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Archiv für die Kategorie 'Pädagogik/Schule'

Lesebericht: Paula Bleckmann, Medienmündig

Montag, 13. Februar 2012

Paula Bleckmann möchte in ihrem Buch > Medienmündig. Wie unsere Kinder selbstbestimmt mit dem Bildschirm umgehen lernen nicht wieder der schon immer viel beschworenen Medienkompetenz das Wort reden, sondern sie hat die Erziehung zur Freiheit und zur Autonomie im Blick. Sich und die Kinder nicht von den Medien vereinnahmen lassen, darum geht es in ihrem Buch, und dazu gehört mehr als nur Know-how für den Umgang mit den Medien. Ihre Botschaft ist eindeutig. “Zu früher Medienkonsum führt in die Abhängigkeit, nicht in die Mündigkeit.” (Klappentext) – Fragen wir doch mal: Woran liegt es eigentlich, dass Schülerinnen und Schüler in erster Linie nur Konsumenten im Internet sind? Web 2.0 bedeutet für sie wie für alle anderen FBler sich nur auf ausgetretenen Pfaden zu bewegen ohne einen besonderen Erkenntnisgewinn. Also was läuft in der Medienpädagogik schief?

Eine moderne Medienerziehung darf keine “Maschinensklave[n]” (S. 17) ausbilden. Ihr Buch ist eine Kritik an der aktuellen Medienpädagogik, die “die Anpassung des Menschen an die Medien” (vgl. ebd.) vorsieht. Ihr Ansatz macht neugierig, denn sie legt ihr Buch genau zum richtigen Zeitpunkt vor, wenn auf der diesjährigen Didacta in Hannover die Digitalisierung des Unterrichts auf vielen Ständen gefordert und manchmal auch demonstriert wird. Man darf auch fragen, Medienkompetenz wofür? In einer Stadt kann man sich nur bewegen, wenn man ungefähr das Ziel kennt, zumindest aber neugierig, einen neuen Weg zu entdecken. Kinder, die im Internet etwas suchen sollen, sind heillos überfordert, und es wird für sie noch schwieriger, wenn sie mit den modernen Medien mehr machen sollen, als sich nur bunte Inhalte anzugucken.

Kinder brauchen Zeit, so wie der > Flaneur sich in seiner Bewegung vortastet und orientiert. Erst ein gewisses Orientierungswissen erlaubt dem Kind, mit den Medien etwas anfangen zu können. Man sieht nur, was man weiß, hat mir mal ein Architekt gesagt. Keine Lauflernhilfe, meint Bleckmann, und erwähnt die Auswüchse in den USA; die Neugeborenen so schnell wie möglich vor der ersten Flasche mit einem PC versorgen – mein Lieblingsgeschenk für Neuankömmlinge, war immer das achtseitige Stoffbuch.

Paula Bleckmann ist von Berufs wegen mit der Suchtprävention vertraut. Ihre Anmerkungen zu den Medien als Suchtauslöser sind ganz praktisch fundiert. Und sie meint, es gehe nicht um Abstinenz, sondern um den kontrollierten Konsum (S. 80). Ihr 4. Kapitel “Medienmündig – Schritt für Schritt” enthält wichtige und sehr lesenswerte Abschnitte zu Rezeptions- und Produktionsfähigkeiten. Der PC soll ein Knecht werden und kein Meister, so darf man ihren Ansatz interpretieren. Systematisch entwickelt Bleckmann ihre Alternative zu einer unreflektierten Medienkompetenz. “Selektionsfähigkeit” soll zu der Frage führen, “was macht der Mensch mit den Medien?” (S. 105) statt die Medien den Menschen verbiegen zu lassen.

Bleckmann stützt ihre Ausführungen auf Umfragen, außerdem kennt sie die Basisarbeit und kann die Ergebnisse der von ihr zitierten Umfragen sachgemäß lesen und auswerten. Und sie nimmt auch das Problem der Kinder aus privilegierten Familien in den Blick und zeigt wie auch eine Medienpädagogik helfen kann “Bildungsklüfte” zu erkennen und zu überwinden. Mir gefällt der gesunde Menschenverstand von P. Bleckmann: Abenteuer, Langeweile, Freud und Leid in der richtigen realen Welt lösen manches Medienproblem oder pädagogisch gesprochen, in der realen Welt erarbeitet man sich das nötige Orientierungswissen. Medien konsumieren kann jeder mehr oder weniger kompetent, aber etwas mit den Medien machen, sie sich Untertan machen, das ist eine Kunst. Von hundert Studenten, die ich danach fragte, wer schon mal in Wikipedia etwas geändert hat, wollte es nur einer gewesen sein. Schreiben die anderen nur ab? Oder konsumieren sie nur?

Im 2. Teil werden die Erwachsene aufgefordert zuzuhören. Hier können sie etwas lernen über die Wirkung von Medien in Kinderzimmern. Sie zitiert Nicholas Carrs Buch Die neue Seichtigkeit – was das Internet mit unserem Hirn macht – man kann sich denken, das das Internet dabei nicht gut wegkommt, wie z. B. Günther Anders in seinem Band Die Antiquiertheit des Menschen, Bd. 1. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München 1956, 7. Aufl. 1987 die “Verbiederung” der Welt so einleuchtend und zutreffend beschrieben hat: S. 99-128: “Massenkonsum findet heute solistisch statt” (S. 101) titelte er und setzte gleich hinzu, ohne das Internet zu kennen: “Jeder Konsument ist ein unbezahlter Heimarbeiter für die Herstellung des Massenmenschen” (ebd.) und zeichnete so den Facebookteilnehmer von heute. Alles schon mal dagewesen: “Da die Geräte uns das Sprechen abnehmen, verwandeln sie uns in Unmündige und Hörige,” (S. 107) lautet die nächste Überschrift, gefolgt von “Die Ereignisse kommen zu uns, nicht wir zu ihnen.” (S. 110) Aber es gibt doch Web 2.0 wird man wir antworten – aber doch nicht im Rahmen der Medienpädagogik? Mag sein, dass es noch Nachholbedarf gibt, und dass daraus noch etwas werden kann: z. B. > Fremdsprachenunterricht 2.0. Die Gretchenfrage wird aber immer so lauten: Lernt der Schüler mit dem digitalen Medienverbund, der ihm angeboten wird mehr? Welche Lehr- und Lern-Szenarien gibt es, die ihn anleiten, einen Blog zu schreiben, eine Website zu entwerfen, den richtigen Mix zwischen Twitter, Facebook und seinem Blog zu begründen? Konsumiert er? Oder lernt er im Internet zu schreiben?

Im dritten Teil vermittelt Bleckmann Tipps und Tricks für den Alltag. Es geht um Familien, wo der Bildschirm-Babysitter nie kommt, und wenn der Kasten schon mal da ist, kann man Regeln finden: “frühes Nichtfernsehen führt zu weniger Fernsehen.” (S. 179), aber das stumme TV-Gucken fördert die Konsumhaltung vor dem PC, so darf man Bleckmann verstehen. Und am Schluss gibt es drei pfiffige Tests, mit deren Bestehen, sich die Kinder von nacheinander von derCD zum TV und dann weiter zum PC hangeln dürfen.

Der Drang zur totalen Digitalisierung der Schule berücksichtigt nicht, dass die Kinder sich vorher am besten selber einen Eindruck davon verschaffen sollen, was sie digitalisieren sollen. Ansonsten werden sie nur kompetent im bloßen Knöpfendrückchen, aber sie lernen nicht oder erst spät, selber Inhalte über ihre Erlebnisse anderen mitzuteilen.

Paula Bleckmann,
> Medienmündig. Wie unsere Kinder selbstbestimmt mit dem Bildschirm umgehen lernen
1. Aufl. 2012, 251 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-94626-0

Coachen Sie Ihre Kinder beim Lernen

Dienstag, 20. September 2011

Christoph Eichhorns wichtigste These: > Bei schlechten Noten helfen gute Eltern. Er stützt sich auf die Langezeitstudie, mit der Martin Neuenschwander den besonderen Einfluss der Eltern auf die Schulleistungen ihres Kindes nachgewiesen hat. Die Leistung der Kinder werden wohl zur Hälfte von den Erwartungen der Eltern bestimmt. Daraus leitet Eichhorn ein ganz Bündel von Strategien und Lösungsansätzen ab, um Eltern auf alle möglichen Situationen vorzubereiten: Schlechte Noten, keine Lust zu Hausaufgaben, Schulfrust, alles was uns immer noch wohlvertaut ist. Oft wird auf die Lehrer geschimpft, aber Eichhorn bringt seinen Lesern, und vornehmlich den Eltern bei, Ruhe zu bewahren und zuallerst mal das Selbstvertrauen ihrer Sprößlinge zu stärken. Wenn das Kind kapiert, dass es auf die Frage, wer ist der Biss bei Deinen Hausaufgaben, “ich” antwortet, ist das die halbe Miete. Schlechte Noten regen alle auf. Eichhorns strategische Vorschläge sind überzeugend und beruhigen erst einmal die Eltern: Eine Zuhör- und Verständnisphase ist angesagt. Ein Donnerwetter hilft nur selten. Stattdessen sollten realistische Erwartungen kommuniziert werden. Und auch bei Schülern mit mäßigen Leistungen gibt es genug Erfolge, an die man anknüpfen kann. Wie gesagt, Selbstvertrauen fördern, Verantwortung übertragen und das Kind Probleme selbst lösen lassen. Und Eltern müssen lernen, Belastungen der Schüler zu erkennen. Mancher Nachwuchs hat schon einen Terminkalender wie ein hochdotierter Manager und hält seine Eltern mit allerlei Taxidiensten auf Trab. Hinzu kommt noch die Computer- und Internetwelt, die statt Erholung zu verschaffen, den Kleinen die letzte Konzentrationsfähigkeit raubt. Sport und Bewegung ist angesagt.

Der Sinn von Hausaufgaben wird von den Kindern schnell unterschätzt, wenn ihre Eltern über nicht gemachte Hausaufgaben hinwegsehen. Die Motvationsstrategien für erfolgreiche Hausaufgaben sollte man allen Eltern in die Hand drücken, die über schlecht gemachte Hausaufgaben ihrer Kinder klagen. Ein Stamm-Arbeitsplatz ist schon der Anfang. Setzen Sie Ziele und kämpfen Sie nicht gegen Probleme, rät Eichhorn.

Die eingangs erwähnte Studie von Martin Neuenschwander, die die überragende Bedeutung der Eltern für den Lernprozess der Kinder unterstreicht, darf als Ausgangspunkt die Anleitung, die Eichhorn hier Eltern präsentiert, mit der sie ein guter Lerncoach für ihre Kinder werden nicht überbewertet werden. Auch ohne diese Studie ist Eichhorns Ansatz sehr verfolgenswert und Eltern können hier viele Ideen für die Entwicklung ihrer eigenen Strategien finden. Man darf dabei aber nicht vergessen, dass auch Lehrerpersönlichkeiten einen äußerst prägenden Einfluss auf ihre Schüler gewinnen können. Viele Lehrer sind auch Eltern, auch sie werden dieses Buch mit Gewinn lesen. Noch ein Ratgeber. Ja, klar, aber in sehr konzentrierter Form. Und seine Leser dürfen sich fragen, ob sie wirklich schon einen Teil der hier vermittelten Anregungen wirklich umsetzen? Haben Ihre Kinder das Gefühl, Verantwortung für sich, für ihr Lernen und andere zu haben? Werden sie ernst genommen? Wann hatten Sie zum letzten Mal Zeit und Ruhe, um mit Ihrem Kind zu sprechen? Wissen Sie warum es Angst vor einer Klassenarbeit hat? Selbstvertrauen, Verantwortung kann man auch lehren, also den Kindern beibringen.

Christoph Eichhorn
Bei schlechten Noten helfen gute Eltern
1. Aufl. 2011, 187 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-608-94603-1

Christoph Eichhorn, Diplom-Psychologe, Supervisor und approbierter Psychologischer Psychotherapeut, hat den Band >
Classroom-Management – Wie Lehrer, Eltern und Schüler guten Unterricht gestalten verfaßt, der im Oktober 2008 erschienen ist.> Eichhorn, Christoph
> Classroom-Management – Wie Lehrer, Eltern und Schüler guten Unterricht gestalten
223 Seiten, ISBN: 978-3-608-94534-8

Weitere > Erziehungs-Ratgeber bei Klett-Cotta

Gerhard Roth, Bildung braucht Persönlichkeit

Montag, 11. April 2011

Am Montag, 11. April kommt Gerhard Roth in den Hospitalhof Stuttgart (Büchsenstraße 33).
Beginn: 20:00 Uhr.

Gerhard Roth > Wissen, Bildung und Persönlichkeit

> Interview mit Gerhard Roth

Weiterbildung? Bringt nichts! Unternehmen investieren hohe Summen in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter, nach zwei Monaten ist wieder alles beim Alten. Unser Schulsystem verschlingt Milliarden – Pisa hat gezeigt, was dabei herauskommt.

Gerhard Roths neues Buch »Bildung braucht Persönlichkeit – Wie Lernen gelingt« steht im März 2011 auf Platz 8 der »Sachbüchern des Monats«

Platz 8 der Sachbücher des Monats:
Gerhard Roth, Bildung braucht Persönlichkeit

Dienstag, 8. März 2011

Auf der Website von Klett-Cotta ist gerade Gerhard Roths neues Buch > Bildung braucht Persönlichkeit steht im März 2011 auf > Platz 8 der
> Sachbüchern des Monats.

Auf diesem Blog: > Nachgefragt: Gerhard Roth, Bildung braucht Persönlichkeit

Auf diesem Blog: > Lesebericht: Gerhard Roth, Bildung braucht Persönlichkeit
Web 2.0 in der Schule und in der Uni? Viel selbständiges Arbeiten? Gerhard Roth befürwortet den Wechsel der Unterrichtsformen, aber er plädiert auch für den Frontalunterricht der unter Berücksichtigung des Lernverhaltens der Schüler Inhalte für alle in der Klasse vermittelt.

In meiner Referendarzeit hätte ich das Buch gerne schon gehabt, um mich mit guten Argumenten für die Unterrichtsvorbereitung und -durchführung wappnen und so gegen manche Willkür bei der Benotung von Lehrproben wehren zu können. Auch für ein internes Seminar in Lehrerkollegien ist das Buch geeignet. Will man Deutschland wirklich zur Bildungsrepublik machen, findet man bei Roth sehr nützliche Anregungen., um über neue und wohl begründete Ansätze einer Unterrichtsdidaktik nachzudenken. Es ist richtig, er geht mit einigen der bekannten pädagogischen Ansätzen mit guten Gründen nicht besonders nachsichtig um, aber die > Lektüre seines Buches zeigt, wie er sein Fachwissen in die Diskussion um die Persönlichkeit der Schüler und der Lehrer einbringen kann. Im übrigen tut es so gut, dass er nach Nachdruck von der Persönlichkeit der Schüler spricht. Sie ernstzunehmen, das ist eine wichtige Botschaft seines Buches.

> Gerhard Roth
> Bildung braucht Persönlichkeit. Wie Lernen gelingt
1. Aufl. 2011, 360 Seiten
ISBN: 978-3-608-94655-0

Nachgefragt:
Gerhard Roth, Bildung braucht Persönlichkeit

Donnerstag, 24. Februar 2011

Von Gerhard Roth ist bei Klett-Cotta gerade der Band > Bildung braucht Persönlichkeit erschienen. Nach seinem Vortrag auf der Bildungsmesse didacta in Stuttgart und dem > Lesebericht über sein Buch auf diesem Blog gab es eine Gelegenheit, nachzufragen. Professor Gerhard Roth kommt aus dem Institut für Hirnforschung an der Universität Bremen. Er vertritt die Fächer Verhaltenspsychologie und Entwicklungsneurobiologie. Er beginnt die Einleitung seines Buches mit einer heftigen Kritik an der akademischen Lehrerausbildung. Ich habe ihn gefragt, wo seiner Meinung nach die größten Probleme liegen. Trotz der Defizite im Bereich der Psychologie und Pädagogik will Roth einen „pädagogischen Agnostizismus“ (S. 16) nicht teilen.

Er will zwischen der Neurobiologie und den eben genannte Disziplinen vermitteln. Die Lehrer sollten etwas üb die Funktionen des Gehirn wissen. Das erstes Kapitel seines Buches liest sich wie eine Anamnese. Man weiß, dass die die Schule Persönlichkeiten ausbilden soll. Aber weiß denn jemand in der Schule, wie das geht? Über Intelligenz haben wir gesprochen und ich habe Professor Roth nach seinem neurobiologischen Ansatz hinsichtlich der Aufmerksamkeit, des Bewußtseins und des Arbeitsgedächtnisses gefragt.

Gerhard Roth:

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

ca. 32 Minuten

und hier zum Herunterladen als mp3-Datei > Bildung braucht Persönlichkeit.

> Gerhard Roth
> Bildung braucht Persönlichkeit. Wie Lernen gelingt
1. Aufl. 2011, 360 Seiten
ISBN: 978-3-608-94655-0

Literaturelite

Lesebericht: Gerhard Roth, Bildung braucht Persönlichkeit

Montag, 21. Februar 2011

Gerade ist der Band > Bildung braucht Persönlichkeit von Gerhard Roth erschienen.

> Wie Lernen gelingt: Gerhard Roth auf der didacta 2011 in Stuttgart:
Die Veranstaltung mit Gerhard Roth findet am 22. Februar 2011 von 16 bis 17 Uhr auf der Messe Stuttgart, Kongress-Centrum, Raum C6.2.2 statt.

Der Titel dieses Buches verrät Roths Hauptthese: “Lehren und Lernen” finden “stets im Rahmen der Persönlichkeit des Lehrenden und des Lernenden, also der höchst individuellen Art des Wahrnehmens, Denkens, Fühlens, Wollens, Handelns sowie der Bindungs- und Kommunikationsfähigkeit eines Menschen” (S. 35) statt. Mit dieser Definition der Persönlichkeit schlägt Roth eine Brücke von seinem neurobiologischen Ansatz zu den gängigen Verfahren der Psychologie und der Pädagogik, allerdings mit dem Zusatz: soweit sie nicht mit den Forschungsergebnissen der Hirnforschung besonders hinsichtlich der “Verankerung der Persönlichkeit im Gehirn” abgestimmt werden.

Der Untertitel seines Buches “Wie Lernen gelingt” verrät, dass der Autor aus seinen Überlegungen Vorschläge zur Verbesserung des Lernbedingungen ableiten möchte. In der Tat, der Autor ist überzeugt, dass überfällige Verbesserungen nur realisiert werden können, wenn grundlegende Funktionsweisen des Gehirns berücksichtigt werden. Dabei verlässt Roth – und das unterscheidet ihn von anderen Neurobiologen – sich aber nicht ausschließlich auf seine neurobiologische Sichtweise, um mit ihr der Pädagogik und der Didaktik neue Richtungen zuzuweisen, sondern er möchte Schuldidaktiker und Pädagogen dazu bewegen, in ihren Arbeiten auch die Ergebnisse neurobiologischer Forschung zu berücksichtigen. (Vgl. S. 277) In diesem Sinne nimmt Roth eine vermittelnde Stellung ein, aber er sagt auch sehr deutlich, dass Forschungsergebnisse, die neurobiologische Einsichten nicht aufnehmen, irrelevant sind. (ib.)

Unter ähnlichen Vorzeichen beschreibt Roth in seiner Einleitung die aktuelle Ausbildungssituation der Lehrer. Die drei Institutionen, die das Bildungswesen bestimmen, – die Vertreter der staatlichen Bildungsbehörden, die Hochschullehrer der Pädagogik und Didaktik sowie die Lehrenden, die mit ihrer Unterrichtspraxis, die weitgehend auf “Versuch und Irrtum” beruht, weitgehend allein gelassen werden. (S. 14 f.) – stimmen sich nach Roths Einschätzung untereinander nur unwillig ab. Das ist ein weiterer wichtiger Kritikpunkt, der bereits in der Einleitung genannt wird. Folgt man den Konsequenzen dieser Auffassung, waren bisher viele Schulreformen zum Scheitern verurteilt. Nebenbei bemerkt Roth, “dass die akademische pädagogische Ausbildung für die spätere Praxis der Schul- und Weiterbildung weitgehend zwecklos ist.” (S. 14) In meiner Erinnerung war sie es nicht, aber man darf für Ergänzungen und neue Themen aus der Sicht Roths neugierig sein.

Die unwillkürliche Erinnerung ruft sogleich die Vorlesungen, die Seminare des Begleitstudiums sowie die zwei Jahre des Vorbereitungsdienstes ins Gedächtnis zurück. Natürlich hätte ich damals gerne dieses Buch schon in der Hand gehabt, besonders wenn Fachleiter nach Unterrichtsbesuchen mit Noten ihren Eindruck vom Unterricht bewerteten, bei dem für sie der Lehrende naturgemäß oft allein im Zentrum der Beurteilung stand. Zugegeben, auch ohne neurobiologische Reflexionen gab es auch damals eine Analyse der Unterrichtssituation, mit der der Referendar die Ausgangssituation und die Unterrichtsbedingungen schildern konnte und seine Entscheidungen mit ihren Alternativen zu begründen hatte. Man konnte sich aber damals des Eindrucks nicht erwehren, dass eher individuelle Unterrichtsrezepte der jeweiligen Fachleiter den Ton angaben als wissenschaftlich fundierte Lerntheorien. Diesen Unterschied will Roth mit seinem Buch aufzeigen – Roth sagt ausdrücklich, dass er den “‘pädagogischen Agnostizismus’” (S. 16) als Befund nicht teilt – und er möchte Lehrern Perspektiven anbieten, über eine begründetet Veränderung von Lehr- und Lernformen in der Schule nachzudenken. Erst wenn man mehr über die Art und Weise weiß, wie das Gehirn Informationen verarbeitet und wie das Gedächtnis Informationen speichert, anders gesagt, wie der Mensch sich seine Welt zusammenbaut, kann man seine eigene Unterrichtspraxis überprüfen und neu bewerten.

Sein 1. Kapitel ist eine Art Anamnese. Wie steht es um die Schule? Ist die Persönlichkeit der Schüler nicht im Blick des Lehrers, wird der Bildungserfolg gefährdet. Kapitel 2 erklärt die psychologischen und neurobiologischen Grundlagen der Persönlichkeit in so einleuchtender Weise, dass man sich fragen möchte, wie eine Lehrerausbildung ohne diese Themen gelingen kann? Lehrer, die ihre Schüler ernst nehmen, sie schon immer als Persönlichkeit akzeptiert haben und sie mit in ihrer Selbständigkeit fördern möchten, haben bisher auch beachtliche Erfolge erzielt. Ihnen dürften Roths Ausführungen eine Unterstützung bei der Ausbildung und Anleitung jüngerer Kollegen sein. Kapitel 3 erklärt die Funktion von Emotionen und Motiven. Im Kapitel 4 geht es um Lernen und Gedächtnisbildung. Geschickt zeigt Roth den Stand der prädagogischen Forschung zu diesem Thema und ergänzt ihn mit den “Neuobiologische(n) Grundlagen des Gedächtnisses” (S. 109 ff). Kapitel 5 behandelt “Aufmerksamkeit, Bewußtsein und Arbeitsgedächtnis”: Die notwendige Unterteilung des Unterrichts in Phasen mit verschiedenen Aufmerksamkeitsphasen haben wir nach meiner Erinnerung im Ausbildungsseminar intensiv untersucht und geübt. Allerdings können Roths Ausführungen zur Funktion des Arbeitsgedächtnisses hier wertvolle Einsichten vermitteln. Im Kapitel 6 vertritt Roth die Auffassung, dass Begabung eine Voraussetzung für das Lernen und ein Ergebnis des Lernens ist. (vgl. S. 152). Kapitel 7 geht auf die Vertrauensbildung ein. Intelligenz ist nur ein Faktor für den Erfolg. Kapitel 8 zeigt u. a. die Bedeutung der familiären Unterstützung. Kapitel 9 (Sprache) und Kapitel 10 (Bedeutung und Verstehen) systematisieren die bisherigen Ergebnisse Roths und erweitern den Blick auf die Werkzeuge um Wissenserwerb und die Ausdrucksfähigkeit. Aktuelle didaktische Konzepte (Kap. 11) haben es bei Roth nicht leicht. Er fragt gerne und mit Recht, warum die lerntheoretische Didaktik des “Berliner Modells” gescheitert ist und bemängelt die offenkundigen Defizite behavioristischer Lehrprogramme, die wir auch schon im Vorbereitungsdienst ad acta gelegt hatten. Als Neurobiologe will Roth Hilfestellungen anbieten, ein Ersatz der Pädagogik und Didaktik, wie M. Spitzer (2003), ihn im Sinn hat, (Vg. S. 274) vertritt Roth nicht, denn er weiß, dass die Neurobiologie auch die Ergebnisse er Psychologie und der Neuropsychologie berücksichtigen sollte. Das 12. Kapitel “Bessere Schule, bessere Bildung” nimmt die ausbordende Stofffülle, den 45-Minuten Takt, die enggezogenen Fächergrenzen und die wenig praktizierte Wiederholung ins Visier – mit guten Gründen, die Roth als Neurobiologie fundiert erklären kann. Keine der Maßnahmen sei wirklich neu, sie wurden nicht von Neurobiologen erfunden, erklärt Roth (vg. S. 307) aber aus der Sicht der Neurobiologie kann man diese Maßnahmen besser beurteilen.

Wie war das früher und heute? Mathe, Deutsch, Physik, Religion und 2 Stunden Französisch und vielleicht noch eine 7. Stunde. Jeder Fachlehrer kommt mit seinen Erwartungen. Und die Schüler erleben einen bunten oft unzusammenhängenden Reigen vieler interessanter Themen, der sich in der Erinnerung oft auf kaum mehr als das flackernde Fernsehbild reduziert aber aufgemischt durch kleine und große Stresstests wie Vokabelarbeiten und punktuellen Wiederholungen in Form von Klassenarbeiten, die die Unterrichtsreihen beenden, vergessen lassen, aber versetzungsrelevant sind. Und wie müsste es sein? Wie könnte der normale – stofflich zu entrümpelnde – Fachunterricht einschließlich notwendigen Frontalunterricht oder besser der unterricht, der sich für eine bestimmte Zeit an alle in der Klasse wendet – ergänzt werden? Die Klasse teilt sich nach Neigungen in Gruppen auf und bereitet – unter der Anleitung ihrer Fachlehrer – mit Hilfe der Schulbibliothek, des Internets, mitgebrachter Zeitungsausschnitte und einer Diskussionsrunde die Unterrichtsreihe “Deutsch-französischen Beziehungen von 1945 bis 1963″ alleine vor. Der Französischlehrer, der Geschichtslehrer und der Deutschlehrer haben dabei drei, vier Zeitstunden oder länger Zeit, ihre Schüler zu beobachten. Beobachte Deinen Schüler, das versuchte auch Jean-Jacques Rousseau dem Leser von Émile ou de l’Éducation einzubläuen. Dabei lernen die Lehrer soviel und gar mehr als ihre Zöglinge. Lehren heißt, Perspektiven eröffnen. Als wir im Bonner Friedrich-Ebert-Gymnasium uns die Verfassung der V. Republik ansahen, meinte eine Schülerin, die ist der Verfassung von Weimar ähnlich, die haben wir heute in Geschichte besprochen und fing an, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten beider Verfassungen aufzuzeigen.

Unterricht ändert sich schon, wenn Schüler als Persönlichkeit ernstgenommen werden. Roths Buch macht Lust auf Veränderung. Man lernt in diesem Buch einiges über die Funktion des Gehirns, gerade soviel, um wichtige pädagogische Entscheidungen fundierter begründen zu können. Zuweilen geht Roth aber doch über das Basiswissen hinaus und gibt seine Passion als Neurobiologe zu erkennen. Dann muss man sich echt konzentrieren, um seinen Fachausdrücken zu folgen. Sie gehören aber nun mal zu dem Fundament, von dem die Pädagogik profitieren kann.

Schade, Blogartikel sollen gar nicht so lang sein. Aber dieses Buch reizt zum Erzählen. Manches kann mit nach der Lektüre dieses Buches besser erklären und manches möchte man gerne künftig anders machen, weil man jetzt die Begründungen in der Hand hält.

Gerhard Roth
> Bildung braucht Persönlichkeit. Wie Lernen gelingt
1. Aufl. 2011, 360 Seiten
ISBN: 978-3-608-94655-0

Das Blog-Leseprogramm im Februar

Freitag, 18. Februar 2011

Jetzt wird in den nächsten zwei Wochen der Bücherlesestapel abgearbeitet. Das ist aber nur ein Teil der > Neuerscheinungen in diesem Frühjahr. Der nächste Stapel kommt gleich hinterher:


Den Band von Jonathan Lethem > Chronic City habe ich angefangen zu lesen: “Chase Insteadman, ein ehemaliger Kinderstar, ist fester Bestandteil der New Yorker High Society. Sein soziales Ansehen verdankt er einem Unglück, das in der Klatschpresse für Furore sorgt: Seine Verlobte Janice Trumbull schwebt manövrierunfähig im Weltraum, von wo sie ihm herzzerreißende Liebesbriefe schreibt,” steht auf dem Klappentext. Es geht um Medien und um Wahrheit. > Wollen Sie auch schon mal in diesem Buch blättern?.

Der Lesebericht für das Buch von Gerhard Roth > Bildung braucht Persönlichkeit und wird hier angezeigt, wenn das Buch am 21. Februar erschienen ist. Das Interview mit Gerhard Roth für diesen Blog (Nachgefragt…) ist schon geplant. – Auf meinem Lesebücherstapel liegt auch Lauren Grodsteins > Die Freundin meines Sohnes. Roman.: “Für Pete Dizinoff läuft alles prima. Er hat eine erfolgreiche Praxis, eine liebevolle Frau und ein hübsches Haus in einem gediegenen Vorort. Vor allem hat Pete einen Sohn, Alec, für den er nur das Beste will.” Das klingt nach Erziehung und danach, dass da vielleicht was schieflaufen wird. Die > Leseprobe.

Und dann kommt auf dem Lesestapel Wolfgang Schömels > Die große Verschwendung zum Vorschein: Dr. Georg Glabrecht gerät in einen mehr oder weniger selbstverschuldeten Politskandal. Ein Bau-Renommierprojekt, die Verlockungen jeder Art, Liebe und Geld, alle Zutaten, damit es so richtig daneben geht. > Wollen Sie reingucken?


Über > Sex stand ja schon einiges auf diesem Blog. Am 21. Februar erscheint der Band von David Schnarch > Intimität und Verlangen. Und im April bietet der Autor > Seminare in Deutschland an.

Christoph Griessemann und Dirk Stermann > Speichelfäden in der Buttermilch haben Marcel Meich-Ranicki zu der Bemerkung “Der heißeste Scheiß aus Wien!” veranlasst. > Leseprobe.

Zülfü Livanelli wird am 23. März im > Stuttgarter Literaturhaus aus dem > Roman seines Lebens lesen.

Was passiert, wenn die Vergangenheit nicht wichen will, und die Toten keine Ruhe finden? Mit > Hemmersmoor erscheint ein Schauerroman. Ort der Handlung: Ein kleines Dorf im norddeutschen Teufelsmoor, Jahre nach dem Krieg. Eine Kneipe, wo die Alten von Wiedergängern und Irrlichtern reden. Personen der Handlung: Vier junge Freunde, deren unschuldige Spielereien in die dunkelsten Winkel der menschlichen Seele führen. Nach der Leseprobe werden Sie ganz unruhig, bis das Buch da ist. Zuviel versprochen?

Das Frühjahrsprogramm 2011 von Klett-Cotta und Tropen

Dienstag, 18. Januar 2011

Mein Bücherregal mit den Büchern aus dem Herbst ist noch gut gefüllt. Einige Leseberichte müssen noch geschrieben werden: > Die Kreuzzüge und auch > die drei Bände über Frankreich, die Neuauflage, von Fernand Braudel muss hier auch noch drankommen.

Hier sind die Programmvorschauen für 2011 zum anklicken und durchblättern:

Klett-Cotta
und Hobbit-Presse
Klett-Cotta
Sachbuch
Klett-Cotta
Fachbuch
Tropen bei
Klett-Cotta

Die Vorschauen im Frühjahr und Herbst! Sie in die Hand zu nehmen und darin zu blättern! Das ist immer spannend. Was wird zuerst gelesen? Was passt in einem Blogbeitrag zusammen? Wer kann interviewt werden? Überhaupt wie sieht das Blogprogramm im Frühjahr aus? Der Bereich der Fachbücher wird auch mit einem Katalog deutlich gestärkt. Und es gibt spannende neue Bücher auf dem Regal der Belletristik. Freue mich jetzt schon über alle Besucher, die die Leseberichte auf diesem Blog durchstöbern werden.
…und als Erinnerung für 2010:

Klett-Cotta
und Hobbit-Presse
Klett-Cotta
Sachbuch
Tropen bei
Klett-Cotta

Beim Durchblättern der neuen Kataloge für das Frühjahr sind mir drei Titel besonders aufgefallen:

Am 24.01.2011 erscheint der Band von Ian Johnson > Die vierte Moschee. Nazis, CIA und der islamische Fundamentalismus: In der Vorschau steht “Ein unerhörter Faktenthriller von der Entstehung und Ausbreitung des islamischen Fundamentalismus mit Hilfe Nazi-Deutschlands und der CIA.” Jan Johnson, Journalist und Pulitzer-Preisträger, betritt 2003 eine Londoner Buchhandlung. Dort macht er eine unheimliche Entdeckung: Als wichtigste Moscheen werden Mekka, Jerusalem, Istanbul und eine Moschee in München genannt. Das islamische Zentrum von München wurde seit dem Dritten Reich und dem Kalten Krieg von Nazis, Agenten, gestrandeten Muslimen, islamistischen Fanatikern,von Akteuren aller Couleurs zum Bollwerk gegen die Sowjetunion aufgerüstet. Alles passiert hinter dem Rücken der Öffentlichkeit. Die Beteiligten: Der CIA und andere Geheimdienste. Sie unterstützen radikale Islamisten der Moslembruderschaft. Das Drama, das sich in München abspielte, mündet in der jüngsten Zeitgeschichte: In der vierten Moschee wurde der Westen zum Paten des 11. September 2001.

Ian Johnson
> Die vierte Moschee. Nazis, CIA und der islamische Fundamentalismus Aus dem Amerikanischen von Claudia Campisi
1. Aufl. 2011, 360 Seiten
ISBN: 978-3-608-94622-2

Von Gerhard Roth erscheint im Frühjahr ein neuer Band > Bildung braucht Persönlichkeit. Wie Lernen gelingt. Er nimmt unser Bildungssystem kritisch unter die Lupe? Weiterbildung? Davon hält er nicht viel. Es wird viel in die Weiterbildung investiert, aber die Effekte sind minimal. Und PISA zeigt, was bei den Schülern wirklich hängenbleibt. Das Scheitern der Bemühungen um Bildung und Weiterbildung hat seine Gründe: Die Erkenntnisse der Psychologie und Neurowissenschaften haben bisher keinen Eingang in unser Bildungssystem gefunden. Nur wenn man sich ernsthaft die Frage stellt, wie lernt der Mensch eigentlich? kann man verstehen, warum Emotionen beim Lernen so wichtig sind. Vokabeltests im Französischunterricht schrecken ab, wecken die falschen Emotionen, aber > guter Literaturunterricht kann Schüler dauerhaft für Französisch begeistern. Nur wer Begeisterung für den Stoff zu wecken weiß, kann wirklich lehren. Die Frage lautet: “Wie kann das Gelernte dauerhaft im Gedächtnis implantiert werden?”, und dann darf auch gefragt werden, wieso sind manche Lehrer erfolgreich, andere nicht?

Gerhard Roth
> Bildung braucht Persönlichkeit. Wie Lernen gelingt
1. Aufl. 2011, 360 Seiten,gebunden mit Schutz umschlag
ISBN: 978-3-608-94655-0

Silvia Avallone hat eine ergreifende Geschichte zweier junger italienischer Mädchen geschrieben: > Ein Sommer aus Stahl. Die beiden 13-jährigen Freundinnen Anna und Francesca wohnen in dem kleinen Küstenorts Piombino ab. Ihre Lebenslust steht in deutlichem Kontrast zu Ihre Umgebung. Da ist das Stahlwerk, das das Leben im Dorf bestimmt. Als Anna, etwas frühreif, etwas mit Mattia, einem ehemaligen Kriminellen anfängt, zerbricht die Freundschaft mit Francesca, die daraufhin auf Abwege gerät. »Ein Roman über einfache Menschen und ihre großen Gefühle – brillant und bewegend« schreibt Il Messaggero.

Silvia Avallone
> Ein Sommer aus Stahl
Aus dem Italienischen von Michael von Killisch-Horn (Acciaio, Mailand)
1. Aufl. 2011, 415 Seiten,gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-93898-2

Kann man mit dem Internet lernen?
Oder Bücher schreiben? vs Netzstille

Montag, 1. Februar 2010

In drei Tagen gehts zum > EduCamp nach Hamburg. Und es wird richtig spannend werden. > Lisa Rosa hat auf ihren Block > Shift schon mal ihre Gedanken zum Thema > Das Internet – ein Bildungsraum? vorgestellt. Ein lesenswerter Text, der die Bildungsdiskussion rund um das Internet mit der Vielfalt seiner Möglichkeiten prägnant zusammenfaßt. Mit dem Statement von Lisa Rosa zugunsten des Internets als ein heute unverzichtbarer Bildungsraum und dem Schreiben eines Buches am häuslichen Schreibtisch tun sich echt zwei ganz unterschiedliche Welten auf. Die Frage lautet also, ist die Nutzung des Internets notwendig, um heute ein gutes Buch schreiben zu können?

Wie hier bereits berichtet, schreibt Alex Rühle, Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung, über das Thema Das komplett vernetzte Leben ein Buch und Thomas Kraushaar bloggt beim Buchmarkt über das Projekt und berichtet darüber, wie die Verlagsarbeit sich gestaltet. Schwieriger als zu Zeiten von Web 2.0, weil Alex Rühle sich für 6 Monate aus allen Venetzungen, und aus dem Netz überhaupt zugunsten des guten alten Faxgerätes abgemeldet hat: Die Fage, die dabei mitschwingt, lautet also, braucht man heute das Internet zum Bücherschreiben? > Pause vom Internet: Netzstille oder Hilft das Internet beim Bücherschreiben?.

> Offline im Focus
> Kuscheliger Entzug
> Das erste Fax
> Aus dem Netz? Kein Netz? Ohne Netz!

Wenn ein Student heute eine Seminarbeit über Albert Camus schreiben will, kann ihm das Internet dabei eigentlich überhaupt nicht helfen. Doch, er findet im Internet eine ausführliche Bibliographie, die ihn trotzdem nicht davon abhalten sollte, den Klapp zu konsultieren. Aber sonst gewinnt er seine Inhalte nur aus seiner Lektüre. Natürlich könnte er den Eintrag über > Albert Camus Wikipedia benutzen, wo die kollektive Intelligenz ihm erzählt, dass das Leben nach Camus sinnlos sei. Und zur Vorbereitung seiner Seminararbeit sei hier noch bemerkt: Die Suche nach Inhalten im Internet mit einer bekannten Suchmaschine, die die Rangfolge der Ergebnisse nach einen Algorithmus und auch manchmal werbegestützt ausrechnet, hat mit einer Bibliotheksarbeit gar nichts zu tun.

Mit dem Internet ist es so wie mit dem Fernsehen. Es wurde geboren, und seitdem sucht man ständig neue Anwendungen für das Medium. Mittlerweile gibt es Twitter und Blogs, und man macht sich wie Lisa Rosa Gedanken, wie diese für den Bildungsprozess verwendet werden können. Sie behauptet: “Ich bin überzeugt davon, dass schon heute der gesellschaftlich relevante soziale Verkehr in erster Linie im Internet stattfindet und insofern das Internet insgesamt zum wichtigsten Sozialraum – und damit auch zum Lernraum – geworden ist.” Ich finde, das ist zu weit gegriffen, das richtige Leben spielt sich nicht im Internet ab: > soziale Netzwerke haben längst nicht das alles gehalten, was sie versprechen. Im Gegenteil, sie reduzieren das soziale Leben auf einige Aspekte der Beziehungen. Lisa Rosa erinnert auch daran, das Wissen nicht medienneutral sei, sondern “Form, Medium und Wissen” nicht getrennt voneinander zu haben sind. “Machiavelli schärft über zahlreiche poetische Formen sein literarisches Profil: Epigramm, Strambotto, Stanza, Madrigal, Sonett, Kanzone, Canto, Capitolo, Serenade,” lautet eine Satz aus einem Klappentext eines Buches über > Machiavelli. Tatsächlich kommt hier dem Formen und den Gattungen eine ganz besondere Rolle zu, die mit dem Internet gar nichts zu tun hat. Bildung wird heute durch das Internet unterstützt, es gibt viele nützliche Quellen, aber das Aneignen von Bildungsinhalten wird durch das Internet qualitativ nicht besser als in der Offline-Zeit. Deshalb ist Lisa Rosas These “Im Internet muss im Internet gelernt werden…” mit einem Fragezeichen zu versehen. Sie fügt aber selbst hinzu, “…denn hier wird nicht nur methodisch zeitgemäß gelernt, und es werden auch ganz andere Dinge gelernt werden, nämlich diejenigen, die in dieser Epoche gebraucht werden,” … die ins Internet passen, könnte man hinzufügen. Womit wir wieder bei einer Diskussion über den Bildungsbegriff angekommen sind, für den wir das Internet gar nicht brauchen.

Christoph Eichhorn – Classroom-Management

Mittwoch, 1. Oktober 2008

Christoph EichhornChristoph Eichhorn, Diplom-Psychologe, Supervisor und approbierter Psychologischer Psychotherapeut, hat den Band >
Classroom-Management – Wie Lehrer, Eltern und Schüler guten Unterricht gestalten verfaßt, der gerade erschienen ist.

“Classroom-Management” trifft das, was die Lehrer heute, bzw. schon immer beherrschen mußten. Beim Durchblättern des > Inhaltsverzeichnisses fallen mir die eigene Referendarzeit und viele verschiedene Stunden ein, in denen die Bändigung von 30, manchmal gar 35 Schülern gar nicht so einfach war. Wirklich gute Rezepte wurden uns selten vermittelt. Immerhin, das wichtigste Rezept war das Ernstnehmen der Schüler. Unterricht ist immer etwas, was man mit Ihnen zusammen veranstaltet: “Peter, Deine Bemerkung in der vorletzten Stunde zu… war prima.” Oder die Schüler einfach ausreden lassen. Oder nach einer Frage auch mal 2 Minuten Stille zu ertragen, aufmunternd in die Runde gucken, bis zuerst ein Schüler spricht. Schüler mit Schwierigkeiten und schlechten Noten werden oft 5er-Kandidaten genannt, anstatt kurzfristig gezielt gefördert zu werden. Die Schülerzeitung, wo ich von Klasse 9-13 im Schiller-Gymnasium in Köln mitmachte, war der erste echte Hort meiner Selbstständigkeit.

Christoph Eichhorn beschreibt die Rahmenbedingungen und beginnt mit einer Definition: Was ist Classroom-Management ?
Teil 2: Ein guter Start 2.1 Die Vorbereitung des ersten Schultags
Teil 3: Beziehung 3.1 Wie Sie eine Beziehung zu Ihren Schülern aufbauen
Teil 4: Motivationssysteme
Teil 5: Den Unterricht leiten
Teil 6: Regeln und Konsequenzen

“Classroom-Management heißt gelingender Unterricht, stellt die Leistung engagierter Lehrer heraus, bedeutet zufriedenere Eltern und ermöglicht Schülern, ihre wirklichen Fähigkeiten lernend zu entfalten,” heißt es im Ankündigungstext des Verlages. Dahinter steckt aber viel mehr. “Classroom-Management” hat auch etwas mit Disziplin und Regeln zu tun, das ist auch ein gemeinsames Einverständnis, das der Lehrer durch Führung mit seinen Schülern hinsichtlich bestimmter Abläufe erreichen muss. Dazu gehören Werte wie Vertrauen und Zuverlässigkeit wie auch Respekt, die beiden Seiten ausüben, wie auch für sich in Anspruch nehmen sollten. Führung hat auch etwas mit Verantwortung zu tun. In diesem Sinne ist dieser Band nicht nur ein Ratgeber sondern auch eine Aufforderung zum Dialog im Lehrer-Kollegium, der im täglichen oft selbstgemachten Streß immer zu kurz kommt.

> Eichhorn, Christoph
> Classroom-Management – Wie Lehrer, Eltern und Schüler guten Unterricht gestalten
223 Seiten, ISBN: 978-3-608-94534-8

Weitere > Erziehungs-Ratgeber bei Klett-Cotta

Kann man Persönlichkeiten ändern?

Mittwoch, 21. November 2007

Habe meinen Bücherstapel nach der Buchmesse noch immer nicht abgearbeitet. Bisher sind für jeden beitrag zwei neue Bücher draufgelegt worden.Gerhard Roth“Mit zwei Fragen des Alltags beschäftigen sich die Menschen, seit sie begonnen haben, über sich selbst, ihr Handeln und das ihrer Mitmenschen nachzudenken, nämlich erstens: ‘Wie soll ich mich entscheiden? Soll ich eher meinem Verstand oder eher meinen Gefühlen folgen?’ und zweitens: ‘Wie schaffe ich es, Menschen so zu verändern, dass sie das tun, was ich von ihnen will? Und wie schaffe ich es, mich selbst zu ändern?’”

Das ist der erste Absatz der Einleitung des Buches von Gerhard Roth, das gerade in der 3. Auflage bei Klett-Cotta wieder erscheinen ist:
> Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten. Warum es so schwierig ist, sich und andere zu ändern.

Mit den Antworten auf diese Fragen, die Gerhard Roth vorlegt, können auf der Grundlage neuer psychologischer und neurobiologischer Kenntnisse Entscheidungsprozesse und damit auch die Veränderbarkeit des Menschen besser verstanden werden. Roth erklärt, wie in jedem Individuum die Persönlichkeit auf mehr oder weniger von einander getrennten Ebenen unbewusst-bewusst angelegt ist und diese auch gleichzeitig emotional-rationalen Veränderungen unterliegt. Beiden Bereichen können unterschiedlichen Prozesse zugeordnet werden. Mit der Beschreibung dieser Vorgänge werden Möglichkeiten und Grenzen der Verhaltensänderungen zumindest theoretisch beschreibbar.

Roth schreibt in der Einleitung u. a.: “Von gänzlich anderer Art sind die Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie, insbesondere die Beschäftigung mit der Frage, ob die Erlebnisse und Erfahrungen in den ersten Lebensmonaten und -jahren tatsächlich so wichtig und prägend für die spätere Entwicklung der Persönlichkeit sind, wie dies von Vertretern der Entwicklungspsychologie und der modernen (hier über Freud hinausgehenden) Psychoanalyse behauptet wird, warum – wenn ja – dies so ist und in welchem Maße man gegen diese frühen prägenden Einflüsse in späteren Jahren noch etwas tun kann. Hier hat insbesondere die Bindungsforschung eine revolutionäre Rolle gespielt, indem sie aufzeigte, dass in der Tat Merkmale der jugendlichen und erwachsenen Persönlichkeit, insbesondere ihr Bindungsverhalten (d. h. der Umgang mit Partnern) und das Verhältnis zu sich selbst in hohem Maße von der Art und Qualität der frühen Bindungserfahrung abhängen.”

Der Blick in das Inhaltsverzeichnis:

1 Persönlichkeit, Anlage und Umwelt
2 Ein Blick in das menschliche Gehirn

EXKURS 1 Methoden der Hirnforschung

3 Ich, Bewusstsein und das Unbewusste
4 Die Verankerung der Persönlichkeit im Gehirn

EXKURS 2 Verstand oder Gefühle – ein kleiner Blick in die Kulturgeschichte

5 Ökonomie und Psychologie der Entscheidungsprozesse
6 Psychologie und Neurobiologie von Verstand und Gefühlen
7 Was uns Handlungspsychologie und Neurobiologie über die Steuerung von Willenshandlungen sagen
8 Welches ist die beste Entscheidungsstrategie?

EXKURS 3
Wie veränderbar ist der Mensch?
Ein zweiter Blick in die Kulturgeschichte Erziehungsoptimismus als »Staatsreligion«

9 Persönlichkeit, Stabilität und Veränderbarkeit
10 Veränderbarkeit des Verhaltens aus Sicht der Lernpsychologie
11 Motivation und Gehirn
12 Einsicht und Verstehen
13 Über die grundlegende Schwierigkeit, sich selbst zu verstehen
14 Was können wir tun, um andere zu ändern?
15 Möglichkeiten und Grenzen der Selbstveränderung
16 Persönlichkeit und Freiheit

Mir fällt dabei die Studie von Sartre über Gustave Flaubert Der Idiot der Familie ein, in der er die Jugendjahre Flauberts und dessen Familienleben mit den ausführlichen Porträtstudien seiner engsten Verwandten und auch später seiner Freunde wie le Poittevin von allen Seiten her untersucht. Immerhin trotz Sartres dezidierten Ablehnung des Unbewußten (“Bewußtesein ist immer ein Bewußtsein von etwas…”) auch das Drehbuch zum Film von John Huston über Freud verfaßt, das in einer gekürzten Fassung des Drehbuchs – ohne den Namen Sartres – verfilmt worden ist.

Ich will aber hier nicht abschweifen, aber dennoch berichten, wie die Beschäftigung mit einem Buch, das Durchblättern, das Lesen der ersten Seiten, dann des ersten Kapitels und dann das Schreiben über ein Buch, sei es auch nur für diesen Blog, das Interesse nachhaltig weckt, das Buch auch zu lesen. Man geht oft im Buchladen an den Regalen und Tischen vorbei, nimmt man aber erstmal ein Buch in die Hand, beginnt zu lesen, dann merkt man schnell, wie das Buch sich seine Leser macht – frei nach Emile Hennequin, La critique scientifique, (mit einem Nachwort von D. Hoeges, “L’oeuvre d’art en tant que signe” und Register) Heidelberg 1982.

Roth schreibt auch: “Im Zentrum der hier präsentierten Vorstellungen steht ein neurobiologisch fundiertes Modell der Persönlichkeit. Persönlichkeit ist danach von vier großen Determinanten bestimmt, nämlich von der individuellen genetischen Ausrüstung, den Eigenheiten der individuellen (vornehmlich vorgeburtlichen und frühen nachgeburtlichen) Hirnentwicklung, den vorgeburtlichen und frühen nachgeburtlichen Erfahrungen, besonders den frühkindlichen Bindungserfahrungen, und schließlich von den psychosozialen Einflüssen während des Kindes- und Jugendalters.”

Jetzt bin ich doch gespannt darauf, wie er die neurobiologischen Faktoren und die psychosozialen Einflüsse in ihrem Verhältnis zueinander gewichtet.

Gerhard Roth, > Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten. Warum es so schwierig ist, sich und andere zu ändern.

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