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Lesebericht: Jón Gnarr, Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!!

12. Mai 2015 von Heiner Wittmann

> Nachgefragt: Jón Gnarr, Indianer, Pirat und Politiker?

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Der Titel dieses bei TROPEN > Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!! ist einer der Sätze, die der Bürgermeister von Reykjavík Jón Gnarr von seinem Deutschunterricht übrigbehalten hat. Sein Untertitel Wie ich einmal Bürgermeister wurde und die Welt veränderte beschreibt seine Amtszeit als Bürgermeister, die er nach dem überraschenden Sieg der Besten Partei 2010 antrat. Bis 2014 hatte er dieses Amt inne und einen neuen für die Isländer ganz ungewohnten Politikstil geprägt.

Auf der Homepage der Besten Partei hatte er 2010 im Wahlkampf sein politisches Credo vorgestellt: „Die Autoritäten haben versäumt, in puncto Zukunftsplanung einen klaren Kurs einzuschlagen, mit dem alle leben können. Im Grunde genommen scheren sie sich keinen Deut um die Zukunft, weil sie sie nämlich für völlig irrelevant halten.“ (S. 8 f) Vergleicht man Parteiprogramme anderer Länder untereinander, so kann oft gar nicht sagen, aus welchem Jahr ein Programm stammt, uzu ähnlich sind sich die Programme über die Jahre, und beim genaueren Hinsehen, findet man wenig über die Zukunft, kaum eine unserer Parteien verrät uns, wo die Reise hingehen soll. Wunderbar die Argumentation von Jón Gnarr: „Keine andere Partei betrachtet diesen programmatischen Blick in die Zukunft als einen ihrer Werte. Wir schon! Wir könnten durchaus einer rosigen Zukunft entgegensehen – vorausgesetzt, dass die Leute uns wählen.“ (S. 9) Die Sorge, die Eu werde uns mit Haut und Haar verschlingen, das Taumeln zwischen Wirtschaftsliberalismus und staatlicher Gängelung… Und dann wieder so ein klasse Satz „Wir haben eine Verabredung mit der Zukunft…“ (S. 10) Kostenlose Busse und Schwimmbäder und Geld holt man einfach bei der Bank ab. Kostenlos. Langsam gehen seine Wahlversprechen in Stuss über. Alles umsonst. Rosige Zukunft? „Dann mach dein Kreuz bei der Besten Partei.“ (ib.) Stuss gibt es auch bei unseren Parteien, überhaupt, fragt man sich bei der Lektüre dieses Buches immer wieder, nur in Island möglich?

Jón Gnarr hat ein einfaches und überzeugendes Menschenbild. Es gibt die Geber und die Nehmer: „Geben ist seliger als Nehmen. (S. 56) Wobei die Geber immer grundsätzlich mehr haben auch wenn sie den raffsüchtigen Nehmern etwas schenken. Anarchist nennt Gnarr sich. Keine Regeln? Nein, er will eine positive Einmischung in die Demokratie, die Menschen zum Mitmachen auffordern, deshalb ist Facebook als Tummelplatz vieler seiner Identitäten für ihn so wichtig. Ohne dass man sie von außen erkennen kann, weiß man doch, dass Gnarr dort ständig übt: Rede und Gegenrede. (s. S. 129 f.)

Ein weiterer Grundsatz. Lösungen statt Probleme.

Kurze Sozialkunde über Island: S. 16-22. Im Hotpot und dann beim Duschen sind alle gleich(nackt). Und positives Denken ist angesagt.

Als Kind sei er eine „wandelnde Provokation gewesen“, das „schwarze Schaf der Familie“. Gnarr sieht das völlig anders: „Ich war eine frühreifes Kind in einer festgefahrenen Welt.“ (S. 25) Und an die Schulzeit hat er schlechte Erinnerungen: „In der Schule wird kreatives Denken schon im Keim erstickt“ (s. 47)

Er wurde Komödiant und feilte an seinen Rollen. Und so rutschte er in die Politik. Er dachte sich eine Rolle aus, die aus dem Spaß in den Ernst überging. Die Finanzkrise, die ihn indirekt die Stelle kostetet, war ein Auslöser für seinen Entschluss. Aus einem Sketch heraus um die Allerbesten entstand die Beste Partei. Sein Grundastz: „We can’t leave democracy to the politicians.“(S. 55)

Die ersten Umfrageergebnisse machen noch nicht das eine % voll. Facebook, YouTube, Blogspot, einige Vorschläge, Disneyland in Reykjavik eröffnen, kostenlose Handtücher für Gratis-Schwimmbäder, eine Websie und Gnarr fand sich zur Überraschung aller auf dem Sessel des Bürgermeisters wieder.

Von den Grundsätzen seiner Partei 2010 (S. 75 ff.) können manche anderen Parteien schnell etwas lernen, bevor es für sie zu spät ist: !. Privathaushalte und Schutz der Familie, denn sie haben nur das beste verdient.“ „5. Mehr Transparenz! Wie finden es wichtig, dass Politik immer mit offenen Karten spielen, damit die Bürger wissen, was Sache ist. Und wir versprechen, das in unserer Partei auch konkret umzusetzen.“ Hm: 7. Schuldenerlass für alle.“ „12. Absolute Gleichstellung der Geschlechter“ Jetzt fehlt hier noch eine Liste all der Themen der Besten Partei, die bei uns immer noch in der gutgemeinten Fürsorge von Väterchen Staat angesiedelt sind.

Und dann folgt der Bericht über die Hälfte der ersten Amtszeit als Bürgermeister. Über die Häme, die Angriffe, die Ausfälle, die Beschimpfungen der Opposition, bis zu den tätlichen Angriffen auf der Straße, und dann erzählt Gnarr, wie er in der Ratsversammlung seinen Kritikern geschickt gegenübertritt. Ach ja, noch was: „Nachhaltige Transparenz“ (S. 109) gehört zu seinen Grundsätzen: S. 109-112.

Lesen Sie dieses Buch. Und dann schauen Sie in eine unserer Tageszeitungen. Dann hätten wir wohl einige Änderungsvorschläge für unsere Politik, auch im Bund. Wörter wie „Fraktionszwang“ oder gar „sicherer Listenplatz“ passen nicht zu Gnarrs Transparenz.

> Hier stehen Infos zu seiner > Lesereise, auf der er mit seinem nächsten Buch > Indianer und Pirat. Kindheit eines begabten Störenfrieds. Aus dem Isländischen von Tina Flecken und Betty Wahl (Orig.: Indjáninn) 1. Aufl. 2015 im Frühsommer 2015 in Deutschland und Österreich unterwegs ist.

> Better Reykjavík – Connects citizens to city hall

> https://betrireykjavik.is/

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Jón Gnarr
> Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!!
Wie ich einmal Bürgermeister wurde und die Welt veränderte
Aus dem Isländischen von Betty Wahl
6. Aufl. 2015, 175 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-608-50322-7

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