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Archiv für die Kategorie 'Geschichte'

Buchvorstellung mit Autorengespräch
Edgar Wolfrum: Welt im Zwiespalt. Eine andere Geschichte des 20. Jahrhunderts

Donnerstag, 29. Juni 2017

Buchvorstellung mit Autorengespräch, Donnerstag, 6. Juli 2017, 18 Uhr

Weltkriege und Genozide, Demokratie und Diktatur – diese Begriffe stehen im Mittelpunkt der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Diesem Bild setzt der Heidelberger Historiker Edgar Wolfrum eine ungewohnte Sicht des „kurzen Jahrhunderts“ entgegen > Welt im Zwiespalt. Eine andere Geschichte des 20. Jahrhunderts, das er unter ganz anderen Perspektiven zeigt und dabei mit manchen Überraschungen und vielen neuen Einsichten aufwartet: Zu infernalischen und versöhnlichen Zeiten, zu starken und gescheiterten Staaten, zu Naturbeherrschung und Umweltkatastrophen, Liebesglück und Geschlechterungleichheit. Herausgekommen ist dabei ein Buch, das weit über Europa hinausblickend Ansätze zu einer Globalgeschichte der Moderne in all ihren Licht- und Schattenseiten entwickelt.

Im > Theodor-Heuss-Haus wird Edgar Wolfrum ausgewählte Passagen aus seinem Buch vortragen und seine Thesen sodann im Gespräch mit Thomas Hertfelder zur Diskussion stellen. Die Veranstaltung findet in Kooperation mit dem Verlag Klett-Cotta statt.

Prof. Dr. Edgar Wolfrum, Jg. 1960, ist Inhaber des Lehrstuhls für Zeitgeschichte an der Universität Heidelberg. Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zur deutschen und europäischen Geschichte.
Dr. Thomas Hertfelder Jg. 1959, ist Historiker und seit 1997 Geschäftsführer der Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus.

Anmeldung > www.stiftung-heuss-haus.de/anmeldung oder 0711 / 955 985 20.
Ort: Theodor-Heuss-Haus, Feuerbacher Weg 46, 70192 Stuttgart
Zeit: Donnerstag, 6. Juli 2017, 18 Uhr

Edgar Wolfrum
> Welt im Zwiespalt
Eine andere Geschichte des 20. Jahrhunderts
1. Aufl. 2017, 447 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit zahlreichen Abbildungen, 16 Seiten Tafelteil
ISBN: 978-3-608-94306-1

Stuttgart: Volker Weiß im Gespräch mit Muhterem Aras MdL, Präsidentin des Landtags von Baden-Württemberg

Freitag, 5. Mai 2017
In unserem > Lesebericht: Volker Weiß, Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes hieß es: „war steht im Untertitel die „Neue Rechte“ aber nicht im Sinn von jetzt neu aufgestellt als Antwort auf dringende Probleme, sondern eher im Sinn von „alter Wein in neuen Schläuchen“, also Personen und Gruppen, die politische Entwicklungen oft auf fragwürdige Weise interpretieren und ausnutzen, um sich als „neu“ zu profilieren. Die wieder neu auftauchende „‚Abendländer‘ und Islamisten“ sind „in ihrem Kampf gegen Selbstbestimmung Waffenbrüder“, so resümiert der Klappentext eine der Thesen von Volker Weiß.“ > Bitte weiterlesen.

> Nachgefragt: Volker Weiß, Die autoritäre Revolte – 27. März 2017

Einladung zu Lesung und Gespräch

Dienstag, 9.5.17 | 19:30 Uhr
Hospitalhof: Paul-Lechler-Saal, Büchsenstraße 33, 70174 Stuttgart

Neu in der Reihe „Analysen zum Rechtspopulismus“

Volker Weiß beschreibt das vielfältige Spektrum der neuen rechten Bewegungen und untersucht die Herkunft und Vernetzung ihrer Kader. Er geht den autoritären Vorstellungen nach und veranschaulicht Übergänge von Konservativismus, Rechtspopulismus und Rechtsextremismus. Im Gespräch mit Volker Weiß ist Muhterem Aras MdL, Präsidentin des Landtags von Baden-Württemberg.

Volker Weiß, Historiker, schreibt für DIE ZEIT und ZEIT Geschichte, Frankfurter Rundschau, Jungle World, taz, Spiegel Online. Er ist Autor einer international beachteten Studie zur „Konservativen Revolution“.

KOOPERATION: Evang. Bildungszentrum Hospitalhof, Stiftung Geißstraße

Kostenbeitrag entfällt

Kontakt: info@hospitalhof.de, Tel. 0711/2068-150

Volker Weiß
> Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes
1. Aufl. 2017, 304 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94907-0

Das Fahrrad wird 200 Jahre alt

Donnerstag, 6. April 2017

Lesung: Do., 6 April 2017, 19 Uhr 30 in der Stadtbücherei Heidelberg
Hilde-Domin-Saal, Poststraße 15, 69115 Heidelberg

Wir hätten da etwas zu diesem Anlass:

Hans-Erhard Lessing hat eine Abhandlung über > Das Fahrrad. Eine Kulturgeschichte verfasst und erzählt, wie das Fahrrad vor 200 Jahren weltweit eine nie gekannte Euphorie auslöste, die bis heute andauert. Das »Glück auf zwei Rädern«, das ist bis heute so geblieben, auch wenn wir mittlerweile manchmal schon still drauf sitzen, weil der Strom es nach vorne treibt. Das Fahrrad: Was für eine Erfolgsgeschichte!

Man schätzt, das etwa 12–14 Milliarden Fahrräder wurden weltweit gebaut wurden und 72 Millionen werden allein in Deutschland bewegt.

Hans-Erhard Lessing stammt aus Schwäbisch Gmünd. Er ist Physiker, Technikhistoriker und ein weltweit führender Fahrradexperten. Er machte auf den Zusammenhang zwischen der Zweiraderfindung und der Klimakatastrophe von 1816/17 aufmerksam: Hans-Erhard Lessing: What led to the invention of the early bicycle? In: Cycle History, 11, San Francisco 2000, S. 28–36.

Hans-Erhard Lessing
> Das Fahrrad. Eine Kulturgeschichte
1. Aufl. 2017, ca. 272 Seiten, gebunden, Leinenband, mit zahlreichen Abbildungen
ISBN: 978-3-608-91342-2

Lesebericht: Hans Hopf, Flüchtlingskinder gestern und heute

Donnerstag, 23. Februar 2017

hopf-fluechtlingskinderDie Erinnerung an das eigene Flüchtlingsschicksal und die psychoanalytische Betrachtung der Flüchtlingskinder heute, insbesondere der nichtbegleiteten Kinder und Jugendlichen, die bei uns auf der Suche nach Beistand und Hilfe ankommen, machen das Buch > Flüchtlingskinder gestern und heute. Eine Psychoanalyse von Hans Hopf zu einer ganz besonderen Lektüre und einer Pflichtlektüre für alle die mit Flüchtlingen zusammenkommen und besonders für alle, die meinen, ihnen mit Abneigung begegnen zu müssen. Es geht nicht darum, die Situation der Kinder inmitten der Wirren der letzten Kriegsmonate in Deutschland mit Flucht und Vertreibung mit den Traumata der heutigen Flüchtlingskinder zu vergleichen. Hopf berichtet seine Erlebnisse als Kind, Schüler und Jugendlicher, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Schicksalen von damals und heute zu erklären. Damals standen die entsprechenden psychoanalytischen Begriffe und Therapien noch gar nicht zur Verfügung. Aber den Fremdenhass, den gab es damals auch schon. Unumwunden erzählt er von seiner eigenen psychoanalytischen Behandlung, die ihm im Alter von 20 Jahren ein Verständnis für und eine Verarbeitung seiner persönlich erlittenen Traumata ermöglicht hat. Es war ein Glücksfall, dass seine Therapeuten damals ihm den Weg zu seinem Beruf als Psychotherapeut gezeigt haben, den Hopf so erfolgreich eingeschlagen hat.

Das Kriegs- und Vertriebenenkind Hans Hopf kommt mit seiner Mutter ohne Vater aus dem Sudetenland in die Nähe von Stralsund. Zwischen dem vierten und sechsten Lebensjahr ist er wohlbehütet aber getrennt von seiner Familie bei seiner Großmutter. Als schulpflichtiges Kind kommt er zu seiner Familie in eine Lager nach Nordhessen, später in die Oberrealschule nach Bamberg. Aus dem an harten Entbehrungen so gewöhntes Kind wird ein Einser-Schüler.

> Lesebericht: Karl Heinz Brisch (Hg.), Bindung und Migration

Karl Heinz Brisch (Hg.)
> Bindung und Migration
1. Aufl. 2015, 288 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94939-1

Dieses Buch hat den Untertitel „Eine Psychoanalyse“. In kurzer und sehr prägnanter Form, anhand einiger weniger exemplarischen Schicksale, erläutert der Autor hier die wesentlichen psychoanalytischen Begriffe, mit denen die Therapiebedürfnisse der zu uns geflüchteten Kinder verstanden werden können. Manche dieser Begriffe waren damals, als die Familie von Hopf aus dem Sudtenland floh, noch nicht beschrieben. Fehlentwicklungen waren bekannt, aber es fehlten die Methoden, um ihren Auswirkungen in Form von Therapien begegnen zu können. Gefahrensituationen, die Hemmung der „zentralen Ich-Funktion“ führen zu Traumata (vgl. S. 83) und posttraumatischen Belastungsstörungen. Schwierigkeiten bei der Beherrschung von Angst, Wut und sexuellen Impulsen können die Folge sein (vgl. S. 88)

Die schnelle Erlernung der deutschen Sprache, die Wohnsitzzuweisung und eine Beschäftigung müssen durch „grundlegende Regeln des Zusammenlebens in Deutschland“ (S. 100 f.) ergänzt werden. Soll eine Integration erfolgreich sein, darf keine Zeit verloren werden. En passant erwähnt Hopf das Zusammengehörigkeitsgefühl (nach Mario Erdheim) als wichtige Komponente der Integration. (vgl. S. 108)

Traumatisierungen sind fundamentale Bindungsstörungen, deren Symptome auf keinen Fall mit Ritalin behandelt werden dürfen. Es geht nicht darum, die Kinder ruhigzustellen, sondern sie anzuhören und sie zu verstehen. (vgl. S. 111)

Jede pädagogische und psychotherapeutische Maßnahme glückt umso eher, wenn die Eltern eingebunden sind. (vgl. S. 120) Flüchtlingskindern zu helfen, das verlangt viele auf sich abgestimmte Maßnahmen. (S. 121)

Mit der eigenen Traumageschichte erklärt Hopf die Begriffe, mit denen Traumata erkannt und behandelt werden können: Ein Trauma verbunden mit Todesangst hat gravierende Konsequenzen: Der Reizschutz des Individuums wird durchbrochen.“ (S. 126) Depressive Störungen sind die Folge. Dissoziation (S. 133), die Gefahr des Wiedererlebens (Triggern), die Derealisation (S. 134), Hyperarousal oder Flashbacks (S. 135) sind weitere Symptome. Trifft das traumatisierte Kind auf eine vertrauenswürdige neue Bezugsperson, das es als „seelischen Container“ (S. 146) nutzen darf, ist Aussicht auf Besserung in Sicht.

> Nachgefragt: Hans Hopf, Die Psychologie des Jungen – 9. Mai 2014 von Heiner Wittmann

Das durch die eigene Erfahrung geschärfte Bewusstsein für die psychischen Probleme der Jungen ist für Hopf die Grundlage für das Kapitel „Väter, Männer und Jungen“ (S. 169-186). Danach erläutert er die Stellung des Jungen in den muslimischen Familien. „Prävention und Psychotherapie“ lautet die Überschrift des Kapitels, das den Bericht von Amal „Das schwarze Leben“ aus Somalia enthält.

www.france-blog.info:
> Bericht von Frau Annegret Kramp-Karrenbauer und Herrn Jean-Marc Ayrault zur Förderung der Integration in unseren Gesellschaften

„Das Virus der Fremdenfeindlichkeit“ lautet die Überschrift des letzten Kapitels, das die Fremdenfeindlichkeit auch als eine Art der Persönlichkeitsstörung (vgl. S. 221 f.) deutet.

In einer konzisen Form stellt Hans Hopf hier die Begriffe Methoden der heutigen Psychotherapie vor, mit denen die erlittenen Traumata und Ängste der Flüchtlingskinder, die hilfesuchend zu uns kommen, behandelt werden können. Die Kürze dieses Buches kontrastiert mit der Nachhaltigkeit, mit der Hopf es versteht, uns allen Begriffe und Überzeugungen an die Hand zu geben, mit denen wir vielen Formen von aufkeimenden Fremdenhass begegnen können. In der Masse handelt der Mensch auch häufig anders als er es eigentlich vor hat. (vgl. S. 75) Zuerst sprachen wir von einer Willkommenskultur und unsere Politiker haben es 2016 versäumt, diesen Begriff zu interpretieren und zu vermitteln, heute werden unsere Medien von dem Wort „Abschiebung“ beherrscht. Es wird Zeit, dass die Akteure dieses Geschehens das Buch von Hans Hopf lesen.

Hans Hopf,
> Flüchtlingskinder gestern und heute. Eine Psychoanalyse
1. Aufl. 2017, 237 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-96097-6

Lesebericht: Merkur 813

Donnerstag, 9. Februar 2017

merkur-813 Gestern war unser Blog im Zug unterwegs, eine gute Gelegenheit, die neue Ausgabe des > MERKUR 813 Februar 2017 zu lesen:

Martin Sabrow mit untersucht die verschiedenen Formen des Erinnerns, u.a. auch an den Holocaust: ist da manchmal die Hoffnung im Spiel Vergegenwärtigung könne von der Vergangenheit erlösen? Zum Stichwort Erinnerungskultur sollte hier auch die Zeremonie auf dem Hartmannsweilerkopf – > Hartmannsweilerkopf: Staatspräsident Hollande und Bundespräsident Gauck gedenken der Opfer des Ersten Weltkriegs – genannt werden, wo auf dem dortigen Soldatenfriedhof, Frankreich und Deutschland zusammen ein > Historial , ein gemeinsames Museum bauen, zu dem Präsident François Hollande und Bundespräsident Joachim Gauck am 3. August 2014 den Grundstein gelegt haben:

gauck-hollande-3-8-2016-c-h-wittmann

© Heiner Wittmann, 2014.

Gerade hat unser Kollege mit dem Frankreich-Blog > Pedro Kadivar interviewt, der wegen Heiner Müller von Paris nach Berlin gezogen ist und dort (perfekt!) Deutsch gelernt hat. Da passt es gut, dass wir jetzt den Beitrag von Dirk Baecker über Heiner Müllers »Kunst, die Wirklichkeit unmöglich zu machen« lesen. Der erste Satz ist ein Zitat von Heiner Müller: „Und die Funktion von Kunst besteht für mich darin, die Wirklichkeit unmöglich zu machen – die Wirklichkeit, in der ich leben, die ich kenne.“ (S. 16) Baecker hat eine klug Diskussion dieses Satzes verfasst, einen richtigen Essai, der die Frage von allen Seiten beleuchtet und dessen Ergebnis ein Statement (S. 28) ist, das zu neuen Diskussionen anregt. Und Werner Plumpe denkt über Romantische Fiktionen nach und spricht über den Traum von der Welt ohne Geld. Man hätte etwas anderes, oder würde jeglichen Tausch einstellen. Mit seinem Aufsatz legt Plumpe eine interessanten Überblick der aktuellen Literatur zu diesem Thema vor. Christoph Menke schreibt in der Philosophiekolumne über „Kritik und Apologie des Theaters“.

Die Medienkolumne von Matthias Dell „Talkshowrhetorik, Medienkritik und ‚besorgte Bürger‘ vor pegida“ nimmt sich längst überfällig die desolaten Talkskhows vor, „die ideale()n Bühnen für Rechtspopulisten“ (S. 54) deren traurige Inhalt Tags drauf sogar eine Nachricht wert sind. Ulrike Jureit hat zwei Gesamtdarstellungen zur NS-Geschichte von Nikolaus Wachsmann und Timothy Snyder gelesen. Eine lokale Studie zur Geschichte des Kredits im 19. Jahrhundert in der Schweiz findet Catherine Davies äußerst lesenswert. Jörg Ostermeyer findet die Naziverstrickungen des Euthanasie-Arztes merkur-813Werner Catel genauso mies wie die Haltung seines eigenen Lehrers Paul Heintzen zu Catel, seinem einstigen Lehrer. Gerhard Drekonja-Kornat findet es zu Recht genauso mies, dass zwei Migranten in ihre Nazivorgeschichte immer verheimlicht haben. Andreas Dorschel kritisiert die“ Verstocktheit der Ungläubigen“. Reinhard Brandt erinnert uns an die Aufklärung. Harry Walter sieht in einer Fotoschachtel eine Quasi-Skulptur.

> MERKUR

Lesebericht: Josiah Ober, Das antike Griechenland. Eine neue Geschichte

Dienstag, 31. Januar 2017

ober-antike-grichenland-110Der Band von Josiah Ober > Das antike Griechenland. Eine neue Geschichte, von Martin Bayer und Karin Schuler übersetzt, ist ein außergewöhnliches historisches Werk. Es beeindruckt durch die Präzision seine Methode, die der Autor in allen Einzelheiten erklärt. Und es ist in gewisser Weise auch Lehrbuch für die heutige Politikwissenschaft, weil der Autor den Zusammenhang von Demokratie und Wachstum in einem föderalen Staatenbund unter Berücksichtigung aller Dimensionen untersucht.

Wie kam es dazu, dass mehrere Jahrhunderte lang, Demokratie und Wachstum im klassischen Griechenland für die Bürger „normal waren“ (S. 9)? Das ist die Leitfrage dieses Buches. Fragen des Autors wie „Mit welcher Wahrscheinlichkeit können sich Demokratie plus Wohlstand als ebenso gängig wie normal etablieren?“ (S. 11) machen die Lehren dieses Buches auch für die heutige Zeit aktuell.

Ober hat eine spannende Geschichte der Wirtschaft und der Strukturen des klassischen Griechenlands vorgelegt. Beeindruckend, wie er mit seinen Quellen umgeht, sie offenlegt und welche Schlussfolgerungen er daraus zieht. Zuerst erklärt Ober, warum die Ausnahmestellung des klassischen Griechenlands so rätselhaft ist. Die folgenden drei Kapitel beschreiben die „dezentralisierte Ökologie aus Hunderten kleiner Staaten“ (S. 18) – ober-antike-grichenland-11045 Regionen der griechischen Welt: S. 20 f. – und versuchen eine Deutung, wie sich in ihnen eine Zusammenarbeit „ohne zentrale Führungsinstanz“ herausbilden konnte. Das erinnert an moderne Schwarmtheorien kollektiver Intelligenz, aber Ober zeigt doch noch viele weitere Faktoren, die über dieses uns heute geläufige und bestaunte Erklärungsmuster hinausgehen. Interessant ist der Hinweis auf S. 101 auf Platons (-428/-427, -348/-347 )“Politeia“, der den „Mythos der Metalle“ einführte, das auf die Seele aus Gold oder Silber hinweist, wodurch die Loyalität der Einwohner gegenüber einer Zentralmacht gesichert werden sollte.

Das Kapitel 5 nennt die wichtigsten Faktoren des beeindruckende Wachstums dieses Staatenbundes: die Formulierung gerechter Regeln und Individuen und Staaten, die zu einander in Konkurrenz treten und für institutionelle und technische Innovation sorgen. Dann folgen drei Kapitel, die die Entwicklung der bürgerzentrierten Politik und das Wirtschaftswachstum von Homer (ca um 750 v. Chr.) bis Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) in den Blick nehmen, dabei werden die Vorteile der „dezentralen griechischen Sozialökologie“ deutlich. Im Kapitel 10 geht es um den Niedergang Griechenlands, den Philipp und Alexander von Makedonien vorantrieben. Kapitel 11 zieht ein Resümee und erklärt, wieso trotz der Bedrohungen von außen die Polis-Ökologie sich so erstaunlich lange als widerstandsfähig erweisen konnte.

Betrachtet man die Grafik S. 26 mit dem Entwicklungsindex für das griechische Kernland von -1300 bis 1900 fallen die Jahre 500 – 200 v. Chr. durch ihr außergewöhnliches Wachstum auf. Die Zahlen dazu liegen hier > polis.stanford.edu vor. Ober nutzt auch das Inventory of Archaic and Classical Greek Polis, das der Däne Morgens H. Hansen zusammengestellt hat: Es beschreibt 1035 grieichische Stadtstaaten in 45 Regionen zwischen dem 8. Jh. und dem späten 4. vorchristlichen Jh.: „Kleine Staaten, verteilte Autorität“. Ober fragt, „Wie konnte ein Kleinstaatensystem wie das griechische überleben, wenn es doch immer wieder von einem großen, gut organisierten und aggressiven Imperium wie das Achämenidenreich bedroht wurde?“ Die Antwort: „Spezialisierung, Innovation, kreative Zerstörung“ (S. 37-41). Ober entleiht den Begriff „kreative Zerstörung“
bei Joseph Schumpeter, der damit den reformerisch wertvollen Kreislauf von Innovationen bezeichnete. Als der Wissenstransfer den Gegnern dieses Staatenbundes zunutze kam, war es um das stabile Wachstum geschehen. Die Geschichte ist natürlich viel komplizierter. Aber Ober zeigt wie der Export von militärischen und finanziellem Fachwissen z. B. in Makedonien gerne aufgenommen wurde. (vgl. S. 47).

ober-antike-grichenland-110Kapitel 2 „Ameisen um einen Teich. Eine Stadtstaaten-Ökologie“ und Kapitel 3 „Politische Lebewesen. Eine Theorie der dezentralisierten Zusammenarbeit“ sind auch Reflexionen über den Aufbau und Struktur moderner Organisationsformen. Ober stützt sich in diesen Kapitel auf die Werke Aristoteles, der auch Naturforscher war. Besonders spannend ist hier der Vergleich der Werke von Hobbes (1588-1679) mit denen von Aristoteles. (S. 98-102) Aber auch Ober erkennt „Grenzen der Vergleichbarkeit: „Ameisen und Griechen“ (S. 108-110).

Ein eigenes Buch in diesem Buch: „Hellas war Reich“. Eine Blüte in Zahlen“ S. 115-154. Dann folgt eine Betrachtung über die Gründe für den Reichtum Griechenlands: „Faire Regeln und Wettbewerb“ S: 155 ff.: „Bürgerzentrierte Regeln und Normen begünstigen relativ offene Märkte, ermöglichen den ständigen Informationsaustausch“ unter vielen unterschiedlichen Menschen und förderten dadurch kontinulierlich Innovationen und Wissen,“ Mr. Trump. Bemerkenswert, wie hier immer wieder das Wissen im Vordergrund steht und nicht nur der Warenaustausch. Soviel dazu, wenn heute immer von der Wissensgesellschaft geschwärmt wird. Und das Kapitel ist auch eine Mahnung an die EU. Das nächste Kapitel „Bürger und Spezialisierung vor 500 v. Chr. ergänzt diese Ausführungen.

Kapitel 7 nimmt wieder den Faden der politischen Entwicklung wieder auf: „Von der Tyrannis zur Demokratie, 550-465 v. Chr.“, S. 229 ff., gefolgt vom „Goldenen Zeitalter des Imperialismus, 487-404 v. Chr., S. 273 ff. und Unordnung und Wachstum 403-340 v. Chr., S.317 ff. Mit dem politischen Niedergang 359-334 v. Chr. kam auch das Ende der Klassischen Zeit S. 367 ff. Aber: „immortal, though nor more! though fallen, great“ Byron 1812 steht über dem Kapitel 11 „Schöpferische Zerstörung und Unsterblichkeit“ S. 407 ff. Griechenland als der früheste Fall von Demokratie plus Wirtschaftsaufschwung hatte Langzeitwirkung. (vg. S. 409) Viele Stadtstaaten behielten bis zum 2. Jh. v. Chr. demokratische Ordnung.

Dieses Buch gehört in die Reihe der vielen Bücher auf dem > historischen Regal bei Klett-Cotta, die u.a. auch Studenten historisches Orientierungswissen anbieten. In diesem Sinne ist dieser Band eine Pflichtlektüre für angehende Historiker.

ober-antike-grichenland-110
Josiah Ober
> Das antike Griechenland. Eine neue Geschichte
Aus dem amerikanischen Englisch von Martin Bayer und Karin Schuler (Orig.:The Rise and Fall of Classical Greece)
1. Aufl. 2016, 559 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit zahlreichen Karten, Graphiken, Lesebändchen
ISBN: 978-3-608-94928-5

Nachgefragt: Kris van Steenberge, Verlangen

Dienstag, 25. Oktober 2016

steenberge-verlangen

Elisabeth, die Tochter des Schmieds, sehnt sich danach, ihrem Heimatdorf Woesten zu entkommen. Sie versucht, sich Bildung anzueignen und heiratet den jungen Arzt Guillaume Duponselle. Als kurz darauf Zwillinge zur Welt kommen, ist der Zweitgeborene so entstellt, dass der Vater sich weigert, ihm einen Namen zu geben. Doch Namenlos überlebt, wird verachtet und weiß durch seine Beobachtungsgabe über alle mehr, als sie über sich selbst. > Bitte Weiterlesen

Erst der Lesebericht, dann ein > Videointerview, das hier unter Nachgefragt… angezeigt wird. Das ist unsere Blogregel.

Drei Themen gab es für uns nach der Lektüre dieses spannenden Buches: Die Entwicklung der Charaktere, die Erzähltechnik und der historische Hintergrund. ALle drei Themen haben wir in dem Interview untersucht:

Kris van Steenberge
> Verlangen. Roman
Klett-Cotta Roman aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert (Orig.:Woesten)
1. Aufl. 2016, 438 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98034-9

Aufgeschlagen: Gerhard Schweizer, Islam verstehen

Mittwoch, 27. Juli 2016

> Vortrag und Diskussion: Gerhard Schweizer, Syrien verstehen und 2 x Nachgefragt… 24. Februar 2017

schweizer-islam-verstehenGerade neu erschienen: Gerhard Schweizer, > Islam verstehen. Geschichte, Kultur und Politik; Der Titel dieses Buches ist klar und präzise. Hier werden Fakten zum Verständnis des Islams angeboten.

Abu Bakr al-Baghdadi, das Oberhaupt der Terror-Organisation »Islamischer Staat« rief 2014 den Dschihad den „heiligen Krieg“ gegen die „Ungläubigen“ in aller Welt aus.

Im 7. Jh. eroberten arabische Muslime in kurzer Zeit Nordafrika und weite Teile Asiens. Türkische Muslime kamen seit dem 11. Jahrhundert siegreich nach Anatolien, 1453 eroberten sie Konstantinopel und standen 1529 und 1683 vor Wien, um ihre Eroberungen bis weit nach Europa hinein auszudehnen.

„Der Blick auf die islamische Welt von heute..,: Von Libyen über Syrien, Irak und Jemen bis Afghanistan und Pakistan gibt es etliche politisch, kulturell und sozial zerrissene Staaten. Mehr noch: Die konfessionellen Gegensätze zwischen Sunniten und Schiiten gewinnen an Schärfe, soziale Konflikte entwickeln sich verstärkt entlang der religiösen Grenzlinien, nicht minder die
politischen Rivalitäten.“ S. 15

Schweizer beschreibt die Terror-Organisation wie der „Islamische Staat“ als ein Symptom einer Krise: Ihre „Glaubenskämpfer“ trügen dazu bei, „die islamische Welt in unversöhnliche Fronten von »Gläubigen« und »Ungläubigen« zu spalten.“ Aber, so Schweizer, „die Mehrheit der Muslime fürchtet das proklamierte Kalifat des „Islamischen Staates“, lehnt es vehement ab, ja verachtet dessen religiös- politische Anmaßung. Entsprechend instabil ist die Tyrannei derartiger »Glaubenskämpfer«, entsprechend geschwächt ist die islamische Welt insgesamt.“

Nur durch Wissen kann man die dramatischen Entwicklungen im Nahen Osten übersehen und einschätzen. Schweizer kann sich vorstellen, das die Terrororganisation in ihrer Bedeuung wieder abnehmen, gar verschwinden wird: „Aber diese Organisation bildet ein exemplarisches Beispiel einer tiefergehenden
Krise der islamischen Welt, und dieser Aspekt macht sie über die momentan auffällige Wirkung hinaus interessant. Es gilt die religiösen, kulturellen und politischen Zustände zu analysieren, die eine solche Radikalisierung erst ermöglichen.“ S. 16

Natürlich kann man den Islam nicht mit den kriminellen Auswüchsen des „IS“ erklären. Liest man Schweizer, so befindet dich der „IS“ auch in einem Kampf nach innen um das die ihm bevorzugte Interpretation des Islams, die er zu seiner eigenen Herrschaftssicherung missbraucht:. „Im vorliegenden Buch versuche ich zu zeigen, dass „Islam“ für viele Hundert Millionen Gläubige etwas völlig anderes bedeutet als das, was radikale Splittergruppen als den „wahren Glauben“ und die einzig richtige Gesellschaftsform propagieren. Die islamische Welt weist ähnliche vielschichtige Varianten von Religion, Kultur und Gesellschaft auf wie das christlich geprägte Abendland – auch eine ähnliche Ambivalenz. Die Neigung zu Gewalt und Intoleranz findet sich gleichermaßen hier wie dort, ebenso die Tendenz zu Weltoffenheit und die Fähigkeit zur Modernisierung erstarrter traditioneller Strukturen.“ S. 21

„Was ist Islam? Wie schon angedeutet: Den Islam gibt es nicht. Feindbilder orientieren sich überwiegend an Klischees, die alle historisch bedingten Gegensätze, alle Vielfalt negieren. Solche Feindbilder von westlicher Seite entsprechen in der Struktur völlig denen von islamischer Seite. Hier wie dort droht gleichermaßen die Gefahr, das unbekannte Fremde zu dämonisieren.“ S. 21

schweizer-islam-verstehen

Gerhard Schweizer
> Islam verstehen

1. Aufl. 2016, 610 Seiten, broschiert, mit Register
ISBN: 978-3-608-98100-1

Vom selben Autor:

Gerhard Schweizer,
> Syrien verstehen Geschichte, Gesellschaft und Religion
2. Aufl. 2015, 503 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-608-94908-7

> Lesebericht: Gerhard Schweizer, Syrien verstehen – 23. Februar 2016 von Heiner Wittmann

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