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Lesebericht: Anthony Atkinson, Ungleichheit. Was wir dagegen tun können

8. September 2016 von Heiner Wittmann

atkinson-ungleichheitDer gerade in deutscher Übersetzung von Hainer Kober erschienene Band > > Ungleichheit. Was wir dagegen tun können von Anthony B. Atkinson ist Lehrbuch, Essay und politisches Programm zugleich. Lehrbuch, weil es die Anwendung wirtschaftstheoretischer Grundsätze vorträgt, erläutert und abwägt. Essay, weil es das Thema Ungleichheit von mehreren Seiten umkreist, um dann in Sinne eines politischen Programms daraus Schlussfolgerungen zu ziehen, die der Autor in der Form von 15 „staatlichen“ (vgl. S. 8) Vorschlägen zur Verringerung der Ungleichheit (S. 303-307) zusammenfasst.

> Das Symposium »Ungleichheit im 21. Jahrhundert. Fortschritt, Kapitalismus und globale Armut« findet am 12. und 13. September 2016 im Haus der Berliner Festspiele statt.

Atkinsons Buch beeindruckt mit der Präzision seiner Überlegungen und folglich auch mit wohlüberlegten Begründungen seiner Vorschläge, die er im dritten Teil des Buches mit den möglichen Einwänden konfrontiert. Das Buch richtet sich an Wirtschaftswissenschaftler, Politiker, Studenten, soll aber auch aufrütteln, denn das Thema Ungleichheit wurde vom Pew-Forschungsinstitut 2014 nach einer Befragung „nach der größten Bedrohung der Welt“ als eine Sorge identifiziert, die alle anderen Sorgen in den Schatten stellt. Geschichte dient ihm als Lehrmeister, um die wirtschaftlichen Umstände aus der Verteilungsperspektive neu zu bewerten, mit dem Ziel die Ungleichheit zu reduzieren. Sein Credo lautet, wir sind gegenüber den Kräften, die der Einzelne nicht beherrscht keineswegs hilflos: „Die Zukunft liegt in unserer Hand.“ (S. 7)

atkinson-ungleichheitDer erste Teil stellt eine Diagnose vor und fragt nach den Zeiten, in denen die Ungleichheit zurückging? Das ist die Gretchenfrage, findet man die, kann man daraus lernen, was zur Reduktion der Ungleichheit führte. Jeder Gedanke an die Reduzierung der Ungleichheit muss dabei die Frage nach dem Erhalt der Arbeitsplätze und des Wirtschaftswachstum im Blick behalten. Klar definierte Begriffe sind Atkinsons Arbeitsgrundlage: Geht es um Chancen- oder Ergebnisungleichheit? Der wirtschaftliche Wandel der letzten hundert Jahre rückt die entscheidenden Dimensionen der Ungleichheit in den Blick. Die Verbesserung der empirischen Daten haben den Ansatz dieses Buches ermöglicht. Auf den Rückgang der Ungleichheit nach 1945 folgte in den 80erJahren die „Ungleichheitswende“, deren Ökonomie im 3. Kapitel diskutiert wird. Unwillkürlich stellt man sich die Frage, ob unsere Politiker, die im 4-Jahres-Rhythmus der Wahlen verfangen sind, da etwas verpasst haben. Längerfristige Entscheidungen werden von ihnen gerne aufgeschoben, so wie das Thema Steuergerechtigkeit oder gar die Absenkung der Kalten Progression oder sogar noch eine Steuerreform unserem Finanzminister immer erst kurz vor den Wahlen wieder einfällt, bevor man nach den Wahlen zum Tagesgeschäft übergeht. Der zweite Teil enthält die Handlungsvorschläge, die alle Ressorts der Regierung betreffen. Der technische Wandel, Marktstruktur und Gegenmacht, wie die Definition des Arbeitsmarktes werden dabei thematisiert. Kapitel 7 und 8 gehen ins Detail der progressiven Besteuerung und untersuchen die Vor- und Nachteil des Bürgergelds. Im dritten Teil werden Dimensionen der Machbarkeit der Vorschläge untersucht.

Gut, dass Twitter uns oft hilft:

Atkinson betont ausdrücklich, dass dieses Buch auch „seine Gedanken über den gegenwärtigen Zustand der Wirtschaftslehre“ (S. 12) zusammenfasst, der er die Ausklammerung von Verteilungsproblemen ankreidet. Er wünscht sich, dass „Laien mit einem Interesse für Wirtschaft und Politik“ sein Buch lesen werden. Es kommen auch wirklich keine komplizierten Formeln vor, und der Leser kann sich auf eine einleuchtende Lektüre freuen.

atkinson-ungleichheitDie Verringerung der Ungleichheit ist als „Bewegungsrichtung“ (S. 17) zu verstehen nicht als Ziel. Dabei muss der Ergebnisungleichheit mehr Aufmerksamkeit als bisher gewidmet werden, wobei zwischen kompetitiver und nicht kompetitiver Chancenungleichheit unterschieden werden muss. Dabei geht es auch um Preise und ihre Unterschiede auch in sozialer Hinsicht, folglich muss die Preisstruktur berücksichtigt werden. Daten sind eine unerlässliche Grundlage für die Wirtschaftstheorien. Einer der wichtigsten Koeffizienten ist der Gini-Koeffiient (Corrado Gini, 1884-1965), mit dem die Ungleichheit gemessen wird. (Vgl. S. 27 und > Gini-Koeffizient – Wikipedia) der mti einer Zahl einen Ungleichheitsindex ausdrückt. Wendet man ihn für die Betrachtung auf längere Zeiträume in einem Land an, werden Entwicklungen der Einkommensverteilung deutlich. Vergleicht man dann die Ergebnisse mehrerer Länder untereinander, können Auffälligkeiten erkannt und interpretiert werden. Steigenden Einkommensstreuung und Ungleichheit des Verbrauchs sind weitere Faktoren für die Ungleichheit. Kapitel 2 „Aus der Geschichte lernen“ (S. 63-109) beruft sich auf Haushaltserhebungen zeigt, dass in den westeuropäischen Staaten der Wohlfahrstaat in den achtziger Jahren an seinen Grenzen gestoßen ist, wofür u. a. Einschnitte in den Sozialleistungen verantwortlich waren. (vgl. S. 91) Und noch vor kurzem hat die Bundesregierung die Rente mit 63 eingeführt, was zu einer ungerechten Belastung kommender Generationen führen wird. Atkinsons Diagnose: „Die Lohnquote am Volkseinkommen nimmt zu, die Ungleichheit des Kapitaleinkommens nimmt zu, während die Ungleichverteilung des Lohneinkommens abnimmt.“ (S. 92) – Auf einem anderen Blatt steht die wirtschaftliche Ungleichheit, die von Faktoren wir die Globalisierung, dem Finanzleistungssektor und u.a. von der veränderten Lohnpolitik bestimmt wird. Die strikte Trennung der ersten beiden Teile trägt die Diagnose in Form eines Lehrbuchs für Wirtschaftstheorie vor und macht aus den Vorschlägen zum Handeln im zweiten Teil ein politisches Programm.

Die steigende Ungleichheit sei nur reduzierbar, wenn die Ungleichheit im Markt gesenkt werde, so Atkinson, deshalb wird er im Folgenden die Marktkräfte, die das Markteinkommen aus Arbeit und Kapital bestimmen, um sich dann den Steuern und Ausgaben zu widmen. Besonders interessant sind seine Erklärungen zur Bedeutung des Humankapitals im Rahmen des technologischen Fortschritts, hier legt er Stellschrauben offen, die kurzsichtige Politiker nicht im Blick haben. (S. 152 ff). Vorschlag 1. Die Politik solle Innovationen fördern, die Beschäftigungsfähigkeit der Menschen verbessern. (Wir fassen hier im Folgenden nur einzelne Vorschläge zusammen) Zwar konzentriert sich Atkinson auf staatliche Maßnahmen zur Reduzierung der Ungleichheit, aber er hat sehr wohl dabei auch die Verzerrung durch Wirtschaftssektoren im Blick. (Vgl. S. 158 ff) Der 2. Vorschlag zielt auf angemessene Machtverhältnisse zwischen den Interessengruppen. In Sciences-Po wurden uns in einer Vorlesung von Casanova einmal alle Bestimmungsfaktoren erläutert, die den Begriff Arbeitslosigkeit ausmachen, die den Politikern einen weiten Spielraum bieten, auf diese Statistiken auch kurzfristig einzuwirken.. Daran denke ich bei der Lektüre des Kapitel 5, in dem Atkinson die Auswirkungen der zunehmenden atypischen Arbeitsverhältnisse erläutert. Jetzt wird es kompliziert: Atkinson will, dass der Staat (Vorschlag 3) öffentlich garantierte Arbeitsplätze zu einem Mindestlohn anbietet. Arbeitsbeschaffungsprogramme und öffentliche Investitionen sind seine Stichworte. Vorschlag 4 mit der nationalen Lohnpolitik, die zwei Elemente mit dem Mindestlohn und einer Richtlinie für eine Ergänzung über dem Mindestlohn bietet, ergänzt Vorschlag 3.

„Staatliche Sparbriefe mit einem garantierten Realzinssatz auf Ersparnisse“ in Zeiten negativer Zinsen? 6. Mit der Volljährigkeit erhält jeder eine Kapitalausstattung. Eine öffentliche Investitionsbehörde soll einen Staatsfonds verwalten und den Nettowert des Staates erhöhen. Alle weiteren Maßnahmen – vgl. die Zusammenfassung S. 304-307 – konzentrieren sich auf die Besteuerung und die Sozialgesetzgebung.

Die Aussichten für die Realisierung seiner Vorschläge sind düster, wenn in Berlin selbst kleine Drehungen an der Steuerschraube nur als als (mögliches) Programm nach der nächsten Wahl vage in Aussicht gestellt werden und unserer Politik sich zu durchgreifenden Reformen außerstande sehen. Bei uns träumt jeder Steuerzahler nach dem Papierkrieg mit dem Finanzamt von einer grundlegenden Steuerreform, die uns wieder Zeit für Wesentlicheres lässt.

„Den Kuchen schrumpfen lassen?“ und die Frage „Hindert uns die Globalisierung am Handeln? zusammen mit der bangen Frage vieler „Können wir uns das leisten?“ nutzt Atkinson, um die Perspektiven seiner Vorschläge zu präzisieren und gegen Einwände zu verteidigen. Er glaubt, dass wir keineswegs den Effekten der Globaliserung passiv und schutzlos ausgeliefert seien. Es sei eine Sache der Staaten und damit auch von uns darauf zu reagieren. (vgl. S. 349)

Ein Glossar S. 399-404 und ein Index mit der Bibliographie ergänzen den Band.

atkinson-ungleichheitAnthony B. Atkinson
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Ungleichheit. Was wir dagegen tun können – Erscheinungsdatum: 27.08.2016
Aus dem Englischen von Judith Elze (Orig.: Inequality. What Can Be Done)
1. Aufl. 2016, ca. 480 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94905-6

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