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Archiv für die Kategorie 'Geschichte'

Lesebericht: Hans Hopf, Flüchtlingskinder gestern und heute

Donnerstag, 23. Februar 2017

hopf-fluechtlingskinderDie Erinnerung an das eigene Flüchtlingsschicksal und die psychoanalytische Betrachtung der Flüchtlingskinder heute, insbesondere der nichtbegleiteten Kinder und Jugendlichen, die bei uns auf der Suche nach Beistand und Hilfe ankommen, machen das Buch > Flüchtlingskinder gestern und heute. Eine Psychoanalyse von Hans Hopf zu einer ganz besonderen Lektüre und einer Pflichtlektüre für alle die mit Flüchtlingen zusammenkommen und besonders für alle, die meinen, ihnen mit Abneigung begegnen zu müssen. Es geht nicht darum, die Situation der Kinder inmitten der Wirren der letzten Kriegsmonate in Deutschland mit Flucht und Vertreibung mit den Traumata der heutigen Flüchtlingskinder zu vergleichen. Hopf berichtet seine Erlebnisse als Kind, Schüler und Jugendlicher, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Schicksalen von damals und heute zu erklären. Damals standen die entsprechenden psychoanalytischen Begriffe und Therapien noch gar nicht zur Verfügung. Aber den Fremdenhass, den gab es damals auch schon. Unumwunden erzählt er von seiner eigenen psychoanalytischen Behandlung, die ihm im Alter von 20 Jahren ein Verständnis für und eine Verarbeitung seiner persönlich erlittenen Traumata ermöglicht hat. Es war ein Glücksfall, dass seine Therapeuten damals ihm den Weg zu seinem Beruf als Psychotherapeut gezeigt haben, den Hopf so erfolgreich eingeschlagen hat.

Das Kriegs- und Vertriebenenkind Hans Hopf kommt mit seiner Mutter ohne Vater aus dem Sudetenland in die Nähe von Stralsund. Zwischen dem vierten und sechsten Lebensjahr ist er wohlbehütet aber getrennt von seiner Familie bei seiner Großmutter. Als schulpflichtiges Kind kommt er zu seiner Familie in eine Lager nach Nordhessen, später in die Oberrealschule nach Bamberg. Aus dem an harten Entbehrungen so gewöhntes Kind wird ein Einser-Schüler.

> Lesebericht: Karl Heinz Brisch (Hg.), Bindung und Migration

Karl Heinz Brisch (Hg.)
> Bindung und Migration
1. Aufl. 2015, 288 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94939-1

Dieses Buch hat den Untertitel „Eine Psychoanalyse“. In kurzer und sehr prägnanter Form, anhand einiger weniger exemplarischen Schicksale, erläutert der Autor hier die wesentlichen psychoanalytischen Begriffe, mit denen die Therapiebedürfnisse der zu uns geflüchteten Kinder verstanden werden können. Manche dieser Begriffe waren damals, als die Familie von Hopf aus dem Sudtenland floh, noch nicht beschrieben. Fehlentwicklungen waren bekannt, aber es fehlten die Methoden, um ihren Auswirkungen in Form von Therapien begegnen zu können. Gefahrensituationen, die Hemmung der „zentralen Ich-Funktion“ führen zu Traumata (vgl. S. 83) und posttraumatischen Belastungsstörungen. Schwierigkeiten bei der Beherrschung von Angst, Wut und sexuellen Impulsen können die Folge sein (vgl. S. 88)

Die schnelle Erlernung der deutschen Sprache, die Wohnsitzzuweisung und eine Beschäftigung müssen durch „grundlegende Regeln des Zusammenlebens in Deutschland“ (S. 100 f.) ergänzt werden. Soll eine Integration erfolgreich sein, darf keine Zeit verloren werden. En passant erwähnt Hopf das Zusammengehörigkeitsgefühl (nach Mario Erdheim) als wichtige Komponente der Integration. (vgl. S. 108)

Traumatisierungen sind fundamentale Bindungsstörungen, deren Symptome auf keinen Fall mit Ritalin behandelt werden dürfen. Es geht nicht darum, die Kinder ruhigzustellen, sondern sie anzuhören und sie zu verstehen. (vgl. S. 111)

Jede pädagogische und psychotherapeutische Maßnahme glückt umso eher, wenn die Eltern eingebunden sind. (vgl. S. 120) Flüchtlingskindern zu helfen, das verlangt viele auf sich abgestimmte Maßnahmen. (S. 121)

Mit der eigenen Traumageschichte erklärt Hopf die Begriffe, mit denen Traumata erkannt und behandelt werden können: Ein Trauma verbunden mit Todesangst hat gravierende Konsequenzen: Der Reizschutz des Individuums wird durchbrochen.“ (S. 126) Depressive Störungen sind die Folge. Dissoziation (S. 133), die Gefahr des Wiedererlebens (Triggern), die Derealisation (S. 134), Hyperarousal oder Flashbacks (S. 135) sind weitere Symptome. Trifft das traumatisierte Kind auf eine vertrauenswürdige neue Bezugsperson, das es als „seelischen Container“ (S. 146) nutzen darf, ist Aussicht auf Besserung in Sicht.

> Nachgefragt: Hans Hopf, Die Psychologie des Jungen – 9. Mai 2014 von Heiner Wittmann

Das durch die eigene Erfahrung geschärfte Bewusstsein für die psychischen Probleme der Jungen ist für Hopf die Grundlage für das Kapitel „Väter, Männer und Jungen“ (S. 169-186). Danach erläutert er die Stellung des Jungen in den muslimischen Familien. „Prävention und Psychotherapie“ lautet die Überschrift des Kapitels, das den Bericht von Amal „Das schwarze Leben“ aus Somalia enthält.

www.france-blog.info:
> Bericht von Frau Annegret Kramp-Karrenbauer und Herrn Jean-Marc Ayrault zur Förderung der Integration in unseren Gesellschaften

„Das Virus der Fremdenfeindlichkeit“ lautet die Überschrift des letzten Kapitels, das die Fremdenfeindlichkeit auch als eine Art der Persönlichkeitsstörung (vgl. S. 221 f.) deutet.

In einer konzisen Form stellt Hans Hopf hier die Begriffe Methoden der heutigen Psychotherapie vor, mit denen die erlittenen Traumata und Ängste der Flüchtlingskinder, die hilfesuchend zu uns kommen, behandelt werden können. Die Kürze dieses Buches kontrastiert mit der Nachhaltigkeit, mit der Hopf es versteht, uns allen Begriffe und Überzeugungen an die Hand zu geben, mit denen wir vielen Formen von aufkeimenden Fremdenhass begegnen können. In der Masse handelt der Mensch auch häufig anders als er es eigentlich vor hat. (vgl. S. 75) Zuerst sprachen wir von einer Willkommenskultur und unsere Politiker haben es 2016 versäumt, diesen Begriff zu interpretieren und zu vermitteln, heute werden unsere Medien von dem Wort „Abschiebung“ beherrscht. Es wird Zeit, dass die Akteure dieses Geschehens das Buch von Hans Hopf lesen.

Hans Hopf,
> Flüchtlingskinder gestern und heute. Eine Psychoanalyse
1. Aufl. 2017, 237 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-96097-6

Lesebericht: Merkur 813

Donnerstag, 9. Februar 2017

merkur-813 Gestern war unser Blog im Zug unterwegs, eine gute Gelegenheit, die neue Ausgabe des > MERKUR 813 Februar 2017 zu lesen:

Martin Sabrow mit untersucht die verschiedenen Formen des Erinnerns, u.a. auch an den Holocaust: ist da manchmal die Hoffnung im Spiel Vergegenwärtigung könne von der Vergangenheit erlösen? Zum Stichwort Erinnerungskultur sollte hier auch die Zeremonie auf dem Hartmannsweilerkopf – > Hartmannsweilerkopf: Staatspräsident Hollande und Bundespräsident Gauck gedenken der Opfer des Ersten Weltkriegs – genannt werden, wo auf dem dortigen Soldatenfriedhof, Frankreich und Deutschland zusammen ein > Historial , ein gemeinsames Museum bauen, zu dem Präsident François Hollande und Bundespräsident Joachim Gauck am 3. August 2014 den Grundstein gelegt haben:

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© Heiner Wittmann, 2014.

Gerade hat unser Kollege mit dem Frankreich-Blog > Pedro Kadivar interviewt, der wegen Heiner Müller von Paris nach Berlin gezogen ist und dort (perfekt!) Deutsch gelernt hat. Da passt es gut, dass wir jetzt den Beitrag von Dirk Baecker über Heiner Müllers »Kunst, die Wirklichkeit unmöglich zu machen« lesen. Der erste Satz ist ein Zitat von Heiner Müller: „Und die Funktion von Kunst besteht für mich darin, die Wirklichkeit unmöglich zu machen – die Wirklichkeit, in der ich leben, die ich kenne.“ (S. 16) Baecker hat eine klug Diskussion dieses Satzes verfasst, einen richtigen Essai, der die Frage von allen Seiten beleuchtet und dessen Ergebnis ein Statement (S. 28) ist, das zu neuen Diskussionen anregt. Und Werner Plumpe denkt über Romantische Fiktionen nach und spricht über den Traum von der Welt ohne Geld. Man hätte etwas anderes, oder würde jeglichen Tausch einstellen. Mit seinem Aufsatz legt Plumpe eine interessanten Überblick der aktuellen Literatur zu diesem Thema vor. Christoph Menke schreibt in der Philosophiekolumne über „Kritik und Apologie des Theaters“.

Die Medienkolumne von Matthias Dell „Talkshowrhetorik, Medienkritik und ‚besorgte Bürger‘ vor pegida“ nimmt sich längst überfällig die desolaten Talkskhows vor, „die ideale()n Bühnen für Rechtspopulisten“ (S. 54) deren traurige Inhalt Tags drauf sogar eine Nachricht wert sind. Ulrike Jureit hat zwei Gesamtdarstellungen zur NS-Geschichte von Nikolaus Wachsmann und Timothy Snyder gelesen. Eine lokale Studie zur Geschichte des Kredits im 19. Jahrhundert in der Schweiz findet Catherine Davies äußerst lesenswert. Jörg Ostermeyer findet die Naziverstrickungen des Euthanasie-Arztes merkur-813Werner Catel genauso mies wie die Haltung seines eigenen Lehrers Paul Heintzen zu Catel, seinem einstigen Lehrer. Gerhard Drekonja-Kornat findet es zu Recht genauso mies, dass zwei Migranten in ihre Nazivorgeschichte immer verheimlicht haben. Andreas Dorschel kritisiert die“ Verstocktheit der Ungläubigen“. Reinhard Brandt erinnert uns an die Aufklärung. Harry Walter sieht in einer Fotoschachtel eine Quasi-Skulptur.

> MERKUR

Lesebericht: Josiah Ober, Das antike Griechenland. Eine neue Geschichte

Dienstag, 31. Januar 2017

ober-antike-grichenland-110Der Band von Josiah Ober > Das antike Griechenland. Eine neue Geschichte, von Martin Bayer und Karin Schuler übersetzt, ist ein außergewöhnliches historisches Werk. Es beeindruckt durch die Präzision seine Methode, die der Autor in allen Einzelheiten erklärt. Und es ist in gewisser Weise auch Lehrbuch für die heutige Politikwissenschaft, weil der Autor den Zusammenhang von Demokratie und Wachstum in einem föderalen Staatenbund unter Berücksichtigung aller Dimensionen untersucht.

Wie kam es dazu, dass mehrere Jahrhunderte lang, Demokratie und Wachstum im klassischen Griechenland für die Bürger „normal waren“ (S. 9)? Das ist die Leitfrage dieses Buches. Fragen des Autors wie „Mit welcher Wahrscheinlichkeit können sich Demokratie plus Wohlstand als ebenso gängig wie normal etablieren?“ (S. 11) machen die Lehren dieses Buches auch für die heutige Zeit aktuell.

Ober hat eine spannende Geschichte der Wirtschaft und der Strukturen des klassischen Griechenlands vorgelegt. Beeindruckend, wie er mit seinen Quellen umgeht, sie offenlegt und welche Schlussfolgerungen er daraus zieht. Zuerst erklärt Ober, warum die Ausnahmestellung des klassischen Griechenlands so rätselhaft ist. Die folgenden drei Kapitel beschreiben die „dezentralisierte Ökologie aus Hunderten kleiner Staaten“ (S. 18) – ober-antike-grichenland-11045 Regionen der griechischen Welt: S. 20 f. – und versuchen eine Deutung, wie sich in ihnen eine Zusammenarbeit „ohne zentrale Führungsinstanz“ herausbilden konnte. Das erinnert an moderne Schwarmtheorien kollektiver Intelligenz, aber Ober zeigt doch noch viele weitere Faktoren, die über dieses uns heute geläufige und bestaunte Erklärungsmuster hinausgehen. Interessant ist der Hinweis auf S. 101 auf Platons (-428/-427, -348/-347 )“Politeia“, der den „Mythos der Metalle“ einführte, das auf die Seele aus Gold oder Silber hinweist, wodurch die Loyalität der Einwohner gegenüber einer Zentralmacht gesichert werden sollte.

Das Kapitel 5 nennt die wichtigsten Faktoren des beeindruckende Wachstums dieses Staatenbundes: die Formulierung gerechter Regeln und Individuen und Staaten, die zu einander in Konkurrenz treten und für institutionelle und technische Innovation sorgen. Dann folgen drei Kapitel, die die Entwicklung der bürgerzentrierten Politik und das Wirtschaftswachstum von Homer (ca um 750 v. Chr.) bis Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) in den Blick nehmen, dabei werden die Vorteile der „dezentralen griechischen Sozialökologie“ deutlich. Im Kapitel 10 geht es um den Niedergang Griechenlands, den Philipp und Alexander von Makedonien vorantrieben. Kapitel 11 zieht ein Resümee und erklärt, wieso trotz der Bedrohungen von außen die Polis-Ökologie sich so erstaunlich lange als widerstandsfähig erweisen konnte.

Betrachtet man die Grafik S. 26 mit dem Entwicklungsindex für das griechische Kernland von -1300 bis 1900 fallen die Jahre 500 – 200 v. Chr. durch ihr außergewöhnliches Wachstum auf. Die Zahlen dazu liegen hier > polis.stanford.edu vor. Ober nutzt auch das Inventory of Archaic and Classical Greek Polis, das der Däne Morgens H. Hansen zusammengestellt hat: Es beschreibt 1035 grieichische Stadtstaaten in 45 Regionen zwischen dem 8. Jh. und dem späten 4. vorchristlichen Jh.: „Kleine Staaten, verteilte Autorität“. Ober fragt, „Wie konnte ein Kleinstaatensystem wie das griechische überleben, wenn es doch immer wieder von einem großen, gut organisierten und aggressiven Imperium wie das Achämenidenreich bedroht wurde?“ Die Antwort: „Spezialisierung, Innovation, kreative Zerstörung“ (S. 37-41). Ober entleiht den Begriff „kreative Zerstörung“
bei Joseph Schumpeter, der damit den reformerisch wertvollen Kreislauf von Innovationen bezeichnete. Als der Wissenstransfer den Gegnern dieses Staatenbundes zunutze kam, war es um das stabile Wachstum geschehen. Die Geschichte ist natürlich viel komplizierter. Aber Ober zeigt wie der Export von militärischen und finanziellem Fachwissen z. B. in Makedonien gerne aufgenommen wurde. (vgl. S. 47).

ober-antike-grichenland-110Kapitel 2 „Ameisen um einen Teich. Eine Stadtstaaten-Ökologie“ und Kapitel 3 „Politische Lebewesen. Eine Theorie der dezentralisierten Zusammenarbeit“ sind auch Reflexionen über den Aufbau und Struktur moderner Organisationsformen. Ober stützt sich in diesen Kapitel auf die Werke Aristoteles, der auch Naturforscher war. Besonders spannend ist hier der Vergleich der Werke von Hobbes (1588-1679) mit denen von Aristoteles. (S. 98-102) Aber auch Ober erkennt „Grenzen der Vergleichbarkeit: „Ameisen und Griechen“ (S. 108-110).

Ein eigenes Buch in diesem Buch: „Hellas war Reich“. Eine Blüte in Zahlen“ S. 115-154. Dann folgt eine Betrachtung über die Gründe für den Reichtum Griechenlands: „Faire Regeln und Wettbewerb“ S: 155 ff.: „Bürgerzentrierte Regeln und Normen begünstigen relativ offene Märkte, ermöglichen den ständigen Informationsaustausch“ unter vielen unterschiedlichen Menschen und förderten dadurch kontinulierlich Innovationen und Wissen,“ Mr. Trump. Bemerkenswert, wie hier immer wieder das Wissen im Vordergrund steht und nicht nur der Warenaustausch. Soviel dazu, wenn heute immer von der Wissensgesellschaft geschwärmt wird. Und das Kapitel ist auch eine Mahnung an die EU. Das nächste Kapitel „Bürger und Spezialisierung vor 500 v. Chr. ergänzt diese Ausführungen.

Kapitel 7 nimmt wieder den Faden der politischen Entwicklung wieder auf: „Von der Tyrannis zur Demokratie, 550-465 v. Chr.“, S. 229 ff., gefolgt vom „Goldenen Zeitalter des Imperialismus, 487-404 v. Chr., S. 273 ff. und Unordnung und Wachstum 403-340 v. Chr., S.317 ff. Mit dem politischen Niedergang 359-334 v. Chr. kam auch das Ende der Klassischen Zeit S. 367 ff. Aber: „immortal, though nor more! though fallen, great“ Byron 1812 steht über dem Kapitel 11 „Schöpferische Zerstörung und Unsterblichkeit“ S. 407 ff. Griechenland als der früheste Fall von Demokratie plus Wirtschaftsaufschwung hatte Langzeitwirkung. (vg. S. 409) Viele Stadtstaaten behielten bis zum 2. Jh. v. Chr. demokratische Ordnung.

Dieses Buch gehört in die Reihe der vielen Bücher auf dem > historischen Regal bei Klett-Cotta, die u.a. auch Studenten historisches Orientierungswissen anbieten. In diesem Sinne ist dieser Band eine Pflichtlektüre für angehende Historiker.

ober-antike-grichenland-110
Josiah Ober
> Das antike Griechenland. Eine neue Geschichte
Aus dem amerikanischen Englisch von Martin Bayer und Karin Schuler (Orig.:The Rise and Fall of Classical Greece)
1. Aufl. 2016, 559 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit zahlreichen Karten, Graphiken, Lesebändchen
ISBN: 978-3-608-94928-5

Nachgefragt: Kris van Steenberge, Verlangen

Dienstag, 25. Oktober 2016

steenberge-verlangen

Elisabeth, die Tochter des Schmieds, sehnt sich danach, ihrem Heimatdorf Woesten zu entkommen. Sie versucht, sich Bildung anzueignen und heiratet den jungen Arzt Guillaume Duponselle. Als kurz darauf Zwillinge zur Welt kommen, ist der Zweitgeborene so entstellt, dass der Vater sich weigert, ihm einen Namen zu geben. Doch Namenlos überlebt, wird verachtet und weiß durch seine Beobachtungsgabe über alle mehr, als sie über sich selbst. > Bitte Weiterlesen

Erst der Lesebericht, dann ein > Videointerview, das hier unter Nachgefragt… angezeigt wird. Das ist unsere Blogregel.

Drei Themen gab es für uns nach der Lektüre dieses spannenden Buches: Die Entwicklung der Charaktere, die Erzähltechnik und der historische Hintergrund. ALle drei Themen haben wir in dem Interview untersucht:

Kris van Steenberge
> Verlangen. Roman
Klett-Cotta Roman aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert (Orig.:Woesten)
1. Aufl. 2016, 438 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98034-9

Aufgeschlagen: Gerhard Schweizer, Islam verstehen

Mittwoch, 27. Juli 2016

> Vortrag und Diskussion: Gerhard Schweizer, Syrien verstehen und 2 x Nachgefragt… 24. Februar 2017

schweizer-islam-verstehenGerade neu erschienen: Gerhard Schweizer, > Islam verstehen. Geschichte, Kultur und Politik; Der Titel dieses Buches ist klar und präzise. Hier werden Fakten zum Verständnis des Islams angeboten.

Abu Bakr al-Baghdadi, das Oberhaupt der Terror-Organisation »Islamischer Staat« rief 2014 den Dschihad den „heiligen Krieg“ gegen die „Ungläubigen“ in aller Welt aus.

Im 7. Jh. eroberten arabische Muslime in kurzer Zeit Nordafrika und weite Teile Asiens. Türkische Muslime kamen seit dem 11. Jahrhundert siegreich nach Anatolien, 1453 eroberten sie Konstantinopel und standen 1529 und 1683 vor Wien, um ihre Eroberungen bis weit nach Europa hinein auszudehnen.

„Der Blick auf die islamische Welt von heute..,: Von Libyen über Syrien, Irak und Jemen bis Afghanistan und Pakistan gibt es etliche politisch, kulturell und sozial zerrissene Staaten. Mehr noch: Die konfessionellen Gegensätze zwischen Sunniten und Schiiten gewinnen an Schärfe, soziale Konflikte entwickeln sich verstärkt entlang der religiösen Grenzlinien, nicht minder die
politischen Rivalitäten.“ S. 15

Schweizer beschreibt die Terror-Organisation wie der „Islamische Staat“ als ein Symptom einer Krise: Ihre „Glaubenskämpfer“ trügen dazu bei, „die islamische Welt in unversöhnliche Fronten von »Gläubigen« und »Ungläubigen« zu spalten.“ Aber, so Schweizer, „die Mehrheit der Muslime fürchtet das proklamierte Kalifat des „Islamischen Staates“, lehnt es vehement ab, ja verachtet dessen religiös- politische Anmaßung. Entsprechend instabil ist die Tyrannei derartiger »Glaubenskämpfer«, entsprechend geschwächt ist die islamische Welt insgesamt.“

Nur durch Wissen kann man die dramatischen Entwicklungen im Nahen Osten übersehen und einschätzen. Schweizer kann sich vorstellen, das die Terrororganisation in ihrer Bedeuung wieder abnehmen, gar verschwinden wird: „Aber diese Organisation bildet ein exemplarisches Beispiel einer tiefergehenden
Krise der islamischen Welt, und dieser Aspekt macht sie über die momentan auffällige Wirkung hinaus interessant. Es gilt die religiösen, kulturellen und politischen Zustände zu analysieren, die eine solche Radikalisierung erst ermöglichen.“ S. 16

Natürlich kann man den Islam nicht mit den kriminellen Auswüchsen des „IS“ erklären. Liest man Schweizer, so befindet dich der „IS“ auch in einem Kampf nach innen um das die ihm bevorzugte Interpretation des Islams, die er zu seiner eigenen Herrschaftssicherung missbraucht:. „Im vorliegenden Buch versuche ich zu zeigen, dass „Islam“ für viele Hundert Millionen Gläubige etwas völlig anderes bedeutet als das, was radikale Splittergruppen als den „wahren Glauben“ und die einzig richtige Gesellschaftsform propagieren. Die islamische Welt weist ähnliche vielschichtige Varianten von Religion, Kultur und Gesellschaft auf wie das christlich geprägte Abendland – auch eine ähnliche Ambivalenz. Die Neigung zu Gewalt und Intoleranz findet sich gleichermaßen hier wie dort, ebenso die Tendenz zu Weltoffenheit und die Fähigkeit zur Modernisierung erstarrter traditioneller Strukturen.“ S. 21

„Was ist Islam? Wie schon angedeutet: Den Islam gibt es nicht. Feindbilder orientieren sich überwiegend an Klischees, die alle historisch bedingten Gegensätze, alle Vielfalt negieren. Solche Feindbilder von westlicher Seite entsprechen in der Struktur völlig denen von islamischer Seite. Hier wie dort droht gleichermaßen die Gefahr, das unbekannte Fremde zu dämonisieren.“ S. 21

schweizer-islam-verstehen

Gerhard Schweizer
> Islam verstehen

1. Aufl. 2016, 610 Seiten, broschiert, mit Register
ISBN: 978-3-608-98100-1

Vom selben Autor:

Gerhard Schweizer,
> Syrien verstehen Geschichte, Gesellschaft und Religion
2. Aufl. 2015, 503 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-608-94908-7

> Lesebericht: Gerhard Schweizer, Syrien verstehen – 23. Februar 2016 von Heiner Wittmann

Lesebericht: Psyche 7 – Juli 2016

Donnerstag, 7. Juli 2016

Dieser Lesebericht dokumentiert das Interesse seines Vf. beim Lesen dieses Heftes:

Gerade ist das Juli Heft der > Psyche schienen. Ihr Untertitel lautet „Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen“. Drei Artikel stehen im Mittelpunkt dieses Heftes, einer von Andreas P. Herrmann über Behandlungsfehler in der psychoanalytischen Praxis, ein Aufsatz von Burkhard Liebsch über Angst und der Bericht von Martin Klüners über psychoanalytische Kategorien in der Geschichtswissenschaft.

Andreas P. Herrmann untersucht „Behandlungsfehler und Fehlerkultur in der psychoanalytischen Praxis“. Auch die Psychoanalyse hat früh Behandlungsfehler erkannt, sie aber (leider) in der Praxis wenig hinterfragt, so lautet Herrmanns These. Er berichtet zunächst über die Art der Fehler, die vorkommen und untersucht dann die Folgen fehlerhafter Behandlungen. Seine beeindruckende Bibliographie (S. 587 ff) belegt, dass das Thema keinesfalls neu ist, eher in seinen Konsequenzen immer noch vernachlässigt wird. Dabei verdienen sie möglicherweise mehr Aufmerksamkeit als ethische Grenzverletzungen.Arhiv: PsycheEs ist nicht einfach, zwischen Gelingen und Scheitern zu unterscheiden, aber neuere psychoanalytische Konzepte, scheinen diese Unterscheidung zugunsten eines neuen Zugangs zu Behandlungsfehlern zu stützen. In diesem Sinne plädiert Herrmann für eine psychoanalytische Fehlerkultur (S. 602 ff), die bereit ist aufgrund dieser Erkenntnisse ihre Praxis konstruktiv weiterzuentwickeln. Dazu gehören Kriterien, mit denen zwischen Fehlern, Irrtümern und Täuschungen unterscheiden werden kann, (S. 610 ff) soll den Zugang zu einer produktiven Diskussion über dieses Thema erleichtern.

Burkhard Liebsch begibt sich auf „Auf Hobbes’, Nietzsches und Freuds Spuren:“ „Zum politischen Potenzial gegenwärtiger Furcht“. Thomas Hobbes (1588-1679) dachte über Angst und Furcht nach und fand diese Unterscheidung auch bei Aristoteles (384-322 v. Chr.):

> Aristotle’s Treatise on Rhetoric: Literally Translated; with Hobbes‘ Analysis, Examination Questions and an Appendix Containing the Greek Definitions. Also, The Poetic of Aristotle, Literally Translated, with a Selection of Notes, an Analysis, and Questions, Bell & Daldy, 1872, S. 113.

Wie ist es nun, fragt Liebsch, mit der nicht „defensiven“ Angst, sondern mit einer politisch „produktiven“ Furcht, die antizipiert und ab wann muss man sich vor unbegründeter Angst in Acht nehmen?

1. Aus Angst Frucht – Furcht vor Angst, S. 618 ff: stellt erstmal eine Bestandsaufnahme vor: Was löst Angst und Frucht aus? Man darf dabei auch an Sartre denken, der in L’être et le néant (1943) die Angst vor der grenzenlosen Freiheit anführt.

Aber die Unterscheidung zwischen Furcht und Angst ist kompliziert, für Hobbes war die Furcht eine generelle Angst:

> The Gallery of Portraits: With Memoirs, Band 6 Society for the Diffusion of Useful Knowledge, Knight, 1836, S. 25.

hobbes-policy<<< Thomas Hobbes, Hobb's Tripos: In 3 discourses. The 1.: Humane nature, or the fundamental elements of policy ... The 2.: De corpore politico, or the elements of law, moral and politick ... The 3. Of liberty and necessity ... Gilliflower, 1684 – 317 Seiten. Wie oft das Wort > „fear“ hier vorkommt! Hobbes war der Ansicht, so berichtet Liebsch, die Erziehung der Kinder müsse, „unvermeidlich den im Prinzip jederzeit drohenden … Naturzustand, der ein zustand des Krieges ist, antizipieren, in dem die Furcht voreinander unbeschränkt herrscht.“ S. 623

Lesen wir wir Google Books Hilfe nach: <<< Thomas Hobbes, Hobb’s Tripos: In 3 discourses. The 1.: Humane nature, or the fundamental elements of policy… op. cit., S. 187:

„Furcht hat und macht Geschichte“ lautet Liebschs Überschrift über seinem 2. Kapitel. Hier wird sein Aufsatz zu einem auch politisch anregenden Traktat. Furcht bewältigen – durch Bejahung? fragt die 3. Überschrift. „Frucht vor dem Unbestimmten und Politik aus und mit Furcht“ S. 628 ff.

Unsere Politiker geben sich eigentlich immer furchtlos, obwohl sich doch ständig genug Anlässe bieten, Furcht zu empfinden. Friedrich Nietzsche und Carl Schmitt werden hier als Gewährlsleute für Liebschs Überlegungen angeführt. Gute Gründe, in den Werken beider Autoren nachzulesen. In Anlehnung an Schmitt resümiert Liebsch: „Solange der Feind lebt, sei es auch durch unserer Fiktionen und Phantasien, gibt es uns noch.“ S. 631 Furcht vor Furcht (politisch) lautet die 5. Zwischenüberschrift, des Kapitels das uns endgültig überzeugt, diesen Aufsatz nachhaltig zur Lektüre zu empfehlen. Liebsch nennt viele Autoren, die auch z. B. Geschichtsstudenten oder Studenten der Politischen Wissenschaften kenne sollten, wenn sie Triebkräfte der Geschichte durch die Jahrhunderte hindurch verstehen wollen. Kritik? Eigentlich schade, dass dieser interessante Beitrag etwas versteckt in > Psyche 7/2016 erscheint, andererseits aber auch wieder eine Auszeichnung, weil so die Vielfalt der psychoanalytischen Ansätze und ihre Tragweite unterstrichen wird.

Martin Klüners ergänzt den Aufsatz von Burkhard Liebsch mit seinem Beitrag „Das Unbewusste in Individuum und Gesellschaft. Zur Anwendbarkeit psychoanalytischer Kategorien in der Geschichtswissenschaft“, der damit über den 1971 erschienenen Aufsatz von Hans-Ulrich Wehler „Verhältnis von Geschichtswissenschaft und Psychoanalyse“ weil mittlerweile überholt (vgl. S. 645), hinausgehen will. Wehler hatte damals die Grenzziehungen zwischen der Geschichtswissenschaft und den Methoden der Psychoanalyse bestätigt, „zementiert“, schriebt Klüners, S. 644., was ja auch für das angespannte Verhältnis der Geschichtswissenschaft zur Literaturwissenschaft gilt. Klüners stellt neue Forschungsperspektiven vor, so erscheint Wehlers Annahme einer „Dichotomie von Individuum und Gesellschaft, die Wehlers Kritik an der Psychonalyse letzlich zugrundeliegt“ immer fragwürdiger. S. 651. Im Kapitel 4. „Ansätze zu einer Soziologie des Unbewußten“ erinenrt Köners an Droysen, der die Problematik von Individuum und Gesellschaft vermehrt in den Blick denommen hat. Nebenbei bemerkt, das „Universel singulier“, „das einzelne Allgemeine“ – Vgl. H. Wittmann, > Sartre und die Kunst. Die Porträtstudien von Tinotrettto bis Flaubert, Tübingen: Narr 1996, S. 117-119 – gehört zum Kern des Ansatzes, mit dem Sartre das Verhältnis von Autor und Werk in „L’Idiot de la famille. La vie de Gustave Flaubert 1821-1857“ untersucht. Es tut seinem Ansatz keinen Abbruch, wenn der Freud-Biograph Sartre (> Le Scénario Freud, Paris: Gallimard 2004) das Unbewusste ablehnt, weil er nur ein Bewußtsein von etwas kennt. „Überindividuelles Unbewusstes in der Gruppenanalyse“ lautet die Überschrift des 5. Kapitels von Klüners, in dem er vorsichtig die Hoffnung äußert, „das traditionelle geschichtsphilosophische Kernproblem nicht beabsichtigter Handlungsfolgen erforsch-, durch eine Aktualisierung und Reformulierung des Konzepts „Geschichtsphilosophie“ zu machen, falls es „zukünftig gelingt, das Problem des gesellschaftlichen bzw. kulturellen Unbewussten mit belastbaren Mitteln zu analysieren.“ Bibliographie S. 670-673!

Es folgen noch Buchbesprechungen: Leuzinger-Bohleber, Marianne; Böker, Heinz; Fischmann, Tamara; Northoff, Georg; Solms, Mark, Psychoanalyse und Neurowissenschaften. Chancen – Grenzen – Kontroversen. (Psychoanalyse im 21. Jahrhundert. Klinische Erfahrung, Theorie, Forschung, Anwendungen.) (Nora Hettich), Härtel, Insa, unter Mitarbeit von Sonja Witte, Kinder der Erregung. »Übergriffe« und »Objekte« in kulturellen Konstellationen kindlich-jugendlicher Sexualität (John Borneman) und über Goldstein, Kurt, Der Aufbau des Organismus, Paderborn: Fink 2014 (Maria Becker)..

> Psyche 7/2016

Lesebericht Merkur 804 Mai 2016 (I)

Mittwoch, 11. Mai 2016
„…la lumière ne peut-elle pénétrer ces masses? Revenons à ce cri : Lumière! et obstinons-nous-y! Lumière! lumière! –Qui sait si ces opacités ne deviendront pas transparentes? les révolutions ne sont-elles pas des transfigurations? Allez, philosophes, enseignez, éclairez, allumez, pensez haut, parlez haut, courez joyeux au grand soleil, fraternisez avec les places publiques, annoncez les bonnes nouvelles, prodiguez les alphabets, proclamez les droits, chantez les Marseillaises, semez les enthousiasmes, arrachez des branches vertes aux chênes. Faites de l’idée un tourbillon.“
Victor Hugo, Les Misérables, III,1,2

Die Antrittsvorlesung von > Patrick Boucheron im Collège de france, die er dort am 17. Dezember 2015 gehalten hat: > Ce que peut l’histoire – mit dem Video zum Download.

MR_2016_05.jpg.29730Der > Merkur 804 – Mai 2016 hat eben die Übersetzung dieser > Antrittsvorlesung in voller Länge veröffentlicht.

> Patick Boucheron, Jahrgang 1965, hat sich auf das Mittelalter und die Renaissance in Italien spezialisiert. Mit Beginn des neuen Studienjahres 2015/106 ist er Professor am > Collège de france. Er begann seine Universitätskarriere 1994 mit einer Arbeit über Le pouvoir de bâtir : urbanisme et politique édilitaire à Milan aux XIVe et XVe siècles. Er war maître de conférences an der École normale supérieure de Fontenay/Saint-Cloud und wechselte 1992 zur Universität Paris 1 Panthéon-Sorbonne. Sein Lehrstuhl im Collège de France trägt die Bezeichnung: > „Histoire des pouvoirs en Europe occidentale (XIIIe ‑ XVIe siècles)“.

In seiner Antrittsvorlesung erinnert ihn die Atmosphäre auf der Place de la République an eine eine Passage aus den > Les Misérables von Victor Hugo: „Tenter, braver, persister, persévérer, s’être fidèle à soi-même, prendre corps à corps le destin, étonner la catastrophe par le peu de peur qu’elle nous fait, tantôt affronter la puissance injuste, tantôt insulter la victoire ivre, tenir bon, tenir tête; voilà l’exemple dont les peuples ont besoin, et la lumière qui les électrise.“

Und dazu gehört die Antrittsvorlesung wenn „Paris, die Welt repräsentiert“ von Jules Michelet am 23. April 1838 am Collège de France, in der er die Statd als große Kreuzung beschreibt, „an der sich die Wege aller nationen treffen.“ (Vgl. P. Boucheron, « Paris représente le monde : Jules Michelet, 23 avril 1838 » et « La leçon inaugurale de Georges Duby (4 septembre 1970) » , dans Pierre Toubert et Michel Zink dir., Moyen Âge et Renaissance au Collège de France, Paris, Fayard, 2009, p. 37 – 51 et p. 469 – 475.) Man merkt, dass Boucheron mit der Geschichte der Stadt als sozialer und historischer bestens vertraut ist, Kreuzungen und Plätze, das sind die eigentlichen Lebensräume einer Stadt : > Arnulf-Klett-Platz oder Plätze sind in Stuttgart oft Straßen oder warum hat Stuttgart keine Platzkultur?.

Wozu eigentlich soviel Geschichte? Fragen sich manche. Und dann sind es die grundlegenden Texte, die uns die Aufgaben, das Vermögen die Kapazitäten der Geschichtsschreibung vor Augen führen. „Was vermag Geschichte?“ fragt Patrick Boucheron und erläutert uns, warum diese Disziplin zu den so große Leidenschaften auslösen kann.

Sein Bescheidenheitstopos fällt besonders heftig aus, als er seine Antrittsvorlesung hält: „.. der animalische Trieb, unmittelbar die Flucht zu ergreifen, und gleichzeitig hämmern die Worte von innen an meine Schläfe.“ S. 7 Auch dazu passt die Frage Boucherons, die er sich als Historiker stellt: „Wo liegt die Gefahr?“ S. 8

Zunächst erläutert Boucheron anhand der Bezeichnung seines Lehrstuhls seine Auffassung der Epocheneinteilung und deren Implikationen. Boucheron möchte Le Goff in dessen Entperiodisierung folgen. (cf. S. 16) Geschichte, deren „unterste Schichten nach wie vor aktiv sind“… „fördert, mit andern Worten, Einsichten in die gegenwärtige politische Situation zutage.“ S. 12 f.

Er skizziert die Geschichte der Machtformen ab dem 13. Jh. der er seine Arbeit am Collège de France widmen möchte. Er berichtet auch über die eigenen Erlebnisse, die ersten Vorlesungen von Georges Duby am Collège de France 1985, warum haben wir uns dort nicht getroffen, damals habe ich dort auch die Vorlesungen von Andre Chastel gehört? Und Boucheron will zeigen, wie die langsame Lektüre der antiken Texte mit dem „Drängen der Gegenwart“ S. 27 in Überstimmung gebracht werden muss. Soviel zum Thema, wir sind nicht zu spät, das will er mit seiner Vision der Geschichte, mit seiner historische Erfahrung den Jüngeren erklären. Er will auch folgerichtig den Gewissheiten der Historiker entgegentreten, denn die Geschcihte ist offen und kennt keine Finalität. Gelassener (angesichts des Chaos) werden, das erinnert wieder an seinen Gang über die Place de la République.

> MERKUR 804 – Mai 2016

Lesebericht: Thomas Asbridge, Der größte aller Ritter und die Welt des Mittelalters

Donnerstag, 31. März 2016

Mandy Theime aus Leipzig: > Thomas Asbridge/Susanne Held: Der größte aller Ritter und die Welt des Mittelalters hat dieses Buch genau gelesen und wünscht sich nur ein zweites Lesebändchen.

asbridge-ritterThomas Asbridge hat ein Buch verfasst, das von einer ganzen Epoche berichtet: > Der größte aller Ritter und die Welt des Mittelalters. Guillaume le Maréchal (um 1147–1219; englisch William Marshal, 1. Earl of Pembroke) prägte und verkörperte die Lebensart der Ritterwelt. Er stand in den Diensten von fünf englischen Königen, vier hat er überlebt: Heinrich II. (1133-1189) Herzog der Normandie und von Aquitanien, König von England (1154–1189) und als Graf von Anjou Begründer der Dynastie Anjou (S. 108 ff.). Er begründete als erster angevinischer König das Haus Plantagenet. Er herrschte über Wales, Schottland das östliche Irland und das westliche Frankreich. Aus seiner Ehe mit Eleonore von Aquitanien (1122-1204 vgl. Régine Pernoud, ALiénor d’Aquitaine, Paris 1965) stammte sein zweiter Sohn Heinrich der Jüngere (1155-1183), der1170 zum König gekrönt wurde: der junge König, starb aber vor seinem Vater. Der dritte Sohn von Heinrich II. Richard I. (Löwenherz) (1157-1199) war von 1172 bis zu seiner Krönung 1189 zum König von England Herzog von Aquitanien. Der jüngste Sohn von Eleonore und Heinrich II. Johann Ohneland (1167-1216), König von England von 1199 bis 1216, Lord von Irland, Herzog der Normandie und von Aquitanien sowie Graf von Anjou. 1204 verlor er die Normandie an Frankreich. Die Rebellion der englischen Barone zwang ihn 1215 zur Anerkennung Magna Carta. Heinrich III. (1207-1272) war als englischer König von 1216 an auch Lord of Ireland und Herzog von Aquitanien.

Ihnen allen stand Guillaume le Maréchal als Ritter, Berater und schließlich in seinen letzten Jahren auch als Hüter des Kongreichs (S. 398 ff.) zur Verfügung. Asbridge beginnt seine Biographie dieses außergewöhnlichen Ritters mit einem Editionskrimi: S. 19-27. paul-meyer-guillaume-le-marechal

Meyer, Paul (Hrsg.), > L’histoire de Guillaume le Maréchal, Comte de Striguil et de Pembroke, Régent d’Angleterre de 1216 à 1219 : poème français. T. 1 / publié pour la Société de l’Histoire de France par Paul Meyer, Paris: H. Laurens, 3 vol. 1891-1901 .

1861 fand Paul Meyer bei einer Auktion eine mittelalterliche weitgehend unbekannte Handschrift, der er später den Titel Histoire de Guillaume le Maréchal gab. 20 Jahre sollte vergehen, bis er wieder das Manuskript in Händen halten konnte.

1152 befand sich der fünf-jährige Guillaume le Maréchal in der Hand des Königs Stephan von England, der den kleinen Guillaume von dessen Vater als Pfand für einen Stephan gegebenen Schwur übergeben hatte. Der Vater brach den Schwur und Stephan schickte sich an, den Sohn hängen zu lassen. Es kam dann doch anders, Guillaume stieg zum Ritter auf und nahm immer an vorderster Front fast 70 Jahre lang an allen Kriegen, Aufständen und Rebellionen teil. Er verkörperte seine Zeit wie kaum ein anderer. Und dabei war das keine gradlinige Karriere. Mindestens zweimal stand er vor seinem persönlichen Aus, wenn seine Gönner das Interesse an ihm verloren hatten, so auch 1166 als er nach dem Grenzkonflikt in der Normandie von den Herren von Tancarville nicht mehr gebraucht wurde. Ein Ritter auf Arbeitssuche. So wie 1183, als Heinrich ihn entließ. (S. 189) Da wurde seine Ritterloyalität auf eine harte Probe gestellt.

Die Welt der Ritter, Turniere, Verschwörungen, Kriege und Aufstände. Guillaume le Maréchal war immer mit dabei und entwickelte in der Praxis seine Ideale der Ritterlichkeit und der Treue gegenüber den Königen, denen er nacheinander diente. Asbridge erklärt auch die Durchführung, die Funktion und den Stellenwert der Turniere (S. 96 ff., bsd. S. 153 ff.), an denen Guillaume le Maréchal zusammen mit dem jungen König Heinrich dem Jüngeren lange Jahre mit großem Pomp und Intensität teilnahm.

Auch Schüler, die schon einmal das Wort Ritter in ihrem Geschichtsbuch gelesen haben, werden Asbridges Buch verschlingen. Schade, dass Schüler so selten mit Gesamtdarstellungen einer Epoche wie Asbridge mit der Geschichte des Guillaume le Maréchal sie vorgelegt hat, in Berührung kommen.

Heinrich II. verheiratet seinen Sohn Heinrich, (5 Jahre) den er schon 1170 zum König krönen ließ, 1160 mit der Tochter Ludwigs VII. Marguerite (2 Jahre). Beide sollen während der Zeremonie geheult haben (S. 123) Später trat Guillaume le Maréchal in die Dienste des jungen Königs, der acht Jahre jünger als sein Ritter war. Die Konflikte zwischen Vater und Sohn blieben nicht aus, Kriege und mehr oder weniger halbherzige Versöhnungsgesten folgten aufeinander.

1183 befindet sich Guillaume le Maréchal zwei Jahre lang auf einem Kreuzzug: asbridge-kreuzzuege Thomas Asbridge, > Die Kreuzzüge Aus dem Englischen von Susanne Held (Orig.: The Crusades. The War for the Holy Land) 6. Aufl. 2015, 829 Seiten, broschiert, mit Tafelteil und Karten ISBN: 978-3-608-94921-6.

Asbridge analysiert in seinem Buch ausführlich die Frage nach der Loyalität eines Ritters gegenüber seinen Dienstherren, deren Ansichten, politischen Entscheidungen, kriegerische Aktionen, er nicht immer zustimmen kann. Es waren ja auch gerade Konflikt ähnlicher Art, die ihn 1166 und 1183 arbeitslos machten. Fand er dann zum König zurück, weil er wieder einen Job brauchte oder konnte der König auf die Erfahrungen des Ritters als Berater, erfahrener Krieger und Unterstützer zugunsten der eigenen Herrschaft nicht verzichten? Auf subtile aber präzise Art erklärt Asbridge die soziale und politische Stellung von Guillaume le Maréchal, seinen Aufstieg als Ritter zu einem der mächtigsten und reichsten Barone Englands.

Thomas Asbridge
> Der größte aller Ritter
und die Welt des Mittelalters
Klett-Cotta Aus dem Englischen von Susanne Held (Original: William Marshal. The Greatest Knight)
1. Aufl. 2015, 478 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Karten, mit einem farbigen Tafelteil und Lesebändchen
ISBN: 978-3-608-94923-0

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