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Archiv für die Kategorie 'Literatur'

Lesebericht: Jasmin Ramadan, Hotel Jasmin

Mittwoch, 21. September 2016

ramadan-hotel-jasminDas dritte Buch von Jasmin Ramadan bei Tropen ist erschienen: > Hotel Jasmin. Vonsich selber sagt die Autorin: »Mit meinem Nachnamen gelte ich nie als so richtig deutsche Schriftstellerin, obwohl ich kein Arabisch spreche und keine Ahnung vom Islam habe.« Jasmin Ramadan, geb. 1974, wohnt in Hamburg. Ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater Ägypter. Sie studierte Germanistik und Philosophie. 2009 wurde Soul Kitchen zum gleichnamigen Kino-Hit von Fatih Akin ein Überraschungserfolg. Für ihren Roman > Das Schwein unter den Fischen erhielt sie den Hamburger Förderpreis für Literatur. 2014 erschien > Kapitalismus und Hautkrankheiten.

Mit ihrem Roman > Hotel Jasmin bestätigt die Autorin ihr Talent, das sie in ihren ersten Romanen gezeigt hat. Roland hat mit seiner Mutter Christiane Tarpenbek abgeschlossen und will nichts mehr von ihr wissen. Der Vater ist unbekannt. Als ihr aber vorgeworfen wird, sie als Grundschullehrerin habe eine somalische Schülerin beleidigt zu haben, wendet sich ihr Sohn ihr wieder zu. Es geht hier vor allem um die Mutter und die Art und Weise, wie sie auf der Suche nach ihr selbst in einer zunehmend rassistischen Gesellschaft vorgeht. Sie verschwindet, begibt sich nach Kairo, weil sie die Reise dorthin gewonnen hat. Schließlich trifft sie dort einen Ägypter, der sie versteht, und ihr hilft, ihr Gleichgewicht wiederzufinden.

Als sich Roland Tarpenbeck entschließt, seine Mutter als vermisst zu melden, kommt die Suche nach ihr ins Rollen. Er geht zur Detektei Laila Voss und bittet dort um Hilfe. Dort bekommt er ein Tonbandgerät vorgesetzt und muss seine Geschichte erzählen: S. 33-50. Dann kommt seine Tante Lerke Petri dran: S. 50-62. Ihr Mann Hauke Petri ist über die Freundschaft seiner Frau mit Christiane überhaupt nicht erfreut: S. 62-71. Dann ist die Reihe an Dea Klüwert, die Schulleiterin von Christianes Schule: S. 71-75. Egon Dittmers S: 75-84: „Christiane war auch eigentlich gar nicht vollends mein Typ…“ Das ist alles nicht unbedingt nur einfach so aufgezeichnete wörtliche Rede. Den Zeugen geht es wie mir beim AB, wenn die Stimme sagt, sprechen Sie jetzt. Holger berichtet, Christiane war beim Flirten ein harter Brocken. Yolanthe Ruprecht berichtet über Roland und seien Mutter, die sie nur einmal gesehen hat. Irgendwie erzählen die Zeugen, sie nennen wir sie mal, was einem so beim Staubsaugen einfällt, wenn sie mit sich selbst sprechen. Trotzdem ersteht Christiane mit ihren Ticks allmählich vor unserem Auge. Und es gibt hin und wieder Vermutung, warum Christiane verschwunden ist. Nein, davon werde ich nichts berichten, hier geht es alleine darum, wie trickreich Jasmin Rmadan ihren Roman konstruiert hat. Im dritten Teil bis S. 200 wird von Roland und Seiner Mutter berichtet. Dann kommt es zu dem peinlichen Zwischenfall in der Schule, den Christiane nicht bewältigt, bis sie im vierten Teil sich nach Fuhlsbüttel und damit nach Ägypten begibt.

Ein spannend konstruierter Roman. Der Leser bekommt die Empfindungen und Gefühle der Protagonisten zuerst serviert und kann sich dann mit der Geschichte ein Urteil über diese Berichte bilden. Wieder ein Roman, dem man prima im ICE lesen kann, wenn gerade ein laut lärmende Schülerklasse eingestiegen ist und 400 km mitfährt. Man hört sie bei der Lektüre dieses Buches nicht mehr.

> www.jasminramadan.de

Jasmin Ramadan
Hotel Jasmin
Roman
1. Aufl. 2016, 269 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50142-1

Lesebericht: Florian Scheibe, Kollisionen

Dienstag, 6. September 2016

scheibe-kollisionen-110Es beginnt mit einem Fahrradunfall. Carina fährt ein Mädchen an, das plötzlich vor ihr auf die Straße rennt. Bevor sich die Angefahrene wieder aufrappelt, sieht Carina, dass Mona schwanger ist. Rückblende oder dieselbe Szene aus einer andern Sicht. Mona steht am Straßenrand und rennt los. Sie versteht die Ohrfeige nicht, die sie von Carina kassiert. Für Carina kommt alles zusammen, ihr sehnlicher Kinderwunsch und dann dieses schwangere Mädchen.

Kollisionen erzählt wie ganz unterschiedliche Lebensentwürfe und Schicksale unvermutet aufeinanderprallen und wie die Personen ungewollt in Schwierigkeiten geraten, sich darin verstricken und es ihnen nicht gelingt, sich daraus zu befreien. Für Carina kommt alles auf einmal zusammen. Die teure Behandlung zugunsten der Erfüllung ihres Kinderwunsches und die Flaute, gar das Versiegen bei ihren Aufträgen in ihrer Agentur. Sie kann keine teuren Lofts mehr verkaufen und sieht ihren Lebensstil in Gefahr kommen. Tom kämpft in seiner Redaktion mit den Themen für seine Kolumne, die in Gefahr gerät, je mehr er aus dem wirklichen Leben um ihn herum berichtet.

Derweil kommt findet Mona den Vater ihres Kindes, den Rumänen Petr, achtzehn oder neunzehn wieder. Aber er kann ihr auch nicht wirklich helfen. Carinas und Toms Hund frisst im Stadtpark gegenüber von ihrem Brauerei-Loft ein Päckchen mit Rauschgift, was er nicht überlebt. Carina wird zunehmend nervös und macht der Sprechstundenhilfe wegen des langen Wartens eine laute Szene, derweil Tom in der Redaktion über seiner Glosse brütet. Mona macht einen Selbstmordversuch und landet nach dem Krankenhaus in einem Heim für schwangere Frauen.

13.09. 2016 20 Uhr Buchpremiere KOLLISIONEN im LCB mit Wiebke Porombka
im > Literarischen Colloqium Berlin am Wannsee. Anschließend Wein und Häppchen

Jede Szene führt Carina und Tom ein wenig mehr ins Chaos. Dabei haben sie eigentlich nur ihren Kinderwunsch. Ein Missgeschick beschwört das nächste hinauf, als wenn ihr grundsätzliches Scheitern irgendwie vorprogrammiert wäre. Kollisionen kennt man, und manchmal gibt es kaum einen Ausweg. Aber es gibt auch Situationen, in denen man dazu beiträgt, alles noch komplizierter zu machen. Im Stau auf dem Weg zum Arzt, gerät Tom in Panik und lässt sein Auto an Ort und Stelle im Stau zentralverriegelt stehen und rennt zu Fuß weiter. Da leidet der Leser richtig mit und viele Passagen wie diese halten jedes Störung ringsum den Leser herum von ihm ab. Wenn der Lauf zum Arzt ihn am Ende nicht mehrere Tausend Euros kosten würde, wäre Tom ja noch glimplich davongekommen. Aber die Szene, die er durchläuft, wird für ihn zum Hindernislauf und gibt ihm den Rest.

Tom und Carina haben beide ihr Leben nicht so richtig im Griff, Pech oder Dummheit? Tom gibt Versuchungen nach und Carina hält doch irgendwie zu ihm. So wie sich ihr Leben ändert, ändert sich auch ihr Wohnumfeld und gleichzeitig stürzt sie im Beruf ab, die Kunden bleiben aus. Und wieder treffen Carina und Mona zusammen. Ihre Wege kreuzen sich mehrmals, so als wenn es ihre Schicksale darauf abgesehen hätten, sich miteinander zu vergleichen.

Was haben Tom und Carina wirklich falsch gemacht? Ist das soziale Leben, so wie es um sie herum eingestellt ist, an ihren Kollisionen schuld? Wo sind die Stationen, wo sie anders hätten abbiegen können? Die Einführung der Personen und die Umstände ihres Erscheinens lassen einen Moment noch vermuten, es könne alles gut gehen, dann aber nimmt das Unheil rasant Fahrt auf. Es ist es die Spannung, deren Aufbau Florian Scheibe vorzüglich beherrscht.


Auf anderen Blogs:

Isabella Caldart schreibt > Kurz&schmerzlos mit Florian Scheibe über „Kollisionen“
mit einem Interview mit Florian Scheibe


scheibe-kollisionen-110Florian Scheibe
> Kollisionen
Roman

1. Aufl. 2016,
377 Seiten,
gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98031-8

Florian Scheib liest die ersten zehn Seiten:

Freitag, 1. Juli in Klagenfurt: Jan Snela liest um 11 Uhr

Donnerstag, 30. Juni 2016

> 40. Tage der deutschsprachigen Literatur in KLagenfurt

> bachmannpreis.orf.at/

Jan Snela liest am Freitag um 11 Uhr. Ihr könnt die Lesung live auf > 3sat verfolgen. Und vergesst nicht, am Samstag ab 15 Uhr für den Publikumspreis abzustimmen: > ‪#‎tddl16‬.

Publikumspreis: Stimmabgabe nur am Samstag, 2. Juli, 15.00 bis 20.00 Uhr über das Internet.

Wahlmöglichkeit: Über die Webseiten von 3sat, BKS, Stadt Klagenfurt und Musilmuseum.
Anforderungen: E-Mail-Adresse und Begründung. Jede E-Mail-Adresse kann nur eine Stimme abgeben. Diese Stimme ist nur mit einer Begründung (max. 400 Zeichen) gültig. E-Mails an den Veranstalter werden nicht in die Wertung aufgenommen.

> Abstimmungsformular 3sat

> Nachgefragt: Jan Snela, Milchgesicht

Ermittlungsprotokoll: „Ich habe ihn getötet“ von Keigo Higashiono

Mittwoch, 22. Juni 2016

higashino-getoetet

Was soll man dazu sagen: Ein bekannter Drehbuchautor wird am Tag seiner Hochzeit vergiftet und bricht auf dem Weg zum Traualtar in der Kirche zusammen und stirbt. Als Täter kommen drei Menschen aus seinem Umfeld in Frage. Jeder von ihnen hatte offensichtlich die Gelegenheit dazu, sein Schnupfenmedikament durch eine Giftkapsel zu tauschen. Und jeder dieser Tatverdächtigen hat ein Motiv!

Wir erfahren aus den Ich-Perspektiven der Darsteller, was sich zugetragen hat. Jeder einzelne von ihnen kommt zu Wort, schildert seine Eindrücke und lässt uns an der Geschichte teilhaben. Doch passen Sie auf: Keiner der Beteiligten verbreitet falsche Informationen in den erzählenden Teilen seiner Ich-Perspektive. Das gilt jedoch nicht mehr für die direkte Rede, in der jeder sich nur zu seines Gunsten äußert.
higashino-getoetetEin wunderbar erzähltes Buch liegt auf meinem Schoß. Zugeklappt, nachdem ich den geschlossenen Druckbogen mit der sehnsüchtig erwarteten Anleitung zur Lösung dieses verworrenen Kriminalfalls mit einem scharfen Messer aufgetrennt habe. Wer ist denn der Mörder, wer ist schuld am Gifttod des Bräutigams Makoto Hodaka?

Ich drehe und wende das Buch – und komme einfach nicht drauf. Bewunderung schlägt in Frust um, und ich bin froh darüber, dass es bereits später Abend ist und lege mich enttäuscht schlafen.

Es klingelt. 7:03 Uhr zeigt der Wecker an. Kein Mensch steht sonntags um diese Zeit auf, aber ich muss es wissen. Ich schlage ganz willkürlich eine Seite auf und da steht erwas, was ich beim ersten Lesen tatsächlich übersehen habe. Die Stelle, in der unser Täter die Möglichkeit hatte, … das verrate ich hier nicht.

Bemerkung des > Buch und Medienblogs zur „Anleitung zur Lösung“: Erstmals wünschte ich mir, einen Kriminalroman als e-book zu besitzen, war ich mir doch so sicher, auf einer heißen Spur zu sein. Doch wo ist die Passage, mit des Rätsels Lösung? Richtig, indem ich durch die Eingabe von Schlagworten den Text durchsuchen würde. Doch ich habe nun einmal die Printausgabe…

> Leseprobe auf der Verlagsseite von Klett-Cotta

Keigo Higashino
> Ich habe ihn getötet. Inspektor Kaga ermittelt
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe (Orig.: Watashi go kare)
1. Aufl. 2016, 352 Seiten, Klappenbroschur, mit geschlossenem Lösungsbogen
ISBN: 978-3-608-98306-7

Lesebericht: Peter Nichols, Die Sommer mit Lulu

Donnerstag, 9. Juni 2016

nichols-sommer-mit-luluNein, das Buch ist nicht falsch zusammengebunden. 2005, 1995, 1983, 1970, 1966, 1951, 1948… die Geschichten werden auch nicht rückwärts erzählt, das sind auch keine Rückblenden damit würde man es sich zu einfach machen. Aber Peter Nichols spielt sehr geschickt und spannend mit der Erinnerung in > Die Sommer mit Lulu, den Roman, den Dorothee Merkel übersetzt hat, und der in diesen Tagen gerade bei Klett-Cotta erschinen ist.

Nichols nimmt uns nach Mallorca mit. Lulu Davenport ist in den Neunzigern angekommen und ärgert sich über die Auswirkungen ihres Schlaganfalls, die allen anderen keineswegs verborgen bleiben. Sie besitzt eine kleines Hotel an der Ostküste der Insel Mallorca. Von ihrem Mann Gerald Rutledge ist sie kurz nach der Hochzeit 1949 geschieden, beide blieben in dem Ort Cala Marsopa, sind sich aber nie mehr begegnet. Durch einen Zufall treffen sie sich beim Einkaufen. Eine neue Romanze? Weit gefehlt. Beide sind nicht mehr ganz so sicher auf ihren Beinen und der Weg an der Steilküste entlang wird beiden zum Verhängnis. Kaum hat der Leser Lulu und Gerald kennengelernt, ist es vorbei mit ihnen.

Aber beide haben aufregende Geschichten hinter sich, die dieses Buch zu Ihrer Sommerlektüre machen. Wie bereits angedeutet, wird die Geschichte nach vorne nach hinten erzählt. Nichols nutzt dabei eine einfache Technik, ganz so, wie Sie Freunden von früher berichten. Eine Geschichte und ihr Ende erinnert an eine Vorgeschichte die zur Erklärung und Illustration des Gesagten jetzt auch noch erzählt werden muss. Nur dann muss deren Vorgeschichte auch en détail erzählt werden, nur in Kenntnis ihrer Folgen wird das ganze Ausmaß der Ereignisse verständlich. Lineares Erzählen, entlang den Jahren, ist langweilig, weil die Erinnerung so schnell verblasst. Hier werden frühere Erlebnisse zu neuem leben erweckt, weil sie eine unmittelbare Auswirkung auf spätere Ereignisse hatten. Hauptpersonen sind Luc Franklin, der Sohn von Lulu und Aegina, die Tochter von Gerald. Charlie ist der Sohn von Aegina, er sit 15 und seien Freundin ist Bianca, die Tochter Aeginas bester Freundin in Cala Marsopa. Geralds Buch Der Weg nach Ithaka im Londoner Verlag Doughty Books Ltd. soll neu aufgelegt werden, und Gerald muss sich zur Buchpräsentation nach London begeben, derweil Lulu daheim ihren Geburtstag feiert. Und Charlie dar mit in das Schlafzimmer von… Lulu.

1983. Nein, Lulu betritt keine Boote. Vielleicht mal eine Fähre. Szábo kommt aber auf die Idee, die Taue zu lösen… die Yacht setzt sich in Bewegung. Die energische Lulu wirft kurz entschlossen ihre Handtasche auf die Kaimauer und springt filmreif ins Hafenbecken und schwimmt ans rettende Land zurück. Toll, bei einer Verfilmung des Buches wird die Szene bestimmt dreimal wiederholt, schon weil sie so gut ist. Bei der anschließenden Segelpartie geht nicht alles glatt, der Wind bleibt aus, der Motor geht kaputt und Luc geht über Bord, ohne dass jemand das merkt. Diesmal fährt Lulu mit. Ein Schnellboot wird gechartert, und man nimmt die Suche nach Luc auf. Nicht ganz einfach. Wo war er denn über Bord gefallen?

Geralds Erinnerungen (S. 224 ff) an 35 Jahre, in denen er die Frau, die ihn an diese Insel gefesselt hat, nur dreimal gesehen hat, vermischen sich mit seinen Beobachtungen, wie sein vertrautes Mallorca sich verändert.

1970. Nach dem Tod ihrer Mutter 1966 kam Aegina auf ein Internat nach England und zu Tante Billie, Geralds älterer Schwester. Dann folgt später eine Reise nach Marroko mit Luc, der Unfall mit der Kuh, der Leihwagen und die Drogen in der Türverkleidung. Lulu und Gerald kümmert sich um beide, die im Gefängnis festgehalten werden.

Auch Aegina und Luc haben ihre Vorgeschichte: S. 358 ff. 1956. 1951, Gerald hatte immer wieder an der Villa Los Roques geklopft. Aber deren Tür wurde nie geöffnet. Es blieb ihm nur die Erinnerung an 1948 und Lulu „die Verkörperung einer wilden konetiuschen Energie“. S. 453

Segeln, Sonne, Strand und Liebe, dabei wirkt die Geschichte, die hier erzählt wird, beinahe nur wie Beiwerk. Sie waren noch nicht auf Mallorca? Wahrscheinlich packen Sie nach der Lektüre dieses Buches ihren Koffer und lösne das Billett nach Palma de Mallorca.

Peter Nichols
Die Sommer mit Lulu
Roman aus dem Englischen von Dorothee Merkel
2. Druckaufl. 2016, 507 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98310-4

Rupert Neudeck – 1939-2016

Dienstag, 31. Mai 2016

Heute ist Rupert Neudeck im Alter von 77 Jahren gestorben.

Die Überraschung war groß, als Rupert Neudeck zu Beginn der Tagung Albert Camus und die Kunst (14. bis 16. November 2003) im Schwäbischen Tagungs- und Bildungszentrum Kloster Irsee plötzlich vor mir stand. Er hielt einen Vortrag mit dem Titel Camus der Journalist. Mein Thema > Kunst, Moral und Freiheit bei Camus, er sprach über die politische Ethik von Camus als Journalist, und nach seinem Vortrag berichtete Rupert Neudeck den Tagungsteilnehmern über die Geschichte der Hilfsorganisation CAP ANAMUR und über seine neue Organisation > Grünhelme. Waren das spannende Konferenztage, hier das Buch Albert Camus. Kunst und Moral, mit dabei Neudeck, der La Peste explizit als Lehrbuch für eine moralische und politische Ethik verstand und daraus sein so radikal humanitäres Engagement entwickelte und erklärte. Im Gespräch mit dem Journalisten Rambert, der eine Rechtfertigung für das Verlassen der Stadt hören möchte, sagt ihm der Arzt Rieux, man müsse sich nicht schämen, sein Glück zu suchen. Aber Rambert bekommmt dann noch in allerletzter Sekunde so ganz haarscharf die Kurve: „Ganz am Schluß rettet der windige Bursche Rambert dann doch noch die Würde des Journalismus,“ schreibt Neudeck.“ „Man kann sich schämen, allein glücklich zu sein“; „Mais il peut y avoir de la honte à être heureux tout seul“, Das sagt er dem Arzt Dr. Rieux, der ihn vorher exkulpiert hatte.“ Das ist die Ethik des Journalisten Neudeck.

Neudeck studierte Philosophie, Germanistik, Soziologie und Katholische Theologie. 1961 hörte er erst einmal mit dem Studium auf und war 9 Jahre in einem Jesuitenorden. Mit einer Dissertation über die „Politische Ethik bei Jean-Paul Sartre und Albert Camus“ beendete er 1972 sein Studium. Er war der Initiator und Begründer der Aktion Camp Anamur, der Frachter, mit dem er und seine Helfer mehr als 10.000 Flüchtlinge vor der Küste von Vietnam gerettet haben. Neudeck war Journalist beim DLF und ließ einmal verlauten, diese viele Vorschriften die es für solche Einsätze gibt, seien zu nichts nütze, man müsse einfach anfangen und den Menschen in ihrer Not zu Hilfe kommen. Er nahm auf die Fahrt mit der Cap Anamur ein Paket Bücher mit und verteilte La Peste von Camus an seine Helfer. In seinem Vortag am 29. Januar 2010 im Institut français in Bonn erzählte er davon. La Peste, so Neudeck, ist die Bibel der NGOs: > Rupert Neudeck parle de La Peste: Der Film von seinem Vortrag, den wir in diesem Artikel zeigen, auch wenn es nur ein Minuten sind, zeichnete die Passage auf, in der er die Bedeutung von Cammus‘ La Peste für seine Moral und seine Ethik kurz prägnant auf den Punkt brachte. In unseren unruhigen Zeiten in Europa und vor allem im Nahen Osten bräuchten wir ganz viele von seiner Art. Sein bedingungsloser Humanismus, sein kompromissloses Eintreten für die Menschenrechte, sein unaufhaltbarer Wille, Menschen in Not zu helfen, werden uns sehr fehlen.

> So wie Neudeck über Camus schreibt, gilt das auch für Neudeck selbst: „Rambert posa sa derniere question“, steht bei Neudeck; „Und Rieux wendet sich ihm zu und schlägt ihm alles aus der Hand: Entschuldigen Sie, Rambert, aber ich weiß es nicht. Er sagt also den Satz, den kein Journalist sagen darf. „Je ne le sais pas“. Und: Bleiben Sie einfach mit uns, solange Sie das wollen.
Und noch schlimmer, er reißt ihm auch noch sein individuelles Räppelchen aus der Hand und sagt. „Rien au monde ne va qu’on détourne de ce qu’on aime. Et pourtant je m’en détourne, moi aussi, sans que je puisse savoir pourquoi.“ – Schon wieder sagt der Arzt Rieux, daß er etwas nicht weiß. Damit erledigt er den räsonierenden Journalisten. Das sei eine Tatsache, sagt Rieux. Das müsse man zur Kenntnis nehmen und daraus die Konsequenzen ziehen. Welche Konsequenzen? – fragt der Journalist. Wie kann man aus etwas, das man nicht richtig weiß und zu definieren verfügt, Konsequenzen ziehen? Rambert, sagt Rieux, man kann nicht immer zur gleichen Zeit alles wissen und heilen. Also heilen wir so schnell es geht. Das ist am dringendsten. Ende der Durchsage. Man muß etwas tun, auch wenn man nicht immer ganz genau weiß, was.“ Nicht lange zögern, aufstehen, helfen, damit andere in Not überleben.

Lesebericht: Sandro Veronesi, Fluchtwege

Freitag, 15. April 2016

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Was einem an einem Tag alles so passieren kann, wenn wirklich jeder Moment schiefgeht, kennen Sie das? Man steht morgen auf, hat einen Plan für den Tag und landet im absoluten Chaos, das sich ständig selbst potenziert. Pietro Paladini hat seine Angelegenheit eigentlich prima geordnet. Seine Geschäfte laufen gut, keine Klagen. Pietro hat außer seiner Familie noch eine Freundin D. Plötzlich häufen sich die Probleme mit seiner Tochter Claudia, sein Bruder wird polizeilich gesucht, und dann kommt ihm sein Geschäftspartner Lello, richtig Raffale Pica, abhanden. Flucht, weg ist er, und es wird klar, dass er allen Grund hatte, das Weite zu suchen.

Es geht um Autos, die sie wegen unbezahlter Ratenverträgen wieder zurückholen und erneut verkaufen. Heute muss er das ungewöhnlicherweise einmal alleine machen und erlebt, wie das einzuziehende Auto und Dame, die es herausgeben sollte, mit hoher Geschwindigkeit davonbrausen. Sein Handy hat er bei ihr liegenlassen. Pietro so schnell hinterher, was ihm den Führerschein und eine saftige Geldstrafe kostet. Damit ist der Tag noch nicht zu Ende. Das versteht auch Pietro, der im Büro ein noch größeres Chaos entdeckt, als nach der Durchsuchung der Geschäftsräume das Finanzamt alles beschlagnahmt und mitgenommen hat. „Das wird eine Außenprüfung sein“, versucht Pietro als Erklärung. Um mit Lello in Kontakt zu treten, muss Pietro einen Internetshp aufsuchen: Pitro ist kein Internet-Liebhaber: „Dadurch, dass im Internet alles auf der gleichen Ebene und gleich weit weg ist, hat man das Gefühl, man habe im die Gelegenheit, sein Leben zu ändern, dem zu Trotz, was man eigentlich tun müsste.“ (S. 130) Guter Satz! Lello korrespondiert mit ihm nur noch über die Entwurfsfunktion von Google Mail.

Das ungestüme Schreiben von Veronesi berichtet ziemlich atemlos jedes Detail und zieht den Leser in Pietros aufeinderfolgende Unglücke hinein. Auch den andren Figuren ergeht es kaum besser, Marco Tardioli (Kap. 10 liest sich wie eine eigene Kurzgeschichte in Dramafrom) reist nach Australien, lernt die hübsche Marlene kennen, sie ist unbefreundet und Marco vermasselt durch seine eigene Dummheit ein hoffnungsvolles Rendezvous.

Pietro muss alle möglichen Leute auch von früher (re) aktivieren, um aus dem diesem Schlamassel irgendwie herauszukommen. Ein Tag im Leben des Pietro hat wirklich alles für ihn verändert. Andere helfen ihm zwar, machen aber seine Probleme nicht so recht zu den Ihrigen.

D. heißt Dianette – nach der Antibabypille, die bei ihrer Mutter nicht funktionierte. Später hat sie den Namen auf Diana ändern lassen, unser Erzähler bevorzugt Di‘ auf römische Art. Es sind die schnellen Dialoge, die immer wieder an Stelle von Beschreibungen die Handlung vorantreiben. Dann kommt es zu Streit, beide werden handgreiflich, D: reist ab. Adieu. Pietro wendet sich an früherer Freunde, die schon Bescheid wissen. Enrico: „Verkaufst Du immer noch gestohlene Autos in Rom?“. (D. 258) Schließlich sucht Pietro Rechtsbeistand.

Wenn Ihnen Chaos und das Gefühl eine Hiobsbotschaft generiert gleich die nächste bekannt ist, und Sie neugierig sind, wie andere die Achterbahn des Lebens beherrschen, dann ist dieses Buch für Sie genau richtig.

Sandro Veronesi,
> Fluchtwege
Roman aus dem Italienischen von Michael von Killisch-Horn (Orig.: Terre rare, Bompani, Mailand)
1. Aufl. 2016, 416 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98035-6


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> Nachgefragt: Sandro Veronesi, Die Berührten

In unserem > Lesebericht hieß es: „Sein Erzählstil fällt auf, er betreut den Leser geradezu: „Sehen wir Mète ein bisschen bei seiner lautlosen Tätigkeit zu…“ und unterbricht die Beschreibung, wenn plötzlich die Handlung wieder einsetzt: „Doch jetzt kommt Mète zurück…“ (S. 8) Die Liebe treibt Mète jedoch immer zerstörerischer in die Nähe zu seiner sinnlich-verführerischen Halbschwester Belinda. Als die Eltern der beiden ihre Hochzeitsreise antreten, zieht Belinda bei ihm ein. Und damit ist die Katastrophe nicht mehr abzuwenden. Sandro Veronesis Roman ist nicht nur die Geschichte einer zerstörerischen Liebe, sondern gleichermaßen ein faszinierendes Gesellschafts- und Großstadtpanorama. Und die Geschichte beginnt in Rom. Auf dem Corso Vittorio „Mal ist sie die Bühne für einen Banküberfall, mal eine sonnige Strandpromenade…“ (S. 21)

Sandro Veronesi
> Die Berührten
1. Aufl. 2014, aus dem Italienischen von Michael von Killisch-Horn, 384 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-93993-4


Imre Kertész (1929-2016)

Donnerstag, 31. März 2016

Imre Kertész, 1929 in Budapest geboren, erhielt den Nobelpreis für Literatur im Jahre 2002. Am 31. März 2016 ist er in Budapest gestorben.

> Imre Kertész, am 19.1.2004 zu Gast im Stuttgarter Literaturhaus:

Fotos: Heiner Wittmann, 2004.

Wir zeigen hier den Artikel vom August 2006 nochmal an:

Imre KertészIn der Begründung der Jury heißt es: „Die Jury für den Jean-Améry-Preis für Essayistik des Jahres 2009 hat den Preis dem Schriftsteller Imre Kertész zuerkannt.

Der Nobelpreisträger des Jahres 2002 ist in seinem gesamten Werk, vor allem auch in seiner Essayistik dem Geiste Jean Amérys sehr nahe. Diese wesentliche Nähe hat er konkret in seinem Essay „Der Holocaust als Kultur“ artikuliert: als entschiedene Kritik an jeglichem Totalitarismus und leidenschaftliche Verteidigung der Freiheit des Menschen. Kertész Essayistik arbeitet an einem aufgeklärten Denken, das seine Lehren aus der Barbarei des Faschismus und des Kommunismus gezogen hat, und für ein Europa, das entweder ein aufgeklärtes freies Europa sein wird oder einmal nicht mehr sein wird.“

Der Jury (moderiert von Robert Menasse) gehören an:
Wolfgang Büscher
(Journalist und Autor, Die Welt, Berlin)
Heinz Ludwig Arnold (Publizist, Herausgeber „Text und Kritik“, KLG und Kindler, Göttingen)
Karl-Markus Gauß (Autor und Kritiker, Salzburg)
Irène Heidelberger-Leonard (Literaturwissenschaftlerin, London)
Joachim Kalka (Kritiker und Übersetzer, Stuttgart)

Der von Robert Menasse initiierte und von der österreichischen ERSTE Bank und dem Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart, gesponserte Jean Améry-Preis für Essayistik ist mit 12.000 Euro dotiert und wird während der Frankfurter Buchmesse verliehen.

Letzte Preisträger waren: > Drago Jancar, Michael Jeismann, Doron Rabinovici und Franz Schuh.

Ein Blick ins > Foto-Archiv des Stuttgarter Literaturhaus:> Imre Kertész war dort am Montag, 19. Januar 2004 zu Gast. Und am 17. Oktober 2006 sprach Uwe Kossack ebenfalls im Stuttgarter Literaturhaus mit > Imre Kertész über sein Buch Dossier K.

Photo: (c) Heiner Wittmann, 2006

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