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Lesebericht: MERKUR 808 – September 2016

1. September 2016 von Heiner Wittmann

Irgendwie kann das andere neidisch machen. Hier am PC mit Vergnügen wieder ein Heft vom MERKUR besprechen. Wie früher im Studium, so auch heute. Immer wieder stehen im MERKUR Anregungen zu bekannten Themen, die aber darüber hinausführen, Hinweise auf Neues: haben Sie da was verpasst? Dann Politisches und Nachdenkliches.

merkur-808Der MERKUR 808, die Septemberausgabe 2016, ist angekommen. Gerade richtig zur Vorbereitung des Vortrags über > Frankreich, Deutschland und den Brexit am 13. Oktober in Stuttgart. Brexit: Auch wenn die Bundeskanzlerin immer wieder vom Austritt der Briten aus der EU spricht, ist das eigentlich noch keine so recht ausgemachte Sache. Unsere Umfrage in Form eines Blogartikels: > Wie sicher ist eigentlich der Brexit? Uns fallen mindestens >12 Argumente dagegen ein. Da kommt der Artikel von > Patrick Bahners, Eine Geschichte vom Brexit gerade richtig: Er konzentriert sich auf das britische Selbstverständnis und deutet die Umstände des Brexit-Votums in einer historischen Perspektive.



Er berichtet über den Roman von Kingsley Amis, The Alteration. London: Allen Lane 1976. Deutsche Übersetzung v. Walter Brumm: Die Verwandlung. München: Heyne 1986, der 1976 in England spielt, ohne dass zuvor ein Referendum über die Römischen Verträge stattgefunden hätte:“alternativhistorische Science Fiction“ (S. 7) Bahners meint, das Muster derr Brexit-Debatte folge einem Muster: Im Brexit-Wahlkampf schürten beide beide Lager auf ihre Weise Ängste vor einem Abstieg, beide Lager fabulierten, was die Zukunft bringen würde. Im Nachhinein gibt es Stimmen, die das Ergebnis als zu knapp beurteilen, oder die gar vermuten die EU-Gegner hätten nur die Regierung abstrafen wollen (vgl. S. 12). Interessant ist der Abschnitt über die Souveränität, auf die jeder Staat natürlich ein Recht hat, inwieweit sie aber eine Art Illusion sei. Genau diesen Punkt hat PM Cameron im Februar 2016 in den Antworten auf die Fragen von Boris Johnson geantwortet: »Dieselben Länder würden dann die Regeln machen, nur ohne uns.« (S. 17) Das Brexit-Votum hat alle beteiligten überrascht. Und mit Habermas weist Bahners daraufhin, das die Reaktion aus Berlin wieder einmal Beruhigung und Abwarten lautet. Bahners Schlussfolgerung: „Die Wähler im Vereinigten Königreich hatten die Wahl. Durch Abwendung von Europa haben sie ihren Horizont erweitert.“ (S. 20) Ist es wirklich eine „Wiedergewinnung der Parlamentssouveränität,“ (ib,) um die es hier geht? Bewertet man Bahners Darlegungen könnte man zu dem Schluss kommen, dass die Brexit-Gegner nicht wirklich gesagt haben, was sie aus der Ablehnung machen wollen: „Die Abtretung parlamentarischer Rechte an Parlamente in allen Unterreichen außer England in den Jahren zwischen 1975 und 2016 hat einem Prozess den Weg bereitet, an dessen Ende man die Briten vielleicht als verschollen wird melden müssen: lost at sea.“ (S. 20)

Aleks Scholz, Der Supertanker von Philadelphia beobachtet als Fan ab November 2015 Spiele der amerikanischen Basketballliga beobachtete und weiß, wie durch strategisches Verlieren eine Mannschaft siegen kann, und das erklärt er hier. Ein spannender Aufsatz über Chancen, kluger Taktik und bitterer Niederlagen.

Dabei fällt die Begeisterung ein, mit der > www.france-blog.info #FRAGER in Rio beobachtet hat:

und geschätzte 20 Sek. später:

merkur-808Dirck Linck berichtet in einer spannenden Rezension über Schwulsein, Klassenattribute und dann wie der Front National um die früher kommunistisch wählende Arbeiterschaft wirbt: Linck hat Didier Eribon (* 1953 in Reims), Foucault-Biograph, Le retour à Reims (1990) / Die Rückkehr nach Reims, Berlin: Suhrkamp 2016, gelesen, in dem Eribon über den seltenen sozialen Aufstieg von Arbeiterkindern berichtet. So etwas ist Eribon gelungen. Er ist heute ein bekannter Autor und Philosoph in Frankreich. Linck weist auf die besondere Aufmerksamkeit hin, die dieses Buch erhalten hat: man könne über den Siegeszug der Rechten nicht sprechen, ohne das versagen der Linken zu erwähnen (vgl. S. 41). Rückkehr nach Reims ist eine politische Bestandsaufnahme, der Kontrast zu allem, was Eribon seit seiner Abreise erlebt hat: „Coming-out-Geschichten sind Migrationsgeschichte,“ schreibt Linck. Es geht aber auch um die Würde des Menschen (vgl. S. 47) und einen neuen Blick auf Rassismus, Gewalt und Homophobie, die Eribon bei seiner Rückkehr neu bewertet. Linck: In diesem Buch erscheinen alle als Opfer – und zugleich als Täter aneinander.“ (S. 43)

> Didier Eribon

Jonathan Freedman hat das Great American Songbook neu gelesen: „Das Great American Songbook ist in der Tat durch und durch amerikanisch. Wie die Ideale unserer Gründungsdokumente – »Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen worden« – hat es keine physische Existenz. Es gibt dieses Liederbuch nicht, auf das Sänger, Musiker oder Komponisten verweisen könnten. Es handelt sich hierbei um eine ermöglichende Fiktion in einem rein konzeptuellen Raum, die aus einer großen Bandbreite höchst unterschiedlicher Volkslieder, Melodien aus Broadway-Shows und Filmmusik aus dem Zeitraum zwischen 1920 bis 1950 besteht.“ (S. 49) Ein Beispiel der von Freedman genannten Lieder, S. 49:

»Someone to Watch Over Me«

Dagmara Kraus „grammatickt mamal aus…“ schreibt über Poesie und Mutterschaft gelegentlich der Übersetzung Johann Müllers.

Holger Schulze bringt in seiner ersten Klangkolumne den »Resonanz«-Begriff auf den Punkt, über den schon Descartes 1618 im Compendium musicae geschrieben hat, und rezensiert damit Veit Erlmann, Reason and Resonance. A History of Modern Aurality. Brooklyn: Zone Books 2010. Der „Audiopietismus“, (S. 76 ff.) „Der Audiopietismus errichtet eine neue Hierarchie der Sinne. Jonathan Sterne, Kulturhistoriker in Montréal, umreißt das Credo dieser sensorischen Konfession in polemischer Absicht wie folgt: »Hören ist sphärisch, Sehen ist gerichtet; Hören umgibt sein Subjekt, Sehen gibt eine Perspektive vor; Klang kommt zu uns, aber
Sehen muss sich zu seinem Objekt hinbewegen; Hören befasst sich mit dem Inneren; Sehen mit Äußerlichkeiten und Oberflächen; Hören braucht den körperlichen Kontakt zur Außenwelt, Sehen verlangt einen gewissen Abstand davon; Hören platziert uns mitten in einem Ereignis, Sehen vermittelt eine Perspektive darauf; Hören neigt zum Subjektiven, Sehen neigt zum Objektiven; Hören bringt uns in die lebendige Welt, Sehen lässt uns verkümmern und absterben; Hören dreht sich um Affekte, Sehen um den Intellekt; Hören ist vor allem ein zeitlicher Sinn, Sehen dagegen ein räumlicher; Hören ist ein Sinn, der uns in die Welt eintauchen lässt, wohingegen das Sehen uns von ihr entfernt«. 2 Jonathan Sterne (Hrsg.), The Sound Studies Reader. London: Routledge 2012 (Übersetzung: H S). Anders ausgedrückt, wer mit zwei Knöpfen durch die Stadt marschiert, bekommt von ihrer Klangpoesie nichts mit. Städte habe ihre jeweils eigene Klangpoesie. Die Stadt als Resonanzkörper. Wo ist mein digitaler Rekorder?

Roman Köster denkt über die Folgen der digitalen Technisierung für den Arbeitsmarkt nach. Das mach ich seit dem Praktikum im Bonner PC-Laden jeden Tag und freue mich immer wieder, die Technik mir stets ohne Wenn und Aber untertan zu halten. Und den PC zur Kommunikation einzusetzen: 0,5% -1 % der Gesamtarbeitszeit für den Blog Technik der Rest ganz traditionell Recherche und Schreiben:> www.france-blog.info. Ohne die Technik ginge es nichts, und ohne die Inhalte wäre das alles nix.

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Adrian Daub und Samuel Huneke beziehen sich auf Christopher Isherwood, Christopher and His Kind. New York: Farrar, Straus and Giroux 1976 Darryl Pinckney, Black Deutschland. A Novel. New York: Farrar, Straus and Giroux 2016.fragen unter dem Titel De unsichtbare Tradition „Wo war die schwule Literatur Nachkriegsdeutschlands?“

Andreas Zielcke findet das neue Kulturschutzgesetz gar nicht gut und findet, dass die Novellierung vor allem private Sammler benachteiligt..

Zum Schluss die Doppelbelichtungen von Harry Walter.

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