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Archiv für die Kategorie 'Krimi'

Lesebericht: James Rayburn, Sie werden dich finden

Montag, 27. März 2017

Unser Gastblogger Oliver W. Steinhäuser > www.buchundmedienblog.com hat den Thriller von James Rayburn > Sie werden dich finden für den Klett-Cotta-Blog gelesen:

Whistleblower ist ein starkes Wort, auch wenn es sich so weich spricht. Doch auch wer Geheimnisse anderen Personen zuflüstert, ist ein Verräter. Und Verrat ist gar nicht mehr weich und flüsternd. Verrat ist hart und bricht Vertrauen. Spätestens seit den Veröffentlichungen Edward Snowdens, steht der Begriff des Whistleblowers beinahe als festes Synonym für eine ganze Geschichte und der Historie zur Abhörung von Regierungen durch die National Security Agency. Ein komplizierter Begriff, da er sofort Erwartungen beim Leser auslöst.

Eine solche Verräterin ist auch Kate Swift, die in „Sie werden dich finden“ durch ihr Eingreifen und Stoppen eines Attentats an der Schule ihrer Tochter wieder in den Fokus ihres ehemaligen Arbeitgebers, der CIA, gerät. Jahrelang bewahrte sie sich ein getarntes Leben unterhalb des Radars des Auslandsgeheimdienstes der Vereinigten Staaten. Zum Schutz ihrer Tochter beendet sie den terroristischen Angriff auf die Schule. Die folgende Medienberichterstattung zu ihrem heldenhaften Eingreifen hat zur Folge, dass ihre alten Widersacher erneut auf den Plan gerufen werden und sie mit ihrer Tochter erneut untertauchen muss. Allen voran Lucien Benway, der aufgrund Kates Enthüllungen vor einigen Jahren unehrenwürdig seinen Posten räumen musste. Durch die Flucht nach Thailand erhofft sie sich Hilfe von Harry Hook, einem ehemaligen, nun in Thailand zurückgezogen lebenden Agent. Sie hofft auch, dass er ihr weitere Antworten zu offenen Fragen ihres Lebens liefern kann, denn sie beide verbindet mehr, als Hook vermutet.

Mit seiner Hilfe schafft es Kate tatsächlich als „Tote“ öffentlich von der Bildfläche zu verschwinden. Hook lässt die Absturzstelle eines Flugunglücks dementsprechend präparieren. Doch nicht jeder traut dieser Geschichte.

So kommt ein Parallelstrang ins Spiel.
Der des ausgeschiedenen Agenten Lucien Benway. Auch ihm wird seit dem Flugzeugabsturz mehr mediale Aufmerksamkeit zuteil als ihm lieb ist. Die Presse unterstellt ihm berechtigte Interessen an dem Flugzeugabsturz, dass er den Tod seiner Widersacherin Kate Swift gar selbst eingeleitet hat. All diese einem extrovertierten Journalisten zugespielten Informationen sind wiederum das Werk eines weiteren Akteurs, der Kate um jeden Preis vor Benway schützen möchte und deshalb im Hintergrund seine Fäden spinnt.

Erst beim Verfassen der Rezension
zu „Sie werden dich finden“ wird dem Rezensent bewusst, über wie viele Personen und ihre Lebensgeschichten in dem Buch erzählt wird. Das ist ein positives Zeichen, da es die unbeschwerte Verarbeitung vieler wichtiger Zusammenhänge bedeutet. Die Diversität der Schicksale macht das Buch zu einem spannenden Thriller, dessen Zusammenhänge aufregend komplex sind, dabei jedoch gleichzeitig unbeschwert nachvollziehbar bleiben. Es ist eine Freude, die Ereignisse aus der Außensicht zu beobachten und zu beobachten, welche Eigendynamik Netzwerke erzeugen, welche Synergieeffekte sich herauskristallisieren und welche Auswirkungen das Sähen geplanter Fehlinformationen haben können. All das sind Fakten, die der spionageähnlichen Aura des Buches gut tun und dem Leser vor Augen führen, welch enorme Macht dritte haben, die man für eine Sache arbeiten lässt. Dabei verliert der Leser sich nicht in Details.

Da man vor allem Hook, Kate Swift und ihre Tochter liebgewinnt, vergisst man den Titel des Thrillers leider zu schnell: „Sie werden dich finden“. Ein Titel, der den Ausgang bereits ziemlich deutlich trägt und von dem man viel zu abrupt eingeholt wird.

James Rayburn
> Sie werden dich finden. Thriller
Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann (Orig.: The Truth Itself)
1. Aufl. 2017, 400 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-50378-4

Lesebericht: J. Jefferson Farjeon, Geheimnis in Weiß. Kriminalroman

Donnerstag, 1. Dezember 2016

farjeon-geheimnis-in-weiss
Joseph Jefferson Farjeon (1883–1955) hat sechzig Krimis und Thriller verfasst. Sein Theaterstück »Number Seventeen« wurde von Alfred Hitchcock unter dem gleichnamigen Titel verfilmt.

Weihnachten kann kommen, der Schnee auch. Lassen Sie sich einschneien, aber besorgen Sie sich vorher den Krimi von J . Jefferson Farjeon > Geheimnis in Weiß. Fangen Sie an zu lesen und stellen Sie sich vor, es sei schon der 23.12. Sitzen Sie auch im Abteil dritter Klasse ab Euston um 11 h 37? Los gehts und es kommt wie es kommen muss, das Schneetreiben wird stärker, stärker, die Schneeverwehungen wachsen und der Zug kommt langsam aber sicher zum Stehen. Das ist dann wie in unseren ICEs, wenn es draußen stürmt und drinnen alle auf die Weiterfahrt warten. Bald macht der erste eine Bemerkung, und schon hat jeder eine Verspätungsgeschichte für alle parat. Was aber, wenn der Zug gar nicht mehr weiterfahren will, kein Schaffner vorbeikommt, sich von draußen Stille über das Abteil senkt, die Nacht anbricht?

Zuerst verlässt einer den Zug und wird von den Schneeböen schnell verschluckt. Schließlich wagen sich vier weitere Passagiere nach draußen und stapfen durch den hohen Schnee und verlieren den Zug schnell aus den Augen. Umkehren? Wohin? Jemand fällt hin und verletzt sich. Bis einer hinter oder in einer Schneewehe auf eine Tür stößt, die unverschlossen Einlass in eine Haus bietet. Das Kaminfeuer lodert, der Tisch ist gedeckt, ein Messer liegt auf dem Küchenboden. Die vier ergreifen Besitz von der unverhofften Herberge, zumal der oder die Bewohner sich nicht blicken lassen. Sie untersuchen die Zimmer. Später werden die Gruppe der Vier durch weitere Neuankömmlinge ergänzt, was die Beziehungen aller untereinander erstmal weiter verkompliziert.

Sie sollten sich für diesen Abend nichts weiteres mehr vornehmen, denn je weiter die Geschichte voranschreitet, ums so weniger werden Sie bereit sein, dieses Buch aus der Hand zu legen. Schließlich gibt es die erste Leiche… von der Gesellschaft werden viele noch lange an dieses Weihnachtsfest zurückdenken, bzw. einige es nicht überleben.

Lesevergnügen *****
Krimirate *****
Figurenkonstellation(en) *****

Kommt auf unseren Blog-Weihnachtswunschzettel.

J. Jefferson Farjeon
> Geheimnis in Weiß
Kriminalroman aus dem Englischen von Eike Schönfeld (Orig.: Mystery in White. A Christmas Crime Story) Mit einem Nachwort von Martin Edwards
2. Druckaufl. 2016, 282 Seiten, gebunden, bedruckter Leinenband, Lesebändchen
ISBN: 978-3-608-96102-7

Vorgefragt: Franz Dobler, Ein Schlag ins Gesicht

Freitag, 28. Oktober 2016

dobler-schlag-gesicht-110„Robert Fallner ist ziemlich am Ende. Seinen Job als Kriminalhauptkommissar ist er endgültig los. Seine Frau wohl auch. Zeit für einen Neuanfang, den ihm ausgerechnet sein Bruder, selbst Ex-Bulle und Privatermittler, ermöglicht. Er drängt ihm einen speziellen Fall in seiner Sicherheitsfirma auf: Den Stalker einer bekannten Schauspielerin zu stellen, von dem keiner glaubt, dass es ihn gibt. … “ Robert Fallner ist uns schon als > Der Bulle im Zug bekannt. Mittlerweile hat Franz Dobler 2015 den Deutschen Krimipreis erhalten und Fallner hat gleich seinen zweiten Fall durchstehen müssen. Wieso dauert es so lange, bis Fallner nach 100 Seiten seinen Auftrag erhält? Da gibt es einen Stalker, und auch dazu hat Dobler uns etwas verraten. Wie ist das eigentlich wenn man als DJ über Johnny Cash schreibt, wie kommt man dann zum Krimi? Und wir haben auch über das Milieu gesprochen, in dem der Krimi spielt und über Simone Thomas, die Frauen um Fallner und das Verhältnis zu seinem Bruder Hans.

Franz Dobler
> Ein Schlag ins Gesicht
Kriminalroman
1. Aufl. 2016, 365 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50216-9

Ermittlungsprotokoll: „Ich habe ihn getötet“ von Keigo Higashiono

Mittwoch, 22. Juni 2016

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Was soll man dazu sagen: Ein bekannter Drehbuchautor wird am Tag seiner Hochzeit vergiftet und bricht auf dem Weg zum Traualtar in der Kirche zusammen und stirbt. Als Täter kommen drei Menschen aus seinem Umfeld in Frage. Jeder von ihnen hatte offensichtlich die Gelegenheit dazu, sein Schnupfenmedikament durch eine Giftkapsel zu tauschen. Und jeder dieser Tatverdächtigen hat ein Motiv!

Wir erfahren aus den Ich-Perspektiven der Darsteller, was sich zugetragen hat. Jeder einzelne von ihnen kommt zu Wort, schildert seine Eindrücke und lässt uns an der Geschichte teilhaben. Doch passen Sie auf: Keiner der Beteiligten verbreitet falsche Informationen in den erzählenden Teilen seiner Ich-Perspektive. Das gilt jedoch nicht mehr für die direkte Rede, in der jeder sich nur zu seines Gunsten äußert.
higashino-getoetetEin wunderbar erzähltes Buch liegt auf meinem Schoß. Zugeklappt, nachdem ich den geschlossenen Druckbogen mit der sehnsüchtig erwarteten Anleitung zur Lösung dieses verworrenen Kriminalfalls mit einem scharfen Messer aufgetrennt habe. Wer ist denn der Mörder, wer ist schuld am Gifttod des Bräutigams Makoto Hodaka?

Ich drehe und wende das Buch – und komme einfach nicht drauf. Bewunderung schlägt in Frust um, und ich bin froh darüber, dass es bereits später Abend ist und lege mich enttäuscht schlafen.

Es klingelt. 7:03 Uhr zeigt der Wecker an. Kein Mensch steht sonntags um diese Zeit auf, aber ich muss es wissen. Ich schlage ganz willkürlich eine Seite auf und da steht erwas, was ich beim ersten Lesen tatsächlich übersehen habe. Die Stelle, in der unser Täter die Möglichkeit hatte, … das verrate ich hier nicht.

Bemerkung des > Buch und Medienblogs zur „Anleitung zur Lösung“: Erstmals wünschte ich mir, einen Kriminalroman als e-book zu besitzen, war ich mir doch so sicher, auf einer heißen Spur zu sein. Doch wo ist die Passage, mit des Rätsels Lösung? Richtig, indem ich durch die Eingabe von Schlagworten den Text durchsuchen würde. Doch ich habe nun einmal die Printausgabe…

> Leseprobe auf der Verlagsseite von Klett-Cotta

Keigo Higashino
> Ich habe ihn getötet. Inspektor Kaga ermittelt
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe (Orig.: Watashi go kare)
1. Aufl. 2016, 352 Seiten, Klappenbroschur, mit geschlossenem Lösungsbogen
ISBN: 978-3-608-98306-7

Lesung in Hamburg: Franz Dobler, Ein Bulle im Zug

Mittwoch, 26. August 2015

Zur Erinnerung: lesen Sie bitte zuerst den > Lesebericht zu diesem Buch. Dann gibt es auch noch ein > Video: Nachgefragt… Es geht um Kriminalhauptkommissar Fallner. Was ist ihm widerfahren?

Dienstag 15.09.2015 — 20:00 Uhr
> Franz Dobler „Der Autor versteht meisterhaft das Spiel mit dem Populären“ -Kühne Logistics University – The KLU – Großer Grasbrook 17, 20457 Hamburg

Franz Dobler
> Ein Bulle im Zug
1. Aufl. 2014, 347 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50125-4

Susanne Staun, Blutfrost

Dienstag, 23. Dezember 2014

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Unser Gastautor > Oliver W. Steinhäuser ist Student der Hochschule der Medien in Stuttgart.

Blutfrost“ beginnt mit einem Mord, zu dem Dr. Maria Krause, Rechtsmedizinerin im dänischen Odense gerufen wird. Im Anschluss daran startet eine Rückblende, die die Entstehung des Mordes erzählt und den Leser auf eine spannende Reise in eine Welt voll Schmerz und der Sucht nach Aufmerksamkeit entführt.

Klappentext:
In regelmäßigen Abständen erhält Rechtsmedizinerin Maria Krause anonyme E-Mails aus Rexville in den USA. Darin wird eine Person, die Maria angeblich nahesteht, bezichtigt, ihre eigenen Kinder zu verletzen, um Aufmerksamkeit zu erhalten. Die mysteriösen Nachrichten stammen von »E«. Krause versucht alles, um »E«s Identität aufzudecken. Als sie feststellt, dass ihr verhasster Zwillingsbruder gemeinsam mit seiner Frau Eva in den USA gelebt und mit ihr eine Tochter namens Emily hat, gerät ihre Psyche mal wieder vollkommen durcheinander. Mehr als einmal überschreitet die eigenwillige Rechtsmedizinerin moralische Grenzen, wohl wissend, dass sie sich auf gefährlichem Terrain bewegt …

Die Geschichte beginnt mit einem Mord: „Auf dem dunklen Holzboden mitten im Zimmer lag die Dame des Hauses. Sie trug einen schicken Pyjama aus weißer
Seide. Auch sie war von Pappe eingerahmt. Ein schwarz gepunkteter Messerschaft, eindeutig der eines Globalmessers, ragte mitten aus ihrem hochschwangeren Bauch hervor…“ Der Fall gerät schnell außer Kontrolle und versetzt Dr. Krause zurück in ihre Vergangenheit, die aus Vernachlässigung und Vereinsamung bestand. Als die Protagonistin schließlich E-Mails von Emily aus Rexville bekommt, dem Ort, in dem sie ihre rechtsmedizinische Ausbildung absolviert hat, beginnt für sie ein Spiel gegen die Zeit.

Das Hauptaugenmerk in „Blutfrost“ liegt nicht etwa bei den genrespezifischen Klischees, wie Blutvergießen und Gemetzel, sondern überzeugt durch eine detailreiche Betrachtung psychologischer Ursachen des Münchhausen-by-Proxy-Syndroms (Wikipedia) und dessen Auswirkungen auf betroffene Kinder und deren Familien. Authentisch und lebensnah lässt Susanne Staun den Leser spüren, was für ein inneren Antrieb Mütter des Münchhausen-Stellvertretersydroms erbarmungslos verfolgen, und welche Ängste betroffene Kinder durchleben. Erschreckend ist, dass die Opfer nicht nur schmerzgeplagt, sondern durch die ständig anstehenden Arzttermine Schulbesuche versäumen, was letzten Endes dazu führen kann, ein Leben lang unmündig zu bleiben.

Zunehmend entsteht in den beiden geplagten Protagonisten Dr. Maria Krause und Emily eine gegenseitige Anziehung. Während Emily eine liebevolle Mutter sucht, wünscht sich Dr. Krause nichts mehr, als eine Tochter, der sie all ihre Liebe zutragen kann. Dabei ist es ihr vollkommen egal, dass ihre neue „Tochter“ Emily für mehr als einen Mord verantwortlich ist.

Mit „Blutfrost“ gelingt es Susanne Staun in einem Thriller ein Sachbuch zu verpacken, das einen Reiz in seiner durchgeknallten Protagonistin Dr. Maria Krause findet.

Klett-Cotta nennt auf seiner Website sechs gute Gründe, warum Sie das neue Buch von Susanne Staun > Blutfrost lesen müssen: In Kurzform: 1. Die Hauptfigur: Maria Krause. Sonderbar und eigenwillig. 2. das grauenvolle Familiengeheimnis, 3. Nkem, Doktor der Chemie, Computerspezialistin, Maria Krauses beste Freundin hilft ihr zu überleben 4. Brisante Einblicke in das Leben einer Psychopatin 5. Hoher Gruselfaktor, nichts für zarte Seelen, 6. Schon für> Totenzimmer wurde die Autorin preisgekrönt.

Susanne Staun
> Blutfrost
Thriller, aus dem Dänischen von Günther Frauenlob (Orig.: Hilsen fra Rexville)
1. Aufl. 2014, 291 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-50214-5

Lesebericht: Gert Heidenreich, Der Fall

Mittwoch, 5. November 2014

„In „Der Fall“ begegnen sich Konvention und Intellekt, wenn es um Krimi geht. Das ist für mich eine sehr ansprechende und gelungene Mischung. Vor allem hat mich das Buch aber neugierig gemacht,“ schreibt Nicole Korzonnek unter der Überschrift > Malerischer morden: „Der Fall“ von Gert Heidenreich auf ihrem Blog > Crime Time.

Unser Gastautor > Oliver W. Steinhäuser ist Student der Hochschule der Medien in Stuttgart.

Blogschreiben ist ansteckend. Lesen auch, und > Der Fall allemal. Das Buch lag hier bereit für einen Lesebericht, als ein Kollege gestern bat, das Buch mitnehmen zu dürfen und es nach einer Nacht mit dem Lesebericht zurückbrachte:

Wie ermittelt ein Mensch aus dem Jenseits? Können Tote bei der Aufklärung eines Mordfalls helfen? Frei von den sonstigen Zwängen haben sie eine viel besseren Überblick, können womöglich besser kombinieren, stehen im wahrsten Sinne des Wortes über den Dingen und können aufgrund ihres Abstandes zur Welt die Fakten unvoreingenommen kombinieren und das Rätsel lösen.

Die skurrile Idee, ein verstorbener Kriminaler könne seinen eigenen Mordfall aufdecken, erweckte meine sofortige Aufmerksamkeit. Die Geschichte wirft trotz Kennzeichnung als Kriminalroman die Frage nach dem Genre auf.


> Nachgefragt: Gert Heidenreich, Der Fall


Klappentext: Der pensionierte Kriminalkommissar Alexander Swoboda will die Steilküste der Normandie malen. Da stürzt vor ihm ein Mensch von den 40 Meter hohen Klippen. Als Expolizist müsste er zu dem Toten gehen. Als Maler wendet er sich ab. Doch dann wird er selbst erschossen. Seine Pflicht endet damit nicht. Bloß – wie soll er aus dem Jenseits einen Mord aufklären?

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Authentisch beschreibt Gert Heidenreich den Künstler Swoboda, der bei der Aufklärung der Morde schon mal gerne die Gesichter der Täter zeichnet. Sein ganzes Berufsleben wurde ständig durch die Kunst begleitet. Gerade im Ruhestand angekommen, kann er sich nun vollständig der Kunst widmen, sein plötzliches, eher zufälliges Ende durch die Kugel eines Mörders, trifft nicht sein Pflichtbewusstsein. Er lässt es durch diese neue Seinsform nicht nehmen, den Mord an sich selber aufzuklären. Man hat ja ein Berufsethos. Neben der Kunst und Kultur erfahren wir den Grund der Morde: Habgier, Geltungsdrang und Steuerbetrug einer ganzen Bande, die Gesellschaft der Trinker, auf höchst ausgeklügeltem Niveau.

Beim Lesen des Werkes erschließt sich dem Leser eine Welt, die nicht nur im Roman existiert, sondern unser tägliches Leben begleitet. Gert Heidenreich schafft durch den raffgierigen Steuerberater Rakowski eine Figur, an der dem Rezipient nur allzu gut deutlich wird, welchen extremen Wandel ein Mensch vollziehen kann, wenn er beginnt sich durch Reichtum und Arroganz zu definieren.

Grandios ist, mit welcher Leichtigkeit Gert Heidenreich dem Leser immer wieder die Augen öffnet. Während er den Leser in den meisten Episoden mitten im Geschehen verankert, involviert und Teil der Geschichte ist, entzieht Heidenreich ihn jedoch temporär aus der Geschichte und ermöglicht – fast unbemerkt – das Geschehende von außen zu betrachten, zu analysieren und zu reflektieren.

Möglich wird dies durch das Anwenden eines > auktorialen Erzählers, der dem Leser nicht nur allwissend die Geschichte erzählt, sondern ihn nach „Shakespeare-Manier“ immer wieder persönlich anspricht. Dieser Stil erzeugt folglich nicht nur Zugang zu Informationen, sondern auch deren subjektive Wertung.

Ein wirklich gelungenes Buch, das zwischen dem Diesseits und dem Jenseits verbindet, ohne dabei unrealistisch zu werden. Gert Heidenreich schafft es, die reelle Welt und einen Ort, von dem keiner weiß ob er existiert in ein glaubwürdiges Zusammenspiel zu bringen.

Gert Heidenreich
> Der Fall
1. Aufl. 2014, 319 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98019-6

Lesebericht: Keigo Higashino, Heilige Mörderin

Montag, 30. Juni 2014

Viele haben sich an dem perfekten Mord versucht. Autoren, Erzähler und Mörder: Yoshitaka Mashiba liegt tot in seinem Wohnzimmer. Ist das die Quittung dafür, das er gerade von seiner Frau die Scheidung verlangt hatte? Aber sie hat ein Alibi. Inspektor Kusanagi fragt wieder um Hilfe beim Physik-Professor Yukawa an, der sich ans Knobeln und Kombinieren begibt.

Sie haben eine Zugfahrt vor sich? Nach Berlin oder Hamburg? Prima. Dann ist dieser Krimi > Heilige Mörderin von Keigo Higashino für Sie gerade richtig. Eignet sich hervorragend dafür | in einem Zug | durchgelesen zu werden. Alle stehen vor einem Rätsel, das Gift… keinerlei Spuren, kaum Indizien, aber der ein oder andere Hinweis, wie kleine Puzzlesteinchen, die der Autor den Leser allmählich zusammensetzen lässt. Kein Nebensatz darf überlesen werden. Keine Sorge, die Abteilmitreisenden können ruhig richtig laut sein, das werden Sie alles nicht mehr hören. Die Spannung in diesem Buch blendet alle störenden Umweltgeräusche während der Lektüre aus.

Nur zu gerne würde ich hier die Passagen zitieren, die die Puzzlesteine dieses Krimis bilden. Ganz bestimmte Sätze führen allmählich, unerbittlich und logisch zur Lösung des Falles. Markieren Sie diese Sätze und beim Durchblättern und Nachlesen dieser Puzzlesteinsätze bekommen Sie obendrein einen spannenden Einblick in die Krimiwerkstatt von Higashino. Mord mit Kaffeewasser? Arsen? Physiker Yukawa probiert herum, entwickelt Hypothesen verwirft sie, (er)findet neue Anhaltspunkte, bis alle auf einmal richtig kombinieren und die Puzzlesteine an ihre richtige Stelle setzen. Solange man nicht weiß, wie das Gift in den Kaffee gelangt ist, tappen alle im Dunkeln. Also wie kann der Fall geknackt werden? Noch ein weiteres Indiz? Noch eine weitere Zeugenaussage? Wie so oft der Mörder kehren auch die Kriminalinspektoren immer wieder an den Tatort zurück, um noch dies und jenes zu überprüfen. Man könnte ja eine Spur übersehen haben. Dann muss man sich vielleicht doch auf die Vergangenheit des Opfers konzentrieren, um weitere Spuren aufzudecken, von denen man zunächst gar nichts vermutet.

Wie in > »Verdächtige Geliebte« zieht er hier seine Leser in ein spannendes Verwirrspiel. Aber da es den perfekten Mord nun einmal nicht gibt, wird die für den Tod des Unternehmers Mashiba verantwortliche Person doch noch überführt.

> Leseprobe

Keigo Higashino,
> Heilige Mörderin
Kriminalroman, aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
1. Aufl. 2014, 316 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98012-7

> Auch als E-Book.

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