Verlagsblog

Lesebericht . Patrícia Melo, „Trügerisches Licht“

26. Juli 2016 von Oliver W. Steinhäuser

melo-truegerisches-licht

Mord ist etwas Schlimmes, etwas zutief Abgründiges. Während des Aktes macht man sich die Hände schmutzig, strengt sich an, währenddessen Adrenalin die Blutbahnen des Mörders flutet. Ganz zu schweigen von den stürmischen und emotionsüberladenen arteriellen Sturzbächen aus Angst des Opfers. In der Regel klebt der Schmutz des Täters an seinen Händen, nicht nur in seiner Seele!

Wer allerdings eine als Selbstmord inszenierte Tötung plant, bei dem sich das Opfer im Schlussakt seiner theatralischen Aufführung auf der Bühne selbst richtet, dem scheint Schmutz an einer nicht sichtbaren Hülle abzuperlen.

Der Prolog offenbart den inszenierten Suizid des Theaterschauspielers Fábbio Cássio vor dem Publikum. Noch im aufbrandenden Applaus stellen die Besucher erschrocken fest, dass ihr geliebter Künstler nicht perfekt spielt, sondern tatsächlich tot inmitten der Kulisse liegt.

Abrupt wird der Leser aus dem Schauspiel gerissen und befindet sich inmitten eines Rückblicks, erfährt intimste Details zum getöteten Schauspieler und dessen öffentlich zur Schau gestellten Leben. Die Gesellschaft ist voller Stigmata, die Prominenten bedingungslose Funktionalität auferlegt und keine Fehltritte zu toleriert. In der Realität also. Patrícia Melo zieht den Leser in den Bruch der Liebe zwischen dem Schauspieler Fábbio und dessen Ehefrau Cayanne, in dessen Zentrum verblasstes Temperament und die Sehnsucht nach dem Abenteuer steht.
In einem Parallelstrang nähert sich langsam die Geschichte der Leiterin der Spurensuche, Azucena, dem Mord an Fábbio an. Durch ihre Untersuchungen und die damit verbundenen polizeilichen Ermittlungen stößt sie eines Tages auf Cayanne, die nunmehr geschiedene Frau des Schauspielers und Hauptverdächtige im Mordfall ihres Ex-Mannes. Auch dieser Erzählstrang steckt voller familiärer Tragödien, in dessen Bewältigungsprozess der Leser eingebunden wird.

Wer nun vermutet, dass diese sehr detaillierten Charakterisierungen den Plot verlangsamen und den Spannungsaufbau erschweren, der irrt. Es ist Teil des Konzeptes, das konsequent emotionsgeladen ausgearbeitet ist. Dem Leser ergibt sich daraus die Möglichkeit, den Charakteren auf einem ebenbürtigen Level zu begegnen, sich mit deren Gefühlswelten zu identifizieren und Parallelen zum eigenen Leben zu ziehen.

Um die Aufklärung des Falls bemüht, begibt sich Azucena in den Kreis krimineller Männer, die weder Skrupel vor sexuellen Übergriffen auf sie als Polizistin haben, noch vor kinderpornografischen Machenschaften zurückschrecken.
Patrícia Melo präsentiert einen von persönlichen Tragödien durchzogenen Kriminalroman, denen auch der Protagonist, Fábbio Cássio, nicht gefeit war und sich plötzlich inmitten einer erpresserischen Bande befand, die ihn zuerst ausnahm und schließlich in den Tod schickte.

melo-truegerisches-lichtPatrícia Melo,
> Trügerisches Licht
Kriminalroman aus dem brasilianischen Portugiesisch von Barbara Mesquita (Orig.: Fogo-Fátuo)
1. Aufl. 2016, 320 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-50215-2

Schreiben Sie einen Kommentar

Literatur – Sachbuch – Blog – Klett-Cotta
Klett-Cotta is proudly powered by WordPress and the 3 Column Relaxation Theme from Clemens Orth.
Entries (RSS) and Comments (RSS). 30 queries. 0,119 seconds.