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Archiv für die Kategorie 'Literatur'

Nachgefragt: Cynthia D’Aprix Sweeney, Das Nest

Montag, 14. November 2016

sweeney-nestIn ihrem ersten Roman > Das Nest erzählt Cynthia D’Aprix Sweeney von den vier Geschwister Plumb. Alle sind in den Vierzigern oder kurz davor wie die jüngste Melody. Sie leben über ihre Grenzen im Vertrauen auf das väterliche Erbe, das kommen wird, wenn die Jüngste 40 wird. Bis dahin ruht der Geldsegen in einem Fonds, liebevoll und erwartungsfroh von allen das Nest genannt. Die gewohnte Geborgenheit früher zu Hause wird von den Vieren in den Fonds projiziert, Geld gibt Sicherheit und Vertrauen. > Bitte weiterlesen.

d_aprix-sweeney-lh-10-11-16-1-250Am Tag nach Ihrer Lesung im Stuttgarter Literaturhaus hatten wir eine Gelegenheit, mit Cynthia D’Aprix Sweeney ein Gespräch über ihr Buch zu führen. Wir haben Sie nach der Familie Plumb gefragt, ob die trotz ihrer Geldsucht überhaupt noch in der Lage sind, sich untereinander zu helfen? Gibt es Ähnlichkeiten unter den Geschwistern? Was bedeutet SchrEIben für Bea? Macht Sie eine Art Storyboard vor dem Schreiben? Was ist für sie am wichtigsten: Die Entwicklung der Charaktere, die Gesellschaftskritik oder der Aufbau der Spannung in ihrem Buch?

sweeney-nestCynthia D’Aprix Sweeney
Das Nest
Roman, aus dem amerikanischen Englisch von Nicolai von Schweder-Schreiner (Orig.: The Nest)
1. Aufl. 2016, 410 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98000-4

Siehe auch:

> Denis Scheck im Interview mit Cynthia D’Aprix Sweeney, „Das Nest“ – Druckfrisch, 30.10.2016

> Rezension: Das Nest von Cynthia D’Aprix Sweeney – The Read pack

Lesung in Stuttgart: Cynthia D’Aprix Sweeney, Das Nest

Mittwoch, 9. November 2016

sweeney-nestIn ihrem ersten Roman > Das Nest erzählt Cynthia D’Aprix Sweeney von den vier Geschwister Plumb. Alle sind in den Vierzigern oder kurz davor wie die jüngste Melody. Sie leben über ihre Grenzen im Vertrauen auf das väterliche Erbe, das kommen wird, wenn die Jüngste 40 wird. Bis dahin ruht der Geldsegen in einem Fonds, liebevoll und erwartungsfroh von allen das Nest genannt. Die gewohnte Geborgenheit früher zu Hause wird von den Vieren in den Fonds projiziert, Geld gibt Sicherheit und Vertrauen. > Bitte weiterlesen.

Literaturhaus Stuttgart, Donnerstag 10.11.16 20.00 Uhr
Das Nest – Cynthia D’Aprix Sweeney, Lesung und Gespräch

Moderation: Petra Mostbacher-Dix
Deutsche Lesung: Johann von Bülow
Eintritt: Euro 10,-/ 8,-/ 5,-
> Eintrittskarten kaufen

Di 08.11, Cynthia D’Aprix Sweeney Das Nest
Gütersloh | Lesung

Deutsche Lesung: Johann von Bülow
Moderation: Oliver Rachner
Tickets in der Buchhandlung Markus – Eine Veranstaltung der Markusbuchhandlung Gütersloh im Bambi Kino
Bogenstrasse 3, Gütersloh

Mi 09.11, 20:00 Cynthia D’Aprix Sweeney, Das Nest
Zürich | Lesung
Deutsche Lesung: Johann von Bülow
Moderation: Blas Ulibarri
Kaufleuten, Pelikanplatz, 8001 Zürich, Schweiz

Fr 11.11 19:00 Cynthia D’Aprix Sweeney – Das Nest
Wien | Lesung

Lesung im Rahmen der Buch Wien 2016
Deutsche Lesung: Johann von Bülow
Moderation: Klaus Nüchtern (Der Falter)
Literaturhaus Wien, Zieglergasse 26a, 1070 Wien

Sa 12.11 11:00 Cynthia D’Aprix Sweeney, Das Nest
Wien | Lesung

Buch Wien 16
Moderation: Wolfgang Popp (Ö1)
Dolmetscherin: Mascha Dabic

ORF-Bühne, Messe Wien, Halle D, Trabrennstraße, 1020 Wien

Cynthia D’Aprix Sweeney
Das Nest
Roman, aus dem amerikanischen Englisch von Nicolai von Schweder-Schreiner (Orig.: The Nest)
1. Aufl. 2016, 410 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98000-4

Lesebericht: Jasmin Ramadan, Hotel Jasmin

Mittwoch, 21. September 2016

ramadan-hotel-jasminDas dritte Buch von Jasmin Ramadan bei Tropen ist erschienen: > Hotel Jasmin. Vonsich selber sagt die Autorin: »Mit meinem Nachnamen gelte ich nie als so richtig deutsche Schriftstellerin, obwohl ich kein Arabisch spreche und keine Ahnung vom Islam habe.« Jasmin Ramadan, geb. 1974, wohnt in Hamburg. Ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater Ägypter. Sie studierte Germanistik und Philosophie. 2009 wurde Soul Kitchen zum gleichnamigen Kino-Hit von Fatih Akin ein Überraschungserfolg. Für ihren Roman > Das Schwein unter den Fischen erhielt sie den Hamburger Förderpreis für Literatur. 2014 erschien > Kapitalismus und Hautkrankheiten.

Mit ihrem Roman > Hotel Jasmin bestätigt die Autorin ihr Talent, das sie in ihren ersten Romanen gezeigt hat. Roland hat mit seiner Mutter Christiane Tarpenbek abgeschlossen und will nichts mehr von ihr wissen. Der Vater ist unbekannt. Als ihr aber vorgeworfen wird, sie als Grundschullehrerin habe eine somalische Schülerin beleidigt zu haben, wendet sich ihr Sohn ihr wieder zu. Es geht hier vor allem um die Mutter und die Art und Weise, wie sie auf der Suche nach ihr selbst in einer zunehmend rassistischen Gesellschaft vorgeht. Sie verschwindet, begibt sich nach Kairo, weil sie die Reise dorthin gewonnen hat. Schließlich trifft sie dort einen Ägypter, der sie versteht, und ihr hilft, ihr Gleichgewicht wiederzufinden.

Als sich Roland Tarpenbeck entschließt, seine Mutter als vermisst zu melden, kommt die Suche nach ihr ins Rollen. Er geht zur Detektei Laila Voss und bittet dort um Hilfe. Dort bekommt er ein Tonbandgerät vorgesetzt und muss seine Geschichte erzählen: S. 33-50. Dann kommt seine Tante Lerke Petri dran: S. 50-62. Ihr Mann Hauke Petri ist über die Freundschaft seiner Frau mit Christiane überhaupt nicht erfreut: S. 62-71. Dann ist die Reihe an Dea Klüwert, die Schulleiterin von Christianes Schule: S. 71-75. Egon Dittmers S: 75-84: „Christiane war auch eigentlich gar nicht vollends mein Typ…“ Das ist alles nicht unbedingt nur einfach so aufgezeichnete wörtliche Rede. Den Zeugen geht es wie mir beim AB, wenn die Stimme sagt, sprechen Sie jetzt. Holger berichtet, Christiane war beim Flirten ein harter Brocken. Yolanthe Ruprecht berichtet über Roland und seien Mutter, die sie nur einmal gesehen hat. Irgendwie erzählen die Zeugen, sie nennen wir sie mal, was einem so beim Staubsaugen einfällt, wenn sie mit sich selbst sprechen. Trotzdem ersteht Christiane mit ihren Ticks allmählich vor unserem Auge. Und es gibt hin und wieder Vermutung, warum Christiane verschwunden ist. Nein, davon werde ich nichts berichten, hier geht es alleine darum, wie trickreich Jasmin Rmadan ihren Roman konstruiert hat. Im dritten Teil bis S. 200 wird von Roland und Seiner Mutter berichtet. Dann kommt es zu dem peinlichen Zwischenfall in der Schule, den Christiane nicht bewältigt, bis sie im vierten Teil sich nach Fuhlsbüttel und damit nach Ägypten begibt.

Ein spannend konstruierter Roman. Der Leser bekommt die Empfindungen und Gefühle der Protagonisten zuerst serviert und kann sich dann mit der Geschichte ein Urteil über diese Berichte bilden. Wieder ein Roman, dem man prima im ICE lesen kann, wenn gerade ein laut lärmende Schülerklasse eingestiegen ist und 400 km mitfährt. Man hört sie bei der Lektüre dieses Buches nicht mehr.

> www.jasminramadan.de

Jasmin Ramadan
Hotel Jasmin
Roman
1. Aufl. 2016, 269 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50142-1

Lesebericht: Florian Scheibe, Kollisionen

Dienstag, 6. September 2016

scheibe-kollisionen-110Es beginnt mit einem Fahrradunfall. Carina fährt ein Mädchen an, das plötzlich vor ihr auf die Straße rennt. Bevor sich die Angefahrene wieder aufrappelt, sieht Carina, dass Mona schwanger ist. Rückblende oder dieselbe Szene aus einer andern Sicht. Mona steht am Straßenrand und rennt los. Sie versteht die Ohrfeige nicht, die sie von Carina kassiert. Für Carina kommt alles zusammen, ihr sehnlicher Kinderwunsch und dann dieses schwangere Mädchen.

Kollisionen erzählt wie ganz unterschiedliche Lebensentwürfe und Schicksale unvermutet aufeinanderprallen und wie die Personen ungewollt in Schwierigkeiten geraten, sich darin verstricken und es ihnen nicht gelingt, sich daraus zu befreien. Für Carina kommt alles auf einmal zusammen. Die teure Behandlung zugunsten der Erfüllung ihres Kinderwunsches und die Flaute, gar das Versiegen bei ihren Aufträgen in ihrer Agentur. Sie kann keine teuren Lofts mehr verkaufen und sieht ihren Lebensstil in Gefahr kommen. Tom kämpft in seiner Redaktion mit den Themen für seine Kolumne, die in Gefahr gerät, je mehr er aus dem wirklichen Leben um ihn herum berichtet.

Derweil kommt findet Mona den Vater ihres Kindes, den Rumänen Petr, achtzehn oder neunzehn wieder. Aber er kann ihr auch nicht wirklich helfen. Carinas und Toms Hund frisst im Stadtpark gegenüber von ihrem Brauerei-Loft ein Päckchen mit Rauschgift, was er nicht überlebt. Carina wird zunehmend nervös und macht der Sprechstundenhilfe wegen des langen Wartens eine laute Szene, derweil Tom in der Redaktion über seiner Glosse brütet. Mona macht einen Selbstmordversuch und landet nach dem Krankenhaus in einem Heim für schwangere Frauen.

13.09. 2016 20 Uhr Buchpremiere KOLLISIONEN im LCB mit Wiebke Porombka
im > Literarischen Colloqium Berlin am Wannsee. Anschließend Wein und Häppchen

Jede Szene führt Carina und Tom ein wenig mehr ins Chaos. Dabei haben sie eigentlich nur ihren Kinderwunsch. Ein Missgeschick beschwört das nächste hinauf, als wenn ihr grundsätzliches Scheitern irgendwie vorprogrammiert wäre. Kollisionen kennt man, und manchmal gibt es kaum einen Ausweg. Aber es gibt auch Situationen, in denen man dazu beiträgt, alles noch komplizierter zu machen. Im Stau auf dem Weg zum Arzt, gerät Tom in Panik und lässt sein Auto an Ort und Stelle im Stau zentralverriegelt stehen und rennt zu Fuß weiter. Da leidet der Leser richtig mit und viele Passagen wie diese halten jedes Störung ringsum den Leser herum von ihm ab. Wenn der Lauf zum Arzt ihn am Ende nicht mehrere Tausend Euros kosten würde, wäre Tom ja noch glimplich davongekommen. Aber die Szene, die er durchläuft, wird für ihn zum Hindernislauf und gibt ihm den Rest.

Tom und Carina haben beide ihr Leben nicht so richtig im Griff, Pech oder Dummheit? Tom gibt Versuchungen nach und Carina hält doch irgendwie zu ihm. So wie sich ihr Leben ändert, ändert sich auch ihr Wohnumfeld und gleichzeitig stürzt sie im Beruf ab, die Kunden bleiben aus. Und wieder treffen Carina und Mona zusammen. Ihre Wege kreuzen sich mehrmals, so als wenn es ihre Schicksale darauf abgesehen hätten, sich miteinander zu vergleichen.

Was haben Tom und Carina wirklich falsch gemacht? Ist das soziale Leben, so wie es um sie herum eingestellt ist, an ihren Kollisionen schuld? Wo sind die Stationen, wo sie anders hätten abbiegen können? Die Einführung der Personen und die Umstände ihres Erscheinens lassen einen Moment noch vermuten, es könne alles gut gehen, dann aber nimmt das Unheil rasant Fahrt auf. Es ist es die Spannung, deren Aufbau Florian Scheibe vorzüglich beherrscht.


Auf anderen Blogs:

Isabella Caldart schreibt > Kurz&schmerzlos mit Florian Scheibe über „Kollisionen“
mit einem Interview mit Florian Scheibe


scheibe-kollisionen-110Florian Scheibe
> Kollisionen
Roman

1. Aufl. 2016,
377 Seiten,
gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98031-8

Florian Scheib liest die ersten zehn Seiten:

Freitag, 1. Juli in Klagenfurt: Jan Snela liest um 11 Uhr

Donnerstag, 30. Juni 2016

> 40. Tage der deutschsprachigen Literatur in KLagenfurt

> bachmannpreis.orf.at/

Jan Snela liest am Freitag um 11 Uhr. Ihr könnt die Lesung live auf > 3sat verfolgen. Und vergesst nicht, am Samstag ab 15 Uhr für den Publikumspreis abzustimmen: > ‪#‎tddl16‬.

Publikumspreis: Stimmabgabe nur am Samstag, 2. Juli, 15.00 bis 20.00 Uhr über das Internet.

Wahlmöglichkeit: Über die Webseiten von 3sat, BKS, Stadt Klagenfurt und Musilmuseum.
Anforderungen: E-Mail-Adresse und Begründung. Jede E-Mail-Adresse kann nur eine Stimme abgeben. Diese Stimme ist nur mit einer Begründung (max. 400 Zeichen) gültig. E-Mails an den Veranstalter werden nicht in die Wertung aufgenommen.

> Abstimmungsformular 3sat

> Nachgefragt: Jan Snela, Milchgesicht

Ermittlungsprotokoll: „Ich habe ihn getötet“ von Keigo Higashiono

Mittwoch, 22. Juni 2016

higashino-getoetet

Was soll man dazu sagen: Ein bekannter Drehbuchautor wird am Tag seiner Hochzeit vergiftet und bricht auf dem Weg zum Traualtar in der Kirche zusammen und stirbt. Als Täter kommen drei Menschen aus seinem Umfeld in Frage. Jeder von ihnen hatte offensichtlich die Gelegenheit dazu, sein Schnupfenmedikament durch eine Giftkapsel zu tauschen. Und jeder dieser Tatverdächtigen hat ein Motiv!

Wir erfahren aus den Ich-Perspektiven der Darsteller, was sich zugetragen hat. Jeder einzelne von ihnen kommt zu Wort, schildert seine Eindrücke und lässt uns an der Geschichte teilhaben. Doch passen Sie auf: Keiner der Beteiligten verbreitet falsche Informationen in den erzählenden Teilen seiner Ich-Perspektive. Das gilt jedoch nicht mehr für die direkte Rede, in der jeder sich nur zu seines Gunsten äußert.
higashino-getoetetEin wunderbar erzähltes Buch liegt auf meinem Schoß. Zugeklappt, nachdem ich den geschlossenen Druckbogen mit der sehnsüchtig erwarteten Anleitung zur Lösung dieses verworrenen Kriminalfalls mit einem scharfen Messer aufgetrennt habe. Wer ist denn der Mörder, wer ist schuld am Gifttod des Bräutigams Makoto Hodaka?

Ich drehe und wende das Buch – und komme einfach nicht drauf. Bewunderung schlägt in Frust um, und ich bin froh darüber, dass es bereits später Abend ist und lege mich enttäuscht schlafen.

Es klingelt. 7:03 Uhr zeigt der Wecker an. Kein Mensch steht sonntags um diese Zeit auf, aber ich muss es wissen. Ich schlage ganz willkürlich eine Seite auf und da steht erwas, was ich beim ersten Lesen tatsächlich übersehen habe. Die Stelle, in der unser Täter die Möglichkeit hatte, … das verrate ich hier nicht.

Bemerkung des > Buch und Medienblogs zur „Anleitung zur Lösung“: Erstmals wünschte ich mir, einen Kriminalroman als e-book zu besitzen, war ich mir doch so sicher, auf einer heißen Spur zu sein. Doch wo ist die Passage, mit des Rätsels Lösung? Richtig, indem ich durch die Eingabe von Schlagworten den Text durchsuchen würde. Doch ich habe nun einmal die Printausgabe…

> Leseprobe auf der Verlagsseite von Klett-Cotta

Keigo Higashino
> Ich habe ihn getötet. Inspektor Kaga ermittelt
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe (Orig.: Watashi go kare)
1. Aufl. 2016, 352 Seiten, Klappenbroschur, mit geschlossenem Lösungsbogen
ISBN: 978-3-608-98306-7

Lesebericht: Peter Nichols, Die Sommer mit Lulu

Donnerstag, 9. Juni 2016

nichols-sommer-mit-luluNein, das Buch ist nicht falsch zusammengebunden. 2005, 1995, 1983, 1970, 1966, 1951, 1948… die Geschichten werden auch nicht rückwärts erzählt, das sind auch keine Rückblenden damit würde man es sich zu einfach machen. Aber Peter Nichols spielt sehr geschickt und spannend mit der Erinnerung in > Die Sommer mit Lulu, den Roman, den Dorothee Merkel übersetzt hat, und der in diesen Tagen gerade bei Klett-Cotta erschinen ist.

Nichols nimmt uns nach Mallorca mit. Lulu Davenport ist in den Neunzigern angekommen und ärgert sich über die Auswirkungen ihres Schlaganfalls, die allen anderen keineswegs verborgen bleiben. Sie besitzt eine kleines Hotel an der Ostküste der Insel Mallorca. Von ihrem Mann Gerald Rutledge ist sie kurz nach der Hochzeit 1949 geschieden, beide blieben in dem Ort Cala Marsopa, sind sich aber nie mehr begegnet. Durch einen Zufall treffen sie sich beim Einkaufen. Eine neue Romanze? Weit gefehlt. Beide sind nicht mehr ganz so sicher auf ihren Beinen und der Weg an der Steilküste entlang wird beiden zum Verhängnis. Kaum hat der Leser Lulu und Gerald kennengelernt, ist es vorbei mit ihnen.

Aber beide haben aufregende Geschichten hinter sich, die dieses Buch zu Ihrer Sommerlektüre machen. Wie bereits angedeutet, wird die Geschichte nach vorne nach hinten erzählt. Nichols nutzt dabei eine einfache Technik, ganz so, wie Sie Freunden von früher berichten. Eine Geschichte und ihr Ende erinnert an eine Vorgeschichte die zur Erklärung und Illustration des Gesagten jetzt auch noch erzählt werden muss. Nur dann muss deren Vorgeschichte auch en détail erzählt werden, nur in Kenntnis ihrer Folgen wird das ganze Ausmaß der Ereignisse verständlich. Lineares Erzählen, entlang den Jahren, ist langweilig, weil die Erinnerung so schnell verblasst. Hier werden frühere Erlebnisse zu neuem leben erweckt, weil sie eine unmittelbare Auswirkung auf spätere Ereignisse hatten. Hauptpersonen sind Luc Franklin, der Sohn von Lulu und Aegina, die Tochter von Gerald. Charlie ist der Sohn von Aegina, er sit 15 und seien Freundin ist Bianca, die Tochter Aeginas bester Freundin in Cala Marsopa. Geralds Buch Der Weg nach Ithaka im Londoner Verlag Doughty Books Ltd. soll neu aufgelegt werden, und Gerald muss sich zur Buchpräsentation nach London begeben, derweil Lulu daheim ihren Geburtstag feiert. Und Charlie dar mit in das Schlafzimmer von… Lulu.

1983. Nein, Lulu betritt keine Boote. Vielleicht mal eine Fähre. Szábo kommt aber auf die Idee, die Taue zu lösen… die Yacht setzt sich in Bewegung. Die energische Lulu wirft kurz entschlossen ihre Handtasche auf die Kaimauer und springt filmreif ins Hafenbecken und schwimmt ans rettende Land zurück. Toll, bei einer Verfilmung des Buches wird die Szene bestimmt dreimal wiederholt, schon weil sie so gut ist. Bei der anschließenden Segelpartie geht nicht alles glatt, der Wind bleibt aus, der Motor geht kaputt und Luc geht über Bord, ohne dass jemand das merkt. Diesmal fährt Lulu mit. Ein Schnellboot wird gechartert, und man nimmt die Suche nach Luc auf. Nicht ganz einfach. Wo war er denn über Bord gefallen?

Geralds Erinnerungen (S. 224 ff) an 35 Jahre, in denen er die Frau, die ihn an diese Insel gefesselt hat, nur dreimal gesehen hat, vermischen sich mit seinen Beobachtungen, wie sein vertrautes Mallorca sich verändert.

1970. Nach dem Tod ihrer Mutter 1966 kam Aegina auf ein Internat nach England und zu Tante Billie, Geralds älterer Schwester. Dann folgt später eine Reise nach Marroko mit Luc, der Unfall mit der Kuh, der Leihwagen und die Drogen in der Türverkleidung. Lulu und Gerald kümmert sich um beide, die im Gefängnis festgehalten werden.

Auch Aegina und Luc haben ihre Vorgeschichte: S. 358 ff. 1956. 1951, Gerald hatte immer wieder an der Villa Los Roques geklopft. Aber deren Tür wurde nie geöffnet. Es blieb ihm nur die Erinnerung an 1948 und Lulu „die Verkörperung einer wilden konetiuschen Energie“. S. 453

Segeln, Sonne, Strand und Liebe, dabei wirkt die Geschichte, die hier erzählt wird, beinahe nur wie Beiwerk. Sie waren noch nicht auf Mallorca? Wahrscheinlich packen Sie nach der Lektüre dieses Buches ihren Koffer und lösne das Billett nach Palma de Mallorca.

Peter Nichols
Die Sommer mit Lulu
Roman aus dem Englischen von Dorothee Merkel
2. Druckaufl. 2016, 507 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98310-4

Rupert Neudeck – 1939-2016

Dienstag, 31. Mai 2016

Heute ist Rupert Neudeck im Alter von 77 Jahren gestorben.

Die Überraschung war groß, als Rupert Neudeck zu Beginn der Tagung Albert Camus und die Kunst (14. bis 16. November 2003) im Schwäbischen Tagungs- und Bildungszentrum Kloster Irsee plötzlich vor mir stand. Er hielt einen Vortrag mit dem Titel Camus der Journalist. Mein Thema > Kunst, Moral und Freiheit bei Camus, er sprach über die politische Ethik von Camus als Journalist, und nach seinem Vortrag berichtete Rupert Neudeck den Tagungsteilnehmern über die Geschichte der Hilfsorganisation CAP ANAMUR und über seine neue Organisation > Grünhelme. Waren das spannende Konferenztage, hier das Buch Albert Camus. Kunst und Moral, mit dabei Neudeck, der La Peste explizit als Lehrbuch für eine moralische und politische Ethik verstand und daraus sein so radikal humanitäres Engagement entwickelte und erklärte. Im Gespräch mit dem Journalisten Rambert, der eine Rechtfertigung für das Verlassen der Stadt hören möchte, sagt ihm der Arzt Rieux, man müsse sich nicht schämen, sein Glück zu suchen. Aber Rambert bekommmt dann noch in allerletzter Sekunde so ganz haarscharf die Kurve: „Ganz am Schluß rettet der windige Bursche Rambert dann doch noch die Würde des Journalismus,“ schreibt Neudeck.“ „Man kann sich schämen, allein glücklich zu sein“; „Mais il peut y avoir de la honte à être heureux tout seul“, Das sagt er dem Arzt Dr. Rieux, der ihn vorher exkulpiert hatte.“ Das ist die Ethik des Journalisten Neudeck.

Neudeck studierte Philosophie, Germanistik, Soziologie und Katholische Theologie. 1961 hörte er erst einmal mit dem Studium auf und war 9 Jahre in einem Jesuitenorden. Mit einer Dissertation über die „Politische Ethik bei Jean-Paul Sartre und Albert Camus“ beendete er 1972 sein Studium. Er war der Initiator und Begründer der Aktion Camp Anamur, der Frachter, mit dem er und seine Helfer mehr als 10.000 Flüchtlinge vor der Küste von Vietnam gerettet haben. Neudeck war Journalist beim DLF und ließ einmal verlauten, diese viele Vorschriften die es für solche Einsätze gibt, seien zu nichts nütze, man müsse einfach anfangen und den Menschen in ihrer Not zu Hilfe kommen. Er nahm auf die Fahrt mit der Cap Anamur ein Paket Bücher mit und verteilte La Peste von Camus an seine Helfer. In seinem Vortag am 29. Januar 2010 im Institut français in Bonn erzählte er davon. La Peste, so Neudeck, ist die Bibel der NGOs: > Rupert Neudeck parle de La Peste: Der Film von seinem Vortrag, den wir in diesem Artikel zeigen, auch wenn es nur ein Minuten sind, zeichnete die Passage auf, in der er die Bedeutung von Cammus‘ La Peste für seine Moral und seine Ethik kurz prägnant auf den Punkt brachte. In unseren unruhigen Zeiten in Europa und vor allem im Nahen Osten bräuchten wir ganz viele von seiner Art. Sein bedingungsloser Humanismus, sein kompromissloses Eintreten für die Menschenrechte, sein unaufhaltbarer Wille, Menschen in Not zu helfen, werden uns sehr fehlen.

> So wie Neudeck über Camus schreibt, gilt das auch für Neudeck selbst: „Rambert posa sa derniere question“, steht bei Neudeck; „Und Rieux wendet sich ihm zu und schlägt ihm alles aus der Hand: Entschuldigen Sie, Rambert, aber ich weiß es nicht. Er sagt also den Satz, den kein Journalist sagen darf. „Je ne le sais pas“. Und: Bleiben Sie einfach mit uns, solange Sie das wollen.
Und noch schlimmer, er reißt ihm auch noch sein individuelles Räppelchen aus der Hand und sagt. „Rien au monde ne va qu’on détourne de ce qu’on aime. Et pourtant je m’en détourne, moi aussi, sans que je puisse savoir pourquoi.“ – Schon wieder sagt der Arzt Rieux, daß er etwas nicht weiß. Damit erledigt er den räsonierenden Journalisten. Das sei eine Tatsache, sagt Rieux. Das müsse man zur Kenntnis nehmen und daraus die Konsequenzen ziehen. Welche Konsequenzen? – fragt der Journalist. Wie kann man aus etwas, das man nicht richtig weiß und zu definieren verfügt, Konsequenzen ziehen? Rambert, sagt Rieux, man kann nicht immer zur gleichen Zeit alles wissen und heilen. Also heilen wir so schnell es geht. Das ist am dringendsten. Ende der Durchsage. Man muß etwas tun, auch wenn man nicht immer ganz genau weiß, was.“ Nicht lange zögern, aufstehen, helfen, damit andere in Not überleben.

Literatur – Sachbuch – Blog – Klett-Cotta
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