Verlagsblog

Archiv für Februar 2017

Vortrag und Diskussion: Gerhard Schweizer, Syrien verstehen und 2 x Nachgefragt…

Freitag, 24. Februar 2017

schweizer-islam-verstehenGerhard Schweizer Syrien verstehen. Die Hintergründe eines Bürgerkriegs, der die Welt erschüttert:
Hospitalhof Stuttgart, Büchsenstraße 33, 70174 Stuttgart
2. März 2017 – 19 Uhr

Gerhard Schweizer wurde 1940 in Stuttgart geboren. Er wurde an der Universität Tübingen in Empirischer Kulturwissenschaft promoviert. Er lebt als freier Schriftsteller in Wien. Er ist einer der führenden Experten für die Analyse der Kulturkonflikte zwischen Abendland und Orient und gilt als ausgewiesener Kenner der islamischen Welt. Gerhard Schweizer hat dazu mehrere Bücher veröffentlicht, die als Standardwerke gelten. Einem breiten Publikum wurde er vor allem durch seine Bücher über den asiatischen und arabischen Raum bekannt:

Vor seinem Vortrag über Syrien hatten wir ein Gelegenheit, Gerhard Schweizer nach seinem Buch > Islam verstehen zu befragen:

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Und dann konnten wir mit Gerhard Schweizer auch noch ein Gespräch über sein Buch > Syrien verstehen führen:

„Syrien faszinierte jahrzehntelang die Reisenden durch die Gastfreundschaft seiner Bewohner, durch die Vielfalt seiner jahrtausendealten Kultur und das scheinbar friedliche Nebeneinander von Sunniten, Schiiten, Alawiten, Drusen und Christen. Syrien irritiert nun aber durch einen Bürgerkrieg, der die bisherigen Grundfesten des Nationalstaates sowie das mühsam ausbalancierte Zusammenleben der Religionsgemeinschaften und letztlich das historische Erbe syrischer Kultur zu zerstören droht. So entsteht eine Parallele nicht nur zur Entwicklung im multireligiösen Irak und Libanon, sondern in mancher Hinsicht auch zu Europa im Zeitalter der christlichen Glaubenskriege vor dem epochalen Umbruch der Aufklärung.“ > Hospitalhof, Stuttgart

schweizer-islam-verstehen schweizer-syrien-verstehen schweizer-tuerkei-verstehen
Gerhard Schweizer,
> Islam verstehen. Geschichte, Gesellschaft, Kultur und Politik
1. Aufl. 2016, 610 Seiten, broschiert, mit Register
ISBN: 978-3-608-98100-1
Gerhard Schweizer,
> Syrien verstehen Geschichte, Gesellschaft und Religion
2. Aufl. 2015, 503 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-608-94908-7
Gerhard Schweizer
> Türkei verstehen.
Von Atatürk bis Erdogan
1. Aufl. 2016, ca. 480 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-608-96201-7

Lesebericht: Hans Hopf, Flüchtlingskinder gestern und heute

Donnerstag, 23. Februar 2017

hopf-fluechtlingskinderDie Erinnerung an das eigene Flüchtlingsschicksal und die psychoanalytische Betrachtung der Flüchtlingskinder heute, insbesondere der nichtbegleiteten Kinder und Jugendlichen, die bei uns auf der Suche nach Beistand und Hilfe ankommen, machen das Buch > Flüchtlingskinder gestern und heute. Eine Psychoanalyse von Hans Hopf zu einer ganz besonderen Lektüre und einer Pflichtlektüre für alle die mit Flüchtlingen zusammenkommen und besonders für alle, die meinen, ihnen mit Abneigung begegnen zu müssen. Es geht nicht darum, die Situation der Kinder inmitten der Wirren der letzten Kriegsmonate in Deutschland mit Flucht und Vertreibung mit den Traumata der heutigen Flüchtlingskinder zu vergleichen. Hopf berichtet seine Erlebnisse als Kind, Schüler und Jugendlicher, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Schicksalen von damals und heute zu erklären. Damals standen die entsprechenden psychoanalytischen Begriffe und Therapien noch gar nicht zur Verfügung. Aber den Fremdenhass, den gab es damals auch schon. Unumwunden erzählt er von seiner eigenen psychoanalytischen Behandlung, die ihm im Alter von 20 Jahren ein Verständnis für und eine Verarbeitung seiner persönlich erlittenen Traumata ermöglicht hat. Es war ein Glücksfall, dass seine Therapeuten damals ihm den Weg zu seinem Beruf als Psychotherapeut gezeigt haben, den Hopf so erfolgreich eingeschlagen hat.

Das Kriegs- und Vertriebenenkind Hans Hopf kommt mit seiner Mutter ohne Vater aus dem Sudetenland in die Nähe von Stralsund. Zwischen dem vierten und sechsten Lebensjahr ist er wohlbehütet aber getrennt von seiner Familie bei seiner Großmutter. Als schulpflichtiges Kind kommt er zu seiner Familie in eine Lager nach Nordhessen, später in die Oberrealschule nach Bamberg. Aus dem an harten Entbehrungen so gewöhntes Kind wird ein Einser-Schüler.

> Lesebericht: Karl Heinz Brisch (Hg.), Bindung und Migration

Karl Heinz Brisch (Hg.)
> Bindung und Migration
1. Aufl. 2015, 288 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94939-1

Dieses Buch hat den Untertitel „Eine Psychoanalyse“. In kurzer und sehr prägnanter Form, anhand einiger weniger exemplarischen Schicksale, erläutert der Autor hier die wesentlichen psychoanalytischen Begriffe, mit denen die Therapiebedürfnisse der zu uns geflüchteten Kinder verstanden werden können. Manche dieser Begriffe waren damals, als die Familie von Hopf aus dem Sudtenland floh, noch nicht beschrieben. Fehlentwicklungen waren bekannt, aber es fehlten die Methoden, um ihren Auswirkungen in Form von Therapien begegnen zu können. Gefahrensituationen, die Hemmung der „zentralen Ich-Funktion“ führen zu Traumata (vgl. S. 83) und posttraumatischen Belastungsstörungen. Schwierigkeiten bei der Beherrschung von Angst, Wut und sexuellen Impulsen können die Folge sein (vgl. S. 88)

Die schnelle Erlernung der deutschen Sprache, die Wohnsitzzuweisung und eine Beschäftigung müssen durch „grundlegende Regeln des Zusammenlebens in Deutschland“ (S. 100 f.) ergänzt werden. Soll eine Integration erfolgreich sein, darf keine Zeit verloren werden. En passant erwähnt Hopf das Zusammengehörigkeitsgefühl (nach Mario Erdheim) als wichtige Komponente der Integration. (vgl. S. 108)

Traumatisierungen sind fundamentale Bindungsstörungen, deren Symptome auf keinen Fall mit Ritalin behandelt werden dürfen. Es geht nicht darum, die Kinder ruhigzustellen, sondern sie anzuhören und sie zu verstehen. (vgl. S. 111)

Jede pädagogische und psychotherapeutische Maßnahme glückt umso eher, wenn die Eltern eingebunden sind. (vgl. S. 120) Flüchtlingskindern zu helfen, das verlangt viele auf sich abgestimmte Maßnahmen. (S. 121)

Mit der eigenen Traumageschichte erklärt Hopf die Begriffe, mit denen Traumata erkannt und behandelt werden können: Ein Trauma verbunden mit Todesangst hat gravierende Konsequenzen: Der Reizschutz des Individuums wird durchbrochen.“ (S. 126) Depressive Störungen sind die Folge. Dissoziation (S. 133), die Gefahr des Wiedererlebens (Triggern), die Derealisation (S. 134), Hyperarousal oder Flashbacks (S. 135) sind weitere Symptome. Trifft das traumatisierte Kind auf eine vertrauenswürdige neue Bezugsperson, das es als „seelischen Container“ (S. 146) nutzen darf, ist Aussicht auf Besserung in Sicht.

> Nachgefragt: Hans Hopf, Die Psychologie des Jungen – 9. Mai 2014 von Heiner Wittmann

Das durch die eigene Erfahrung geschärfte Bewusstsein für die psychischen Probleme der Jungen ist für Hopf die Grundlage für das Kapitel „Väter, Männer und Jungen“ (S. 169-186). Danach erläutert er die Stellung des Jungen in den muslimischen Familien. „Prävention und Psychotherapie“ lautet die Überschrift des Kapitels, das den Bericht von Amal „Das schwarze Leben“ aus Somalia enthält.

www.france-blog.info:
> Bericht von Frau Annegret Kramp-Karrenbauer und Herrn Jean-Marc Ayrault zur Förderung der Integration in unseren Gesellschaften

„Das Virus der Fremdenfeindlichkeit“ lautet die Überschrift des letzten Kapitels, das die Fremdenfeindlichkeit auch als eine Art der Persönlichkeitsstörung (vgl. S. 221 f.) deutet.

In einer konzisen Form stellt Hans Hopf hier die Begriffe Methoden der heutigen Psychotherapie vor, mit denen die erlittenen Traumata und Ängste der Flüchtlingskinder, die hilfesuchend zu uns kommen, behandelt werden können. Die Kürze dieses Buches kontrastiert mit der Nachhaltigkeit, mit der Hopf es versteht, uns allen Begriffe und Überzeugungen an die Hand zu geben, mit denen wir vielen Formen von aufkeimenden Fremdenhass begegnen können. In der Masse handelt der Mensch auch häufig anders als er es eigentlich vor hat. (vgl. S. 75) Zuerst sprachen wir von einer Willkommenskultur und unsere Politiker haben es 2016 versäumt, diesen Begriff zu interpretieren und zu vermitteln, heute werden unsere Medien von dem Wort „Abschiebung“ beherrscht. Es wird Zeit, dass die Akteure dieses Geschehens das Buch von Hans Hopf lesen.

Hans Hopf,
> Flüchtlingskinder gestern und heute. Eine Psychoanalyse
1. Aufl. 2017, 237 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-96097-6

Nominierungen für den Preis der Leipziger Buchmesse 2017

Donnerstag, 16. Februar 2017

Zwei Autoren aus dem Progamm von Klett-Cotta wurden für den Preis der Leipziger Buchmesse 2017 nominiert:

kronauer-scheik-aachen-110Brigitte Kronauer, > Der Scheik von Aachen. Roman, Klett-Cotta 2016: „Anita kommt zurück, findet bei dem Antiquitätenhändler Marzahn ein Anstellung. Und da ist noch Mario, der Bergsteiger in den Anita sehr verliebt ist. Die Gespräch mit Marzahn kreisen um Liebe zwischen Tragik und Lächerlichkeit. Und ihre Tante lauscht den Geschichten Anitas in Anlehnung an Wilhelm Hauffs Zyklus »Der Scheik von Alessandria und seine Sklaven«,“ stand hier auf dem Blog: Lesebericht: Brigitte Kronauer, Der Scheik von Aachen. Roman (I).

Weiss, Autoritäre RevolteVolker Weiß legt mit einem Buch > Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes, Klett-Cotta 2017, eine Analyse des neuen rechten Denkens vor. Er stellt Akteure der rechtspopulistischen Bewegungen Pegida, AfD & Co mit ihren Strategien und Methoden vor. Wo kommen die Kader der neuen rechten Bewegungen her? Nationalistische Strömungen der Vergangenheit, die der Nationalsozialismus verdrängt hatte, kommen wieder an die Oberfläche. Wo sind die Übergänge von Konservativismus, Rechtspopulismus und Rechtsextremismus? Er demaskiert die antiliberalen Phrasen der Rechten und erklärt, dass »Abendländer« und Islamisten in ihrem Kampf gegen Selbstbestimmung wie Waffenbrüder auftreten. Die Ergebnisse seines Buches zeigen die Dürftigkeit der neuen Bewegungen und rufen dazu auf, diesen neuen autoritären Strömungen und Zumutungen ganz entschieden entgegenzutreten.

Die Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse 2017

> Brigitte Kronauer
> Der Scheik von Aachen
Roman
1. Aufl. 2016, 399 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98314-2

Volker Weiß
> Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes, Klett-Cotta 2017
1. Aufl. 2017, ca. 256 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94907-0

Lesebericht: Kristina Pfister, Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten

Montag, 13. Februar 2017

pfister-dinosaurier-faltenKristina Pfister hat ihren ersten Roman geschrieben > Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten.

So eindringlich erzählt: Es geht Annika, die gelangweilt die Wände ihres Wohnheimes anstarrt. Einziger Kontakt, ihre Mutter: „Isst Du auch genug?“ Dann ist da noch ihr Fenster und der Blick auf das gegenüberliegende Zimmer, gleiches Wohnheim, alles gleich, nur spiegelverkehrt und immer voller Besucher. Eines Abends klingelt es bei Annika: Es ist Marie-Louise von gegenüber. Annika lädt sie zur Abschiedsparty ein. Marie-Louise zögert duscht erst mal und lässt sich ein zweites Mal bitten. Der viel Alkohol, der Zigarettenqualm, der Sprung vom Bungalowdach, Marie-Louise schläft bis ein Uhr nachmittags und will nur noch heim.

Wieder zu Hause. Zusammen mit Bruder und Mutter. Dann kommt die Szene im Wald. Eine Bank für Spaziergänger: „Ich saß da, mit angewinkelten Beinen und atmete.“ und „Ich stellte mir vor, wie ich mit der Bank verschmelzen würde…“ klar, die Autorin kennt Sartres Roquentin in La nausée dt. Der Ekel nur zu gut, wo der Held sich auf eine Bank unter einem Kastanienbaum niederlässt. Heute sagt man dazu, Bewußtseinsklärung oder Selbstfindungsprozess. „Et puis voilà: tout d’un coup, c’était là, c’était clair comme le jour: l’existence s’était soudain dévoilée. – Die Existenz war aufeinmal aufgedeckt. – Elle avait perdu son allure inoffensive de catégorie abstraite : c’était la pâte même des choses, cette racine était pétrie dans l’existence.“ Es geht um die Kontingenz, das Abolute „L’essentiel c’est la contingence. Je veux dire que, par définition, l’existence n’est pas la nécessité. Exister, c’est être là, simplement; les existants apparaissent, se laissent rencontrer, mais on ne peut jamais les déduire. Il y a des gens, je crois, qui ont compris ça. Seulement ils ont essayé de surmonter cette contingence en inventant un être nécessaire et cause de soi. Or, aucun être nécessaire ne peut expliquer l’existence – Keine Notwendigkeit kann die Existenz erklären – la contingence n’est pas un faux semblant, une apparence qu’on peut dissiper; c’est l’absolu, par conséquent la gratuité parfaite.“ Die Grundlosigkeit des Seins, aber die Existenz kommt vor der Essenz, man ist einfach nur da und hat alle Möglichkeiten/die Verantwortung, etwas aus sich zu machen: „… ich selbst war Teil einer Leinwand, mit der ich mich nicht identifizieren sollte… „: (S. 57) „Solitaire et solidaire,“ hatte Jonas in der gleichnamigen Erzählung von Albert Camus auf seine Leinwand geschrieben.

Das Messen mit den Freundinnen. „Anja holte mich ab wie, pünktlich wie früher.“ Die meisten sind erfolgreich. Erinnerungen an früher.

Im Krankenhaus trifft Annika zufällig Marie-Louise wieder, die ihren Londonbesuch abgebrochen hat, warum auch immer.

In der Bibliothek hat Annika einen Job gefunden. Marie-Louise nimmt sie in ihrem Auto mit. Rummelbesuch.

Ob Marie-Louise für Annika eine Hilfe ist? Bestimmt gibt sie ihr Halt, wobei nicht ausgemacht wer von beiden die Andere mehr braucht. Aber das ist ein Roman, der sich zum Durchlesen in einem Zug (wortwörtlich) wunderbar eignet. Literatur führt eine andere Realität vor. Manches kommt bekannt vor und beide holen zusammen diese Jahre oder Monate zwischen Ausbildung und Berufseinstieg nach, Abschied und Einstieg zugleich. Es ist nicht einfach, sich einen so guten Schreibtstil anzueignen, wörtliche Rede und kurze Beschreibungen wechseln miteinander ab, und die Handlung zieht den Leser zum pfister-dinosaurier-faltenMiterleben in die Geschichte mit hinein. Kristina Pfitzer hat ihren Roman geschrieben, um den Leser miterleben und an der Geschichte teilhaben zu lassen.

Kristina Pfister,
> Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten1. Aufl. 2017, 253 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50159-9

Lesebericht: Christopher Ryan, Cacilda Jethá, Sex. Die wahre Geschichte

Freitag, 10. Februar 2017

ryan-jetha-sex-110Wenn Sie das Buch > Sex. Die wahre Geschichte von Christopher Ryan, Cacilda Jethá in der Übersetzung von Birgit Herden im Zug lesen, dürfen Sie sicher sein, dass Ihre Mitreisenden tatsächlich ab und zu ihr Smartphone sinken lassen, um das Buch, dann Sie zu mustern… aber nichts sagen… aber irgendwie gucken sie, ein bisschen belustigt, aber auch eine Spur neugierig.

Das Vorwort von Ulrich Clement zur deutschen Ausgabe bringt die These der beiden Autoren auf den Punkt: „Frauen suchen ressourchenreiche Männer, die wiederum hinter attraktiven Frauen her sind“, und beide Geschlechter finden, es solle dabei halbwegs monogam zugehen. Diesem Modell erteilen die beiden Autoren eine Absage, denn ihrer Ansicht nach, sei es nur „für agrarische Kulturen mit langfristiger Erbfolge und Besitzregelungen“ geeignet. „Teilen und Gemeinsamkeiten“ sei in „früheren Jäger- und Sammler-Horde(n)“ viel wichtiger gewesen. Geteilte Vaterschaft ist ihr Stichwort. Elternschaft und Untreue müsse man nicht so ernst nehmen. Monogamie ist also das Ziel der „pfiffigen Attacke auf den verhaltensbiologischen Mainstream“ (S. 11 f.), den Clement aus diesem Buch herausliest.

Die Geschichte unserer Vorfahren, Primaten und Affen haben uns was anderes als Monogamie vorgemacht. Und es ist klar, wohin die beiden Autoren wollen, denn schon in ihrer Einleitung erklären sie uns, dass wir abstammungsmäßig über die Menschenaffen nicht sehr weit hinausgekommen sind. (vgl. S. 16) Und heute? esposas bedeutet Ehefrauen und … Handschellen im Spanischen. (vgl. S. 17) Und dann das Heer aller, die zu Rate gezogen werden, wenn es im Eheverkehr nicht so toll läuft; schizophren finden die Autoren unsere Versuche, das zu kitten. Wir interpretieren heute den Zusammenhang von Liebe und Sex falsch, eine solche Interpretation gibt unsere Entwicklungsgeschichte nicht her. Die Datenlage sagt was anders. Vielleicht beruht unseres heutiges Verständnis vor Sex nur auf den letzten 10.000 Jahren? Wollten wir nur Risiken minimieren, und alles marschierte in eine falsche Richtung? (vgl. S. 25) Unsere Vorfahren lebten früher in Gruppen statt in Zweierbündnissen. Der Zusammenhalt war in diesen Gruppen viel stärker und problemloser als in Zweisamkeiten.

Dann werden Details von Körperbau und -funktionen untersucht, die eher für das Hordenleben viel besser geeignet sind. Siedlungen und Landwirtschaft haben alles verändert. Das Kapitel Über die „Entstehung der Arten“ erklärt, was Darwin über Sex nicht wissen konnte. Die Geschichte soll zu heutigen Ehe geführt haben. Falsch, finden die beiden Autoren und bemerken nebenbei, dass der Kampf gegen die Natur schon immer gescheitert sei (vgl. S. 65).

Über die Wollust im Paradies. Wieder der Vergleich mit den Bonobos, die Hunderte, wenn gar Tausende von Geschlechtsakten vollziehen, bevor es zu einer Geburt kommt, nur machen sie es deutlich kürzer als der Mensch die „personifizierte Hypersexualität“ (S. 107). Bei der Diskussion um die Vaterschaft holt uns unsere Vorgeschichte wieder ein: „Kapitel 6. Wer sind deine Väter?“ Wäre uns Monogamie wirklich in die Wiege gelegt, so argumentieren beide Autoren, so würden die Menschen nicht dauern dagegen verstoßen. (vgl. S. 121)

Und dann werden die Vorteile der Promiskuität erläutert: S. 121-136. Klar, dass das folgende Kapitel vom „Schlamassel von Ehe, Partnerschaft und Monogamie“ handelt. Jetzt wird nochmal der Gedanke vom Kap. 6 fortgeführt: „Genetische Vaterschaft: Das Standardnarrativ bröckelt: „Freie Liebe am Lugu-See“ zwischen den chinesischen Grenzen Yunnan und Sichuan geht es ganz anders zu als bei uns, wo sexuelle und familiäre Beziehungen ganz strikt voneinander getrennt sind.

Teil III „Wie wir nicht waren“ zerstört einige hartnäckige Mythen und belegt, dass Malthus‘ Vorhersagen einfach komplett falsch waren. Er rechnete mit einer Verdoppelung der Bevölkerung vor der Landwirtschaft alle 25 Jahre, und unsere Autoren halten ihm entgegen, dass die Zahl 250 000 Jahre lauten müsste (vgl. S. 182).

Danach bieten Christopher Ryanu und Cacilda Jethá eine Revision gängiger soziologischer und biologischer Modelle an: um nur ein Beispiel unter vielen anderen hier zu nennen z. B. Gerret Hardins Aufsatz „The Tragedy of Commons“ (Die Tragödie des Allgemeinguts), dessen Modell wie das von Maltus in der Reialtät nicht funktioniere. Vgl. S. 197.

Im Teil IV wird der Körper des Menschen unter die Lupe genommen: „Was unsere Körper erzählen“: S. 245-306. Hier wird allerlei vermessen und verglichen und dabei werden allerlei Rückschlüsse gezogen.

Sind die Schlussfolgerungen von Christopher Ryan und Cacilda Jethá Auslegungs- oder Ansichtssache? Ihre Belege überzeugen, wenn auch Soziologen und Philosophen mit ihren Fachgebieten möglicherweise andren genauso gut überzeugende Aussagen zu dieser Diskussion beisteuern könnten. Aber der Ansatz der beiden Autoren gängige Ergebnisse der Evolutions- und Verhaltensforschung neu zu bewerten und anders, als wir es gewohnt sind, einzuordnen, machen dieses Buch sehr lesenswert.Vielleicht ist ja wirklich was da dran, dass viele Probleme der Menschen ryan-jetha-sex-110von ihrer gewohnten Zweisamkeit her stammen.

Christopher Ryan, Cacilda Jethá
> Sex. Die wahre Geschichte
Aus dem Englischen von Birgit Herden (Orig.: Sex at Dawn. The prehistoric origins of modern sexuality)
Mit einem Vorwort von Ulrich Clement
2. Druckaufl. 2016, 430 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98050-9

Lesebericht: Merkur 813

Donnerstag, 9. Februar 2017

merkur-813 Gestern war unser Blog im Zug unterwegs, eine gute Gelegenheit, die neue Ausgabe des > MERKUR 813 Februar 2017 zu lesen:

Martin Sabrow mit untersucht die verschiedenen Formen des Erinnerns, u.a. auch an den Holocaust: ist da manchmal die Hoffnung im Spiel Vergegenwärtigung könne von der Vergangenheit erlösen? Zum Stichwort Erinnerungskultur sollte hier auch die Zeremonie auf dem Hartmannsweilerkopf – > Hartmannsweilerkopf: Staatspräsident Hollande und Bundespräsident Gauck gedenken der Opfer des Ersten Weltkriegs – genannt werden, wo auf dem dortigen Soldatenfriedhof, Frankreich und Deutschland zusammen ein > Historial , ein gemeinsames Museum bauen, zu dem Präsident François Hollande und Bundespräsident Joachim Gauck am 3. August 2014 den Grundstein gelegt haben:

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© Heiner Wittmann, 2014.

Gerade hat unser Kollege mit dem Frankreich-Blog > Pedro Kadivar interviewt, der wegen Heiner Müller von Paris nach Berlin gezogen ist und dort (perfekt!) Deutsch gelernt hat. Da passt es gut, dass wir jetzt den Beitrag von Dirk Baecker über Heiner Müllers »Kunst, die Wirklichkeit unmöglich zu machen« lesen. Der erste Satz ist ein Zitat von Heiner Müller: „Und die Funktion von Kunst besteht für mich darin, die Wirklichkeit unmöglich zu machen – die Wirklichkeit, in der ich leben, die ich kenne.“ (S. 16) Baecker hat eine klug Diskussion dieses Satzes verfasst, einen richtigen Essai, der die Frage von allen Seiten beleuchtet und dessen Ergebnis ein Statement (S. 28) ist, das zu neuen Diskussionen anregt. Und Werner Plumpe denkt über Romantische Fiktionen nach und spricht über den Traum von der Welt ohne Geld. Man hätte etwas anderes, oder würde jeglichen Tausch einstellen. Mit seinem Aufsatz legt Plumpe eine interessanten Überblick der aktuellen Literatur zu diesem Thema vor. Christoph Menke schreibt in der Philosophiekolumne über „Kritik und Apologie des Theaters“.

Die Medienkolumne von Matthias Dell „Talkshowrhetorik, Medienkritik und ‚besorgte Bürger‘ vor pegida“ nimmt sich längst überfällig die desolaten Talkskhows vor, „die ideale()n Bühnen für Rechtspopulisten“ (S. 54) deren traurige Inhalt Tags drauf sogar eine Nachricht wert sind. Ulrike Jureit hat zwei Gesamtdarstellungen zur NS-Geschichte von Nikolaus Wachsmann und Timothy Snyder gelesen. Eine lokale Studie zur Geschichte des Kredits im 19. Jahrhundert in der Schweiz findet Catherine Davies äußerst lesenswert. Jörg Ostermeyer findet die Naziverstrickungen des Euthanasie-Arztes merkur-813Werner Catel genauso mies wie die Haltung seines eigenen Lehrers Paul Heintzen zu Catel, seinem einstigen Lehrer. Gerhard Drekonja-Kornat findet es zu Recht genauso mies, dass zwei Migranten in ihre Nazivorgeschichte immer verheimlicht haben. Andreas Dorschel kritisiert die“ Verstocktheit der Ungläubigen“. Reinhard Brandt erinnert uns an die Aufklärung. Harry Walter sieht in einer Fotoschachtel eine Quasi-Skulptur.

> MERKUR

Nachgefragt: Steve Ayan, Lockerlassen

Dienstag, 7. Februar 2017

ayan-lockerlassenDenken Sie zu viel? Dann lesen Sie dieses Buch: Steve Ayan > Lockerlassen. Warum weniger Denken mehr bringt so lautet der Untertitel dieses Buches von Steve Ayan > Lockerlassen.

> Lesebericht: Steve Ayan, Lockerlassen

Wir haben Steve Ayan gestern bei seiner Buchvorstellung im Stuttgarter Hospitalhof getroffen, unser > transportables TV-Studio aufgebaut und nachgefragt:

Unser Fotoalbum:

ayan-lockerlassenSie haben es eilig. Dann finden sie eine Zusammenfassung aller guten Gedanken dieses Buches auf S. 213-219.

Steve Ayan
> Lockerlassen
Warum weniger Denken mehr bringt
2. Druckaufl. 2016, 244 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-98049-3

Literatur – Sachbuch – Blog – Klett-Cotta
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