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Lesebericht: Barbara Vinken, Die Blumen der Mode

Mittwoch, 14. Dezember 2016

Wir hätten da noch was für Ihren Wunschzettel: vinken-blumen-mode-110So ein schönes Buch. Alle die sich für Mode interessieren, werden dieses Buch nicht wieder hergeben. Es geht nicht um die Blumen des Bösen, sondern um > Die Blumen der Mode, die die Münchner Romanistin Barbara Vinken für Sie keineswegs nur hier und dort gepflückt und danach äußerst Kompetent zu einem fulminanten Spaziergang durch die Literaturgeschichte für Sie zusammengebunden hat:

Nehmen wir das Buch zur Hand:

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vinken-1Die vorliegende Anthologie versammelt das „Einflussreichste, Eigenwilligste, Schönste, Schrägste und manchmal auch das Ätzendste, was über die Mode in den letzten dreihundert Jahren geschrieben wurde…“ (S. 9) verspricht Vinken Ihren Lesern und ihre gelingt mit dieser Auswahl tatsächlich eine Art Definition der Mode: „ein Theater der Obsessionen (S. 11). Ihr Buch ist ein soziologisches Traktat über die Mode in der Literatur, aber vor allem darüber wie Schriftsteller und Soziologen sich mit der Mode beschäftigen. Bei der Lektüre entdeckt man viele neue Einsichten. Die Auswahl der Texte überrascht. Sie sind auf einander aufgebaut und erweitern die Perspektive und bringen aber auch die Definition der Mode immer wieder auf den Punkt: „Zuerst einmal muß sie sich selbst repräsentieren. Zu Hause, bei der Verrichtung ihrer Arbeiten ist sie nur bekleidet. UM auszugehen, um zu empfangen, macht die „Toilette“. Die Toilette hat einen doppelten Charakter. Sie ist dazu bestimmt, die soziale Würde der Frau (ihren Lebensstandard, ihr Vermögen, das Milieu, dem sie angehört) zum Ausdruck zu bringen, gleichzeitig verwirklicht sie auch den weiblichen Narzißmus. Sie ist eine Livree und ein Schmuck.“ Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, zit. b. B. Vinken, S. 281.

vinken-2Mode und Kleidung sind Mittel des Selbstausdrucks und der Kommunikation. Ansehen und Angesehenwerden, das fasziniert Schriftsteller, Philosophen und Soziologen gleichermaßen. Dieser Band stellt in Auszügen 45 Texte vom 18. bis zum 21. Jahrhundert vor, für die Barbara Vinken je eine Einleitung verfasst hat, in denen sie Hintergründe, zeittypischen Ideen und Menschenbilder erläutert. Sie ist Professorin für Allgemeine und Französische Literaturwissenschaft an der Universität München.

Mit der Bienenfabel oder private Laster, öffentliche Vorurteile von Bernard Mandeville (1670-1733) (> The Fable of The Bees: or, Private Vices, Public Benefits, 1705) geht es los. Vinken zählt diesen Text zur „Grundstock einer Soziologie der Mode“ (S. 13) Dann kommt > Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) mit einem Auszug aus Julie oder die neue Héloise (> Julie ou la Nouvelle Héloïse, 1761):

J.-J. Rousseau, Julie ou la nouvelle Héloïse, Volume 2, M.M. Rey, 1772,S. 405:

Giacomo Leopardi (1798-1837), Die Mode und der Tod, 1824. Er sieht in der Mode „das Bizarre, das Wahnsinnige“ (S. 39). Gottfried Wilhelm Friedrich Hegel, um 1830, spricht in einer Vorlesung (Ästhetik II, hrsg. v. F. Bassange, Frankfurt/M. o. J.. S. 124-135 über die Mode: Hegel, Vorlesungen über die Aesthetik 2, Duncker und Humblot, 1837, S. 410:


Mittwoch 14.12.16 20.00 Uhr im Literaturhaus Stuttgart
> Grenzgängerin: Flaubert, Mode und Feminismus

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> Grenzgängerin: Flaubert, Mode und Feminismus
Barbara Vinken Veranstaltungsreihe: Wissenschaftsfragen Gespräch – Moderation: Joachim Kalka
In der Reihe „Wissenschaftsfragen“ führt Joachim Kalka ein Gespräch mit Barbara Vinken, die eine Literaturwissenschaft vertritt, in deren Oeuvre die ingeniöse Behandlung klassischer Sujets – Gustave Flaubert, Heinrich von Kleist – neben Arbeiten zur Logik der Geschlechterrollen steht, wie „Die deutsche Mutter“ (2001) und zahlreiche Untersuchungen zur Mode, u.a. jüngst „Die Blumen der Mode“. …

Zur Vorbereitung für diese Veranstaltung: > Flaubert und die Mode. Barbara Vinken im Gespräch mit Joachim Kalka


Jetzt kommt Heinrich Heine (1797-1856) mit einem Auszug aus einen Reisebildern. Weiter geht es mit > Honoré de Balzac (1799-1851) und einem Auszug aus der „Physiologie des eleganten Lebens“ Honoré de Balzac, Traité de la vie éle´gante Editorial MAXTOR, 1911 , S. 83 >>>

vinken-3Thomas Carlyle (1795-1881) hat vor Barbey d’Aurevilly und Charles Baudelaire über den Dandy geschrieben: Aus Sartor Resartus: Die Körperschaft der Dandys, 1833/34. Danach kommt Théophile Gautier (1811-1872), der 1858 über die Mode einen Aufsatz verfasst hat:

„La beauté et la force ne sont plus les caractères typiques de l’homme à notre époque. Antinoüs serait ridicule aujourd’hui. Le moindre cric fait la besogne musculaire d’Alcide. On ne doit donc pas orner ce qui n’a pas d’importance réelle ; il s’agit seulement d’éviter la lourdeur, la vulgarité, l’inélégance, et de cacher le corps sous une enveloppe ni trop large, ni trop juste, n’accusant pas précisément les contours, la même pour tous, à peu de chose près, comme un domino de bal masqué. Point d’or, ni de broderies, ni de tons voyants ; rien de théâtral : il faut qu’on sente qu’un homme est bien mis, sans se rappeler plus tard aucun détail de son vêtement.…“ Th. Gautier, > De la mode, Paris : Poulet-Malassis et De Broise, 1858, Hervorh. H.W.

Charles Baudelaire (1821-1867) hat zwei Texte beigesteuert: Eine Lobrede auf das Schminken aus „Der Maler des modernen Lebens“ (1859/1860), i.,m Der Maler des modernen Lebens (1863) Sämtliche Werke und Briefe, 8 Bde., hg. von Friedhelm Kemp, Claude Pichois, Wolfgang Drost, Bd. 5, München, Wien 1989, S.213-258,zuerst in: Le Figaro 26.Nov., 29.Nov. + 3. Dez. 1963: 11. Lobrede auf das Schminken: „Die Frau ist durchaus in ihrem Recht, ja sie erfüllt eine Art Pflicht, wenn sie es darauf anlegt, berückend und übernatürlich zu erscheinen,“ zit. bei B. Vinken, S. 99. Und der Absatz über den Dandy aus „Der Maler des modernen Lebens“ (1863) über den Dandy: „Ein Dandy kann niemals ein gewöhnlicher Mensch sein…“ (S. 105). Stéphane Mallarmé (!842-1898), der Englischlehrer aus Tournon, dem > Jean-Paul Sartre ein unvollendetes Porträt gewidmet hat: (vgl. H.W., Sartre et la poétique de Mallarmé, Jahrestagung der Groupe d’études sartriennes am 20. und 21. Juni 2008 in der Sorbonne, Paris, n. veröff.) hat die Modezeitschrift La dernière mode. La dernière mode: Gazette du Monde et de la famille, die ein Jahr lang 1874 alle zwei Wochen erschien – insgesamt gab es acht Ausgaben – herausgebracht. Seinen Text nenen Barbara Vinken ein „poetologisches Traktat“ (S. 110).

vinken-4Es folgen Friedrich Nietzsche, Émile Zola, Adolf Loos, sogar Thorsten Veblen hat nicht nur über Geld auch über Mode geschrieben. Georg Simmel, Eduard Fuchs, Werner Sombart haben über die Mode nachgedacht, wie Guillaume Apollinare und natürlich Marcel Proust, wie Edmond Goblot und Sigmund Freud. Viele andere wie Walter Benjamin, Simone de Beauvoir oder der Soziologe René König, natürlich auch Roland Barthes, >Friedrich Kittler, Pierre Bourdieu und Yvette Delsaut, ELzabeth Wilson, Kaja Silverman, Anne Hollander, Valerie Steele, Ulf Proschardt, Caroline Evans, Andreas Krass, Katharina Sykora, Thomas Ohláh, Hanne Loreck, Thomas Meinecke, Michael Müller, Nora Weinelt, Phlipp Ekardt ergänzen mit ihren Texten diesen Band.

> Barbara Vinken

Barbara Vinken
> Die Blumen der Mode
Klassische und neue Texte zur Philosophie der Mode
1. Aufl. 2016, 551 Seiten, gebunden, bedruckter Leinenband, 3-seitiger Farbschnitt, Lesebändchen, Großformat,mit s/w-Abbildungen
ISBN: 978-3-608-94910-0

vinken-geheimnis-mode-110

Barbara Vinken
> Angezogen. Das Geheimnis der Mode„Ist der Wandel der Moden eine unvorhersehbare Laune der Kultur? Mitnichten, sagt Barbara Vinken, auch wenn wir, die diese Moden tragen, meist keine Ahnung davon haben, was wir tun, wenn wir uns anziehen. Modewandel hat System. Fragt sich nur, welches?“ steht auf dem Klappentext. Auf der Frankfurter Buchmesse hatten wir Gelegenheit, Barbara Vinken nach ihrem Buch zu befragen. Sie ist Professorin für Allgemeine -Literaturwissenschaft und Romanische Philologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Gastkolumnistin in »DIE ZEIT«, »NZZ« und »CICERO« und häufig bei Gert Scobel zu Gast.“ > Bitte Weiterlesen.
4. Aufl. 2013, 255 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit farbigem Tafelteil
ISBN: 978-3-608-94625-3

Weihnachtswunschzettel 2016 zum Ausdrucken

Donnerstag, 1. Dezember 2016

Eines der ersten Fotos auf diesem Blog stammt aus dem Straßburger Münster und wurde Anfang Dezember 2008 aufgenommen und heißt “Warten auf das Christkind”:

Jedes Jahr die guten Vorsätze. Nein, dieses Jahr keine Hektik. Pakete an die Lieben sind am 10. auf der Post, danach wird nur noch entspannt Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt bestellt. Auch keine Eile mehr beim Stöbern im Buchladen. Sondern ganz einfach, Wunschzettel
weihnachtsmann-jpg-31352aufrufen, eventuell den ein oder anderen Lesebericht nochmal lesen, überlegen, welcher Band zu wem passen wird. Bei unserer diesjährigen Auswahl ist für alle was dabei. Gelesen, geprüft und empfohlen. Ihr Buchhändler wird sich über diesen Service, wenn Sie ihm ihren Wunschzettel mitbringen, bestimmt freuen:
> Weihnachtswunschzettel-2016 *.pdf 4 Seiten

oder > > Weihnachtswunschzettel-2016 auf einer Seite

oder noch > weitere Tipps bei klett-cotta.de ansehen.

Lesebericht: Brigitte Kronauer, Der Scheik von Aachen. Roman (I)

Montag, 21. November 2016

kronauer-scheik-aachen-110So wie es passt, beginnt die Lektüre neuer Bücher – ich habe da was mitgebracht – mit einer Maulprobe frei nach Flaubert.Vorlesen! Beim Anklingen-lassen zu Hause, gucken, ob der Klang der ersten Seiten bei den Zuhörern ankommt, – > Gustave Flaubert machte eine „épreuve du gueuloir“, eine Maulprobe, um seine Texte seinen Freunden vorzulesen, ob sie mochten oder nicht. Mal gucken, was die ersten Seiten so mitbringen, ganz so, wie Camus in Le premier homme erzählt, dass er sich nach Bibliotheksbesuch mit seinen Kameraden auf die Bank gesetzt hat, begierig und neugierig zu gucken, was das just ausgeliehene Buch ihnen zu bieten hat. Einmal gab es bei einem Buch von Brigitte Kronauer keine Lesepause, da endete die „épreuve du geuloir“, das Ausprobieren von ihrem Buch > Zwei schwarze Jäger erst nach zwei Abenden.

Mit ihrem neuen Roman > Der Scheik von Aachen ist das nicht viel anders. Nur er ist länger und der sehr große Bücherstapel und zusätzliche Termine verhindern gerade das lange Vorlesen. Aber der Auftakt war vorzüglich. Rotwein, Ruhe zu Hause und lesen Sie die ersten 15 Seiten vor. Danach werden Sie fragen, wieso gerade jetzt aufhören?

Anita kommt zurück, findet bei dem Antiquitätenhändler Marzahn ein Anstellung. Und da ist noch Mario, der Bergsteiger in den Anita sehr verliebt ist. Die Gespräch mit Marzahn kreisen um Liebe zwischen Tragik und Lächerlichkeit. Und ihre Tante lauscht den Geschichten Anitas in Anlehnung an Wilhelm Hauffs Zyklus »Der Scheik von Alessandria und seine Sklaven«.

Ein Roman, der mit seinem beeindruckenden Erzählstil, Ruhe und Entspannung vermittelt. Sie entdecken die Eigenheiten der wenigen Protagonisten, ihre Reaktionen und Einstellungen, die sie allmählich immer genauer charakterisieren. Wenn wir Brigitte Kronauer nach den Personen der Handlungen befragen würden, wird sie uns sehr wahrscheinlich erklären, wie sie beim Schreiben ihres Romans deren Entwicklung observiert und verfolgt hat. Es ist kein Thriller, keine ungestüme Hektik, sondern Sie lernen die Figuren immer besser kennen, und dadurch entsteht Neugier, wie sie die neu eintretenden Umstände bewältigen werden. Nach einer von außen erzwungenen Lesepause, ist die Vorfreude groß, den > Scheik von Aachen wieder aufzuschlagen. Das Buch kommt auf den Weihnachtswunschzettel 2016.

Brigitte Kronauer
> Der Scheik von Aachen
Roman
1. Aufl. 2016, 399 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98314-2

Das Probevorlesen des neuen Buches von Brigitte Kronauer > Zwei schwarze Jäger endete erst nach der letzten Seite. Zwar mit einigen tagesbedingten Unterbrechungen, aber dann war das Buch auf einmal zu Ende. Mehr muss eigentlich hier gar nicht gesagt werden. > Bitte weiterlesen

Lesebericht: Merkur 801 – Nov. 2016

Montag, 14. November 2016

merkur-11-2016Stephan Wackwitz wohnt schon fünf Jahre in Tiflis und berichtet über den architektonischen Niedergang der Stadt. Im Dieter Gosewinkel fragt, ob das Staatsbürgerschaftsrecht noch zeitgemäß ist: „Ein Relikt europäischer Rechtskultur?“ „Es geht also um die Frage, ob und inwieweit die personale Grenzziehung zwischen politischen Einheiten dem Einzelnen die Basis und ein Mehr an Schutz und Freiheit seiner Person gab und gibt.“ (S. 19) Sein Fazit: „Stellen wir uns vor, dass die Staaten der Union ihren politischen Bund in Zukunft enger schließen. Dann ersetzen sie ihre nationalen Staatsangehörigkeiten durch eine Unionsbürgerschaft und überführen die national vielgestaltige in eine einheitliche Institution des ius publicum europaeum.“ Ist er seiner Zeit weit voraus oder entwickelt er nur logisch weiter, was die EU begonnen hat? Ernst-Wilhelm Händler stellt fest: Das Universum ist auch nicht mehr das, was es einmal war: „zur modernen Ksomologie der Möglichkeiten“. In seiner Religionskolumne berichtet Friedrich Wilhelm Graf über die »Letzten Gespräche« Benedikts XVI.
Christina Dongowski erinnert an die am 28. April 2016 verstorbene britische Autorin Jenny Diski, deren letzte Texte über ihre letzten Jahre als Buch In Gratitude, New York: Bloomsbury 2016 vorliegen.

> Lesebericht: Jenny Diski, Küsse und Schläge

Julia Griem vergleicht die mehrbändigen Werke von Elena Ferrante und Karl Ove Knausgård miteinander: „Nahkampf auf der Langsrecke“. Achim Wagner übersetzt ein Gedicht der türkischen Lyrikerin Müesser Yeniay – und erklärt seiner Übersetzerarbeit.

>> Dieses Merkur-Heft digital (PDF, epub, mobi)

>> Das Heft gibt es jetzt günstig im MERKUR-Probeabo.

Heiko Christians schreibt über Selbstradikalisierung in Bibliotheken und vor Bildschirmen und errinnert and ie Bibliotheksarbeiten von Lenin: „Man stelle sich nun einfach mal vor, wie jemand heutzutage im World Wide Web zunächst angesichts der schieren Menge der Funde verzweifelt, wenn er auf vergleichbare Wahrheits- und Rollensuche, nicht aber auf Wissenssuche geht. Man stelle sich vor, wie dieser (sich) suchende, schon irgendwie »geladene« anonyme Nutzer surfend, klickend, spielend, chattend, postend (oder welche Gebrauchsformen digitaler Kommunikationstechnik er auch immer wählt), wie dieser Suchende unter solchen Bedingungen eine tragfähige Selbsterzählung zustande bringen soll, die sich mit jedem Klick oder Post bestätigt, statt sich in bloßes (für ihn wertloses) Mehrwissen oder gar in dieselben Belanglosigkeiten aufzulösen, die die anderen dort vermeintlich auch immer schon treiben.“ (S. 83) … „Die Zeiten der alten Leser und Bibliotheksbenutzer sind wohl vorbei.“ Nein, das glaube ich nicht: > Essai. Lernen und Studieren mit dem Internet. 30. September 2016 von H. Wittmann

Christoph Schönberger liest und erinnert an Carl Schmitt als Literaten. Und Harry Walter sieht sich ein Fotoalbum von Wehrmachtssoldaten an.

> MERKUR Heft 11 / November 2016 – Heft 810

Lesebericht: Cynthia D’Aprix Sweeney, Das Nest

Montag, 31. Oktober 2016

sweeney-nestIn ihrem ersten Roman > Das Nest erzählt Cynthia D’Aprix Sweeney von den vier Geschwister Plumb. Alle sind in den Vierzigern oder kurz davor wie die jüngste Melody. Sie leben über ihre Grenzen im Vertrauen auf das väterliche Erbe, das kommen wird, wenn die Jüngste 40 wird. Bis dahin ruht der Geldsegen in einem Fonds, liebevoll und erwartungsfroh von allen das Nest genannt. Die gewohnte Geborgenheit früher zu Hause wird von den Vieren in den Fonds projiziert, Geld gibt Sicherheit und Vertrauen.

Leider schlägt einer von ihnen, Leo, noch mehr über die Stränge als seine Geschwister. Er dealt, hat immer wieder Affären und kann es nicht lassen. Auf einer Party trifft er die junge Sängerin Matilda, die zum Kellnern verpflichtet ist. Ein erster Augenkontakt zwischen beiden, kurz darauf sitzt Matilda neben Leo in seinem schicken Porsche, zum Strand soll es gehen, sie geht an seine Hose, total abgelenkt, fährt Leo los und übersieht einen SUV. Es knallt: „Keiner von beiden hatte auch nur Zeit zu schreien.“ S. 15 Soweit der Prolog.

D’Aprix Sweeney stellt uns dann Geschwister Melody, Jack, Bea und Leo vor. Melody muss ihr Haus finanzieren und die Collegegebühren für ihre Zwillinge aufbringen, die allmählich immer selbständiger werden. Sie verfolgt sie mit der App Stalkerville und weiß so immer ihren Aufenthaltsort, zumindest ihres Smartphones, das auch schon mal alleine im Schließfach beleibt, weil beide verbotenerweise auf dem Weg in den Central Park sind. Jack macht in Antiquitäten und heiratet heimlich seinen Freund. Beatrice träumt von ihrem Roman, schreibt kleinere Geschichten und hofft immer mehr auf den ausbleibenden Durchbruch. Leo hat den Unfall überlebt und braucht eine größere Summe, um die Ansprüche von Matilda zu befriedigen. Ohne sich mit den Kindern abzustimmen, bedient sich seine Mutter an dem Fonds, um ihm zu helfen.

Das Treffen der Geschwister mit der Mutter macht nichts besser. Das Geld, nur das Geld steht im Zentrum des Treffens, und den Dreien beginnt zu dämmern, dass da doch nicht viel für sie übrigbleibt. sweeney-nestLeo ist am besten bedient worden, und die Erzählerin weiß auch um seine Millionen auf einen Offshore-Konto (S. 93). Geldsucht macht kriminell, sät Missgunst und macht alles noch viel schlimmer, aber ist der einzige Grund für den Zusammenhalt der Geschwister, ansonsten haben sie sich nichts zu sagen.

Und da sind noch einige Nebenfiguren, wie Paul Underwood, mit dem Leo zusammen eine Online-Literaturzeitschrift betreibt. Das funktioniert nur, weil im Hintergrund Pauls alten Tanten finanzielle Hilfen großzügig überweisen. Bleiben sie aus, geht es mit dem Geschäft bergab. Ständiger Geldmangel bestimmt das Leben der Geschwister. Wie kommen die eigentlich über die Runden? Ist es die Hoffnung? „Wenn das Nest da ist, wurde Jacks Lieblingsausdruck. Melody lebt auf Ihren vierzigsten Geburtstag hin, der Tag, an dem der warme Geldregen kommen werde.

Bea belegt derweil einen Schreibkurs bei Tucker McMillan an der Columbia University und beginnt von ihrem Erfolg zu träumen. Sie kommt mit Tuck zusammen, und als er stirbt, braucht sie Geld und fragt (vorzeitig) ihre Mutter nach dem Fonds. Sie braucht ihre Hilfe dann doch nicht, weil Tuck ihr die abbezahlte Wohnung vermacht hat. Als Leo entdeckt, was Bea schreibt, flippt er aus und…

Die Spannung ist es, die den Leser in diesen Roman hineinzieht. Es ist klasse, wenn die Geschichte beim Lesen in eine Art Film übergeht, Tee machen, und 40 Seiten später… ich wollte ja Tee machen. Das ist der Kick, den dieser Roman mitbringt. Eine geschickte Kapiteleinteilung und die alles überlagernde Hoffnung auf Geld, immer mehr Geld. Das sehen die drei Geschwister schon mal über Leos Geldverschwendung hinweg. Kritik an ihm wäre ein eigenes Zurückstecken? D’Aprix Sweeney ist es gelungen, die Sehnsüchte, das Verlangen, vielleicht auch den Neid und immer wieder das Hoffen auf noch mehr Geld der Geschwister mit ihren Porträtstudien zu verknüpfen. Ihr Roman liest sich auch wie ein Drehbuch. Zufälle drehen die Geschichte, so wie der ausgerutschte Leo von den Zwillingen im Central Park beobachtet wird, wo eigentlich alle Drei nicht hingehören. Leo ist mit seiner Scheidung von Victoria beschäftigt und trifft auf seine frühere Freundin Stephanie: „Keine Drogen, kein Sex, kein Geld leihen,“ sie weiß, das die alte Leier wieder anfangen könnte.

Der Leseort für diesen Roman: ICE Stuttgart-Berlin und zurück. Kann auch laut sein, sie werden beim Lesen die Mitreisenden vergessen. Am besten den durchgehenden Zug buchen, sonst vergessen Sie bei dieser Lektüre das Umsteigen.

sweeney-nestCynthia D’Aprix Sweeney
Das Nest
Roman, aus dem amerikanischen Englisch von Nicolai von Schweder-Schreiner (Orig.: The Nest)
1. Aufl. 2016, 410 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98000-4

Siehe auch:

> Denis Scheck im Interview mit Cynthia D’Aprix Sweeney, „Das Nest“ – Druckfrisch, 30.10.2016

> Cynthia D’Aprix Sweeney: Das Nest – rezension auf auf >literaturschock.de

> Rezension: Das Nest von Cynthia D’Aprix Sweeney – The Read pack

Aufgeschlagen: Cynthia D’Aprix Sweeney, Das Nest

Freitag, 14. Oktober 2016

sweeney-nestBöse und auch witzig: Der Roman von Cynthia D’Aprix Sweeney > Das Nest erzählt von vier Geschwistern Melody, Jack, Bea und Leo in ihren Vierzigern. Alle vier sind sich sicher, eines Tages ihr Erbe anzutreten. Und wenn aber die Erbschaft ausbleiben würde? Geld das ist. Der Kampf um das Geld kann alles verändern und Familien zerrütten. Unbeschwerte Kindertage liegen hinter ihnen, jetzt ist da nur noch die Erbschaft, die sie irgendwie verbindet. Die Finanzkrise hat sie alle hart erwischt. Sie brauchen unbedingt Geld. Melody hat sich mit ihrem Haus übernommen und muss auch die Collegegebühren für ihre beiden Töchter aufbringen. Jack ist in Sachen Antiquitäten unterwegs und hat heimlich dem Rücken seines Ehemanns das Sommerhaus verpfändet. Beatrice ist eine erfolglose Schriftstellerin und würde gerne ihr Apartment vergrößern. Als das Erbe fällig wird, setzt Mutter Leo es ein, um Playboy Leo aus seiner Not zu befreien. Groll, Zwist und Streitigkeiten nützen nichts, die vier Geschwister müssen sich irgendwie verständigen, um von irgendwo Geld zu bekommen.

> Lesereise vom 7.-12.11.2016 nach Berlin, Gütersloh, Zürich, Stuttgart und Wien

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Cynthia D’Aprix Sweeney
> Das Nest. Roman, aus dem amerikanischen Englisch von Nicolai von Schweder-Schreiner (Orig.: The Nest)
1. Aufl. 2016, 410 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98000-4

Lesebericht: Jon Ronson, In Shitgewittern. Wie wir uns das Leben zur Hölle machen

Dienstag, 11. Oktober 2016

Der Buch- und Medienblog bringt Ronsons Warnungen auf den Punkt: „Was vor einigen Jahren abgeschafft wurde scheint eine Renaissance zu erfahren: Der Pranger.“ in: Lesebericht zu “ In Shitgewittern“ von Jon Ronson – Veröffentlicht von Oliver W. Steinhäuser am 9.12.2016.


ronson-shitgewitternMan kennt Sartres Satz aus seinem Theaterstück: Geschlossene Gesellschaft (1944): „Die Hölle, das sind die anderen,“ den die kollektive Intelligenz auch im Artikel in der Wikipedia über dieses Theaterstück > Geschlossene Gesellschaft zitiert. Das ist einer der meist zitierten Sätze von Sartre. Und immer aus dem Zusammenhang gerissen. Er wird gerne so zitiert, um zu erklären, dass Sartre gesagt habe, die Anderen seien die Hölle, was von vielen gerrne wortwörtlich verstanden wird, die Anderen sei eben immer die Hölle. So einfach ist das aber nicht. Mehrmals hat Sartre dieses Zitat zurechtgerückt, einmal im > Interview mit Jaques Chancel, wo Sartre lapidar feststellt, der Satz ist aus dem Zusammenhang gerissen, und dann auch der „Préface parlée“, in: Sartre, Théâtre complet, hrsg. von M. Contat, Paris 2005, p. 137. Selbst in der Hölle, so erklärt Sartre, selbst in dieser Beziehung zu den Anderen ist man immer frei, dort herauszukommen. „Wie auch immer der infernale Kreis beschaffen ist, in dem wir leben, ich glaube, wir sind immer frei, aus ihm auszubrechen. Und wenn die Leute das nicht machen, so tun sie das auch aus freien Stücken. So bleiben sie freiwillig in der Hölle.“ (ibid.) Es gibt Situationen, sagte Sartre zu Chancel, in denen man sich die Anderen zur Hölle machen kann, das muss aber nicht sein: > Huis clos / Geschlossene Gesellschaft – www.france-blog.info. An diesen Ausspruch von Sartre erinnert der Untertitel Wie wir uns das Leben zur Hölle machen des Buches Jon Ronson, > In Shitgewittern, das gerade bei TROPEN erschienen ist.

Soziale Netzwerke sind überhaupt nicht so sozial, wie man es sich wünschen würden. > Wie sozial sind soziale Netzwerke? www.stuttgart-fotos.de. Haben wir die Scham schon vergessen? Den Respekt vor dem Anderen? Irgendeine dumme Bemerkung auf einer FB-Seite, oder einige unüberlegte gezwitscherte Wörter können einen Sturm im Internet entfachen, Politikerkarrieren beenden auch befördern, egal wie, man kann zusehen, wie sich die Tweets gegenseitig hochschaukeln, und manchmal so dass darüber die Sache vergessen wird, dann steht nur noch der Autor der wenigen Worte selber in der Mitte der Zielscheibe. Früher wurde vielleicht besser recherchiert, geprüft und die Quellen wurden verifiziert, heute wird weniger geschrieben, mehr gepostet, früher wurde für oft für bestimmte Leser geschrieben, immer das Visier aufgeklappt, heute schreibt die schweigende kollektive Intelligenz ihre Artikel in Wikipedia, Unbekannte mit Decknamen nehmen es sich heraus, Einträge Anderer zu korrigieren oder zu löschen und die Zeitungen lassen ihre Artikel von obskuren Personen mit Pseudonymen kommentieren. Da wird heftig gestritten, beleidigt, gelobt, verrissen, immer das Visier zugeklappt. Man will sich ja nicht selbst einbringen, man will dem Anderen nur schaden. Die selbst ernannten Moralapostel sind ständig im Internet präsent, um Fehler der Anderen aufzudecken, ohne daran zu denken, dass jede Rezension immer auch den Horizont des Rezensenten aufdeckt. Und dennoch, sie erscheinen blitzschnell wie Guerilla-Kämpfer, löschen einen Eintrag, oder posten eine Schmähung, zeigen mit dem digitalen Finger auf Entgleisungen, vermeiden aber einen öffentlichen Diskurs, sondern schlagen digital zu, um gleich darauf wieder im digitalen Nirwana zu verschwinden. Nur keine Verantwortung übernehmen, aber den Anderen möglichst schädigen, ihn am Nasenring durch die Manege zu ziehen, sich selber aber bloß nicht zu zeigen. Ob es Shitstorms geben würde, wenn die Anonymität im Internet nicht möglich wäre?

Ronson erzählt haarsträubende Geschichte aus der digital-sozialen Welt und zeigt, wie man sich dagegen (nicht) wehren kann. Allerdings funktioniert das nur, wenn man sich in die mehr oder weniger sozialen Netzwerke hineinziehen lässt. Muss man das heute? Man darf die Vermutung äußern, dass die Zeit, die man für die Bedienung eines sozialen Netzwerks wie FB, Twitter o. ä. aufwendet, zu 40 Prozent in die Bedienung seiner Funktionen fließt, 30 oder 40 Prozent des Zeitanteils wird damit vergeudet, unsinnige Meldungen und viel Werbung z. K. zu nehmen. 20 Prozent fließt in die Pflege und in den Gewinn der Follower. Bleiben noch 10 Prozent Gewinn oder gar nichts für die eigentliche Kommunikation. Aber wer spricht schon über unsere Tweets oder Postings in FB? Das macht man nur, wenn man selber irgendeinen Gewinn daraus zu ziehen glaubt. Richtig große Zugriffszahlen bescheren nur die Skandale, die genau die vorgegebenen Funktionen oder Wege der Netzwerke respektieren. Das würde bedeuten, die Netzwerke generieren die Shitstorms? Würden sie über Zeitungen verbreitet, ohne in die Funktionalitäten wie Retweet, Likes etc. eingebunden sein, könnte man sich mit ihrem Inhalt beschäftigen, so aber pushen die Funktionen den Skandal, allein um Aufmerksamkeit die digitale Währung der Betreiber der Netzwerke, zu erheischen, je mehr Aufmerksamkeit, umsomehr Werbung, umso besser rollt der Rubel. Die Inhalte spielen keine Rolle mehr, sie werden nur selektiv zum Anstoß benutzt, der Shitstorm nährt sich aus den Funktionen des Netzwerks und bedient sich der Neugier der Follower.

Ronsons Geschichte erklärt den Mechanismus, wie die schweigende Mehrheit, die unsichtbare selbsternannte kollektive Intelligenz eine Stimme beansprucht. Sie meldet sich aus dem digitalen Nirwana, verkündet Moral , ist aber nicht fassbar, hat keine Verantwortung und kann nicht nach ihr befragt werden: „Es war, als seien wir Soldaten in einem Krieg gegen die Verfehlungen anderer Menschen, und mit einmal waren die Kampfhandlungen eskaliert.“ (S. 99)

Kapitel 5 beschäftigt sich mit „Massenhysterie“ und zitiert Le Bon (1841-1939), Die Psychologie der Massen (1895), in dem er die Stellung des Individuums in der Masse analysiert. Ob man von seinen Überlegungen zur Rasse absehen kann, um Anregungen aus diesem Buch für ein Verständnis der heutigen so sehr digital geprägten Internet-Massen zu gewinnen?

Viele der Geschichten Ronson zeugen wie die Autoren der Bemerkungen ganz unversehen (Hank, S. 120 ff) in den Shitstorm heineingezogen werden, durch Dummheit, aber auch durch eine falsche Bedienung der Funktionen: Lindsey, S: 215 ff. Sie posten Informationen, die roh von den Anderen gelesen werden, die richtige Konnotation wird nicht verstanden, die Info wird ein bisschen gedreht und schon kann der anonyme Sturm an zu blasen fangen. Was hilft es einem Politiker dann noch nachzuschieben, er sei falsch verstanden worden, so eine Bemerkung erhöht nur die Drehzahl des Sturmes.

Jon Ronson
> In Shitgewittern
Wie wir uns das Leben zur Hölle machen
Aus dem Englischen von Johann Christoph Maass (Orig.: So You’ve Been Publicly Shamed)
1. Aufl. 2016, 330 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-50235-0

Nachgefragt: Anthony Atkinson, Ungleichheit. Was wir dagegen tun können

Donnerstag, 22. September 2016

atkinson-ungleichheitGemäß unserer Blog-Tradition: Zuerst der > Lesebericht: Anthony Atkinson, Ungleichheit. Was wir dagegen tun können und dann der Artikel Nachgefragt.

> Das Symposium »Ungleichheit im 21. Jahrhundert. Fortschritt, Kapitalismus und globale Armut« fand am 12. und 13. September 2016 im Haus der Berliner Festspiele statt: > Unser Fotoalbum. Leider konnte Sir Anthony Atkinson nicht kommen, es gibt diesmal kein Video, aber er hat auf unsere Fragen zu seinem Buch per Mail geschickt:

tony-atkinson > Anthony Atkinson >>>

blog.klett-cotta: Sir, you are Centennial Professor at the London School of Economics and Fellow of Nuffield College, Oxford. You are Fellow of the British Academy, and you had been President of the Royal Economic Society, of the Econometric Society, of the European Economic Association and of the International Economic Association. You has been a member of the Conseil d’Analyse Economique, advising the French Prime Minister. Your book > Inequality. What Can Be Done? had just been translated by Hainer Kobler an published under the the title > Ungleichheit. Was können wir dagegen tun? in Germany by Klett Cotta. After the reviews on our blog, I often make an interview with the author of the book:

Sir Tony Atkinson: I am very happy, first that my book has been translated so well into German, and secondly to take part in this interview.

blog.klett-cotta: Sir, you mentioned in your introduction that Inequality is one of our most urgent social problems. Later you regret that economists did not consider problems of distribution. It is right that economists did not deal enough with problems of inequality?

Sir Tony Atkinson:
In the past, economists did deal with issues of inequality. For classical economists, such as Ricardo, the subject of distribution was of central importance. When I was a student in the early 1960s, giants in the field, like Robert Solow, James Meade and Simon Kuznets, all studied the distribution of income and wealth. Many leading US economists were engaged at that time in designing the War on Poverty. All this changed in the 1980s, when influential economists argued that social justice was not a proper concern of economists, who should focus on efficiency and growth.

blog.klett-cotta: Could you explain this loophole in theory? One explication seems to be the data basis with allow today a better survey for example about the household incomes?

Sir Tony Atkinson: There is no doubt that there have been great improvements in the empirical database for understanding inequality. In the EU, the introduction in the 1990s of the European Household Panel, now the European Statistics on Income and Living Conditions (EU-SILC), has transformed our knowledge and allowed us to monitor poverty and inequality on a comparable basis. Globally, the work of the World Bank, UNDP, and other bodies has provided evidence about poverty and inequality world-wide.

blog.klett-cotta: It is remarquable to notice that the welfare state in Western Europe begin to fail in the eighties… Politicans didn’t realized this?

atkinson-ungleichheitSir Tony Atkinson: There are two main reasons why the limitations of the welfare state became apparent in the 1980s. The first is that governments began to make cuts in transfer programmes. The shift in political opinion meant that there was less support for these programmes. Under the heading of „labour market“ reform, of example, unemployment benefits were scaled back or subjected up to income tests that made them less effective in providing income security. The second reason is that the world was changing. This is particularly true of the labour market, and one of the aims of my book is to describe welfare state appropriate for the 21st century (rather than the mid-20th century).

blog.klett-cotta: Your diagnostic observes the period were > Inequality seems to drop down to find out the measures we should apply today to stop increasing inquality? Which are your main points you figure out?

Sir Tony Atkinson: I argue that, if we are to return to the lower levels of inequality that we enjoyed in the past, then a broad range of measures is necessary. It is not just a matter of reforming taxes and transfers. We have to address the inequality that arises in market incomes, both from working and from the ownership of capital.

blog.klett-cotta: Could you precise the movement today, inquality is a process, the distance between the lowest income et the highest income will growth? and generate social problems in the future…? The crucial problem is we are failing to tackle poverty, and the economy is rapidly changing to leave the majority of people behind. But this is not only a problem of income?

Sir Tony Atkinson: One of the main reasons that I wrote the book was a concern that – following the impact of Thomas Piketty’s Capital in the 21st century – attention was being focused on the top of the distribution, and that we were neglecting the problem of poverty. The EU 2020 Agenda (> Europa-2020-Ziele, H.W.) has, as one of its five principal goals, the achievement of a significant reduction in poverty. But little progress has be made, and poverty in some Member States has risen. Here poverty is indeed seen as broader than income, but income is an important means to achieving one’s life goals.


On Social Europe: Using The CETA To Move Towards A Social And Environment-Friendly Globalisation https://t.co/QO14PxKSmc

— Social Europe (@SocialEurope) September 21, 2016


atkinson-ungleichheitSir Tony Atkinson: In my book, I stress that it is indeed not just a matter for national governments. Local governments and communities have a role to play. As do individuals, in their capacities of workers, consumers and members of civil society, as well of course as voters. Just to give one example, a consumer has an impact by switching from a profit-maximising bank that pays exorbitant salaries to a mutual savings bank.

blog.klett-cotta: Among your 15 proposals you mention also the technology and the human contribution. Why and in which way our government should reconsider the promotion of technical changes?

Sir Tony Atkinson:
I was arguing against the widespread view that technological change is outside our control. In fact it results from decisions and we have to ask who makes those decisions. Why are we investing so much in driver-less cars and lorries? Why do we not invest more in robotic technology to help the elderly in their homes? I am not suggesting that the government should make technical choices, but that it should determine the priorities in terms of social value.

blog.klett-cotta: Another proposal concern public investments to create jobs. Do you not trust a bit too much in the action of our governments?

Sir Tony Atkinson: This is far from a new idea. The US Congress passed such a bill in 1978. Of course, there are good and bad job creation programmes, and they have to be carefully designed. But we should be making more use of the power of the government to set standards, standards that have to be emulated by the private aector
blog.klett-cotta: Income taxes should consider a peak value of 65 % for the highest income and you would like to introduce a property tax… Do you have in mind a concrete reform of the tax system. Could you imagine a tax system for the European Union?

Sir Tony Atkinson: My first concern is that we have to re-habilitate taxation. As Joseph Schumpeter argued in 1919, the capitalist system can only survive in the long run if it can raise sufficient taxation. Or, as the US Internal Revenue Service has inscribed on its building, taxes are the price we pay for civilisation. There are major reasons why taxes have to rise: the ageing of the population, the need to tackle climate change, the deteriorating state of infrastructure. The question is who pays these higher taxes. Here we should, in my view, reverse the decline in progression since the 1980s.

blog.klett-cotta: I’m right to suppose that your proposal should not be a theoretical contribution to economics?

Sir Tony Atkinson: In fact, underlying my analysis of the causes of inequality is a critique of mainstream economics. The economics on which much policy is based has failed to embody the developments that have taken place in past decades. As such, it is not adequate to discuss the problem of inequality. The textbook story is based on identical consumers and workers, who buy their goods from and work for firms that are perfectly competitive. In the real world, people do not start from a level playing field; they have conflicting interests; and firms have extensive monopoly power that they employ to raise prices and to exploit their workers (for example via zero hours contracts).

blog.klett-cotta: Our governeents depend much more of the rhythm of elections systems, they have difficulties to make a long term planning. How do you evaluate the chance that any or all of your proposals could be realized?

Sir Tony Atkinson: I was indeed writing for the medium and long-run. I hope that the analysis and the concrete proposals will feed into a continuing debate, and that, when the time is ripe, people will pull the book from their shelves and re-read it. But there has already been considerable impact on political discussion. This is most evident in the case of a universal basic income, where many people have been contributing to placing it on the agenda. It applies also to ideas where I am bringing something new, such as that criteria of social justice should be applied in the operation of anti- monopoly policy (taken up by the Australian Labor Party).
Sir Tony Atkinson:

blog.klett-cotta: Thank you so much.

> The Personal Website of Professor Sir Tony Atkinson
atkinson-ungleichheitAnthony B. Atkinson
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Ungleichheit. Was wir dagegen tun können – Erscheinungsdatum: 27.08.2016
Aus dem Englischen von Judith Elze (Orig.: Inequality. What Can Be Done)
1. Aufl. 2016, ca. 480 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94905-6

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