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Lesebericht: Hallgrímur Helgason, Seekrank in München

24. November 2015 von Heiner Wittmann

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> Seekrank in München ist kein Buch für München-Liebhaber oder erst recht für alle Münchner, die ihre Stadt den Zugereisten noch besser erklären möchten. Um es gleich zu sagen, München ist nicht so recht das Problem des Protagonisten, Freiburg, Hannover oder Köln wären ihm kaum besser bekommen. Der Isländer Jung hat sich auf die Reise nach München begeben. In Deutschland wollte er studieren, da aber überall die Einschreibfristen schon abgelaufen waren, blieb nur noch die Hochschule, wo die Frist noch lief. Und so kam Jung zur Kunst, nämlich an die Kunstakademie in München. Zuerst die Reise nach und die Ankunft in München: „Mit dem Zug in eine Stadt zu kommen ist etwa so, wie einen Menschen durch ein Vergrößerungsglas kennenzulernen,“ (S. 9) erklärt Jung und leistet sich eine Taxifahrt in die Hohenzollernstraße. Bei der Zimmerbesichtigung für eine provisorische erste Bleibe fällt ihm die letzte Nacht zu Hause ein, Totalabsturz, und was war da nachts mit ihm passiert? Ein leichtes Nachtmahl, das seinen Magen zum Kollaps brachte. Nachts schnell raus. Das Erbrochene hatte eine seltsame Konsistenz, war schwarz und stank. Das Unheil nimmt so seinen Lauf und trägt keineswegs zu seinem Wohlbefinden bei. Ist es München, die ungewohnte Kost, die Umstellung, die Aufregung der Reise? Jung macht sich keinen Reim darauf.

In den nächsten Tagen führt ihn der Hunger in eine Gastwirtschaft, er greift sich eine Zeitung. Wohnungssuche, Telefon, das Übliche. U-Bahn-Fahren, erneute Zimmerbesichtigung. Für Jung wird alles zu Last. Ein rotes Zimmer mit roten Tapeten. Da schon wieder, sein Magen gibt seinen Inhalt zurück. Das Krankenhaus hat keinen Befund für ihn. Eine Unpässlichkeit?

Als seine isländischen Freunde ihn nach Schwabing mitnehmen, bekommt er zünftig zuviel Hochprozentiges ab. Leidet der Leser mit? Schreibt sich der Autor Studienerlebnisse von der Seele? Er erzählt uns viel über Island. Schon sein Kunsthochschuldebut zu Hause in Island war nicht so toll gewesen. Und jetzt auch noch eine Zulassungsprüfung, die eigentlich eine Aufnahmeprüfung ist. Keine günstigen Umstände, da kommt alles auf einmal zusammen… für einen Isländer, der auf München nicht so recht vorbereitet ist.

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Hallgrímur Helgason, Oktober 2011

Würde er sich nicht immer wieder so schrecklich unpässlich fühlen. Erinnerungen an die schwarze Lava zu Hause, schlimmes ins Bild gesetzte Heimweh? Nun dies als Reminiszenz an einen autobiographischen Charakter des Romans lassen wir gelten. Ansonsten prüft Jung ständig sein schwieriges Innenleben, ein geregeltes Studium findet unter diesen Umständen nicht statt.

Seine Artgenossen halten ihn von kreativer Arbeit ab, so als er ob er Island nicht einfach mal loslassen könnte. Doch er kann und reist zum Rendez-vous nach Florenz. Auch da vermasselt seine Unpässlichkeit alles… Ein Leiden oder das Mitleiden des Lesers ist auf dem Höhepunkt… Oder ist er nur etwa ganz unangepasst, dieser Künstler, der alles so ganz anders empfindet, seine Rolle eben nicht so spielt, wie man es von einem Künstler erwartet? Das grenzt ja fast an Schadenfreude, wenn man hier bei der Lektüre, Spaß empfindet, sagen wir eher Vergnügen bei dieser skurrilen Geschichte oder Lebensweise unseres Künstlers

Schließlich wird das Schwarze doch noch mehr oder weniger wissenschaftlich von staatlicher Seite untersucht… Nebenbei finden sich hier viele gelungene Anspielungen bis zu Persiflagen auf die bundes- und ostdeutsche Geschichte um den Beginn der 80er Jahre.

Nach einem Jahr kommt Jung wieder mach Hause. Ein bisschen mehr Künstler vorher? Um viele Erfahrungen reicher, nach seiner Reise kann er viel erzählen, und der Reisezweck, das Studieren geht unterwegs verloren.

Die Zugfahrt hin war prima, die 2. Hälfte dieses Romans gelesen und auf der ersten Hälfte der Rückfahrt diesen Lesebericht verfasst.

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Hallgrímur Helgason,
Seekrank in München. Roman,
aus dem Isländischen von
Karl-Ludwig Wetzig
Original: Seasick in Munich
1. Aufl. 2015, 416 Seiten,
gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50151-3


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Nachgefragt: Hallgrímur Helgason, Eine Frau bei 1000°. 5. Oktober 2011 von Heiner Wittmann:
„Fast durchgelesen. Der Band von Hallgrímur Helgason, >Eine Frau bei 1000°, ist jetzt bei Tropen in der Übersetzung von Karl Ludwig Wetzig erschienen. Nach der Lesung gestern abend im Literaturhaus Stuttgart (Fotos folgen) haben wir uns für heute vormittag zu einem Gespräch verabredet. …“ > Bitte weiterlesen.

Hallgrímur Helgason
> Eine Frau bei 1000°
Aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig (Orig.: Konan við 1000°C)
1. Aufl. 2011, 400 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50112-4

> Wie kann man mit dem Morden aufhören? ZehnTipps von Halligrímur Helgason 15. Februar 2010 von Heiner Wittmann: „Auch die Routine macht einen Beruf nie so richtig langweilig. Oder es haben sich schlechte Gewohnheiten eingeschlichen, und man möchte sie überwinden, nochmal ganz neu anfangen – ohne alte Rechnungen. Das will dann nicht so recht klappen, man fällt doch wieder in den alten Schlendrian zurück. Das muss nicht immer so sein. Nur bei einem Serienkiller kommt die Gewohnheit immer wieder durch. Tomislav alias Toxic geht es nicht anders. Seine Nummer 67 war auch nicht geplant. Sie kam ihm dummerweise in die Quere: Ausknipsen, nennt das Toxic. Er hätte aber vorher genauer hingucken sollen, denn sein letztes Opfer ist offenkundig ein Priester, der nun sein Gewand als Fluchthilfe ausleihen muss. Und wir sind erst auf Seite 18. …“ > Bitte weiterlesen.

Hallgrímur Helgason
> Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen
Roman
Aus dem Isländischen von Kristof Magnusson

Auflage: 1. Aufl. 2010
Ausstattung: gebunden mit Schutzumschlag
271 Seiten
ISBN: 978-3-608-50108-7

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