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Archiv für Juli 2016

Lesebericht: Merkur Heft 08 / August 2016

Donnerstag, 28. Juli 2016

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In diesem Monat kommt der MERKUR mit dem Schwerpunkt: China heute:

Dominic Sachsenmaier berichtet Chinas Metropolen im Wandel: „Wie in einem Brennspiegel verdichtet sich in Chinas Metropolen ein dezidiertes Modernisierungsprogramm.“

Alec Ash erzählt von Fred: Die Einzelkinder: und ihre Ausbildung in der Schule und auf der Universität: Die Politik war überall im Studium präsent. Ash gelingt es, mit der Geschichte von Fred einen bewegenden Einblick in das Studentenleben in China zu geben: „Der Staat war auf dem Campus spürbar präsent; hier war der Parteisekretär mächtiger als der Hochschulpräsident. […] Freds Professoren wussten, wo die rote Linie verlief: kein unverhohlenes Diktat, sondern ein stillschweigendes Einvernehmen darüber, was man besser nicht sagte. Sie befand sich am Geburtsort der Bewegung des Vierten Mai und der Tiananmen-Proteste, dem Ursprung der Bewegung für Neue Kultur und des chinesischen Kommunismus. Aber ihre Altersgenossen waren eine andere Art »neuer Jugend« und eine Generation, die sich nicht mehr wirklich für Geschichte interessierte. Die Tradition studentischer Proteste war abgebrochen.“ S. 27

Sheng Yun berichtet mit ihrem Beitrag über ihre Erlebnisse als Einzelkind Kleine Kaiser und die Folgen der Ein-Kind-Politik, die erst 2015 beendet wurde.

Hans Steinmüller hat den Wa-Staat. besucht: Steinmüllers Artikel ist Teil eines langfristigen Forschungsprojekts zur Geschichte und Gegenwart lokaler Politik in der Grenzregion von China und Burma. Seit 2013 hat der Autor, wie er in einer Fußnote anmerkt,insgesamt fünf Monate Feldforschung in den Wa-Bergen betrieben. „Der Wa-Staat ist ein Staatsgebilde von der Fläche Oberbayerns im Nordwesten Burmas, das von einer Rebellenarmee regiert wird.1 Offi ziell ist der Wa-Staat ein Teil der Union von Myanmar; in Wirklichkeit wird die Region jedoch von einer unabhängigen lokalen Armee regiert; der burmesische Staat und seine Armee haben kaum Einfluss darauf, was im Wa-Staat passiert. Direkt an der Grenze zur Volksrepublik China gelegen, ist der Wa-Staat in vielerlei Hinsicht China näher als Burma.“ S. 28 Steinmüller vermittelt uns einen faszinierenden Einblick mit den Stichwörtern Maoismus und Autoritärer Kapitalismus in Chinas »Bergfestung« im Hochland Burmas: „Die Bewohner des Wa-Staats haben sich durchweg pragmatisch verhalten. In einem Umfeld, das von Krieg und Gewalt geprägt war, haben es manche Wa verstanden, gezielt ihren Nutzen zu ziehen, sei es in ihrer Positionierung zwischen China und Burma, in ihrer Politik gegenüber der lokalen Opiumproduktion oder in ihrem Verhandeln mit chinesischen Geschäftsleuten.“ S. 38 Sein Fazit: „»Wir sind die Afrikaner Chinas«, sagte mir ein Offizieller des Wa-Staats im Sommer 2015. Tatsächlich ist der Wa-Staat in vielerlei Hinsicht eine »Neokolonie« Chinas.“ S. 38

Sonntag, 31. Juli 2016:

David Kuchenbuch denkt über das Aufessen nach und erinnert sich daran, wie eine »Fernmoral« entsteht: Zur Genealogie des glokalen Gewissens. Ein achtlos weggeworfenes Pausenbrot und die darauf folgenden Ermahnungen der Lehrerin waren der Auslöser für das Nachdenken über die globalen Folgen von Hunger und Unterernährung. „Selbstbegrenzung im Raumschiff Erde“ und die „Aktivierung im Nahbereich“ sind die Folgen: „Ein Schritt zur Rückgewinnung unserer ethischen Souveränität wäre jedenfalls die Arbeit am Unterscheidungsvermögen zwischen dem, was wir tatsächlich im Supermarkt, am Esstisch,merkur-newsletter auf dem Pausenhof ändern können und sollten – und dem, wozu wir gezwungen zu werden bereit sein müssen, damit auch andere dazu gezwungen werden können.“ S. 51

Gertrude Lübbe-Wolff nimmt sich in ihrer Rechtskolumne die Geheimniskrämerei bei TTIP vor. s ist ja schon richtig schwer, die Abkürzungen zu verstehen: TTP, das Transpazifische Partnerschaftsabkommen zwischen den USA, Kanada, Mexiko, Chile und weiterer Pazifikanrainer, unter anderem Japan, außer Indien oder China, ist abgeschlossen. Kanada und die EU bereiten ein »Comprehensive Economic and Trade Agreement« (CETA) vor, und USA und die EU verhandeln immer noch und der EU wird über eine »Transatlantic Trade and Investment Partnership« (TTIP) verhandelt. Lübbe-Wolff beroichtet über Vertraulichkeiten, mit denen die Partner die Geheimniskrämerei rechtfertigen wollen und sie fragt Mit recht nach Demokratiekomptabilen Rolle des Gesetzgebers?. Sie konzediert „Im Zuge internationaler Verhandlungen kann es legitime Geheimhaltungsinteressen
geben.“ S. 61 Aber ihr Fazit ist eindeutig: Aber wenn es um Vertragsverhandlungen in Gesetzgebungsdingen geht, gibt es unter den heutigen Bedingungen von Demokratie und Technik keinen, jedenfalls keinen im Gewaltenteilungsprinzip liegenden Grund mehr, fällige Abwägungen zwischen solchen Interessen und dem gegenläufigen Interesse an öffentlicher Diskussion und informierter parlamentarischer Willensbildung gerade der Exekutive zu überlassen sein muss. ebd.

Christian Demand nimmt in seiner Memorialkolumne über Denkmäler die Reise der russischen Bikertruppe „Nachtwölfe“ 2015 zum sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park in Berlin zum Anlass darüber nachzudenken, wie die tatsächliche Nutzung von Denkmälern sich von den Intentionen ihrer Stifter unterscheiden kann.

Jakob Hessing hat die Briefe von Joseph Roth (1894-1939) und Stefan Zweig (1881-1942): Zwei Welten von gestern gelesen, die beide sich elf Jahre lange zwischen 1927 und 1938 geschrieben haben. Beide österreichische Juden spüren schon, „ihre prekäre Existenz am Abgrund“. S. 79

Lyrik von Erín Moure, O Cadoiro: „Bist du das, aus der ferne, blendest mich?“ S. 87 und ein Essay von
Uljana Wolf, Translantische Tapisserien. Zu Erín Moures »O Cadoiro« und zum Übersetzen mehrsprachiger Lyrik.

In den Marginalien schreibt Philip Manow Das Parlament, der Filibuster und die politische Romantik und Günter Hack über Zeit und Zaunkönig. Harry Walter sagt uns, was Schrankwände verbergen: Total Recall. Schrankwand mit Aussicht

> MERKUR – Heft 08 / August 2016

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Aufgeschlagen: Gerhard Schweizer, Islam verstehen

Mittwoch, 27. Juli 2016

> Vortrag und Diskussion: Gerhard Schweizer, Syrien verstehen und 2 x Nachgefragt… 24. Februar 2017

schweizer-islam-verstehenGerade neu erschienen: Gerhard Schweizer, > Islam verstehen. Geschichte, Kultur und Politik; Der Titel dieses Buches ist klar und präzise. Hier werden Fakten zum Verständnis des Islams angeboten.

Abu Bakr al-Baghdadi, das Oberhaupt der Terror-Organisation »Islamischer Staat« rief 2014 den Dschihad den „heiligen Krieg“ gegen die „Ungläubigen“ in aller Welt aus.

Im 7. Jh. eroberten arabische Muslime in kurzer Zeit Nordafrika und weite Teile Asiens. Türkische Muslime kamen seit dem 11. Jahrhundert siegreich nach Anatolien, 1453 eroberten sie Konstantinopel und standen 1529 und 1683 vor Wien, um ihre Eroberungen bis weit nach Europa hinein auszudehnen.

„Der Blick auf die islamische Welt von heute..,: Von Libyen über Syrien, Irak und Jemen bis Afghanistan und Pakistan gibt es etliche politisch, kulturell und sozial zerrissene Staaten. Mehr noch: Die konfessionellen Gegensätze zwischen Sunniten und Schiiten gewinnen an Schärfe, soziale Konflikte entwickeln sich verstärkt entlang der religiösen Grenzlinien, nicht minder die
politischen Rivalitäten.“ S. 15

Schweizer beschreibt die Terror-Organisation wie der „Islamische Staat“ als ein Symptom einer Krise: Ihre „Glaubenskämpfer“ trügen dazu bei, „die islamische Welt in unversöhnliche Fronten von »Gläubigen« und »Ungläubigen« zu spalten.“ Aber, so Schweizer, „die Mehrheit der Muslime fürchtet das proklamierte Kalifat des „Islamischen Staates“, lehnt es vehement ab, ja verachtet dessen religiös- politische Anmaßung. Entsprechend instabil ist die Tyrannei derartiger »Glaubenskämpfer«, entsprechend geschwächt ist die islamische Welt insgesamt.“

Nur durch Wissen kann man die dramatischen Entwicklungen im Nahen Osten übersehen und einschätzen. Schweizer kann sich vorstellen, das die Terrororganisation in ihrer Bedeuung wieder abnehmen, gar verschwinden wird: „Aber diese Organisation bildet ein exemplarisches Beispiel einer tiefergehenden
Krise der islamischen Welt, und dieser Aspekt macht sie über die momentan auffällige Wirkung hinaus interessant. Es gilt die religiösen, kulturellen und politischen Zustände zu analysieren, die eine solche Radikalisierung erst ermöglichen.“ S. 16

Natürlich kann man den Islam nicht mit den kriminellen Auswüchsen des „IS“ erklären. Liest man Schweizer, so befindet dich der „IS“ auch in einem Kampf nach innen um das die ihm bevorzugte Interpretation des Islams, die er zu seiner eigenen Herrschaftssicherung missbraucht:. „Im vorliegenden Buch versuche ich zu zeigen, dass „Islam“ für viele Hundert Millionen Gläubige etwas völlig anderes bedeutet als das, was radikale Splittergruppen als den „wahren Glauben“ und die einzig richtige Gesellschaftsform propagieren. Die islamische Welt weist ähnliche vielschichtige Varianten von Religion, Kultur und Gesellschaft auf wie das christlich geprägte Abendland – auch eine ähnliche Ambivalenz. Die Neigung zu Gewalt und Intoleranz findet sich gleichermaßen hier wie dort, ebenso die Tendenz zu Weltoffenheit und die Fähigkeit zur Modernisierung erstarrter traditioneller Strukturen.“ S. 21

„Was ist Islam? Wie schon angedeutet: Den Islam gibt es nicht. Feindbilder orientieren sich überwiegend an Klischees, die alle historisch bedingten Gegensätze, alle Vielfalt negieren. Solche Feindbilder von westlicher Seite entsprechen in der Struktur völlig denen von islamischer Seite. Hier wie dort droht gleichermaßen die Gefahr, das unbekannte Fremde zu dämonisieren.“ S. 21

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Gerhard Schweizer
> Islam verstehen

1. Aufl. 2016, 610 Seiten, broschiert, mit Register
ISBN: 978-3-608-98100-1

Vom selben Autor:

Gerhard Schweizer,
> Syrien verstehen Geschichte, Gesellschaft und Religion
2. Aufl. 2015, 503 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-608-94908-7

> Lesebericht: Gerhard Schweizer, Syrien verstehen – 23. Februar 2016 von Heiner Wittmann

Boris Johnson und der #NONBrexit

Dienstag, 26. Juli 2016

> 15 Gründe für den NONBrexit

Manchmal ist auch eine Tweet-Unterhaltung ein guter Anlass für einen neuen Artikel auf diesem Blog: Thomas Brasch hat uns per Twitter gefragt, ob er das Buch von Boris Johnson, dem ehemaligen Londoner Bürgermeister und Brexit-Befürworter und jetzigen Außenminister im neuen Kabinett von Theresa May lesen sollte. Und ob! Unbedingt. Ganz bestimmt. Ein richtig wichtiges Buch. Leider hat sein Autor einige Argumente von Churchill übersehen oder kann sie nicht mehr richtig gewichten.

In unserer Antwort steckte natürlich der Link zum Lesebericht: > Boris Johnson, Der Churchill-Faktor auf unserem Blog.

Unsere Redaktion bleibt bei ihrem ersten Eindruck. Boris Johnson hat ein wunderbares Buch über > Winston Churchill geschrieben. Nach der Lektüre wären wir nicht auf die Idee gekommen, dass Johnson, um es seinem Vorbild gleichzutun und Premierminister zu werden, sogar die Mitgliedschaft Großbritanniens in der EU aufs Spiel setzen würde. Damit hat er sich aber so gründlich verzockt. Vieles spricht dafür, dass er selbst nicht an den Erfolg der Brexit-Befürworter geglaubt hat. Auch war der Wahlkampf viel zu überspannt, viel zu viele falsche Zahlen wurden als Argumente genannt. Genauso wie die Gegner auf die Unwissenheit der Wähler gesetzt haben, lautet die Lehre aus dem Referendum wieder einmal, mit der Demokratie spielt man nicht.


Aus Johnsons Churchill-Buch kann man lernen, wie Churchill Europa unterstützt hat, und die Gegner Europas finden dort auch viele Argumente gegen Europa, aber auf dass sie genau lesen, das sind konstruktive Argumente, nie eine prinzipielle Ablehnung. Nach der Lektüre von Johnsons Buch über Churchill hatten wir gar nicht daran gedacht, dass Johnson sich als überzeugter Gegner der EU präsentieren würde.


15 Argumente für den NonBrexit, gemeint sind die Gründe, die jetzt noch den Brexit verhindern könnten:

Argumente 16-18: > #NonBrexit 3. November 2016 von Heiner Wittmann


Mittlerweile hat das Parlament zugestimmt und Premierministerin May hat den > Brief mit dem Austrittsgesuch an die EU abgeschickt.

Trotz des Briefes von Theresa May, der den Mechanismus des Artikels 50 in Gang setzt, sprechen viele unserer Gründe immer noch gegen den Brexit:

Nach der Referendum pro-Brexit haben dessen Befürworter das Weite gesucht, ganz so als wenn sie sich der daraus resultierenden Verantwortung nicht stellen wollten. Johnson erklärt überraschend, er stehe für das Amt des Premierministers nicht zur Verfügung. Und Nigel Farrage verkündete seinen Rücktritt von der Spitze seiner Partei. Mittlerweile hat Theresa May, die neue Premierministerin Boris Johnson wieder eingefangen und ihm das Foreign Office übertragen. Am erstauntesten war vielleicht Johnson selbst. PM May hat versprochen, den Brexit zu organisieren. Sie gab auch zu verstehen, dass es ihr um den Erfolg des Brexit ginge. Da aber der Brexit gar nicht so sicher ist, wie viele glauben, und für alle Beteiligten nur der #Non-Brexit ein wirklicher Erfolg wäre, schauen wir uns doch mal die Argumente gegen den Brexit genauer an:

1. Das Ergebnis des Referendums vom 23. Juni 2016 ist nur eine Empfehlung an die Adresse der britischen Regierung. Sie ist nicht gehalten, diese Empfehlung zu befolgen.

2. Premierministerin Theresa May hat nicht für den Brexit gestimmt und hat nun die Aufgabe > den Art. 50 des EU-Vertrags zu aktivieren, um so die zweijährigen Austrittsverhandlungen zu starten. Ob sie das machen wird? (Ergäzung: ja: > Brief mit dem Austrittsgesuch an die EU) Oder fällt ihr ein Ausweg ein? (Nein.) Sie wird bestimmt nicht mit Absicht ihr Land in ein dann unvermeidliches Finanz- und Wirtschaftschaos führen wollen.

> Nach Brexit-Votum: Großbritannien steuert auf Rezession zu SPIEGEL s.d. (aufgerufen am 3.8.2016)

4. Schon signalisiert die Regierung, sie würde gerne weiterhin vom Freihandel mit der EU profitieren, aber lässt erkennen, dass sie die Freizügigkeit, also den Aufenthalt von Arbeitnehmern in England stärker kontrollieren, gar einschränken möchte. Das passt natürlich nicht zusammen. Scheint aber logisch zu sein, weil PM May sich vor allem hinsichtlich der Zuwanderung wie alle Brexit-Befürworter kritisch geäußert hatte. Zitieren wir dazu unsere > Frage an den Défenseur des droits, Jacques Toubon: „Kann heute eine Regierung die Zuwanderung per Referendum stoppen? „Das ist eine Illusion“, hat er uns geantwortet.

Zum Brief von Theresa May:

5. Die EU muss Reformen auf ihre Agenda schreiben. Vor allem hinsichtlich ihrer Institutionen, die den EURO verwalten…. man hatte ihn eingeführt, ohne wirklich dafür gemeinsame Institutionen bereitzuhalten. Das ständige Nachbessern, ohne dem EURO ein institutionelles Fundament zu geben, kann nicht mehr lange gut gehen. Eine reformierte EU kann Großbritannien einen neuen Anreiz bieten. Gleich zu 6.:

6. Noch hat die EU nicht so richtig damit begonnen, für einen Verbleib Großbritanniens in der EU zu werben.

7. Vielleicht gibt es Neuwahlen in Großbritannien? Die könnten auch das Ende des Brexit bedeuten.

8. Die Regierung könnte nach der zweijährigen Verhandlung mit der EU das Ausstiegsabkommen wieder zum Gegenstand eines Referendums machen, das dann möglicherweise beim Wähler durchfallen wird.

Ein Leser erinnerte uns an den Art. 50 „3) Die Verträge finden auf den betroffenen Staat ab dem Tag des Inkrafttretens des Austrittsabkommens oder andernfalls zwei Jahre nach der in Absatz 2 genannten Mitteilung keine Anwendung mehr, es sei denn, der Europäische Rat beschließt im Einvernehmen mit dem betroffenen Mitgliedstaat einstimmig, diese Frist zu verlängern.“ Werden die Vertragsverhandlungen nach Aktivierung des Art. 50 innerhalb von zwei Jahren nicht abgeschlossen, ist das Vereinigte Königreich draußen.

9. Als Außenminister hat > Boris Johnson eine Gelegenheit bekommen, seinen Faux-pas zu reparieren. Eingestellt, damit er neue Chance bekommt?

10. Statt sich auf zweijährige Ausstiegsverhandlungen vorzubereiten, sollten die EU-Mitgliedsländer die Gründe der Brexit-Befürworter analysieren, allerdings müssten sie dabei auch die Fehlinformationen berücksichtigen, die die Brexit-Gegner für bare Münze genommen haben:

„Nigel Farrage, der seine ganze Politikerkarriere dem Brexit gewidmet hat, musste mittlerweile eingestehen, dass die im Brexit-Wahlkampf so vollmundig versprochene Umlenkung der wöchentlichen 350 Millionen Pfund der britische EU-Beiträge in das britische Gesundheitssystem doch nicht so einfach sei, tatsächlich ist diese Summe sogar nur halb so groß… im Wahlkampf wurde übertrieben. Seinen Bus neu und ehrlich bemalen und mit ehrlichen Zahlen noch einmal abstimmen?“ > Frankreich-Deutschland und der #Brexit (I) und > Frankreich-Deutschland und der #Brexit (III)Jean-Marc Ayrault und Frank-Walter Steinmeier. Ein starkes Europa in einer unsicheren Welt

11. Frankreich und Deutschland sind noch damit beschäftigt, eine tragfähige visionäre Zukunft für eine reformierte EU zu finden: > #Brexit (V) – > Premier ministre Manuel Valls parle devant l’Assemblée nationale. Bundeskanzlerin Angela Merkel gibt eine Regierungserklärung ab. In beiden Ländern stehen nächstes Jahr Wahlen an. Man könnte sich vorstellen, dass ein runderneutes französisch-deutsches Tandem neue Impulse für die EU und besonders für Großbritannien bereithält.

12. Großbritannien hatte eigentlich schon immer eine Sonderrolle (weniger Mitgliedsbeiträge als die anderen, gemäß des Kompromisses, den PM Thatcher ausgehandelt hatte, kein Euro) in der EU innegehabt. Mit dem Brexit soll diese Sonderrolle noch mehr verstärkt werden? Wie wäre es denn, wenn sich aus den Ausstiegsverhandlungen und einer parallelen Reform der EU eine neue Gemengelage ergibt, die lautet, EU-Mitglied oder kein EU-Mitglied?

13. Das Abkommen über den Austritt des Vereinigten Königreiches wird nach der Aktivierung des Artikels 50 ohne das austrittswillige Mitglied vom Europäischen Rat diskutiert werden. Der Rat muss das Abkommen mit einer qualifizierten Mehrheit beschließen. Das könnte scheitern.

14. Das Europäische Parlament hat beim Abkommen über den Austritt des Vereinigten Königreiches ein Vetorecht.

15. Zwei Jahre nach dem Aktivierung des Artikels 50 könnte das Vereinigte Königreich auch ohne Abkommen austreten. Das ist unwahrscheinlich, weil das Vereinigte Königreich den Zugang zum EU-Binnenmarkt nicht einfach so aufgeben will.

16: Premierministerin May versprach in Birmingham ein Bill das die Eu-Verträge aus dem > Statute Book löschen soll. Geht doch nur mit dem Parlament. Und wenn das nicht mitmacht?

17: Der High Court hat heute entscheiden, dass der Art. 50 von der Regierung nicht ohne Zustimmung des Parlaments in London aktiviert werden darf. Berufung ist möglich.

und vielleicht der 18. Grund für das Ende des Brexit?

> Frankreich-Deutschland und der #Brexit (II) Die Twitter-Analyse – 28. Juni 2016

Boris Johnson,
> Der Churchill-Faktor
Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz und
Werner Roller (Original: The Churchill Factor. How One Man Made History)
2. Druckaufl. 2015, 472 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit zahlreichen s/w Abb. und 3×8 Seiten Tafelteil
ISBN: 978-3-608-94898-1

Lesebericht . Patrícia Melo, „Trügerisches Licht“

Dienstag, 26. Juli 2016

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Mord ist etwas Schlimmes, etwas zutief Abgründiges. Während des Aktes macht man sich die Hände schmutzig, strengt sich an, währenddessen Adrenalin die Blutbahnen des Mörders flutet. Ganz zu schweigen von den stürmischen und emotionsüberladenen arteriellen Sturzbächen aus Angst des Opfers. In der Regel klebt der Schmutz des Täters an seinen Händen, nicht nur in seiner Seele!

Wer allerdings eine als Selbstmord inszenierte Tötung plant, bei dem sich das Opfer im Schlussakt seiner theatralischen Aufführung auf der Bühne selbst richtet, dem scheint Schmutz an einer nicht sichtbaren Hülle abzuperlen.

Der Prolog offenbart den inszenierten Suizid des Theaterschauspielers Fábbio Cássio vor dem Publikum. Noch im aufbrandenden Applaus stellen die Besucher erschrocken fest, dass ihr geliebter Künstler nicht perfekt spielt, sondern tatsächlich tot inmitten der Kulisse liegt.

Abrupt wird der Leser aus dem Schauspiel gerissen und befindet sich inmitten eines Rückblicks, erfährt intimste Details zum getöteten Schauspieler und dessen öffentlich zur Schau gestellten Leben. Die Gesellschaft ist voller Stigmata, die Prominenten bedingungslose Funktionalität auferlegt und keine Fehltritte zu toleriert. In der Realität also. Patrícia Melo zieht den Leser in den Bruch der Liebe zwischen dem Schauspieler Fábbio und dessen Ehefrau Cayanne, in dessen Zentrum verblasstes Temperament und die Sehnsucht nach dem Abenteuer steht.
In einem Parallelstrang nähert sich langsam die Geschichte der Leiterin der Spurensuche, Azucena, dem Mord an Fábbio an. Durch ihre Untersuchungen und die damit verbundenen polizeilichen Ermittlungen stößt sie eines Tages auf Cayanne, die nunmehr geschiedene Frau des Schauspielers und Hauptverdächtige im Mordfall ihres Ex-Mannes. Auch dieser Erzählstrang steckt voller familiärer Tragödien, in dessen Bewältigungsprozess der Leser eingebunden wird.

Wer nun vermutet, dass diese sehr detaillierten Charakterisierungen den Plot verlangsamen und den Spannungsaufbau erschweren, der irrt. Es ist Teil des Konzeptes, das konsequent emotionsgeladen ausgearbeitet ist. Dem Leser ergibt sich daraus die Möglichkeit, den Charakteren auf einem ebenbürtigen Level zu begegnen, sich mit deren Gefühlswelten zu identifizieren und Parallelen zum eigenen Leben zu ziehen.

Um die Aufklärung des Falls bemüht, begibt sich Azucena in den Kreis krimineller Männer, die weder Skrupel vor sexuellen Übergriffen auf sie als Polizistin haben, noch vor kinderpornografischen Machenschaften zurückschrecken.
Patrícia Melo präsentiert einen von persönlichen Tragödien durchzogenen Kriminalroman, denen auch der Protagonist, Fábbio Cássio, nicht gefeit war und sich plötzlich inmitten einer erpresserischen Bande befand, die ihn zuerst ausnahm und schließlich in den Tod schickte.

melo-truegerisches-lichtPatrícia Melo,
> Trügerisches Licht
Kriminalroman aus dem brasilianischen Portugiesisch von Barbara Mesquita (Orig.: Fogo-Fátuo)
1. Aufl. 2016, 320 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-50215-2

Lesebericht: Anders Winroth, Die Wikinger. Das Zeitalter des Nordens

Dienstag, 12. Juli 2016

winroth-wkingerDie Wikinger. Das Zeitalter des Nordens von Anders Winroth erzählt eine ganze Epoche vom Anfang des 9. bis zum Ende des 11. Jahrhunderts. Genauso überraschend wie erfolgreich > die Isländer bei der EM 2016 auftauchten, so erschienen die Nordmänner am 24. Juni 843 vor Nantes, um die Stadt zu überfallen. Das Kloster Indre kam auch gleich dran und wurde so gründlich verwüstet, dass der Wiederaufbau nicht mehr stattfand. Wie an vielen anderen Orten später tauchten die Wikinger schnell und unvorhergesehen auf und verbreiteten Angst und Schrecken. Aber oft war nur ihre Ankunft kriegerischer Natur. Schon auf Kriegszügen trieben sie auch Handel, so wie viele von ihnen sich gar nur in friedlicher Absicht bewegten.

Winroth erklärt auch sehr anschaulich die Quellenlage und gibt so zu verstehen, wie historische Erkenntnisse entstehen. Er erklärt den Ursprung der von ihm genutzten Quellen, ordnet sie ein und bewertet sie. Gerade auch weil er einen so langen Zeitraum, mehr als drei Jahrhunderte des Hochmittelalters beschreibt, werden auch Studenten auch Studenten seine Darstellung mit Gewinn lesen können.

„Gewalt in einer gewalttätigen Zeit“ lautet eine der Kapitelüberschriften, in dem die Waffen und ihr Einsatz vorgestellt werden. Prudentius (* in Spanien – † 6. April 861) (*778, Kaiser 813-840) in Aachen erwähnt die Plünderung von Nantes, so als ein Ereignis unter vielen anderen, während Erzbischof Hinkmar (*800/10 – † 882) schreibt auch als Chronist und berichtet über die Nordmänner die „Verwüsteten, pLünderten und metzelten“ (vgl. S. 33) Waffenteile und Bilder als Informationen über Schlachten lassen wie Puzzlesteine zu einem Bild zusammenfügen, über das der Historiker berichten kann.

Nicht immer zogen die Wikinger nur in den Krieg, im Kapitel 3 berichtet Winroth über die Familie Rörik, die einen blieben zu Hause, die anderen ziehen im 9. Jahrhundert in die Fremde und kehren nicht wieder zurück, einer von ihnen wurde im Gebiet des heutigen Hollands König als Vasall fränkischer Kaiser und Könige, der andere Rörik ging in den Osten und gründete dort die Dynastie der Rurikiden, die die nächsten 600 Jahre als Großfürsten Russland beherrschte. Vgl. S. 66 Spannende Schicksale, die die Macht der Wikinger unterstreichen.

Kapitel 4 ist der Schifffahrt gewidmet, deren Schiffe auch als Sarg für die Fahrt ins Jenseits wieder entdeckt wurden. Im Museum in Oslo kann man eines der besterhaltenen Wikingerschiffe besichtigen. Winroth verrät auch viel sehr Wissenswertes über die erstaunliche Seemannskunst der Wikinger.

Wie bereits gesagt, die Wikinger führten Kriege, grausame Kriege, aber sie trieben auch sehr erfolgreichen Handel, dessen riesige Reichweite mit den zahlreichen Münzfunden rekonstruiert werden kann.

Wie will man europäische Geschichte verstehen ohne den Anteil der Nordmänner an ihr zu würdigen? Macht wurde gewonnen und schnell wieder verloren. Die skandinavische Geschichte de Mittelalters kennen ziemlich gut durch Chroniken und die Dichtkunst, deren Ergebnisse Winroth geschickt zu einer spannenden Erzählung über politische und Machtrituale zusammenfügt.

winroth-wkingerIn weiteren Kapitel berichtet Winroth über soziale Beziehungen und die Landwirtschaft. Das Kapitel 8 enthält eine Darstellung der „Religionen des Nordens, in die allmählich das Christentum eindringt. Das Kapitel 9 über Kunst und Literatur gehört zu den spannendsten dieses Buches, es ist gut platziert, man kann die Tragweite und die Bedeutung der der hier vorgestellten Schreibkunst noch besser verstehen, wenn man sich vorher über den wirtschaftlichen und politischen Werdegang der Wikinger informiert hat.

Das Ende dieses Zeitalters kommt jäh. Die letzte Schlacht am 25. September 1066 nahe des englischen York bringt den Engländern den Sieg und den Wikingern eine verheerende Niederlage. Ab dann haben es sich die Nordmänner genauer überlegt, ob sie wieder in einen Krieg ziehen.

Anders Winroth hat in konziser Form eine spannende Gesamtdarstellung der Epoche der Wikinger vorgelegt. Keinesfalls nur Krieger, hatten sie eine erheblichen Einfluss auf den Handel in Europa. Die kulturelle, literarischen und dichterischen Zeugnisse ergänzen Winroths Berichte über politische Rituale, und geben der Verbindung von Kultur und Politik in dieser Darstellung einen breiten Raum..

Anders Winroth
Die Wikinger.
Das Zeitalter des Nordens

Aus dem Amerikanischen von Susanne Held (Orig.: The Age of the Vikings)
1. Aufl. 2016, 368 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, farbiger Tafelteil, Karten und sw Abbildungen
ISBN: 978-3-608-94927-8

Lesebericht: Psyche 7 – Juli 2016

Donnerstag, 7. Juli 2016

Dieser Lesebericht dokumentiert das Interesse seines Vf. beim Lesen dieses Heftes:

Gerade ist das Juli Heft der > Psyche schienen. Ihr Untertitel lautet „Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen“. Drei Artikel stehen im Mittelpunkt dieses Heftes, einer von Andreas P. Herrmann über Behandlungsfehler in der psychoanalytischen Praxis, ein Aufsatz von Burkhard Liebsch über Angst und der Bericht von Martin Klüners über psychoanalytische Kategorien in der Geschichtswissenschaft.

Andreas P. Herrmann untersucht „Behandlungsfehler und Fehlerkultur in der psychoanalytischen Praxis“. Auch die Psychoanalyse hat früh Behandlungsfehler erkannt, sie aber (leider) in der Praxis wenig hinterfragt, so lautet Herrmanns These. Er berichtet zunächst über die Art der Fehler, die vorkommen und untersucht dann die Folgen fehlerhafter Behandlungen. Seine beeindruckende Bibliographie (S. 587 ff) belegt, dass das Thema keinesfalls neu ist, eher in seinen Konsequenzen immer noch vernachlässigt wird. Dabei verdienen sie möglicherweise mehr Aufmerksamkeit als ethische Grenzverletzungen.Arhiv: PsycheEs ist nicht einfach, zwischen Gelingen und Scheitern zu unterscheiden, aber neuere psychoanalytische Konzepte, scheinen diese Unterscheidung zugunsten eines neuen Zugangs zu Behandlungsfehlern zu stützen. In diesem Sinne plädiert Herrmann für eine psychoanalytische Fehlerkultur (S. 602 ff), die bereit ist aufgrund dieser Erkenntnisse ihre Praxis konstruktiv weiterzuentwickeln. Dazu gehören Kriterien, mit denen zwischen Fehlern, Irrtümern und Täuschungen unterscheiden werden kann, (S. 610 ff) soll den Zugang zu einer produktiven Diskussion über dieses Thema erleichtern.

Burkhard Liebsch begibt sich auf „Auf Hobbes’, Nietzsches und Freuds Spuren:“ „Zum politischen Potenzial gegenwärtiger Furcht“. Thomas Hobbes (1588-1679) dachte über Angst und Furcht nach und fand diese Unterscheidung auch bei Aristoteles (384-322 v. Chr.):

> Aristotle’s Treatise on Rhetoric: Literally Translated; with Hobbes‘ Analysis, Examination Questions and an Appendix Containing the Greek Definitions. Also, The Poetic of Aristotle, Literally Translated, with a Selection of Notes, an Analysis, and Questions, Bell & Daldy, 1872, S. 113.

Wie ist es nun, fragt Liebsch, mit der nicht „defensiven“ Angst, sondern mit einer politisch „produktiven“ Furcht, die antizipiert und ab wann muss man sich vor unbegründeter Angst in Acht nehmen?

1. Aus Angst Frucht – Furcht vor Angst, S. 618 ff: stellt erstmal eine Bestandsaufnahme vor: Was löst Angst und Frucht aus? Man darf dabei auch an Sartre denken, der in L’être et le néant (1943) die Angst vor der grenzenlosen Freiheit anführt.

Aber die Unterscheidung zwischen Furcht und Angst ist kompliziert, für Hobbes war die Furcht eine generelle Angst:

> The Gallery of Portraits: With Memoirs, Band 6 Society for the Diffusion of Useful Knowledge, Knight, 1836, S. 25.

hobbes-policy<<< Thomas Hobbes, Hobb's Tripos: In 3 discourses. The 1.: Humane nature, or the fundamental elements of policy ... The 2.: De corpore politico, or the elements of law, moral and politick ... The 3. Of liberty and necessity ... Gilliflower, 1684 – 317 Seiten. Wie oft das Wort > „fear“ hier vorkommt! Hobbes war der Ansicht, so berichtet Liebsch, die Erziehung der Kinder müsse, „unvermeidlich den im Prinzip jederzeit drohenden … Naturzustand, der ein zustand des Krieges ist, antizipieren, in dem die Furcht voreinander unbeschränkt herrscht.“ S. 623

Lesen wir wir Google Books Hilfe nach: <<< Thomas Hobbes, Hobb’s Tripos: In 3 discourses. The 1.: Humane nature, or the fundamental elements of policy… op. cit., S. 187:

„Furcht hat und macht Geschichte“ lautet Liebschs Überschrift über seinem 2. Kapitel. Hier wird sein Aufsatz zu einem auch politisch anregenden Traktat. Furcht bewältigen – durch Bejahung? fragt die 3. Überschrift. „Frucht vor dem Unbestimmten und Politik aus und mit Furcht“ S. 628 ff.

Unsere Politiker geben sich eigentlich immer furchtlos, obwohl sich doch ständig genug Anlässe bieten, Furcht zu empfinden. Friedrich Nietzsche und Carl Schmitt werden hier als Gewährlsleute für Liebschs Überlegungen angeführt. Gute Gründe, in den Werken beider Autoren nachzulesen. In Anlehnung an Schmitt resümiert Liebsch: „Solange der Feind lebt, sei es auch durch unserer Fiktionen und Phantasien, gibt es uns noch.“ S. 631 Furcht vor Furcht (politisch) lautet die 5. Zwischenüberschrift, des Kapitels das uns endgültig überzeugt, diesen Aufsatz nachhaltig zur Lektüre zu empfehlen. Liebsch nennt viele Autoren, die auch z. B. Geschichtsstudenten oder Studenten der Politischen Wissenschaften kenne sollten, wenn sie Triebkräfte der Geschichte durch die Jahrhunderte hindurch verstehen wollen. Kritik? Eigentlich schade, dass dieser interessante Beitrag etwas versteckt in > Psyche 7/2016 erscheint, andererseits aber auch wieder eine Auszeichnung, weil so die Vielfalt der psychoanalytischen Ansätze und ihre Tragweite unterstrichen wird.

Martin Klüners ergänzt den Aufsatz von Burkhard Liebsch mit seinem Beitrag „Das Unbewusste in Individuum und Gesellschaft. Zur Anwendbarkeit psychoanalytischer Kategorien in der Geschichtswissenschaft“, der damit über den 1971 erschienenen Aufsatz von Hans-Ulrich Wehler „Verhältnis von Geschichtswissenschaft und Psychoanalyse“ weil mittlerweile überholt (vgl. S. 645), hinausgehen will. Wehler hatte damals die Grenzziehungen zwischen der Geschichtswissenschaft und den Methoden der Psychoanalyse bestätigt, „zementiert“, schriebt Klüners, S. 644., was ja auch für das angespannte Verhältnis der Geschichtswissenschaft zur Literaturwissenschaft gilt. Klüners stellt neue Forschungsperspektiven vor, so erscheint Wehlers Annahme einer „Dichotomie von Individuum und Gesellschaft, die Wehlers Kritik an der Psychonalyse letzlich zugrundeliegt“ immer fragwürdiger. S. 651. Im Kapitel 4. „Ansätze zu einer Soziologie des Unbewußten“ erinenrt Köners an Droysen, der die Problematik von Individuum und Gesellschaft vermehrt in den Blick denommen hat. Nebenbei bemerkt, das „Universel singulier“, „das einzelne Allgemeine“ – Vgl. H. Wittmann, > Sartre und die Kunst. Die Porträtstudien von Tinotrettto bis Flaubert, Tübingen: Narr 1996, S. 117-119 – gehört zum Kern des Ansatzes, mit dem Sartre das Verhältnis von Autor und Werk in „L’Idiot de la famille. La vie de Gustave Flaubert 1821-1857“ untersucht. Es tut seinem Ansatz keinen Abbruch, wenn der Freud-Biograph Sartre (> Le Scénario Freud, Paris: Gallimard 2004) das Unbewusste ablehnt, weil er nur ein Bewußtsein von etwas kennt. „Überindividuelles Unbewusstes in der Gruppenanalyse“ lautet die Überschrift des 5. Kapitels von Klüners, in dem er vorsichtig die Hoffnung äußert, „das traditionelle geschichtsphilosophische Kernproblem nicht beabsichtigter Handlungsfolgen erforsch-, durch eine Aktualisierung und Reformulierung des Konzepts „Geschichtsphilosophie“ zu machen, falls es „zukünftig gelingt, das Problem des gesellschaftlichen bzw. kulturellen Unbewussten mit belastbaren Mitteln zu analysieren.“ Bibliographie S. 670-673!

Es folgen noch Buchbesprechungen: Leuzinger-Bohleber, Marianne; Böker, Heinz; Fischmann, Tamara; Northoff, Georg; Solms, Mark, Psychoanalyse und Neurowissenschaften. Chancen – Grenzen – Kontroversen. (Psychoanalyse im 21. Jahrhundert. Klinische Erfahrung, Theorie, Forschung, Anwendungen.) (Nora Hettich), Härtel, Insa, unter Mitarbeit von Sonja Witte, Kinder der Erregung. »Übergriffe« und »Objekte« in kulturellen Konstellationen kindlich-jugendlicher Sexualität (John Borneman) und über Goldstein, Kurt, Der Aufbau des Organismus, Paderborn: Fink 2014 (Maria Becker)..

> Psyche 7/2016

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