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Archiv für August 2016

Lesebericht: Gerhard Schweizer, Islam verstehen

Mittwoch, 31. August 2016

> Vortrag und Diskussion: Gerhard Schweizer, Syrien verstehen und 2 x Nachgefragt… 24. Februar 2017

schweizer-islam-verstehenGerhard Schweizer erweitert nach > Syrien verstehen seine Reihe mit dem Band > Islam verstehen. Eigentlich müsste der Band Christentum und Islam verstehen heißen, da Schweizer auch über die Geschichte des Christentums berichtet, insoweit wie sie notwendig ist, um Parallelen, Gegensätzen, gemeinsame Voraussetzungen und Trennendes zwischen ihnen zu erläutern. Da aber doch wieder „Geschichte, Kultur und Politik“ des Islams im Vordergrund stehen, passt der Titel, der eine spannende Lektüre für Neugierige verspricht, die über die Unterschiede zwischen Islam und Islamismus, Sunniten oder Schiiten mehr erfahren wollen.

Schweizer ist ein vorzügliches Buch gelungen, das Grundlagen vermittelt, historische Zusammenhänge sachgerecht erläutert und dazu beitragen könnte, die Diskussion um den Islam zu versachlichen. Schweizer verfügt über einen reichen Erfahrungsschatz, den er auf seinen Reisen durch die islamische Welt angesammelt hat. Er berichtet über Begegnungen und Ansichten seiner Gesprächspartner. Seine Darstellung hat auch den Vorteil sich auf viele nachprüfbare Quellen zu stützen, zu denen Sachbücher wie auch Werke der Literatur zählen.

Vor seinem Vortrag über Syrien am 23. Februar 2017 hatten wir ein Gelegenheit, Gerhard Schweizer nach seinem Buch > Islam verstehen zu befragen:

Nach der Lektüre orientieren wir unseren Lesebericht an dem Inhaltsverzeichnis des Buches: „Feindbilder – Klischees und Wirklichkeit“: „Den Islam gibt es nicht,“ (S. 17) schreibt Schweizer, „Gegenseitige Vorurteile“, „Was Christen und Muslime gemeinsam haben“ lauten die Überschriften der einleitenden Kapitel, von denen der Abschnitt „Was Christen und Muslime gemeinsam haben“ (S. 44-49) Hinweise auf gemeinsame Wurzeln des Islam und des Christentums enthält, wie Mohammed „die Traditionskette der ‚wahren‘ Propheten von Abraham über Moses noch über Jesus hinaus: zu sich als dem letzten, Höchsten Gottesboten“ (S. 47) verlängert.

Dem Kapitel „Die Zweiteilung der der Menschheit in Gläubige und Ungläubige“ das zugleich auch die Grenzen der islamischen Toleranz (S. 92-95) zeigt, folgt das Kapitel „Als der Islam über das Christentum triumphierte“. Schweizer erinnert daran, dass „Muslime über viel Jahrhunderte hinweg um Vieles toleranter und weltoffener waren als Christen,“ (S. 99) und berichtet über den bemerkenswerten kulturellen Aufschwung im 9. Jh. in den muslimischen Metropolen mit öffentlichen Schulen und Bibliotheken, während im christlichen Abendland noch bis ins 12. Jh. 95 % der Bevölkerung Analphabeten gewesen seien. (vgl. S. 98). Die Muslime wussten, wie sie das Erbe der griechisch-antiken Kultur weiterentwickeln konnten: (vgl. S. 102) Aber erst im Zeitalter der Aufklärung ist im Abendland eine Toleranz entstanden, die die der Muslime übertraf, (vgl. S. 540), nämlich des säkularen Staates.


freely-bagdadJohn Freely
> Platon in Bagdad
Wie das Wissen der Antike zurück nach Europa kam
„Mit dem Islam kam ein Schatz zurück nach Europa: das verlorene Erbe der griechischen Antike.
Ein Who is Who der Denker, Sterndeuter und Naturforscher: von den griechischen Anfängen über die Blütezeit der islamischen Gelehrsamkeit bis ins frühneuzeitliche Westeuropa.“ Klappentext
Aus dem Englischen von Ina Pfitzner (Orig.: Aladdin’s Lamp)
4. Aufl. in dieser Ausgabe 2015, 389 Seiten, broschiert, mit 28 Abbildungen und 2 Karten
ISBN: 978-3-608-94913-1


Dann folgt wieder der Blick zum Westen. Die islamische Toleranz hatte auch ihre Grenzen, „Christen als ‚irrende Schriftbesitzer'“ gehören zu den Stichworten in diesem Abschnitt: Die moderne Toleranz und ihre Vorläufer mit einer Interpretation der Ringparabel in Lessings Nathan der Weise. Zunächst nahm der Islam Impulse auf, bewahrte aber doch Grenzen: „Fortschritt und Rückschritt im Islam.“ Das Verharren des Islam in ganz konservativen Vorstellungen wird mit dem nächsten Kapitel „Kriege der Konfessionen unter den Muslimen“ erklärt. Die Gegensätze zwischen Sunniten und Schiiten gibt es seit dem 8. Jh. (vgl. S. 177): Auslöser war die Nachfolge im Amt Mohammeds. Jeder, der Araber und eine guter Muslim sei, schien den Sunniten als Kalif geeignet zu sine: Sunna = „herkömmlicher Weg“. Andere hielten dafür, nur ein Blutsverwandter des Propheten könne sein Nachfolger werden: also Abi ibn Abi Talib, der Gatte der Tochter Fatima des Propheten. Schiiten <= Schia „Partei“. Zudem bevorzugen Sunniten nur den Koran und Mohammeds mündlich überlieferten Aussagen Mohammeds, während die Schiiten zur Korandeutung auch die Aussagen des Kalifen Ali und seines Sohns hinzuziehen. Alle weiteren Gegensätze, die sich daraus entwickelte, tragen bis heute zu den politischen und sozialen Spannungen in der islamischen Welt bei, so auch in den letzten Jahren im Irak.

Im 16. Jahrhundert stießen Katholiken und Protestanten zusammen und lieferten sich einen erbitterte Krieg: „Krieg der Konfessionen unter Christen“. Die Abschnitte „Spaltungen im frühen Christentum“, „Katholizismus und Protestantismus“ bis zum Nordirland-Konflikt (S. 191-209) enthalten eine spannende Darstellung der Reformation und ihrer Bedeutung bis heute.


holland-schatten-schwertesTom Holland,
> Im Schatten des Schwertes
Mohammed und die Entstehung des arabischen Weltreichs
„Tom Holland erzählt den erstaunlichen Aufstieg der Araber im 7. und 8. Jahrhundert n. Chr. zu einer imperialen Macht. Mit stilistischer Brillanz und historischem Scharfsinn schildert er die ungeheure Dynamik, mit der der Islam in religiös-politischen Konflikten mit Juden und Christen die antike Welt von Grund auf veränderte.“ Klappentext
Aus dem Englischen von Susanne Held (Orig.: In the Shadow of the Sword)
3. Aufl. 2013, 532 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 16 S. farbiger Tafelteil, 9 Karten
ISBN: 978-3-608-94380-1


Abtrünnige werden im Islam nicht geduldet. Sie werden auch heute noch bestraft: „‚Abtrünnige‘ und ‚Ketzer‘ im Islam“. „Religiöse Minderheiten als Prüfsteine der Toleranz“: Hier geht es u. a. um „Die Vertreibung der Muslime aus dem christlichen Spanien“, es folgen weitere Kapitel über die Situation der Christen in Saudi-Arabien, im Libanon, in Ägypten, in der Türkei und im Sudan.

Es folgt noch ein eigenes Kapitel über die Juden unter muslimischer und christlicher Herrschaft und zur Geschichte ihrer leidvollen Unterdrückung, die schon im 4. Jh. mit Texten wie von Johannes Chrysostomos, Patriarch von Kontantinopel. (Vgl. S. 263)

Ein Ausgleich unter den Religionen ist schwierig: „Der Wille zum Dialog – und die Barrieren“. Es geht um Positionen der Katholiken und Protestanten sowie um die „politischen Hintergründe für den ‚Dialog'“ (S. 288 ff). Eine weitere große Barriere vor einer Verständigung seitens des Islam sind Materialismus und Atheismus. (Vgl. S. 290): „Moderne Krise: der Fundamentalismus“. Der „Fundamentalismus“ als Begriff sei um 1910 in den USA entstanden, berichtet Schweizer vgl. S. 300 ff) und habe sich als „religiöser Fundamentalismus“ zum Ausdruck einer „Krise der Moderne“ entwickelt, die in sich die Angst vor Orientierungsverlust ausdrücke. Diese Passage zeigt, wie nützlich Schweizers perfekte Kenntnis der arabischen Welt für dieses Buch ist. Er spricht nicht nur, wie dies in unseren Medien oft schablonenhaft passiert vom Fundamentalismus, sondern legt eine kurzgefasste Begriffsgeschichte des Fundamentalismus vor: Er weiß sehr wohl, dass Muslime diese Bezeichnung nicht schätzen Radikale Gruppen, die auf die ursprüngliche Form des Islams pochen, nennen sich „Islamiyun (‚Islamisten‘) und ihre Bewegung Islamiya (‚Islamismus‘)“ (S. 301) Damit wollen sie, so Schweizer, als „‚wahre Gläubige'“ von der der Masse gedankenloser Gläubiger unterscheiden. Dennoch sind Denkansätze, die eine Form des Erkennens als wahr bezeichnen, ohne Widersprüche zu dulden, als fundamentalistisch zu bezeichnen. Vgl. ib.


Den Islam verstehenwww.france-blog.info 2. August 2016 von H. Wittmann
Es geht darum, die Bezüge zwischen dem Islam und dem Dschihadismus zu verstehen. Wie kann man die Radikalisierung Einzelner oder von Gruppen erkennen und verhindern? In seinem Beitrag für das Journal du Dimanche schreibt Premierminister Manuel Valls:…


Danach untersucht Schweizer „Modellfälle des Islam“: Algerien, Iran, Afghanistan, Türkei und Indonesien. Folgt ein „Kampf der Kulturen“ fragt er im folgenden Kapitel „Terrorismus, die andere Art von Krieg“? – In diesem Zusammenhang passt die Erinnerung an eine Vorlesung im Fach Politische Wissenschaften von Professor Hans-Adolf Jacobsen in Bonn, der einmal an die Wandtafel im Hörsaal alle Facetten des Ost-West-Konflikts mit ihren Problemen der gegenseitigen Perzeptionsvorstellungen in einem eindrucksvollen Schaubild darstellte. So trägt auch Schweizer alle Elemente zusammen, wie die Konfessionen im Dialog zwischen christlichem Abendland und der islamischen Welt sich sehen. Es ergibt sich bei der Lektüre seines Buches in der Vorstellung des Lesers ein Panorama der unterschiedlich zu gewichtenden Perzeptionen, wie bestimmte religiöse Interpretationen oder Wahrheiten von der Gegenseite als Bedrohung aufgefasst werden. Versteht man, dass Ultra-Ortodoxe im Islam nichts von Auslegungen der islamischen Wahrheit wissen wollen, sondern Interpretationen des Islams „eher als Auslöser des Niedergangs als de Aufstiegs“ verstehen, können Bedingungen für den Dialog besser eingeschätzt werden. (Vgl. S. 319) Noch ein Beispiel Scharia bedeute „Richtung eines Weges“, erklärt Schweizer, eigentlich „Gesetz“ und komme nur in der 45. Sure vor. Später wurde sie ausdifferenziert, und als Menschenwerk könne sie folglich auch verändert werden, aber in diesem Punkt gibt es erbitterte Gegensätze beispielsweise saudi-arabischen Wahhabiten und türkischen Islamisten. (vg. 321) Die Trennung politischer Funktionen von der religiösen Sphäre erscheint Islamisten als ein besonders schwerer Fehler. (vgl. S. 329)

Vgl. 110. Jahrestag des Gesetzes über die Trennung von Kriche und Staat in Frankreich


gideon-boess-deutschland-götter> Vorgefragt: Gideon Böss, Deutschland, deine Götter – 21. März 2016 von Heiner Wittmann
„Eine Reise zu Kirchen, Tempeln, Hexenhäusern hat Gideon Böss unternommen, und die Ergebnisse stehen in einem Buch > Deutschland, deine Götter, das gerade bei TROPEN erschienen ist. 26 Stationen. 26 Religionsgemeinschaften hat Böss besucht, um herauszufinden, woran sie glauben, und ob man dort sein Seelenheil finden könnte….“ Sattion 22: Schiiten S. 322-334, Station 23: Aleviten, S. 334-348.
Gideon Böss,
> Deutschland, deine Götter
Eine Reise zu Kirchen, Tempeln, Hexenhäusern
1. Aufl. 2016, 398 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-608-50230-5


Was macht aber nun den Islam zu einer besonderen Zielscheibe? fragt der Autor, zitiert die Angst vor ‚Überfremdung‘: „Muslimische Zuwanderer in Europa – ein Gefahr?“ Die Voraussetzungen für eine friedliche Entwicklung im 21. Jahrhundert sind nicht gut. Irak mit der gescheiterten Strategie der Amerikaner und dem Aufstand der Sunniten, der Bürgerkrieg in Syrien, das Entstehen der Terrororganisation die sich „Islamischer Staat“ nennt, das Scheitern des „Arabischen Frühlings“: „Die gefährliche Dimension des 21. Jahrhunderts“. Danach fragt der Autor, ob eine „islamische Moderne“ möglich sei und nennt die „Reibungspunkte mit der westlichen Moderne.“

Dieses Buch richtet sich an alle, die die Tragweite der politischen Diskussionen von heute um einen Dialog mit dem Islam verstehen wollen. Es geht auch darum, Perspektiven zu erkennen, wie Muslime selber dem Missbrauch ihrer Religion durch fanatisierte Terroristen in ihren Reihen entgegentreten können. Wie kann man mit den betroffenen islamischen Staaten in ein Gespräch über die Radikalisierung einzelner von Gruppen kommen? Grundkenntnisse über die Geschichte des Islams und seine Bedeutung als Religion für die islamische Welt sind dabei unabdingbar. Schweizer liefert dazu eine wichtige Grundlage. Mit Hilfe unzähliger Kurzbiogaphien erläutert er die verschiedenen Strömungen im Islam , erläutert Widerstände und zeigt Perspektiven für Entwicklungen auf.

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Gerhard Schweizer,
> Islam verstehen. Geschichte, Gesellschaft, Kultur und Politik
1. Aufl. 2016, 610 Seiten, broschiert, mit Register
ISBN: 978-3-608-98100-1
Gerhard Schweizer,
> Syrien verstehen Geschichte, Gesellschaft und Religion
2. Aufl. 2015, 503 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-608-94908-7
Gerhard Schweizer
> Türkei verstehen.
Von Atatürk bis Erdogan
1. Aufl. 2016, ca. 480 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-608-96201-7

Lesebericht: Kris van Steenberge, Verlangen. Roman

Sonntag, 28. August 2016

steenberge-verlangen

Elisabeth, die Tochter des Schmieds, sehnt sich danach, ihrem Heimatdorf Woesten zu entkommen. Sie versucht, sich Bildung anzueignen und heiratet den jungen Arzt Guillaume Duponselle. Als kurz darauf Zwillinge zur Welt kommen, ist der Zweitgeborene so entstellt, dass der Vater sich weigert, ihm einen Namen zu geben. Doch Namenlos überlebt, wird verachtet und weiß durch seine Beobachtungsgabe über alle mehr, als sie über sich selbst.

In dem belgischen Dörfchen Woesten, in der Nähe von Ypern, erwarten die Duponselles Zwillinge. Valentijn kommt gesund und munter zur Welt, aber sein Bruder hat ein verunstaltetes Gesicht. Einen Namen bekommt er nicht, man nennt ihn Namenlos. Valentijn kommt überall gut an, aber Namenlos wird von allen geschnitten, er versteht sehr wohl, dass sein eigener Vater ihn möglichst nicht sehen will. Der Erste Weltkrieg verändert in Woesten alles. Elisabeth wird ermordet und dieses Ereignis macht Van Steenberges Roman zu einem spannenden Krimi. Falsche Verdächtigungen aufgrund des Dorfflurfunks zerstören Existenzen, und nur weil der Autor die Protagonisten reihum aus über die Jahre hinweg aus ihrer Perspektive erzählen lässt, kommt allmählich die Wahrheit ans Licht. Die Wahrheit kommt immer irgendwann ans Licht.

Kris Van Steenberge ist es gelungen, einen ungemein fesselnden Roman zu verfassen. Elisabeth würde gerne ihr Dorf verlassen. Bei einem Diner lernt sie den jungen Arzt Guillaume Duponselle kennen. Er fasziniert sei: „Er erzählte von Brüssel und Lüttich, wo er Praxiserfahrung bei bekannten Ärzten erworben hatte. Er erzählte ihr, wie genial der menschliche Körper eigentlich sei und wie die neuesten Untersuchungsmethoden die Welt der Medizin grundlegend verändern werden.“ S. 53. Elisabeth spürt die große weite Welt und glaubt, dass Guillaume ihr helfen wird, ihrer Welt zu entkommen, dabei ahnt sie nicht, dass er sie mehr brauchen würde, als sie ihn. Als er noch Student war: „Alle kannten ihn. Aber niemand wusste, wer er war.“ S. 127 Das weiß sie aber noch nicht, jedenfalls will sie sich diese Chance jetzt nicht entgehen lassen. Alles weiß sie nicht von ihm, aber sie heiraten und nachdem Namenlos erscheinen ist, scheint für Guillaume die Ehe zu Ende sein. Er zieht sich von Elisabeth zurück, will von dem zweiten Kind am liebsten nichts wissen. Später erfahren wir durch geschickte Rückblenden mehr über seine Herkunft, seine Erlebnisse und seine Obsessionen und die daraus resultierenden Schwierigkeiten und Psychosen während seiner Berufsausbildung.

Der Besuch des jungen Paares bei ihrer Mutter in Brüssel in Brüssel zwecks einer Erkundung, ob sie den beiden finanziell helfen wolle, wird zum Fiasko. Sie spricht vom „Plebs in den Bauerndörfern“, (S. 62) keinen Cent gibt es von ihr, und das war das einzige Treffen Elisabeths mit ihrer Schwiegermutter. Der Geburt Valentijns folgt Namenlos. So wie der Arzt sich von seiner Frau abwendet, gibt sie auch der Versuchung nach als der Jugendfreund Hendrik am Fenster erscheint. Dann ist da noch der eher etwas obskure Herr Funke, der Elisabeth lange mit Lesestoff versorgt, ohne andere Absichten. Nebenbei: „In Europa zerbrach die Welt.“ S. 108. „Krieg ist ein seltsames Tier. Es kriecht langsame in den Menschen hinein.“ S. 214 Die kurzen Sätze gehören zum Stil Van Steenberges. Manchmal geradezu feine präzise Aperçus, die die Handlung auf den Punkt genau kommentieren und zugleich die Spannung noch mehr erhöhen. Eine Art, die der Geschichte und damit dem Erzähler eine Art Objektivität verleihen. Nichts wird atemlos erzählt, ganz so als ob er sich Zeit nehmen würde, genau zu berichten. Das wird besonders deutlich, wenn sich Namenlos an seine Kindheit erinnerte, die später der Pfarrer verpfuschte. Aber er, der Namenlose, den alle für beschränkt hielten, lernte ungeheuer viel durch Beobachten und Zuhören: „Wenn es so vieles gibt, was man nicht kann, schult man den Rest umso mehr.“ S. 233 Ein Satz: „Niemand wusste, dass ich alles mithörte.“ S. 251 Seine Mutter hat ihm das Schreiben beigebracht: „Das fand ich immer sehr edelmütig von ihr.“ S. 240

Die verschiedenen Perspektiven, die mehr oder weniger Bekanntes also gar nichts bekanntes zu anderen Zeiten wiedererzählen, das ist es, was diesen grandiosen Roman so besonders auszeichnet, den Leser in die Geschichte hineinzieht, ihn nicht bis zur letzten Seite loslässt. Es ist ein Vergnügen, diesen Lesebericht zu verfassen und nur wenig über die eigentliche Handlung zu sagen. Bei einem ordinären Krimi, verrät man nicht, dass es der Gärtner war, hier schwanke ich zwischen dem Lob auf die Erzähltechnik, ja geradezu ein Räderwerk, eine Mechanik oder der Handlung selber, die durch die Blickwinkel und die Erinnerungen der Protagonisten so ungemein spannend präsentiert wird; beide zusammen sind der Schlüssel zum Verständnis dieses Buches, das aber durch die Empfindlichkeiten, Überzeugungen und Ticks der Personen gar nicht einfach auf einen Nenner zu bringen ist.

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Kris van Steenberge
> Verlangen. Roman
Klett-Cotta Roman aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert (Orig.:Woesten)
1. Aufl. 2016, 438 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98034-9

Lesebericht: J. R. R. Tolkien, Der Schmied, der Bauer und Tom Bomadil

Donnerstag, 4. August 2016

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Drei wunderschöne Märchen von J. R. R. Tokien. Drei bibliophil ausgestattete Ausgaben im kleinen Format stellen sie neu vor. Am besten selber lesen oder vorlesen, oder die drei Ausgaben verschenken, die werden für viele Kinder zu Lieblingsbücher werden.

> Der Schmied von Großholzingen erzählt in Tolkiens Fassung ein englisches Volksmärchens über einen Bäcker, der einen Feenstern in einen Kuchen einbackt. Und es komt, wie es kommen musst, der Sohn des Schmieds verschluckt den Feenstern. Man muss wissen, das Dorf Großholzingen hat eine alte Tradition. Dort wird alle 24 Jahre zu einem Fest geladen, aus dessen Anlass ein großer Kuchen gebacken wird, den sich 24 Kinder teilen dürfen. Ein riesiger Kuchen, vollständig in Zuckerguss getunkt. Es gilt nun, die in ihn verbackenen Dinge zu finden. Und eins von ihnen ist was ganz Besonders . Sein Finder bekommt den Zutritt in Land der Eleben. Der Schmied von Großholzingen war das letzte erzählerische Werk, das von Tolkien zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wurde.

> Die Abenteuer des Tom Bombadil erzählen von einem der geheimnisvollsten und und zugleich auch schönsten Figuren aus dem > Herrn der Ringe. Hier gibt es auch viele spielerische Gedichte, die die Hobbits selber erdacht haben sollen. Die Abenteuer des Tom Bombadil enhält diese in einer zweisprachigen Ausgabe mit Gedichten, die im Auenland am Ende des Dritten Zeitalters spielen. In diesem Band gibt es auch ein Fragment eines unbekannten Textes zu Tom Bombadil.

drache-bauer-gilesDer gefährliche > “ target=“_blank“>Drache Chrysophylax bedroht das Dorf Ham. Der Mut seiner Einwohner reicht nicht, um sie von dem Ungeheuer zu befreien. Aber der Bauern Giles, einer der echten Helden Tolkiens, kann Großes vollbringen und möchte doch so gar kein Held sein.

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Bauer Giles sieht kein bisschen wie ein Held aus. Von runder Statur, einen flammend roten Bart und im Grunde genommen macht er nichts lieber, als das ruhige und bequeme Leben zu genießen. Sein Sieg über den Drachen, macht ihn schlagartig im ganzen Land bekannt. Als der listige Drache Chrysophylax das Königreich heimsucht, muss der Bauer Giles anrücken. J.R.R. Tolkien veröffentlichte dieses klassische Märchen zwischen dem Hobbit und dem Herrn der Ringe.

J. R. R. Tolkien,
> Der Schmied von Großholzingen
Aus dem Englischen von Karl A.Klewer und Lisa Kuppler
1. Aufl. 2016, 249 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit zahlreichen Illustrationen von Pauline Baynes
ISBN: 978-3-608-96093-8

tolkien-tom-bombadilJ. R. R. Tolkien, >
> Die Abenteuer des Tom Bombadil
Aus dem Englischen übertragen von Ebba Margaretha von Freymann
1. Aufl. 2016, 195 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag,
zweisprachig, mit zahlreichen Illustrationen von Pauline Baynes
ISBN: 978-3-608-96091-4

tolkien-bauer-gilesJ. R. R. Tolkien,
> Bauer Giles von Ham
Aus dem Englischen übersetzt von Angela Uthe-Spencker und Susanne Held
1. Aufl. 2016, 241 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit zahlreichen Illustrationen von Pauline Baynes
ISBN: 978-3-608-96092-1

Weiterlesen: Gerhard Schweizer, Islam verstehen. Geschichte, Kultur und Politik

Dienstag, 2. August 2016

> Vortrag und Diskussion: Gerhard Schweizer, Syrien verstehen und 2 x Nachgefragt… 24. Februar 2017

Sommerpause? Angesichts der dringenden Probleme um uns herum müsste die eigentlich ausfallen. Alles dreht sich um > Syrien. Zu Recht mahnt Navid Kermani den Frieden für diese Region an, zu dem die > Türkei beitragen könnte, wenn sie nur nicht mit sich selbst so beschäftigt wäre. Und dann muss einiges zurechtgerückt werden, wenn vom > Islam gesprochen wird. Gerhard Schweizer erklärt dessen historische Grundlagen, die braucht man auch, um dessen Situation in Frankreich einschätzen zu können, zu der sich Manuel Valls geäußert hat:

schweizer-islam-verstehenGerade neu erschienen: Gerhard Schweizer, > Islam verstehen. Geschichte, Kultur und Politik; Der Titel dieses Buches ist klar und präzise. Hier werden Fakten zum Verständnis des Islams angeboten.

> Aufgeschlagen: Gerhard Schweizer, Islam verstehen. Geschichte, Kultur und Politik

Wir lesen weiter im Buch von Gerhard Schweitzer > Islam verstehen. Und wir empfehlen gleichzeitig auch den Beitrag von Navid Kermani, Was uns in dieser Lage möglich ist, FAZ, 2. August 2016, der die „weltpolitische Dringlichkeit einer Friedenslösung für Syrien und den Irak“ mit Recht unterstreicht: Dazu: > Gerhard Schweizer, > Syrien verstehen Geschichte, Gesellschaft und Religion.



Zur Türkei: > Arrival and doorstep DE (Steinmeier) 18.7.2016


Zum Thema Islam schlagen wir auch den Beitrag von Manuel Valls, der französische Premierminister, Ihnen zur Lektüre vor, dessen Artikel im Journal de Dimanche vom letzten Sonntag ein wichtiges, ein programmatisches Dokument ist:

Liest man Reaktionen in Frankreich und Deutschland nach den jüngsten Anschlägen wird zwar hier und dort Solidarität versprochen, man will einanderbeistehen, und dann die Sommerpause? Da kommt das Buch von Schweizer über den > Islam genau im richtigen Moment, etwas zurücklehnen und erstmal die Geschichte des Islam verstehen. Und dann die Ansatzpunkte für einen Friedensprozess finden.

> Sainte-Étienne de Rouvray

> Terror in Nizza

schweizer-islam-verstehen

Gerhard Schweizer

> Islam verstehen

1. Aufl. 2016, 610 Seiten, broschiert, mit Register

ISBN: 978-3-608-98100-1

Vom selben Autor:

Gerhard Schweizer,

> Syrien verstehen Geschichte, Gesellschaft und Religion

2. Aufl. 2015, 503 Seiten, broschiert

ISBN: 978-3-608-94908-7

> Lesebericht: Gerhard Schweizer, Syrien verstehen – 23. Februar 2016 von Heiner Wittmann

schweizer-tuerkei

Gerhard Schweizer
> Türkei verstehen. Von Atatürk bis Erdogan

1. Aufl. 2016, ca. 480 Seiten, broschiert
Erscheinungsdatum: 24.09.2016
ISBN: 978-3-608-96201-7

Der Blick ins Archiv:> Nachgefragt: Gerhard Schweizer, Die Türkei – 19.10.2008

Literatur – Sachbuch – Blog – Klett-Cotta
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