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Lesebericht: Karl Heinz Brisch (Hg.), Bindung und Migration

26. September 2015 von Heiner Wittmann

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Bei aktuellen Titeln muss der Blogger sein > Leseprogramm einfach mal ändern. Der Band > Bindung und Migration, den Karl Heinz Brisch gerade bei Klett-Cotta herausgegeben hat, kommt wie gerufen. 300 000 neue Schülerinnen und Schüler sollen in diesem Jahr in unseren Schulen dazu kommen. Das sind Kinder und Jugendliche, die als Flüchtlinge mit oft traumatischen Erlebnissen, Gewalt, Tod, Bomben und Flucht unter meist dramatischen Umständen zu uns flüchten.

Dieser Band geht auf die Internationale Konferenz Bindung und Migration, die von der Abteilung Pädiatrische Psychosomatik und Psychotherapie am Dr. Haunerschen Kinderhospital der Ludwig-Maximilians-Universität am 11. und 12. Oktober 2014 veranstaltet wurde, zurück, deren Beiträge hier vorgelegt werden.

In den kühnsten Träumen kann man sich das Elend und das erlittene Leid der Jugendlichen z. B. in Syrien, die vor Ort aus ihrem Lebensumfeld durch unermessliche Gewalt und Tod von Freunden, nahen Angehörigen herausgerissen wurden, nicht vorstellen. Panik und extreme Angst bestimmten auf einmal ihr Umfeld. Für viele schließen sich Vertreibung oder Flucht in eine ungewisse Zukunft an. Sie sind gezwungen, in prekären Lagern zu überleben, zuweilen können auch die Erwachsenen ihnen kaum beistehen. Schaffen sie die Flucht, die sie neuen Gefahren aussetzt, in ein zunächst sicheres Umfeld, entsteht eine ganz andere Art von Stress, der Anpassungsdruck, massive Verunsicherung, Deprivationsgefühle, Vereinsamung und gar neue Bedrohungen (vgl. 7) für sie bedeutet.

Die sprunghaft gestiegene Zahl von Flüchtlingen, die seit Anfang September 2015 in Europa ankommen übersteigt alle Befürchtungen. Unter ihnen sind besonders viele unbegleitet minderjährige Jugendliche, die Behörden und Helfer das Äußerste abverlangen. Kein Schicksal gleicht dem anderen, aber alle, die u. a. aus Syrien kommen, teilen traumatische Erfahrungen, die Erinnerung an den Bürgerkrieg, massive Zukunftsängste, aber auch die Hoffnung auf geordnete Verhältnisse. Bei uns treffen sie aber auf ihnen völlig unbekannte Situationen, auch wenn ihre Klassen Willkommensklassen heißen, benötigen sie viel Empathie, Zuwendung und Personen, Helfer, Lehrer, die sich ihrer annehmen. Ihre Betreuer wird das Schicksal der Neuankömmlinge keinesfalls unberührt lassen. Viele Kinder und Jugendliche sind schüchtern, völlig verstört, viele berichten, was sie erlebt haben und suchen neue Bindungen.

Die Aufsätze dieses Bandes untersuchen die Probleme, die bei der Eingliederung von Migranten auftauchen:

Thomas Hegemann und Melisa Budimlic stellen in ihrem Beitrag Brücken bauen zwischen Sprachen und Kulturen den „Einsatz von Gemeindedolmetschern zur Überbrückung von Kommunikationshindernissen und psychosozialen Diensten“ vor. Ihre Erfahrungen und Anregungen sollten denen zugutekommen, die heute unmittelbar mit der Aufnahme von Jugendlichen unter den Flüchtlingen betraut sind. Es reicht nicht, einfach zu übersetzen, auch der Einsatz von Dolmetschern unterliegt gewissen Regeln. Beide Autoren legen in ihren Beitrag auch eine Anleitung zum Einsatz von Laiendolmetschern vor.

Visal Tumani, Fachärztin für Psychiatrie aus Ulm, fragt Spielt Kultur bei der Bindungstraumatisierung eine Rolle? und stellt damit einen essentiellen Faktor von Bindung vor, nämlich die Kultur, die Bestandteil lebenslanger Sozialisationsprozesses sein sollten, die durch die Migration, vor allem aber durch Krieg, Gewalt und Verfolgung jäh unterbrochen werden. Damit stellt sie implizit die Frage, wie neue Bindungen aufgebaut werden können. Die knappe Form ihres Beitrags, mit dem sie die Vielfalt der Belastungen der jungen Flüchtlinge darstellt, ist sehr beeindruckend.


brisch-bindung-jugend„In der Jugendzeit wird die Bindung an Gruppen mit Gleichaltrigen zu einem bedeutungsvollen Bindungssystem, das den Jugendlichen Schutz und Sicherheit vermittelt und die Entwicklung fördern kann. Es kann auf der anderen Seite aber auch eine Quelle von Angst sein, die Autonomie und Individualität verhindert. Die Autorinnen und Autoren des Bandes behandeln folgende psychische Probleme bei den wegen desorganisierten kindlichen Bindungserfahrungen besonders gefährdeten Jugendlichen.“

Karl Heinz Brisch (Hrsg.)
> Bindung und Jugend
Individualität, Gruppen und Autonomie
1. Aufl. 2013, 296 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94827-1


Carolin Mogk hat den Grundlagenartikel für diesen Band verfasst: Allein in Deutschland – Psychotherapie und psychosoziale Arbeit mit minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen (S. 44-82). Wer von denen, die gesagt haben, Wir schaffen das? weiß wirklich, dass nahezu jedes Kind das dem Krieg und Terror in Syrien und dann den Schleppern entkommen ist und die Flucht überstanden hat, hier mehr als völlig verstört ankommt und viel mehr als nur eine freundliche Aufnahme, sondern eine lange geduldige Betreuung braucht. Neue Deutschlehrer und Sachspenden alleine genügen nicht.

Elaine Arnold berichtet über Migration und die Auswirkungen zerbrochener Familienbindungen aus vielen Teilen der Welt über den Verlust von Bindungen. Verlorene Bindungen sind nicht einfach reparabel. Aber das Wissen um ihr Entstehen und ihre Bedeutung sind eine wichtige Voraussetzung, um diesen Jugendlichen wirksam helfen zu können.

In diesem Zusammenhang ist es folgerichtig, dass Gülay Teke aus Berlin aus ihrer täglichen Praxis über „Migrationssensiblen Kinderschutz“ berichtet.

Was kann getan werden? Eva Pattis Zoja: Nach Massengewalt und Vertreibung: Der symbolische Ort, an dem Bindung wieder entstehen kann. Wie können neue Beziehungsmodelle aufgebaut werden? Es geht darum, Brücken zu bauen, und das sind kulturübergreifende Brücken, die in spielerischer Weise Neues mit bekannten kulturellen Elementen verknüpfen. Expressive Sandarbeit ist das Stichwort (S. 117 ff). Zojas Beitrag verrät ihre wertvollen praktischen Erfahrungen, die sie hier weitergibt. Auch hier gilt ein Grundsatz, der von J.-J. Rousseau her bekannt ist: Lerne Dein Kind zu beobachten und ziehe Schlüsse, wie Du darauf reagieren könntest, damit es lernt und weiterkommt, um mal ganz knapp hier an seinen Erziehungsbuch „Émile ou de l’éducation“ (1762) zu erinnern.

Jorge Aroche und Mariano Coello zeigen, dass die Behandlung der traumatisierten Flüchtlingskinder keineswegs auf ein gesichertes Vorwissen zurückgreifen kann: „Work in progress“, nennen sie ihre Überlegungen unter dem Titel Das komplexe Wechselspiel zwischen Bindung, Kultur und Flüchtlingstrauma – eine Herausforderung für die klinische Praxis. (S. 129-158)

Welche Identität werden eines Tages Kinder aus arabischen Staaten haben, wenn sie nach Deutschland emigriert sind? fragt Imen Belajouza: Psychotherapeutische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen aus arabischen Familien.

Probleme ganz anderer singulärer Art stellt Barbara Schuller vor: Kinderhandel in Westafrika: Psychische Auswirkungen auf Betroffene und ihre Entwicklung mit besonderem Augenmerk auf Bindungsstörungen.

Viele Flüchtlingskinder, die zu uns kommen, sind entweder alleine unterwegs oder sehr oft von andern Familienmitgliedern getrennt. Ihre Problem hat Andrea Perry aufgegriffen: An der Seite eines Suchenden – ein bindungsorientierter Ansatz in der Arbeit mit voneinander getrennten Familienmitgliedern.

Die letzten beiden Beiträge stellen Maßnahmen vor, wie Bindungen unter den neuen Umständen im Ankunftsland wieder neu aufgebaut werden können: Patrick Meurs und Gül Jullian: Das Projekt „Erste Schritte“ – kultursensible und bindungsgerichtete präventive Entwicklungsberatung für Migranteneltern und Kleinkinder.

brisch-bindung-migrationKarl Heinz Brisch untersucht die Zusammenhänge zwischen Bindungsentwicklung und ihren Besonderheiten bei der Adoption: Migration und internationale Adoption: Psychotherapie zwischen den Kulturen.

Karl Heinz Brisch (Hg.)
> Bindung und Migration
1. Aufl. 2015, 288 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94939-1


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Die Reihe Bindungspsychotherapie von Karl Heinz Brisch: Das Wissen der Bindungstheorie kann vielfältig für eine bindungsbasierte Beratung und Therapie in allen Altersstufen angewandt werden, wobei sich die Diagnostik und Behandlung je nach Lebensalter der Patienten ganz unterschiedlich gestaltet.
Anhand von vielen Beispielen aus der klinischen Praxis gibt die Reihe eine Einführung in die Grundlagen der Bindungstheorie und die diagnostischen Methoden und Schritte einer bindungsorientierten Beratung und Therapie vom Säuglings- bis ins Erwachsenenalter.


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