Verlagsblog

Archiv für Oktober 2016

Lesebericht: Cynthia D’Aprix Sweeney, Das Nest

Montag, 31. Oktober 2016

sweeney-nestIn ihrem ersten Roman > Das Nest erzählt Cynthia D’Aprix Sweeney von den vier Geschwister Plumb. Alle sind in den Vierzigern oder kurz davor wie die jüngste Melody. Sie leben über ihre Grenzen im Vertrauen auf das väterliche Erbe, das kommen wird, wenn die Jüngste 40 wird. Bis dahin ruht der Geldsegen in einem Fonds, liebevoll und erwartungsfroh von allen das Nest genannt. Die gewohnte Geborgenheit früher zu Hause wird von den Vieren in den Fonds projiziert, Geld gibt Sicherheit und Vertrauen.

Leider schlägt einer von ihnen, Leo, noch mehr über die Stränge als seine Geschwister. Er dealt, hat immer wieder Affären und kann es nicht lassen. Auf einer Party trifft er die junge Sängerin Matilda, die zum Kellnern verpflichtet ist. Ein erster Augenkontakt zwischen beiden, kurz darauf sitzt Matilda neben Leo in seinem schicken Porsche, zum Strand soll es gehen, sie geht an seine Hose, total abgelenkt, fährt Leo los und übersieht einen SUV. Es knallt: „Keiner von beiden hatte auch nur Zeit zu schreien.“ S. 15 Soweit der Prolog.

D’Aprix Sweeney stellt uns dann Geschwister Melody, Jack, Bea und Leo vor. Melody muss ihr Haus finanzieren und die Collegegebühren für ihre Zwillinge aufbringen, die allmählich immer selbständiger werden. Sie verfolgt sie mit der App Stalkerville und weiß so immer ihren Aufenthaltsort, zumindest ihres Smartphones, das auch schon mal alleine im Schließfach beleibt, weil beide verbotenerweise auf dem Weg in den Central Park sind. Jack macht in Antiquitäten und heiratet heimlich seinen Freund. Beatrice träumt von ihrem Roman, schreibt kleinere Geschichten und hofft immer mehr auf den ausbleibenden Durchbruch. Leo hat den Unfall überlebt und braucht eine größere Summe, um die Ansprüche von Matilda zu befriedigen. Ohne sich mit den Kindern abzustimmen, bedient sich seine Mutter an dem Fonds, um ihm zu helfen.

Das Treffen der Geschwister mit der Mutter macht nichts besser. Das Geld, nur das Geld steht im Zentrum des Treffens, und den Dreien beginnt zu dämmern, dass da doch nicht viel für sie übrigbleibt. sweeney-nestLeo ist am besten bedient worden, und die Erzählerin weiß auch um seine Millionen auf einen Offshore-Konto (S. 93). Geldsucht macht kriminell, sät Missgunst und macht alles noch viel schlimmer, aber ist der einzige Grund für den Zusammenhalt der Geschwister, ansonsten haben sie sich nichts zu sagen.

Und da sind noch einige Nebenfiguren, wie Paul Underwood, mit dem Leo zusammen eine Online-Literaturzeitschrift betreibt. Das funktioniert nur, weil im Hintergrund Pauls alten Tanten finanzielle Hilfen großzügig überweisen. Bleiben sie aus, geht es mit dem Geschäft bergab. Ständiger Geldmangel bestimmt das Leben der Geschwister. Wie kommen die eigentlich über die Runden? Ist es die Hoffnung? „Wenn das Nest da ist, wurde Jacks Lieblingsausdruck. Melody lebt auf Ihren vierzigsten Geburtstag hin, der Tag, an dem der warme Geldregen kommen werde.

Bea belegt derweil einen Schreibkurs bei Tucker McMillan an der Columbia University und beginnt von ihrem Erfolg zu träumen. Sie kommt mit Tuck zusammen, und als er stirbt, braucht sie Geld und fragt (vorzeitig) ihre Mutter nach dem Fonds. Sie braucht ihre Hilfe dann doch nicht, weil Tuck ihr die abbezahlte Wohnung vermacht hat. Als Leo entdeckt, was Bea schreibt, flippt er aus und…

Die Spannung ist es, die den Leser in diesen Roman hineinzieht. Es ist klasse, wenn die Geschichte beim Lesen in eine Art Film übergeht, Tee machen, und 40 Seiten später… ich wollte ja Tee machen. Das ist der Kick, den dieser Roman mitbringt. Eine geschickte Kapiteleinteilung und die alles überlagernde Hoffnung auf Geld, immer mehr Geld. Das sehen die drei Geschwister schon mal über Leos Geldverschwendung hinweg. Kritik an ihm wäre ein eigenes Zurückstecken? D’Aprix Sweeney ist es gelungen, die Sehnsüchte, das Verlangen, vielleicht auch den Neid und immer wieder das Hoffen auf noch mehr Geld der Geschwister mit ihren Porträtstudien zu verknüpfen. Ihr Roman liest sich auch wie ein Drehbuch. Zufälle drehen die Geschichte, so wie der ausgerutschte Leo von den Zwillingen im Central Park beobachtet wird, wo eigentlich alle Drei nicht hingehören. Leo ist mit seiner Scheidung von Victoria beschäftigt und trifft auf seine frühere Freundin Stephanie: „Keine Drogen, kein Sex, kein Geld leihen,“ sie weiß, das die alte Leier wieder anfangen könnte.

Der Leseort für diesen Roman: ICE Stuttgart-Berlin und zurück. Kann auch laut sein, sie werden beim Lesen die Mitreisenden vergessen. Am besten den durchgehenden Zug buchen, sonst vergessen Sie bei dieser Lektüre das Umsteigen.

sweeney-nestCynthia D’Aprix Sweeney
Das Nest
Roman, aus dem amerikanischen Englisch von Nicolai von Schweder-Schreiner (Orig.: The Nest)
1. Aufl. 2016, 410 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98000-4

Siehe auch:

> Denis Scheck im Interview mit Cynthia D’Aprix Sweeney, „Das Nest“ – Druckfrisch, 30.10.2016

> Cynthia D’Aprix Sweeney: Das Nest – rezension auf auf >literaturschock.de

> Rezension: Das Nest von Cynthia D’Aprix Sweeney – The Read pack

Nachgefragt: Florian Scheibe, Kollisionen

Montag, 31. Oktober 2016

scheibe-kollisionen-110„Es beginnt mit einem Fahrradunfall. Carina fährt ein Mädchen an, das plötzlich vor ihr auf die Straße rennt. Bevor sich die Angefahrene wieder aufrappelt, sieht Carina, dass Mona schwanger ist. Rückblende oder dieselbe Szene aus einer andern Sicht. Mona steht am Straßenrand und rennt los. Sie versteht die Ohrfeige nicht, die sie von Carina kassiert. Für Carina kommt alles zusammen, ihr sehnlicher Kinderwunsch und dann dieses schwangere Mädchen.“ > Bitte weiterlesen

Erst der > Lesebericht: Florian Scheibe, Kollisionen und dann der Artikel Nachgefragt mit einem Interview des Autors auf der > Frankfurter Buchmesse.

Kollisionen erzählt ganz unterschiedliche Lebensentwürfe und Schicksale, die unvermutet aufeinanderprallen, sie Personen ungewollt in Schwierigkeiten geraten, sich darin verstricken und es ihnen nicht gelingt, sich daraus zu befreien. Ist diese Zusammenfassung zutreffend? wollten wir von Florian Scheibe wissen.

Jede Szene führt Carina und Tom ein wenig mehr ins Chaos. Sie haben ihr Leben nicht mehr im Griff. Was machen sie falsch? Ist das Pech oder Dummheit?

Welche Art von Gesellschaftskritik steckt in diesem Roman?

scheibe-kollisionen-110Florian Scheibe
> Kollisionen
Roman

1. Aufl. 2016,
377 Seiten,
gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98031-8

Florian Scheib liest die ersten zehn Seiten:

Vorgefragt: Franz Dobler, Ein Schlag ins Gesicht

Freitag, 28. Oktober 2016

dobler-schlag-gesicht-110„Robert Fallner ist ziemlich am Ende. Seinen Job als Kriminalhauptkommissar ist er endgültig los. Seine Frau wohl auch. Zeit für einen Neuanfang, den ihm ausgerechnet sein Bruder, selbst Ex-Bulle und Privatermittler, ermöglicht. Er drängt ihm einen speziellen Fall in seiner Sicherheitsfirma auf: Den Stalker einer bekannten Schauspielerin zu stellen, von dem keiner glaubt, dass es ihn gibt. … “ Robert Fallner ist uns schon als > Der Bulle im Zug bekannt. Mittlerweile hat Franz Dobler 2015 den Deutschen Krimipreis erhalten und Fallner hat gleich seinen zweiten Fall durchstehen müssen. Wieso dauert es so lange, bis Fallner nach 100 Seiten seinen Auftrag erhält? Da gibt es einen Stalker, und auch dazu hat Dobler uns etwas verraten. Wie ist das eigentlich wenn man als DJ über Johnny Cash schreibt, wie kommt man dann zum Krimi? Und wir haben auch über das Milieu gesprochen, in dem der Krimi spielt und über Simone Thomas, die Frauen um Fallner und das Verhältnis zu seinem Bruder Hans.

Franz Dobler
> Ein Schlag ins Gesicht
Kriminalroman
1. Aufl. 2016, 365 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50216-9

Nachgefragt: Kris van Steenberge, Verlangen

Dienstag, 25. Oktober 2016

steenberge-verlangen

Elisabeth, die Tochter des Schmieds, sehnt sich danach, ihrem Heimatdorf Woesten zu entkommen. Sie versucht, sich Bildung anzueignen und heiratet den jungen Arzt Guillaume Duponselle. Als kurz darauf Zwillinge zur Welt kommen, ist der Zweitgeborene so entstellt, dass der Vater sich weigert, ihm einen Namen zu geben. Doch Namenlos überlebt, wird verachtet und weiß durch seine Beobachtungsgabe über alle mehr, als sie über sich selbst. > Bitte Weiterlesen

Erst der Lesebericht, dann ein > Videointerview, das hier unter Nachgefragt… angezeigt wird. Das ist unsere Blogregel.

Drei Themen gab es für uns nach der Lektüre dieses spannenden Buches: Die Entwicklung der Charaktere, die Erzähltechnik und der historische Hintergrund. ALle drei Themen haben wir in dem Interview untersucht:

Kris van Steenberge
> Verlangen. Roman
Klett-Cotta Roman aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert (Orig.:Woesten)
1. Aufl. 2016, 438 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98034-9

Waren Sie auf dem Stand von Klett-Cotta und TROPEN auf der Frankfurter Buchmesse #fbm16?

Montag, 24. Oktober 2016

Nein? Dann laden wir Sie ein, hier die Bilder vom Stand anzusehen:

Bitte öffnen Sie das folgende Fotoalbum mit einem Klick auf ein Foto erst, wenn diese Seite vollständig geladen ist, also der kleine blaue Kreis verschwunden ist, sonst funktioniert das Blättern per Klick nicht:

> Klett-Cotta und TROPEN auf der Frankfurter Buchmesse 19.-23. Oktober 2016

Klett-Cotta und TROPEN auf der Frankfurter Buchmesse 19.-23. Oktober 2016

Dienstag, 18. Oktober 2016

„Die Mutter Mike kommt aus betuchtem Geldadel eigentlich ohne jedwede materielle Sorgen, aber alles um sie herum, alle Dinge, alle Verhältnisse zu allen, ihre Familie Vandersanden, alles macht sie total neurotisch. Ihr Mann ein macht auch nichts anderes, als alles in jedem Detail geregelt, eine Abweichung von den Regeln ihres perfekt alarmgesicherten Lebens gibt es nicht, darf nicht sein. …“ > Vorgefragt: Saskia de Coster, Wir & Ich

Saskia de Coster
> Wir & Ich
Aus dem Niederländischen von Isabel Hessel (Orig.: Wij en ik)
1. Aufl. 2016, 409 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50156-8

Lesungen

Mi 19. Oktober 2016, 10 Uhr: New Wave (1), Gastlandpavillon, Forum Ebene 1 (mit Tommy Wieringa)
Mi 19. Oktober 2016 ’16 , 17 Uhr: Das Blaue Sofa. Neue Autoren aus den Niederlanden und Flandern, Halle 4.1
Mi 19. Oktober 2016, 17 Uhr: Klara-Liveradio, Gastlandpavillon
Do 20. Oktober 2016, 13 Uhr: ’21 mit Inne Eysermans, Gastlandpavillon
Do 20. Oktober 2016, 20 Uhr: Lesung. Alte Nikolaikirche Open Books 2016
Sa 22. Oktober 2016, 19.30 Uhr: Lesung. Stadtbibliothek Frankfurt


steenberge-verlangen„Elisabeth, die Tochter des Schmieds, sehnt sich danach, ihrem Heimatdorf Woesten zu entkommen. Sie versucht, sich Bildung anzueignen und heiratet den jungen Arzt Guillaume Duponselle. Als kurz darauf Zwillinge zur Welt kommen, ist der Zweitgeborene so entstellt, dass der Vater sich weigert, ihm einen Namen zu geben. Doch Namenlos überlebt, wird verachtet und weiß durch seine Beobachtungsgabe über alle mehr, als sie über sich selbst. … “ Lesebericht: Kris van Steenberge, Verlangen. Roman

Kris van Steenberge
> Verlangen. Roman
Klett-Cotta Roman aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert (Orig.:Woesten)
1. Aufl. 2016, 438 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98034-9

Lesungen:

Mi 19. Oktober 2016, 14.30 Uhr: New Wave (2), Gastlandpavillon (mit Niña Weijers)
Do 20. Oktober 2016, 10 Uhr: Agora-Lesezelt (mit Joost de Vries und Fikry El Azzouzi)
Do 20. Oktober 2016, 13 Uhr: Literaturbahnhof im Dommuseum


luyendijk-unter-bankern„Der Untertitel von Joris Luyendijks Untersuchung Unter Bankern „Eine Spezies wird besichtigt“ ist vom Verlag TROPEN bestens gewählt worden. Das ist es, worum es hier geht, eine Phänomenologie der Banker, der niederländische Titel ist genauso gut: „Dit kan nit waar zijn. Onder Bankiers“. Das Buch erklärt einige Schattenseiten des Bankenwesens in London, Sonnenseiten scheint es außer dem vielen Geld, was einige dort verdienen können, kaum wirklich zu geben. Das Buch will gar keine Erklärung des überaus komplizierten Bankensystem vermitteln, es will nur berichten über rund 200 Gespräche, die der Autor mit Bankern geführt hat, um, das Bankendickicht etwas zu durchstöbern. …“ > Lesebericht: Joris Luyendijk, Unter Bankern

Joris Luyendijk
> Unter Bankern. Eine Spezies wird besichtigt
Aus dem Niederländischen von Anne Middelhoek (Orig.: Dit kan niet waar zijn. Onder bankiers)
1. Aufl. 2015, 267 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50338-8

Lesungen:

Do 20. Oktober 2016, 10 Uhr New Wave (1), Gastlandpavillon (mit Paul Verhaege)
Do 20. Oktober 2016, 17 Uhr Klara-Liveradio, Gastlandpavillon


scheibe-kollisionen-110„Es beginnt mit einem Fahrradunfall. Carina fährt ein Mädchen an, das plötzlich vor ihr auf die Straße rennt. Bevor sich die Angefahrene wieder aufrappelt, sieht Carina, dass Mona schwanger ist. Rückblende oder dieselbe Szene aus einer andern Sicht. Mona steht am Straßenrand und rennt los. Sie versteht die Ohrfeige nicht, die sie von Carina kassiert. Für Carina kommt alles zusammen, ihr sehnlicher Kinderwunsch und dann dieses schwangere Mädchen. …“ > Lesebericht: Florian Scheibe, Kollisionen

Florian Scheibe
> Kollisionen Roman
1. Aufl. 2016,
377 Seiten,
gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98031-8

Lesung:

Mi 19. Oktober 2016, 17 Uhr, Frankfurter Kunstverein, Open Books 2016, Moderation: Wiebke Porombka


dobler-schlag-gesicht-110„Robert Fallner ist ziemlich am Ende. Seinen Job als Kriminalhauptkommissar ist er endgültig los. Seine Frau wohl auch. Zeit für einen Neuanfang, den ihm ausgerechnet sein Bruder, selbst Ex-Bulle und Privatermittler, ermöglicht. Er drängt ihm einen speziellen Fall in seiner Sicherheitsfirma auf: Den Stalker einer bekannten Schauspielerin zu stellen, von dem keiner glaubt, dass es ihn gibt. … “

Franz Dobler
> Ein Schlag ins Gesicht
Kriminalroman
1. Aufl. 2016, 365 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50216-9

Lesung:

Mi 19. Oktober 2016, 14.30 Uhr: New Wave (2), Gastlandpavillon (mit Niña Weijers)
Do 20. Oktober 2016, 10 Uhr: Agora-Lesezelt (mit Joost de Vries und Fikry El Azzouzi)
Do 20. Oktober 2016, 13 Uhr: Literaturbahnhof im Dommuseum


bottlinger-fluch-wuestenfeuer„Von klein auf ist Iaret mit der verbotenen Magie der Wüste begabt. Ein Siegel auf ihrer Stirn soll den Zauber bannen, wie bei allen Frauen im Reich. Als Iaret versucht, das Siegel zu brechen und dem Harem des Herrschers zu entfliehen, wird sie in den Kerker von Niat geworfen. Noch nie ist es jemandem gelungen, von dort auszubrechen.“

A.S. Bottlinger
> Der Fluch des Wüstenfeuers
1. Aufl. 2016, 367 Seiten
ISBN: 978-3-608-96027-3

Lesung:

Sa 22. Oktober 2016, 12 Uhr, Maschinenraum, Bürgerhaus Dreieich-Sprendingen, > Buchmesse Con

Lesebericht: Jeff Lenburg, Matt Groening. Der Gott der Simpsons

Dienstag, 18. Oktober 2016

Unser Gastblogger Oliver W. Steinhäuser > www.buchundmedienblog.com hat das Buch von Jeff Leburg über > Matt Groening und die Simpsons gelesen:

lenburg-simpsons

Gelb, frech und ungezogen. So kennen und definieren viele Menschen die Simpsons, die Kultserie des Cartoonisten Matt Groening. Doch bevor die chaotische U.S.-Familie um Homer Simpson in die Fernsehgeschichte einging, mussten viele glückliche Zufälle eintreffen, wichtige Bekanntschaften geschlossen und Mitstreiter gefunden werden.„Der Gott der Simpsons“ beschreibt autobiografisch den Bezug Matt Groenings zum Zeichnen und Texten, den er von seinem Vater in die Wiege gelegt bekommen hatte. Der junge Matt Groening fällt mit acht Jahren auf, als er an einem Schreibwettbewerb teilnimmt. Im Gegensatz zu anderen Teilnehmern erregt seine abstruse und verstörende Geschichte Aufsehen und er gewinnt den Wettbewerb. Bereits hier wird dem Leser der Charakter des Simpsons-Schöpfers deutlich: Ein Mensch abseits traditioneller Konventionen, der die Schule als einen repressiven Ort verachtet.

Erste Erfolge erlangt Groening mit seinen „Life in Hell“-Strips im Wochenmagazin „Los Angeles Reader“. Weitere Publikationen der Strips erscheinen in alternativen Wochenzeitungen und bieten ihm ein Forum zum Ausprobieren. Schon zu diesem Zeitpunkt dienen die bunten Bilder zur Verarbeitung seiner eigenen Gefühle, die er mithilfe der Bilder weniger schmerzvoll preisgeben kann.
Eines Tages schafft er den Sprung zum Fernsehen, denn seine „Life in Hell“-Comics sollen die „Ullman Show“ mit kurzen animierten Sketchen auflockern. Dazu soll er die Charaktere jedoch anpassen. In seinen Augen ein Unding. Kurzerhand schnappt er sich einen Stift und skizziert, was er als ungehobelte, hässliche und schlecht gekleidete Familie ansieht. Es ist die Geburtsstunde der Simpsons.
Jeff Lenburgs Sachbuch zur Biografie Matt Groenings klärt den Leser über die epochal wichtigen Kreuzungen und Entscheidungen Groenings auf seinem Weg zum Kultzeichner auf. Dabei legt Lenburg vor allem auf den Weg zum Erfolg viel Wert und setzt nicht erst beim Entstehen „Der Simpsons“ an. Das ermöglicht es, den Menschen hinter der genialen Idee zu verstehen, dessen Leben und Lebensstil sich mit einsetzendem Erfolg komplett wandelte. Aus der Garage, die ihm einst als Cartoon-Werkstatt diente in das eigene Büro. Inklusive Entscheidungsgewalt. Die Simpsons zeichnen Groenings unermüdliche Anpassungen jeder einzelnen Folge während ihrer Produktion aus. Nur so schaffte er eine Sitcom deren Humor und Sarkasmus sich auf verschiedene Ebenen erstreckt. Ein Humor, der sich dem Alter des Konsumenten anzupassen scheint, oder gelingt es ihm, die Konsumenten auf seinen Humor einzustimmen? Das ist sein Geheimnis. Schaut man sich als Erwachsener die Folgen an, über die man sich in seiner eigenen Jugend erfreute, stellt man nun fest, dass sie noch viel mehr Botschaften enthalten und einen echten Tiefgang haben. „Alle mögen sie Slapstick, für die Pseudointellektuellen gibt es andere schöne Sachen, und die derben Späße gefallen wiederum meinen Kindern am besten“, sagt Groening selbst.

Jeff Lenburg
> Matt Groening, Der Gott der Simpsons
Aus dem Englischen von Christina Schmutz und Frithwin Wagner-Lippok (Orig.: Matt Groening: From Spitballs to Springfield)
1. Aufl. 2016, 176 Seiten, Flexcover, mit zahlr. farbigen Abbildungen
ISBN: 978-3-608-50227-5

Lesebericht: Mohamedou Ould Slahi, Das Guantanamo-Tagebuch

Dienstag, 18. Oktober 2016

Aus gegebenem Anlass holen wir diesen Beitrag nach oben: > www.spiegel.de/politik/ausland/usa-autor-von-guantanamo-tagebuch-ist-frei-a-1117048.html

slahi-guantanamo-tagebuchWenn aus der Feder eines in Guantanamo einsitzenden Häftlings ein 400 Seiten dickes Buch erscheinen darf, in dem er Entführungen und Folter berichtet, wird man misstrauisch. Was ist an so einem Bericht dran? Wieso lassen die Behörden es zu, dass das Buch Slahis veröffentlicht werden darf? Tatsächlich wird Mohamedou Ould Slahi noch immer in Guantanamo immer noch ohne Gerichtsurteil festgehalten. Das > Manuskript zu diesem Buch hat er 2005 verfasst. Seitdem haben die Behörden seine Aufzeichnungen geprüft und viel geschwärzt. Dann, nach 10 Jahren Prüfung, die von seinen Anwälten immer wieder vorangetrieben wurde, darf das Buch in der Fassung des Herausgebers Larry Siems nun doch erscheinen. Im Vorwort beschreibt Siems ausführlich, wie er das Manuskript für den Druck vorbereitet hat. In Deutschland wird es heute vom Verlag Tropen veröffentlicht. Siems Einleitung berichtet über die Umstände, in denen das Manuskript entstanden ist: S. 17-53.

guantanamo

> www.guantanamodiary.com/

Mohamedou Ould Slahi ist Jahrgang 1970. Zwölf Jahre lebt er in Deutschland und studiert Elektrotechnik. 2000 gerät er das erste Mal in das Visier amerikanischer Fahnder, die ihn in Verdacht haben am Plan, den Flughafen von Los Angeles zu bombardieren (Millenium-Plotz), beteiligt zu sein. Er wird aber wieder freigelassen. Nach den Anschlägen von New York wird er nach Jordanien entführt, es folgen Verhöre, dann kommt er nach Bagram in Afghanistan und von dort aus Guantanamo. Das war im AUgust 2002. Er soll sich im Umkreis von Osama Bin Laden aufgehalten haben. Slahi wird Verschwörung gegen die Vereinigten Staaten und Beteiligung an Terrorakten zur Last gelegt. Ein geordnetes juristische Verfahren hat der Häftling mit der Nummer 760 bis heute nicht bekommen.



Das Buch beginnt mit der Chronik einer Freiheitsberaubung. Nach seiner Ausreise aus Deutschland und kam 1991 im al-Farouq-Trainingslager in Khost ein und schwor, so berichtet Larry Siems (S. 25), der al-Qaida einen Treueeid. Es folgte der Abschluss des Studiums in Deutschland, ohne dass der Kontakt mit seinen Freunden in Afghanistan abriss. Seit seiner Verhaftung nach den Anschlägen vom 11. September ist Mohamedou Ould Slah in amerikanischem Gewahrsam.

slahi-guantanamo-tagebuchDas erste Kapitel von Slahis Das Guantanamo-Tagebuch berichtet über die Verlegung, die ein Entführung war, von Jordanien über Afghanistan bis GTMO Guantanamo am 5. August 2002.. Nackt in Ketten mit einer Augenbinde. S. 59 f. Die Verhöre beginnen und Slahi kann sofort aus den Fragen auf die Entwicklung in Afghanistan schließen. Es folgen immer neue Verhöre und Isolationshaft, schließlich wird Slahi nach Guantanamo geflogen. Dort wird er u.a. auch von Beamten des BND und einem Angehörigen des Bundesamtes für Verfassungsschutz (Anm. 30, S. 107) verhört. Ganze Seiten S. 112 ff. sind geschwärzt, offenbar um dem Leser Details der Befragungen und der Foltermethoden zu ersparen. Über einen seiner Peiniger heißt es einmal: „Er beherrschte die Sprache gar nicht gut.“ (S. 113) – Rückblende: 2. Kapitel Senegal – Mauretanien, Januar-Februar 2000 mit der ersten Verhaftung. 3. Kapitel. Mauretanien, September-November 2000 und erneute Verhaftung. 2003 kommt Slahi nach Guantanamo weiterhin ohne Aussicht auf Freilassung. Irgendwie beginnt Slahi sich mit seiner Umgebung zu arrangieren, er lernt Englisch und findet in seiner Umgebung auch Menschen, die sich ihm zuwenden. dann aber immer wieder Verhöre auch nachts in kalten Räumen. Die Ermittler tun alles, um mehr über seine vermutete Verstrickung in die Ereignisse vom 11. September zu erfahren: S. 271 ff. Die Verhöre zermürben Slahi: „Der Typ wollte doch tatsächlich, dass ich glaubte, dass ich hinter dem 11. September steckte.“ (S. 271) Die Verhöre werden ausgedehnt, seine letzte persönliche Habe wird konfisziert. Es steht immer nur der Verdacht im Raum, offenkundig können konkrete Taten ihm nicht nachgewiesen werden. Sexuelle Belästigungen kommen dazu. Die verhöre werden wieder weiter verstärkt: „Sie zwangen mich, Dinge zuzugeben, die ich nicht getan habe.“ (S. 299) Wieder werden große Teile geschwärzt und man kann man kann ahnen welchen Qualen Slahi ausgesetzt wurde.

In der Nachbemerkung wird Mohamedou Ould Slahi mit den Worten zitiert, er hege keiner Person in diesem Buch Groll gegenüber. Er wünsche, dass sie das Buch lesen, und Dinge richtigstellen, wenn sie es für nötig halten. Eines Tages wolle er mit allen bei einer Tasse zusammensitzen, nachdem man soviel voneinander gelernt habe.

Ist das Buch ein halbherziger Versuch der Amerikaner mit den unhaltbaren Zuständen auf Guantanamo ein Ende zu machen, die Absicht zu zeigen, die Vorgänge dort öffentlich zu machen und zu ihrer Aufklärung beizutragen, indem man die Insassen selber zu Wort kommen lässt? Wurde das Manuskript freigegeben, weil es vielleicht sonst die Gerüchte um Guantanomo die USA in eine noch schlechteres Licht stellen würden? Allerdings tragen auch die Schwärzungen dazu bei, die Authentizität und die Glaubwürdigkeit von Salhis Buch zu bekräftigen. Das was er an Folter und Verhören dort am Rande der physischen Leistungsfähigkeit durchstehen musste, slahi-guantanamo-tagebuchwürde kann auch durch Gerüchte nicht verschlimmert werden. Mittlerweile hat ein Gericht seine Freilassung angeordnet,was durch die Regierung aber verhindert worden ist.

Mohamedou Ould Slahi
Das Guantánamo-Tagebuch
Aus dem Amerikanischen von Susanne Held
1. Aufl. 2015, 459 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-50330-2

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