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Archiv für die Kategorie 'Klett-Cotta'

Aufgeschlagen: Pierre Lemaitre, Drei Tage und ein Leben

Mittwoch, 13. September 2017

Wir hatten in letzter Zeit schon öfters Bücher, diie man vor der letzten Seite nicht aus der Hand Legt. Die gerade erschienene Übersetzung von Tobias Scheffel, des Romans von Pierre Lemaitre, > Drei Tage und ein Leben gehört auch zu ihnen. „Roman“ steht hinter dem Titel, das ist aber nicht alles. Auf der französischen Wikipedia zu diesem Roman, der 2016 in Frankreich erschien, steht „Trois jours et une vie est un roman psychologique et noir de…“, der ihre Aufmerksamkeit allerspätestens total in dem Moment vereinnahmt, als Antoine im Wald auf den Nachbarsjungen Rémi Desmedts trifft, dessen Vater den Hund Odysseus der eigenen Familie, nachdem er überfahren worden war, mit einer Kugel erlöst und in einem Sack hinten im Garten zum Bauschutt legt.

Der Einzelgänger Antoine ist total verstört und fühlt sich von dem Bild des Sacks mit dem toten Hund im Garten verfolgt. Nichts geht mehr für ihn. Die Einkäufe, die als Aufgabe auf dem Mitteilungsbrett zu Hause ihm aufgetragen werden, erledigt er, ohne die Verkäufer anzusehen, noch mit ihnen zu sprechen. Er geht in den Wald, wo er alleine eine Baumhütte gebaut hat und zerstört sie und weint fassungslos. Dann steht auf einmal Rémi vor ihm.

Jeder Leser wird die Geschichte bis hierhin wahrscheinlich genauso erzählen. Das sind die Fakten, die Ereignisse und die Einsamkeit von Antoine. Der Fortgang der Geschichte ist keineswegs zwingend. Es gäbe verschiedene Szenarien. Aber Antoine ist zu aufgewühlt und als er dann noch merkt, dass Rémi seine Wut irgendwie nicht teilt, sondern sich nur irrsinnig erschrocken über die so offenkundige Wut von Antoine zeigt – der Erzähler fügt hinzu, Rémi glaube, Odysseus sei nur gerade mal wieder weggelaufen, schlägt Antoine zu.: „Blind vor Zorn packte er einen Stock…“ und versteckt dann die Leiche.

à suivre

Pierre Lemaitre
> Drei Tage und ein Leben
Roman
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel (Orig.: Trois jours et une vie)
1. Aufl. 2017, 270 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98106-3

> Lesebericht: Pierre Lemaitre, Wir sehen uns dort oben 23. Januar

> Vorgefragt: Pierre Lemaître, Wir sehen uns dort oben, 16. Oktober 16th 2014

Nachgefragt: Tom Drury, Grouse County

Dienstag, 12. September 2017

Bevor wir den letzten Roman von Tom Drurys > Grouse County. Romantrilogie ganz gelesen hatten, konnten wir den Autor am letzten Wochenende in Berlin besuchen und nach seinem neuen Buch und vor allem auch nach den Personen seiner Geschichten befragen. Drury erlaubte uns einen faszinierenden Einblick in seiner Schreibwerkstatt. Eine Triologie ist dabei herausgekommen. Nein, daran hatte er am Anfang bei der ersten Zeile überhaupt nicht gedacht. Er habe erst einmal angefangen. Somit gehört Drury zu den Autoren, die abwarten und zusehen, wie seine Charaktere sich entwickeln. Allerdings kommt mit den Jahren bei ihm eine weitere Komponente hinzu, die die Lektüre seiner drei Romane so spannend macht. Seine Personen machen Entwicklungen durch und obwohl Drury, ihr Fortkommen nur mit der Feder verfolgt und protokolliert, schaut er doch schon genauer hin, was machen sie aus ihrem Leben? Weniger in dem Sinne von, was wird aus ihnen, sondern es geht um die Frage, welche Chancen haben sie genutzt oder welche haben sie vertan.

Klar, der Autor lässt somit dem Leser alle Freiheiten, in die Beurteilung der Charaktere (mit) einzusteigen. Hält er uns einen Spiegel vor? Das darf jeder Leser für sich selbst entscheiden.

Klar, der Autor lässt somit dem Leser alle Freiheiten, in die Beurteilung der Charaktere (mit) einzusteigen. Hält er uns einen Spiegel vor? Das darf jeder Leser für sich selbst entscheiden. Doch mir fiel während unseres Gesprächs – in einem Bistrot in Berlin mit ungewöhnlicher Beleuchtung ein, wie > Sartre am Ende von Der Ekel seine Literaturtheorie und damit ihre Bemessungsgrundlage von Roquentin formulieren lässt: Er müsse, so sagt sich Roquentin auf der Zugfahrt nach Paris, ein Buch schreiben, das so hart wie Stahl sei und den Leuten wegen ihrer Existenz die Schamröte ins Gesicht treibe. Also es geht um alles, was sie nicht gemacht haben oder noch nicht gemacht haben. Geht es immer um verpasste Chancen? Man verpasst immer irgendwas. Aber es geht darum, immer wieder neu anzufangen und zu lernen, n’est-ce pas?

Tom Drury,
> Grouse County. Romantrilogie
Aus dem Amerikanischen von Gerhard Falkner und Nora Matocza
1. Aufl. 2017, 795 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Lesebändchen
ISBN: 978-3-608-98025-7

Lesebericht: Jörg-Uwe Albig, Eine Liebe in der Steppe

Donnerstag, 24. August 2017

Jörg-Uwe Albig nennt seine Geschichte > Eine Liebe in der Steppe eine Novelle. Das ist also eine kurze literarische Form, kein Roman, eine Betrachtung, die Erinnerung evoziert, sich auf präzise Beobachtungen stützt, oft einen kürzeren Zeitraum in den Block nimmt, oder aber auch eine Entwicklung thematisiert, in jedem Falle bietet sie mehr als eine Kurzgeschichte. Hintergründiges? Schwer zu interpretieren? Eine Geschichte, die oft auf einen überraschenden Schluss zusteuert?
Albig spielt mit den Dingen. Oder vielmehr spielen die Dinge mit Gregor Stenitz, der dies zulässt. Er ist Paläontologe, für ihn definieren sich Dinge hauptsächlich über die Zeit ihrer Existenz. Bei genauem Betrachten offenbaren sie ihr Sein, ihre Herkunft, ihre Zusammensetzung, gar ihre Bestimmung. Es ist der Dialog mit den Dingen, die Gregors Umgebung konstituieren. Es gibt für ihn kein besonderes Erstaunen, für ihn ist es selbstverständlich, dass die Dinge irgendwie zu ihm sprechen, so wie Architekten sagen, ein Gebäude spreche zu einem anderen, oder eben gar nicht. So wendet sich auch die Kapelle St. Maria Magdalena als Ding an ihn. Ontologie ist die Lehre vom Sein. Und die Lehre von den Dingen ist hier Sache von Stenitz.
Wenn Sie 50 Seiten gelesen haben, ist es nicht ganz unwahrscheinlich, dass die Dinge um Sie herum Ihre Aufmerksamkeit reklamieren, sie wollen benutzt, geordnet oder in Ruhe gelassen werden: „Die Kapelle empfing ihn mit einer Zurückhaltung, die er verstand.“ (S. 54) Geht es Albig um den Respekt gegenüber den Dingen, die die Abrissarbeiter in der Steppe, in der sie die Plattenbauten zurückentwickeln, der kleinen Kapelle verweigern werden? Lehrt Albig uns, unsere Umgebung genauer zu betrachten, ihr mehr Respekt entgegenzubringen?
Stenitz, der Kustos für die Fossiliensammlung im Stadtmuseum von Zinnroda, hat eine Freundin Judith, die aber, ohne dass Stenitz das wirklich ausdrücklich will, hinter der Kapelle zurückstecken muss. Ist Stenitz‘ Zuneigung zu der kleinen Kirche größer? Sören Jespersen, der Museumsdirektor, sagt schon mal „Du sbinns ja,“ zu Gregor Stenitz.
Der Abrisslärm, der über die Steppe hallt, hat Stenitz völlig den Kopf verdreht Er weiß, dass Gegenstände keine Seele haben, aber Judith erklärt ihm auch, dass Menschen und die Dinge gut füreinander seien… (vgl. S. 30) Die Dinge in Maria Magdalena haben vielleicht Beziehungen untereinander, das solle Judith entscheiden, denkt sich Stenitz. In jedem Falle sind die Dinge alt. Und sein Gang durchs Museum in sein Büro dauerte nicht einmal „hundertfünfzig Millionen Jahre“ (S. 47) Kann man sich in Dinge verlieben? Und was die Dinge wohl zu einem solchen Verhältnis sagen werden? Dazu kommt auch noch die Evolution und überhaupt bestehe der Mensch nur aus 60 % Wasser, 16 % Eiweiß und 17 % Fett, Hormone gibt es auch noch dazu. Die einzige Liebesszene mit Judith führt zur Verausgabung auf „Gregors Bastteppich“.
Dann geht er auch jeden zweiten Sonntag zum Gottesdienst in seine kleine Kapelle. Und ihre Gefühle? „Ein fühlendes Wesen muss nicht unbedingt wissen, wie es fühlt, hatte Judith gesagt.“ (S. 65) Maria Magdalena wird für Stenitz eine Person, ein handelndes Ding: „Er würde Madeleine bei der Arbeit sehen, wie eine Kellnerin im Café, die es allen recht machte, aber die ganze Zeit über zu ihm gehörte.“ (S. 73) ist es richtig, dass Stenitz aus seiner Zuneignung zu dem kleinen Kirchlein auch Besitzrechte für sich reklamiert? Stenitz entdeckt immer neue Facetten in seinem Verhältnis zu seiner Kapelle oder sie zu ihm: „Dann verstehen wir auch die Sprache der Dinge, und die verstehen uns.“
Ist es eine Ästhetik der Sachen, die Albig uns hier erklärt? Ihr ständiges Angebot, aus ihnen etwas zu machen, mit ihnen zu machen, sie ernstzunehmen, das würde Stenitz alles ganz zweifellos bejahen. Pfarrer Dornkamp stört irgendwie nur die Kreise Stenitz‘, vor allem ärgert sich dieser, dass er Marias Magdalena für sich arbeiten lässt.
Diese Novelle lesen Sie am besten wenn Sie viel Zeit haben und wo niemand sie stört, auch die Dinge nicht. Wie gesagt, kein Erstaunen begleitet die Erzählung, für Stenitz ist das alles ganz selbstverständlich, dass er als Paläontologe, immer auf dem Grund der Dinge lebt, da muss mehr dahinter sein, als ihr bloßes Sein.

Jörg-Uwe Albig
> Eine Liebe in der Steppe
1. Aufl. 2017, 175 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-96157-7

Lesebericht: Don Carpenter, Freitags im Enrico’s

Mittwoch, 9. August 2017

Eine Ferienlektüre soll es sein, so mal was Richtiges zum Schmökern. Ein Buch, das sich nach 12 Seiten so anfühlt, als seien sie schon 2 Stunden im Kino? Wo man sich hineinversenken lassen kann und erst mal alles um sich herum vergisst. Eben Urlaub. Wir hätten da was für Sie: Die Sommerlektüre ist da. Der Roman von Don Carpenter > Freitags im Enrico’s ist es. > Aufgeschlagen: Don Carpenter, Freitags im Enrico’s.

Teil Zwei. Die Portland Gruppe. Dick Dubonet ist ihr Star. Gerade hat Playboy ihm 3000 Dollar für seine Geschichte überwiesen. Er wohnt in der > Fourth Street Nähe Downton. Kaum prahlt er damit, muss er auch schon 50 Dollar verleihen. So sind die Preise. Seine Freundin Lisa zieht zu ihn und sie brauchen eine neue Wohnung. 14 Stories hat er gerade im Umlauf.

Charlie und Jaime kennen wir schon, Dick und Lisa auch schon. Da kommt noch Stan dazu, der ein Talent für Einbrüche hat, die für ihn wie ein Kick sind. Die ihn allerdings auch ins Gefängnis führen. Alle zusammen belauern sich und jeder hofft auf seinen literarischen Erfolg. Jeder hat eine andere Strategie. Charlie schreibt an einem Kriegs-Epos, füllt Seiten um Seiten, Karton um Karton. Schließlich findet er einen interessierten Verlag, der alle Manuskriptteile haben will, radikal kürzt, das tut einem Manuskript wirklich manchmal richtig gut, aber Charlies fühlt sich missverstanden ist wütend. Später soll gar ein Drehbuch daraus entstehen, in dem mehr von den Produzenten als von Charlie drinsteht. „Als er vor langer Zeit beschloss, Schriftsteller zu werden…“ kann man das beschließen? Oder muss man nicht doch ein wenig länger an so einem Vorhaben arbeiten: Sartre brauchte 2800 Seiten, um herauszufinden, wie > Gustave Flaubert sich zum Künstler gemacht oder entwickelt hat. In diesem Sinne ist > Freitags im Enrico’s auch eine Art investigativer Roman. Die angehenden Schriftsteller probieren alle verschiedene Textsorten aus, lesen die, die Erfolg haben, und suchen krampfhaft nach Themen, die sich vermarkten lassen.

Dick Dubonet bringt seine Kurzgeschcihten in Nugget, Caper, Fantasy & Science Fiction und im > Ellery Queen’s Mystery Magazine unter. Aber erstmal konnte er sicha uf den 3000 Dollar ausruhen, die ihm Playboy überweisen hatte. Er wohnt in einem der Holzhäuser in Portland SW Fourth Street. In Jerry’s Tavern lernt er Linda McNeill kennen, sie kennt den Herausgeber der > Evergreen Review. Er biete ihr an, Sie nach Hause zu fahren, mit einem Umweg, um zu Hause seien Story zu holen, ja sie will mit reinkommen …

Parties, wie die in der > SW Cable Avenue sind eine Gelegenheit, den neuesten Klatsch und Tratsch auszutauschen, wer mit wem und welcher Verleger wo angerufen hat. Irgendwie helfen sie sich auch gegenseitig, wenn sie auch alle – die Mitglieder der Portland-Gruppe – hinsichtlich des Schreibens Konkurrenten und Neider sind.

Bei dieser Lektüre kann es ihnen passieren, dass Sie sich in Gedanken beim Lesen den Platz in dieser Clique suchen, der Ihnen passen würde – allein ein kurzer Gedanke daran, und die Sommerlektüre hat ihre Pflicht getan und Sie entführt. Das funktioniert mit diesem Buch. Dick und Jaime… Dann verschwindet Charlie für drei Tage… Dann wird Stan wieder festgenommen. Jaime hat Riesenerfolge und kauft ein Haus in Mill Valley in einer Sackgasse, die vom Panoramic Highway abging Mill Valley. Man trifft sich in den Bars und auch im Enrico’s. Jaime hat ihr Buch fertig und Charlie muss mit seinen Neidgefühlen kämpfen. In San Francisco treffen sie sich in > Gino and Carlo’s. Jetzt bekommt Jaime auch ein Angebot, die Filmrechte an ihrem Roman zu veräußern. Charlie hofft nach wie vor auf seinen Erfolg, sein Lektor Ratto zeigt sich zuversichtlich.

Das Kapitel C-Block erzählt die Haftzeit von Stan Winger, dessen Aufseher sein Romanmanuskript entsorgt. Stan entwickelt eine Strategie, das Manuskript im Kopf zu komponieren. Schlüsselwörter helfen ihm dabei, die Struktur und die Sätze zu memorieren. Seien Figuren haben skurrile Eigenarten. (S. 280) Nach der Haft bringt er den Roman zu Papier und kann seine ersten großen Erfolge feiern. Das erste Manuskript bringt ihm 3400 Dollar, Stan wird unabhängig und kann sich nach und nach immer mehr leisten.

In > Don Carpenter, Freitags im Enrico’s vermischen sich die Inhalte der Kurzgeschichten und Romane, mit den Erlebnissen der Portland-Clique. Was entscheidet über den Schreiberfolg? Ausdauer, Hartnäckigkeit oder einfach Glück?

Don Carpenter
> Freitags im Enrico’s
Roman
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben (Orig.: Fridays at Enrico’s), Beendet und mit einem Nachwort von Jonathan Lethem
1. Aufl. 2017, 462 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-96079-2

Lesebericht: Marco Missiroli, Obszönes Verhalten an privaten Orten

Samstag, 5. August 2017

Die Geschichte von Libero Marsell, Marco Missiroli, > Obszönes Verhalten an privaten Orten ist fast die eines jeden Jungen, die beginnt, wenn er in das schwierige Alter kommt. Aber es geht hier gar nicht so sehr um die „Atti osceni“, beim genauen Lesen, ist es die Literatur, die hier in ihrer Erziehungsfunktion, mit ihrer Fähigkeit die Welt zu erkunden, zu deuten und zu erklären, vorgestellt wird. Klar, so schwierig ist dieses Alter nun auch wieder nicht, es gibt viel zu entdecken. Die Familie Marsell war in die Straße Rue des Petits Hôtels in Paris gezogen und noch mit dem Einräumen und Einrichten beschäftigt. Durch einen Türspalt beobachtet Libero den Freund der Familie, Emmanuel, bei einer Tätigkeit – zusammen mit seiner Mutter, die nicht so recht zum Umzug passen wollte. Ferien werden in Deauville gamcht, Emmanuel darf mitkommen und bringt seine Freundin Marie mit, die Bibliothekarin ist. Marie will wissen, ob Libero schon eine Freundin habe: nein er sei eine Insel ohne Meer (S. 18) ganz so wie sein Vater es ihm beigebracht hatte: „um Frauen zu umgarnen.“ Wieder zu Hause beginnt die Schulzeit: das Lycée Colbert mit seinen Versuchungen. Mit Camille unterwegs, mit ihr im Kino, die ersten Küsse. Die Trennung der Eltern bringt alles durcheinander.

Libero besucht Marie in ihrer Bibliothek und bekommt von ihr den Roman Der Fremde von Albert Camus zur Lektüre: „Innerhalb von drei Stunden las ich Der Fremde zu Ende.“ S. 46) Gleichgültig soll der Held gewesen sein? Ach das steht doch immer in der Sekundärliteratur und wird dadurch nicht richtiger. Im Deux Magots sitzt er mit seinem Vater unweit des Tisches, wo auch Albert Camus einst gesessen hatte. In hinteren Bereich saß ein Mann an einem Tisch: „Bonjour, je m’appelle Jean-Paul.“

Danach gibt Marie ihrem Leser Libero Die Tartarenwüste von Doino Buzzati. Beim Ausfüllen des Leihzettels merkte Libero, „dass meine Befangenheit Frauen gegenüber nicht mehr so ausgeprägt war.“ Es waren die Bücher, die seinen Schwerpunkt verlagerten: „Sie brachten mich zur Welt.“ (S. 50) Das ist eine Reminiszenz, die an Le Premier homme von Albert Camus erinnert, wenn Jacques Cormery nach dem Besuch in der Bibliothek sich mit seinem Freund sofort draußen auf die nächste Bank setzt, um nachzusehen, welchen großartigen Aspekt der Welt ihnen die ausgeliehenen Bücher heute zeigen werden. Wir haben hier mal Wikipedia zitiert, damit es (blog-)schneller geht, oder wir untersuchen den Inhalt eines jeden hier genannten Buchtitels, die sind vom Marco Missiroli nämlich ganz bestimmt überhaupt nicht zufällig ausgewählt worden, sondern werden zum Bestandteil der Erziehung Liberos.

Ein Küsschen für Marie versetzt Libero in große Verwirrung. Er bekommt immer zwei Bücher und sein Freund Antoine liest eines davon. Sie diskutieren über ihre Lektüren und, so darf man sagen, wachsen gemeinsam daran. Sein Buch von Buzzati tritt gegen Lolita von Nabokov an, das Lunette de Belleville gelesen hatte. Sie 20, Libero 17, sie die Schwester von Antoine. Er und Libero vergleichen en détail die Resultate ihrer Eroberungen. Dann kommen Wem die Stunde schlägt von Hemingway und Die Stadt und die Hunde von Mario Vargas Llosa dran. Es folgen erste Spaziergänge und Küsse mit Camille.

Im Deux Magots trifft sich die Klicke, man darf auf Papas Kosten anschreiben lassen: Der Fänger im Roggen, sogar Henry Miller „Wendekreise“ kommt vor. Dann passiert es: Antoine und Anna. Dann kommt auch noch Lunette händchenhaltend mit einem Freund an: Libero flieht zu seinem Vater und dann zu Marie. – Nach dem Tod von seinem Vater ist Libero auf sich allein gestellt. Er nimmt einen Nebenjob im Café an und trifft sich mit Lunette… list Auf Messers Schneide von Somerset Maugham: „Es gibt etwas, das mehr zählt als Schönheit, Sinnlichkeit und Macht.“ (S. 87) Eine Unschuld wird zu Herausforderung, das spürt auch Lunette, dann verführt sie ihn: „…die Gewissheit, dass dies die Existenz sei.“ (s. 91 f.) und „Ich wechselte von der ersten Person Singular zur ersten Person Plural.“ (S. 101)

Dann kommt Der Liebhaber von Marguerite Duras dran. Dann „Die Entflohene“ von Proust. Und Libero lernt die Eifersucht kennen…

Dann reist Libero (23) nach Neapel zu einem Praktikum zu einem Rechtsanwalt. Marie bleibt weiter aus der Ferne seine Tutorin.

Libero wird erwachsen, Anna kommt zu ihm. Ohne die Literatur hätte er die Vielfalt der Zweisamkeit nicht so oder vielleicht anders erlebt und erlernt.

Marco Missiroli, > Obszönes Verhalten an privaten Orten Roman
Aus dem Italienischen von Michael von Killisch-Horn (Orig.: Atti oscheni in luogo privato)
1. Aufl. 2017, 299 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50343-2

Aufgeschlagen: Don Carpenter, Freitags im Enrico’s

Donnerstag, 3. August 2017

Sie suchen eine Ferienlektüre, so mal was Richtiges zum Schmökern. Ein Buch, das sich nach 12 Seiten so anfühlt, als seien sie schon 2 Stunden im Kino? Hier ist sie:
Die Sommerlektüre ist da. Der Roman von Don Carpenter > Freitags im Enrico’s ist es. Gestern abend angefangen, dann nach Hause, Weißwein auf dem Balkon. Festgelesen. Es geht um angehende Schriftsteller, die Creative writing courses belegen oder geben, schreiben oder versuchen zu schreiben oder davon träumen zu schreiben. Verschiedene Cliquen, Neid auf die, die ihre Geschichten dank guter Agenten erfolgreich platzieren, Parties und Frauen. Manche erobern jede sofort.

Und immer gibt es Lesetipps, die, würden wir allen folgen, aus unserem Blog ein Literaturlexikon machen würden: „Jaime beschloss über Will Cathers Roman > Der Tod kommt zum Erzbischof zu schreiben.“ S. 10 und wartet darauf, dass Charlie Annäherungsversuche macht und sie verführt. Er wohnt auf der > Genoa Place: Als angehender Autor hat er ein Faible für Bücher, im > Bookshop von Mcdonalds kriegt fast alles für 50 Cent: Melville, Vincent Peale, Hemingway. Und Charlie fährt einen robusten 1940er De Sato. Die Bleibe von Charlie ist mönchisch klein, aber Jaime, neunzehn, muss dauernd an ihn denken, kann nicht schlafen, nimmt nachts den Bus, er ist nicht zu Hause, sie findet ihn vor einer der Bars El Miranda. S. 27.
Veteran Charlie hat sich ein Riesending vorgenommen: „Verdammt, er wollte den Moby Dick aller Kriege schreiben.“ S. 59

Teil Zwei. Die Portland Gruppe. Dick Dubonet ist ihr Star. Gerade hat Playboy ihm 3000 Dollar für seine Geschichte überwiesen. Er wohnt in der > Fourth Street Nähe Downton. Kaum prahlt er damit, muss er auch schon 50 Dollar verleihen. So sind die Preise. Seine Freundin Lisa zieht zu ihn und sie brauchen eine neue Wohnung. 14 Stories hat er gerade im Umlauf. Fortsetzung folgt

Don Carpenter
> Freitags im Enrico’s
Roman
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben (Orig.: Fridays at Enrico’s), Beendet und mit einem Nachwort von Jonathan Lethem
1. Aufl. 2017, 462 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-96079-2

Ein Interview mit Michael Klett

Montag, 31. Juli 2017

Im Juli 2017 hat uns Michael Klett Antworten auf unsere Fragen nach der Gründung und der Entwicklung des Verlags Klett-Cotta gegeben:

1. Herr Klett, Sie haben eine Verlagslehre und eine Schauspielausbildung absolviert. Danach studierten Sie Germanistik und Philosophie. 1965 traten Sie in den Ernst Klett Verlag, das Unternehmen Ihres Vaters Ernst Klett d. J., ein. Was haben Sie dort zuerst gemacht?

Nach amerikanischem Muster, das ich Anfang 1965 kennengelernt hatte, war ich als Außendienstmitarbeiter für Gymnasien im Südwesten tätig. Nach einem Jahr übernahm ich die Leitung für weitere eineinhalb Jahre und wurde dann anderen Tätigkeiten zugewiesen.

2. Im Ernst Klett Verlag gab es wie heute Schulbücher, pädagogische Literatur und ein bedeutendes literarisches Segment, der „Allgemeine Verlag von Ernst Klett“. Wie kamen Sie auf die Idee, die beiden Teile zu trennen?

Der Allgemeine Verlag von Ernst Klett hatte etwas Literatur, aber kein bedeutendes literarisches Segment. Was an schöner Literatur zugegen war, war der Roman Unter dem Vulkan von Malcom Lowry, eine Ausgabe sämtlicher Werke von Rudolf Borchardt und die erste zehnbändige Gesamtausgabe Ernst Jüngers und einige Einzeltitel wie Gläserne Bienen.

Das vollständige Interview hier zum Herunterladen: > Interview mit Herrn Michael Klett, Juli 2017

Lesebericht: Kristina Pfister, Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten

Montag, 13. Februar 2017

pfister-dinosaurier-faltenKristina Pfister hat ihren ersten Roman geschrieben > Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten.

So eindringlich erzählt: Es geht Annika, die gelangweilt die Wände ihres Wohnheimes anstarrt. Einziger Kontakt, ihre Mutter: „Isst Du auch genug?“ Dann ist da noch ihr Fenster und der Blick auf das gegenüberliegende Zimmer, gleiches Wohnheim, alles gleich, nur spiegelverkehrt und immer voller Besucher. Eines Abends klingelt es bei Annika: Es ist Marie-Louise von gegenüber. Annika lädt sie zur Abschiedsparty ein. Marie-Louise zögert duscht erst mal und lässt sich ein zweites Mal bitten. Der viel Alkohol, der Zigarettenqualm, der Sprung vom Bungalowdach, Marie-Louise schläft bis ein Uhr nachmittags und will nur noch heim.

Wieder zu Hause. Zusammen mit Bruder und Mutter. Dann kommt die Szene im Wald. Eine Bank für Spaziergänger: „Ich saß da, mit angewinkelten Beinen und atmete.“ und „Ich stellte mir vor, wie ich mit der Bank verschmelzen würde…“ klar, die Autorin kennt Sartres Roquentin in La nausée dt. Der Ekel nur zu gut, wo der Held sich auf eine Bank unter einem Kastanienbaum niederlässt. Heute sagt man dazu, Bewußtseinsklärung oder Selbstfindungsprozess. „Et puis voilà: tout d’un coup, c’était là, c’était clair comme le jour: l’existence s’était soudain dévoilée. – Die Existenz war aufeinmal aufgedeckt. – Elle avait perdu son allure inoffensive de catégorie abstraite : c’était la pâte même des choses, cette racine était pétrie dans l’existence.“ Es geht um die Kontingenz, das Abolute „L’essentiel c’est la contingence. Je veux dire que, par définition, l’existence n’est pas la nécessité. Exister, c’est être là, simplement; les existants apparaissent, se laissent rencontrer, mais on ne peut jamais les déduire. Il y a des gens, je crois, qui ont compris ça. Seulement ils ont essayé de surmonter cette contingence en inventant un être nécessaire et cause de soi. Or, aucun être nécessaire ne peut expliquer l’existence – Keine Notwendigkeit kann die Existenz erklären – la contingence n’est pas un faux semblant, une apparence qu’on peut dissiper; c’est l’absolu, par conséquent la gratuité parfaite.“ Die Grundlosigkeit des Seins, aber die Existenz kommt vor der Essenz, man ist einfach nur da und hat alle Möglichkeiten/die Verantwortung, etwas aus sich zu machen: „… ich selbst war Teil einer Leinwand, mit der ich mich nicht identifizieren sollte… „: (S. 57) „Solitaire et solidaire,“ hatte Jonas in der gleichnamigen Erzählung von Albert Camus auf seine Leinwand geschrieben.

Das Messen mit den Freundinnen. „Anja holte mich ab wie, pünktlich wie früher.“ Die meisten sind erfolgreich. Erinnerungen an früher.

Im Krankenhaus trifft Annika zufällig Marie-Louise wieder, die ihren Londonbesuch abgebrochen hat, warum auch immer.

In der Bibliothek hat Annika einen Job gefunden. Marie-Louise nimmt sie in ihrem Auto mit. Rummelbesuch.

Ob Marie-Louise für Annika eine Hilfe ist? Bestimmt gibt sie ihr Halt, wobei nicht ausgemacht wer von beiden die Andere mehr braucht. Aber das ist ein Roman, der sich zum Durchlesen in einem Zug (wortwörtlich) wunderbar eignet. Literatur führt eine andere Realität vor. Manches kommt bekannt vor und beide holen zusammen diese Jahre oder Monate zwischen Ausbildung und Berufseinstieg nach, Abschied und Einstieg zugleich. Es ist nicht einfach, sich einen so guten Schreibtstil anzueignen, wörtliche Rede und kurze Beschreibungen wechseln miteinander ab, und die Handlung zieht den Leser zum pfister-dinosaurier-faltenMiterleben in die Geschichte mit hinein. Kristina Pfitzer hat ihren Roman geschrieben, um den Leser miterleben und an der Geschichte teilhaben zu lassen.

Kristina Pfister,
> Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten1. Aufl. 2017, 253 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50159-9

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