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Archiv für August 2016

Lesebericht: Gerhard Schweizer, Islam verstehen

Mittwoch, 31. August 2016

> Vortrag und Diskussion: Gerhard Schweizer, Syrien verstehen und 2 x Nachgefragt… 24. Februar 2017

schweizer-islam-verstehenGerhard Schweizer erweitert nach > Syrien verstehen seine Reihe mit dem Band > Islam verstehen. Eigentlich müsste der Band Christentum und Islam verstehen heißen, da Schweizer auch über die Geschichte des Christentums berichtet, insoweit wie sie notwendig ist, um Parallelen, Gegensätzen, gemeinsame Voraussetzungen und Trennendes zwischen ihnen zu erläutern. Da aber doch wieder „Geschichte, Kultur und Politik“ des Islams im Vordergrund stehen, passt der Titel, der eine spannende Lektüre für Neugierige verspricht, die über die Unterschiede zwischen Islam und Islamismus, Sunniten oder Schiiten mehr erfahren wollen.

Schweizer ist ein vorzügliches Buch gelungen, das Grundlagen vermittelt, historische Zusammenhänge sachgerecht erläutert und dazu beitragen könnte, die Diskussion um den Islam zu versachlichen. Schweizer verfügt über einen reichen Erfahrungsschatz, den er auf seinen Reisen durch die islamische Welt angesammelt hat. Er berichtet über Begegnungen und Ansichten seiner Gesprächspartner. Seine Darstellung hat auch den Vorteil sich auf viele nachprüfbare Quellen zu stützen, zu denen Sachbücher wie auch Werke der Literatur zählen.

Vor seinem Vortrag über Syrien am 23. Februar 2017 hatten wir ein Gelegenheit, Gerhard Schweizer nach seinem Buch > Islam verstehen zu befragen:

Nach der Lektüre orientieren wir unseren Lesebericht an dem Inhaltsverzeichnis des Buches: „Feindbilder – Klischees und Wirklichkeit“: „Den Islam gibt es nicht,“ (S. 17) schreibt Schweizer, „Gegenseitige Vorurteile“, „Was Christen und Muslime gemeinsam haben“ lauten die Überschriften der einleitenden Kapitel, von denen der Abschnitt „Was Christen und Muslime gemeinsam haben“ (S. 44-49) Hinweise auf gemeinsame Wurzeln des Islam und des Christentums enthält, wie Mohammed „die Traditionskette der ‚wahren‘ Propheten von Abraham über Moses noch über Jesus hinaus: zu sich als dem letzten, Höchsten Gottesboten“ (S. 47) verlängert.

Dem Kapitel „Die Zweiteilung der der Menschheit in Gläubige und Ungläubige“ das zugleich auch die Grenzen der islamischen Toleranz (S. 92-95) zeigt, folgt das Kapitel „Als der Islam über das Christentum triumphierte“. Schweizer erinnert daran, dass „Muslime über viel Jahrhunderte hinweg um Vieles toleranter und weltoffener waren als Christen,“ (S. 99) und berichtet über den bemerkenswerten kulturellen Aufschwung im 9. Jh. in den muslimischen Metropolen mit öffentlichen Schulen und Bibliotheken, während im christlichen Abendland noch bis ins 12. Jh. 95 % der Bevölkerung Analphabeten gewesen seien. (vgl. S. 98). Die Muslime wussten, wie sie das Erbe der griechisch-antiken Kultur weiterentwickeln konnten: (vgl. S. 102) Aber erst im Zeitalter der Aufklärung ist im Abendland eine Toleranz entstanden, die die der Muslime übertraf, (vgl. S. 540), nämlich des säkularen Staates.


freely-bagdadJohn Freely
> Platon in Bagdad
Wie das Wissen der Antike zurück nach Europa kam
„Mit dem Islam kam ein Schatz zurück nach Europa: das verlorene Erbe der griechischen Antike.
Ein Who is Who der Denker, Sterndeuter und Naturforscher: von den griechischen Anfängen über die Blütezeit der islamischen Gelehrsamkeit bis ins frühneuzeitliche Westeuropa.“ Klappentext
Aus dem Englischen von Ina Pfitzner (Orig.: Aladdin’s Lamp)
4. Aufl. in dieser Ausgabe 2015, 389 Seiten, broschiert, mit 28 Abbildungen und 2 Karten
ISBN: 978-3-608-94913-1


Dann folgt wieder der Blick zum Westen. Die islamische Toleranz hatte auch ihre Grenzen, „Christen als ‚irrende Schriftbesitzer'“ gehören zu den Stichworten in diesem Abschnitt: Die moderne Toleranz und ihre Vorläufer mit einer Interpretation der Ringparabel in Lessings Nathan der Weise. Zunächst nahm der Islam Impulse auf, bewahrte aber doch Grenzen: „Fortschritt und Rückschritt im Islam.“ Das Verharren des Islam in ganz konservativen Vorstellungen wird mit dem nächsten Kapitel „Kriege der Konfessionen unter den Muslimen“ erklärt. Die Gegensätze zwischen Sunniten und Schiiten gibt es seit dem 8. Jh. (vgl. S. 177): Auslöser war die Nachfolge im Amt Mohammeds. Jeder, der Araber und eine guter Muslim sei, schien den Sunniten als Kalif geeignet zu sine: Sunna = „herkömmlicher Weg“. Andere hielten dafür, nur ein Blutsverwandter des Propheten könne sein Nachfolger werden: also Abi ibn Abi Talib, der Gatte der Tochter Fatima des Propheten. Schiiten <= Schia „Partei“. Zudem bevorzugen Sunniten nur den Koran und Mohammeds mündlich überlieferten Aussagen Mohammeds, während die Schiiten zur Korandeutung auch die Aussagen des Kalifen Ali und seines Sohns hinzuziehen. Alle weiteren Gegensätze, die sich daraus entwickelte, tragen bis heute zu den politischen und sozialen Spannungen in der islamischen Welt bei, so auch in den letzten Jahren im Irak.

Im 16. Jahrhundert stießen Katholiken und Protestanten zusammen und lieferten sich einen erbitterte Krieg: „Krieg der Konfessionen unter Christen“. Die Abschnitte „Spaltungen im frühen Christentum“, „Katholizismus und Protestantismus“ bis zum Nordirland-Konflikt (S. 191-209) enthalten eine spannende Darstellung der Reformation und ihrer Bedeutung bis heute.


holland-schatten-schwertesTom Holland,
> Im Schatten des Schwertes
Mohammed und die Entstehung des arabischen Weltreichs
„Tom Holland erzählt den erstaunlichen Aufstieg der Araber im 7. und 8. Jahrhundert n. Chr. zu einer imperialen Macht. Mit stilistischer Brillanz und historischem Scharfsinn schildert er die ungeheure Dynamik, mit der der Islam in religiös-politischen Konflikten mit Juden und Christen die antike Welt von Grund auf veränderte.“ Klappentext
Aus dem Englischen von Susanne Held (Orig.: In the Shadow of the Sword)
3. Aufl. 2013, 532 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 16 S. farbiger Tafelteil, 9 Karten
ISBN: 978-3-608-94380-1


Abtrünnige werden im Islam nicht geduldet. Sie werden auch heute noch bestraft: „‚Abtrünnige‘ und ‚Ketzer‘ im Islam“. „Religiöse Minderheiten als Prüfsteine der Toleranz“: Hier geht es u. a. um „Die Vertreibung der Muslime aus dem christlichen Spanien“, es folgen weitere Kapitel über die Situation der Christen in Saudi-Arabien, im Libanon, in Ägypten, in der Türkei und im Sudan.

Es folgt noch ein eigenes Kapitel über die Juden unter muslimischer und christlicher Herrschaft und zur Geschichte ihrer leidvollen Unterdrückung, die schon im 4. Jh. mit Texten wie von Johannes Chrysostomos, Patriarch von Kontantinopel. (Vgl. S. 263)

Ein Ausgleich unter den Religionen ist schwierig: „Der Wille zum Dialog – und die Barrieren“. Es geht um Positionen der Katholiken und Protestanten sowie um die „politischen Hintergründe für den ‚Dialog'“ (S. 288 ff). Eine weitere große Barriere vor einer Verständigung seitens des Islam sind Materialismus und Atheismus. (Vgl. S. 290): „Moderne Krise: der Fundamentalismus“. Der „Fundamentalismus“ als Begriff sei um 1910 in den USA entstanden, berichtet Schweizer vgl. S. 300 ff) und habe sich als „religiöser Fundamentalismus“ zum Ausdruck einer „Krise der Moderne“ entwickelt, die in sich die Angst vor Orientierungsverlust ausdrücke. Diese Passage zeigt, wie nützlich Schweizers perfekte Kenntnis der arabischen Welt für dieses Buch ist. Er spricht nicht nur, wie dies in unseren Medien oft schablonenhaft passiert vom Fundamentalismus, sondern legt eine kurzgefasste Begriffsgeschichte des Fundamentalismus vor: Er weiß sehr wohl, dass Muslime diese Bezeichnung nicht schätzen Radikale Gruppen, die auf die ursprüngliche Form des Islams pochen, nennen sich „Islamiyun (‚Islamisten‘) und ihre Bewegung Islamiya (‚Islamismus‘)“ (S. 301) Damit wollen sie, so Schweizer, als „‚wahre Gläubige'“ von der der Masse gedankenloser Gläubiger unterscheiden. Dennoch sind Denkansätze, die eine Form des Erkennens als wahr bezeichnen, ohne Widersprüche zu dulden, als fundamentalistisch zu bezeichnen. Vgl. ib.


Den Islam verstehenwww.france-blog.info 2. August 2016 von H. Wittmann
Es geht darum, die Bezüge zwischen dem Islam und dem Dschihadismus zu verstehen. Wie kann man die Radikalisierung Einzelner oder von Gruppen erkennen und verhindern? In seinem Beitrag für das Journal du Dimanche schreibt Premierminister Manuel Valls:…


Danach untersucht Schweizer „Modellfälle des Islam“: Algerien, Iran, Afghanistan, Türkei und Indonesien. Folgt ein „Kampf der Kulturen“ fragt er im folgenden Kapitel „Terrorismus, die andere Art von Krieg“? – In diesem Zusammenhang passt die Erinnerung an eine Vorlesung im Fach Politische Wissenschaften von Professor Hans-Adolf Jacobsen in Bonn, der einmal an die Wandtafel im Hörsaal alle Facetten des Ost-West-Konflikts mit ihren Problemen der gegenseitigen Perzeptionsvorstellungen in einem eindrucksvollen Schaubild darstellte. So trägt auch Schweizer alle Elemente zusammen, wie die Konfessionen im Dialog zwischen christlichem Abendland und der islamischen Welt sich sehen. Es ergibt sich bei der Lektüre seines Buches in der Vorstellung des Lesers ein Panorama der unterschiedlich zu gewichtenden Perzeptionen, wie bestimmte religiöse Interpretationen oder Wahrheiten von der Gegenseite als Bedrohung aufgefasst werden. Versteht man, dass Ultra-Ortodoxe im Islam nichts von Auslegungen der islamischen Wahrheit wissen wollen, sondern Interpretationen des Islams „eher als Auslöser des Niedergangs als de Aufstiegs“ verstehen, können Bedingungen für den Dialog besser eingeschätzt werden. (Vgl. S. 319) Noch ein Beispiel Scharia bedeute „Richtung eines Weges“, erklärt Schweizer, eigentlich „Gesetz“ und komme nur in der 45. Sure vor. Später wurde sie ausdifferenziert, und als Menschenwerk könne sie folglich auch verändert werden, aber in diesem Punkt gibt es erbitterte Gegensätze beispielsweise saudi-arabischen Wahhabiten und türkischen Islamisten. (vg. 321) Die Trennung politischer Funktionen von der religiösen Sphäre erscheint Islamisten als ein besonders schwerer Fehler. (vgl. S. 329)

Vgl. 110. Jahrestag des Gesetzes über die Trennung von Kriche und Staat in Frankreich


gideon-boess-deutschland-götter> Vorgefragt: Gideon Böss, Deutschland, deine Götter – 21. März 2016 von Heiner Wittmann
„Eine Reise zu Kirchen, Tempeln, Hexenhäusern hat Gideon Böss unternommen, und die Ergebnisse stehen in einem Buch > Deutschland, deine Götter, das gerade bei TROPEN erschienen ist. 26 Stationen. 26 Religionsgemeinschaften hat Böss besucht, um herauszufinden, woran sie glauben, und ob man dort sein Seelenheil finden könnte….“ Sattion 22: Schiiten S. 322-334, Station 23: Aleviten, S. 334-348.
Gideon Böss,
> Deutschland, deine Götter
Eine Reise zu Kirchen, Tempeln, Hexenhäusern
1. Aufl. 2016, 398 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-608-50230-5


Was macht aber nun den Islam zu einer besonderen Zielscheibe? fragt der Autor, zitiert die Angst vor ‚Überfremdung‘: „Muslimische Zuwanderer in Europa – ein Gefahr?“ Die Voraussetzungen für eine friedliche Entwicklung im 21. Jahrhundert sind nicht gut. Irak mit der gescheiterten Strategie der Amerikaner und dem Aufstand der Sunniten, der Bürgerkrieg in Syrien, das Entstehen der Terrororganisation die sich „Islamischer Staat“ nennt, das Scheitern des „Arabischen Frühlings“: „Die gefährliche Dimension des 21. Jahrhunderts“. Danach fragt der Autor, ob eine „islamische Moderne“ möglich sei und nennt die „Reibungspunkte mit der westlichen Moderne.“

Dieses Buch richtet sich an alle, die die Tragweite der politischen Diskussionen von heute um einen Dialog mit dem Islam verstehen wollen. Es geht auch darum, Perspektiven zu erkennen, wie Muslime selber dem Missbrauch ihrer Religion durch fanatisierte Terroristen in ihren Reihen entgegentreten können. Wie kann man mit den betroffenen islamischen Staaten in ein Gespräch über die Radikalisierung einzelner von Gruppen kommen? Grundkenntnisse über die Geschichte des Islams und seine Bedeutung als Religion für die islamische Welt sind dabei unabdingbar. Schweizer liefert dazu eine wichtige Grundlage. Mit Hilfe unzähliger Kurzbiogaphien erläutert er die verschiedenen Strömungen im Islam , erläutert Widerstände und zeigt Perspektiven für Entwicklungen auf.

schweizer-islam-verstehen schweizer-syrien-verstehen schweizer-tuerkei-verstehen
Gerhard Schweizer,
> Islam verstehen. Geschichte, Gesellschaft, Kultur und Politik
1. Aufl. 2016, 610 Seiten, broschiert, mit Register
ISBN: 978-3-608-98100-1
Gerhard Schweizer,
> Syrien verstehen Geschichte, Gesellschaft und Religion
2. Aufl. 2015, 503 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-608-94908-7
Gerhard Schweizer
> Türkei verstehen.
Von Atatürk bis Erdogan
1. Aufl. 2016, ca. 480 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-608-96201-7

Muss man das Urheberrecht beschränken?

Dienstag, 30. August 2016

Ergänzung:

> Appell der Hochschullehrer und Verlage: „Bildung und Wissenschaft durch ein funktionierendes Urheberrecht stärken“
Montag, 7. November 2016

Gemeinsame Erklärung des Deutschen Hochschulverbands, der Arbeitsgemeinschaft wissenschaftlicher Verleger, des Verband Bildungsmedien und des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels zu geplanten Urheberrechtsreformen im Bildungs- und Wissenschaftsbereich


Die digitale Welt auf unserem Blog:

> Das Internet ist nicht das Ende der Bibliotheken

> Gare à la gratuité scientique ! www.france-blog.info

> Wissen und Nicht-Wissen im digitalen Zeitalter und das Ende der Zeitung

> Digital und kostenlos? Open Access

> Schwerpunkt: Die Gegenwart des Digitalen
Merkur 788 – Januar 2015 im neuen Gewand

> Welttag des Buches: Das Urheberrecht ist ein hohes und schützenswertes Gut france-blog.info 22. April 2014 von H. Wittmann

> Französische Botschaft lud zum Forum „Zukunft des Buches, Zukunft Europas“ – > www.france-blog.info

> Erklärung „Zukunft des Buches – Zukunft Europas“ von Deutscher Kulturrat, Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Syndicat national de l’édition und Syndicat de la Librairie Française

> Zahlt Google? Die Arbeit der Autoren und das Urheberrecht

> Sollen öffentlich geförderte Forschungsergebnisse wirklich kostenlos sein?

Vor einigen Jahren saß ich auf der Rückfahrt von einer Tagung in einem ICE. Bei einem Halt kamen zwei neue Fahrgäste in das Abteil. Sie kramte in ihrer Tasche und hielt ihrem Freund einen USB-Stick hin: „Hier sind alle Bücher für das Semester drauf“, und drückte den Stick ihrem Freund in die Hand. Irgendwie kamen wir ins Gespräch, und das Wort Urheberrecht fiel, und mein Blick galt dem Stick. Sie bemerkte meinen Blick, schien aber keinerlei Verbindung zwischen Urheberrecht und Stick herstellen zu wollen oder zu können.

Jetzt steht in einer > Studie über die „Bildungs- und Wissenschaftsschranke“, die das BMBF in Auftrag geben habt: „Aus wohlfahrtsökonomischer Sicht ist zudem anzumerken, dass der gesamtgesellschaftliche Nutzen auch dadurch steigt, dass mit den eingesetzten Mitteln mehr Nutzer einfacher auf Publikationen zugreifen können.“ S. 9 – Ob das auch für die Süßwaren eines bekannten Bonner Herstellers gelten würde? Je kostenloser, umso mehr wird davon konsumiert? Wie geht das? Man begrenzt einfach die Kosten oder schafft die Rechte des Urhebers ab: „Urheberrechtliche Schranken begrenzen das Recht des Urhebers einer geistigen Leistung an der alleinigen Nutzung und erlauben somit Nutzungen der Werke durch Dritte ohne Einwilligung des Rechteinhabers.“ loc. cit., S. 12.

Der Reihe nach:

Adrian Lobe macht in seinem Artikel in der FAZ > Urheberrechtsdebatte. Lehrbücher sind der Frau Ministerin unbekannt vom 23.8.2016 sehr zu Recht einige kritische Anmerkungen zu der vom Bundesministerium für Forschung und Bildung (BMBF) in Auftrag gegebenen Studie > Ökonomische Auswirkungen einer Bildungs- und Wissenschaftsschranke im Urheberrecht, die Professor Justus Haucap, der einen Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre an der Universität Düsseldorf innehat, kürzlich herausgegeben hat.

Es geht um die Reform des Urheberrechts, die die Bundesregierung im Koalitionsvertrag angekündigt hat. Diese Reform soll auch eine „allgemeine Bildungs- und Wissenschaftsschranke“ einführen. Lobe erläutert in der FAZ, es gehe um Texte, die dem Unterricht und der Forschung dienen, sie sollen frei kopierbar sein. „Beim Wort genommen,“ so Lobe, „läuft sie ( i.e. die Studie von Haucap) auf eine Abschaffung des Urheberrechts hinaus.“ So tatsächlich das Ergebnis der Studie Haucaps, die sich vor allem auf die Befragung von Bibliotheken stützt, um von ihnen Usancen des Nutzerverhaltens zu ergründen.

In diesem Blogbeitrag geht es vor allem um die Kritik an der Idee der Schranke. Die Kosten für die Beschaffung der Informationen, das Schreiben, das Lektorieren, die Herstellung, die Werbung in all ihren Formen, Reisen und Vorträge eingeschlossen und dann noch die die Übersetzung > eines wissenschaftlichen Buches sind so exorbitant hoch, dass einem dabei normalerweise gar nicht einfallen dürfte, danach zu fragen, ob man daraus für umme ein Kapitel kopieren und den Studenten zur Verfügung stellen dürfte. Heute machen das viele, stehlen gar das ganze Werk als PDF-File, publizieren es online und andere oder dieselben klagen darüber, dass das Urheberrecht Stückwerk sei und der neuen Online-Welt nicht angepasst sei? Und der Autor? Er wird nicht mehr gefragt. Der Staat führte kleine Lockerungen ein, setzte dem Urheberrecht Grenzen, und diese Grenzen, Schranken sollen immer größer werden. Autoren müssen aber das Recht behalten, selbst zu entscheiden, wem sie die Publikation ihrer Werke anvertrauen, und ob das online oder in der normalen Printwelt erfolgen soll. Wenn ihnen die Entscheidung abgenommen wird, wenn der Staat die Regeln definiert, wo wer etwas kostenlos zu publizieren habe, geht Vertrauen und ein Stück der Freiheit der Wissenschaft verloren. Befürworter der Schranken rufen, es werden mehr Leser erreicht, ihre Gegner berichten zu Recht von steigenden Kosten der Verlage, geringeren Absätzen mit all ihren Folgen.

Schranken dienen dazu, den Verkehr unter bestimmten Umständen anzuhalten, etwa an Bahnübergängen. Die „Bildungs- und Wissenschaftsschranke“ von der hier die Rede ist, soll nicht die Zirkulation des Wissens beschränken, sondern die Geltung des Urheberrechts. Warum? Die Schulen und auch die Universitäten haben naturgemäß schmale Mittel, um bei den Verlagen Druckerzeugnisse einzukaufen. Das Bundesministerium für Forschung und Bildung (BMBF) kennt das Problem und schreibt am 12.08.2016 auf seiner Website unter der Überschrift > Urheberrecht im Dienst der Wissenschaft: „Kann ein Arbeitsblatt im Intranet der Schule eingestellt werden? Kann die Bibliothek einen Aufsatz per E-Mail versenden? Darf ein Dozent einen Text auf der Lernplattform der Universität anbieten? Der Umgang mit urheberrechtlich geschützten Materialien ist für Wissenschaftler und Lehrende oft frustrierend. Viele Nutzer beklagen rechtliche und praktische Hürden durch das Urheberrecht.“ Hürden sind das Urheberrecht, das den Autoren und den Verlagen einen Schutz ihrer Erzeugnisse vor Raubkopien und ein völlig legitimes Einkommen für ihre Arbeit sichert. Auch Brötchen kosten etwas, und ihr Preis ist eine Hürde vor dem Verzehr.

Das Reformverfahren um das Urheberrecht wird durch das technisch Machbare geprägt. Die Geschichte ist dieser Reformen, die sukzessiven Körbe ist die Geschichte er steten Aushöhlung des Urheberrechts. Die von Haucap herausgegebene Studie illustriert dieses Verfahren auf eine nahezu als ehrlich zu bezeichnende Vorgehensweise: Lesen wir im Kapitel

„4.3.3 WIEDERGABE VON WERKEN AN ELEKTRONISCHEN LESEPLÄTZEN IN ÖFFENTLICHEN BIBLIOTHEKEN, MUSEEN UND ARCHIVEN NACH
§ 52B URHG

Gemäß § 52b UrhG haben öffentlich zugängliche Bibliotheken (zusammen mit Museen und Archiven) das Recht, Werke aus dem eigenen Bestand in Gänze zu digitalisieren und ihren Nutzern zum Zwecke der Forschung und privaten Studien an elektronischen Leseplätzen zugänglich zu machen. Voraussetzung ist, dass die Bibliothek weder einen mittelbaren noch unmittelbaren wirtschaftlichen Erwerbszweck verfolgen.“ (S. 33) Soweit der aktuelle Sachstand. Jetzt folgt eine Analyse, wie die Bibliotheken in dieser Situation sich verhalten – oder sich im Sinne der Befürworter der Schranke verhalten sollten: „Obwohl anzunehmen ist, dass wissenschaftliche Bibliotheken grundsätzlich ein Interesse daran haben dürften, oft nachgefragte bzw. ausgeliehene Bücher sowie alte Bücher zu digitalisieren, um sie einer größeren Nutzerzahl gleichzeitig zur Verfügung stellen zu können, ist anhand der Abbildung 6 zu erkennen, dass von der Schrankenregelung fast kein Gebrauch gemacht wird: 85 % der großen Hochschulen, 88 % der mittleren Hochschulen und 82 % der kleinen Hochschulen gaben an, auf die Wiedergabe von Werken an elektronischen Leseplätzen zu verzichten. Nur knapp 8 % der großen Hochschulen, ca. 4 % der mittleren Hochschulen und etwa 2 % der kleinen Hochschulen teilten mit, „sehr häufig“ oder „oft“ von der Schrankenregelung Gebrauch zu machen.“ S. 33 Die Folgerung, die Regelung in §52b Urhg scheint Wissenschaftler dazu zu bringen, die Möglichkeiten der Schranke nicht zu nutzen: „Die in § 52b UrhG niedergeschriebene Bestandsakzessorietät, wonach nur so viele Werke an elektronischen Leseplätzen gleichzeitig zugänglich gemacht werden, wie der physische Bestand der Bibliothek umfasst, reduziert zusätzlich den Anreiz der Wissenschaftler, den Informationsbeschaffungsaufwand bzw. die Informationsbeschaffungskosten auf sich zu nehmen, da die Verfügbarkeit des elektronischen Leseplatzes mit Unsicherheit behaftet ist.“ S. 34 Das diese Argumentation zum Bestandteil der Forderung nach einer Neuregelung und Erweiterung der Schranke führen wird, ist hier zu ahnen.

Man darf hier auch anmerken, dass es kaum um richtige Bibliotheksarbeit geht, da deren Bestände auch heute noch zu einem relativ geringen Grad digitalisiert sind. Es geht ganz bestimmt um nicht rechtefreie Werke, also die die eigentlich dem Urhebrrecht unterliegen.

Haucap stellt fest: „Die Erhebung unter Bibliotheken hat gezeigt, dass aktuell geltende Schranken – hier sind insbesondere die § 52a UrhG, § 52b UrhG sowie § 53a UrhG zu nennen – kaum zur Anwendung kommen. Ursächlich hierfür sind vor allem die vielen offenen Auslegungsfragen bei den Bibliotheken. Um ihrem Auftrag, die Wissenschaft mit Informationen zu versorgen, auch vor dem Hintergrund einer wachsenden Anzahl von Publikationen, nachkommen zu können, wünschen die Bibliotheken, dass im Zuge der Urheberrechtsreform nicht nur die Rechtssicherheit sichergestellt wird, so dass die Praktikabilität der Urheberrechtsschranken gewährleistet ist, sondern die Schranken des Urheberrechts auch erweitert werden.“ S. 96

Tenor der Studie von Haucap: Der Fortschritt darf nicht aufgehalten werden. „Regelmäßig werden durch die Digitalisierung entstehende neue Nutzungsarten von den existierenden Vorschriften nicht erfasst. Diese mangelhafte Flexibilität kann dazu führen, dass die Chancen der Digitalisierung in Bildung sowie Wissenschaft und Forschung nicht immer optimal genutzt werden können. Dies soll durch die Einführung einer allgemeinen Wissenschafts- und Forschungsschranke verbessert werden,“ S. 12, so die Studie von Haucap. Wir wollen ja alle zusammen modern sein und unsere Umwelt soweit wie möglich digitalisieren, da mag keiner im Wege stehen, also müssen die Verlage Federn lassen, die werden das schon kompensieren, so kann diese Forderung der Studie verstanden werden. Zwischenruf. Wieso hat das BMBF einen Wissenschaftler beauftragt, die Auswirkungen der Begrenzung des Urheberrechts zu untersuchen, anstatt den Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller um eine solche Studie zu bitten? Hätte dieser Verband seine Stellungnahme auch so angelegt wie Haucap dies gemacht hat: „Ausgangspunkt der Untersuchung bildet die Datenerhebung durch die Befragung wissenschaftlicher Bibliotheken und hauptamtlich geführter Stadtbibliotheken.“ S. 12

Nochmal zurück zum Artikel von Adrian Lobe in der FAZ: Dort heißt es im 2. Absatz: „Das Urheberrecht steht in einem Spannungsverhältnis zum öffentlichen Bildungsauftrag. Einerseits soll es die Verfügbarkeit geschützter Werke im Unterricht erhöhen und Wissensmonopole verhindern. Andererseits soll es den legitimen Verwertungsinteressen der Autoren und Verlage Rechnung tragen.“ Ich hätte geschrieben „Einerseits soll das Urheberrecht den legitimen Verwertungsinteressen der Autoren und Verlage Rechnung tragen, andererseits soll der Bildungsauftrag die Verfügbarkeit geschützter Werke im Unterricht erhöhen und Wissensmonopole verhindern.“ So o. ä. wird deutlich, worin das Spannungsverhältnis besteht. Das zu betonen ist aber nicht so notwendig, da es völlig evident ist. Kunden möchten Produkte erwerben und müssen dafür etwas bezahlen, möchten sie nichts bezahlen, so entsteht ein Spannungsverhältnis; das muss nicht extra betont werden. Indem dieses Sapnnungsverhältnis so umständlich zitiert wird, wird die Methode der Schrankenwärter verdeutlicht: Lobe kleidet nur in andere Worte, was das Ministerium anmerkt, neue Technologien, haben Hürden offengelegt, die bekannt sind, und nur wenn das Urheberrecht in bestimmten Fällen abgeschafft wird, sind die Kunden wieder zufrieden: Nchmal das BMBF auf seiner Website: „Eine Bildungs- und Wissenschaftsschranke könnte Abhilfe schaffen. Wie der Begriff schon suggeriert, beschränkt sie das Urheberrecht, so dass Materialien leichter genutzt werden könnten – vom Versand elektronischer Kopien durch Bibliotheken bis hin zur automatisierten Auswertung ganzer Editionen, um etwa besonders häufig auftretende Formulierungen in Texten zu finden.“ (ib.)

Lobe hat wieder völlig Recht, wenn er den Kern der Untersuchung von Haucap freilegt: „Der Grundton für die weitere Exegese ist gesetzt: Auf Verlage und Autoren ist bei dem anstehenden Gesetz keine Rücksicht zu nehmen. Denn auch wenn sie ihre Werke kostenlos zur Verfügung stellen müssten, nähmen sie keinen Schaden, weil sie, wie es weiter heißt, „ihre Marktmacht dazu nutzen werden, Absatzverluste . . . durch Preiserhöhungen . . . zu kompensieren“. Marktmacht? Nein es sind schlichte wirtschaftliche Überlegungen, die Preiserhöhungen auslösen müssen.

Lesen wir das Kapitel „9.2 Auswirkungen der Erweiterung der Schrankenregelungen auf Publikationsanreize der Wissenschaftler.“ Ich hätte die Überschrift so formuliert: 9.2. Auswirkungen der Einschränkung des Urheberrechts auf die Publikationsanreize für Wissenschaftler.“ „Erweiterung“ klingt immer so positiv, als wolle man den Autoren etwas Gutes tun. „In diesem Zusammenhang ist zunächst festzuhalten, dass die Autoren Urheber sind.“ (S. 99) Im folgenden wird sein Verhältnis zu seinem Verlag untersucht und die Studie kommt hier zu dem Schluss, dass die Schranke für das Urheberrecht die Publikationsanreize für Autoren nicht tangieren werde. Der Grund dafür wird auch genannt, die Autoren würden ihre Werke in der Regel nicht selbst verwerten. Diese Argumentation war schon die Zielscheibe für den Heidelberger Appell von Roland Reuß > Für Publikationsfreiheit und die Wahrung der Urheberrechte, der u.a. seine Kritik gegen die Vorschriften richtet, wo und welchen Umständen ein Autor seien Werke zu publizieren habe oder gar der kostenlosen Verwertung seine Werke zu akzeptieren habe: Vgl. > Urheberrecht: Digital heißt nicht rechtlos – 26. April 2009 von Heiner Wittmann.


> Lesebericht: Johann Friedrich Cotta, Ein Leben für die Literatur – 11. Mai 2009 von Heiner Wittmann >>>

„Vom 1. Dezember 1787 bis zu seinem Tod am 29. Dezember 1832 hat Johann Friedrich Cotta die J. G. Cotta’sche Buchhandlung geführt. Dreiundzwanzig war er, als er den Verlag mit zwanzig Gulden in der Tasche übernahm. Peter Käding hat über ihn und seine Verlegerkarriere eine wundervolle Biographie verfasst: > Johann Friedrich Cotta. Der Verleger der deutschen Klassik: Die Hand über der ganzen Welt.…“ Wie flüchtig wären die Titel seines Verlages als E-Books gewesen, das gedruckte Wort hat seinem Unternehmen und den von ihm betrauten Autoren diesen Erfolg beschert. Nebenbei zeigt Käding in beeindruckender Weise, welche Aufgaben ein Verleger hat, den die Online-Welt sich manchmal gar nicht mehr vorstellen kann. Es genügt eben nicht, mit copy und paste ein E-Book eben mal herzustellen.


Das Urheberrecht soll in erster Linie den Autor und sein Werk vor Raubkopien schützen. Ich als Autor gestatte einem Verlag, > meine Werke zu nutzen und es unter bestimmten Formen zu veröffentlichen. Dazu schließen wir einen Verlagsvertrag, der dem Verlag eine bestimmte Nutzungsform an meinem Eigentum einräumt, sprechen über Konditionen, die Höhe der Tantiemen, die Veröffentlichungsformen, online zum unentgeltlichen Verteilen für alle oder nur offline, etc., alles das was ich mir vom Staat nicht vorschreiben lassen möchte. Ich höre schon diejenigen, die öffentliche Gelder als Argument für eine Gratiskultur in der Wissenschaftspublizistik ansehen. Ihnen sei gesagt, wie ich es kürzlich schon in einem Kommentar auf FB wiederholt habe, dass es überhaupt keinen Grund dafür gibt, dass wissenschaftliche Arbeiten, die mit Steuergeldern gefördert werden, kostenlos zu haben sein sollten. Für jeden Wissenschaftler sind Steuergelder nur ein sehr geringer Anteil an seinen persönlichen Investitionen, die er aufgebracht hat, um überhaupt als Wissenschaftler arbeiten zu können. Verfechter der Gratiskultur unterschätzen die Arbeit der Verlage und die Aufbereitung wissenschaftlicher Publikationen, das ist weit mehr als nur copy und paste. Neue Nutzungsformen online sind überhaupt kein Grund dafür, das Urheberrecht einzuschränken, Autoren und Verlage zu enteignen. Die im FAZ Artikel von Lobe zitierte Untersuchung hat Bibliotheken nach den Gewohnheiten ihrer Nutzer gefragt, vergisst aber die berechtigten Interessen der Autoren und erwähnt nur am Rande die Verlage. Sucht man nur Bestätigungen für die Enteignung?

Stichwort: > Copyright: Worin unterscheidet es sich vom Urheberrecht? – auf der Website > www.urheberrecht.de

Bisher sind die Befürworter von Begrenzungen des Urheberrechts eine stichhaltige Antwort auf die Frage, wieso die Arbeit der Verlage und damit der Autoren aus Gründen der so praktischen Online-Verwertung der Werke nicht mehr vergütet werden soll, schuldig geblieben? Der Verweis auf die Mechanismen der VG-Wort und ähnlicher Kompensationen für entgangene Einnahmen ist unzureichend, schließlich wird die Arbeit der Verlage ja nicht gemietet, wie ein Wohnung, wo ein Nutzungsrecht für eine Pauschale erhältlich ist.

Als grotesk bezeichnet Lobe es wiederum zu Recht, wenn Haucap in seiner Studie auf S. 118 unter Berufung auf einem Untersuchung von Schmidt, > Urheberrechtsverletzungen in der Digitalen Netzoekonomie, ( = Inauguraldissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln 2012), S. 122 feststellt: „Urheberrechtsverletzungen können auch eine rationale Entscheidung sein, die auf dem besseren Kosten-Nutzen-Verhältnis von illegalem Medienkonsum basiert.“ Andreas J. Schmidt schreibt: „Einen zweiten Ansatz liefert die ökonomische Theorie der Kriminalität, nach der die Urheberrechtsverletzungen eine rationale Entscheidung aufgrund des besseren Kosten-Nutzen-Verhältnisses von illegalem Medienkonsum anstatt legalem ist.“ ib. S. 122. So sind die Dinge wieder ins rechte Licht gerückt.

Nochmal. Nein, aus Gründen der Praktikabilität des Online-Kopierens muss man das Urheberrecht nicht beschränken, man muss auch in diesem Zusammenhang die Verlage nicht enteignen. Warum sollen meine > Bücher als PDF zum beliebigen Kopieren im Internet kursieren? Dem habe ich nie zugestimmt, und das ist nichts anderes, als wenn Studenten in der UB die Arbeit auf einen Stick kopieren dürfen und ihren Kommilitonen einfach so in die Hand drücken.

Lesebericht: Kris van Steenberge, Verlangen. Roman

Sonntag, 28. August 2016

steenberge-verlangen

Elisabeth, die Tochter des Schmieds, sehnt sich danach, ihrem Heimatdorf Woesten zu entkommen. Sie versucht, sich Bildung anzueignen und heiratet den jungen Arzt Guillaume Duponselle. Als kurz darauf Zwillinge zur Welt kommen, ist der Zweitgeborene so entstellt, dass der Vater sich weigert, ihm einen Namen zu geben. Doch Namenlos überlebt, wird verachtet und weiß durch seine Beobachtungsgabe über alle mehr, als sie über sich selbst.

In dem belgischen Dörfchen Woesten, in der Nähe von Ypern, erwarten die Duponselles Zwillinge. Valentijn kommt gesund und munter zur Welt, aber sein Bruder hat ein verunstaltetes Gesicht. Einen Namen bekommt er nicht, man nennt ihn Namenlos. Valentijn kommt überall gut an, aber Namenlos wird von allen geschnitten, er versteht sehr wohl, dass sein eigener Vater ihn möglichst nicht sehen will. Der Erste Weltkrieg verändert in Woesten alles. Elisabeth wird ermordet und dieses Ereignis macht Van Steenberges Roman zu einem spannenden Krimi. Falsche Verdächtigungen aufgrund des Dorfflurfunks zerstören Existenzen, und nur weil der Autor die Protagonisten reihum aus über die Jahre hinweg aus ihrer Perspektive erzählen lässt, kommt allmählich die Wahrheit ans Licht. Die Wahrheit kommt immer irgendwann ans Licht.

Kris Van Steenberge ist es gelungen, einen ungemein fesselnden Roman zu verfassen. Elisabeth würde gerne ihr Dorf verlassen. Bei einem Diner lernt sie den jungen Arzt Guillaume Duponselle kennen. Er fasziniert sei: „Er erzählte von Brüssel und Lüttich, wo er Praxiserfahrung bei bekannten Ärzten erworben hatte. Er erzählte ihr, wie genial der menschliche Körper eigentlich sei und wie die neuesten Untersuchungsmethoden die Welt der Medizin grundlegend verändern werden.“ S. 53. Elisabeth spürt die große weite Welt und glaubt, dass Guillaume ihr helfen wird, ihrer Welt zu entkommen, dabei ahnt sie nicht, dass er sie mehr brauchen würde, als sie ihn. Als er noch Student war: „Alle kannten ihn. Aber niemand wusste, wer er war.“ S. 127 Das weiß sie aber noch nicht, jedenfalls will sie sich diese Chance jetzt nicht entgehen lassen. Alles weiß sie nicht von ihm, aber sie heiraten und nachdem Namenlos erscheinen ist, scheint für Guillaume die Ehe zu Ende sein. Er zieht sich von Elisabeth zurück, will von dem zweiten Kind am liebsten nichts wissen. Später erfahren wir durch geschickte Rückblenden mehr über seine Herkunft, seine Erlebnisse und seine Obsessionen und die daraus resultierenden Schwierigkeiten und Psychosen während seiner Berufsausbildung.

Der Besuch des jungen Paares bei ihrer Mutter in Brüssel in Brüssel zwecks einer Erkundung, ob sie den beiden finanziell helfen wolle, wird zum Fiasko. Sie spricht vom „Plebs in den Bauerndörfern“, (S. 62) keinen Cent gibt es von ihr, und das war das einzige Treffen Elisabeths mit ihrer Schwiegermutter. Der Geburt Valentijns folgt Namenlos. So wie der Arzt sich von seiner Frau abwendet, gibt sie auch der Versuchung nach als der Jugendfreund Hendrik am Fenster erscheint. Dann ist da noch der eher etwas obskure Herr Funke, der Elisabeth lange mit Lesestoff versorgt, ohne andere Absichten. Nebenbei: „In Europa zerbrach die Welt.“ S. 108. „Krieg ist ein seltsames Tier. Es kriecht langsame in den Menschen hinein.“ S. 214 Die kurzen Sätze gehören zum Stil Van Steenberges. Manchmal geradezu feine präzise Aperçus, die die Handlung auf den Punkt genau kommentieren und zugleich die Spannung noch mehr erhöhen. Eine Art, die der Geschichte und damit dem Erzähler eine Art Objektivität verleihen. Nichts wird atemlos erzählt, ganz so als ob er sich Zeit nehmen würde, genau zu berichten. Das wird besonders deutlich, wenn sich Namenlos an seine Kindheit erinnerte, die später der Pfarrer verpfuschte. Aber er, der Namenlose, den alle für beschränkt hielten, lernte ungeheuer viel durch Beobachten und Zuhören: „Wenn es so vieles gibt, was man nicht kann, schult man den Rest umso mehr.“ S. 233 Ein Satz: „Niemand wusste, dass ich alles mithörte.“ S. 251 Seine Mutter hat ihm das Schreiben beigebracht: „Das fand ich immer sehr edelmütig von ihr.“ S. 240

Die verschiedenen Perspektiven, die mehr oder weniger Bekanntes also gar nichts bekanntes zu anderen Zeiten wiedererzählen, das ist es, was diesen grandiosen Roman so besonders auszeichnet, den Leser in die Geschichte hineinzieht, ihn nicht bis zur letzten Seite loslässt. Es ist ein Vergnügen, diesen Lesebericht zu verfassen und nur wenig über die eigentliche Handlung zu sagen. Bei einem ordinären Krimi, verrät man nicht, dass es der Gärtner war, hier schwanke ich zwischen dem Lob auf die Erzähltechnik, ja geradezu ein Räderwerk, eine Mechanik oder der Handlung selber, die durch die Blickwinkel und die Erinnerungen der Protagonisten so ungemein spannend präsentiert wird; beide zusammen sind der Schlüssel zum Verständnis dieses Buches, das aber durch die Empfindlichkeiten, Überzeugungen und Ticks der Personen gar nicht einfach auf einen Nenner zu bringen ist.

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Kris van Steenberge
> Verlangen. Roman
Klett-Cotta Roman aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert (Orig.:Woesten)
1. Aufl. 2016, 438 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98034-9

Lesebericht: J. R. R. Tolkien, Der Schmied, der Bauer und Tom Bomadil

Donnerstag, 4. August 2016

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Drei wunderschöne Märchen von J. R. R. Tokien. Drei bibliophil ausgestattete Ausgaben im kleinen Format stellen sie neu vor. Am besten selber lesen oder vorlesen, oder die drei Ausgaben verschenken, die werden für viele Kinder zu Lieblingsbücher werden.

> Der Schmied von Großholzingen erzählt in Tolkiens Fassung ein englisches Volksmärchens über einen Bäcker, der einen Feenstern in einen Kuchen einbackt. Und es komt, wie es kommen musst, der Sohn des Schmieds verschluckt den Feenstern. Man muss wissen, das Dorf Großholzingen hat eine alte Tradition. Dort wird alle 24 Jahre zu einem Fest geladen, aus dessen Anlass ein großer Kuchen gebacken wird, den sich 24 Kinder teilen dürfen. Ein riesiger Kuchen, vollständig in Zuckerguss getunkt. Es gilt nun, die in ihn verbackenen Dinge zu finden. Und eins von ihnen ist was ganz Besonders . Sein Finder bekommt den Zutritt in Land der Eleben. Der Schmied von Großholzingen war das letzte erzählerische Werk, das von Tolkien zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wurde.

> Die Abenteuer des Tom Bombadil erzählen von einem der geheimnisvollsten und und zugleich auch schönsten Figuren aus dem > Herrn der Ringe. Hier gibt es auch viele spielerische Gedichte, die die Hobbits selber erdacht haben sollen. Die Abenteuer des Tom Bombadil enhält diese in einer zweisprachigen Ausgabe mit Gedichten, die im Auenland am Ende des Dritten Zeitalters spielen. In diesem Band gibt es auch ein Fragment eines unbekannten Textes zu Tom Bombadil.

drache-bauer-gilesDer gefährliche > “ target=“_blank“>Drache Chrysophylax bedroht das Dorf Ham. Der Mut seiner Einwohner reicht nicht, um sie von dem Ungeheuer zu befreien. Aber der Bauern Giles, einer der echten Helden Tolkiens, kann Großes vollbringen und möchte doch so gar kein Held sein.

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Bauer Giles sieht kein bisschen wie ein Held aus. Von runder Statur, einen flammend roten Bart und im Grunde genommen macht er nichts lieber, als das ruhige und bequeme Leben zu genießen. Sein Sieg über den Drachen, macht ihn schlagartig im ganzen Land bekannt. Als der listige Drache Chrysophylax das Königreich heimsucht, muss der Bauer Giles anrücken. J.R.R. Tolkien veröffentlichte dieses klassische Märchen zwischen dem Hobbit und dem Herrn der Ringe.

J. R. R. Tolkien,
> Der Schmied von Großholzingen
Aus dem Englischen von Karl A.Klewer und Lisa Kuppler
1. Aufl. 2016, 249 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit zahlreichen Illustrationen von Pauline Baynes
ISBN: 978-3-608-96093-8

tolkien-tom-bombadilJ. R. R. Tolkien, >
> Die Abenteuer des Tom Bombadil
Aus dem Englischen übertragen von Ebba Margaretha von Freymann
1. Aufl. 2016, 195 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag,
zweisprachig, mit zahlreichen Illustrationen von Pauline Baynes
ISBN: 978-3-608-96091-4

tolkien-bauer-gilesJ. R. R. Tolkien,
> Bauer Giles von Ham
Aus dem Englischen übersetzt von Angela Uthe-Spencker und Susanne Held
1. Aufl. 2016, 241 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit zahlreichen Illustrationen von Pauline Baynes
ISBN: 978-3-608-96092-1

Weiterlesen: Gerhard Schweizer, Islam verstehen. Geschichte, Kultur und Politik

Dienstag, 2. August 2016

> Vortrag und Diskussion: Gerhard Schweizer, Syrien verstehen und 2 x Nachgefragt… 24. Februar 2017

Sommerpause? Angesichts der dringenden Probleme um uns herum müsste die eigentlich ausfallen. Alles dreht sich um > Syrien. Zu Recht mahnt Navid Kermani den Frieden für diese Region an, zu dem die > Türkei beitragen könnte, wenn sie nur nicht mit sich selbst so beschäftigt wäre. Und dann muss einiges zurechtgerückt werden, wenn vom > Islam gesprochen wird. Gerhard Schweizer erklärt dessen historische Grundlagen, die braucht man auch, um dessen Situation in Frankreich einschätzen zu können, zu der sich Manuel Valls geäußert hat:

schweizer-islam-verstehenGerade neu erschienen: Gerhard Schweizer, > Islam verstehen. Geschichte, Kultur und Politik; Der Titel dieses Buches ist klar und präzise. Hier werden Fakten zum Verständnis des Islams angeboten.

> Aufgeschlagen: Gerhard Schweizer, Islam verstehen. Geschichte, Kultur und Politik

Wir lesen weiter im Buch von Gerhard Schweitzer > Islam verstehen. Und wir empfehlen gleichzeitig auch den Beitrag von Navid Kermani, Was uns in dieser Lage möglich ist, FAZ, 2. August 2016, der die „weltpolitische Dringlichkeit einer Friedenslösung für Syrien und den Irak“ mit Recht unterstreicht: Dazu: > Gerhard Schweizer, > Syrien verstehen Geschichte, Gesellschaft und Religion.



Zur Türkei: > Arrival and doorstep DE (Steinmeier) 18.7.2016


Zum Thema Islam schlagen wir auch den Beitrag von Manuel Valls, der französische Premierminister, Ihnen zur Lektüre vor, dessen Artikel im Journal de Dimanche vom letzten Sonntag ein wichtiges, ein programmatisches Dokument ist:

Liest man Reaktionen in Frankreich und Deutschland nach den jüngsten Anschlägen wird zwar hier und dort Solidarität versprochen, man will einanderbeistehen, und dann die Sommerpause? Da kommt das Buch von Schweizer über den > Islam genau im richtigen Moment, etwas zurücklehnen und erstmal die Geschichte des Islam verstehen. Und dann die Ansatzpunkte für einen Friedensprozess finden.

> Sainte-Étienne de Rouvray

> Terror in Nizza

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Gerhard Schweizer

> Islam verstehen

1. Aufl. 2016, 610 Seiten, broschiert, mit Register

ISBN: 978-3-608-98100-1

Vom selben Autor:

Gerhard Schweizer,

> Syrien verstehen Geschichte, Gesellschaft und Religion

2. Aufl. 2015, 503 Seiten, broschiert

ISBN: 978-3-608-94908-7

> Lesebericht: Gerhard Schweizer, Syrien verstehen – 23. Februar 2016 von Heiner Wittmann

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Gerhard Schweizer
> Türkei verstehen. Von Atatürk bis Erdogan

1. Aufl. 2016, ca. 480 Seiten, broschiert
Erscheinungsdatum: 24.09.2016
ISBN: 978-3-608-96201-7

Der Blick ins Archiv:> Nachgefragt: Gerhard Schweizer, Die Türkei – 19.10.2008

Literatur – Sachbuch – Blog – Klett-Cotta
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