Verlagsblog

Das Urheberrecht ist im öffentlichen Raum

22. Juli 2009 von Heiner Wittmann

Für die Schüler, die am > Seminar über Medienwissenschaft anläßlich der Sommeruniversität in Rinteln teilnehmen, habe ich noch einen Lesetipp:

> „Die Piratenpartei füllt ein Angebotsvakuum“ – Interview mit Jörg Schönenborn, Tagesschau, 22.7.2009

An diesem Beitrag der Tagesschau kann man wunderbar exemplarisch untersuchen, wie ein Artikel in den Medien und seine Aufmachung wirken kann: Der Titel zieht die Aufmerksamkeit auf die Partei und weist das Interview als einen Beitrag mit Nachrichtengehalt und einer Analyse aus, mit der das Auftauchen der Piratenpartei von Jörg Schönenborn beleuchtet wird. Ein Blick auf das Programm der Piratenpartei zum Thema > Urheberrecht und nicht-kommerzielle Vervielfältigung zeigt, wohin die Piraten segeln möchten: „Die heutige Regelung der Verwertungsrechte wird einem fairen Ausgleich zwischen den berechtigten wirtschaftlichen Interessen der Urheber und dem öffentlichen Interesse an Zugang zu Wissen und Kultur jedoch nicht gerecht. Im Allgemeinen wird für die Schaffung eines Werkes in erheblichem Maße auf den öffentlichen Schatz an Schöpfungen zurückgegriffen. Die Rückführung von Werken in den öffentlichen Raum ist daher nicht nur berechtigt, sondern im Sinne der Nachhaltigkeit der menschlichen Schöpfungsfähigkeiten von essentieller Wichtigkeit. Es sind daher Rahmenbedingungen zu schaffen, welche eine faire Rückführung in den öffentlichen Raum ermöglichen.“ Hier wird einiges durcheinandergebracht. Will man die Autoren eines Tages auch „in den öffentlichen Raum“ zurückführen? Sollen sie von der Gesellschaft komplett vereinahmt werden, jeglicher Freiheit verlustig gehen und nur noch das schreiben, was man lesen und kopieren möchte?

Die Piratenpartei will aber noch mehr: auf der zitierten Seite heißt es auch: „Da sich die Kopierbarkeit von digital vorliegenden Werken technisch nicht sinnvoll einschränken lässt und die flächendeckende Durchsetzbarkeit von Verboten im privaten Lebensbereich als gescheitert betrachtet werden muss, sollten die Chancen der allgemeinen Verfügbarkeit von Werken erkannt und genutzt werden.“ Also will man sich der Technik unterwerfen und das Machbare zur Norm erheben, jenseits jeglichen Schutz für die Urheber der Werke. Wenn ich diesen Satz lese, meinen die Autoren doch, dass mein letztes Buch von jedem im privaten Bereich kopiert werden darf, und dann geht der gerade zitierte Satz noch weiter und verlangt die „Chancen der allgemeinen Verfügbarkeit von Werken erkannt und genutzt“ werden sollen. Welche Chancen? Sind es die technischen Voraussetzungen, die es so leicht machen, sich am geistigen Eigentum anderer zu bedienen, diese zu sozialisieren und damit die Autoren um ihren Verdienst zu bringen? Die Unkenntnis jeder Verlagsarbeit, die dieser Text verrät, muss hier nicht extra erwähnt werden. Der Untertitel „The Challenge of Freedom“ meines Buches bezieht sich auf den Zusammenhang von Kunst und Freiheit, die sich gegenseitig bedingen. Damit ist aber nicht die grenzenlose Verfügbarkeit des Publikums über die Werke eines Künstlers oder eines Schriftstellers gemeint. Will die öffentliche Hand Pauschalhonorare für Autoren übernehmen? Die Sozialisierung von Kunst bringt das Ende ihrer Freiheit gleich mit.

Im oben zitierten Auszug aus dem Parteiprogramm steht auch noch etwas anderes: „Im Allgemeinen wird für die Schaffung eines Werkes in erheblichem Maße auf den öffentlichen Schatz an Schöpfungen zurückgegriffen.“ Auch hier wird die Eigenleistung von Autoren unterschätzt und lässt vermuten, dass die Autoren dieses Satzes noch nie ein eigenes Werk publiziert haben.

Dazu passt die Schlussfolgerung von Roland Reuß, die er auf der Konferenz „Autorschaft als Werkherrschaft in digitaler Zeit“am 15. Juli in Frankfurt/M. vorgetragen hat: Im Zusammenhang mit der „in den letzten Jahren zu konstatierende allgemeine Respektlosigkeit der sogenannten Konsumenten gegenüber den spezifischen Bedingungen individueller geistiger Produktion,“ stellte er fest: „Das Resultat ist eine sehr spezielle Einsichtslosigkeit in die Notwendigkeit jener vom Gesetz garantierten Freiheitsräume, die Wissenschaft und Kultur wie der Mensch die Luft zum Atmen brauchen. Daß in dieser Situation, in der der einzelne Autor es ohnedies schon schwer genug hat, sein verbrieftes Recht durchzusetzen, politisch nicht vordringlich daran gearbeitet wird, den Individualrechten national und international Geltung zu verschaffen, sondern im Gegenteil populistische politische Bewegungen, an ihren sogenannten Geschäftsmodellen verzweifelnde Blogger, der Bibliotheksverband, große wissenschaftsfördernde Einrichtungen und neoliberale juristische Strömungen sich erdreisten, das Urheberrecht mit weiteren Schranken versehen zu wollen, ist, aus der Sicht der Autoren, zynisch.“

Auch wenn das Publikum notwendig ist, um – nach Sartre – durch die Zusammenarbeit mit dem Autor ein geistiges Werke entstehen zu lassen, so gibt es doch eine Verbindung zwischen Autor und Werk, das von der digitalen Piraterie nicht ernstgenommen wird, das Roland Reuß in dem genannten Vortag aber umso deutlicher hervorhebt: „Es gibt ein geistiges und sittliches Band zwischen Autor und Werk, das als Wert höher steht als jede Ökonomie und Verwertbarkeit. Wer einmal ein Buch geschrieben hat, wird wissen, daß die entscheidende Primärmotivation die ist, der Sache, mit der man sich beschäftigt, gerecht zu werden, und nicht sogleich der Gedanke, Geld mit ihr zu verdienen. Es gibt keine schöpferische Arbeit, die nicht diesen Sachbezug im Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit hat. Früher hatte diese Verhaltensweise noch einen vollen Namen. Man nannte das: Hingabe.“

Dazu:

> „Ohne Urheberrecht wäre das Internet ein Testbild“
Börsenblatt: Über die Konferenz „Autorschaft als Werkherrschaft in digitaler Zeit“,
15. Juli 2009 in Frankfurt/M.
> Heidelberger Appell

Auf diesem Blog: > Urheberrecht: Digital heißt nicht rechtlos

3 Kommentare zu “Das Urheberrecht ist im öffentlichen Raum”

  1. 24. Juli 2009 08:38

    Dabei sollte man nicht vergessen, daß der von Reuß ausgeführte personalistische Begründungs-Ansatz für das Urheberrecht einer unter mehreren ist. Ich zweifele daran, daß die Metapher von der „Vater-Kind-Beziehung“ von jener argumentativen Stärke für Werkherrschaft (sic!) ist, wie das Bild, daß diese Metapher evoziert.

    Denn gerade die emotionale Bindung von Eltern zu ihren Kindern (und vice versa) ist nun gerade nicht auf lebenslange Kontrolle in allen Lebenslagen („Publikationsumgebungen“) ausgerichtet, sondern im Gegenteil daran, den Menschen Selbständigkeit und Selbstentfaltung zu ermöglichen und diese zu unterstützen.

    Auch hinsichtlich der Eigenleistung muß meiner Meinung nach zugestehen, daß die subjektive Schöpfungshöhe nicht notwendigerweise mit der objektiven Schöpfungshöhe übereinstimmt. Der – kulturbedingte – Wert der „Originalität“ und des „herausragenden“ Individuums relativiert sich häufig aus kunstgeschichtlicher Sicht.

    In diesem Zusammenhang ist es auch verständlich, daß „politisch nicht vordringlich daran gearbeitet wird, den Individualrechten national und international Geltung zu verschaffen“, weil kulturell, wie Sie sicherlich wissen, das kontinentaleuropäische Modell des Urheberrechts als Individualrecht in anderen Kulturräumen unbekannt ist bzw. nicht geteilt wird. Es ist auch kaum zu vermuten, daß dieses Modell exportierbar ist, geschweige denn, daß ihm „international Geltung“ verschafft werden kann.

    Daß wenigstens die Transpiration des Urhebers eine Eigenleistung ist, die er kompensiert sehen will, ist weder verwerflich noch unverständlich. Irritierend jedoch ist, daß Urheberrecht zunehmend als ausschließliche Verpflichtung gegenüber dem Urheber, nicht aber auch als Verpflichtung gegenüber den Nutzern angesehen wird.

    Das Medium Internet ist struktuell und historisch durch seine Entstehung als Kommunikationsmittel in den Wissenschaften vor allem ein Medium kommunitaristischen Austauschs und horizontaler Kommunikation. So wie jeder Wissenschaftler Urheber und Nutzer in Personalunion ist, ist prinzipiell auch jeder andere Internetnutzer in der Lage, einen Rollenwechsel vom passiven Rezipienten zum aktiven Produzenten vorzunehmen.

    Daraus ergibt sich ein Autor-Leser-Wechselspiel von gegenseitigen Verpflichtungen, das ganz selbstverständlich sowohl Urheberrechte als auch Nutzerrechte, Nutzerpflichten, aber auch Urheberpflichten kennt.

    Tatsächlich wird es in unmittelbarer Zukunft insgesamt um einen Ausgleich von berechtigten Interessen sowohl von Urhebern als auch von Nutzern gehen. Daß der „Heidelberger Appell“ die Interessen von künstlerischen und wissenschaftlichen Urhebern gleichermaßen vertreten will, ist ein nicht zu behebendes malum für beide Gruppen. Daß er der personalistischen Rechtfertigung und der mit Blick auf die postmoderne Kritik (Foucault et al.) nicht unwidersprochenen Theorie der Werkherrschaft des Urhebers das Wort redet, ist das Recht der Heidelberger Appelanten.

    Das Recht der Nutzer, hier ein – auch theoretisches – Gegengewicht zu schaffen und Nutzerrechte und -interessen in der digitalen Welt (z.B. durch die Piratenpartei) vertreten und gestärkt zu sehen, ist allerdings ebenso berechtigt.

  2. 18. August 2009 13:23

    […] auf dem Blog von Klett-Cotta: > Leser, Autoren, Verleger und Herausgeber – 22. Juli 2009 > Das Urheberrecht ist im öffentlichen Raum – 22. Juli 2009 > Johann Friedrich Cotta und die Rechte der Autoren – 3. Mai 2009 > […]

  3. 19. März 2010 13:00

    […] Appells Für Publikationsfreiheit und die Wahrung der Urheberrechte vorzustellen. (Vgl. > Das Urheberrecht ist im öffentlichen Raum). Ind diesen Zusammenhang gehört auch seine Kritik an den Auswüchsen von Open Access: > Open […]

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