, 10-15 Min. und vorher oder danach etwa über das Buch sagen. Kein Moderator, kein Frager, vielleicht eine Diskussionsrunde hinterher mit diesen vier Autoren.

Jörg Magenau,
> Princeton 66. Die abenteuerliche Reise der Gruppe 47
1. Aufl. 2016, 223 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94902-5

Lesebericht Merkur 804 Mai 2016 (I)

Mittwoch, 11. Mai 2016
„…la lumière ne peut-elle pénétrer ces masses? Revenons à ce cri : Lumière! et obstinons-nous-y! Lumière! lumière! –Qui sait si ces opacités ne deviendront pas transparentes? les révolutions ne sont-elles pas des transfigurations? Allez, philosophes, enseignez, éclairez, allumez, pensez haut, parlez haut, courez joyeux au grand soleil, fraternisez avec les places publiques, annoncez les bonnes nouvelles, prodiguez les alphabets, proclamez les droits, chantez les Marseillaises, semez les enthousiasmes, arrachez des branches vertes aux chênes. Faites de l’idée un tourbillon.“
Victor Hugo, Les Misérables, III,1,2

Die Antrittsvorlesung von > Patrick Boucheron im Collège de france, die er dort am 17. Dezember 2015 gehalten hat: > Ce que peut l’histoire – mit dem Video zum Download.

MR_2016_05.jpg.29730Der > Merkur 804 – Mai 2016 hat eben die Übersetzung dieser > Antrittsvorlesung in voller Länge veröffentlicht.

> Patick Boucheron, Jahrgang 1965, hat sich auf das Mittelalter und die Renaissance in Italien spezialisiert. Mit Beginn des neuen Studienjahres 2015/106 ist er Professor am > Collège de france. Er begann seine Universitätskarriere 1994 mit einer Arbeit über Le pouvoir de bâtir : urbanisme et politique édilitaire à Milan aux XIVe et XVe siècles. Er war maître de conférences an der École normale supérieure de Fontenay/Saint-Cloud und wechselte 1992 zur Universität Paris 1 Panthéon-Sorbonne. Sein Lehrstuhl im Collège de France trägt die Bezeichnung: > „Histoire des pouvoirs en Europe occidentale (XIIIe ‑ XVIe siècles)“.

In seiner Antrittsvorlesung erinnert ihn die Atmosphäre auf der Place de la République an eine eine Passage aus den > Les Misérables von Victor Hugo: „Tenter, braver, persister, persévérer, s’être fidèle à soi-même, prendre corps à corps le destin, étonner la catastrophe par le peu de peur qu’elle nous fait, tantôt affronter la puissance injuste, tantôt insulter la victoire ivre, tenir bon, tenir tête; voilà l’exemple dont les peuples ont besoin, et la lumière qui les électrise.“

Und dazu gehört die Antrittsvorlesung wenn „Paris, die Welt repräsentiert“ von Jules Michelet am 23. April 1838 am Collège de France, in der er die Statd als große Kreuzung beschreibt, „an der sich die Wege aller nationen treffen.“ (Vgl. P. Boucheron, « Paris représente le monde : Jules Michelet, 23 avril 1838 » et « La leçon inaugurale de Georges Duby (4 septembre 1970) » , dans Pierre Toubert et Michel Zink dir., Moyen Âge et Renaissance au Collège de France, Paris, Fayard, 2009, p. 37 – 51 et p. 469 – 475.) Man merkt, dass Boucheron mit der Geschichte der Stadt als sozialer und historischer bestens vertraut ist, Kreuzungen und Plätze, das sind die eigentlichen Lebensräume einer Stadt : > Arnulf-Klett-Platz oder Plätze sind in Stuttgart oft Straßen oder warum hat Stuttgart keine Platzkultur?.

Wozu eigentlich soviel Geschichte? Fragen sich manche. Und dann sind es die grundlegenden Texte, die uns die Aufgaben, das Vermögen die Kapazitäten der Geschichtsschreibung vor Augen führen. „Was vermag Geschichte?“ fragt Patrick Boucheron und erläutert uns, warum diese Disziplin zu den so große Leidenschaften auslösen kann.

Sein Bescheidenheitstopos fällt besonders heftig aus, als er seine Antrittsvorlesung hält: „.. der animalische Trieb, unmittelbar die Flucht zu ergreifen, und gleichzeitig hämmern die Worte von innen an meine Schläfe.“ S. 7 Auch dazu passt die Frage Boucherons, die er sich als Historiker stellt: „Wo liegt die Gefahr?“ S. 8

Zunächst erläutert Boucheron anhand der Bezeichnung seines Lehrstuhls seine Auffassung der Epocheneinteilung und deren Implikationen. Boucheron möchte Le Goff in dessen Entperiodisierung folgen. (cf. S. 16) Geschichte, deren „unterste Schichten nach wie vor aktiv sind“… „fördert, mit andern Worten, Einsichten in die gegenwärtige politische Situation zutage.“ S. 12 f.

Er skizziert die Geschichte der Machtformen ab dem 13. Jh. der er seine Arbeit am Collège de France widmen möchte. Er berichtet auch über die eigenen Erlebnisse, die ersten Vorlesungen von Georges Duby am Collège de France 1985, warum haben wir uns dort nicht getroffen, damals habe ich dort auch die Vorlesungen von Andre Chastel gehört? Und Boucheron will zeigen, wie die langsame Lektüre der antiken Texte mit dem „Drängen der Gegenwart“ S. 27 in Überstimmung gebracht werden muss. Soviel zum Thema, wir sind nicht zu spät, das will er mit seiner Vision der Geschichte, mit seiner historische Erfahrung den Jüngeren erklären. Er will auch folgerichtig den Gewissheiten der Historiker entgegentreten, denn die Geschcihte ist offen und kennt keine Finalität. Gelassener (angesichts des Chaos) werden, das erinnert wieder an seinen Gang über die Place de la République.

> MERKUR 804 – Mai 2016

Literatur – Sachbuch – Blog – Klett-Cotta
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