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Lesebericht: Cynthia D’Aprix Sweeney, Das Nest

31. Oktober 2016 von Heiner Wittmann

sweeney-nestIn ihrem ersten Roman > Das Nest erzählt Cynthia D’Aprix Sweeney von den vier Geschwister Plumb. Alle sind in den Vierzigern oder kurz davor wie die jüngste Melody. Sie leben über ihre Grenzen im Vertrauen auf das väterliche Erbe, das kommen wird, wenn die Jüngste 40 wird. Bis dahin ruht der Geldsegen in einem Fonds, liebevoll und erwartungsfroh von allen das Nest genannt. Die gewohnte Geborgenheit früher zu Hause wird von den Vieren in den Fonds projiziert, Geld gibt Sicherheit und Vertrauen.

Leider schlägt einer von ihnen, Leo, noch mehr über die Stränge als seine Geschwister. Er dealt, hat immer wieder Affären und kann es nicht lassen. Auf einer Party trifft er die junge Sängerin Matilda, die zum Kellnern verpflichtet ist. Ein erster Augenkontakt zwischen beiden, kurz darauf sitzt Matilda neben Leo in seinem schicken Porsche, zum Strand soll es gehen, sie geht an seine Hose, total abgelenkt, fährt Leo los und übersieht einen SUV. Es knallt: „Keiner von beiden hatte auch nur Zeit zu schreien.“ S. 15 Soweit der Prolog.

D’Aprix Sweeney stellt uns dann Geschwister Melody, Jack, Bea und Leo vor. Melody muss ihr Haus finanzieren und die Collegegebühren für ihre Zwillinge aufbringen, die allmählich immer selbständiger werden. Sie verfolgt sie mit der App Stalkerville und weiß so immer ihren Aufenthaltsort, zumindest ihres Smartphones, das auch schon mal alleine im Schließfach beleibt, weil beide verbotenerweise auf dem Weg in den Central Park sind. Jack macht in Antiquitäten und heiratet heimlich seinen Freund. Beatrice träumt von ihrem Roman, schreibt kleinere Geschichten und hofft immer mehr auf den ausbleibenden Durchbruch. Leo hat den Unfall überlebt und braucht eine größere Summe, um die Ansprüche von Matilda zu befriedigen. Ohne sich mit den Kindern abzustimmen, bedient sich seine Mutter an dem Fonds, um ihm zu helfen.

Das Treffen der Geschwister mit der Mutter macht nichts besser. Das Geld, nur das Geld steht im Zentrum des Treffens, und den Dreien beginnt zu dämmern, dass da doch nicht viel für sie übrigbleibt. sweeney-nestLeo ist am besten bedient worden, und die Erzählerin weiß auch um seine Millionen auf einen Offshore-Konto (S. 93). Geldsucht macht kriminell, sät Missgunst und macht alles noch viel schlimmer, aber ist der einzige Grund für den Zusammenhalt der Geschwister, ansonsten haben sie sich nichts zu sagen.

Und da sind noch einige Nebenfiguren, wie Paul Underwood, mit dem Leo zusammen eine Online-Literaturzeitschrift betreibt. Das funktioniert nur, weil im Hintergrund Pauls alten Tanten finanzielle Hilfen großzügig überweisen. Bleiben sie aus, geht es mit dem Geschäft bergab. Ständiger Geldmangel bestimmt das Leben der Geschwister. Wie kommen die eigentlich über die Runden? Ist es die Hoffnung? „Wenn das Nest da ist, wurde Jacks Lieblingsausdruck. Melody lebt auf Ihren vierzigsten Geburtstag hin, der Tag, an dem der warme Geldregen kommen werde.

Bea belegt derweil einen Schreibkurs bei Tucker McMillan an der Columbia University und beginnt von ihrem Erfolg zu träumen. Sie kommt mit Tuck zusammen, und als er stirbt, braucht sie Geld und fragt (vorzeitig) ihre Mutter nach dem Fonds. Sie braucht ihre Hilfe dann doch nicht, weil Tuck ihr die abbezahlte Wohnung vermacht hat. Als Leo entdeckt, was Bea schreibt, flippt er aus und…

Die Spannung ist es, die den Leser in diesen Roman hineinzieht. Es ist klasse, wenn die Geschichte beim Lesen in eine Art Film übergeht, Tee machen, und 40 Seiten später… ich wollte ja Tee machen. Das ist der Kick, den dieser Roman mitbringt. Eine geschickte Kapiteleinteilung und die alles überlagernde Hoffnung auf Geld, immer mehr Geld. Das sehen die drei Geschwister schon mal über Leos Geldverschwendung hinweg. Kritik an ihm wäre ein eigenes Zurückstecken? D’Aprix Sweeney ist es gelungen, die Sehnsüchte, das Verlangen, vielleicht auch den Neid und immer wieder das Hoffen auf noch mehr Geld der Geschwister mit ihren Porträtstudien zu verknüpfen. Ihr Roman liest sich auch wie ein Drehbuch. Zufälle drehen die Geschichte, so wie der ausgerutschte Leo von den Zwillingen im Central Park beobachtet wird, wo eigentlich alle Drei nicht hingehören. Leo ist mit seiner Scheidung von Victoria beschäftigt und trifft auf seine frühere Freundin Stephanie: „Keine Drogen, kein Sex, kein Geld leihen,“ sie weiß, das die alte Leier wieder anfangen könnte.

Der Leseort für diesen Roman: ICE Stuttgart-Berlin und zurück. Kann auch laut sein, sie werden beim Lesen die Mitreisenden vergessen. Am besten den durchgehenden Zug buchen, sonst vergessen Sie bei dieser Lektüre das Umsteigen.

sweeney-nestCynthia D’Aprix Sweeney
Das Nest
Roman, aus dem amerikanischen Englisch von Nicolai von Schweder-Schreiner (Orig.: The Nest)
1. Aufl. 2016, 410 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98000-4

Siehe auch:

> Denis Scheck im Interview mit Cynthia D’Aprix Sweeney, „Das Nest“ – Druckfrisch, 30.10.2016

> Cynthia D’Aprix Sweeney: Das Nest – rezension auf auf >literaturschock.de

> Rezension: Das Nest von Cynthia D’Aprix Sweeney – The Read pack

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