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Lesebericht: Marco Missiroli, Obszönes Verhalten an privaten Orten

Samstag, 5. August 2017

Die Geschichte von Libero Marsell, Marco Missiroli, > Obszönes Verhalten an privaten Orten ist fast die eines jeden Jungen, die beginnt, wenn er in das schwierige Alter kommt. Aber es geht hier gar nicht so sehr um die „Atti osceni“, beim genauen Lesen, ist es die Literatur, die hier in ihrer Erziehungsfunktion, mit ihrer Fähigkeit die Welt zu erkunden, zu deuten und zu erklären, vorgestellt wird. Klar, so schwierig ist dieses Alter nun auch wieder nicht, es gibt viel zu entdecken. Die Familie Marsell war in die Straße Rue des Petits Hôtels in Paris gezogen und noch mit dem Einräumen und Einrichten beschäftigt. Durch einen Türspalt beobachtet Libero den Freund der Familie, Emmanuel, bei einer Tätigkeit – zusammen mit seiner Mutter, die nicht so recht zum Umzug passen wollte. Ferien werden in Deauville gamcht, Emmanuel darf mitkommen und bringt seine Freundin Marie mit, die Bibliothekarin ist. Marie will wissen, ob Libero schon eine Freundin habe: nein er sei eine Insel ohne Meer (S. 18) ganz so wie sein Vater es ihm beigebracht hatte: „um Frauen zu umgarnen.“ Wieder zu Hause beginnt die Schulzeit: das Lycée Colbert mit seinen Versuchungen. Mit Camille unterwegs, mit ihr im Kino, die ersten Küsse. Die Trennung der Eltern bringt alles durcheinander.

Libero besucht Marie in ihrer Bibliothek und bekommt von ihr den Roman Der Fremde von Albert Camus zur Lektüre: „Innerhalb von drei Stunden las ich Der Fremde zu Ende.“ S. 46) Gleichgültig soll der Held gewesen sein? Ach das steht doch immer in der Sekundärliteratur und wird dadurch nicht richtiger. Im Deux Magots sitzt er mit seinem Vater unweit des Tisches, wo auch Albert Camus einst gesessen hatte. In hinteren Bereich saß ein Mann an einem Tisch: „Bonjour, je m’appelle Jean-Paul.“

Danach gibt Marie ihrem Leser Libero Die Tartarenwüste von Doino Buzzati. Beim Ausfüllen des Leihzettels merkte Libero, „dass meine Befangenheit Frauen gegenüber nicht mehr so ausgeprägt war.“ Es waren die Bücher, die seinen Schwerpunkt verlagerten: „Sie brachten mich zur Welt.“ (S. 50) Das ist eine Reminiszenz, die an Le Premier homme von Albert Camus erinnert, wenn Jacques Cormery nach dem Besuch in der Bibliothek sich mit seinem Freund sofort draußen auf die nächste Bank setzt, um nachzusehen, welchen großartigen Aspekt der Welt ihnen die ausgeliehenen Bücher heute zeigen werden. Wir haben hier mal Wikipedia zitiert, damit es (blog-)schneller geht, oder wir untersuchen den Inhalt eines jeden hier genannten Buchtitels, die sind vom Marco Missiroli nämlich ganz bestimmt überhaupt nicht zufällig ausgewählt worden, sondern werden zum Bestandteil der Erziehung Liberos.

Ein Küsschen für Marie versetzt Libero in große Verwirrung. Er bekommt immer zwei Bücher und sein Freund Antoine liest eines davon. Sie diskutieren über ihre Lektüren und, so darf man sagen, wachsen gemeinsam daran. Sein Buch von Buzzati tritt gegen Lolita von Nabokov an, das Lunette de Belleville gelesen hatte. Sie 20, Libero 17, sie die Schwester von Antoine. Er und Libero vergleichen en détail die Resultate ihrer Eroberungen. Dann kommen Wem die Stunde schlägt von Hemingway und Die Stadt und die Hunde von Mario Vargas Llosa dran. Es folgen erste Spaziergänge und Küsse mit Camille.

Im Deux Magots trifft sich die Klicke, man darf auf Papas Kosten anschreiben lassen: Der Fänger im Roggen, sogar Henry Miller „Wendekreise“ kommt vor. Dann passiert es: Antoine und Anna. Dann kommt auch noch Lunette händchenhaltend mit einem Freund an: Libero flieht zu seinem Vater und dann zu Marie. – Nach dem Tod von seinem Vater ist Libero auf sich allein gestellt. Er nimmt einen Nebenjob im Café an und trifft sich mit Lunette… list Auf Messers Schneide von Somerset Maugham: „Es gibt etwas, das mehr zählt als Schönheit, Sinnlichkeit und Macht.“ (S. 87) Eine Unschuld wird zu Herausforderung, das spürt auch Lunette, dann verführt sie ihn: „…die Gewissheit, dass dies die Existenz sei.“ (s. 91 f.) und „Ich wechselte von der ersten Person Singular zur ersten Person Plural.“ (S. 101)

Dann kommt Der Liebhaber von Marguerite Duras dran. Dann „Die Entflohene“ von Proust. Und Libero lernt die Eifersucht kennen…

Dann reist Libero (23) nach Neapel zu einem Praktikum zu einem Rechtsanwalt. Marie bleibt weiter aus der Ferne seine Tutorin.

Libero wird erwachsen, Anna kommt zu ihm. Ohne die Literatur hätte er die Vielfalt der Zweisamkeit nicht so oder vielleicht anders erlebt und erlernt.

Marco Missiroli, > Obszönes Verhalten an privaten Orten Roman
Aus dem Italienischen von Michael von Killisch-Horn (Orig.: Atti oscheni in luogo privato)
1. Aufl. 2017, 299 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50343-2

Sommer – Urlaub – Ferien
Unsere Lektürevorschläge

Freitag, 4. August 2017

Sie suchen eine Ferienlektüre, so mal was Richtiges zum Schmökern. Ein Buch, das sich nach 12 Seiten so anfühlt, als seien sie schon 2 Stunden im Kino? Hier ist sie:
Die Sommerlektüre ist da. …

Don Carpenter
> Freitags im Enrico’s
Roman
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben (Orig.: Fridays at Enrico’s), Beendet und mit einem Nachwort von Jonathan Lethem
1. Aufl. 2017, 462 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-96079-2


Dieser Artkel zum Ausdrucken. Am besten nehmen Sie das Blatt mit in Ihre Buchhhandlung.


Wir haben in unserem Lesebricht zu dem Buch von Arno Frank festgestellt: Wenn Sie den Roman > So, und jetzt kommst du zur Hand nehmen, sollten Sie keine unmittelbaren Termine vor sich haben und möglichst eine Zugverbindung ohne Umsteigen gebucht haben. > Bitte weiterlesen.
Wir müssen hier weg, wäre auch ein guter Titel gewesen.

Arno Frank
> So, und jetzt kommst du
1. Aufl. 2017, 352 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50369-2


Unser Gastblogger Oliver W. Steinhäuser hat den Thriller von James Rayburn > Sie werden dich finden für den Klett-Cotta-Blog gelesen:

Whistleblower ist ein starkes Wort, auch wenn es sich so weich spricht. Doch auch wer Geheimnisse anderen Personen zuflüstert, ist ein Verräter. Und Verrat ist gar nicht mehr weich und flüsternd. Verrat ist hart und bricht Vertrauen. Spätestens seit den Veröffentlichungen Edward Snowdens, steht der Begriff des Whistleblowers beinahe als festes Synonym für eine ganze Geschichte und der Historie zur Abhörung von Regierungen durch die National Security Agency. Ein komplizierter Begriff, da er sofort Erwartungen beim Leser auslöst. > Bitte weiterlesen.
James Rayburn
> Sie werden dich finden. Thriller
Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann (Orig.: The Truth Itself)
1. Aufl. 2017, 400 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-50378-4


> Nachgefragt: Jan Snela, Milchgesicht: Jan Snela stammt aus München, er ist in Tübingen und Stuttgart zu Hause. Er hat Komparatistik, Slavistik und Rhetorik in München und Tübingen studiert. Im Sommersemester 2013 lehrte er Literarisches Schreiben an der Uni Heidelberg. Er ist Gewinner des Literatur-Nachwuchswettbewerbs Open Mike der Berliner Literaturwerkstatt. Und war in 2012 bei der Mikrolesung in der Stuttgarter Stadtbücherei zu Gast. jan-snela-video. Sein jüngst bei Klett-Cotta erschienenes Buch > Milchgesicht trägt den Untertitel Ein Bestiarium der Liebe. …

Jan Snela
> Kristina Pfister hat ihren ersten Roman geschrieben > Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten. So eindringlich erzählt: Es geht Annika, die gelangweilt die Wände ihres Wohnheimes anstarrt. Einziger Kontakt, ihre Mutter: „Isst Du auch genug?“ Dann ist da noch ihr Fenster und der Blick auf das gegenüberliegende Zimmer, gleiches Wohnheim, alles gleich, nur spiegelverkehrt und immer voller Besucher. Eines Abends klingelt es bei Annika: > Bitte weiterlesen.

Kristina Pfister,
> Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten.
1. Aufl. 2017, 253 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50159-9


Wer gerne wegfährt und eine Sommerferienlektüre braucht, darf hier weiterlesen:

Auf so ein Buch und so eine Geschichte war ich überhaupt nicht vorbereitet. Klar, der Titel war bekannt, die Vorschauen mit den > Neuerscheinungen für TROPEN 2017 rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse durchgesehen. Aber Raumfahrt? und dazu noch aus Böhmen? Blogger sind von Prinzip aus neugierig. Setzten Sie sich auch mal in eine Buchhandlung und blättern Sie diesen Titel an, lesen Sie die ersten Seiten… was dann passiert? Vielleicht hören sie noch ein „Wir schließen jetzt,“ bevor das Licht ausgeht…. Der ganze Lesebericht erscheint hier am 5.8.2017.
Jaroslav Kalfař
> Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt
Roman
Aus dem Amerikanischen von Barbara Heller (Orig.: Spaceman of Bohemia)
1. Aufl. 2017, ca. 368 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50377-7



Ist das ein Erziehungs- oder ein Erweckungsroman? Am 5. August erscheint unser Leserbericht auf dem Blog von Klett-Cotta: blog.klett-cotta.de

Marco Missiroli
Obszönes Verhalten an privaten Orten
Aus dem Italienischen von Michael von Killisch-Horn (Orig.: Atti oscheni in luogo privato)
1. Aufl. 2017, 299 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50343-2


> Nachgefragt: Cynthia D’Aprix Sweeney, Das Nest : In ihrem ersten Roman > Das Nest erzählt Cynthia D’Aprix Sweeney von den vier Geschwister Plumb. Alle sind in den Vierzigern oder kurz davor wie die jüngste Melody. Sie leben über ihre Grenzen im Vertrauen auf das väterliche Erbe, das kommen wird, wenn die Jüngste 40 wird. Bis dahin ruht der Geldsegen in einem Fonds, liebevoll und erwartungsfroh von allen das Nest genannt. Die gewohnte Geborgenheit früher zu Hause wird von den Vieren in den Fonds projiziert, Geld gibt Sicherheit und Vertrauen. > Bitte weiterlesen.
Cynthia D’Aprix Sweeney
> Das Nest
Roman, aus dem amerikanischen Englisch von Nicolai von Schweder-Schreiner (Orig.: The Nest)
1. Aufl. 2016, 410 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98000-4

Zur Erinnerung: Boris Johnson, Der Churchill-Faktor

Dienstag, 4. April 2017
> 16 Argumente für den NonBrexit, gemeint sind die Gründe, die jetzt noch den Brexit verhindern könnten:

Am 18. Januar 2016 erschien der folgende einer unserer längsten – Lesebericht(e) auf unserem Blog – lang auch deshalb, weil das Buch so gut ist:

boris-johnson-churchill

Hm, ein bisschen lang, aber der Autor dieses Beitrags hat sich nur auf die auf die allerwesentlichsten Leseergebnisse aus diesem Buch beschränkt; aber die Anregungen durch Johnsons Buch, Quellen nachzulesen, konnte der Autor sich nicht verkneifen und schließlich beantwortet er als Zusammenfassung dieses langen Artikels die Frage, warum Boris Johnson dieses Buch verfasst hat. > Lesebericht: Boris Johnson, Der Churchill-Faktor.

Darin hieß es u.a.: “ So jetzt kommen wir zu der Frage, warum hat Boris Johnson dieses Buch geschrieben?

Erstmal natürlich um diesen erstaunlichen Politiker und seine Karriere zu würdigen. Loyal, integer, auch wenn er manchmal nicht nur für die Opposition sondern auch für die eigenen Gefolgsleute über die Stränge schlug, immer nicht nur im Krieg an vorderster Front, zweimal musste der Konig ihn schriftlich bitten, die Landung am D-Day nicht von einem der ersten Schiffe aus zu beobachten. Ein ungeheurer Sprachschatz stand Churchill zur Verfügung, der ihn zu einer beeindruckenden Produktion von Texten verleitete. Aber nochmal, warum schrieb Johnson dieses Buch?“ … „Also, aus diesem Buch können Europakritiker in England lernen, wieso die EU und der Gedanke der Vereinigten Staaten von Europa wichtig ist, und die Befürworter können lernen, wie sie ihre Position noch besser vertreten können.“

Heute ga es eine gute Gelegenheit, diesen Lesebericht Boris Johnson in Erinnerung zu rufen, nachdem Sigmar Gabriel das wunderbare Foto von ihm und Boris Johnson heute auf Twitter gezeigt:

Nachgefragt: Stefan Lehnberg, Durch Nacht und Wind

Donnerstag, 30. März 2017

Wir sind in Weimar. Der Großherzog von N. hat eine seltsame Nachricht erhalten, die ihn in tiefe Unrufe stürzt. Sein wunderbarer und kostbarer Smaragdring soll verflucht sein. Der Ring soll unweigerlich den Tod seines Besitzers herbeiführen. In großer Sorge und Angst werden Goethe und Schiller gerufen und mit dem Fall beauftragt. Andere Zeiten, andere Sitten und sie bewähren sich fast noch besser als das Ermittlerduo vor Sherlock Holmes und Dr. Watson! Die die Mutter von Weimars Regenten Carl August, Anna Amalia, bittet Goethe und Schiller, den Großherzog, der mit seiner Familie im Lustschloss Belvedere bey Weimar residiert, zu besuchen, und ihn davon zu überzeugen, dass die Geschichte mit dem Fluch erfunden sei und kein Anlass zur Sorge bestehe. Goethe und Schiller verabreden sich aber, um dem so unsympathischen Großherzog noch ein bisschen mehr Angst einzujagen. Aber schon in der Nacht schließt der Großherzog für immer die Augen. Weder eine natürliche Todesursache, weder Mord oder Selbstmord kommen in Frage. Der Fall ist voller Rätsel. Goethe und Schiller werden gebeten, sich ganz diskret dieser Angelegenheit anzunehmen:

Auf der Leipziger Buchmesse 2017 haben wir Stefan Lehnberg getroffen und ihn gefragt, wie er auf die Idee kam, Goethe und Schiller mit diesem Fall zu beauftragen:

Stefan Lehnberg
> Durch Nacht und Wind
Die criminalistischen Werke des Johann Wolfgang von Goethe. Aufgezeichnet von seinem Freunde Friedrich Schiller. Herausgegeben von Stefan Lehnberg
1. Aufl. 2017, 237 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-608-50376-0

Karl Heinz Bohrer: »Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie« – Lesung

Samstag, 18. März 2017

> Leipziger Buchmesse 2017: 23.-26. März 2017


Karl Heinz Bohrer, Jan Bürger, Stephan Schlak

Mo, 20.03.2017 19:30 Uhr bis Mo, 20.03.2017 21:00 Uhr
> Deutsches Literaturarchiv Marbach
Schillerhöhe 8 – 10, 71672 Marbach am Neckar

„Er gilt als einer der streitbarsten deutschen Intellektuellen: Wann immer Karl Heinz Bohrer in den letzten Jahrzehnten das Wort ergriff, meist in direkter Konfrontation mit dem Mainstream – die höchste Aufmerksamkeit, häufig auch Erregung seiner Zeitgenossen war ihm sicher. Anlässlich seines gerade erschienenen Buchs »Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie« (Suhrkamp Verlag) ist der herausragende Denker und Autor am 20. März im Deutschen Literaturarchiv Marbach zu Gast. Stephan Schlak und Jan Bürger befragen Karl Heinz Bohrer zu seiner Lebensgeschichte und intellektuellen Abenteuern, zu Weggefährten, Freunden und mitunter – erbitterten – Gegnern.“ Bitte weiterlesen

Lesebericht: Daniel-Pascal Zorn, Logik für Demokraten. Eine Anleitung

Montag, 13. März 2017

> Leipziger Buchmesse 2017: 23.-26. März 2017

Buchvorstellung mit Daniel-Pascal Zorn
Hatespeech, demagogische und populistische Sprache: Logik für Demokraten. Eine Anleitung

Di, 14.3.2017, 19:00 · Stiftung Geißstrasse 7 · Stuttgart


> Nachgefragt: Daniel-Pascal Zorn, Logik für Demokraten – 15. März 2017 von Heiner Wittmann

Dem Aufschwung der AfD und dem Erstarken des Front national in Frankreich haben die etablierten Parteien in der letzten Zeit nicht viel entgegenzusetzen gehabt. Erst kürzlich beklagten am 28. Februar 2017 Alexandre Lemarié, Raphaëlle Besse Desmoulières, Bastien Bonnefous, Cédric Pietralunga et Matthieu Goar in LE MONDE „Le renoncement des candidats face au FN“. Und dabei fehlt es wahrlich nicht an Argumenten gegenüber den menschenrechtsfeindlichen Positionen der Rechtspopulisten. Viele ihrer Argumente beginnen mit Behauptungen, die sehr oft schlicht falsch sind. Im > Grundsatzprogramm der AfD (kurz)

> Alle Termine zu diesem Buch

steht: „Die aktuelle Verengung der deutschen Erinnerungskultur auf die Zeit des Nationalsozialismus ist zugunsten einer erweiterten Geschichtsbetrachtung aufzubrechen, die auch die positiven, identitätsstiftenden Aspekte deutscher Geschichte mit umfasst.“ Es genügt ein Blick in die Verlagsprogramme mit ihren > zahllosen historischen Titeln wie auch bei Klett-Cotta, so wird erkennbar, dass das hier nur ein Beispiel dafür ist, wie eine Behauptung in die Welt gesetzt wird, die als Sachlage für ein politisches Programm herhalten muss. Mit der Ablehnung der EU verhält sich ganz ähnlich. Es wird ein Zerrbild der EU aufgebaut, wiederum das zitierte Grundsatzprogramm der AfD: „Wir stehen für die Freiheit der europäischen Nationen von fremder Bevormundung,“ ganz so als ob die Bürger der Mitgliedsstaaten in EU unfrei wären. Daraus entsteht dann eine Fundamentalopposition gegenüber der EU. Die EU als bemerkenswertes und erfolgreiches Friedensmodell seit ihrer Gründung ist natürlich kein Thema bei der AfD. Donald Trump hat es auch mit „postfaktischen“ Behauptungen geschafft, Präsident zu werden. Im Fall der AfD, auch beim FN geht es um simple Betrachtungsweisen mit meist falschen Schlüssen und ein eingängiges Rezept, dem vermeintlichen Mangel abzuhelfen. Im > Leitantrag zum Wahlprogramm 2017 steht „Ein bundesweites Vollprogramm (Fernsehen / Hörfunk) ist ausreichend, um den Auftrag eines unabhängigen öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu erfüllen.“ (S. 43) Ein solcher Vorschlag zielt auf die Zerschlagung der kulturellen Vielfalt und auf die Gleichschaltung der Landesrundfunkanstalten.

Zorn ermuntert uns, Demokratie immer wieder zu üben. Dabei richtet er unsere Aufmerksamkeit auf den demokratischen Diskurs als Grundlage politische Auseinandersetzung. Wird er monopolisiert, beansprucht eine politische Fraktion die Wahrheit für sich, in dem sie falsche Behauptungen aufstellt oder die Wirklichkeit verzerrt darstellt, sind alle Bürger aufgefordert, am politischen Diskurs teilzunehmen: „Demokratie verpflichtet. Uns alle. Offen sein, zuhören, argumentieren!“ steht auf dem Klappentext von Zorns Buch.

Es geht weniger um konkrete politische Vorgänge der letzten Zeit, hier geht es um Grundsätzliches. Der Titel dieses Buches > Logik für Demokraten. Eine Anleitung verlangt nach einer Erläuterung, die der Autor in der Einleitung prägnant darlegt. Er nennt die politischen Auseinandersetzungen in den sozialen Netzwerken und auf den Demonstrationen, wo behauptet wird „Wir sind das Volk!“ und die „Lagerbildung“ (S. 10) in der deutschen Debattenkultur: „Die langersehnte Repolitisierung der Gesellschaft verkommt zum geistigen Schubladenkampf“, heißt es auf S. 10 f. Zorn möchte „herausfinden, wie ein Weg von den verhärtenden Fronten zurück zu einem vernünftigen Diskurs aussehen könnte.“ (S. 11) Folglich analysiert er nicht tagespolitischen Diskussionen sondern legt ein kurzgefasstes philosophisches Lehrbuch über die Bedeutung der Logik in der Gesprächskultur vor: S. 15-27. Diese Seiten machen Lust auf die Lektüre des ganzen Buches. Wir haben die dogmatische Setzung hier eingangs schon einmal anklingen lassen. Dann nennt Zorn „Das Prinzip vom ausgeschlossenen Widerspruch“ (S. 21 f. ), das was oft mit dem Anspruch nicht widerspruchsduldend daherkommt, woraus die Agitatoren des Populismus dann ihr Programm ableiten. Zorns Einleitung enthält auch eine Aufforderung zum Mitmachen und Ausprobieren (S. 26).

Dogmatik rückt Politik in die Nähe des totalitären Denkens, das Zorn im 2. Teil seines Buchs unter die Lupe nimmt.

Im ersten Teil geht es um das Phänomen Populismus und seine Analyse. Gerüchte, Vorgänge, Ereignisse, wie entstehen politische Einstellungen, ab wann werden Urteile als wahr und als Grundlage für politische Programmatik herangezogen: cf. S. 38 f. Die Begriffe Pappkamerad, Selbst-Viktimisierung, Selbstheroisierung, die verschiedenen Formen der Fehlschlüsse vermitteln das Handwerkszeug, mit dem die Reden und die Programme der AfD und anderer Parteien dieses Spektrums geprüft werden können. Und dann kommt auch noch die Behauptung der Rechtspopulisten für das „ganze Volk“ sprechen zu wollen: „Es geht um uns“ und „Wir sprechen für sie“ > Afd – aufgerufen am 12.3.2017. S. Glossar: > Argument des Schweigens. Das Kapitel „Die Taktiken des Fallenstellers“ (S. 62-71) präzisiert die Taktik der Rechtspopulisten. Demagogen gab es unter einer anderen Bedeutung des Wortes auch schon im Zeitalter Perikles im 5. Jh. v. Chr in Griechenland (> Lesebericht: Josiah Ober, Das antike Griechenland. Eine neue Geschichte) (s. S. 72-91) Der Ausflug in die griechische Geschichte, S. 72-91) bietet wichtiges Grundlagenwissen für demokratische Prozesse, damit führt Zorn seine Argumentation weiter und erklärt, wie Populisten sich an das „Körnchen Wahrheit“ (S. 94) klammern.

Wie ist aber um die Populisten bestellt, die sich an das „Körnchen Wahrheit“ klammern und sich anmaßen an das ganze Volk, ja für das Volk zu sprechen: „Es geht um uns.“ oder „Wir sprechen für Sie,“ steht auf der Homepage der > AfD – aufgerufen am 12.3.2017. Zwar kommt das Wort Bürger auch im Programm der AfD vor, aber dort wo „Bürger“ (mit der ganzen Vielfalt ihrer Meinungen) stehen könnte, steht „das Volk“. (cf. auch S. 215, 222) Noch ein klares Wort zum Populismus: „Er sammelt die Unzufriedenen und Nicht-Repräsentierten aller Sozialen Schichten ein und verbindet sie über ihre Ablehnung miteinander.“ (S. 97) „Populäres Denken drängt stets zum Totalitären,“ ist das Stichwort für Teil 2 „Totalitäres Denken“ (S.99-165), das sich seien eigene Freiheit nimmt, losgelöst von Schwierigkeiten aller Art (cf. S. 109), ständig Unerwünschtes ablehnt (cf. S. 110).

„Demokratisches Denken“ im 3. Teil beginnt mit einer Erinnerung an >Jean-Paul Sartre und seien Beschreibung der Entdeckung des Anderen. Es ist spannend zu verfolgen, wie Zorn, philosophische Analysen, hier inspiriert durch Sartre, heranzieht, um seine Argumentation zu erläutern und noch einmal einen Ausflug in die griechische Geschichte zu machen.

Der Wunsch nach direkter Demokratie ist u.a. von dem Wunsch nach dem einen Volk inspiriert. „Wir wollen dem Volk das Recht geben, über vom Parlament beschlossene Gesetze abzustimmen,“ schreibt die AfD in ihrem Grundsatzprogramm (lang), S. 9. Dazu und der radikalen Demokratie, Zorn: 213-220, bes. S. 220).

Kein Geheimnis. Demokratie ist anstrengend. Wehrhaft gegen Anfeindungen kann sie nur sein, wenn man sich engagiert und nicht der Versuchung nachgibt des „subjektiven Dogmatismus“ (cf. S. 199) nachgibt.

Tatsächlich gelingt es dem Autor, streitbaren Demokraten an bewährte Hilfsmittel zu erinnern, mit denen die Verlautbarungen der Rechtspopulisten noch einmal nachzulesen sind. Ihre politischen Gegner müssen sich allerdings auch fragen lassen, ob man im demokratischen Dialog in den letzten Jahren in unserem Land etwas versäumt hat, was die Wähler heute in die Arme der AfD treibt? Wurde von der Bundeskanzlerin die Entscheidung, Flüchtlinge in so großer Zahl im August/September hereinzulassen, den Bürgerinnen und Bürgern hinreichend erläutert? Warum heißt es so zu Beginn der Gesetzgebungsverfahren oft die Fraktionen hätten sich (meist nachts) „geeinigt“ – und was macht der Bundestag, wo die Sitzungen oft nach Drehbuch ablaufen?

Im Anhang, S. 287 ff. steht ein sehr beachtenswertes Glossar, in dem die philosophischen Grundbegriffe der Logik nocheinmal erläutert werden.

Jetzt hat der Philosoph Daniel-Pascal Zorn eine Anleitung für Demokraten verfasst, mit dessen Titel er seinen Ansatz prägnant zusammenfasst: > Logik für Demokraten. Es geht ihm darum, die Prozesse und Verfahren zu nennen, mit denen die Populisten Erfolge verbuchen, wie sie die freie Gesellschaft in Gefahr bringen, und dabei die vom Autor vorgeschlagene > Logik für Demokraten beachten, so müssen alle im Bundestag vertretenen Parteien sich auch fragen, ob die von ihnen inspirierte Debattenkultur im Hohen Hause wirklich auf dem Stand der „wehrhaften Demokratie“ sich befindet, geht es doch mehr als je wieder darum, sie gegen ihre Feinde zu verteidigen.

Daniel-Pascal Zorn
> Logik für Demokraten. Eine Anleitung
1. Aufl. 2017, 314 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-608-96096-9

Nachgefragt: Steve Ayan, Lockerlassen

Dienstag, 7. Februar 2017

ayan-lockerlassenDenken Sie zu viel? Dann lesen Sie dieses Buch: Steve Ayan > Lockerlassen. Warum weniger Denken mehr bringt so lautet der Untertitel dieses Buches von Steve Ayan > Lockerlassen.

> Lesebericht: Steve Ayan, Lockerlassen

Wir haben Steve Ayan gestern bei seiner Buchvorstellung im Stuttgarter Hospitalhof getroffen, unser > transportables TV-Studio aufgebaut und nachgefragt:

Unser Fotoalbum:

ayan-lockerlassenSie haben es eilig. Dann finden sie eine Zusammenfassung aller guten Gedanken dieses Buches auf S. 213-219.

Steve Ayan
> Lockerlassen
Warum weniger Denken mehr bringt
2. Druckaufl. 2016, 244 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-98049-3

Anthony Atkinson – 4.9.1944 – 1.1.2017

Montag, 2. Januar 2017

atkinson-ungleichheitDer britische Ökonom und Spezialist für die Fragen der Ungleichheit ist am 1. Januar 2017 gestorben, berichtet Goff Roiley in seinem Blog Economics > RIP Sir Tony Atkinson.

Noch im September hat er auf unsere Fragen zu seinem Buch > Ungleichheit. Was wir dagegen tun können, das gerade bei Klett erschienen war, geantwortet: Nachgefragt….

> Anthony Atkinson

Literatur – Sachbuch – Blog – Klett-Cotta
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