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Lesebericht: Marco Missiroli, Obszönes Verhalten an privaten Orten

5. August 2017 von Heiner Wittmann

Die Geschichte von Libero Marsell, Marco Missiroli, > Obszönes Verhalten an privaten Orten ist fast die eines jeden Jungen, die beginnt, wenn er in das schwierige Alter kommt. Aber es geht hier gar nicht so sehr um die „Atti osceni“, beim genauen Lesen, ist es die Literatur, die hier in ihrer Erziehungsfunktion, mit ihrer Fähigkeit die Welt zu erkunden, zu deuten und zu erklären, vorgestellt wird. Klar, so schwierig ist dieses Alter nun auch wieder nicht, es gibt viel zu entdecken. Die Familie Marsell war in die Straße Rue des Petits Hôtels in Paris gezogen und noch mit dem Einräumen und Einrichten beschäftigt. Durch einen Türspalt beobachtet Libero den Freund der Familie, Emmanuel, bei einer Tätigkeit – zusammen mit seiner Mutter, die nicht so recht zum Umzug passen wollte. Ferien werden in Deauville gamcht, Emmanuel darf mitkommen und bringt seine Freundin Marie mit, die Bibliothekarin ist. Marie will wissen, ob Libero schon eine Freundin habe: nein er sei eine Insel ohne Meer (S. 18) ganz so wie sein Vater es ihm beigebracht hatte: „um Frauen zu umgarnen.“ Wieder zu Hause beginnt die Schulzeit: das Lycée Colbert mit seinen Versuchungen. Mit Camille unterwegs, mit ihr im Kino, die ersten Küsse. Die Trennung der Eltern bringt alles durcheinander.

Libero besucht Marie in ihrer Bibliothek und bekommt von ihr den Roman Der Fremde von Albert Camus zur Lektüre: „Innerhalb von drei Stunden las ich Der Fremde zu Ende.“ S. 46) Gleichgültig soll der Held gewesen sein? Ach das steht doch immer in der Sekundärliteratur und wird dadurch nicht richtiger. Im Deux Magots sitzt er mit seinem Vater unweit des Tisches, wo auch Albert Camus einst gesessen hatte. In hinteren Bereich saß ein Mann an einem Tisch: „Bonjour, je m’appelle Jean-Paul.“

Danach gibt Marie ihrem Leser Libero Die Tartarenwüste von Doino Buzzati. Beim Ausfüllen des Leihzettels merkte Libero, „dass meine Befangenheit Frauen gegenüber nicht mehr so ausgeprägt war.“ Es waren die Bücher, die seinen Schwerpunkt verlagerten: „Sie brachten mich zur Welt.“ (S. 50) Das ist eine Reminiszenz, die an Le Premier homme von Albert Camus erinnert, wenn Jacques Cormery nach dem Besuch in der Bibliothek sich mit seinem Freund sofort draußen auf die nächste Bank setzt, um nachzusehen, welchen großartigen Aspekt der Welt ihnen die ausgeliehenen Bücher heute zeigen werden. Wir haben hier mal Wikipedia zitiert, damit es (blog-)schneller geht, oder wir untersuchen den Inhalt eines jeden hier genannten Buchtitels, die sind vom Marco Missiroli nämlich ganz bestimmt überhaupt nicht zufällig ausgewählt worden, sondern werden zum Bestandteil der Erziehung Liberos.

Ein Küsschen für Marie versetzt Libero in große Verwirrung. Er bekommt immer zwei Bücher und sein Freund Antoine liest eines davon. Sie diskutieren über ihre Lektüren und, so darf man sagen, wachsen gemeinsam daran. Sein Buch von Buzzati tritt gegen Lolita von Nabokov an, das Lunette de Belleville gelesen hatte. Sie 20, Libero 17, sie die Schwester von Antoine. Er und Libero vergleichen en détail die Resultate ihrer Eroberungen. Dann kommen Wem die Stunde schlägt von Hemingway und Die Stadt und die Hunde von Mario Vargas Llosa dran. Es folgen erste Spaziergänge und Küsse mit Camille.

Im Deux Magots trifft sich die Klicke, man darf auf Papas Kosten anschreiben lassen: Der Fänger im Roggen, sogar Henry Miller „Wendekreise“ kommt vor. Dann passiert es: Antoine und Anna. Dann kommt auch noch Lunette händchenhaltend mit einem Freund an: Libero flieht zu seinem Vater und dann zu Marie. – Nach dem Tod von seinem Vater ist Libero auf sich allein gestellt. Er nimmt einen Nebenjob im Café an und trifft sich mit Lunette… list Auf Messers Schneide von Somerset Maugham: „Es gibt etwas, das mehr zählt als Schönheit, Sinnlichkeit und Macht.“ (S. 87) Eine Unschuld wird zu Herausforderung, das spürt auch Lunette, dann verführt sie ihn: „…die Gewissheit, dass dies die Existenz sei.“ (s. 91 f.) und „Ich wechselte von der ersten Person Singular zur ersten Person Plural.“ (S. 101)

Dann kommt Der Liebhaber von Marguerite Duras dran. Dann „Die Entflohene“ von Proust. Und Libero lernt die Eifersucht kennen…

Dann reist Libero (23) nach Neapel zu einem Praktikum zu einem Rechtsanwalt. Marie bleibt weiter aus der Ferne seine Tutorin.

Libero wird erwachsen, Anna kommt zu ihm. Ohne die Literatur hätte er die Vielfalt der Zweisamkeit nicht so oder vielleicht anders erlebt und erlernt.

Marco Missiroli, > Obszönes Verhalten an privaten Orten Roman
Aus dem Italienischen von Michael von Killisch-Horn (Orig.: Atti oscheni in luogo privato)
1. Aufl. 2017, 299 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50343-2

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