Verlagsblog

Archiv für September 2017

Gelesen: Pierre Lemaitre, Drei Tage und ein Leben

Donnerstag, 14. September 2017

Gerade erschienen, aufgeschlagen und sofort ohne aufzuhören gelesen. Pierre Lemaitre, > Drei Tage und ein Leben. Haben wir gestern noch den Anfang dieses Romans, die Fakten hier vorgestellt > Aufgeschlagen: Pierre Lemaitre, Drei Tage und ein Leben, so können wir hier nur daran erinnern, Rémi, der kleine Nachbarjunge ist tot. Im Wald von Saint-Eustache.

Der Leichnam wird gefunden werden, es wird Nachforschungen geben. In der kleinen Stadt Beauval kennt jeder jeden. Da bleibt eigentlich nichts verborgen. Schaut man genauer hin, gibt es so manches, von dem man beim Spaziergang durch dieses Städtchen nichts ahnt. Ob das überall so ist? Lemaitre stellt ihre Bewohner nacheinander vor, sie sind alle in irgendeiner Form im sozialen Netz von Beauval gefangen, es gibt aber auch Konventionen, die verletzt werden. Die Charaktere sind meisterhaft gezeichnet und empfindsame Naturen müssen sich nicht hineindenken in die Ereignisse, der Sog der Geschichte, des Dramas belegt sie mit Beschlag.

Ein Bericht der Fakten würde hier so viele Seiten füllen wie dieses Buch vorzuweisen hat. Dazu kommt natürlich die Ebene, auf der die Spannung geschaffen wird. Aber auch auf dieser Ebene werden wir hier kein Wort über den Fortgang der Ereignisse verlieren. Wenn es ein Mord war, wird der Mörder auch gefunden werden. Es gibt noch eine weitere Dimension dieses Romans. Außer der Handlung, der Aufbau der Spannung gibt es auch die Art und Weise, wie die Gespräche der Protagonisten der ersten Reihe mit denen der Nebenfiguren verknüpft werden. Da wird man sich schon täuschen lassen und die Ordnung dieser Personen bald wieder revidieren. Ein Trick des Autors, und um aus dem Leser einen Einwohner von Beauval zu machen. Bald kennen sie die Personen und erwarten dies oder jedes von ihnen. Die einen brechen plötzlich aus, warum und wieso wird gar nicht immer gesagt. Sind es die Verhältnisse im Städtchen, die sozialen Beziehungen, die dazu die Motive liefern? Oder sind es die stets bekannten Versuchungen, die, wenn ihnen nachgegeben wird, und nicht nur in Beauval, den Lauf der Dinge immer ändern, sans appel? Wendungen drehen im Leben nicht immer nur aufgrund von Ereignissen, Entscheidungen einzelner, oft kommt ein ganzes Bedingungsgefüge zusammen, das über das Schicksal Einzelner entscheidet, ein Schicksal, über das ihnen die Kontrolle entgleitet. Auch in diesem Roman gibt es Entscheidungs-, Handlungsmöglichkeiten für die Protagonisten. Sie können dies und jenes tun. Und warum sie es tun? Verantwortung, Angst, Furcht, Gier, Selbstlosigkeit, Sorgen, Stolz. Was treibt die Bewohner von Beauval und sonst irgendwo an?

Sie kennen das schon, spannende Bücher lassen Sie an Ihrer Zielstation vorbeifahren. Sich Zeit nehmen für diesen Roman? Fangen Sie einfach an zu lesen, Sie werden vor der letzten Seite nicht aufhören.

Pierre Lemaitre
> Drei Tage und ein Leben
Roman
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel (Orig.: Trois jours et une vie)
1. Aufl. 2017, 270 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98106-3

> Lesebericht: Pierre Lemaitre, Wir sehen uns dort oben 23. Januar 2015

> Vorgefragt: Pierre Lemaître, Wir sehen uns dort oben, 16. Oktober 2014

Aufgeschlagen: Pierre Lemaitre, Drei Tage und ein Leben

Mittwoch, 13. September 2017

Wir hatten in letzter Zeit schon öfters Bücher, diie man vor der letzten Seite nicht aus der Hand Legt. Die gerade erschienene Übersetzung von Tobias Scheffel, des Romans von Pierre Lemaitre, > Drei Tage und ein Leben gehört auch zu ihnen. „Roman“ steht hinter dem Titel, das ist aber nicht alles. Auf der französischen Wikipedia zu diesem Roman, der 2016 in Frankreich erschien, steht „Trois jours et une vie est un roman psychologique et noir de…“, der ihre Aufmerksamkeit allerspätestens total in dem Moment vereinnahmt, als Antoine im Wald auf den Nachbarsjungen Rémi Desmedts trifft, dessen Vater den Hund Odysseus der eigenen Familie, nachdem er überfahren worden war, mit einer Kugel erlöst und in einem Sack hinten im Garten zum Bauschutt legt.

Der Einzelgänger Antoine ist total verstört und fühlt sich von dem Bild des Sacks mit dem toten Hund im Garten verfolgt. Nichts geht mehr für ihn. Die Einkäufe, die als Aufgabe auf dem Mitteilungsbrett zu Hause ihm aufgetragen werden, erledigt er, ohne die Verkäufer anzusehen, noch mit ihnen zu sprechen. Er geht in den Wald, wo er alleine eine Baumhütte gebaut hat und zerstört sie und weint fassungslos. Dann steht auf einmal Rémi vor ihm.

Jeder Leser wird die Geschichte bis hierhin wahrscheinlich genauso erzählen. Das sind die Fakten, die Ereignisse und die Einsamkeit von Antoine. Der Fortgang der Geschichte ist keineswegs zwingend. Es gäbe verschiedene Szenarien. Aber Antoine ist zu aufgewühlt und als er dann noch merkt, dass Rémi seine Wut irgendwie nicht teilt, sondern sich nur irrsinnig erschrocken über die so offenkundige Wut von Antoine zeigt – der Erzähler fügt hinzu, Rémi glaube, Odysseus sei nur gerade mal wieder weggelaufen, schlägt Antoine zu.: „Blind vor Zorn packte er einen Stock…“ und versteckt dann die Leiche.

à suivre

Pierre Lemaitre
> Drei Tage und ein Leben
Roman
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel (Orig.: Trois jours et une vie)
1. Aufl. 2017, 270 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98106-3

> Lesebericht: Pierre Lemaitre, Wir sehen uns dort oben 23. Januar

> Vorgefragt: Pierre Lemaître, Wir sehen uns dort oben, 16. Oktober 16th 2014

Lesebericht und Nachgefragt: Jón Gnarr, Der Outlaw

Mittwoch, 13. September 2017

Was macht man am besten, wenn man in einer Schule für schwer erziehbare Jugendliche landet, kaum raus darf, und die Schule ziemlich weit abgeschnitten von der nächsten Stadt liegt? Die Schule ist in dem Flecken > Núpur am Fjord mit dem Namen > Dýrafjörður isländischen Region Vestfirðir (Westfjorde). Perfekt für eine ausgedehnte, erholsame und beeindruckende Island-Rundreise mit tollen Fotomotiven in einer aufregenden Landschaft. Aber als Schüler dort auf die kargen Hänge zu gucken und zu wissen, hier darf man erst einmal nicht wieder weg? Dann sieht das doch schon anders aus. Gerade ist bei Tropen die Autobiographie seiner Jugend von Jón Gnarr, > Der Outlaw. Eine isländische Jugend am Rande der Gesellschaft erschienen.

Der Neue wird kritisch gemustert, er mustert die anderen, Die einen sind Punks, die anderen Anarcho-Punk und Crass-Punk, eingeordnet wurde man weniger nach dem Charakter, sondern nach dem Musikgeschmack. Der Schnee um das Haus herum ist drei Meter tief. Eine natürliche Barriere, dahinter oder mit dem Blick aus dem Fenster, dahinten ist erst mal lange nichts. Wundert man sich, dass der junge Gnarr sich bald für den Anarchismus interessiert? (vgl. S. 37 ff) Jeder kleine Zwischenfall lehrt ihn mehr fürs Leben als der Unterricht. Er entwickelt für sich eine Strategie, um zu überleben. Er nennt sich Jónsi Punk und steigt zum Klassenclown auf. Findet man keinen Übeltäter wird ohne Umschweife Jónsi Punk verwarnt, er darf aber auf der Schule bleiben. Irgendwie zeichnet sich das schon ab: Komödiant und Verantwortung. Aber er ahnt noch nicht, dass später seine Idee, mal eben eine Partei zu gründen, ihn ganz schnell ins Stadtparlament von Reykjavík und sogleich auch auf den Stuhl des Bürgermeisters führen wird. Politiker oder Komödiant, wo sind die Grenzen haben wir Jón Gnarr am letzten Samstag in Berlin gefragt:

Und er findet einen Trick, um sich einen Besuch in > Ísafjörður zu genehmigen, > 33 km mit dem Bus. Es genügt, wenn die imaginäre Tante im Sekretariat der Schule anruft, und den geliebten Neffen nach > Ísafjörður einlädt, dann steht dem Diskothekenbesuch nichts mehr im Wege. Jónsi Punk reist in die Stadt und bald steht dort an vielen Stellen der Name seiner Lieblingsband „Nefrennsli„. Später kommt der Ausreißer nach Núpur zurück. Erleichtert und fast wieder zu Hause. Er liest Tao Te King, hört > Crass . Nach den Sommerferien zurück in Núpur: Erste Liebschaften und ein Schauspiellehrer, der einen Theaterkurs gab. Pétur Gunnarssons Grünschnabel steht auf dem Programm. Der Durchbruch, Jón bekommt viel Lob für seine Rolle. Ein Zwischenfall beendet die Schauspielerkarriere erst einmal. Aber Gnarr weiß jetzt, wo es für ihn lang geht: Er formuliert für sich Ideale. Jón Gnarrs Erzählung ist mitreißend: Man darf sich nicht alles gefallen lassen. Trotz ist das allerbeste Mittel, um mit der entsprechenden Willenskraft, Misslichkeiten zu überstehen. Und er hat Erfolg, wenn er sich selber vertritt und ins Spiel bringt. Sich nicht alles gefallen lassen, das kann man bei Gnarr lernen: Komödiant oder Politiker? > .

Hätte er sich auch nicht träumen lassen, dass er bald seine Memoiren als Politiker schreiben wird: Jón Gnarr, der Bürgermeister von Reykjavík (2010-2014) > Lesebericht: Jón Gnarr, Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!! erzählt hier die Jahre seiner düsteren Jugendzeit.

> /twitter.com/Jon_Gnarr

Jón Gnarr
> Der Outlaw
Aus dem Isländischen von Tina Flecken (Orig.: Útlaginn)
1. Aufl. 2017, 287 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-608-50153-7

Nachgefragt: Tom Drury, Grouse County

Dienstag, 12. September 2017

Bevor wir den letzten Roman von Tom Drurys > Grouse County. Romantrilogie ganz gelesen hatten, konnten wir den Autor am letzten Wochenende in Berlin besuchen und nach seinem neuen Buch und vor allem auch nach den Personen seiner Geschichten befragen. Drury erlaubte uns einen faszinierenden Einblick in seiner Schreibwerkstatt. Eine Triologie ist dabei herausgekommen. Nein, daran hatte er am Anfang bei der ersten Zeile überhaupt nicht gedacht. Er habe erst einmal angefangen. Somit gehört Drury zu den Autoren, die abwarten und zusehen, wie seine Charaktere sich entwickeln. Allerdings kommt mit den Jahren bei ihm eine weitere Komponente hinzu, die die Lektüre seiner drei Romane so spannend macht. Seine Personen machen Entwicklungen durch und obwohl Drury, ihr Fortkommen nur mit der Feder verfolgt und protokolliert, schaut er doch schon genauer hin, was machen sie aus ihrem Leben? Weniger in dem Sinne von, was wird aus ihnen, sondern es geht um die Frage, welche Chancen haben sie genutzt oder welche haben sie vertan.

Klar, der Autor lässt somit dem Leser alle Freiheiten, in die Beurteilung der Charaktere (mit) einzusteigen. Hält er uns einen Spiegel vor? Das darf jeder Leser für sich selbst entscheiden.

Klar, der Autor lässt somit dem Leser alle Freiheiten, in die Beurteilung der Charaktere (mit) einzusteigen. Hält er uns einen Spiegel vor? Das darf jeder Leser für sich selbst entscheiden. Doch mir fiel während unseres Gesprächs – in einem Bistrot in Berlin mit ungewöhnlicher Beleuchtung ein, wie > Sartre am Ende von Der Ekel seine Literaturtheorie und damit ihre Bemessungsgrundlage von Roquentin formulieren lässt: Er müsse, so sagt sich Roquentin auf der Zugfahrt nach Paris, ein Buch schreiben, das so hart wie Stahl sei und den Leuten wegen ihrer Existenz die Schamröte ins Gesicht treibe. Also es geht um alles, was sie nicht gemacht haben oder noch nicht gemacht haben. Geht es immer um verpasste Chancen? Man verpasst immer irgendwas. Aber es geht darum, immer wieder neu anzufangen und zu lernen, n’est-ce pas?

Tom Drury,
> Grouse County. Romantrilogie
Aus dem Amerikanischen von Gerhard Falkner und Nora Matocza
1. Aufl. 2017, 795 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Lesebändchen
ISBN: 978-3-608-98025-7

Jón Gnarr kommt nach Berlin: Der Outlaw. Eine isländische Jugend am Rande der Gesellschaft

Donnerstag, 7. September 2017

Gerade ist Tropen die Autobiographie seiner Jugend von Jón Gnarr, > Der Outlaw. Eine isländische Jugend am Rande der Gesellschaft erschienen.

Jón Gnarr, der Bürgermeister von Reykjavík (2010-2014) > Lesebericht: Jón Gnarr, Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!! erzählt hier die Jahre seiner düsteren Jugendzeit. Er kommt in ein Internat für schwer erziehbare Jugendliche am nordwestlichen Rande Islands. Dort bleibt er zwei Jahre von der Außenwelt abgeschnitten. Er fühlt sich nicht nur, er wird auch missverstanden und ist einem Unrechtsystem schutzlos ausgeliefert. Musik ist eine seiner Strategien, dem Elend zu entfliehen. Und immer wieder eigene Initiative. Er formuliert für sich Ideale: Er bekämpft Ungerechtigkeiten und wendet sich entschieden gegen jede Form von Gewalt. Außerdem entdeckt er die die Ideen des Anarchismus für sich und die Anderen: man muss sich nur trauen, etwas Neues zu machen und eingefahrene nutzlose Regeln zu überwinden.

Jón Gnarrs Erzählung ist mitreißend: Man darf sich nicht alles gefallen lassen. Trotz ist das beste Mittel, um mit der entsprechenden Willenskraft, Misslichkeiten zu überstehen. Und er hat Erfolg, wenn er sich selber vertritt und ins Spiel bringt. Sich nicht alles gefallen lassen, das kann man bei Gnarr lernen: Komödiant oder Politiker?

>/twitter.com/Jon_Gnarr

> 19. Internationales Literaturfestival 6. – 19. September 2017

Wir treffen Jón Gnarr auf dem Literaturfestival in Berlin:

Sa 09.09 2017 – 19:00
Jón Gnarr, Die Macht des Machens – Berlin | Lesung

Veranstaltung des »Internationalen Kongresses für Demokratie und Freiheit« im Rahmen des Internationalen Literaturfestival Berlin

Das Wahlverfahren ist nach wie vor die zentrale Form politischer Teilhabe, jedoch zweifeln viele Bürger zunehmend an seinem Wert und verweigern sich der Stimmabgabe. Welche anderen Formen von Partizipation gibt es und welche Räume existieren dafür? Werden diese gegenwärtig kleiner? Wie können neue Möglichkeiten geschaffen werden? Wie viel politische Verantwortung wollen die Menschen wirklich? Wie können aus Bürgern Demokraten werden?
Oberes Foyer – Haus der Berliner Festspiele, Berlin

Mo 11.09.2017 – 11:30
Jón Gnarr, Der Outlaw – Berlin | Lesung

Veranstaltung des »Internationalen Kongresses für Demokratie und Freiheit« im Rahmen des Internationalen Literaturfestival Berlin
Gartenbühne, Haus der Berliner Festspiele, Berlin

Mo 27.11.2017 – 19:30
Jón Gnarr, Der Outlaw – Hamburg | Lesung

Eröffnungsveranstaltung der Nordischen Literaturtage 2017
Literaturhaus Hamburg, Schwanenwik 38, 22087 Hamburg

Jón Gnarr
> Der Outlaw. Eine isländische Jugend am Rande der Gesellschaft
Aus dem Isländischen von Tina Flecken (Orig.: Útlaginn)
1. Aufl. 2017, 287 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-608-50153-7

> Indianer und Pirat
Kindheit eines begabten Störenfrieds
Aus dem Isländischen von Tina Flecken und Betty Wahl (Orig.: Indjáninn)
1. Aufl. 2015, 253 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-608-50141-4

Jón Gnarr
> Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!!
Wie ich einmal Bürgermeister wurde und die Welt veränderte
Aus dem Isländischen von Betty Wahl
7. Druckaufl. 2016, 175 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-608-50322-7

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