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Archiv für die Kategorie 'Klett-Cotta'

Lesebericht: Kristina Pfister, Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten

Montag, 13. Februar 2017

pfister-dinosaurier-faltenKristina Pfister hat ihren ersten Roman geschrieben > Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten.

So eindringlich erzählt: Es geht Annika, die gelangweilt die Wände ihres Wohnheimes anstarrt. Einziger Kontakt, ihre Mutter: „Isst Du auch genug?“ Dann ist da noch ihr Fenster und der Blick auf das gegenüberliegende Zimmer, gleiches Wohnheim, alles gleich, nur spiegelverkehrt und immer voller Besucher. Eines Abends klingelt es bei Annika: Es ist Marie-Louise von gegenüber. Annika lädt sie zur Abschiedsparty ein. Marie-Louise zögert duscht erst mal und lässt sich ein zweites Mal bitten. Der viel Alkohol, der Zigarettenqualm, der Sprung vom Bungalowdach, Marie-Louise schläft bis ein Uhr nachmittags und will nur noch heim.

Wieder zu Hause. Zusammen mit Bruder und Mutter. Dann kommt die Szene im Wald. Eine Bank für Spaziergänger: „Ich saß da, mit angewinkelten Beinen und atmete.“ und „Ich stellte mir vor, wie ich mit der Bank verschmelzen würde…“ klar, die Autorin kennt Sartres Roquentin in La nausée dt. Der Ekel nur zu gut, wo der Held sich auf eine Bank unter einem Kastanienbaum niederlässt. Heute sagt man dazu, Bewußtseinsklärung oder Selbstfindungsprozess. „Et puis voilà: tout d’un coup, c’était là, c’était clair comme le jour: l’existence s’était soudain dévoilée. – Die Existenz war aufeinmal aufgedeckt. – Elle avait perdu son allure inoffensive de catégorie abstraite : c’était la pâte même des choses, cette racine était pétrie dans l’existence.“ Es geht um die Kontingenz, das Abolute „L’essentiel c’est la contingence. Je veux dire que, par définition, l’existence n’est pas la nécessité. Exister, c’est être là, simplement; les existants apparaissent, se laissent rencontrer, mais on ne peut jamais les déduire. Il y a des gens, je crois, qui ont compris ça. Seulement ils ont essayé de surmonter cette contingence en inventant un être nécessaire et cause de soi. Or, aucun être nécessaire ne peut expliquer l’existence – Keine Notwendigkeit kann die Existenz erklären – la contingence n’est pas un faux semblant, une apparence qu’on peut dissiper; c’est l’absolu, par conséquent la gratuité parfaite.“ Die Grundlosigkeit des Seins, aber die Existenz kommt vor der Essenz, man ist einfach nur da und hat alle Möglichkeiten/die Verantwortung, etwas aus sich zu machen: „… ich selbst war Teil einer Leinwand, mit der ich mich nicht identifizieren sollte… „: (S. 57) „Solitaire et solidaire,“ hatte Jonas in der gleichnamigen Erzählung von Albert Camus auf seine Leinwand geschrieben.

Das Messen mit den Freundinnen. „Anja holte mich ab wie, pünktlich wie früher.“ Die meisten sind erfolgreich. Erinnerungen an früher.

Im Krankenhaus trifft Annika zufällig Marie-Louise wieder, die ihren Londonbesuch abgebrochen hat, warum auch immer.

In der Bibliothek hat Annika einen Job gefunden. Marie-Louise nimmt sie in ihrem Auto mit. Rummelbesuch.

Ob Marie-Louise für Annika eine Hilfe ist? Bestimmt gibt sie ihr Halt, wobei nicht ausgemacht wer von beiden die Andere mehr braucht. Aber das ist ein Roman, der sich zum Durchlesen in einem Zug (wortwörtlich) wunderbar eignet. Literatur führt eine andere Realität vor. Manches kommt bekannt vor und beide holen zusammen diese Jahre oder Monate zwischen Ausbildung und Berufseinstieg nach, Abschied und Einstieg zugleich. Es ist nicht einfach, sich einen so guten Schreibtstil anzueignen, wörtliche Rede und kurze Beschreibungen wechseln miteinander ab, und die Handlung zieht den Leser zum pfister-dinosaurier-faltenMiterleben in die Geschichte mit hinein. Kristina Pfitzer hat ihren Roman geschrieben, um den Leser miterleben und an der Geschichte teilhaben zu lassen.

Kristina Pfister,
> Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten1. Aufl. 2017, 253 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50159-9

Das Herbstprogramm 2016 von Klett-Cotta und Tropen

Dienstag, 26. April 2016

Wir lesen noch die Bücher aus dem Frühjahrsprogramm und das Video > Nachgefragt. Jörg Magenau, > Princeton 66. Die abenteuerliche Reise der Gruppe 47, das wir auf der Leipziger Buchmesse aufgenommen haben, muss auch noch geschnitten werden. Und am 28. Mai erscheint von Peter Nichols, > Die Sommer mit Lulu.

klett-cotta-bellestristik-herbst-2016klett-cotta-tropen-herbst-2016klett-cotta-fantasy-herbst-2016
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Das neue Jahr hat erst angefangen, der Winter ist immer noch nicht so richtig vorbei, den Weihnachtswunsch-zettel 2015 haben auch noch nicht alle abgearbeitet, und da kommen schon die Herbstvorschauen, Buchmesse in Frankfurt, erster Frost. Noch sind wir aber nicht so weit.

sweeney-nestSchlagen wir die Vorschauen einmal auf: > Klett-Cotta Belletristik Herbst 2016

Am 29.10.2016 wird der Roman von Cynthia D’Aprix Sweeney > Das Nest in der Übersetzung von Nicolai von Schweder-Schreiner erscheinen. Melody, Jack, Bea und Leo sind Geschwister. Mitten im Leben, so um die Vierzuig. Eines Tages kommt es zum Erbe. Wenn das aber ausbleibt? Wie das liebe Geld alles durcheinanderwirbelt.

Planen Sie > Ihren Herbsturlaub am besten rund um > Tropen Herbst 2016. Wenn Sie diese Vorschau aufschlagen, haben Sie schon angefangen, auf die Bücher zu warten.ramadan-hotel-jasminAm 27.8.2106 erscheint Jasmin Ramadans Roman > Hotel Jasmin.Rolan hat mit seiner Mutter abgeschlossen. Als man die Grundschullehrerin Christiane Tarpenbek beschuldigt, eine somalische Schülerin beleidigt zu haben, sieht der Sohn sie unter einem andren Blickwinkel. Es geht um die Selbstfindung einer Mutter in einer zunehmend rassistischen Gesellschaft. Sie bricht aus, reist nach Kairo und findet jemanden, der ihre Sorgen endlich versteht.

Schon auf den ersten Seiten > Klett-Cotta Fantasy Herbst 32016 steht die Ankündigung zu > Band 3: »Die Königin der Flammen« nach dem großen Erfolg von > »Das Lied des Blutes« und »Der Herr des Turmes« von Anthony Ryann: ryan-königin-der-flammen. In diesem Abschlussband der Rabenschatten-Trilogie muss Kämpfer Vaelin Al Sorna, mittlerweile Herr über die Schlachten des Reiches, seiner Königin Lyrna beistehen, um ihr Reich zu retten. Seine besondere Gabe, »das Lied« in seinem Blut, verklingt langsam. Wird es reichen, um die tückischen Feinde abzuwehren? Im fernen Volaria zieht eine neue Bedrohung auf, die die ganze Welt in Chaos und Vernichtung stürzen könnte. Ein neuer Feldzug ist nicht mehr zu vermeiden.

schweizer-islam-verstehenIm Segement > Klett-Cotta Sachbuch erscheint der Band von Gerhard Schweizer > Islam verstehen.Geschichte, Kultur und Politik wird Ende Juni bei Klett-Cotta erscheinen: „Das Standardwerk – für alle politisch wie zeitgeschichtlich Interessierten, die den Islam verstehen wollen,“ steht auf der Website von Klett-Cotta.

Sein Band > Syrien verstehen Geschichte. Gesellschaft und Religion ist kürzlich in einer 2. Auflage erschienen.

brisch-bindungstraumatisierungenDie Vorschau Klett-Cotta Fachbuch Herbst 2016 kündigt mehrere Titel an, die zur aktuellen Flüchtlingsdebatte passen, so u. a. > Karl Heinz Brisch (Hrsg.)
> Bindungstraumatisierungen. Wenn Bindungspersonen zu Tätern werden „Bindungstraumatisierungen gehören zu den schwersten Traumatisierungen überhaupt. Sie haben langfristige und gravierende Auswirkungen auf alle psychischen, sozialen und körperlichen Bereiche des Betroffenen. Es entstehen pathologische Bindungen des Opfers an den Täter, Erkrankungen mit dissoziativer Symptomatik und andere Muster von Bindungsstörungen,“ heißt es in der Verlagsankündigung.

Vgl. > Lesebericht: Karl Heinz Brisch (Hg.), Bindung und Migration

> http://www.klett-cotta.de/downloads

Nachgefragt: Jan Snela, Milchgesicht

Freitag, 15. April 2016

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Jan Snela stammt aus München, er ist in Tübingen und Stuttgart zu Hause. Er hat Komparatistik, Slavistik und Rhetorik in München und Tübingen studiert. Im Sommersemester 2013 lehrte er Literarisches Schreiben an der Uni Heidelberg. Er ist Gewinner des Literatur-Nachwuchswettbewerbs Open Mike der Berliner Literaturwerkstatt. Und war in 2012 bei der Mikrolesung in der Stuttgarter Stadtbücherei zu Gast. jan-snela-video. Sein jüngst bei Klett-Cotta erschienenes Buch > Milchgesicht trägt den Untertitel Ein Bestiarium der Liebe. Ein Bestiarium (kommt von bestia – wildes Tier). Da gibt es das Bestiarium von Richard de Fournival aus dem 13. Jahrhundert, dessen Tiergeschichten von der Liebe handeln, um dem Leser zu zeigen, wie er die Gunst einer Dame erringen kann. Guillaume Apollinaires „Le bestiaire ou le cortège d’Orphée“ (1911) Franz Bleis „Großes Bestiarium der modernen Literatur“ (1924) sind Beispiele aus dem 20. Jahrhundert. Wie ist der Untertitel Ein Bestiarium der Liebe seines Buches Milchgesicht zu verstehen? Liebe wird hier mit Tieren in eine enge Verbindung gebracht:

Eine Geschichte heißt Das Wiesel, das Henri zwischen zwei Gehwegplatten zuläuft. Wiesel oder Hermine? Diese viel zu kurze Frage wird der Geschichte nicht gerecht.

Auf unserem Blog steht: „Das hat Jan Snela nicht eben mal geschrieben, das ist schon echt harte Arbeit, da wurde gefeilt und gehobelt und dieses Werkeln am Text…“ stimmt das? wollten wir wissen.

Schreiben Sie oder komponieren Sie ihre Stücke? haben wir Jan Snela gefragt. Sein Buch enthält 10 Kurzgeschichten, kurze und längere Miniaturen, Novellen, oder gar nur ein Text, wie nennen Sie diese Kurzform am liebsten? haben wir ihn gefragt.

„Milchgesicht“ heiß die erste Geschichte. Beim Antesten von Büchern, lese ich die ersten Seiten immer laut vor, das rate ich auch den Lesern… „Es war ein Mittwoch und Zeit für mein Milchbad.“ Warum ein Milchbad? Gesundheitliche Gründe, Kosmetische Gründe? Frust, weil Karen ausgezogen war? Wenn Sie diese Geschichte gelesen haben, werden Sie in jeder Tankstelle unwillkürlich danach gucken, ob noch genug Milch im Regal steht. Hier in Milchgesicht geht es um einen Kaufvorgang, den der Autor en détail beschreibt, wie im Nouveau Roman, jede Einzelheit zählt, Milch muss her, oder geht es um mehr? Die verflossene Liebe verwinden?

SPOOK SPEAKER in der U-Bahn lesen, sich von den Artikeln verschlingen lassen die Schöne drei Sitzgruppen weiter: „Ich war ihr bereits verfallen.“ – Dann kommt wieder eine Haltestelle: „Die S-Bahn setzte sich ruckelnd erneut in Bewegung, nun merr fast leer. Die Schöne und ich waren waren allein im Abteil zurückgeblieben.“ Später fragt sie: „Gehn wir zu Dir?“ Und er nannte sie einfach mal Ruth, die sich durchs Fenster rettete, als Kirstin schon zu hören war. Eine Zufallsbekanntschaft, die spannende Geschichte einer Zufallsbekanntschaft?

„Eine Vigilie“. Die wilde Nacht mit Amalie. Der Autor dieses Buches hat wahrscheinlich in Paris studiert. Schließlich war es doch nicht so schwer, Amalie rumzukriegen, sie trug per (Liebes)Briefchen dazu bei „Und bist du prêt?“ Amalie lebt frugan und, die Kerze auf dem Fußboden, langwierige Vorbereitungen, bis sie endlich zusammenkommen, bis Amalie so weit ist.

DAS WIESEL wird für Hermine zur Konkurrenz, weil es alle Aufmerksamkeit bekommt und schließlich auch mal weg ist, dann wieder kommt, und dem Erzähler fürs Leben sinnstiftend erscheint, so dass Henris Doktorarbeit bleibt, wo sie gerade ist.

Baudelaire sagte in seiner Verteidigungsschrift von seiner Gedichtsammlung, sie forme ein Ganzes und nur dadurch könne die Moralität seines Werkes verstanden werden. Ist das hier auch so? Insgesamt ein Liebesroman? Sie erzählen ganz verschiedene Situationen, die aber alle irgendwie aufeinander verweisen? Wie oder mit welchem Ziel?

Snelas Schreibstil verleitet zum Vorlesen. Die Maulprobe nach Flaubert hatte die erste Geschichte Milchgesicht bestens passieren lassen. Manchmal bekommt dann doch wieder das nüchterne Erzählen die Oberhand über einen skurrilen Stil. Wir wollten von ihm wissen, wie er seinen Schreibstil nennt.

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Jan Snela
> Milchgesicht
Ein Bestiarium der Liebe
ISBN: 978-3-608-98307-4

Lesebericht: Sandro Veronesi, Fluchtwege

Freitag, 15. April 2016

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Was einem an einem Tag alles so passieren kann, wenn wirklich jeder Moment schiefgeht, kennen Sie das? Man steht morgen auf, hat einen Plan für den Tag und landet im absoluten Chaos, das sich ständig selbst potenziert. Pietro Paladini hat seine Angelegenheit eigentlich prima geordnet. Seine Geschäfte laufen gut, keine Klagen. Pietro hat außer seiner Familie noch eine Freundin D. Plötzlich häufen sich die Probleme mit seiner Tochter Claudia, sein Bruder wird polizeilich gesucht, und dann kommt ihm sein Geschäftspartner Lello, richtig Raffale Pica, abhanden. Flucht, weg ist er, und es wird klar, dass er allen Grund hatte, das Weite zu suchen.

Es geht um Autos, die sie wegen unbezahlter Ratenverträgen wieder zurückholen und erneut verkaufen. Heute muss er das ungewöhnlicherweise einmal alleine machen und erlebt, wie das einzuziehende Auto und Dame, die es herausgeben sollte, mit hoher Geschwindigkeit davonbrausen. Sein Handy hat er bei ihr liegenlassen. Pietro so schnell hinterher, was ihm den Führerschein und eine saftige Geldstrafe kostet. Damit ist der Tag noch nicht zu Ende. Das versteht auch Pietro, der im Büro ein noch größeres Chaos entdeckt, als nach der Durchsuchung der Geschäftsräume das Finanzamt alles beschlagnahmt und mitgenommen hat. „Das wird eine Außenprüfung sein“, versucht Pietro als Erklärung. Um mit Lello in Kontakt zu treten, muss Pietro einen Internetshp aufsuchen: Pitro ist kein Internet-Liebhaber: „Dadurch, dass im Internet alles auf der gleichen Ebene und gleich weit weg ist, hat man das Gefühl, man habe im die Gelegenheit, sein Leben zu ändern, dem zu Trotz, was man eigentlich tun müsste.“ (S. 130) Guter Satz! Lello korrespondiert mit ihm nur noch über die Entwurfsfunktion von Google Mail.

Das ungestüme Schreiben von Veronesi berichtet ziemlich atemlos jedes Detail und zieht den Leser in Pietros aufeinderfolgende Unglücke hinein. Auch den andren Figuren ergeht es kaum besser, Marco Tardioli (Kap. 10 liest sich wie eine eigene Kurzgeschichte in Dramafrom) reist nach Australien, lernt die hübsche Marlene kennen, sie ist unbefreundet und Marco vermasselt durch seine eigene Dummheit ein hoffnungsvolles Rendezvous.

Pietro muss alle möglichen Leute auch von früher (re) aktivieren, um aus dem diesem Schlamassel irgendwie herauszukommen. Ein Tag im Leben des Pietro hat wirklich alles für ihn verändert. Andere helfen ihm zwar, machen aber seine Probleme nicht so recht zu den Ihrigen.

D. heißt Dianette – nach der Antibabypille, die bei ihrer Mutter nicht funktionierte. Später hat sie den Namen auf Diana ändern lassen, unser Erzähler bevorzugt Di‘ auf römische Art. Es sind die schnellen Dialoge, die immer wieder an Stelle von Beschreibungen die Handlung vorantreiben. Dann kommt es zu Streit, beide werden handgreiflich, D: reist ab. Adieu. Pietro wendet sich an früherer Freunde, die schon Bescheid wissen. Enrico: „Verkaufst Du immer noch gestohlene Autos in Rom?“. (D. 258) Schließlich sucht Pietro Rechtsbeistand.

Wenn Ihnen Chaos und das Gefühl eine Hiobsbotschaft generiert gleich die nächste bekannt ist, und Sie neugierig sind, wie andere die Achterbahn des Lebens beherrschen, dann ist dieses Buch für Sie genau richtig.

Sandro Veronesi,
> Fluchtwege
Roman aus dem Italienischen von Michael von Killisch-Horn (Orig.: Terre rare, Bompani, Mailand)
1. Aufl. 2016, 416 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98035-6


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> Nachgefragt: Sandro Veronesi, Die Berührten

In unserem > Lesebericht hieß es: „Sein Erzählstil fällt auf, er betreut den Leser geradezu: „Sehen wir Mète ein bisschen bei seiner lautlosen Tätigkeit zu…“ und unterbricht die Beschreibung, wenn plötzlich die Handlung wieder einsetzt: „Doch jetzt kommt Mète zurück…“ (S. 8) Die Liebe treibt Mète jedoch immer zerstörerischer in die Nähe zu seiner sinnlich-verführerischen Halbschwester Belinda. Als die Eltern der beiden ihre Hochzeitsreise antreten, zieht Belinda bei ihm ein. Und damit ist die Katastrophe nicht mehr abzuwenden. Sandro Veronesis Roman ist nicht nur die Geschichte einer zerstörerischen Liebe, sondern gleichermaßen ein faszinierendes Gesellschafts- und Großstadtpanorama. Und die Geschichte beginnt in Rom. Auf dem Corso Vittorio „Mal ist sie die Bühne für einen Banküberfall, mal eine sonnige Strandpromenade…“ (S. 21)

Sandro Veronesi
> Die Berührten
1. Aufl. 2014, aus dem Italienischen von Michael von Killisch-Horn, 384 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-93993-4


Lesebericht: Boris Johnson, Der Churchill-Faktor

Montag, 18. Januar 2016

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Hm, ein bisschen lang, aber der Autor dieses Beitrags hat sich nur auf die auf die allerwesentlichsten Leseergebnisse aus diesem Buch beschränkt; aber die Anregungen durch Johnsons Buch, Quellen nachzulesen, konnte der Autor sich nicht verkneifen und schließlich beantwortet er als Zusammenfassung dieses langen Artikels die Frage, warum Boris Johnson dieses Buch verfasst hat.

Sir Winston Leonard Spencer-Churchill (1874-1965) war Kriegsberichterstatter, Abgeordneter ab 1901, wechselte 1904 von den Torys zu den Whigs, Unterstaatssekretär für die Kolonien (1905–1908), Handels- (1908–1910) und Innenminister (1910–1911), 1911 wird er Marineminister, nach einer Pause wird er 1917 Munitionsminister, nach dem Krieg ist er nacheinander Kriegs-, des Luftfahrt- und Kolonialminister, 1924 geht er wieder zu den Torys wird Schatzkanzler bis 1929. in den folgenden Jahren betätigt er sich u. a. als Maler mit einem erstaunlichen Talent:

> Painting: The hobby that saved Winston Churchill’s sanity EXPRESS, 19 Dezember 2014

> Churchill, The Artist *** by Jonas Weir auf der Website Missoury LIFE

> National Churchill Museum Current & Upcoming Exhibits – Westminster College | 501 Westminster Avenue | Fulton, Missouri 65251-1299 |

1939 wird er Ersten Lords der Admiralität (=Marineminister). AM 10. Mai 1940 wird er Premierminister und auch Kriegsminister bis 1945. Wieder Premierminister 1951-1953. 1955 und 1959 wurde er als Abgeordneter wiedergewählt, so war über 60 Jahre lang Mitglied des Parlaments.

Der Bürgermeister von London, Boris Johnson, hat eine spannende Biographie verfasst: > Der Churchill-Faktor, die auch als eine politische Geschichte des 20. Jahrhunderts bis 1965 gelesen werden kann.

Sein Enkel Nicholas Soames versucht, Johnson zu erklären, sein Großvater sei „ein ganz normaler Mensch gewesen“ (S. 396), das fällt ihm nicht schwer, aber so recht glauben kann man das nicht. Churchill hat unglaubliche Tiefen und Höhen erlebt. Als Kriegsberichterstatter z.B. im Zeiten Burenkrieg immer an vorderster Front, kaum hob das erste Flugzeug ab, war er mit dabei und begann schon 1901 seine Karriere als Abgeordneter und übernahm nacheinander fast jedes Ministeramt, erfand den Panzer mit deren Auftauchen er den Deutschen bei Amiens im ersten Weltkrieg einen gewaltigen Schrecken und hohe Verluste beibrachte. Er führte England in den Krieg gegen Hitler und schaffte es, die USA zum Kriegseintritt zu bewegen. Kapitel 15: Ein Roulettespiel mit der Geschichte zählt die Niederlagen auf, aus denen Churchill fast immer unbeschadet herauskam, Niederlagen, die kein anderer Politiker überlebt hätte. Eine Südfront im Ersten Weltkrieg eröffnen? Die Idee war gut, das Scheitern riesig, aber „Er hatte die richtige Grundidee“, (S. 242), die Rückkehr zum Goldstandard, von dem es erst durch allen möglichen Druck 1931 gelöst wurde, war ein Fiasko. Sein Versuch, die indische Selbstverwaltung zu verhindern, wurde eine seiner größten Niederlagen, jedoch wussten wohl auch seine Gegner, dass Churchills Prophezeiungen nicht ganz falsch waren. Und dann die Affäre von König Edward VIII. mit Wallis Simpson im Spätherbst 1936, nicht der König müsse zurücktreten, sondern die Minister, die damit ein Problem hätten, versuchte Churchill den Abgeordneten zu erklären, bevor er seine Rede wegen des aufbrandenden Geschreis im Unterhaus abbrechen musste: „Keine Katastrophe berührte auch nur annähernd eine Integrität,“(S. 252) stellt Johnson fest.

Schade, oft folgt auf unserem Blog unseren Leseberichten ein Nachgefragt… mit einem Interview des Autors. Das geht leider nicht so schnell.

Daher dieses Tweet:

Seinem unglaubliches Wissen, seiner Belesenheit und politischen Erfahrung hatten seine Gegner nicht viel entgegenzusetzen. 1911 verfasste er ein kurzes > Memorandum über den Verlauf des Ersten Weltkrieges: „Military Aspects of the Continental Problem“ (vgl. S. 253 f)… in: Winston Churchill, > The World Crisis, 1911-1918, London: Simon and Schuster 2005, S. 39-41. 40 Tage werde der Konflikt dauern, sah Churchill voraus, bis die Deutschen gestoppt wurden. Am 41. Tag verlor Deutschland tatsächlich die Marne-Schlacht.

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Churchill im Gegensatz zu den Appeasement-Politikern erkannte früh „die elementare Grausamkeit des Regimes“ (S. 255) der Nazis. Churchill veröffentlichte 1935 in The Strand Magazine den Artikel „The Truth about Htler“ – dazu: > Finest Hour Comparative Texts – “The Truth about Hitler,” 1935 “Hitler and His Choice,” 1937 – Chruchill schrieb u.a.: „Hitler’s success, and, indeed, his survival as a political force, would not have been possible but for the lethargy and folly of the French and British Governments since the War, and especially in the last three years.“ Er ahnte was passieren wird: „But the internal stresses are even more striking. The Jews, supposed to have contributed, by a disloyal and pacifist influence, to the collapse of Germany at the end of the Great War, were also deemed to be the main prop of communism and the authors of defeatist doctrines in every form. Therefore, the Jews of Germany, a community numbered by many hundreds of thousands, were to be stripped of all power, driven from every position in public and social life, expelled from the professions, silenced in the Press, and declared a foul and odious race.“

Johnson beschreibt im Kapitel 17 „Buhlen um Amerika“ wie Churchill im Dezember 1941 in die USA reist und mit seiner Rede vor dem Kongress versucht, Amerika den Kriegseintritt nahezulegen:

…das hatte er schon am 18. Mai 1940 seinem Sohn Randolph erklärt: „Ich werde die Vereinigten Staaten hineinziehen.“ (S. 275) Nein, wir stellen uns jetzt nicht vor, was passiert wäre, wenn Churchill nicht als Premierminister zur Verfügung gestanden hätte und Englands und Europas Schicksal…? Gut, dass der Historiker nie, was wäre gewesen wenn fragen soll.

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Churchill prägte den Begriff vom Eisernen Vorhang: Zwei Reden Churchills haben eine ganz besondere Bedeutung: die > “Iron Curtain” Speech in Fulton, Missouri (1946), sie „ist im modernen politischen Diskurs etwas Einzigartiges,“ (S. 323 ff) schreibt Johnson und zitiert aus der Rede:

„But we must never cease to proclaim in fearless tones the great principles of freedom and the rights of man which are the joint inheritance of the English-speaking world and which through Magna Carta, the Bill of Rights, the Habeas Corpus, trial by jury, and the English common law find their most famous expression in the American Declaration of Independence.“

Und „From Stettin in the Baltic to Trieste in the Adriatic, an iron curtain has descended across the Continent. Behind that line lie all the capitals of the ancient states of Central and Eastern Europe. Warsaw, Berlin, Prague, Vienna, Budapest, Belgrade, Bucharest and Sofia, all these famous cities and the populations around them lie in what I must call the Soviet sphere, and all are subject in one form or another, not only to Soviet influence but to a very high and, in many cases, increasing measure of control from Moscow. “

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Und die zweite besondere Rede, ist die, die er in Zürich gehalten hat: > Europa-Rede in der Universität Zürich am 19. September 1946. Er beklagt den Beginn des Kalten Krieges und fordert: „Yet all the while there is a remedy which, if it were generally and spontaneously adopted by the great majority of people in many lands, would as if by a miracle transform the whole scene, and would in a few years make all EUrope, or the greater part of it, as free and as happy as Switzerland is today. What is this sovereign remedy? It is to recreate the European Family, or as much of it as we can, and to provide it with a structure under which it can dwell in peace, in safety and in freedom. We must build a kind of United States of Europe. In this way only will hundreds of millions of toilers be able to regain the simple joys and hopes which make life worth living. The process is simple. All that is needed is the resolve of hundreds of millions of men and women to do right instead of wrong and to gain as their reward blessing instead of cursing.“ Und er sagte auch: „Germany must be deprived of the power to rearm and make another aggressive war. But when all this has been done, as it will be done, as it is being done, then there must be an end to retribution.“ und fügte hinzu: „I am now going to say something that will astonish you. The first step in the re-creation of the European Family must be a partnership between France and Germany. In this way only can France recover the moral and cultural leadership of Europe. There can be no revival of Europe without a spiritually great France and a spiritually great Germany. The structure of the United States of Europe, if well and truly built, will be such as to make the material strength of a single state less important. Small nations will count as much as large ones and gain their honour by their contribution to the common cause. The ancient states and principalities of Germany, freely joined together for mutual convenience in a federal system, might take their individual places among the United States of Europe.“ = „Ich sage Ihnen jetzt etwas, das Sie erstaunen wird. Der erste Schritt zu einer Neuschöpfung der europäischen Völkerfamilie muss eine Partnerschaft zwischen Frankreich und Deutschland sein. Nur so kann Frankreich seine moralische und kulturelle Führerrolle in Europa wiedererlangen. Es gibt kein Wiederaufleben Europas ohne ein geistig großes Frankreich und ein geistig großes Deutschland. Wenn das Gefüge der Vereinigten Staaten von Europa gut und richtig gebaut wird, so wird die materielle Stärke eines einzelnen Staates weniger wichtig sein.“

> Winston Churchill’s Zurich speech


<<<< Die > Tweets von ChurchillMuseum

> What Did Churchill Mean by “A United States of Europe”? – Website des National Chruchill Museum

So jetzt kommen wir zu der Frage, warum hat Boris Johnson dieses Buch geschrieben?

Erstmal natürlich um diesen erstaunlichen Politiker und seine Karriere zu würdigen. Loyal, integer, auch wenn er manchmal nicht nur für die Opposition sondern auch für die eigenen Gefolgsleute über die Stränge schlug, immer nicht nur im Krieg an vorderster Front, zweimal musste der König ihn schriftlich bitten, die Landung am D-Day nicht von einem der ersten Schiffe aus zu beobachten. Ein ungeheurer Sprachschatz stand Churchill zur Verfügung, der ihn zu einer beeindruckenden Produktion von Texten verleitete. Aber nochmal, warum schrieb Johnson dieses Buch?

boris-johnson-churchillEuropa lautet das Stichwort. Gerade hadert England mal wieder mit der EU, und es steht sogar ein Volksentscheid an. Da kommt es wie gelegen, dass Johnson mit dem Kapitel 20 „Churchill, der Europäer“, an das „sperrige Thema der britischen Beziehungen zu ‚Europa'“ (S. 334) erinnert. Der Reihe nach: Die Befürworter und die Gegner Europas finden viele Argumente bei Churchill. Sieht man genauer hin, lichtet sich der Nebel, und Churchills klare Haltung wird erkennbar, mit der wiederum beide Seiten eigentlich auch zufrieden sein müssten. 1950. Der französische Außenminister Robert Schumann ruft die Journalisten zu einer improvisierten Pressekonferenz und verkündet ihnen die > Montan-Union, die Einrichtung einer supranationalen Behörde, die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, kurz offiziell EGKS. Belgien, die Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und die Niederlande vereinbarten einen zollfreien Zugang zu Kohle und Stahl. Die gemeinsame Hohe Behörde konnte gemeinsame Regelungen für alle Mitgliedstaaten treffen. England musste darauf eine Antwort finden. Während der Verhandlungen war Churchill noch in der Opposition und in seiner Rede > Rede anlässlich der Diskussion um den Schumann-Plan am 28. Mai 1950 = > FOREIGN AFFAIRSHC Deb 28 March 1950 vol 473 cc189-333 (vgl. Johnson, S. 342 ff.) verband er mit der Montan-Union die Hoffnung auf bessere Zeiten: „We are nearly all of us now agreed in seeking the unity and restoration of Europe as a great hope for the future. We cannot do this without the aid of the Germans. The strong German race, which, during the last 40 years, we and our Allies twice fought and defeated, have now the opportunity of rendering an immense service to mankind. Having submitted to internal tyranny and brought measureless suffering upon us all, and especially themselves, they now have a chance of redeeming the German name by helping to repair what has happened in the past and by playing their part—and it might be a great one—in lifting the civilisation of Europe to a level where its old glories may revive and where the various forms of tolerant freedom and resulting happiness and culture may be restored.“ Klar und deutlich:“There can be no hope for a United Europe without Germany, and there is no hope for Germany except within a free and United Europe.“ und „When I spoke at Zürich nearly four years ago, I said it would be the proud duty of France to stretch forth her hand and lead Germany back into the European family.“ England sollte mit dabei sein: „Some will call Dr. Adenauer’s proposal for an economic union between Germany and France premature, unsure, only partly thought out. Surely, however, it lies near the root of the matter. What we want is far more than that, but these two speeches by General de Gaulle and Dr. Adenauer together constitute a memorable event.

Here is the forward path along which we must march if the thousand-year feud between Gaul and Teuton is to pass from its fierce destructive life into the fading romance of history. Here are two men who have fought and struggled on opposite sides through the utmost stresses of our times and both see clearly the guidance they should give. Do not let all this be cast away for small thoughts and wasteful recriminations and memories which, if they are not to be buried, may ruin the lives of our children and our children’s children. It may be that this year, 1950, on which we have entered in so much perplexity and dispute, can be made the occasion for launching Europe on its voyage to peace with honour. Let us make sure that we play our part in turning thought into action and action into fame.“ Es kam anders. Aus der Opposition heraus konnte Churchill die Regierung nicht überzeugen, an der Montan-Union teilzunehmen. Was wäre geworden, wenn Churchill 1950 Premierminister gewesen wäre? Johnsons Argumente resümieren wir hier nur kurz, möglicherweise hätte England bei der Montan-Union mitgemacht – zu englischen Bedingungen, um „die Rolle als Sponsor, des Zeugen, nicht die der beteiligten Partei“ zu spielen. Die Gegner Europas haben es leicht, bei Churchill ihre Argumente zu finden, solange sie auswählen und nicht alles lesen: 1930 steht in einem Zeitungsartikel von Churchill etwas über die drei Rollen Großbritanniens: Europäische Nation, Mittelpunkt des British Empires und Partnerland der englischsprachigen Welt – alles gleichzeitig. (vgl. S. 347)… Wäre Churchill 1948 Premierminister geworden, dann hätte er Europa seinen Churchill-Faktor aufgedrückt, dann wäre ein EU-Modell entstanden, angelsächsischer orientiert und demokratischer. (vgl. S. 348) Also, aus diesem Buch können Europakritiker in England lernen, wieso die EU und der Gedanke der Vereinigten Staaten von Europa wichtig ist, und die Befürworter können lernen, wie sie ihre Position noch besser vertreten können.

Wieder ein zu langer Lesebericht, der aber durch dieses spannende Buch gerechtfertigt ist. Erst wenn man die Person Churchills in den beiden Weltkriegen kennengelernt hat, wenn man mit seine ungeheuren politischen Erfahrung vertraut ist, kann man sein Engagement für Europa verstehen. Die Länder sollte nie wieder Krieg miteinander führen, (vgl. S. 349) Und er nahm für sich in Anspruch, die Idee für den Gemeinsamen Markt gehabt zu haben. Das Bündnis zwischen Frankreich und Deutschland (Link von der Red. hinzugefügt, H.W.) war ihm genauso wichtig wie ein „Freihandel in einer riesigen Zone“. (S. 350)

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Boris Johnson,
> Der Churchill-Faktor
Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz und
Werner Roller (Original: The Churchill Factor. How One Man Made History)
2. Druckaufl. 2015, 472 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit zahlreichen s/w Abb. und 3×8 Seiten Tafelteil
ISBN: 978-3-608-94898-1

und noch ein Video – diese lästige Werbung…

Lesebericht: Sven Felix Kellerhoff „Mein Kampf“. Die Karriere eines deutschen Buches

Donnerstag, 14. Januar 2016

Sven Felix Kellerhoff stellt in seinem Band >»Mein Kampf« – Die Karriere eines deutschen Buches den Inhalt von Hitlers Buch vor und berichtet, unter welchen Umständen dieses Pamphlet verfasst wurde, wie oft es in wie vielen Auflagen gedruckt worden ist, welche Wirkung dieses mit Lügen und Geschichtsklitterung durchsetzte Machwerk vor allem auf zögernde Zeitgenossen gehabt hat, von denen sich so manche dann doch den Nazis anschlossen.

Lange hat der Freistaat Bayern als Inhaber der Rechte an Hitlers Buch eine offizielle Neuauflage von „Mein Kampf“ verhindert. „Verbote machen attraktiv,“ (S. 9) schreibt Kellerhof und nennt die Folgen der „bayerischen Obstruktion gegen die seriöse Wissenschaft.“ (S. 11)

„Mythen umranken Hitlers Buch; sie wachsen glänzend auf dem Nährboden der Unwissenheit.“ (ib.) Als eine der ärgerlichen Folgen nennt die Fehler und Halbwahrheiten in Daniels Goldhagens Hitlers willige Vollstrecker: „Das wäre kaum geschehen, wenn hierzulande eine kritische Auseinandersetzung mit Hitlers Buch gepflegt würde.“ (S. 12) Rund 80 Biographien zu Hitler berichteten kursorisch aus seinem Buch, überhaupt fehle eine eingehende Analyse von Hitlers Machwerk. Bei seinem Buch fällt der Gemeinplatz ein: Das habe ja kaum jemand gelesen… Kellerhof zeigt in seinem Kapitel „Leser“, dass das offenkundig nicht stimmt und dass nach dem Januar ’33 die Absätze des Bandes erheblich zugenommen haben.

Im Internet und in Antiquariaten war das rassistische, antisemitische und hasserfüllte Pamphlet immer zu haben. Jetzt am 1. Januar 2016 läuft nach 70 Jahren die gesetzliche Schutzfrist durch das Urheberrecht aus. Vor einigen Tagen das Münchner Institut für Zeitgeschichte seinen Band > Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition (hrsg. im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin von Christian Hartmann, Thomas Vordermayer, Othmar Plöckinger, Roman Töppel, unter Mitarbeit von Edith Raim, Pascal Trees, Angelika Reizle, Martina Seewald-Mooser München 2016, ISBN 978-3-9814052-3-1, ca. 2000 Seiten mit farbigen Abbildungen (2 Bände), gebunden, Leinen ohne Schutzumschlag, 59 EURO) vorgestellt.

Im Kapitel „Inhalt“ resümiert Kellerhoff Hitlers Auskünfte über die eigene Biographie und die Grundgedanken des Buches. Wien: „.. die wahren Ursachen für sein selbstgewählt beschiedenes Leben aber verschwieg er.“ (S. 23) Wen wundert es, will doch der Autor sich ins beste Licht stellen, genauso, wie er verschweigt, dass er sich vor dem Wehrdienst im österreichisch-ungarischen Heer gedrückt hat: „Zuverlässigkeit“ S. auch S. 99-129. Mehr Boden für Deutschland, notfalls auch mit einer Allianz mit England, kaum mehr als der Schein eines Wunschdenkens. Dann der „Kampf gegen den“/ und die „Vernichtung des Marxismus“ der die krude und differenzierungslose Ablehnung aller linken Ideen, zu denen auch Bismarcks Sozialgesetzgebung zählte, einschließt. Den Waffenstillstand von 1918 schrieb er Juden, gegen die sein Hass in jenen Tagen entstand, und Marxisten zu. „Volk und Rasse“ sind weitere Stichwörter, die Propaganda. Pressefreiheit, so Kellerhof sei für Hitler nicht mehr als „straflose Volksbelügung und Volksvergiftung“ (S. 37), Beschuldigungen die nur dazu dienten, den eigenen Wahn als zielführend darzustellen. Ablehnung des Parlamentarismus, wie sein unnachgiebiger Hass auf „die Juden“: Ein radikaler, bis zu Vernichtungsfantasien reichender Antisemitismus“, (S. 49) so Kellerhoff, stehen im Zentrum von Hitlers Schrift.

Dann folgen Kellerhoffs Kapitel „Entstehung“, Hitler schrieb das Buch „im Wesentlichen“ (S. 63) selbst, das Kapitel „Quellen“ seines Buches zeigt ein krudes Durcheinander aller möglichen meist Hetztexten von den > Protokollen der Weisen von Zion (Wikipedia), die auf Maurice Joly Dialogue aux Enfers entre Machiavel et Montesquieu, Brüssel 1864, zurückgehen bis zu diversen Büchern von Rassentheoretikern, ohne konkrete Quellenangaben. Im Zentrum von „Mein Kampf“ steht der wahnhafte Hass des Autors gegen die Juden. Niemand wird es wundern, dass Hitlers Angaben und Zahlen zu den Juden im Ersten Weltkrieg erfunden und unhaltbar sind. 1908 sei Hitler auf die „Judenfrage“ (A. Hitler) aufmerksam geworden und habe dann antisemitische Broschüren gelesen. Ein Judenhasser, so Kellerhoff, sei Hitler aber aber erst nach 1919 geworden. (S. 97 f.)

„Mein Kampf“ wurde nicht vorbehaltlos aufgenommen. Kellerhoff zitiert Autoren und Zeitungen vom Bayrischen Vaterland (S. 132) über den Simplicissimus bis zu Sefan Grossman in der Berliner Zeitung wurden dem Autor seine Fehler, seine Geschwätzigkeit oder „pathetischer Blödsinn“ (Grossmann, zit. v. Kellerhoff, S. 134) vorgeworfen. Diese Skizze der Rezeptionsgeschichte von „Mein Kampf“ ist aufschlussreich, wer kritisiert, wer bringt sich auf welche Weise in Stellung gegenüber Hitlers Buch, das Gerhart Hauptmann Ende 1933, so Kellerhoff als „sehr bedeutsame Hitler Bibel“ (S. 153) bezeichnet. Kellerhoffs Ergebnis: Nicht festgelegte Leser habe Hitlers Buch nicht für den Nationalsozialismus gewinne können. (vgl. S. 157) S. auch „Leser“ S. 225-241. Bis 1932, so rechnet Kellerhoff, wurden 225 000 Exemplare verkauft. Von 13. Millionen Mitgliedern der NSDAP konnten nur jeder 60. ein Exemplar des Buche besessen haben.

„Fortsetzung“. Es gibt ein Typoskript mit rund 100 Seiten, das Hitler offenbar im Juni und Juli 1928 diktiert hat und dann unvollendet beiseite gelegt hat. 1958 fand Gerhard L. Weinberg das Manuskript, das irrtümlicherweise von den Amerikanern als „Mein Kampf“ archiviert worden war und fertigte eine Edition an: Hitlers zweites Buch. Ein Dokument aus dem Jahr 1928, Stuttgart 1961.

Bücher generieren oft nicht unerhebliche Erträge für ihre Autoren. Hitler hat an dem Buch und seinen Auflagen gut verdient und verschwand 1935 zumindest für die deutschen Finanzbehörden: „Ertrag“ S. 209-224.

Zu den vielen stilistischen und inhaltlichen Fehlern des Buches passt, dass Hitler 1921 das Programm der NSDAP als unabänderlich bezeichnete: zunächst einmal. Hitler: „Jede weitere Veränderung des Namens oder des Programms wird ein für alle Mal zunächst auf die Dauer von sechs Jahren vermieden.“ (zit. v. Kellerhoff, S. 244, nach Jäckel/Kuhn (Hg.) Hitler 1905-1924, S. 436-438)

Kellerhoffs Fazit: „Mein Kampf“ enthalte kein ausformuliertes politisches Programm, sondern habe „die „Grundzüge seiner Weltanschauung“ dargelegt, die trotz mancher Abweichungen zur Basis seiner Politik ab 1933 wird.

Kellerhoffs Buch wendet sich auch an Schüler in der Oberstufe, denen hier wichtige Zusammenhänge erklärt werden, wodurch sie und Einblicke in das Denken und die verworrenen Ideen von Hitler und die Bedeutung seiner Propaganda, mit der vorgab, seine krude Ideensammlung zu ordnen, erhalten. Für Studenten und die Forschung ist aber die Rezeptionsgeschichte des Buches, die Äußerungen der Zeitgenossen in der Weimarer Republik, die dieses Pamphlet lächerlich machten oder andere, die später wie Gerhart Hauptmann das Buch nobilierten, von besonders großem Interesse. Für eine Vertiefung dieser Rezeptionsgeschichte liefert Kellerhoff sehr wichtige Grundlagen und Anregungen. Seine Angaben zur Geschichte des Buches, seinen Auflagen und Verkaufszahlen sind das Ergebnis einer intensiven und ausführlichen Archivarbeit (S. S. 353). Diese verschiedenen Ansätze seines Buches erlauben es ihm, den Einfluss von Hitlers Pamphlet zu beurteilen. Mit etwas Distanz betrachtet Kellerhof das Unternehmen des Münchner Instituts für Zeitgeschichte mit 2000 Seiten und rund 3500 Anmerkungen, (vgl. S. 315) das sich nicht an ein breites Publikum richten wird, diese Lücke hat er geschlossen.

Sven Felix Kellerhoff
> »Mein Kampf« – Die Karriere eines deutschen Buches
2. Aufl. 2015, 367 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94895-0

Nachgefragt: Nigel Barley, Bali. Das letzte Paradies

Montag, 26. Oktober 2015

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Erst der Lesebericht, dann der Beitrag Nachgefragt… mit Unterstützung > unseres TV-Studios… – das System könnte man ja vielleicht sogar als urheberrechtlich geschützt bezeichnen, da wir es hier seit den ersten Tonbandaufnahmen z. B. mit Peter Bender so halten, und Leseberichte sich gegen > Rezensionen abgrenzen sollen. Dieses Mal fehlt noch der Lesebericht. Den werden wir aber nachholen. Gelesen haben wir das Buch schon – auf der Reise von Blois nach Berlin. „Affen sind den Menschen viel zu ähnlich, als dass sie niedlich wären.“ S. 31 Und der Erzähler erklärt, wie der Haushalt von Walter funktionierte: „Er war eine freie Verführungswirtschaft… Titipan,“ erklärte Walter.“

Auf der Frankfurter Buchmesse haben wir mit dem Anthropologen Nigel Barley nach seinem Buch > Das letzte Paradies, das von den wilden Zwanzigern des vergangenen Jahrhunderts erzählt, gesprochen. Wir haben ihn natürlich vor allem nach Walter Spies (1895-1942), diese schillernde Persönlichkeit befragt und wollten von Barley wissen, ob Bali der Inbegriff exotischer Schönheit, freizügiger Sexualität und beeindruckender Kultur, wirklich so existierte oder ein Mythos war? Künstler kamen in das Inselparadies, die Reichen und Berühmten folgten. Treffpunkt war das Haus von Walter Spies – deutscher Ethnologe, Musiker, Naturforscher und Maler:

Nigel Barley,
> Bali. Das letzte Paradies
Roman, aus dem Englischen von Anke Burger (Original: Island of Demons)
1. Aufl. 2015, 271 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-98028-8

Lesebericht: Urs Augstburger, Kleine Fluchten

Montag, 14. September 2015

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Gerade ist der neue Roman von Urs Augstburger, > Kleine Fluchten erschienen. Rea und Peer sind in die Berge gereist. Dort veranstaltet seine Firma ein Fest, das ihnen und ihrer Ehe bestimmt gut tun wird. Durch einen Zufall ergibt sich für Rea eine Bekanntschaft, die nach einer kurzen Berührung zuerst ganz virtuell bleibt, in der es dann immer mehr online so angenehm knistert (Dazu Shirley P. Glass, Jean Coppock Staeheli, >Die Psychologie der Untreue, Stuttgart: Klett Cotta 2015, S. 56 ff: Die Intimität der sozialen Medien.) Man kennt das, er sitzt dauernd vor seinem PC, Peer ist Softwareentwickler, da fällt einem ständig etwas ein, was gleich verbessert, optimiert werden muss. Natürlich bekommt Peer die „morgendlichen Kämpfe mit den Kindern“ (Moritz und Stina) nicht mit. Kommunikation läuft bei beiden oft nur über SMS. Peer hat eine wilde Zeit in Second Life hinter sich. Dann ist da noch Paula, Reas Schwester mit ihrem Mann Delios. Rea und Peer „verbrachten ihre Tage in komplett verschiedenen Welten“ (S. 27). Die Nordstern-Party beginnt, bei der die neue Chefin von Dan Reisinger eingeführt wird: Dordi Larsson. Auf dem Dach beobachten sie das Feuerwerk.

> www.kleinefluchten-das-buch.com/

Da geschieht es: „Aus der Berührung war ein sanftes Streicheln geworden.“ (S. 39) Dazu Shirley P. Glass, Jean Coppock Staeheli, >Die Psychologie der Untreue, op. cit., S. 42 ff: Wenn die Gefahr einer Grenzüberschreitung größer wird. Sie weicht aus, und als sie sich umdreht, ist der Platz hinter ihr leer. Peer hat nichts bemerkt, sagt aber nach dem Feuerwerk zu Rea: „Dir hat es offenbar besonders gut gefallen.“ (S. 43)

Mit dem Unbekannten beginnt Rea eine E-Mail-Korrespondenz, während Peer im Büro nähere Bekanntschaft mit Dordi Larsson macht, die dafür sorgt, dass er seine Selbständigkeit wieder aufgibt. Während Rea Fotos und Bilder online mit xy austauscht, entwickelt sich langsam aber stetig etwas mit Peer und Dordi: Dazu Shirley P. Glass, Jean Coppock Staeheli, >Die Psychologie der Untreue, op. cit., S. 164 ff: Der Übergang in ein Doppelleben. Beide genießen die Anspielungen, die Versuchungen und verstecken ihre Schwärme voreinander. Beide kalkulieren ihre Chancen, überlegen, was sie vor wem verheimlichen müssen, und alles steigert das Verlangen nach dem Neuen, nach der Abwechslung. Fällt es Peer nicht auf, das Rea plötzlich Facebook liebte und darauf drängte, online zu sein? Obwohl sie Peer angedroht hatte, weg zu sein, wenn er wieder bis spätnachts vor dem Computer hocken würde (vgl. S. 122).


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Shirley P. Glass, Jean Coppock Staeheli,
>Die Psychologie der Untreue
Mit einer Einführung und aus dem Amerikanischen
übersetzt von Susanne Nagel (Original: Not »Just Friends«. Rebuilding Trust and Recovering Your
Sanity After Infidelity)
1. Aufl. 2015, 448 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98047-9


Der Erzähler lässt es sich nicht nehmen, die Beweggründe beider zu untersuchen: „Peer verspürte keine echten Schuldgefühle, er hatte nur gesucht, was zwischen ihm und Rea nicht möglich war,“ (S. 278) während Rea sich die Realisierung ihrer Online-Freundschaft erträumt. Augstburgers feine Beobachtungen zusammen mit den Features des Online-Verkehrs machen dieses Buch zu einer spannenden Lektüre, wenn auch das Muster der > Untreue bei Rea und Peer sich ähnlich entwickelt.



Die Grenzüberschreitungen fangen online an, und Peer erlebt dabei eine große Überraschung, die ihn nur noch tiefer hineinzieht. Der Leser wartet darauf, dass die Wünsche beider sich erfüllen, währenddessen überholt Stina ungewollt ihre Eltern. Während die Eltern sich auf Abwegen tummeln, bahnt sich sich da mehr als etwas zwischen Stina und ihrem Freund Dirk an. Mit 14 ist Stina viel zu jung, befürchtet Rea. Und tatsächlich gibt es Probleme: Party, Alkohol, Fotos und gut dass Nikos, Stinas Cousin, onlinemäßig auf sie aufpasst, mit seinem Wissen den PC von ihrem Freund kontrolliert, und sie, als es eigentlich schon fast zu spät ist, dort rausholt.

Urs Augstburger,
> Kleine Fluchten
Roman
1. Aufl. 2015, 392 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98023-3

So begann unser > Lesebericht: „Urs Augstburger Roman > Als der Regen kam ist ein besonders gelungenes Beispiel, wie ein sehr bedrängendes Problem in literarischer Form vorgestellt und untersucht werden kann. „Für sie, mit den weißen Haaren“ lautet die Widmung des Buches und ist vielleicht als Reverenz an diejenige gedacht, die ihn zu diesem Buch inspiriert hat? Das Buch ist auch ein Essay über Demenzerkrankungen. Helen Nesta ist an Alzheimer erkrankt und befindet sich in einem Pflegeheim. Aus Genua kommend steigt Mauro aus dem Zug, um nach zwei Jahren seine Mutter wieder zu besuchen.“ Bitte weiterlesen.

> Nachgefragt: Urs Augstburger, Als der Regen kam

Urs Augstburger
> Als der Regen kam
Roman
2. Aufl. 2012, 288 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-608-93974-3

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