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Lesebericht: Jenny Diski, Küsse und Schläge

25. August 2015 von Heiner Wittmann

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15 Jahre war Jenny Diski alt, als sie nach einer zerstörten Kindheit bei > Doris Lessing (1919-2013) einzog. Vergewaltigungen, Depression, Pflegeheime, alles hatte sie schon erlebt. Sie beginnt zu schreiben und ihre erster Roman Nothing Natural erscheint 1986. Jetzt wurde er von Klett-Cotta, übersetzt von Bettina Ruge, unter dem Titel > Küsse und Schläge wieder herausgegeben.

Eine Zugfahrt von Amsterdam nach Stuttgart, und Sie hören fast nichts von ihren Mitreisenden wenn Sie auf dieser Fahrt dieses spannende Buch lesen: Jenny Diski, > Küsse und Schläge. Rachel Kee ist eine Nachhilfelehrerin, depressiv, aber sie sorgt für ihrer Tochter Carrie, die gerade mit ihrem Ex Michael in Italien weilt. Und da ist noch Joshua Abelman, seit drei Jahren ihr Liebhaber.

Das Foto eines vermeintlichen Triebtäterpärchens in der Zeitung schreckt Rachel auf. Er sieht aus wie der geschiedene Joshua, den Molly ihr vorgestellt hatte. Joshua hatte sie an dem Abend nach Hause begleitet. Nein, kein Kaffee, er schaltet die Lichter aus, küsste sie und zog sie aus… Nach dem Aufwachen war er sofort angezogen und schon verschwunden. Eine richtige Liebesbeziehung ist es nicht. Aber Rachel kann auf die zuerst sanften, dann heftigeren Schläge von Joshua nicht verzichten; aber statt von ihr danach in den Arm genommen zu werden, sagt Joshua: „Lass uns essen.“ – „Sie hatte sich bei dieser letzten Begegnung unendlich mehr erforscht, mehr durchdrungen, mehr in den Besitz genommen gefühlt.“ (S. 49) Sie wird trotzig, > ihre innere Stimme: „Du darfst so etwas nicht genießen, sagte die kleine scharfe Stimme in ihrem Kopf. ‚Habe ich aber‘ sagte Rachel laut und ging zu Bett.“ (S. 50) Sexualität und Gewalt ist das Thema dieses Romans, die Schärfe des Nachdenkens darüber sucht man in Fifty Shades of Grey vergebens.


> This and That Continued. Jenny Diski – Writing and stuff.
> jennydiski.co.uk/
> twitter.com/diski
> http://www.lrb.co.uk/search?q=diski – London Review of Books

> Jenny Diski’s End Notes – New York Times Magazine


Rachels frühere Affären war immer schnell wieder aufgrund irgendeiner Beobachtung vorbei. Es reichte schon eine ungeschickte Bemerkung. Aber auf Joshuas Anrufe wartet sie ständig. Waren es wirklich ihre heimliche Fantasien, die Joshua wirklich werden ließ? (vgl. S. 70) Sie verlor ihre Selbstbeherrschung wurde geschlagen und sehnte sich nach dem Sex mit ihm. Sie erzählt ihrer Freundin Becky von der Lederpeitsche, die ihren Ohren nicht rauen will, Joshua sei wohl nicht ganz normal… sadomasochistisch veranlagt. Becky will ihr nicht glauben. „Es ist ein Zeremoniell, ein Ritual,“ sagt Rachel (S. 81) Eigentlich verlange er nichts, sie müsse sich auch nicht darum kümmern, ihn wieder loszuwerden, sie gehe einfach nur bis ans Ende. Becky, meint das könne auf Dauer nicht funktionieren. Müsse es auch nicht, antwortet Rachel.

Dann bekommt sie in der Schule, wo sie unterrichtet, einen besonders schwierigen Jungen, Pete, mit seiner zerstörten Kindheit, der sich noch irgendwie unbewusst nach Geborgenheit sehnt. Und Rachel sehnt sich nach Joshua, der sich für sie nicht oder nur in bestimmten Moment wenn überhaupt interessiert. Aber er ruft auch mal Wochen lang nicht an. Pete schafft es nicht alleine, die Einweisung in eine Klinik steht im Raum. Rachel spürt ihr immenses Verlangen danach, von Joshua geliebt zu werden und ihr Glücksgefühl, als er ihr Verlangen zu erwidern schien. Pete ? Damals war Isobel gewarnt worden, ein „fremdes und gestörtes Mädchen aufzunehmen“ (S. 213). …

Zwei Erzählstränge, zwei Geschichten bestimmen diesen Roman, in denen nicht unbedingt Rachel immer die Hauptperson ist. Der vergelich der beiden Geschichten lehrt viel Kluges über zwischenmenschliche Beziehungen. Sexualität, Liebe und das Nachdenken über Gewalt, über
physische Gewalt und alle Gewalt, die durch psychische Verletzungen ausgeübt werden, bestimmen diesen Roman. Sadomasochismus sagen die einen, eine „bewundernswert ehrliche diski-kuesse-schlaegeGeschichte einer ungewöhnlichen Liebe, die mutig den vielfältigen physischen und emotionalen Abhängigkeiten nachspürt…“ sagt Doris Lessing.

Jenny Diski
> Küsse und Schläge

Roman, aus dem Englischen von Bettina Runge
1. Aufl. 2015, 362 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-608-98029-5

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